Auch ich: ein Hund!

Homo Creator, der abschließende Teil der Homines-Trilogie von Frank Lisson, ist ein faszinierendes und provozierendes Buch. Dazu ein paar tastende und vorläufige Bemerkungen: Verstehe ich Lisson richtig, dann bin auch ich ein Tier, das noch nicht so recht begriffen hat, wie sehr es von atavistischen »sozial-biologischen Funktionsweisen« gesteuert wird. Ich gehöre der Mehrheit jener nicht nur lebenden, sondern auch existierenden Wesen an, die noch nicht jenen Grad höherer Erkenntnis erreicht haben, der sie befähigt, auf ausreichende Distanz zu ihren uralten Reflexen und Konditionierungen zu gehen. Die »allermeisten Menschen«, so Lisson, verhielten sich »wie Hunde, die noch überall ihre Markierungen setzen, obwohl das in dem von Menschen beherrschten und domestizierten Habitat sinnlos geworden ist, aber als Gewohnheitsrudiment den Hund in seiner Hundewelt weiterhin steuert. Das Tier markiert, so als ob es tatsächlich noch ein Revier abzugrenzen hätte. Ein ähnlicher Instinkt lebt im Menschen fort, wenn er etwa auf seine ältesten metaphysischen Illusionen zurückgreift.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Homo Creator, der abschlie­ßen­de Teil der Homi­nes-Tri­lo­gie von Frank Lis­son, ist ein fas­zi­nie­ren­des und pro­vo­zie­ren­des Buch. Dazu ein paar tas­ten­de und vor­läu­fi­ge Bemer­kun­gen: Ver­ste­he ich Lis­son rich­tig, dann bin auch ich ein Tier, das noch nicht so recht begrif­fen hat, wie sehr es von ata­vis­ti­schen »sozi­al-bio­lo­gi­schen Funk­ti­ons­wei­sen« gesteu­ert wird. Ich gehö­re der Mehr­heit jener nicht nur leben­den, son­dern auch exis­tie­ren­den Wesen an, die noch nicht jenen Grad höhe­rer Erkennt­nis erreicht haben, der sie befä­higt, auf aus­rei­chen­de Distanz zu ihren uralten Refle­xen und Kon­di­tio­nie­run­gen zu gehen. Die »aller­meis­ten Men­schen«, so Lis­son, ver­hiel­ten sich »wie Hun­de, die noch über­all ihre Mar­kie­run­gen set­zen, obwohl das in dem von Men­schen beherrsch­ten und domes­ti­zier­ten Habi­tat sinn­los gewor­den ist, aber als Gewohn­heits­ru­di­ment den Hund in sei­ner Hun­de­welt wei­ter­hin steu­ert. Das Tier mar­kiert, so als ob es tat­säch­lich noch ein Revier abzu­gren­zen hät­te. Ein ähn­li­cher Instinkt lebt im Men­schen fort, wenn er etwa auf sei­ne ältes­ten meta­phy­si­schen Illu­sio­nen zurückgreift.«

Also gut: Ich bin auch einer jener Köter, die jeden Baum und Later­nen­pfahl mit Meta­phy­sik bepis­sen, die hecheln, wenn sie Weih­rauch schnup­pern, mit dem Schwanz wedeln, wenn ihnen eine geschnitz­te Madon­na zulä­chelt, und die sich demü­tig auf den Boden wer­fen, wenn die Johan­nes­pas­si­on erklingt, die Krea­ti­on eines schöp­fe­ri­schen Hun­des namens Johann Sebas­ti­an Bach, der die Kul­tur­tech­nik des Kom­po­nie­rens so voll­kom­men in den Dienst meta­phy­si­scher Illu­sio­nen gestellt hat wie noch nie­mand vor ihm. »Herr! Herr! Unser Herr­scher, des­sen Ruhm in allen Lan­den herr­lich ist!