Englische Neurosen

Jeder halbwegs unabhängige Beobachter weiß, daß Deutschland das Land ist, in dem die Neurosen gedeihen. Sie heißen Selbsthaß und Schuldstolz. Ein manischer Blick auf das Dritte Reich läßt deutsche Geschichte zur NS-Geschichte verkümmern, wobei diese Zeitspanne aus dem damaligen historischen Kontext herausgelöst wird. Das Bild, das so entsteht, zeigt den häßlichen Deutschen, der sich mordgierig auf eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Freundschaft stürzte. Ein Resultat dieses Propagandakonstruktes ist der Wunsch, nie mehr deutsch sein zu wollen, um dafür in irgendeiner »Weltläufigkeit« aufzugehen. Auf die Spitze getrieben hat die neurotische Selbstverneinung die Antifa mit ihren Parolen »Nie wieder Deutschland«, »Deutschland verrecke« oder »Bomber Harris, do it again«.

 Gastbeitrag

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Jeder halb­wegs unab­hän­gi­ge Beob­ach­ter weiß, daß Deutsch­land das Land ist, in dem die Neu­ro­sen gedei­hen. Sie hei­ßen Selbst­haß und Schuld­stolz. Ein mani­scher Blick auf das Drit­te Reich läßt deut­sche Geschich­te zur NS-Geschich­te ver­küm­mern, wobei die­se Zeit­span­ne aus dem dama­li­gen his­to­ri­schen Kon­text her­aus­ge­löst wird. Das Bild, das so ent­steht, zeigt den häß­li­chen Deut­schen, der sich mord­gie­rig auf eine Welt des Frie­dens, der Frei­heit und der Freund­schaft stürz­te. Ein Resul­tat die­ses Pro­pa­gan­da­kon­struk­tes ist der Wunsch, nie mehr deutsch sein zu wol­len, um dafür in irgend­ei­ner »Welt­läu­fig­keit« auf­zu­ge­hen. Auf die Spit­ze getrie­ben hat die neu­ro­ti­sche Selbst­ver­nei­nung die Anti­fa mit ihren Paro­len »Nie wie­der Deutsch­land«, »Deutsch­land ver­re­cke« oder »Bom­ber Har­ris, do it again«.

Aber auch die Eng­län­der pfle­gen ihre Neu­ro­sen. Wer ihre Wur­zeln auf­de­cken will, muß sich dem Jahr­hun­der­te wäh­ren­den Erfolgs­re­zept eng­li­scher Poli­tik zuwen­den, der »Balan­ce of Power«. Nach der Ent­de­ckung Ame­ri­kas rück­ten die lan­ge Zeit abseits gele­ge­nen bri­ti­schen Inseln zum Vor­pos­ten der Neu­en Welt auf. Erst die­se ver­än­der­te geo­stra­te­gi­sche Lage bot den Eng­län­dern die Mög­lich­keit, zur Welt­macht auf­zu­stei­gen. Dabei erwies es sich als güns­tig, das übri­ge Euro­pa, den »Kon­ti­nent«, zu schwä­chen. In Poli­tik umge­setzt, bedeu­te­te das eine grund­sätz­li­che Geg­ner­schaft zur stärks­ten Kon­ti­nen­tal­macht. Die nicht eben »fei­ne eng­li­sche Art«, die euro­päi­schen Mäch­te zum eige­nen Vor­teil gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len, führ­te zum geflü­gel­ten Wort vom »per­fi­den Albi­on«. Als zuletzt Napo­le­on geschla­gen war, wur­de Eng­land die Nr. 1 in Euro­pa und beherrsch­te – »Bri­tan­nia rules the waves« – unein­ge­schränkt die Welt­mee­re. Das eng­li­sche Impe­ri­um stieg zum größ­ten der Welt­ge­schich­te auf. Doch mit der Grün­dung des Deut­schen Rei­ches 1871 kris­tal­li­sier­te sich ein neu­er Kon­kur­rent auf dem Kon­ti­nent heraus.

