Der Maler Norbert Bisky

Das Gutsverwalterehepaar kommt mir auf dem Kiesweg entgegen. Ich werde im Namen des Eigentümers empfangen, »der Alte« lasse herzlich
grüßen. Wir gehen rein, der Kies quietscht unter den Gummisohlen. Die Uckermark: Preußischer kann ich berglandbewohnender Sachse mir Land und Leute nicht denken. Das Gut ist von Feldern umgeben, die von Baum- oder Buschreihen getrennt werden, etwas weiter draußen: viele Seen. Der Verwalter ist eine sympathische, respekteinflößende Gestalt. Er, der DDR-Agrarökonom, erklärt, diese Trennstreifen seien gegen die Erosion. »Alles braucht seine Grenzen, junger Mann, selbst die Felder da draußen. Zu LPG-Zeiten hatten wir es damit nicht einfach. Damals konnten die Felder gar nicht groß genug sein. Schauen sie mal nach Sachsen-Anhalt: Da sieht man, was die Grenzenlosigkeit mit einer Landschaft macht.«

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Das Guts­ver­wal­ter­ehe­paar kommt mir auf dem Kies­weg ent­ge­gen. Ich wer­de im Namen des Eigen­tü­mers emp­fan­gen, »der Alte« las­se herz­lich
grü­ßen. Wir gehen rein, der Kies quietscht unter den Gum­mi­soh­len. Die Ucker­mark: Preu­ßi­scher kann ich berg­land­be­woh­nen­der Sach­se mir Land und Leu­te nicht den­ken. Das Gut ist von Fel­dern umge­ben, die von Baum- oder Buschrei­hen getrennt wer­den, etwas wei­ter drau­ßen: vie­le Seen. Der Ver­wal­ter ist eine sym­pa­thi­sche, respekt­ein­flö­ßen­de Gestalt. Er, der DDR-Agrar­öko­nom, erklärt, die­se Trenn­strei­fen sei­en gegen die Ero­si­on. »Alles braucht sei­ne Gren­zen, jun­ger Mann, selbst die Fel­der da drau­ßen. Zu LPG-Zei­ten hat­ten wir es damit nicht ein­fach. Damals konn­ten die Fel­der gar nicht groß genug sein. Schau­en sie mal nach Sach­sen-Anhalt: Da sieht man, was die Gren­zen­lo­sig­keit mit einer Land­schaft macht.«

Sei­ne Frau ist eine stil­le Natur. Sie sagt weni­ge, betont lei­se Wor­te, läßt uns bald allein, um, wie mir scheint, Vor­wür­fe zu schmie­den in ihrer Klau­se. Wir haben das Ober­ge­schoß erreicht, der Ver­wal­ter doziert die Hof­ge­schich­te, zeigt hie und da auf an der Wand ange­brach­te Sti­che. Jah­res­zah­len ackern auf und ver­glim­men. Mein Hirn ist dar­auf heu­te nicht ein­ge­stellt, ich bin zu ande­rem gekom­men. End­lich: Das gesam­te Dach­ge­schoß ist zu einer Gale­rie mit gro­ßen Fens­tern aus­ge­baut. Die Zwi­schen­bö­den unter der stei­len Dach­haut wur­den ent­fernt. Die min­des­tens 200 Qua­drat­me­ter gro­ße Grund­flä­che ist mit mas­si­ven Stell­wän­den in vier annä­hernd gleich­gro­ße Räu­me geteilt, die nach oben offen und mit Durch­gän­gen ver­bun­den sind. »So, jun­ger Mann«, hebt der Ver­wal­ter fei­er­lich an, »da sind wir, die umfang­reichs­te Pri­vat­samm­lung mit Wer­ken von Nor­bert Bis­ky. Sonst ist sie nicht zugäng­lich, der Alte hat für Sie eine gro­ße Aus­nah­me gemacht. Ich soll Ihnen ein biß­chen was dazu erklä­ren. Beim Wert der Bil­der ist Ihnen klar, daß ich Sie hier nicht allein las­sen darf. Sie neh­men das bit­te nicht persönlich.«