« erschallt der Chor der sin­gen­den Hun­de, und nun erfah­re ich, daß doch nur ein Herr­chen gemeint war, das sich der kom­po­nie­ren­de Hund noch dazu sel­ber gemacht hat, um sich auf die­ser trü­ben Erde nicht gänz­lich allein füh­len zu müs­sen. Die Schall­wel­len tref­fen auf Rezep­to­ren in mei­nem Gehirn, die auf­glü­hen wie neu­ro­bio­lo­gi­sche Glas­fa­ser­ka­bel und ein zere­bra­les Opi­um aus­schüt­ten, das nichts mit dem Wah­ren, Schö­nen und Guten und ande­ren evo­lu­tio­när über­hol­ten Fik­tio­nen zu tun hat. Für das Kunst­werk müß­ten dann eben­so wie für Fahr­rä­der und Smart­pho­nes die­se Zei­len aus Homo Creator gel­ten: »Es ist die Ehr­furcht des Men­schen vor sei­nen eige­nen Schöp­fun­gen, die ihn dazu ver­führ­te, noch einen wei­te­ren Schöp­fer über sich hin­aus zu ver­mu­ten, ja zu erhof­fen. Lebt er doch in einer anschei­nend gemach­ten Welt, an der er kei­nen Anteil hat, außer, sich in ihr sel­ber als ein Gemach­tes zu emp­fin­den. Wie des­il­lu­sio­nie­rend und bedrü­ckend muß da die Tat­sa­che klin­gen, daß der Mensch Tech­ni­ker und Schöp­fer in einer allein von ihm geschau­ten Welt ist, die außer­halb sei­nes Bewußt­seins kei­nen Bestand und kei­ner­lei Bedeu­tung hat.«

Ist die Kunst dann aber noch ein »Rät­sel«, wie Mar­tin Hei­deg­ger sag­te? Kann man aus die­ser Per­spek­ti­ve ihr Rät­sel denn noch sehen? Ich ver­su­che mir vor­zu­stel­len, was das bedeu­tet, daß ein bloß ent­stan­de­nes, nicht gemach­tes Lebe­we­sen als ers­tes sei­ner Art zum Demi­ur­gen sei­ner selbst und sei­ner Umwelt wer­den kann; eine Tätig­keit, die ihm offen­bar im Blu­te oder auch in zufäl­li­gen Chro­mo­so­men­ver­bin­dun­gen liegt. Auch die Reli­gio­nen und ihre Riten sind »gemacht«, aber sind sie auch »Machen­schaf­ten«? So begin­nen die »Anathe­ma­ta« des katho­li­schen Dich­ters David Jones: »Sofort und zu aller­erst erken­nen wir, daß er die­ses Ding anders macht. Schon formt sich, wenn wir auf­mer­ken, sei­ne tas­ten­de Syn­tax: ADSCRIPTAM, RATAM, RATIONABILEM … und im vor­aus und für sie, in Struk­tu­ren und For­men, die ganz die ihren sind, erhe­ben die hei­li­gen und ehr­wür­di­gen Hän­de ein wirk­sa­mes Zeichen.«

Viel­leicht hängt mein Bewußt­sein auch bloß an der Illu­si­on ohne Zukunft, die mich mit men­ta­lem Sauer­stoff ver­sorgt, wehrt sich viel­leicht nur gegen das »Bedrü­cken­de« die­ser »Tat­sa­che«. Ich bin viel­leicht ein all­zu ein­ge­fleisch­tes, unfle­xi­bles Tier aus dem unwi­der­ruf­lich zu Ende gehen­den Zeit­al­ter der »Kul­tur« und habe nicht begrif­fen, daß »Zivi­li­sa­ti­on« den »Zustand des Als-ob« bedeu­tet: »Jeder kann sei­ne Prä­fe­renz für sich sel­ber leben und so tun, als ob er damit noch einem Zustand ange­hör­te, aus dem er längst ent­las­sen wor­den ist: man kann in die Kir­che gehen, so als ob es einen Gott gäbe; man kann Allah, Jah­we, Shi­va oder Erd­geis­ter anbe­ten, so als ob noch eine ›Kul­tur‹ dahin­ter stün­de.