Sezession
1. April 2015

Autorenporträt Reck-Malleczewen

Lutz Meyer

»Er wollte in einem Stil leben, den es nicht mehr gab. Er will ein Adelsleben leben, obwohl er nicht adelig ist, er, der kein Landwirt ist, will wie ein Gutsherr leben, er, der kein Soldat ist, weil er nicht gehorchen kann, spielt den Offizier, er, der aus Preußen geflohen ist, weil es ihm zu streng war, spielt, wenn er mit Bayern zusammenkommt, den Preußen und macht arglosen Preußen den Bayern vor, er will immer etwas anderes sein, weil er das, was er ist, nicht ehrlich ist.« Er, das ist der Schriftsteller Friedrich Percyval Reck-Malleczewen, gestorben vor 70 Jahren im KZ Dachau. Gesagt haben soll das alles Recks erste Ehefrau, was wiederum in einem Schlüsselroman aus der Feder Bruno Brehms mit dem bezeichnenden Titel Der Lügner nachzulesen ist.

Lutz Meyer

Lutz Meyer kommt aus der linksanarchistischen Szene, seine Themen findet er auf der Straße.

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Unbestritten ist: Reck neigte im hohen Maße zur Selbststilisierung, zu einer Lebenshaltung der subjektiven Komposition elementarer Fakten, zur Manipulation von Tatsachen. In der Fachliteratur gilt Reck sogar als Fall von Pseudologia phantastica. Wenn das so ist: Warum sich noch länger mit ihm befassen? Gilt uns die Wahrheit denn nicht mehr als die Lüge? Tatsächlich aber könnte in dieser Lebenshaltung selbst eine Botschaft verborgen sein.

Friedrich Reck wurde 1884 als Sohn des konservativen Reichstagsabgeordneten Hermann Reck auf Gut Malleczewen in Ostpreußen geboren und evangelisch getauft. Der Gutsbesitzer Hermann Reck war gut situiert, aber nicht von Adel; der Großvater Friedrich Recks war noch Wirt in Lyck gewesen. Den ungeliebten Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger verkürzte Friedrich Reck auf ein halbes Jahr, indem er ein Medizinstudium aufnahm. Nach seiner Promotion zum Dr. med. 1911 in Königsberg unternahm er als Schiffsarzt eine Reise nach Südamerika. Dem folgten erste Tätigkeiten als Redakteur und Autor von Reiseberichten, denn die ärztliche Praxis mit der ständigen Gefahr medizinischer Kunstfehler lockte ihn nicht. Wegen eines Diabetesleidens nicht mehr zum Militärdienst eingezogen, erlebte er den Ersten Weltkrieg fern der Fronten. Bereits 1914 siedelte er nach Pasing bei München über, seit 1933 lebte er auf Gut Poing bei Truchtlaching im Chiemgau. Reck war zweimal verheiratet und Vater von sieben Kindern. 1933 konvertierte er zum katholischen Glauben. Seine schriftstellerische Laufbahn begann noch im Ersten Weltkrieg mit Abenteuerromanen für die Jugend, unter anderem über den Seekrieg 1914/15. Dem folgten später Abenteuerromane für Erwachsene. Darunter Bomben auf Monte Carlo – ein Roman, der es leicht abgewandelt in Gestalt einer modernen Filmoperette mit Hans Albers und Heinz Rühmann 1931 bis ins Kino brachte und kommerziell erfolgreich war. Ursächlich für den Kassenerfolg waren wahrscheinlich weniger Drehbuch und Romanvorlage, als vielmehr die schmissigen Liedeinlagen, darunter auch der Gassenhauer »Das ist die Liebe der Matrosen«. Reck galt als Exzentriker, der – mit Dienerschaft und Hang zum Luxus weit über seine Verhältnisse lebend – oft in Geldnot war. Weil das erhoffte väterliche Erbe nach verlorenem Krieg und Inflation ausgeblieben war, verlegte er sich bald auf die fließbandmäßig betriebene Schriftstellerei. Darunter litt er durchaus, doch seine eifrige Produktion mehr oder weniger anspruchsloser Unterhaltungsliteratur sicherte ihm immerhin die Existenz. Das allein reichte Reck jedoch nicht. So gab er sich getreu dem Motto »Mehr Schein als Sein« als Nachkomme altpreußischer Landjunker, ehemaliger Artillerieoffizier und abenteuernder Weltenbummler aus – und war doch letzten Endes nichts von alledem. War Reck denn überhaupt ein Konservativer, gar ein Konservativer Revolutionär, als der er gesehen wird?