Die dicken Tep­pi­che auf denen wir lau­fen, der Ver­wal­ter trägt hohe, nicht eben sau­be­re Stie­fel, geben die­sem Ort eine sakra­le Stil­le. Im ers­ten Raum befin­den sich frü­he Wer­ke. »Schau­en Sie hier, mit den Sachen ist Bis­ky berühmt gewor­den.« Mein Blick schweift über all die Gemäl­de hin, für die in den Werk­ka­ta­lo­gen Bis­kys als Auf­ent­halts­ort »Pri­va­te collec­tion, Ger­ma­ny« ver­merkt ist. Das Sujet ist das Ver­trau­te: Jun­ge, gebräun­te Män­ner mit frei­em Ober­kör­per, teils auch fast nackt, tur­nen zu Was­ser oder zu Lan­de ihre unschul­di­gen Spie­le durch, gekonn­te Neu­zeit-Varia­tio­nen der Baden­den quer durch alle Jahr­hun­der­te der Kunst­ge­schich­te. Die zwan­zig Gemäl­de in die­sem Raum sind nach ihrem Ent­ste­hungs­da­tum geord­net. In den frü­hes­ten domi­niert eine erd­far­be­ne Ton-in-Ton-Male­rei, je jün­ger die Wer­ke wer­den, des­to mehr drängt das Motiv der Gewalt­ver­herr­li­chung mit schar­fen Kon­tras­ten her­an. »In den neue­ren Wer­ken kommt die Gewalt mit dem Fetisch zusam­men, das greift inein­an­der. Sehen Sie die bun­ten Turn­schu­he?«, der Ver­wal­ter winkt mich her­an. »Am Anfang tau­chen die ein­fach so auf, rela­tiv bezug­los, in den spä­te­ren Wer­ken ste­cken da nicht sel­ten gan­ze aus­ge­ris­se­ne Bei­ne drin.« Das Blut nimmt zu, die Angrif­fe der Prot­ago­nis­ten auf­ein­an­der auch und gleich­zei­tig wer­den die Kom­po­si­tio­nen här­ter, die Far­ben greller.

»Wis­sen Sie, der Alte hat ange­fan­gen, das hier zu sam­meln, da war von Bis­ky in den Medi­en noch gar kei­ne Rede.« – »Das klingt, als woll­ten Sie sich recht­fer­ti­gen?«, fra­ge ich zurück. Der Ver­wal­ter sucht einen län­ge­ren Moment nach Wor­ten, jetzt sind wir an einem Punkt, der nicht sein The­ma ist. »Na sehen Sie, nun, Sie wis­sen ja, der Alte ist ver­hei­ra­tet, man muß sich da bei ihm kei­ne Gedan­ken machen.« Er weist über die Schul­ter auf ein »Save our Souls« beti­tel­tes Gemäl­de von 2007, das zwei jun­ge männ­li­che Paa­re beim Sex zeigt. »Der Bis­ky hat begrif­fen, wie man in den Medi­en The­ma bleibt. Da bringt er ein­fach alles, was heu­te gern gehört und gese­hen wird. Die Pres­se fei­ert sowas, jeder klatscht, wenn er in Talk­shows unge­fragt sagt, daß er gegen Nazis ist und daß er ›damals‹ einer der ers­ten gewe­sen wäre, die man auf­ge­hängt hät­te. So will er sich von die­sen NS-Kunst-Vor­wür­fen frei­kau­fen.« – »Ich den­ke, da muß man anders ran­ge­hen. Ich habe ja die Angrif­fe auf ihn auch mit­be­kom­men, wo ihm wei­ner­li­che Pres­se­leu­te sei­nen mar­tia­li­schen Stil vor­ge­wor­fen haben. Das wür­de alles nach SS aus­se­hen, nach Kampf und Rie­fen­stahl und so. Dann kam Bis­ky und hat sich ver­tei­digt, das sei eine Fei­er des ›Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus‹ und kei­ne NS-Kunst. Er hat das laut und sehr häu­fig gesagt und damit erreicht, daß in Bei­trä­gen über ihn nur noch vom Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus die Rede ist, obwohl von die­sem Begriff sonst nur abfäl­lig gespro­chen wird, zu Recht, das war ja auch ganz schlimm kopf­las­ti­ge Staats­kunst. Was vie­le nicht ver­stan­den haben ist doch, daß es zwi­schen NS- und Sowjet-Kunst habi­tu­ell fast kei­nen Unter­schied gibt. Ken­nen Sie Lutz Damm­becks Film über Arno Breker?«

