Sezession
1. Februar 2014

Die Globalisierung des Krieges

Gastbeitrag

Im Jahre 1892 wurde über den französisch-russischen Bündnisvertrag verhandelt. Als der russische Zar Alexander III. den Vertragsentwurf zu Gesicht bekam, stimmte er sofort lebhaft zu: »Wir müssen die Fehler der Vergangenheit korrigieren und Deutschland bei der ersten Gelegenheit vernichten.« Der Vertrag kam zum Abschluß und blieb bis zum Jahr 1914 sowohl gültig als auch absolut geheim. Das, was Zar Alexander III. geäußert hatte, klang allerdings in den Ohren der anwesenden Diplomaten allzu deutlich. Sie waren an eine zurückhaltende Sprache gewöhnt, Offenherzigkeit war ihnen nicht geheuer. Was brachte den Herrscher beim Blick auf Deutschland zu solchen Vernichtungsphantaisen? Wo lagen »die Fehler der Vergangenheit«?

Aus russischer Sicht bestand dieser Fehler in nichts Geringerem als der Existenz Deutschlands als vereintem Staat. Diese Vereinigung – die 1871 durch einen Wink aus Moskau ohne weiteres hätte verhindert werden können – hatte Folgen nach sich gezogen, die nicht bedacht worden waren. So hatte man doch in Berlin offenbar nicht verstanden, daß auch ein vereinigtes Deutschland ein vergleichsweise kleiner und abhängiger Akteur auf der internationalen Bühne zu bleiben hatte. Statt dessen ergriff der neuerdings zum Reichskanzler avancierte preußische Ministerpräsident und frühere Botschafter am russischen Hof, Otto von Bismarck, schon kurze Zeit später im Jahr 1878 die Gelegenheit, um Deutschland als Souverän zu inszenieren. Er bat zum »Berliner Kongreß«, um als neutraler »ehrlicher Makler«, die ganz großen Angelegenheiten der europäischen Politik zu regeln. Statt bei dieser Veranstaltung als treuer und dankbarer preußischer Vasall die damals aktuellen russischen Forderungen in Richtung türkischer Meerengen zu unterstützen, blieb er tatsächlich neutral.

Das hat man am russischen Hof in den folgenden Jahrzehnten nicht vergessen. Deutschland wurde zunehmend als Hindernis und lästiges Ärgernis verstanden, das aus der Tatsache, direkt und nur zweihundert Kilometer von seiner Hauptstadt entfernt an den größten Staat der Erde zu grenzen, nicht die richtigen Schlußfolgerungen zog. Fürs erste war das keine Angelegenheit von akuter Bedeutung, da die ganz große Weltpolitik sich von Europa abgewendet hatte. Die Aufteilung Zentral- und Ostasiens in direkte Herrschaftsgebiete und Interessensphären war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vollem Gang und beanspruchte die russische Aufmerksamkeit so gut wie die englische und die amerikanische. Der Rest der Welt wurde politisch und wirtschaftlich erschlossen – wenn man es neutral formulieren will.

Damit kam ein Prozeß in sein Endstadium, der seit der frühen Neuzeit in Gang war. Man kann ihn als »Globalisierung der Politik« defnieren. Die »Entdeckung« der Welt durch europäische Seefahrer, ihre Eroberung und teilweise Besiedlung lieferten neue Interessenkonflikte überall auf dem Planeten. Ganze Kontinente wurden kulturell neu geprägt. Diese neue Entwicklung lieferte auch Macht zurück nach Europa. Dies machte es der europäischen Politik zusehends unmöglich, ihre Angelegenheiten unter bloßem Rückgriff auf Kraftquellen zu regeln, die innerhalb Europas lagen. Die Möglichkeiten jener Staaten, die nicht auf Potential in Übersee zurückgreifen konnten, wurden dadurch eingeschränkt. Wer etwa gegen Großbritannien Krieg führen wollte, der hatte es nicht nur mit einer mehr oder weniger großen europäischen Insel zu tun, sondern mit einem imperialen Verband, der seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auf die Hilfsmittel der ganzen Welt zurückgreifen konnte.