Immerhin schrieb Friedrich Reck mehrfach auch für den Widerstand, die von Ernst Niekisch herausgegebene »Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik«. Wie Niekisch setzte Reck einige Hoffnung auf die Entwicklung in Rußland. Zwar lehnte Reck das Sowjetsystem ab, war jedoch wie Niekisch von den Erneuerungskräften der russischen Kultur überzeugt. Reck war kein Nationalist. Wichtiger als die Nation war ihm allemal die »Volkspersönlichkeit.« Darin stimmte er etwa mit Edgar Julius Jung und Oswald Spengler überein. Reck wies auch darauf hin, daß das »Vive la nation« erstmals im Zusammenhang mit dem Septembermassaker 1792 zu hören war, dem zahlreiche Gegner der französischen Revolution zum Opfer fielen. »Nation« und »Staat« sind Größen, die einer bestimmten Spezies von Rechten und Konservativen keineswegs als unangreifbare Größen galten (und gelten). Sie hielten (und halten) es vielmehr mit Nietzsches Verdikt über den Staat aus dem Zarathustra: »Der Staat ist das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ›Ich, der Staat, bin das Volk.‹« Dieses Kapitel im Zarathustra ist übrigens überschrieben mit »Vom neuen Götzen« – eine lohnenswerte Lektüre auch für heutige Konservative.

Recks 1936 begonnenes, posthum erschienenes Tagebuch eines Verzweifelten jedenfalls legt Zeugnis ab von seiner Verachtung und Ablehnung des nationalsozialistischen Staates – eine Ablehnung, die sich aus dezidiert konservativen Motiven speist. Vor der Machtergreifung hatte Reck der nationalsozialistischen Idee wie manch anderer Konservativer Revolutionär Sympathien entgegengebracht, später dann der »Weißen Rose«. Man darf dieses Tagebuch eines Verzweifelten vielleicht als Recks ehrlichstes und persönlichstes Werk bezeichnen und uneingeschränkt zur Lektüre empfehlen.

Neben dem Tagebuch gibt es ein zweites Buch Recks, das eine Lektüre unbedingt lohnt und demnächst in einer Neuausgabe im Verlag Antaios erscheint. Es ist der Bockelson, 1937 an einer schlafmützigen Zensur vorbei veröffentlicht, ein Jahr später dann aber doch verboten und dadurch zu dem Widerstandswerk geadelt, das er tatsächlich ist. Bockelson schildert vordergründig die Ereignisse im Münsteraner Wiedertäuferreich 1534/1535 als »Geschichte eines Massenwahns«. Hier geht es jedoch nicht wie bei vielen anderen Werken Recks um die Anbiederung an den Publikumsgeschmack, hier geht es um eine Abrechnung mit dem NS-Regime vor dem Hintergrund einer historischen Erzählung. Man hat Reck viel später (zu Zeiten der Bundesrepublik) vorgeworfen, die historischen Fakten nicht objektiv und historisch genau dargestellt zu haben, sondern strategisch – ein überaus kleinmütiger Vorwurf. Denn Reck tat hier nichts anderes, als so zu schreiben, wie er selbst lebte: als Arrangeur von Fakten, als Fachmann für Inszenierungen. Und darin absolut legitim. In einem Essay von Christiane Zeile über Reck heißt es: »Die falsche Welt nötigt zur Umdeutung ihrer Faktizität. So war auch das Bild, das er anderen von sich vorzumachen versuchte, keine simple Angeberei, keine Lüge, sondern, in seinen Augen, die angemessene Verhüllung einer unangemessenen Wahrheit.« Reck selbst sah sich als unernsten Menschen – und damit als »den souveränen Menschen, der imstande ist, das Leben von oben herab zu betrachten, indem er es bald humoristisch, bald tragisch nimmt, aber niemals ernst.«

