Heideggers Metapolitik

PDF der Druckfassung aus Sezession 64 / Februar 2015

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Im Umgang mit Hei­deg­gers Phi­lo­so­phie, ins­be­son­de­re der drei­ßi­ger und vier­zi­ger Jah­re, gibt es zwei Stra­te­gien der Abwehr: Die eine zielt dar­auf, Hei­deg­gers Spra­che und die dar­in geäu­ßer­ten Gedan­ken als unver­ständ­lich zur Sei­te zu schie­ben. Im Hin­blick auf poli­ti­sche Äuße­run­gen heißt es dann, Hei­deg­ger sei ein welt­lo­ser Son­der­ling gewe­sen, der sich vor allem mit Bau­ern unter­hal­ten habe und des­halb kaum etwas Ver­nünf­ti­ges zur Gegen­warts­ana­ly­se bei­tra­gen kön­ne. Man hält sich an ein­zel­nen Stel­len auf, in denen Hei­deg­ger Moder­ni­täts­kri­tik an All­täg­lich­kei­ten äußert, und ver­sucht, ihn so lächer­lich zu machen.

Die zwei­te Stra­te­gie arbei­tet dar­an, Hei­deg­ger zu einem ganz aus­ge­fuchs­ten Ideo­lo­gen zu erklä­ren, der der NS-Bewe­gung nicht nur die Stich­wor­te gelie­fert habe, son­dern der auch über sei­nen Tod hin­aus in der Lage sei, sein natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Geheim­wis­sen zu tra­die­ren. Auch dabei wird ihm der Sta­tus eines Phi­lo­so­phen abge­spro­chen. Sei­ne Wir­kung führt man auf sei­ne »rau­nen­de« Spra­che zurück und freut sich, wenn man Wör­ter wie »Ras­se« oder »Juden« fin­det, weil man damit etwas Kon­kre­tes ent­deckt zu haben meint.

Als im Früh­jahr 2014 die ers­ten drei Bän­de der Schwar­zen Hef­te (Über­le­gun­gen II–XV) aus den Jah­ren 1931 bis 1941 erschie­nen, waren die ver­däch­ti­gen Stel­len rasch seziert. End­lich hat­te man es schwarz auf weiß: Hei­deg­ger war Ras­sist, Anti­se­mit und Natio­nal­so­zia­list. Zu die­ser Ein­sicht kamen nicht nur Jour­na­lis­ten, son­dern auch Philosophen.

Ange­fan­gen hat­te mit die­ser Ver­ur­tei­lung der Her­aus­ge­ber Peter Traw­ny per­sön­lich, der bei Hei­deg­ger drei Typen eines »seins­ge­schicht­li­chen Anti­se­mi­tis­mus« aus­ma­chen will. Wäh­rend Traw­ny eine plum­pe Hei­deg­ger-Kri­tik als Vehi­kel für das Fort­kom­men der eige­nen Kar­rie­re zusam­men­schraub­te, arbei­te­te einer sei­ner Kol­le­gen red­li­cher und gelang­te zu einer Ahnung des­sen, wor­um es Hei­deg­ger viel­leicht gegan­gen sein könn­te. Mar­kus Gabri­el, ein Phi­lo­soph, der als jüngs­ter Pro­fes­sor und Strei­ter wider den Kon­struk­ti­vis­mus von sich reden gemacht hat, ist zwar auch nicht in der Lage, sich einer dif­fe­ren­zier­ten Spra­che zu bedie­nen (stän­dig ist von dem »Nazi« Hei­deg­ger und »Nazi­deutsch­land« die Rede), aber ihm ist wenigs­tens klar, daß Hei­deg­gers phi­lo­so­phi­sche Leis­tun­gen unab­hän­gig von mög­li­chen anti­se­mi­ti­schen Aus­fäl­len, so es sie gege­ben hat, exis­tie­ren: »Was er als Phi­lo­soph geleis­tet hat, wird auch wei­ter­hin dar­an zu mes­sen sein, was sich in sei­nen Tex­ten nach heu­ti­gen Stan­dards ratio­nal rekon­stru­ie­ren läßt«. Sol­che Aus­sa­gen sind also heu­te bereits der Beleg für die Hal­tung einer Phi­lo­so­phie, die sich nicht völ­lig poli­ti­schen Prä­mis­sen unter­wor­fen hat.

