200 Jahre Otto von Bismarck

Was kann die Gegenwart mit dem »letzten Helden, den die Neuzeit erblickt hat« (Egon Friedell), anfangen? Zum 200. Geburtstag Otto von Bismarcks am 1. April kann sie ihn nicht ignorieren, sondern muß ihm eine Sonderbriefmarke widmen und den Versuch einer geschichtspolitischen Einordnung wagen. Welche Tendenz dabei verfolgt wird, zeigt bereits der von Arte am 21. Februar 2015 ausgestrahlte Film Bismarck – Härte und Empfindsamkeit. Abgesehen davon, daß er über weite Strecken langweilig ist, wiederholt er bekannte Unwahrheiten. So präsentiert der Arte-Film die faktenverfälschende These, daß Preußen 1870 einen Angriffskrieg gegen Frankreich vom Zaun gebrochen und Bismarck diesen anhand der Emser Depesche erzwungen habe. Tatsächlich aber hatten die nationalchauvinistischen Kräfte in Frankreich, besonders der Preußen feindlich gesonnene Außenminister, der Herzog von Gramont, den Krieg von 1870/71 zu verantworten. Nicht zufrieden damit, daß der Erbprinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen unter Frankreichs Druck auf die ihm angetragene Kandidatur für den spanischen Thron verzichtet hatte, forderte der französische Botschafter in Berlin, Benedetti, von dem in Bad Ems zur Kur weilenden Preußenkönig Wilhelm I. dies: Er solle verbindlich zusichern, daß er auch künftig keiner Kandidatur Leopolds zustimmen werde. Der Kaiser lehnte diese Forderung ab. Daß Bismarck das diplomatische Hin und Her verkürzt der Presse mitteilte und die französischen Übersetzungen den Ton noch verschärften, brachte das Faß lediglich zum Überlaufen. Frankreich wollte den Krieg, schätzte die eigene Stärke falsch ein und suchte nur noch nach einem Anlaß.

 Gastbeitrag

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Was kann die Gegen­wart mit dem »letz­ten Hel­den, den die Neu­zeit erblickt hat« (Egon Frie­dell), anfan­gen? Zum 200. Geburts­tag Otto von Bis­marcks am 1. April kann sie ihn nicht igno­rie­ren, son­dern muß ihm eine Son­der­brief­mar­ke wid­men und den Ver­such einer geschichts­po­li­ti­schen Ein­ord­nung wagen. Wel­che Ten­denz dabei ver­folgt wird, zeigt bereits der von Arte am 21. Febru­ar 2015 aus­ge­strahl­te Film Bis­marck – Här­te und Emp­find­sam­keit. Abge­se­hen davon, daß er über wei­te Stre­cken lang­wei­lig ist, wie­der­holt er bekann­te Unwahr­hei­ten. So prä­sen­tiert der Arte-Film die fak­ten­ver­fäl­schen­de The­se, daß Preu­ßen 1870 einen Angriffs­krieg gegen Frank­reich vom Zaun gebro­chen und Bis­marck die­sen anhand der Emser Depe­sche erzwun­gen habe. Tat­säch­lich aber hat­ten die natio­nal­chau­vi­nis­ti­schen Kräf­te in Frank­reich, beson­ders der Preu­ßen feind­lich geson­ne­ne Außen­mi­nis­ter, der Her­zog von Gra­mont, den Krieg von 1870/71 zu ver­ant­wor­ten. Nicht zufrie­den damit, daß der Erb­prinz Leo­pold von Hohen­zol­lern-Sig­ma­rin­gen unter Frank­reichs Druck auf die ihm ange­tra­ge­ne Kan­di­da­tur für den spa­ni­schen Thron ver­zich­tet hat­te, for­der­te der fran­zö­si­sche Bot­schaf­ter in Ber­lin, Bene­detti, von dem in Bad Ems zur Kur wei­len­den Preu­ßen­kö­nig Wil­helm I. dies: Er sol­le ver­bind­lich zusi­chern, daß er auch künf­tig kei­ner Kan­di­da­tur Leo­polds zustim­men wer­de. Der Kai­ser lehn­te die­se For­de­rung ab. Daß Bis­marck das diplo­ma­ti­sche Hin und Her ver­kürzt der Pres­se mit­teil­te und die fran­zö­si­schen Über­set­zun­gen den Ton noch ver­schärf­ten, brach­te das Faß ledig­lich zum Über­lau­fen. Frank­reich woll­te den Krieg, schätz­te die eige­ne Stär­ke falsch ein und such­te nur noch nach einem Anlaß.