Zu Recks Zeiten war der Hang zur übertriebenen Selbststilisierung und damit einhergehenden Hochstapelei durchaus nichts Ungewöhnliches. Man denke an Werke wie Die letzte Lockerung von Walter Serner (1920) oder auch den 1910 begonnenen, unvollendet gebliebenen Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull von Thomas Mann. Und schwebt nicht auch der Geist Karl Mays über der Szenerie? Auch er war bekanntlich ein Meister der Täuschung, wenn es um nachträgliche Korrekturen des eigenen Lebenslaufes ging. Lesen wir ihn deswegen etwa weniger gern? Rufen wir noch einmal Friedrich Nietzsche als Zeugen der Verteidigung auf und bedenken das, was er über »Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn« ausgeführt hat. Es geht, folgt man Nietzsche, im Leben gar nicht um die hehre »Wahrheit«, es geht allein um die lebenserhaltende Illusion, um die Klugheit der List, die den Lebenskampf erleichtert. Dieser Aspekt war mit der eingangs angestellten Überlegung gemeint, daß die Lebenshaltung der Selbstinszenierung selbst eine Botschaft sein könnte – und deshalb auch nicht zu einem moralischen Urteil und einem Bannspruch über Reck und sein Werk berechtigt.

Für Friedrich Nietzsche wäre die Überlegung, ob man einen der Lügenhaftigkeit überführten Autor überhaupt lesen solle, eine ganz und gar absurde gewesen. Wahrheit im Sinne der Übereinstimmung von Aussage und Sache ist ein metaphysisches Konstrukt. Nicht die Wahrheit an sich oder irgendwelche Werte zählen, denn: »Nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.« Das ästhetische Phänomen (oder mit Schiller gesprochen: der ästhetische Schein) zählt – hier ist der Mensch der, der er sein soll und sein will: keinen Wahrheitsansprüchen, sondern allein dem Nutzen für das Leben genügend. Und noch etwas auf Reck Passendes sagt Nietzsche: »Die Kunst ist mehr wert als die Wahrheit.« Der Mensch Friedrich Reck als künstlerisch schaffendes Subjekt erdichtet sich seine Welt – basta. Betrachtet man Friedrich Reck nicht moralisch und nicht mit Blick auf den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen, sondern als eine Art sich selbst inszenierendes Gesamtkunstwerk, verschiebt sich die Perspektive beträchtlich: Reck wirkt als Autor hinter eine Maske plötzlich höchst modern, wenn nicht gar postmodern: Styling ist alles, alles ist Styling.

Indes: Friedrich Reck war hinter der Maske durchaus ein wahrhaftiger Mensch. Dies wird sehr deutlich, wenn man sein Tagebuch eines Verzweifelten liest. Reck scheint ein gewisses Talent dafür gehabt zu haben, anzuecken. Im Chiemgau geschah ihm das mit den örtlichen Statthaltern des NS-Regimes. Hier zeigt sich, daß der Möchtegernadlige Reck doch eine durch und durch ehrenhafte, geradezu aristokratisch zu nennende Gesinnung pflegte. Man warf ihm unter anderem vor, den deutschen Gruß zu verweigern und die deutsche Finanzwirtschaft verhöhnt zu haben. Auch der Vorwurf der Wehrkraftzersetzung stand im Raum. Zuletzt brachten ihn sein Unwillen, sich mit den Machthabern zu arrangieren, sowie eine Denunziation in Gestapohaft und schließlich ins Konzentrationslager Dachau, wo er im Februar 1945 an den Folgen einer Fleckfiebererkrankung starb. Er zählt damit zu jenen Opfern des Nationalsozialismus, denen eine konservative Lebenseinstellung zum Verhängnis wurde.