1887 grup­pier­te der Prinz of Wales, der spä­te­re König Edu­ard VII., einen Kreis ein­fluß­rei­cher Per­sön­lich­kei­ten um sich. Ziel war es, einen »neu­en Kurs« in der bri­ti­schen Außen­po­li­tik durch­zu­set­zen. Ange­strebt wur­de eine enge Ver­bin­dung mit Frank­reich und Ruß­land, um gemein­sam mit die­sen Mäch­ten gegen das auf­stre­ben­de Deutsch­land vor­zu­ge­hen. Hans Grimm, der in den Jah­ren um 1900 in Lon­don und Süd­afri­ka als Kauf­mann tätig war, und in des­sen schrift­stel­le­ri­schem und publi­zis­ti­schem Werk die ver­häng­nis­vol­le Bezie­hung zwi­schen Eng­land und Deutsch­land eine zen­tra­le Rol­le spielt, regis­trier­te sehr auf­merk­sam, wie die eng­li­sche Pres­se fort­lau­fend einen feind­li­che­ren Ton gegen­über Deutsch­land anschlug. 1896 war­te­te die Satur­day Review mit der Schlag­zei­le »Ger­ma­nia est delen­da« auf. Wäh­rend Wil­helm II. 1901, im Todes­jahr sei­ner Groß­mutter, Queen Vic­to­ria, noch davon träum­te, »daß die bei­den ger­ma­ni­schen Natio­nen ein­an­der hel­fen wer­den, den Welt­frie­den zu bewah­ren«, schloß sich lang­sam der Kreis um Deutsch­land. 1907 kam es zur Grün­dung der Trip­le-Entente, bestehend aus Ruß­land, Eng­land und Frank­reich. Am 28. Juli 1914, noch vor Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges (als Eng­land nach außen hin noch als Frie­dens­be­müher agier­te), ließ der dama­li­ge Mari­ne­mi­nis­ter, Win­s­ton Chur­chill, die eng­li­sche Flot­te in Gefechts­be­reit­schaft ver­set­zen. Am 4. August 1914 erklär­te Eng­land dem Deut­schen Reich schließ­lich den Krieg.

Mit dem Auf­stieg außer­eu­ro­päi­scher Mäch­te hat­te sich das Erfolgs­re­zept eng­li­scher Poli­tik über­lebt, zumin­dest, wenn man es wei­ter­hin nur auf den Kon­ti­nent anwand­te und nicht glo­ba­li­sier­te. Die tat­säch­li­chen Gewin­ner des Ers­ten Welt­krie­ges waren die USA, gefolgt von Japan und – den kom­mu­nis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­be­we­gun­gen. Eng­land hin­ge­gen war wirt­schaft­lich erschüt­tert und rutsch­te gegen­über den USA von einer Gläu­bi­ger- zu einer Schuld­ner­na­ti­on her­ab. Im Flot­ten­ver­trag von 1922 zogen die USA zum gleich­be­rech­tig­ten Part­ner auf – ein Sta­tus, den Eng­land dem Deut­schen Reich nie­mals gewährt hät­te. Aus­ge­rech­net das »per­fi­de Albi­on« hat­te unge­wollt für frem­de Inter­es­sen Krieg geführt und sich dadurch selbst geschwächt.

Daß dies nach dem Ers­ten Welt­krieg noch nicht so offen­sicht­lich war, beruh­te weni­ger auf der Stär­ke Eng­lands als viel­mehr auf der Schwä­che der Ande­ren: Ruß­land lag auf­grund von Revo­lu­ti­on und Bür­ger­krieg wirt­schaft­lich danie­der, Deutsch­land war durch den Ver­sail­ler »Frie­dens­ver­trag« gekne­belt, Frank­reich war gleich­falls von den Fol­gen des Krie­ges erschüt­tert, Japan noch nicht so stark, um Eng­land ernst­haft Kon­kur­renz bie­ten zu kön­nen, und die USA zogen sich noch ein­mal in die Poli­tik des Iso­la­tio­nis­mus zurück. Gleich­wohl zeig­te das Empi­re ers­te Risse.

