Sezession
1. Februar 2015

Heideggers Metapolitik

Erik Lehnert

Im Umgang mit Heideggers Philosophie, insbesondere der dreißiger und vierziger Jahre, gibt es zwei Strategien der Abwehr: Die eine zielt darauf, Heideggers Sprache und die darin geäußerten Gedanken als unverständlich zur Seite zu schieben. Im Hinblick auf politische Äußerungen heißt es dann, Heidegger sei ein weltloser Sonderling gewesen, der sich vor allem mit Bauern unterhalten habe und deshalb kaum etwas Vernünftiges zur Gegenwartsanalyse beitragen könne. Man hält sich an einzelnen Stellen auf, in denen Heidegger Modernitätskritik an Alltäglichkeiten äußert, und versucht, ihn so lächerlich zu machen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Die zweite Strategie arbeitet daran, Heidegger zu einem ganz ausgefuchsten Ideologen zu erklären, der der NS-Bewegung nicht nur die Stichworte geliefert habe, sondern der auch über seinen Tod hinaus in der Lage sei, sein nationalsozialistisches Geheimwissen zu tradieren. Auch dabei wird ihm der Status eines Philosophen abgesprochen. Seine Wirkung führt man auf seine »raunende« Sprache zurück und freut sich, wenn man Wörter wie »Rasse« oder »Juden« findet, weil man damit etwas Konkretes entdeckt zu haben meint.

Als im Frühjahr 2014 die ersten drei Bände der Schwarzen Hefte (Überlegungen II–XV) aus den Jahren 1931 bis 1941 erschienen, waren die verdächtigen Stellen rasch seziert. Endlich hatte man es schwarz auf weiß: Heidegger war Rassist, Antisemit und Nationalsozialist. Zu dieser Einsicht kamen nicht nur Journalisten, sondern auch Philosophen.

Angefangen hatte mit dieser Verurteilung der Herausgeber Peter Trawny persönlich, der bei Heidegger drei Typen eines »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« ausmachen will. Während Trawny eine plumpe Heidegger-Kritik als Vehikel für das Fortkommen der eigenen Karriere zusammenschraubte, arbeitete einer seiner Kollegen redlicher und gelangte zu einer Ahnung dessen, worum es Heidegger vielleicht gegangen sein könnte. Markus Gabriel, ein Philosoph, der als jüngster Professor und Streiter wider den Konstruktivismus von sich reden gemacht hat, ist zwar auch nicht in der Lage, sich einer differenzierten Sprache zu bedienen (ständig ist von dem »Nazi« Heidegger und »Nazideutschland« die Rede), aber ihm ist wenigstens klar, daß Heideggers philosophische Leistungen unabhängig von möglichen antisemitischen Ausfällen, so es sie gegeben hat, existieren: »Was er als Philosoph geleistet hat, wird auch weiterhin daran zu messen sein, was sich in seinen Texten nach heutigen Standards rational rekonstruieren läßt«. Solche Aussagen sind also heute bereits der Beleg für die Haltung einer Philosophie, die sich nicht völlig politischen Prämissen unterworfen hat.

In den Schwarzen Heften findet Gabriel nichts Rekonstruierbares: »Allerdings tritt einem unverkennbar ein Heidegger entgegen, der sich mindestens bis 1938 dem Nationalsozialismus und seiner Verteidigung ›seinsgeschichtlich‹ und das heißt anti-philosophisch verschreibt. Dabei verfolgt er die wohl systematisch ambivalente Strategie, auf ›Metapolitik‹ umzustellen.« Weiter heißt es: »›Metapolitik‹ scheint nicht zu bedeuten, von der Politik auf Abstand zu gehen, sondern vielmehr, verschiedene Varianten zu erwägen, in denen der echte Nationalsozialismus sich entwickeln kann.« Dieser Satz ist von Gabriel nicht ambivalent gemeint, weil sich für ihn der »echte Nationalsozialismus« darin erschöpft, ein besonders perfides Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Ausrottungssystem zu sein.