« Die Welt des Are­li­giö­sen ist aber eine ande­re als die des Reli­giö­sen, der so unver­schämt ist, mit Dávi­la zu behaup­ten: »Die Reli­gi­on hat kei­ne Wur­zeln im Men­schen«, denn sie sei »weder Kon­klu­si­on aus Ver­nunft­grün­den, noch Erfor­der­nis der Ethik, noch Sta­di­um der Sen­si­bi­li­tät, noch Instinkt, noch sozia­les Pro­dukt.« Auch bin ich immer noch so töricht zu glau­ben, daß es »unab­hän­gig vom Lauf der Welt­ge­schich­te und der Ent­wick­lung der Din­ge« etwas geben könn­te, das weder dem Raum noch der Zeit ange­hört. Gleich einem Trieb­tä­ter springt mein Bewußt­sein immer wie­der auf die­se fixe Hun­deidee zurück. Eini­ge weni­ge, ein­sa­me Hun­de sind jedoch schon über der Linie, sie haben den Instinkt der hart­nä­cki­gen »meta­phy­si­schen Illu­sio­nen« abge­schüt­telt, oder bemü­hen sich red­lich dar­um, die letz­ten pein­li­chen Über­bleib­sel in sich abzu­tö­ten. Tie­re, die ans Land gekro­chen sind, brau­chen kei­ne Kie­men und Flos­sen mehr und sind manch­mal sogar schon schlau genug, sich Flü­gel zu bas­teln. Jener Hund, der imstan­de ist, die hün­di­schen Ratio­na­li­sie­run­gen zu durch­schau­en, erscheint uns, dem rück­stän­di­gen Rudel, als destruk­ti­ver Zyni­ker, dabei ist er bloß ein Phi­lo­soph, der kein kynos mehr sein will und kann. Wür­de nun ein solch auf­ge­klär­ter Hund sei­ne Art­ge­nos­sen auf »die Sinn­lo­sig­keit des Mar­kie­rens« hin­wei­sen und dar­an erin­nern, »daß die Funk­ti­ons­wei­sen des Hun­des nur für Hun­de gäl­ten und außer­halb ihrer Welt bedeu­tungs­los sei­en, also nicht für all­ge­mei­ne Wahr­hei­ten gehal­ten wer­den dürf­ten, gin­ge ein Auf­schrei durch die Hun­de­welt und alle wür­den rufen: hin­fort mit ihm, der sich anma­ßend über unse­re Art stellt!«

Bekannt­lich bel­len die getrof­fe­nen Hun­de, ich für mei­nen Teil heu­le aber lie­ber wei­ter­hin den Mond an. Ein inter­es­san­ter Defekt mei­nes Gehirns läßt mich in dem Gestirn etwas »Erha­be­nes« oder »Poe­ti­sches« sehen, und es will ums Ver­re­cken nicht in mei­nen Ver­stand sickern, daß ich ledig­lich zu einer nack­ten, sinn­los im Welt­all krei­sen­den Kugel auf­bli­cke, in die hin und wie­der ein blöd­sin­ni­ger Mete­or einen Kra­ter schlägt, der mei­nem Hun­deau­ge irgend­wie »male­risch« erscheint. Ist es Aus­druck mei­nes Erstau­nens, daß Sei­en­des über­haupt ist, wenn ich vom Mond in die­ser Art rede, oder webe ich an einem Schlei­er aus Seins­ver­ges­sen­heit? Schon hängt er als Spiel­zeug in mei­nem Kin­der­zim­mer, mit einer Nase, Augen und einem Mund, und einem auf­zieh­ba­ren Mecha­nis­mus, der mir ein Gute­nacht­lied spielt. Ein Mär­chen nur?