Klu­ge Köp­fe hät­ten bereits 1914 erken­nen kön­nen, daß sich ein allein auf den Kon­ti­nent fixier­tes Gleich­ge­wichts­den­ken über­lebt hat­te. 1939 hät­te das eigent­lich allen vor­aus­schau­en­den Poli­ti­kern klar sein müs­sen. Voll­kom­men unbe­rührt von der­lei Ein­sich­ten blieb aber Eng­lands Kriegs­pre­mier Win­s­ton Churchill.

Bis zum Kriegs­aus­bruch galt Chur­chill bei sei­nen Lands­leu­ten als geschei­tert, ja als Ver­sa­ger. Sei­ne mit gro­ßem Elan, blen­den­der Rhe­to­rik und nicht zuletzt viel Pro­pa­gan­da für sich selbst durch­ge­führ­ten Unter­neh­mun­gen ende­ten häu­fig kata­stro­phal: Sein Ver­such, 1914 Ant­wer­pen mit bri­ti­schen Mari­ne­sol­da­ten zu beset­zen und so den Vor­marsch der deut­schen Trup­pen auf­zu­hal­ten, schei­ter­te kläg­lich. Ein Jahr spä­ter war er der Initia­tor des nach lan­gem blu­ti­gen Rin­gen fehl­ge­schla­ge­nen Dar­da­nel­len-Unter­neh­mens, durch das Kon­stan­ti­no­pel für die ver­bün­de­ten Rus­sen erobert wer­den soll­te. Kaum war der Ers­te Welt­krieg vor­bei, schick­te er ein bri­ti­sches Expe­di­ti­ons­korps in das kom­mu­nis­tisch gewor­de­ne Ruß­land, um, nach eige­nen Wor­ten, »den Bol­sche­wis­mus in der Wie­ge zu erdros­seln.« Doch wie­der schei­ter­te er. Als Finanz­mi­nis­ter führ­te er sein Land in eine Wirt­schafts­kri­se. Von 1929 bis 1939 beklei­de­te Chur­chill kein Minis­ter­amt mehr. Die Eng­län­der hat­ten die Nase voll von sei­nen Unter­neh­mun­gen. Doch dann kam es, infol­ge des Ein­mar­sches deut­scher Trup­pen in Polen, zur Kriegs­er­klä­rung Eng­lands an das Drit­te Reich, und der als Fal­ke gel­ten­de Chur­chill wur­de erneut Mari­ne­mi­nis­ter. Als sol­cher lei­te­te er das bri­ti­sche Nor­we­gen-Unter­neh­men im April 1940, das eben­falls in einem Desas­ter ende­te. Doch die Zeit war dem Scharf­ma­cher Chur­chill güns­tig: Er stol­per­te nach oben und wur­de nach der Abset­zung Cham­ber­lains neu­er Premierminister.

Daß Chur­chill gegen die Tyran­nei Hit­lers Krieg führ­te, wie er selbst ger­ne in öffent­li­chen Reden ver­kün­de­te, soll­te man nicht zu hoch hän­gen, nicht nur, weil er jah­re­lang mit dem ande­ren gro­ßen Tyran­nen, Sta­lin, Kum­pa­nei betrieb. Chur­chills wirk­li­cher Feind hieß nicht Hit­ler, son­dern Deutsch­land. Und so zeich­net er ver­ant­wort­lich die Flä­chen­bom­bar­de­ments, denen etwa eine hal­be Mil­li­on Zivi­lis­ten zum Opfer fie­len und die zugleich die umfas­sends­te Zer­stö­rung von Kul­tur­gut in der mensch­li­chen Geschich­te dar­stel­len. Auch die West­ver­schie­bung Polens auf Kos­ten Deutsch­lands, in deren Fol­ge Mil­lio­nen Unschul­di­ger star­ben, ging auf einen Vor­schlag Chur­chills zurück. Gleich­zei­tig blo­ckier­te der Kriegs­pre­mier alle Kon­tak­te zum deut­schen Wider­stand. Nach dem Atten­tat vom 20. Juli 1944 gab die BBC die Namen von Mit­ver­schwö­rern, die Ver­bin­dung zu den Bri­ten gesucht hat­ten, preis und lie­fer­te sie damit einer Ver­fol­gung in Deutsch­land aus.

