Tabubruch eines Etablierten

Armin Nassehi ist, gemessen am Zustand des akademischen Establishments in der BRD, ein mutiger, ein freier Mann. Der in München lehrende Soziologe legt uns ein zwar im üblichen Slang geschriebenes, aber lesenswertes Buch vor. Es geht ihm um die Frage, wie sich die krisenhafte Gesellschaft der Gegenwart in ihrer Komplexität angemessen erfassen läßt, damit über politische »Lösungsansätze« überhaupt nachgedacht werden kann. Mutig ist Nassehi, weil er dabei ein Tabu bricht: Er publiziert im Anhang seines Textes eine Korrespondenz, die er mit Götz Kubitschek geführt hat. Daß hier ein professoraler Vertreter der guten Gesellschaft den hiesigen totalitären Konsens aufkündigt und so sachlich wie fair mit dem profiliertesten Vertreter der »Neuen Rechten« spricht, hat angesichts der Distanzierungsorgien einer als Alternative angetretenen neuen Partei seinen besonderen Gout.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Armin Nas­sehi ist, gemes­sen am Zustand des aka­de­mi­schen Estab­lish­ments in der BRD, ein muti­ger, ein frei­er Mann. Der in Mün­chen leh­ren­de Sozio­lo­ge legt uns ein zwar im übli­chen Slang geschrie­be­nes, aber lesens­wer­tes Buch vor. Es geht ihm um die Fra­ge, wie sich die kri­sen­haf­te Gesell­schaft der Gegen­wart in ihrer Kom­ple­xi­tät ange­mes­sen erfas­sen läßt, damit über poli­ti­sche »Lösungs­an­sät­ze« über­haupt nach­ge­dacht wer­den kann. Mutig ist Nas­sehi, weil er dabei ein Tabu bricht: Er publi­ziert im Anhang sei­nes Tex­tes eine Kor­re­spon­denz, die er mit Götz Kubit­schek geführt hat. Daß hier ein pro­fes­so­ra­ler Ver­tre­ter der guten Gesell­schaft den hie­si­gen tota­li­tä­ren Kon­sens auf­kün­digt und so sach­lich wie fair mit dem pro­fi­lier­tes­ten Ver­tre­ter der »Neu­en Rech­ten« spricht, hat ange­sichts der Distan­zie­rungs­or­gi­en einer als Alter­na­ti­ve ange­tre­te­nen neu­en Par­tei sei­nen beson­de­ren Gout.

Wie kühn sich der Sozio­lo­ge selbst weiß, erkennt man dar­an, daß sein gan­zes Buch durch­zo­gen ist von Absi­che­rungs- und Recht­fer­ti­gungs­for­meln, die zugleich eine typi­sche Reak­ti­on eta­blier­ter Eli­ten auf kri­sen­haf­te Erfah­run­gen ver­ra­ten. Die »empi­ri­schen« Befun­de Kubit­scheks zur Lage näm­lich teilt Nas­sehi offen­sicht­lich, muß dar­über aber um so mehr die Dif­fe­renz zwi­schen sei­ner Posi­ti­on und jener der Rech­ten beto­nen: Er kennt die ein­schlä­gi­gen Aus­schluß­me­cha­nis­men sei­ner Leu­te und benennt sie im Buch. Daß sich Nas­sehi den­noch auf einen sol­chen Dia­log ein­läßt, könn­te man daher auch sys­te­misch-funk­tio­nal deu­ten – sei­ner sym­pa­thi­schen Gesprächs­be­reit­schaft auf intel­lek­tu­el­lem Feld ent­spricht die (un)verschämte Füh­lung­nah­me Sig­mar Gabri­els, des Pop-Beauf­trag­ten der SPD, kürz­lich mit der Dresd­ner PEGIDA. In der »Anschluß­fä­hig­keit« (Nas­sehi) der rech­ten Lage­be­ur­tei­lung wit­tert man offen­bar näm­lich dort eine rea­le Gefahr, wo ein Mar­xist in sei­ner ver­meint­lich über­hol­ten Beschrei­bungs­wei­se von einer herr­schen­den Klas­se sprä­che – die­ser wird all­mäh­lich die Fra­gi­li­tät ihrer Stel­lung bewußt.

Nas­sehis Buch ist jen­seits des Sym­pto­ma­ti­schen auch sub­stan­ti­ell lesens­wert, da all jene seit Ende des 19. Jahr­hun­derts viru­len­ten und dia­gnos­ti­zier­ten Pro­ble­me moder­ner Gesell­schaf­ten durch die wis­sen­schaft­li­che, tech­no­lo­gi­sche und kapi­tal­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung viel­fach poten­ziert wur­den. Der klas­si­sche lin­ke Zugriff auf die­se Her­aus­for­de­run­gen ist Nas­sehi zufol­ge sträf­lich »unter­kom­plex«: Die Idee, Gesell­schaf­ten sozi­al­tech­nisch nach Plan »umzu­bau­en«, ver­ken­ne die rea­le Kom­ple­xi­tät der Ver­hält­nis­se. Lin­ke Poli­tik besit­ze daher »am Ende doch eine auto­ri­tä­re Grund­struk­tur«, um ihre Visio­nen gegen die kom­ple­xe Wirk­lich­keit durch­zu­set­zen. Nas­sehi gesteht sich sogar ein, daß der »Natio­nal­so­zia­lis­mus eher eine lin­ke Bewe­gung« gewe­sen sei, inso­fern er »die revo­lu­tio­nä­re Her­stel­lung des Neu­en Men­schen wollte«.