Im Jah­re 1943 erreg­te eine Stel­le in einem Schul­buch die Besorg­nis eines apo­lo­ge­ti­schen Hun­des namens C.S. Lewis. Dar­in wur­de eine Geschich­te dis­ku­tiert, in der zwei Tou­ris­ten einen Was­ser­fall betrach­ten; der eine bezeich­net ihn als »erha­ben«, der ande­re bloß als »hübsch«. Das Schul­buch erläu­ter­te, daß die bei­den in Wahr­heit kei­ne Fest­stel­lun­gen über den Was­ser­fall gemacht hät­ten, son­dern nur über ihre sub­jek­ti­ven und damit unver­bind­li­chen »erha­be­nen« oder »hüb­schen« Gefüh­le. Wer hät­te gedacht, daß ein solch unschein­ba­rer Gedan­ken­gang in letz­ter Kon­se­quenz zur »Abschaf­fung des Men­schen« im Namen der nur mehr prak­ti­schen Ver­nunft füh­ren kann? Zu sei­nem trans­hu­ma­nen Umbau in den Hän­den von Tech­ni­kern und Inge­nieu­ren, in »die Ein­span­nung« des Men­schen »in die gleich­ge­bau­te und gleich­schnit­ti­ge Ein­rich­tung alles Sei­en­den«, um es mit Hei­deg­ger zu sagen? »Wenn man durch alles hin­durch­schaut, dann ist alles durch­sich­tig. Aber eine voll­stän­dig durch­sich­ti­ge Welt ist unsicht­bar gewor­den. Wer alles durch­schaut, sieht nichts mehr«, schrieb Lewis.

Frank Lis­son zählt sich selbst zu jenen, die all die jahr­tau­sen­de­al­ten Kulis­sen »als sol­che längst durch­schaut« haben, und er blickt ein wenig hoch­mü­tig auf die Nach­züg­ler her­ab. Auch die »Abschaf­fung des Men­schen« fürch­tet er nicht, im Gegen­teil: »Man stel­le sich ein­mal vor: fünf­hun­dert Jah­re Inter­net, fünf­hun­dert Jah­re Digi­ta­li­sie­rung, fünf­hun­dert Jah­re Nano­tech­nik und Gene­tik, fünf­hun­dert Jah­re Welt­raum­te­le­sko­pe!« Irgend­wo an einem fer­nen Hori­zont erblickt er bereits die »Gestalt des Homo Abso­lu­tus«, den »Ver­such einer tota­len Los­lö­sung als not­wen­di­ge Ant­wort auf das prin­zi­pi­ell ent­bin­den­de Leben nach den Kul­tu­ren.« Bis dahin wer­den die Geburts­we­hen noch andau­ern. Die Mensch­heit, ein­ge­spannt in den Motor der von ihr selbst geschaf­fe­nen, nicht mehr zu stop­pen­den Maschi­ne, hat in die­ser Lage ohne­hin nur mehr die Wahl, ent­we­der zu kre­pie­ren oder zu mutie­ren. Even­tu­ell wer­den sich die alten Befürch­tun­gen als gegen­stands­los erwei­sen, »der Mensch wer­de sich durch Tech­no­lo­gie sei­ner selbst ent­frem­den«, bringt er doch nur zur Ent­fal­tung, was in ihm bereits ange­legt ist. Oder wird sie doch kom­men, die göt­ter­lo­se »Welt­nacht« Hei­deg­gers, in der die äuße­re Ent­fal­tung der Tech­nik ihren Höhe­punkt erreicht hat und gleich­zei­tig die Ent­fer­nung vom Sein am größ­ten ist? »Das Hei­le ent­zieht sich. Die Welt wird heil­los. Dadurch bleibt nicht nur das Hei­li­ge als die Spur zur Gott­heit ver­bor­gen, son­dern sogar die Spur zum Hei­li­gen, das Hei­le, scheint aus­ge­löscht zu sein.«