Der Ver­wal­ter nickt: »… Zeit der Göt­ter …, hat­ten wir hier mal einen Film­abend«. – »Da gibt es eine Sze­ne, wo ein rus­si­scher Offi­zier erzählt, daß Breker-Sta­tu­en noch zu Sowjet­zei­ten lan­ge sehr beliebt waren, weil sie sich eben naht­los in das aktu­el­le Kunst­ver­ständ­nis ein­füg­ten. Und war­um? Weil sie zeit­lo­se Schön­heit zei­gen, den ideo­lo­gi­schen Kram rings­um kann man ver­nach­läs­si­gen. Und genau das macht Bis­ky auch. Was in den Medi­en pas­siert, dar­an wird sich in hun­dert Jah­ren nie­mand mehr erin­nern, das pusht nur die Prei­se. Über­haupt ist es völ­lig egal, was ein Künst­ler selbst über sein Werk sagt. Vie­les hier knüpft an uralte Sujets an, bei denen Michel­an­ge­los David schon ein jün­ge­res Zitat ist.«

Der Ver­wal­ter ist froh, daß wir uns ver­ste­hen. Wir gehen wei­ter. »Das ist das Cola­ba-Zim­mer. Es steht für den größ­ten Bruch in Bis­kys Werk. Ab dem Jahr 2000 hat er sich in den Köp­fen als der Maler fest­ge­setzt, der sol­che bun­ten Bil­der mit Kna­ben malt. Die Leu­te wuß­ten, Gui­do Wes­ter­wel­le kauft das und Wolf­gang Joop auch. Dann soll­te er in Mum­bai aus­stel­len, Ende Novem­ber 2008 war die Schau im Stadt­teil Cola­ba fer­tig. Vom 26. bis 29. Novem­ber kam es dann zu die­sen Anschlä­gen isla­mi­scher Ter­ro­ris­ten, 174 Men­schen star­ben, haupt­säch­lich Aus­län­der. Die­se jun­gen Ker­le haben da eine Bom­be nach der ande­ren hoch­ge­hen las­sen und mit Maschi­nen­ge­weh­ren an meh­re­ren Orten der Stadt wahl­los in die Men­schen­men­gen gefeu­ert. Das Hotel und die Bar unmit­tel­bar hin­ter Bis­kys Gale­rie waren auch Orte der Angrif­fe. Bis­ky hat das alles mit­ge­macht. Ein Wun­der, daß er da lebend raus­ge­kom­men ist!«

Der Ver­wal­ter geht zu einem Bild­schirm, ein kur­zes Inter­view mit Bis­ky läuft. Er berich­tet von den Ein­drü­cken am Tag der Anschlä­ge, vom Schock im Nach­gang, davon, wie die­se Tage sein Leben für immer ver­än­der­ten. Die Ein­schuß­lö­cher wer­den sein The­ma, die blu­ti­gen Matrat­zen, die im Kugel­ha­gel zer­teil­ten Möbel und Men­schen, die zusam­men­ge­kno­te­ten Vor­hän­ge, mit denen sich Hotel­gäs­te ret­ten woll­ten. »Die mei­nen uns, […] die Ein­schlä­ge kom­men näher«, sagt Bis­ky. Da hat einer sei­ne Insel ver­las­sen und sich ein biß­chen in der Rea­li­tät umge­se­hen. Die­se Rea­li­tät wird auf den nun deut­lich klei­ne­ren Lein­wän­den abge­bil­det: viel rot, viel schwarz, zuneh­men­de Abs­trak­ti­on. In gedrück­ter Stim­mung betre­ten wir in voll­kom­me­ner Stil­le den vor­letz­ten Raum. Das Han­dy des Ver­wal­ters brummt und piepst, wir zucken zeit­gleich zusam­men. Irgend­wie ein Dün­ger­lie­fe­rant, ich schaue mich solan­ge allein um. Hier hän­gen die aktu­ells­ten Arbei­ten Bis­kys. Da die­se Pha­se nicht abge­schlos­sen ist, bleibt eine gan­ze Wand frei. Zen­tral gehängt fin­det sich das 280 × 500 cm gro­ße Werk »Alles wird gut« von 2011. An die­sem Altar der Post­mo­der­ne ist ables­bar, wie sich Bis­kys bon­bon­far­be­ne Puber­tät und die Schock­star­re von Mum­bai mischen. Die For­ma­te sind grö­ßer denn je, Far­ben und The­men bei­der Pha­sen grei­fen inein­an­der: nack­te Jüng­lin­ge, Turn­schu­he, Was­ser, Wir­bel, Ein­schüs­se, Explo­sio­nen, ein abge­ris­se­ner Kopf. Die Bon­bon­far­ben tan­zen auf schwar­zem Grund.