Spätestens jener Krieg, den man in der deutschen Geschichtsschreibung den Siebenjährigen nennt, kann als Teil eines jahrzehntelangen, fast weltumspannenden Konflikts gesehen werden, in dem Preußen ohne die aus Übersee gewonnenen englischen Geldleistungen auf keinen Fall hätte Partei ergreifen können. Und trotz dieser Unterstützung wäre die preußische Niederlage sicher gewesen, denn auch die Kriegsführung in Richtung Osten war eigentlich hoffnungslos. Von Moskau aus wurde ein unerreichbarer Raum regiert, aus dem heraus jede europäische Kriegsmacht früher oder später zu besiegen war. Friedrich der Große wurde am Ende noch durch das »Mirakel des Hauses Brandenburg« gerettet, den russischen Kurswechsel nach dem Zufallstod einer Zarin. Der erste, der die Erfahrungen mit den Weiten des Ozeans auf der einen und der des Landes auf der anderen Seite machte, war wenig später bekanntlich Napoleon Bonaparte, ihn rettete nichts mehr.

Zurück ins wilhelminische Deutschland, dem der russische Zar so herzlich die Vernichtung wünschte. Auch in der Regierungszentrale des wilhelminischen Kaiserreichs war man sich bewußt, letztlich einen kleinen Staat zu regieren, der schwierig durch die kompliziert gewordenen Verhältnisse auf dem Globus zu steuern war. Das Stichwort »Globalisierung« wurde in diesem Zusammenhang noch nicht verwendet, es lag aber in der Luft. Kurt Riezler etwa, einer der wichtigsten Berater des deutschen Reichskanzlers Bethmann Hollweg, sah die globale Wechselwirkung im Herbst 1913 bereits als vollendete Realität an. Die Welt sei »ein politisches Einheitsgebiet geworden« so daß »alles, was irgendwie politisch geschieht, auf alles andere zurückwirkt oder wenigstens zurückwirken kann.« Dieser Eindruck konnte besonders aus der Konkurrenzsituation vor dem Ersten Weltkrieg entstehen, als die direkte politische und wirtschaftliche Kontrolle überseeischer Gebiete, kurz: der Imperialismus, den europäischen Nationalstaaten aus der Globalisierungsfalle helfen sollte.

Auch Deutschland stieg in dieses Rennen um Macht und Einfluß auf dem Planeten ein – und bestätigte damit nicht nur in Moskau und Sankt Petersburg, sondern auch in London und Washington den Verdacht, den Status quo der Weltpolitik ändern zu wollen. In den Washingtoner Führungszirkeln ging man 1898 mit dem Angriff auf die Reste des spanischen Kolonialreichs in der Karibik und im Pazifk zu einer Phase des offenen Imperialismus über. Das Deutsche Reich, das in diesem Zusammenhang mit Erfolg Ansprüche auf ein paar früher spanische Inseln im Pazifk erhob, wurde auch deswegen – in gewisser Analogie zu russischen Eindrücken – zunehmend als Ärgernis der Weltpolitik empfunden, weil es den amerikanischen Anspruch, die einzige Weltmacht zu sein, brüskierte. Das britische Weltreich würde sich letztlich Stück für Stück verdrängen und übernehmen lassen, dieser Prozeß war längst im Gang. Von Deutschland glaubte man das nicht. Der finsteren Thematik entsprechend hatte man diesem Land deshalb in den amerikanischen Militärakten schon kurz nach der Jahrhundertwende um 1900 den Code-Namen »Black« gegeben. Auch ein »Black-Plan« für einen Krieg gegen Deutschland existierte schon vor 1914, wobei nach diesem Jahr die Arbeiten daran natürlich beschleunigt wurden.

In Großbritannien bildete sich um das Jahr 1900 herum ebenfalls eine politische Denkschule heraus, die für die englische Außenpolitik der folgenden Jahrzehnte von kaum zu überschätzender Bedeutung ist. Sie ist im britischen Außenministerium mit den Namen der Unterstaatssekretäre Robert Vansittart und Eyre Crowe verbunden, wobei Crowe als Gründer dieser Denkart gelten kann. Ihren Kern bildete die Überzeugung, es bestehe in der Existenz des 1871 vereinten Deutschland ein für Großbritan nien grundsätzliches Problem. Ein deutsch-britischer Konflikt sei daher unvermeidlich. Auch von einem friedlichen Verhalten Deutschlands, so hatte Crowe seinerzeit doziert, dürfe man sich nicht täuschen lassen. Andernfalls werde Deutschland das britische Empire kampflos überflügeln und dann später seine Bedingungen diktieren. Unschwer läßt sich hier eine Projektion der Gedankenwelt, der Ziele und der Methoden der leitenden Schicht des englischen Imperialismus nach außen erkennen.