Viel­leicht endet auch alles viel tri­via­ler und lang­wei­li­ger, »not with a bang but with a whim­per«. Tech­no­lo­gi­sche Erneue­run­gen erwei­tern in der Regel kaum das Bewußt­sein ihrer Kon­su­men­ten, son­dern sind fast immer Agen­ten der Bana­li­sie­rung und der Tyran­nei der Quan­ti­tät, erzeu­gen Heer­scha­ren von Gestell-Krüp­peln, die gewiß post­kul­tu­rel­le Exis­ten­zen füh­ren, ansons­ten aber alles ande­re als »los­ge­löst« wir­ken. »Was das Inter­net betrifft, so mün­den die phan­tas­ti­schen Ver­spre­chen in Ozea­nen von Por­no­gra­phie und Kat­zen­bil­dern. Die Wun­der des Smart­pho­nes erzeu­gen Zil­li­ar­den von Sel­fies und eine uner­meß­li­che Anzahl von pro­fa­nen Sta­tus-Aktua­li­sie­run­gen auf Face­book«, schrieb der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Jack Dono­van. Trotz­dem sind wir im Bereich des Sexus und Eros Adam und Eva geblie­ben, und Hun­de und Kat­zen rüh­ren uns, weil sie eben kei­ne Maschi­nen sind. Den Tie­ren und Gestir­nen ist es frei­lich gleich­gül­tig, wel­che sen­ti­men­ta­len Deu­tun­gen wir in sie hin­ein­le­gen. Das haben sie viel­leicht mit Gott gemein­sam. »Alles, was ist, ist um sei­ner selbst wil­len da«, schreibt Lis­son im Vor­wort zu Homo Creator. »Unent­wegt ster­ben Ster­ne und wer­den neue gebo­ren. Nach heu­ti­ger Schät­zung bewe­gen sich fünf­zig Mil­li­ar­den Gala­xien im Raum, von denen nur eine unse­re Milch­stra­ße ist. Die Milch­stra­ße wie­der­um ver­sam­melt etwa zwei­hun­dert Mil­li­ar­den Ster­ne; einen davon, am ruhi­gen Rand der Gala­xie, umkreist unse­re Erde. Sobald wir uns in das Unvor­stell­ba­re der heu­ti­gen Kennt­nis­se aus Phy­sik und Kos­mo­lo­gie hin­ein­zu­den­ken ver­su­chen, ver­lie­ren alle nai­ven Got­tes­vor­stel­lun­gen und Heils­er­war­tun­gen der letz­ten drei­tau­send Jah­re sogleich an Attrak­ti­vi­tät und Bedeutung.«

Ich wie­der: Ich armer Hund emp­fin­de genau umge­kehrt. Wie kann ich, ein den­ken­des Schilf­rohr, eine Hand­voll Staub mit mei­nem tra­gi­schen Bewußt­s­eins­fünk­chen in der Dun­kel­heit des blo­ßen Seins, ange­sichts die­ser uner­meß­li­chen kos­mi­schen Wun­der so ver­mes­sen sein, zu glau­ben, daß kein Gott ist? Gewiß, auch ich ken­ne das Schau­dern, das einem berühm­ten, am eige­nen Bewußt­sein lei­den­den Tier vor vier­hun­dert Jah­ren, an der Schwel­le eines neu­en Äons, ins Gehirn gekro­chen ist wie ein Split­ter vom Kreuz von Gol­go­tha: »Das ewi­ge Schwei­gen die­ser unend­li­chen Räu­me erschreckt mich.« Ich den­ke nun auch an die grun­zen­den Affen­men­schen aus Stan­ley Kubricks Odys­see im Welt­raum, die einem plötz­lich auf­tau­chen­den, recht­ecki­gen Mono­li­then begeg­nen, einem Gegen­stand von voll­ende­ter Per­fek­ti­on, Epi­pha­nie einer rei­nen und absichts­lo­sen Form und Anti-Natur. Die Affen beschnup­pern und betas­ten ihn, aber das Arte­fakt bleibt zugleich nah und schwer zu fas­sen wie ein Gott. Kurz dar­auf ent­deckt einer von ihnen, daß er mit einem Kno­chen sei­ne Schlag­kraft um ein Viel­fa­ches erhö­hen, ihn als Waf­fe benut­zen kann. Eksta­tisch schlägt er das Ske­lett eines Tie­res in Stü­cke, wäh­rend Richard Strauss’ Also sprach Zara­thus­tra