Bis zu sei­ner Ernen­nung zum preu­ßi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten am 23. Sep­tem­ber 1862 hat­te Bis­marck nur in über­schau­ba­rem Maße Kar­rie­re gemacht. Das nach sei­nem ers­ten juris­ti­schen Staats­examen 1835 begon­ne­ne Refe­ren­da­ri­at brach er ab, seit der Revo­lu­ti­on von 1848 galt er als »reak­tio­nä­rer« Jun­ker und erst mit der Beru­fung zum preu­ßi­schen Gesand­ten am Bun­des­tag in Frankfurt/Main 1851 gelang­te er zu einem bedeu­ten­den Pos­ten. Als er nach Gesandt­schaf­ten am rus­si­schen Zaren­hof in St. Peters­burg (1859–62) sowie bei Frank­reichs Kai­ser Napo­le­on III. in Paris (1862) Preu­ßens star­ker Mann gewor­den war und König Wil­helm I. half, den wegen der Hee­res­re­form aus­ge­bro­che­nen Kon­flikt mit dem Par­la­ment erfolg­reich zu bestehen, stieg er gera­de­zu kome­ten­haft auf. Der gemein­sam mit Öster­reich errun­ge­ne Sieg im Deutsch-Däni­schen Krieg von 1864 zeig­te ihn erst­mals als Staats­mann auf der gro­ßen Büh­ne euro­päi­scher Diplo­ma­tie. Als im Deut­schen Krieg von 1866 nach dem preu­ßi­schen Sieg über die Öster­rei­cher bei König­grätz Wil­helm I. und die preu­ßi­schen Mili­tärs einen Sieg­frie­den woll­ten, setz­te Bis­marck die Scho­nung des besieg­ten Geg­ners durch, was sich spä­ter bezahlt machen soll­te. Bad Ems 1870 war dann das Meis­ter­stück Bis­marcks und brach­te am Ende des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges von 1870/71 mit der Grün­dung des Deut­schen Rei­ches im Spie­gel­saal des Schlos­ses Ver­sailles (18. Janu­ar 1871) den »klein­deut­schen« Natio­nal­staat. Es war die Krö­nung von Bis­marcks Wir­ken: Vom »reak­tio­nä­ren« preu­ßi­schen Jun­ker war er zu einem Staats­mann euro­päi­schen For­mats aufgestiegen.

Die Exis­tenz Deutsch­lands, das seit der Reichs­grün­dung als selb­stän­di­ger Akteur auf der Welt­büh­ne auf­trat, stell­te sich als eine sehr ver­letz­li­che Schöp­fung dar. Gefahr lag immer in der Luft und droh­te von allen Sei­ten. Was Bis­marck Anfang Dezem­ber 1870, mit­ten im Krieg gegen Frank­reich, gesagt hat­te (daß man auf der Spit­ze eines Blitz­ab­lei­ters balan­cie­re), traf nach wie vor zu, und der cau­che­mar des coali­ti­ons ver­folg­te ihn unent­wegt. Im Wis­sen dar­um, daß der neue Akteur im euro­päi­schen Staa­ten­sys­tem von sei­nen alt­ein­ge­ses­se­nen Nach­barn stets mit Arg­wohn gese­hen wer­den wür­de, gestal­te­te Bis­marck sei­ne Außen­po­li­tik so, daß eine Iso­la­ti­on Deutsch­lands ver­mie­den wer­den konn­te. Die­ses Jon­glie­ren mit fünf Bäl­len (wie er es nann­te) erfor­der­te eine Vir­tuo­si­tät, die ihm immer mehr abver­lang­te. Er hat­te bei sei­ner Schaf­fung des Deut­schen Reichs unter Füh­rung Preu­ßens sehr stark vom Wohl­wol­len des Zaren pro­fi­tiert. Als die­ser dafür nach 1871 die täti­ge Dank­bar­keit Preu­ßen-Deutsch­lands ein­for­der­te, han­del­te Bis­marck so, wie er dies auch als Pri­vat­mann hand­hab­te: Er ging dem Streit nicht aus dem Weg und ver­wahr­te sich gegen die rus­si­sche Anma­ßung, muß­te sich aber wohl oder übel ande­re Ver­bün­de­te suchen. Was lag da näher, als mit den deut­schen Riva­len von einst, den Öster­rei­chern, zusam­men­zu­wir­ken? Jetzt zahl­te sich ihre Scho­nung vom Som­mer 1866 aus. Es trifft kei­nes­wegs zu, daß Bis­marck von Beginn an Krieg gegen Öster­reich woll­te. Dies belegt etwa die gut funk­tio­nie­ren­de preu­ßisch-öster­rei­chi­sche Koope­ra­ti­on gegen Däne­mark, die spä­ter über der gemein­sa­men Ver­wal­tung Schles­wigs und Hol­steins zer­brach (Mario Kan­dil: Bis­marck. Der Auf­stieg 1848–1871, Tübin­gen: Hohen­rain 2014).