Crowe unterstellte Deutschland eben das, was das englische Königreich in den Jahrzehnten zuvor getan hatte. Die Expansion des Empire hatte in dieser Zeit ein Viertel der Welt unter englische Kontrolle gebracht und rechtfertigte sich dabei unter anderem mit einer besonderen kulturellen Mission. Dennoch – oder deswegen – blieb Crowes Analyse lange Zeit einflußreich, eröffnete sie doch einer offensiven englischen Kriegspolitik die Möglichkeit, sich als Verteidigungsstrategie zu begreifen.

Vergleicht man die Bewußtseinslage in den Führungszirkeln Großbritanniens, Rußlands und der Vereinigten Staaten in den Jahren vor 1914, scheint es ein gemeinsames Element gewesen zu sein, den weiteren Ausbau deutscher Macht in Form von Bevölkerungszuwachs, Wirtschaftskraft und Technologie nicht dulden zu wollen. Von erheblichem Unterschied war dagegen die Stimmungslage von Land zu Land. In London war man »von der Souveränität zur Angst« (Christian Wipperfürth) übergegangen, zur Angst, tatsächlich von einem vereinten Deutschland zuerst friedlich und wirtschaftlich überrundet, später dann vielleicht auch militärisch und politisch überwältigt zu werden. Ausgerechnet einem Amerikaner gegenüber ließ der frühere Premierminister Arthur Balfour ein paar Jahre vor dem Krieg seiner Stimmung freien Lauf und erklärte: »Wir sind wahrscheinlich Narren, weil wir keinen Grund finden, um Deutschland den Krieg zu erklären, bevor es zu viele Schiffe baut und uns unseren Handel wegnimmt.« Das klang ungeheuerlich, aber auch ein wenig verzweifelt.

Solche Verzweiflung kannte man in Nordamerika nicht. Die USA bereiteten sich darauf vor, die beanspruchte Rolle als einzige Weltmacht und Hort der moralischen Politik zu übernehmen. Deutschland wurde dabei ideologisch als wirklicher Konkurrent wahrgenommen. Zu den prominentesten Anhängern der Ansicht, daß möglicherweise ein »deutsches Jahrhundert« anbrechen könnte, gehörte schließlich 1914 niemand anderer als der amerikanische Präsident. Der Krieg war noch kaum ausgebrochen, da vertraute Woodrow Wilson seinem Beraterkreis an, was seiner Meinung nach auf dem Spiel stand: Ein deutscher Sieg würde den Lauf der Zivilisation ändern. Um dies zu verhindern, konnten die Vereinigten Staaten allerdings auf ihre einzigartigen strategischen Möglichkeiten zurückgreifen. Unangreifbar als ein »Super-England«, ausgestattet mit der Sicherheit einer Insel, die natürlich ein ganzer Kontinent war, verbunden mit den Möglichkeiten eines Industriestaates, gab es die Aussicht und die Absicht, die Maßstäbe der Weltpolitik vorzugeben, auch die in Mitteleuropa.

In Rußland ging die Regierung gemeinsam mit Frankreich seit 1912 auf direkten Kriegskurs. Furcht vor Deutschland war dabei auch auf russischer Seite nicht als Element erkennbar. Im europäischen Szenario des Jahres 1914 stellte das russische Reich den einzigen Akteur dar, der nicht aus Angst, Zorn oder Revanche in den Krieg zog oder ihn aus solchen Motiven vorbereitet hatte, sondern aus einem anderen, einem der ältesten aller Kriegsgründe: der Aussicht auf Ruhm und Gewinn. Es galt für den Zaren und seine Umgebung, eine der alten Expansionsrichtungen russischer Politik wieder aufzunehmen. Kontantinopel (Istanbul), das orthodoxe »zweite Rom«, von dem Moskau als orthodoxes »drittes Rom« einmal traditionell sein Selbstverständnis bezogen hatte, sollte von den Muslimen zurückerobert werden. Der Balkan mit seinen teilweise südslawischen Einwohnern sollte künftig von Rußland kontrolliert werden.