Bei Chur­chills Antritt als Kriegs­pre­mier 1940 war Eng­land noch Welt­macht. Bereits ein Jahr spä­ter hat­te es sich gegen­über Ame­ri­ka erneut ver­schul­det und muß­te wich­ti­ge Mili­tär­stütz­punk­te aus sei­nem über­see­ischen Welt­reich an die auf­stre­ben­de Super­macht abtre­ten. Das »per­fi­de Albi­on« war zum »nütz­li­chen Idio­ten« Ame­ri­kas mutiert. 1944 ersetz­te der Dol­lar das Pfund Ster­ling als Leit­wäh­rung. 1945, nach Eng­lands »Sieg«, stand das Land vor dem Staats­bank­rott. Nach­dem sei­ne Poli­tik die Sowjet­ar­me­en in das Herz Euro­pas geführt hat­te, begann es Chur­chill zu däm­mern, daß dies einem Gebil­de wie dem Empi­re unmög­lich för­der­lich sein konn­te. Er plan­te jetzt einen neu­en Krieg, dies­mal gegen einen Ver­bün­de­ten, den er zuvor noch öffent­lich gelobt hat­te. Mit Hil­fe deut­scher Trup­pen soll­te die Sowjet­uni­on erobert wer­den. Doch die Ame­ri­ka­ner lehn­ten dan­kend ab. Das Gewicht des bri­ti­schen Löwen wog bereits zu gering, um noch Welt­po­li­tik fort­set­zen zu können.

Der Nie­der­gang der eige­nen Welt­gel­tung wur­de von den Eng­län­dern erst ein­mal aus­ge­blen­det, oder viel­mehr hin­ter der von Chur­chill im Zwei­ten Welt­krieg ins Spiel gebrach­ten »spe­cial rela­ti­ons­hip« ver­steckt, die angeb­lich zwi­schen den USA und Eng­land besteht: Die­ser Begriff soll die part­ner­schaft­li­che Füh­rungs­rol­le bei­der Län­der in der west­li­chen Welt unter­strei­chen. Doch für die Eng­län­der reich­te es bald nicht ein­mal mehr für eine Juni­or­part­ner­schaft aus. Spöt­tisch bemerk­te Hel­mut Schmidt, die »beson­de­ren Bezie­hun­gen« der zwei Län­der sei­en der­art »spe­cial«, daß nur eine Sei­te – näm­lich die bri­ti­sche – über­haupt davon wisse.

Die Eng­län­der haben ihr Welt­reich ver­spielt, indem sie in zwei Welt­krie­gen unter Auf­bie­tung all ihrer Kraft und der Über­deh­nung ihrer Res­sour­cen, einen Ver­nich­tungs­krieg gegen Deutsch­land führ­ten. Die Deut­schen hin­ge­gen haben ihre Posi­ti­on als sou­ve­rä­ne Macht ver­lo­ren, indem sie nur mit »hal­ber Kraft« in den Krieg gegen Eng­land zogen. Im Gegen­satz zur schuld­ver­ses­se­nen BRD ist die Trau­er um die ver­lo­re­ne Grö­ße in Eng­land fest ver­an­kert. Doch selt­sam: Den Haupt­ver­ur­sa­cher des eige­nen Nie­der­gan­ges, Chur­chill, hal­ten die Eng­län­der für ihren größ­ten Lands­mann. Die­se Irra­tio­na­li­tät läßt sich nur auf­recht­erhal­ten, wenn man recht frei­zü­gig mit der Geschich­te verfährt.