Innen­po­li­tisch trotz sei­ner sozi­al­po­li­ti­schen Maß­nah­men nicht wie in der Außen­po­li­tik vom Erfolg beglei­tet (hier sei­en nur der Kul­tur­kampf gegen die katho­li­sche Kir­che und das Sozia­lis­ten­ge­setz erwähnt), geriet Bis­marck immer stär­ker in die Defen­si­ve. Er wur­de sei­ner Amts­ge­schäf­te über­drüs­sig, sei­ne Ver­fas­sung ver­schlech­ter­te sich zuse­hends – sowohl in kör­per­li­cher als auch in see­li­scher Hin­sicht. Als im »Drei­kai­ser­jahr« 1888 mit dem 29jährigen Wil­helm II. ein am »per­sön­li­chen Regi­ment« inter­es­sier­ter Mann Kai­ser gewor­den war, blieb die Kon­fron­ta­ti­on nicht aus. Zu gegen­sätz­lich waren sei­ne und Bis­marcks Per­sön­lich­keit, zu kon­trär auch ihre poli­ti­schen Ziel­set­zun­gen. Schlu­ßend­lich reich­te der amts­mü­de und zer­mürb­te Bis­marck am 18. März 1890 das von Wil­helm II. schon ange­mahn­te Rück­tritts­ge­such ein, das der Kai­ser zwei Tage spä­ter annahm. Nun­mehr ein »Kanz­ler ohne Amt«, zog sich Bis­marck zwar ver­bit­tert nach Fried­richs­ruh zurück, ver­ab­schie­de­te er sich damit jedoch nicht von der Poli­tik. Viel­mehr mach­te er durch die unter der Mit­wir­kung sei­nes lang­jäh­ri­gen Mit­ar­bei­ters Lothar Bucher ver­faß­ten drei Bän­de Gedan­ken und Erin­ne­run­gen (1898 bzw. 1919) wei­ter von sich reden. Klar und oft genug iro­nisch griff der »Eiser­ne Kanz­ler« in die­ser Recht­fer­ti­gungs­schrift sei­ne poli­ti­schen und per­sön­li­chen Geg­ner an, dar­un­ter auch Wil­helm II. Die­ser sah schon zuvor sei­ne Auto­ri­tät und Repu­ta­ti­on dadurch unter­mi­niert, daß Bis­marck an fast jedem von ihm auf­ge­such­ten Ort umju­belt und hofiert wur­de. Die 1894 erfolg­te Aus­söh­nung zwi­schen Bis­marck und Wil­helm II. war nur äußer­lich und konn­te den Gra­ben zwi­schen bei­den nicht über­brü­cken. Auch mit sei­nen poli­ti­schen Geg­nern im Reichs­tag gab es kei­nen Frie­den, denn dort fiel 1895 eine Kampf­ab­stim­mung um ein Glück­wunsch­te­le­gramm zu sei­nem 80. Geburts­tag nega­tiv aus. Vom Tod sei­ner von ihm gelieb­ten Frau Johan­na 1894 tief getrof­fen, ver­starb Otto von Bis­marck am 30. Juli 1898.

Zu sei­nem 100. Geburts­tag am 1. April 1915 wie auch bis in die Mit­te des 20. Jahr­hun­derts erfreu­te sich der »Eiser­ne Kanz­ler« einer aus­ge­spro­chen posi­ti­ven Rezep­ti­on. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg aber setz­te ein wah­rer Bil­der­sturm auf die »gro­ßen« Per­sön­lich­kei­ten, die Geschich­te machen, ein und stürz­te man­ches Denk­mal vom Sockel. So häuf­ten sich auch mit Blick auf Bis­marck die Stim­men, die ihn für das Schei­tern der Demo­kra­tie in Deutsch­land ver­ant­wort­lich mach­ten und die das pri­mär von ihm geschaf­fe­ne Kai­ser­reich als eine von oben oktroy­ier­te »Fehl­kon­struk­ti­on« kri­ti­sier­ten. Doch letzt­lich wird sei­ne her­aus­ra­gen­de his­to­ri­sche Bedeu­tung von kei­ner Sei­te mehr ernst­haft in Fra­ge gestellt.

Zum 200. Geburts­tag Otto von Bis­marcks bleibt zu wün­schen, daß der zu erwar­ten­de Schub neu­er Bis­marck-Bio­gra­phien nicht so aus­fällt wie das im Münch­ner Beck-Ver­lag erschie­ne­ne Buch Bis­marck. Ein Preu­ße und sein Jahr­hun­dert des Düs­sel­dor­fer His­to­ri­kers Chris­toph Nonn. Auf 400 Sei­ten geht es dem Autor vor allem um Bis­marcks »Ent­my­thi­sie­rung«. Nonn ver­packt den Alt­kanz­ler so inten­siv in Phra­sen aus dem Reper­toire des Zeit­geis­tes, daß man in sei­nem Buch getrost eine Art Abbit­te erken­nen darf: Den Ver­dacht, eine kon­ser­va­ti­ve Sei­te zu besit­zen, hat er mit die­ser Arbeit glaub­wür­dig aus­ge­räumt. Ange­sichts des­sen sei lie­ber auf die ers­te als modern gel­ten­de Bis­marck-Bio­gra­phie ver­wie­sen, die 1980 von Lothar Gall vor­ge­legt wur­de (Bis­marck. Der wei­ße Revo­lu­tio­när). Gall ging weit über eine blo­ße Lebens­be­schrei­bung hin­aus und ziel­te mit sei­nen Leit­fra­gen auf grund­le­gen­de Pro­ble­me der deut­schen wie auch der euro­päi­schen Geschich­te, die für Bis­marcks Per­son und Werk den Hin­ter­grund bildeten.

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