Einem kon­ser­va­ti­ven Zugriff, der in der Kri­se auf die Ein­sichts­fä­hig­keit der Per­sön­lich­keit baut, beschei­nigt der Sozio­lo­ge wie­der­um eine im Grun­de idea­lis­ti­sche Ver­ken­nung der Tat­sa­che, daß Eigen- und Kol­lek­ti­v­in­ter­es­sen meist weit aus­ein­an­der­klaff­ten. Einer »rech­ten« Posi­ti­on schließ­lich unter­stellt er die Ten­denz zur rabia­ten Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on in eben­so rabia­ten Homo­ge­ni­sie­rungs­phan­ta­sien: Man »tran­szen­die­re« dort das Volk zur unhin­ter­geh­ba­ren Ori­en­tie­rungs­in­stanz, die alles rich­ten sol­le und dabei jede Abwei­chung, alles »Frem­de« aus­zu­mer­zen dro­he. Daß es Sek­ten gibt, die Uto­pien eth­ni­scher oder ras­si­scher Rein­heit pfleg­ten und pfle­gen, sei unbe­strit­ten – wo sol­ches aber einer Rech­ten gene­rell unter­stellt wird, zeigt dies nur, wie man sich selbst von einem Phan­tas­ma zum Nar­ren hal­ten läßt. Daß sol­che Vor­be­hal­te Nas­sehis auch aus einer bio­gra­phi­schen Wur­zel genährt wer­den, tritt in der Kor­re­spon­denz zuta­ge: Es ist die Sor­ge, als Sohn eines Per­sers und einer Schwä­bin nicht »rein« genug für eine ima­gi­nier­te »Volks­ge­mein­schaft« zu sein. Dar­an erweist sich die Macht der Dis­kurs­ord­nung, die vom medi­o­po­li­ti­schen Kom­plex hier­zu­lan­de, und nicht nur dort, exe­ku­tiert wird. Ein ech­ter Dia­log hät­te hier erst zu begin­nen, denn es gäbe für bei­de Sei­ten viel von­ein­an­der zu ler­nen: die kom­ple­xe Denk­tra­di­ti­on der Rech­ten für die einen und ernst­zu­neh­men­de Dia­gno­sen einer zeit­ge­mä­ßen Sozio­lo­gie für die ande­ren. Es wird sich indes zei­gen müs­sen, ob Nas­sehi nicht nur mutig, son­dern auch tap­fer ist und wei­ter offen bleibt, wenn die Dis­kurs­ge­sell­schaft in ihrer »repres­si­ven Tole­ranz« (Gerd Berg­fleth) das Feu­er auf ihn eröffnet.

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Aus dem über drei­ßig Sei­ten lan­gen Brief­wech­sel zwi­schen Armin Nas­sehi und Götz Kubit­schek dru­cken wir im fol­gen­den zwei Pas­sa­gen ab, die reprä­sen­ta­tiv sind für den Ton des Dia­logs und den zen­tra­len Diskussionsgegenstand.

Armin Nas­sehi an Götz Kubit­schek, 4. April 2014

Ihren empi­ri­schen Beschrei­bun­gen ver­mag ich voll­ends zu fol­gen. Dort, wo das Han­deln der Men­schen unmit­tel­ba­re Fol­gen für sie selbst hat bezie­hungs­wei­se wo sie Unsi­cher­heit erfah­ren, wer­den sie »kon­ser­va­tiv« in dem Sin­ne, daß sie ziem­lich deut­lich zwi­schen dem »Eige­nen« und dem »Frem­den« unter­schei­den – gemeint ist damit: zwi­schen dem, was als ver­traut behan­delt wird, und dem, was als unver­traut erlebt wird. Hier haben Sie eben­so All­tags­evi­denz wie auch die sozi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schung auf Ihrer Sei­te. Das wis­sen wir genau. Auch Ihrer Bewer­tung, wie ein­fach es sich die­je­ni­gen machen, die, wie Sie for­mu­lie­ren, aus­wei­chen kön­nen, fol­ge ich. Das ist in der Tat die offe­ne Wun­de der­je­ni­gen, von denen ich am Beginn unse­res Gesprächs als den­je­ni­gen sprach, die links reden und rechts leben.

