25 Jahre Soap & Skin

Am 15. Oktober 2009 strahlt der Sender ORF 1 eine Folge der Late-Night-Show »Willkommen Österreich« aus. Zu Gast ist die 19jährige Musikerin Anja Plaschg, welche mit ihrem ersten Album aus dem Stand einen internationalen Volltreffer erzielt hat. Sensationell ist, was sich hinter Lovetune For Vacuum verbirgt: kein postmoderner Pop-Mischmasch, sondern ersthafte, vielschichtige Musik, meistenteils am Klavier vorgetragen, mit Titeln wie »Thanatos« oder »Brother Of Sleep«. So ausgeprägt und intensiv wirkt Plaschgs Artistik, daß ein zweimaliges, pausenloses Durchhören des Albums unmöglich ist. Was hier künstlerisch geschieht, ist ungesund und beeindruckend zugleich.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Am 15. Okto­ber 2009 strahlt der Sen­der ORF 1 eine Fol­ge der Late-Night-Show »Will­kom­men Öster­reich« aus. Zu Gast ist die 19jährige Musi­ke­rin Anja Plaschg, wel­che mit ihrem ers­ten Album aus dem Stand einen inter­na­tio­na­len Voll­tref­fer erzielt hat. Sen­sa­tio­nell ist, was sich hin­ter Love­tu­ne For Vacu­um ver­birgt: kein post­mo­der­ner Pop-Misch­masch, son­dern erst­haf­te, viel­schich­ti­ge Musik, meis­ten­teils am Kla­vier vor­ge­tra­gen, mit Titeln wie »Tha­na­tos« oder »Bro­ther Of Sleep«. So aus­ge­prägt und inten­siv wirkt Plaschgs Artis­tik, daß ein zwei­ma­li­ges, pau­sen­lo­ses Durch­hö­ren des Albums unmög­lich ist. Was hier künst­le­risch geschieht, ist unge­sund und beein­dru­ckend zugleich.

Das Inter­view mit den bei­den Schnupf­na­sen Chris­toph Gris­se­mann und Dirk Ster­mann ist eine kata­stro­pha­le Bla­ma­ge. Nicht für den Gast Anja Plaschg, son­dern für den ORF und das zeit­ge­nös­si­sche, west­li­che Ver­ständ­nis von Kul­tur. Der Kon­trast zwi­schen einer mehr­heit­lich schwei­gen­den oder ver­stört lächeln­den 19jährigen und zwei abge­brüh­ten Estab­lish­ment-Blö­del­show­mas­tern ist so uner­träg­lich pein­lich, daß man ihn kei­ne zwei Minu­ten aus­hält; ein Para­de­stück dafür, was man vom Kul­tur­be­trieb zu erwar­ten hat und wie man zu sein hat, wenn man mit­ver­die­nen will. Plaschg hat­te aus Unwis­sen­heit, ja Welt­fremd­heit dem Sen­der vor dem Inter­view eine Lis­te zukom­men las­sen, die Fra­gen ent­hielt, wel­che nicht gestellt wer­den dürf­ten – ein eben­so ana­chro­nis­ti­sches wie für die meis­ten unnach­voll­zieh­bar eli­tä­res Unter­fan­gen, ver­gleich­bar etwa mit Gott­fried Ben­ns sagen­haf­ten Rund­funk­auf­trit­ten nach dem Krieg. Anja Plaschg tat es ihm gleich und wur­de zur Freu­de des SPÖ-Wäh­ler-Publi­kums vor­ge­führt. Am 5. April 2015 fei­ert sie ihren 25. Geburts­tag; der­ar­ti­ge Geschich­ten hat sie weit hin­ter sich gelassen.