Konservativ ist Reck vor allem in der vehementen Ablehnung der Neuzeit und als deren zynischer und bissiger Kritiker. Im Zentrum seiner Kritik steht der Massenmensch (von ihm auch als »weißer Nigger« bezeichnet), die Termite in Menschengestalt. Menschenmassen sieht er keineswegs als Symptom überschwenglicher Gesundheit, sondern als Spät- und Verfallssymptom – gebunden »an die Abnabelung von der Plazenta des Magi- schen«. Der Verfall ist gekennzeichnet durch die Ausrottung von Flora und Fauna, durch den Verlust der natürlichen Instinkte und der gewachsenen Periodizität des körperlichen Lebens. Insofern war Reck auch ein erbitterter Feind des Nationalsozialismus, verherrlichte dieser doch den modernen Fortschritt und ließ an die Stelle Gottes und der Natur Maschinenkräfte und Motoren, Autobahnen und Akkordbänder treten – die bodenbetonte Heimatromantik, die oft als kennzeichnend für den Nationalsozialismus angesehen wird, war nur ideologisches Ornament, ein Fliegenfänger für Gutgläubige. Reck hatte dem Nationalsozialismus vor der Machtergreifung durchaus Sympathien entgegengebracht, eben weil er Ornament mit Essenz verwechselte und ihn – wie viele andere auch – zunächst antimodern verstand. Daß Reck auch die vom Nationalsozialismus intensiv genutzten modernen Kommunikationsmittel mit ihrer Scheinbildung verabscheute, versteht sich von selbst. Seinen persönlichen Konservativismus lebte er in seiner Hinwendung zur Chiemgauer Wahlheimat und dessen noch weitgehend unverdorbener, gleichwohl bereits bedrohter Natur.

Die Abnabelung von der »Plazenta des Magischen« verortete Reck historisch zwischen Spätmittelalter und Renaissance. Hier sah er die Wurzeln des technischen, des mechanistischen Zeitalters, des Fortschrittdenkens, hier erspürte er den Beginn der Industrialisierung und des Massenmenschen – und den Abschied vom religiösen Menschenbild des christlich geprägten Mittelalters. In diesen Zeitraum fällt bekanntlich auch die Reformation, in deren Gefolge es zur Errichtung des Wiedertäuferreiches von Münster kam. In seinem Bockelson projiziert Reck alles von ihm am Nationalsozialismus und an der Neuzeit überhaupt Verabscheute auf diese streng protestantische Sekte der Wiedertäufer. Doch waren nicht gerade die Wiedertäufer zutiefst religiös und christlich? Ja, aber sie waren es auf spezifisch neuzeitliche Weise, die im katholischen Mittelalter undenkbar gewesen wäre. In der im Wiedertäuferreich erfolgten Ideologisierung des Glaubens bricht sich der neuzeitliche Subjektivismus, brechen sich die Entgötterung und auch der auf existenzielle Vernichtung abzielende Haß auf Andersgläubige Bahn. Insofern ist der Bockelson tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis des Werkes des Konservativen Reck. Vieles wird von hier aus les- und verstehbar, sogar das seltsame Täuschungsspiel Recks erfährt eine tiefere Begründung: Er wendet das Trügerische, das Verlogene, das in sich zutiefst Unwahrhaftige und das sich selbst nicht mehr Erkennende der Jetztzeit gegen diese selbst, indem er sich ihr im tiefen Unernst entzieht, sich immer wieder anders zeigt, doch nie als er selbst – das ist die Botschaft des Menschen Reck. Kann auch dieser im Grunde anarchische Reflex ein Modus konservativer Existenz sein? Es lohnt sich, darüber nachzudenken.


Lutz Meyer

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