Für diese Pointe hätte es jedoch der Schwarzen Hefte nicht bedurft. Eine ähnliche, seit ihrem Erscheinen 1953 für Irritationen sorgende Stelle findet sich in der Einführung in die Metaphysik (einer Vorlesung aus dem Jahr 1935): »Was heute als Philosophie des NS herumgeboten wird, aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in den trüben Gewässern der ›Werte‹ und der ›Ganzheiten‹.«

Umstritten bleibt, ob Heidegger die Klammer erst nach dem Krieg eingefügt hat. Gesetzt den Fall, das ist nachträglich eingeklammert, wird doch nur deutlich, wie ambivalent Heidegger selbst den Nationalsozialismus beurteilte. Die Äußerungen über den NS, so zahlreich sie in den Schwarzen Heften auch sind, gehen kaum über diese Einschätzung hinaus. Heidegger sieht in ihm eine Macht, die stellvertretend die Neuzeit auf die Spitze treibe, die sich aber ganz im Gegenwärtigen verlieren und dadurch ihre Existenzberechtigung einbüßen würde.

Es bringt für das Verständnis der Position Heideggers nichts, wenn man die Geschichte von hinten aufrollt und Heidegger wegen der NS-Verbrechen zu einem geistigen Mittäter abstempelt. Wir wissen, daß es nicht der Politikferne eines Heidegger bedurfte, um die Person Hitler falsch zu beurteilen. Der Wert der Schwarzen Hefte besteht daher vor allem darin, Heideggers Denkweg nachzuvollziehen und eben gerade verständlich zu machen, wie Heidegger zu seiner Einschätzung des Nationalsozialismus gekommen ist.

In der Phase seiner unmittelbaren Anteilnahme am NS, die er selbst auf die Jahre 1930 bis 1934 beschränkt, verfolgte Heidegger tatsächlich ein Projekt: »Die Metaphysik des Daseins muß sich nach ihrem innersten Gefüge vertiefen und ausweiten zur Metapolitik ›des‹ geschichtlichen Volkes.« Die Philosophie muß zum »Ende« gebracht und damit »das völlig andere – »Metapolitik« – vorbereitet werden. Wenn man unter Metapolitik das Nachdenken über Politik und über die verborgenen Beziehungen und die »versteckten Grundlagen des gesellschaftlichen Gebäudes« (de Maistre) versteht, trifft das noch nicht den Ansatz Heideggers. Der wird erst verständlich, wo er das Wort »Metapolitik« nicht mehr verwendet und statt dessen zum »seynsgeschichtlichen Denken« findet. Was es Heidegger so schwer gemacht hat, einfach einen Schlußstrich zu ziehen, ist die Tatsache, daß ihm erst der Nationalsozialismus, also die Auseinandersetzung mit der politischen Wirklichkeit, dieses Denken ermöglicht hat:

»Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen und die geschichtliche Wesenskraft des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung und zwar aus denkerischen Gründen.« Das ist – 1939 geäußert – nicht nur für heutige Ohren ein starkes Stück, das dem eingangs erwähnten Gabriel recht zu geben scheint. Außerdem macht es Heideggers Rede vom »Irrtum« fragwürdig.

Heidegger ist auch nach seinem »Irrtum« auf der Suche nach der Metapolitik, weil die Politik für ihn die »Vollstreckerin« der Machenschaft und nur metaphysisch zu begreifen ist. Heidegger interessiert sich ganz offenbar nicht für die Bedingungszusammenhänge der Politik, hält sie gleichsam für Pseudozusammenhänge. Sein Engagement für den NS ist dadurch zu erklären, daß er ihm zutraute, diese Bedingungszusammenhänge aufzuheben und zum Eigentlichen vorzustoßen. Seine Kehre in bezug auf den NS rührt aus der Einsicht, daß der NS das nicht leisten kann, sondern der »Machenschaft« verfallen ist. Heidegger ging (nicht als einziger!) zunächst davon aus, daß der NS in der Lage sein würde, das politisch und sozial gespaltene deutsche Volk zu einen. Er merkte bald, daß die Bewegung dieses Ziel nicht aus sich selbst heraus erreichen könne, sondern in diese Richtung gezwungen werden müsse. Als das nicht gelang, ging Heidegger den Schritt von der Metapolitik zur Seynsgeschichte.