Inter­es­sant wäre ja das Gedan­ken­ex­pe­ri­ment, ob wir denn über­haupt Dif­fe­ren­zen hät­ten, wür­den wir uns unse­re Gesell­schaft ganz ohne Migran­ten vor­stel­len, oder bes­ser: ganz ohne sol­che, denen man so etwas wie Fremd­heit zuschrei­ben wür­de – ganz abge­se­hen davon, daß ich selbst ein Abkömm­ling von Migra­ti­on bin, aller­dings mit einer sehr deut­schen Sozia­li­sa­ti­on. Mein Vater kam 1954 aus Per­si­en nach Deutsch­land zum Stu­die­ren und blieb, mei­ne Mut­ter war Schwä­bin, kam aus einer sehr kon­ser­va­ti­ven katho­li­schen Fami­lie, was in den 1950er und 1960er Jah­ren nicht ganz ein­fach war. Aber zurück zum Gedan­ken­ex­pe­ri­ment: Gäbe es zwi­schen uns über­haupt Differenzen?

Ich mei­ne: ja. Die­se lie­gen dar­in, daß eine Posi­ti­on wie die Ihre letzt­lich auf so etwas wie die Idee sta­bi­ler Fremd­heit ange­wie­sen ist – und viel­leicht ist es das, was eine »rech­te« Posi­ti­on aus­macht, denn letzt­lich haben Sie ein Ver­ständ­nis der Gesell­schaft, als hand­le es sich bei ihr um ein Grup­pen­phä­no­men, als sei eine Gesell­schaft eine sozia­le Grup­pe, in der Lebens­ori­en­tie­run­gen, Lebens­for­men, sozi­al­mo­ra­li­sche Wer­te usw. wirk­lich geteilt wür­den und von der sich so etwas wie Fremd­grup­pen tat­säch­lich abhe­ben können.

Götz Kubit­schek an Armin Nas­sehi, 8. April 2014

Ich kom­me zu den ande­ren Fra­ge­stel­lun­gen Ihres Briefs, sie hän­gen damit zusam­men: Sehr wohl sehe ich, sehen wir das Des­in­te­gra­ti­ve in unse­rer Gesell­schaft, und es ist fast bil­lig, zu sagen, daß auch uns man­ches guter­zo­ge­ne Migran­ten­kind sym­pa­thi­scher ist und näher­steht als jene anma­ßen­den, deut­schen Rotz­löf­fel, denen noch nie eine äuße­re oder inne­re Not Bei­ne mach­te. Den­noch sind die­se Rotz­löf­fel Teil unse­res Vol­kes, und wenn der seit Jahr­zehn­ten abwe­sen­de Ernst­fall im gro­ßen oder im klei­nen den sozia­len, staat­lich finan­zier­ten Repa­ra­tur­be­trieb zum Erlie­gen bringt, wird sich jeder sofort dar­an erin­nern, wer »Wir« ist und wer »Nicht Wir«. Die Fremd­heit, die dar­aus resul­tiert, ist in der Tat ziem­lich sta­bil, die Anver­wand­lung des Frem­den in das Eige­ne ein lang­sa­mer Pro­zeß. Und: Die Abgren­zung des Ich und des Wir von etwas Frem­dem ist schlicht eine Kon­stan­te. Ist es nicht so, daß nir­gends die Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men gna­den­lo­ser arbei­ten als aus Grup­pen her­aus, die Grup­pen­exis­ten­zen leug­nen? Liegt dies nicht an ihrer grund­sätz­li­chen Instabilität?

Die Grup­pen­exis­tenz des »Wir« im natio­na­len und damit auch eth­nisch gebun­de­nen Sinn ist unhin­ter­geh­bar, davon bin ich über­zeugt. Sie spielt der­zeit viel­leicht eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le, im intel­lek­tu­el­len Milieu sowie­so; die Zuschrei­bung, Deut­scher zu sein, ent­fal­tet aber sofort ihre Dyna­mik, wo der Ernst­fall auch nur vor­bei­streicht (Fuß­ball, Aus­lands­ein­sät­ze, Export­über­schuß). Daß dies übri­gens unter ande­rem eine Fol­ge der extrem nega­ti­ven und zum Teil von außen her­ein­ge­tra­ge­nen Geschichts­po­li­tik ist, haben die klü­ge­ren Lin­ken und CDU-Kon­ser­va­ti­ven irgend­wann bemerkt und es eine Zeit­lang mit Nor­ma­li­täts­ap­pel­len und vor­sich­ti­gen Schluß­strich-Paro­len ver­sucht – vergebens.

Von die­sem Punkt aus kann ich nun Ihre Fra­ge beant­wor­ten, ob es zwi­schen uns Dif­fe­ren­zen gäbe, wenn die­ses Land kei­ne oder nur ganz weni­ge Migran­ten hät­te. Wir hät­ten kei­ne, wenn Sie mir zustimm­ten, daß das deut­sche Volk ein sehr beson­de­res Volk ist und daß es das Ziel unse­rer Bemü­hun­gen sein muß, die­se Beson­der­hei­ten zum Blü­hen zu brin­gen, immer wie­der aufs neue.

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