Mit Nar­row erschien 2012 eben­falls unter dem Pseud­onym Soap & Skin ihr zwei­tes Album, das in Öster­reich neun Wochen Platz eins der Album-Charts beleg­te. Hal­tet alle Uhren an, for­dert Plaschg im ers­ten Lied (»Vater«) und trifft die unge­sun­de Sehn­sucht nach Melan­cho­lie punkt­ge­nau und schmerz­haft – ein höchst wir­kungs­vol­ler Effekt. Wei­ter: Wo immer ich auf­schla­ge find’ ich dich / Du fällst im Schat­ten der Tage / als Stil­le und Stich. Was ist pas­siert? Plaschgs gelieb­ter Vater stirbt 2009 – im Jahr der Ver­öf­fent­li­chung ihres ers­ten Albums – aus hei­te­rem Him­mel. In erup­ti­ven, selbst­zer­stö­re­ri­schen Aus­brü­chen arbei­tet die Toch­ter meh­re­re Jah­re an einem Lied zu sei­nen Ehren; erst nach drei Jah­ren erscheint es als Ein­lei­tung zu »Nar­row«. Sie besingt, wie das lyri­sche Ich den Vater in Gestalt einer Made im Gra­be besu­chen kommt und sei­nem Zer­fall bei­wohnt: Der Sarg fällt zusam­men / die Blu­men fal­len in die Wan­gen / Zuerst weiß, dann blau, dann grau, dann grün / dann Schaum, dann braun und Laub und Staub und kommt dann wie­der zur Besin­nung, indem es fragt und fleht: Bit­te schlag dich aus mei­nem Kopf, mei­nem Haus / wie sonst hal­te ich den Graus aus? / Mit wel­chem Herz, mit wel­chem Kör­per / aus? Bedenkt man, daß Plaschgs künst­le­ri­sche Prä­gung wesent­lich durch Franz Schu­bert erfolg­te und eine ihrer ers­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen 2007 die Inter­pre­ta­ti­on von des­sen »Im Dor­fe« war, wird nach­voll­zieh­bar, aus wel­cher Rich­tung sie kommt. Irra­tio­nal melan­cho­li­sche Anklän­ge fin­den sich in ihren Zei­len, wel­che an ein wei­te­res Stück aus Schu­berts Win­ter­rei­se (1827) erin­nern, den »Lin­den­baum«: Da hab’ ich noch im Dun­kel / Die Augen zugemacht.

Gott­fried Benn schreibt in sei­nem epo­cha­len Text über die »Pro­ble­me der Lyrik« (1951): »Lyrik muß ent­we­der exor­bi­tant sein, oder gar nicht. Das gehört zu ihrem Wesen« und fer­ner, zum Ver­ständ­nis der inne­ren Logik des künst­le­ri­schen Auf­tra­ges: »Das Gedicht ist schon fer­tig, ehe es begon­nen hat. [Der Dich­ter] weiß nur sei­nen Text noch nicht. Das Gedicht kann gar nicht anders lau­ten, als es eben lau­tet, wenn es fer­tig ist.« All dem folgt Plaschg bewußt oder unbe­wußt, schlaf­wand­le­risch viel­leicht, beweist doch die Qua­li­tät ihres früh­vollende­ten Wer­kes, daß sie es ohne jede Rück­sicht ernst meint. Ein hoch­per­sön­li­ches Gesche­hen wie der Tod des Vaters strahlt vom Ein­zel­nen auf die Gesamt­heit der Adressaten.

Es ist genau umge­kehrt wie beim gro­ßen Bruch Ende der Sech­zi­ger Jah­re: Wäh­rend die­se Kunst dekon­stru­ier­te, ver­all­ge­mei­ner­te, den Tod der Väter, nebst ihrer Tra­di­tio­nen, das Kap­pen aller Ver­bin­dun­gen fei­er­te, dreht Anja Plaschg den Spieß um und rekon­stru­iert den Tod des Vaters zum sin­gu­lä­ren, hoch­spe­zi­fi­schen Ereig­nis. Ihre Kunst ist exklu­siv, sie schließt mehr Adres­sa­ten aus als ein. Dem Hörer tritt eine zur Kunst beru­fe­ne Ein­zel­ne ent­ge­gen, die weiß, was sie soll, nicht, was sie bewirkt. Ein ver­ges­se­ner Begriff drängt hier an die Ober­flä­che, die Inspi­ra­ti­on. Der Künst­ler als Medi­um, dem ein Geist ein­ge­haucht wur­de, der allein das eine Kunst­werk mit sei­nem Hirn, sei­ner Stim­me, sei­ner Hand für die übri­ge Mensch­heit sicht­bar macht. Ein Anhauch aus Sphä­ren, an die der Wäh­ler – die­ses schreck­li­che Kind der Neu­zeit (Peter Slo­ter­di­jk), wel­ches in die tota­le Medi­en­au­to­kra­tie des 21. Jahr­hun­derts gewor­fen ist und mit­schwimmt – nicht mehr anknüp­fen kann. Noch­mals Gott­fried Benn in »Pro­ble­me der Lyrik« zur Funk­ti­ons­wei­se der Inspi­ra­ti­on: »Das lyri­sche Ich ist ein durch­bro­che­nes Ich, ein Git­ter-Ich, flucht­er­fah­ren, trau­er­ge­weiht. Immer war­tet es auf sei­ne Stun­de, in der es sich für Augen­bli­cke erwärmt, war­tet auf sei­ne süd­li­chen Kom­ple­xe, mit ihrem Wal­lungs­wert – näm­lich Rau­sch­wert – in dem die Zusam­men­hangs­durch­sto­ßung, das heißt, die Wirk­lich­keits­zer­trüm­me­rung voll­zo­gen wer­den kann«.