Nationalismus und Sozialismus werden sinnlose Kategorien des politischen Denkens. Für Heidegger stehen jetzt ganz andere Entscheidungen an. Die Alternative laute nicht Krieg oder Frieden, Demokratie oder Autorität, Bolschewismus oder christliche Kultur, »sondern: Besinnung und Suche der anfänglichen Ereignung durch das Seyn oder Wahn der endgültigen Vermenschung des entwurzelten Menschen«. Das Seyn ist »die Esse der Glut, in deren Dunkel der schaffend-zeugende Gegenblick des Menschen und der Götter sich findet«. Die Götter sind für Heideggers politisches Denken so etwas wie der Garant, daß bestimmte Dinge nicht machbar sind, nicht gewollt werden können. Auch die Sprache gehört dazu, weshalb Heidegger sie der Vernutzung zu entziehen sucht. Am Beispiel der Verwendung des Wortes »Wunder« illustriert Heidegger, wie stark die Rationalität alles durchdringt, wenn technische Beherrschung als ein »Wunder« bezeichnet wird. Sein Plädoyer für die »Erschweigung des Seyns« ist letztlich ein Ausdruck dafür, daß unsere Sprache den eigentlichen Vorgängen nicht mehr gerecht wird.

Heidegger erkannte, daß er durch den Versuch der öffentlichen Wirksamkeit selbst der Machenschaft anheimgefallen war – und trat den Rückzug an. Er pflegte nun ein Denken, das sich der unmittelbaren Nutzung entzieht. Die Schwarzen Hefte lassen uns einen Blick auf den Prozeß des Denkens Heideggers in einer lebensgeschichtlich für ihn äußerst schwierigen Phase werfen. Was jene Stellen betrifft, von denen Heidegger wissen mußte, daß sie anstößig sind, wird man das Nichtverschweigen dieser Stellen nicht als Eitelkeit mißverstehen dürfen, sondern als Versuch, der Wahrheit im doppelten Sinne die Ehre zu geben. Er selbst hat an die Wahrheit dieser Sätze geglaubt, und er konnte sie schlecht streichen, wenn er sich nicht selbst untreu werden wollte.

Zudem bieten diese Aufzeichnungen durch die konkreten Bezüge, in denen sie stehen, die Möglichkeit des Nachvollzugs der Heideggerschen »Kehre« in viel stärkerem Maße, so daß sich manches aus den Schriften erhellt. Sie sind eben »Vorposten- und Nachhutstellungen im Ganzen eines Versuchs einer unsagbaren Besinnung zur Eroberung eines Weges für das wieder anfängliche Fragen, das sich im Unterscheid zum metaphysischen das seynsgeschichtliche Denken nennt«.

Dieses Denken läßt sich als eine Steigerung des bekanntesten Werkes von Heidegger, Sein und Zeit, verstehen, das den ersten Schlag gegen die Subjektphilosophie führte, indem es das Sein überhaupt (und nicht nur, wie es dem Menschen erscheint) in den Mittelpunkt stellte. Während Heidegger damals seine Philosophie aus der Auslegung des Daseins und aus dem Verstehen der menschlichen Existenz schöpfte, spitzte sich seine Kritik an der Subjektphilosophie in den dreißiger Jahren zu. Hauptkritikpunkt war die Absolutsetzung der neuzeitlichen Rationalität (Machenschaft), an der alles gemessen werde. Heidegger wollte sich gleichsam aus der Fixiertheit auf Äußerlichkeiten und der Selbstbezogenheit des Subjekts endgültig befreien. Humanität bedeutet von diesem Standpunkt aus nichts, weil der Menschen nicht das Maß aller Dinge ist.

Bezogen auf den NS und die Metapolitik heißt das: Man darf sich von »einzigartigen politischen Erfolgen« nicht blenden lassen, denn je größer sie sind, um so größer ist die »Verborgenheit der seynsgeschichtlichen Not«. Daß Heidegger den NS dennoch bejahte, hat denselben Grund, warum er Nietzsche bejahte. In ihm sah er den Vollender der Metaphysik, im NS den der Neuzeit – beides konnte nicht einfach so verschwinden, sondern mußte auf die Spitze getrieben und damit beendet werden. Daß Heidegger den Deutschen dabei eine besondere Rolle zudachte, ist nur für heutige Leser verwunderlich. Heidegger konnte sich kaum vorstellen, in welchem Maße sein Volk von der Machenschaft überwältigt werden würde. Daher bleibt seine Frage unbeantwortet: »Gehörst du unter die Ausrufer des Nur-Seienden – oder bist du ein Verschweiger des Seyns?«


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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