erklingt. Tri­um­phie­rend wirft der Ur-Pro­me­theus sein neu­es Werk­zeug in die Luft; die Kame­ra folgt die­sem auf sei­ner Flug­bahn in den blau­en Him­mel. Kubrick schnei­det abrupt auf ein wei­ßes, im All schwe­ben­des Raum­schiff in der Form eines Kno­chens: zwei Mani­fes­ta­tio­nen ein und des­sel­ben Prin­zips. Der Rest des Films spielt in einer kom­plett künst­li­chen Welt, die von Homi­nes sapi­en­tes in geo­me­tri­sche For­men gebracht wur­de und in der ele­gant geschnit­te­ne Raum­sta­tio­nen laut­los durch die unend­li­chen Räu­me tan­zen. Am Ende der Odys­see fin­det sich ein Astro­naut in einem mys­te­riö­sen, nicht min­der arti­fi­zi­el­len Barock­zim­mer wie­der; der Mono­lith erscheint ihm, und er tritt in ihn ein wie in eine Art Geburts­ka­nal, um als »Ster­nen­kind« wie­der­ge­bo­ren zu wer­den, viel­leicht als Pro­to­typ einer neu­en, den bis­he­ri­gen Men­schen über­stei­gen­den Spezies.

Ist die­se neue Mensch­heit nun erlöst von »meta­phy­si­schen Illu­sio­nen« und der mit ihnen eng ver­schwis­ter­ten Todes­furcht, jenem gro­ßen Motor der Kul­tur­leis­tun­gen? »Der Mensch«, so schrieb der Sozi­al­an­thro­po­lo­ge Ernest Becker, »ent­wi­ckel­te sich vom instinkt­ge­lenk­ten, unre­flek­tier­ten und auto­ma­tisch han­deln­den nie­de­ren Tier­we­sen zu einer Krea­tur, die sich über ihr eige­nes Los Gedan­ken mach­te. Ihm wur­de das Ich­be­wußt­sein sowie die Halb­gott­sta­tur inner­halb der Schöp­fung gege­ben; er erkann­te die Schön­heit und Ein­zig­ar­tig­keit des eige­nen Ant­lit­zes, er bekam einen Namen. Gleich­zei­tig erhielt er auch das Wis­sen vom Schre­cken der Welt, von sei­nem eige­nen Tode und Ver­fall.« Sei­ne Krea­tür­lich­keit erin­nert ihn immer wie­der dar­an, daß er, »soweit es die Natur angeht, nichts als ein Leib ist. Die Wer­te der Natur sind kör­per­lich, die des Men­schen geis­tig. Obwohl sie sich zu den Ster­nen erhe­ben, sind sie auf Exkre­ment gebaut, kön­nen ohne es nicht exis­tie­ren und wer­den immer­fort dar­an erin­nert.« Zuwei­len erkann­te der Mensch sich als eine Art Gott, lebe »als ob« er total los­ge­löst, »als ob« er Schöp­fer sei­ner selbst sein könn­te, aber er bleibt am Ende immer ein Pseu­do-Gott, des­sen Leib zum Fraß der Wür­mer bestimmt ist. Solan­ge das so ist, wird das Dasein des Men­schen Alp­träu­me gebä­ren, die kei­ne noch so ela­bo­rier­te Tech­nik ver­ja­gen wird, eben­so wie Hoff­nun­gen, die die Tech­nik nie­mals erfül­len kann. »Er flüs­ter­te mir zu, daß mein Plan fehl­ge­lei­tet war«, heißt es in einem von Cur­rent 93 ver­ton­ten Text von Tho­mas Ligot­ti. »Daß mein beson­de­rer Plan für die­se Welt ein schreck­li­cher Feh­ler war. Denn, sag­te er, es gibt nichts zu tun, und man kann nir­gend­wo hin­ge­hen. Man kann nichts sein und nie­man­den ken­nen. Dein Plan ist ein Feh­ler, wie­der­hol­te er. Die­se Welt ist ein Feh­ler, ant­wor­te­te ich.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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