In den Schwar­zen Hef­ten fin­det Gabri­el nichts Rekon­stru­ier­ba­res: »Aller­dings tritt einem unver­kenn­bar ein Hei­deg­ger ent­ge­gen, der sich min­des­tens bis 1938 dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und sei­ner Ver­tei­di­gung ›seins­ge­schicht­lich‹ und das heißt anti-phi­lo­so­phisch ver­schreibt. Dabei ver­folgt er die wohl sys­te­ma­tisch ambi­va­len­te Stra­te­gie, auf ›Meta­po­li­tik‹ umzu­stel­len.« Wei­ter heißt es: »›Meta­po­li­tik‹ scheint nicht zu bedeu­ten, von der Poli­tik auf Abstand zu gehen, son­dern viel­mehr, ver­schie­de­ne Vari­an­ten zu erwä­gen, in denen der ech­te Natio­nal­so­zia­lis­mus sich ent­wi­ckeln kann.« Die­ser Satz ist von Gabri­el nicht ambi­va­lent gemeint, weil sich für ihn der »ech­te Natio­nal­so­zia­lis­mus« dar­in erschöpft, ein beson­ders per­fi­des Ausbeutungs‑, Unter­drü­ckungs- und Aus­rot­tungs­sys­tem zu sein.

Für die­se Poin­te hät­te es jedoch der Schwar­zen Hef­te nicht bedurft. Eine ähn­li­che, seit ihrem Erschei­nen 1953 für Irri­ta­tio­nen sor­gen­de Stel­le fin­det sich in der Ein­füh­rung in die Meta­phy­sik (einer Vor­le­sung aus dem Jahr 1935): »Was heu­te als Phi­lo­so­phie des NS her­um­ge­bo­ten wird, aber mit der inne­ren Wahr­heit und Grö­ße die­ser Bewe­gung (näm­lich mit der Begeg­nung der pla­ne­ta­risch bestimm­ten Tech­nik und des neu­zeit­li­chen Men­schen) nicht das gerings­te zu tun hat, das macht sei­ne Fisch­zü­ge in den trü­ben Gewäs­sern der ›Wer­te‹ und der ›Ganz­hei­ten‹.«

Umstrit­ten bleibt, ob Hei­deg­ger die Klam­mer erst nach dem Krieg ein­ge­fügt hat. Gesetzt den Fall, das ist nach­träg­lich ein­ge­klam­mert, wird doch nur deut­lich, wie ambi­va­lent Hei­deg­ger selbst den Natio­nal­so­zia­lis­mus beur­teil­te. Die Äuße­run­gen über den NS, so zahl­reich sie in den Schwar­zen Hef­ten auch sind, gehen kaum über die­se Ein­schät­zung hin­aus. Hei­deg­ger sieht in ihm eine Macht, die stell­ver­tre­tend die Neu­zeit auf die Spit­ze trei­be, die sich aber ganz im Gegen­wär­ti­gen ver­lie­ren und dadurch ihre Exis­tenz­be­rech­ti­gung ein­bü­ßen würde.

Es bringt für das Ver­ständ­nis der Posi­ti­on Hei­deg­gers nichts, wenn man die Geschich­te von hin­ten auf­rollt und Hei­deg­ger wegen der NS-Ver­bre­chen zu einem geis­ti­gen Mit­tä­ter abstem­pelt. Wir wis­sen, daß es nicht der Poli­tik­fer­ne eines Hei­deg­ger bedurf­te, um die Per­son Hit­ler falsch zu beur­tei­len. Der Wert der Schwar­zen Hef­te besteht daher vor allem dar­in, Hei­deg­gers Denk­weg nach­zu­voll­zie­hen und eben gera­de ver­ständ­lich zu machen, wie Hei­deg­ger zu sei­ner Ein­schät­zung des Natio­nal­so­zia­lis­mus gekom­men ist.

In der Pha­se sei­ner unmit­tel­ba­ren Anteil­nah­me am NS, die er selbst auf die Jah­re 1930 bis 1934 beschränkt, ver­folg­te Hei­deg­ger tat­säch­lich ein Pro­jekt: »Die Meta­phy­sik des Daseins muß sich nach ihrem inners­ten Gefü­ge ver­tie­fen und aus­wei­ten zur Meta­po­li­tik ›des‹ geschicht­li­chen Vol­kes.« Die Phi­lo­so­phie muß zum »Ende« gebracht und damit »das völ­lig ande­re – »Meta­po­li­tik« – vor­be­rei­tet wer­den. Wenn man unter Meta­po­li­tik das Nach­den­ken über Poli­tik und über die ver­bor­ge­nen Bezie­hun­gen und die »ver­steck­ten Grund­la­gen des gesell­schaft­li­chen Gebäu­des« (de Maist­re) ver­steht, trifft das noch nicht den Ansatz Hei­deg­gers. Der wird erst ver­ständ­lich, wo er das Wort »Meta­po­li­tik« nicht mehr ver­wen­det und statt des­sen zum »seyns­ge­schicht­li­chen Den­ken« fin­det. Was es Hei­deg­ger so schwer gemacht hat, ein­fach einen Schluß­strich zu zie­hen, ist die Tat­sa­che, daß ihm erst der Natio­nal­so­zia­lis­mus, also die Aus­ein­an­der­set­zung mit der poli­ti­schen Wirk­lich­keit, die­ses Den­ken ermög­licht hat:

»Aus der vol­len Ein­sicht in die frü­he­re Täu­schung über das Wesen und die geschicht­li­che Wesens­kraft des Natio­nal­so­zia­lis­mus ergibt sich erst die Not­wen­dig­keit sei­ner Beja­hung und zwar aus den­ke­ri­schen Grün­den.« Das ist – 1939 geäu­ßert – nicht nur für heu­ti­ge Ohren ein star­kes Stück, das dem ein­gangs erwähn­ten Gabri­el recht zu geben scheint. Außer­dem macht es Hei­deg­gers Rede vom »Irr­tum« fragwürdig.

Hei­deg­ger ist auch nach sei­nem »Irr­tum« auf der Suche nach der Meta­po­li­tik, weil die Poli­tik für ihn die »Voll­stre­cke­rin« der Machen­schaft und nur meta­phy­sisch zu begrei­fen ist. Hei­deg­ger inter­es­siert sich ganz offen­bar nicht für die Bedin­gungs­zu­sam­men­hän­ge der Poli­tik, hält sie gleich­sam für Pseu­do­zu­sam­men­hän­ge. Sein Enga­ge­ment für den NS ist dadurch zu erklä­ren, daß er ihm zutrau­te, die­se Bedin­gungs­zu­sam­men­hän­ge auf­zu­he­ben und zum Eigent­li­chen vor­zu­sto­ßen. Sei­ne Keh­re in bezug auf den NS rührt aus der Ein­sicht, daß der NS das nicht leis­ten kann, son­dern der »Machen­schaft« ver­fal­len ist. Hei­deg­ger ging (nicht als ein­zi­ger!) zunächst davon aus, daß der NS in der Lage sein wür­de, das poli­tisch und sozi­al gespal­te­ne deut­sche Volk zu einen. Er merk­te bald, daß die Bewe­gung die­ses Ziel nicht aus sich selbst her­aus errei­chen kön­ne, son­dern in die­se Rich­tung gezwun­gen wer­den müs­se. Als das nicht gelang, ging Hei­deg­ger den Schritt von der Meta­po­li­tik zur Seynsgeschichte.

Natio­na­lis­mus und Sozia­lis­mus wer­den sinn­lo­se Kate­go­rien des poli­ti­schen Den­kens. Für Hei­deg­ger ste­hen jetzt ganz ande­re Ent­schei­dun­gen an. Die Alter­na­ti­ve lau­te nicht Krieg oder Frie­den, Demo­kra­tie oder Auto­ri­tät, Bol­sche­wis­mus oder christ­li­che Kul­tur, »son­dern: Besin­nung und Suche der anfäng­li­chen Ereig­nung durch das Seyn oder Wahn der end­gül­ti­gen Ver­men­schung des ent­wur­zel­ten Men­schen«. Das Seyn ist »die Esse der Glut, in deren Dun­kel der schaf­fend-zeu­gen­de Gegen­blick des Men­schen und der Göt­ter sich fin­det«. Die Göt­ter sind für Hei­deg­gers poli­ti­sches Den­ken so etwas wie der Garant, daß bestimm­te Din­ge nicht mach­bar sind, nicht gewollt wer­den kön­nen. Auch die Spra­che gehört dazu, wes­halb Hei­deg­ger sie der Ver­nut­zung zu ent­zie­hen sucht. Am Bei­spiel der Ver­wen­dung des Wor­tes »Wun­der« illus­triert Hei­deg­ger, wie stark die Ratio­na­li­tät alles durch­dringt, wenn tech­ni­sche Beherr­schung als ein »Wun­der« bezeich­net wird. Sein Plä­doy­er für die »Erschwei­gung des Seyns« ist letzt­lich ein Aus­druck dafür, daß unse­re Spra­che den eigent­li­chen Vor­gän­gen nicht mehr gerecht wird.