Dou­glas Crimp schrieb 1981, Male­rei in der Post­mo­der­ne sei nur noch mög­lich als Zitat von Male­rei. Genau das macht Bis­ky heu­te: Er zitiert den jun­gen Bis­ky, der auch nur zitier­te. Ich bin über­wäl­tigt. Ein wei­te­rer, Bis­kys Bedeu­tung unter­strei­chen­der Aspekt drängt sich auf: Die Gabe zu frei­en Asso­zia­ti­on, die immer gegen­ständ­lich bleibt, gepaart mit einem unge­heu­ren tech­ni­schen Geschick, einer schlaf­wand­le­ri­schen Sicher­heit der Kom­po­si­ti­on, einem Beherr­schen selbst der größ­ten Flä­che. Der Ver­wal­ter kommt has­tig zurück, wir müs­sen uns beei­len, gleich kommt eine Lie­fe­rung. Er sagt nicht, ob Dün­ger oder Bil­der. Zehn Schrit­te wei­ter, der letz­te Raum. Hier erwar­ten mich nur zwei Bil­der, die neben­ein­an­der an einer nied­ri­gen Längs­wand hän­gen: »Michels­dorf« und »Alba«, bei­de von 2007. »Das sind die Fach­werk­bil­der«, hebt der Ver­wal­ter wie­der an. Bei­de sind nach dem­sel­ben Mus­ter kom­po­niert: Im weit ent­fern­ten Hin­ter­grund sind Fach­werk­häu­ser zu sehen, im Vor­der­grund jun­ge Män­ner. Ers­te­res zeigt die typi­schen son­nen­ge­bräun­ten Jüng­lin­ge, jetzt aber self-ree­du­ca­ted in Bedui­nen­klei­dern. Einer uri­niert mit beschnit­te­nem Penis an einen Grenz­stein sei­ner Hei­mat, des Dor­fes, wo die Michels woh­nen. »Alba« zeigt eine ähn­li­che Sze­ne, nur ste­hen vorn zwei schwar­ze gang­mem­ber. Einer legt sich eine Ket­te mit einem Kreuz um, blo­ßer Mode­schmuck, ein ande­rer tele­fo­niert viel­leicht, schaut angriffs­lus­tig jeden­falls. Im Zen­trum taucht ein klei­ner Quer­flö­ten­spie­ler auf. Ein Rat­ten­fän­ger von Hameln, der die Bewoh­ner der Fach­werk­häu­ser zu den neu­en Freun­den lockt?

»Das sind total über­frach­te­te Sym­bol­bil­der, das kön­nen wir heu­te lei­der nicht alles aus­ein­an­der­neh­men. Ein ander­mal!«, der Ver­wal­ter geht, steht schon auf der hal­ben Trep­pe. Schon quietscht der Kies wie­der unter den Gum­mi­soh­len, schon ste­he ich wie­der am Tor. »Machen Sie’s gut! Und falls Sie Lust haben, in der Kunst­hal­le Ros­tock gibt es noch bis 15. Febru­ar eine gro­ße Bis­ky-Schau. Da sind auch Leih­ga­ben von uns.« Auf dem Weg zur Bahn steigt noch­mals ein Satz aus Bis­kys Mum­bai-Inter­view in mir auf: »Die mei­nen uns, […] die Ein­schlä­ge kom­men näher.« War nicht auf »Alba« eine von bei­den Sei­ten nach den Fach­werk­häu­sern grei­fen­de schwar­ze Wel­le zu sehen? Aber bestimmt habe ich da in der Hek­tik des Auf­bruchs etwas falsch verstanden.

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