Aber nicht allein Eng­lands Frei­heit – die Frei­heit der gan­zen Welt soll durch Chur­chills Taten erhal­ten geblie­ben sein. Tat­säch­lich aber senk­te sich der Eiser­ne Vor­hang in Euro­pa nie­der. Als Chi­na, nicht zuletzt dank sowje­ti­scher Unter­stüt­zung, kom­mu­nis­tisch wur­de, leb­ten über eine Mil­li­ar­de Men­schen in gänz­li­cher Unfrei­heit. Im kom­mu­nis­ti­schen Macht­be­reich star­ben nach 1945 min­des­tens eben­so vie­le Men­schen wie zuvor im Zwei­ten Welt­krieg. Als Ver­ur­sa­cher die­ses Krie­ges wird heu­te allein Hit­ler betrach­tet. Doch de fac­to war Hit­ler immer nur an einem lokal begrenz­ten Krieg inter­es­siert. Chur­chill hin­ge­gen arbei­te­te an der Ent­fa­chung eines Welt­krie­ges, um Deutsch­land nie­der­rin­gen zu können.

Um die Chur­chill-Ver­klä­rung auf­recht­erhal­ten zu kön­nen, wer­den mit Vor­lie­be drei – durch­aus nicht deckungs­glei­che – Theo­rien bemüht. Die ers­te lau­tet: Allein Chur­chills Stand­fes­tig­keit hat Eng­land 1940, nach der Nie­der­la­ge Frank­reichs, vor der Ver­nich­tung geret­tet. Die bei­den ande­ren Theo­rien ver­su­chen zu erklä­ren, war­um Chur­chill eine über­ra­gen­de Gestalt bleibt, trotz des Tat­be­stan­des, daß unter sei­ner Herr­schaft Eng­lands rapi­der Macht­ver­fall ein­setz­te. Die ers­te die­ser bei­den kunst­vol­len Erklä­run­gen lau­tet: Selbst­mord aus Edel­mut, die zwei­te: Das Zeit­al­ter des Empi­res war ohne­hin vorbei.

Auf­fas­sung eins wird unter ande­rem von Niall Fer­gu­son ver­tre­ten, der behaup­tet: »Letz­ten Endes opfer­ten die Bri­ten ihr Reich, um die Deut­schen, Japa­ner und Ita­lie­ner dar­an zu hin­dern, ihre eige­nen Rei­che zu behal­ten«, und die­ser unver­meid­li­che Pyr­rhus­sieg habe die Opfe­rung sei­nes Empi­res »so wun­der­voll, so wahr­haft edel« gemacht. Aller­dings wider­spricht ein der­ar­ti­ges Mär­ty­rer­tum nicht nur der tra­di­tio­nel­len Poli­tik des »per­fi­den Albi­on«, son­dern man stößt weder bei Chur­chill noch bei sei­nen Mit­ar­bei­tern auf Äuße­run­gen, die erlau­ben wür­den, auf einen der­ar­ti­gen Edel­mut zu schließen.

Die The­se, daß die Zeit des Empi­res ohne­hin vor­bei gewe­sen wäre, ver­tritt z.B. Richard J. Evans. So schreibt Evans in sei­ner Rezen­si­on über die Chur­chill-Bio­gra­phie (1993) von John Charm­ley, der es als einer der weni­gen Eng­län­der gewagt hat­te, an Chur­chills Sockel zu krat­zen: »Es spricht nur wenig dafür, daß das bri­ti­sche Empi­re zu ret­ten gewe­sen wäre. Charm­leys Kri­ti­ker haben sogar dar­auf ver­wie­sen, daß es schon 1939 dem Unter­gang geweiht war und daß der Sieg von 1945 sei­ne Lebens­dau­er ver­mut­lich künst­lich ver­län­ger­te und Groß­bri­tan­ni­en einen Groß­macht­sta­tus sicher­te, den es andern­falls nicht mehr hät­te bean­spru­chen dür­fen.« – Merk­wür­dig nur, daß in den drei­ßi­ger Jah­ren noch nie­mand gewußt hat­te, daß die Tage des Empi­re so schnell gezählt sein wür­den. Als haar­sträu­bend darf man die Behaup­tung bezeich­nen, Eng­lands »Sieg« habe die Lebens­dau­er des Empi­re noch künst­lich ver­län­gert. Bereits 1947, nur zwei Jah­re nach Kriegs­en­de, ging das Juwel des eng­li­schen Welt­rei­ches, Bri­tisch-Indi­en, ver­lo­ren. Viel schnel­ler hät­te es nun wirk­lich nicht berg­ab gehen können!