Hei­deg­ger erkann­te, daß er durch den Ver­such der öffent­li­chen Wirk­sam­keit selbst der Machen­schaft anheim­ge­fal­len war – und trat den Rück­zug an. Er pfleg­te nun ein Den­ken, das sich der unmit­tel­ba­ren Nut­zung ent­zieht. Die Schwar­zen Hef­te las­sen uns einen Blick auf den Pro­zeß des Den­kens Hei­deg­gers in einer lebens­ge­schicht­lich für ihn äußerst schwie­ri­gen Pha­se wer­fen. Was jene Stel­len betrifft, von denen Hei­deg­ger wis­sen muß­te, daß sie anstö­ßig sind, wird man das Nicht­ver­schwei­gen die­ser Stel­len nicht als Eitel­keit miß­ver­ste­hen dür­fen, son­dern als Ver­such, der Wahr­heit im dop­pel­ten Sin­ne die Ehre zu geben. Er selbst hat an die Wahr­heit die­ser Sät­ze geglaubt, und er konn­te sie schlecht strei­chen, wenn er sich nicht selbst untreu wer­den wollte.

Zudem bie­ten die­se Auf­zeich­nun­gen durch die kon­kre­ten Bezü­ge, in denen sie ste­hen, die Mög­lich­keit des Nach­voll­zugs der Hei­deg­ger­schen »Keh­re« in viel stär­ke­rem Maße, so daß sich man­ches aus den Schrif­ten erhellt. Sie sind eben »Vor­pos­ten- und Nach­hut­stel­lun­gen im Gan­zen eines Ver­suchs einer unsag­ba­ren Besin­nung zur Erobe­rung eines Weges für das wie­der anfäng­li­che Fra­gen, das sich im Unter­scheid zum meta­phy­si­schen das seyns­ge­schicht­li­che Den­ken nennt«.

Die­ses Den­ken läßt sich als eine Stei­ge­rung des bekann­tes­ten Wer­kes von Hei­deg­ger, Sein und Zeit, ver­ste­hen, das den ers­ten Schlag gegen die Sub­jekt­phi­lo­so­phie führ­te, indem es das Sein über­haupt (und nicht nur, wie es dem Men­schen erscheint) in den Mit­tel­punkt stell­te. Wäh­rend Hei­deg­ger damals sei­ne Phi­lo­so­phie aus der Aus­le­gung des Daseins und aus dem Ver­ste­hen der mensch­li­chen Exis­tenz schöpf­te, spitz­te sich sei­ne Kri­tik an der Sub­jekt­phi­lo­so­phie in den drei­ßi­ger Jah­ren zu. Haupt­kri­tik­punkt war die Abso­lut­set­zung der neu­zeit­li­chen Ratio­na­li­tät (Machen­schaft), an der alles gemes­sen wer­de. Hei­deg­ger woll­te sich gleich­sam aus der Fixiert­heit auf Äußer­lich­kei­ten und der Selbst­be­zo­gen­heit des Sub­jekts end­gül­tig befrei­en. Huma­ni­tät bedeu­tet von die­sem Stand­punkt aus nichts, weil der Men­schen nicht das Maß aller Din­ge ist.

Bezo­gen auf den NS und die Meta­po­li­tik heißt das: Man darf sich von »ein­zig­ar­ti­gen poli­ti­schen Erfol­gen« nicht blen­den las­sen, denn je grö­ßer sie sind, um so grö­ßer ist die »Ver­bor­gen­heit der seyns­ge­schicht­li­chen Not«. Daß Hei­deg­ger den NS den­noch bejah­te, hat den­sel­ben Grund, war­um er Nietz­sche bejah­te. In ihm sah er den Voll­ender der Meta­phy­sik, im NS den der Neu­zeit – bei­des konn­te nicht ein­fach so ver­schwin­den, son­dern muß­te auf die Spit­ze getrie­ben und damit been­det wer­den. Daß Hei­deg­ger den Deut­schen dabei eine beson­de­re Rol­le zudach­te, ist nur für heu­ti­ge Leser ver­wun­der­lich. Hei­deg­ger konn­te sich kaum vor­stel­len, in wel­chem Maße sein Volk von der Machen­schaft über­wäl­tigt wer­den wür­de. Daher bleibt sei­ne Fra­ge unbe­ant­wor­tet: »Gehörst du unter die Aus­ru­fer des Nur-Sei­en­den – oder bist du ein Ver­schwei­ger des Seyns?«

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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