Womit man bei einem zwei­ten, in bezug auf Kunst heu­te – da jeder ein Künst­ler ist – ver­dräng­ten Begriff ange­langt ist, dem Genie. Das Genie als schöp­fe­ri­sches Indi­vi­du­um hebt sich weit über die Mas­se. Das Genie lebt an der Gren­ze zum Abgrund, balan­ciert gezo­gen Wer­den und gesto­ßen Sein mit schöp­fe­ri­schem Erfolg. Zu die­ser Wech­sel­wir­kung bedarf es zwei­er­lei: der wil­lent­li­chen Unter­ord­nung des Adres­sa­ten unter die Schöp­fung des Genies, folg­lich sein Aner­ken­nen des genia­len, meint ein­ge­ge­be­nen, inspi­rier­ten Wer­kes als Set­zung, und zwei­tens, von der ande­ren Sei­te betrach­tet, der inne­ren Bereit­schaft des Genies, die­se mit Gna­de und Bür­de glei­cher­ma­ßen ver­bun­de­ne Auf­ga­be, eine Lebens­auf­ga­be zumeist, ohne Zögern, mit Mut und Ent­schlos­sen­heit auf­zu­neh­men und auszugestalten.

Anja Plaschg lebt an der Gren­ze zum Abgrund, gibt in jedes Lied etwas Wesent­li­ches von sich hin­ein und ver­braucht sich damit selbst. Plaschgs exklu­si­ve Büh­nen­auf­trit­te ver­stö­ren eben­so wie ihre Per­for­man­ces oder Video­clips. Sie betreibt alles ganz, oft ohne Rück­sicht auf das Publi­kum; sie singt, schreit, tobt auf der Büh­ne, hält inne und ist vom eige­nen Tun ergrif­fen, den Trä­nen nahe; sie steht nackt im Stall, in einer Her­de von Mast­schwei­nen auf dem Hof ihrer Eltern im öster­rei­chi­schen Gnas, läßt das fil­men, unter­legt es mit Ton­se­quen­zen. Sie ist der »Kunst­trä­ger« im bes­ten Ben­n­schen Sin­ne: »Der Kunst­trä­ger ist sta­tis­tisch aso­zi­al, weiß kaum etwas von vor ihm oder nach ihm, lebt nur sei­nem inne­ren Mate­ri­al, für das sam­melt er Ein­drü­cke in sich hin­ein, d.h. zieht sie nach innen, so tief nach innen, bis es sein Mate­ri­al berührt, unru­hig macht, zu Ent­la­dun­gen treibt. Er ist ganz unin­ter­es­siert an Ver­brei­tung, Flä­chen­wir­kung, Auf­nah­me­stei­ge­rung, an Kul­tur.« Womit sich der Kreis zur Fas­zi­na­ti­on schließt, einem wei­te­ren Cha­rak­te­ris­ti­kum von Anja Plaschgs Werk. Kom­men wir letzt­ma­lig auf das bis­lang maß­ge­bends­te Stück »Vater« zurück. Im Aus­klang wird der­wisch­haft die Auf­er­ste­hung des toten Vaters her­bei­be­schwo­ren: Um alles in der Welt, das dich am Leben hält / zer­schlag’ ich auch mein Him­mels­zelt / auf daß es unter dir zusam­men­fällt / und du dich neigst / und du dich end­lich wie­der zeigst. Kunst als magi­scher, sinn- und iden­ti­täts­stif­ten­der Reli­gi­ons­er­satz in Zei­ten des Bedeu­tungs­los­wer­dens, der Aus­höh­lung aller Wer­te? Viel­leicht. Plaschg holt zum Fina­le aus, die bis­he­ri­ge aus­schließ­li­che Kla­vier­be­glei­tung wird erwei­tert um Trom­pe­ten und Posau­nen, um Him­mels­klän­ge. Alles steigt ful­mi­nant zu ihrem von einer Wol­ke vor­ge­tra­ge­nen Gesang her­auf, ver­eint sich dort und ver­glüht. Hier ist ein lau­ter Moment der Ruhe geschaf­fen, Ben­ns Wal­lungs- und Rau­sch­wert hat sein Maxi­mum erreicht. Was bleibt? Nicht flim­mern­de, rau­schen­de Ver­zü­ckung der Syn­ap­sen wie bei Richard Wag­ner, son­dern Erdung, Ein­sicht und – Katharsis.

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