Doch nicht Chur­chill trifft der Zorn sei­ner Lands­leu­te, son­dern erneut die Deut­schen. Er traf die­se umso mehr, je schnel­ler sich das Empi­re auf­lös­te, je schnel­ler es mit der eng­li­schen Wirt­schaft berg­ab ging und umge­kehrt der bun­des­deut­sche Rumpf­staat ein unge­ahn­tes Wirt­schafts­wun­der erleb­te. Es war nicht mehr das kal­te Kal­kül gegen­über poten­ti­el­len Kon­kur­ren­ten frü­he­rer Tage, son­dern oft­mals blan­ker Haß. Im Bild der Eng­län­der mutier­ten die Deut­schen dabei zu Pickel­hau­ben- und Leder­ho­sen-tra­gen­den Kari­ka­tu­ren, die sich am liebs­ten im Stech­schritt fort­be­we­gen, wenn sie nicht gera­de Pan­zer fah­ren. Nach der Wen­de tauch­te sofort das Gespenst vom Vier­ten Reich auf. Hel­mut Kohl wur­de zum neu­en Füh­rer, selbst der Wie­der­ver­ei­ni­gungs­geg­ner Oskar Lafon­tai­ne geriet in der eng­li­schen Pres­se zum Gau­lei­ter, und Ange­la Mer­kel geis­tert dort als Ter­mi­na­tor her­um. Nicht ein­mal der deut­sche Papst blieb von Pöbe­lei­en ver­schont und wur­de als »Got­tes Rott­wei­ler« beschimpft. Mit­un­ter geben sich die­se die Wirk­lich­keit igno­rie­ren­den Dar­stel­lun­gen als »Humor« aus, schließ­lich glau­ben die Eng­län­der, sie besä­ßen – im Gegen­satz zu den Deut­schen – über­pro­por­tio­nal viel davon. Schaut man sich die­sen »Humor« etwas genau­er an, so ist sein Mar­ken­zei­chen weni­ger ein beson­ders fein geschlif­fe­ner Esprit, noch eine harm­los schun­keln­de Bier­se­lig­keit. Statt­des­sen trägt er einen oft­mals aus­ge­prägt aggres­si­ven Charakter.

Der sude­ten­deut­sche Schrift­stel­ler Wil­helm Pley­er hat­te 1963 einen bemer­kens­wer­ten Auf­satz über den »Deut­schen­haß in Eng­land« ver­öf­fent­licht. Er schreibt dort: »Wir haben die Grün­de die­ses Has­ses nicht im logi­schen, son­dern im psy­cho­lo­gi­schen zu suchen« und ver­merkt, daß der »Neid­haß gegen Deutsch­land« im Kern ein unein­ge­stan­de­ner Selbst­haß ist. Die Eng­län­der hat­ten sich – so kann man resü­mie­ren – den fal­schen Feind – und die fal­schen Freun­de! – aus­ge­sucht und dabei fast alles ver­lo­ren. Es war ein fata­ler Irr­tum, der aber ent­schlos­sen ver­drängt wird, viel­leicht auch, weil er sich ohne­hin nicht mehr kor­ri­gie­ren läßt!

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