Österreich-Ungarn sollte geteilt, und Deutschland sollte ebenfalls besetzt, verkleinert und der Rest »in Kleinstaaten aufgeteilt« werden, wie es Zar Alexander III. schon bei Abschluß des Pakts mit Frankreich angekündigt und für normal erklärt hatte. Von diesem Abkommen von 1892 bis in den Juli 1914 führt zwar keine ganz gerade, aber eine für die stets wechselhaften Bedingungen internationaler Politik doch sehr direkte Linie. Der Entschluß, dafür irgendwann den von Rußland selbst eifrig angeheizten serbisch-österreichischen Konflikt zum Anlaß zu nehmen, fiel aus völlig freien Stücken. Er wurde Ende Juli 1914 ohne jede Bedrohung auch nur halbwegs nachvollziehbarer russischer Interessen oder gar irgendwelcher existentiellen Herausforderungen von einer kleinen Gruppe verantwortlicher Personen nach jahrelangen intensiven – und teuren – Vorbereitungen ganz bewußt gefaßt.

Es sei an dieser Stelle noch einmal das Stichwort »Globalisierung« aufgegriffen. Für die neuere deutsche Nationalgeschichte wurde es schließlich entscheidend. Gerade als der traditionell etwas amorphe deutsche Staat, das »Reich«, sich zu einem straff organisierten und dynamischen National- und Industriestaat entwickelte, standen in Ost wie West neu entwickelte Regionen und Kontinente bereit, um diesem deutschen Staat seine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten abzusprechen. Vergleichbare Widerstände innerhalb Europas wären für Deutschland zu überwinden gewesen, die Gegner außerhalb Europas waren es nicht. Insofern kann die Weltkriegsära zwischen 1914 und 1945, die auch als »zweiter dreißigjähriger Krieg« (Winston Churchill) bezeichnet worden ist, zugleich als Ausdruck der Globalisierung verstanden werden. Europa hatte weite Teile der Welt auf einen entwickelten Stand gehoben, was nun auf Europa zurückwirkte. Dieser Effekt wurde noch dadurch verstärkt, daß die wirtschaftlich-industrielle Entwicklung außerhalb Europas von einer weiterhin bestehenden kulturell-politischen Europazentrik begleitet wurde.

Vor diesem Hintergrund sollte dann auch die Rolle der Ideologie in der Ära der Weltkriege mit Zurückhaltung interpretiert werden. Gerade das Beispiel Rußland-Sowjetunion zeigt angesichts der dramatisch gewechselten Staatsform und Staatsideologie zwischen 1914 und 1945 erstaunliche Kontinuitäten auf, sowohl in der internen außenpolitischen Entscheidungsfindung, als auch in der Wahrnehmung von außen. In Großbritannien und den USA, im »Westen« überhaupt, wurde die UdSSR als ein potentiell verbündeter Staat wahrgenommen. Seine Existenz als feste Größe in der internationalen Politik stand nicht in Frage. Das reichte bis zur völligen Blindheit gegenüber dem massenmörderischen Charakter des stalinistischen Regimes.

In Moskau selbst hatte man sich dagegen angewöhnt, auch unter stalinistischen Vorzeichen gegenüber Deutschland eine grundsätzlich unnachgiebige Haltung einzunehmen. Die deutsch-sowjetischen Verhandlungen im November 1940, auf dem Höhepunkt der Erfolge des NS-Regimes geführt – das nun ebenfalls eine dramatische ideologische Veränderung im Vergleich zum Kaiserrreich darstellte – zeigten ungeänderte Verhältnisse zwischen beiden Staaten. Was der sowjetische Verhandlungsführer Wjatscheslaw Molotow in Berlin an Forderungen vorzutragen hatte, wies Deutschland den Rang eines wertvollen Vasallen zu, mehr nicht. Das hätte fünfzig Jahre zuvor auch der Zar ganz ähnlich sagen können. Solche Töne kamen aus Moskau, wie sie aus Washington oder London kamen: Man war dort der Ansicht, sich diese Töne leisten zu können, und dies bedeutete nichts anderes als die Machtfrage zu stellen. So wurde es denn zum Hauptthema der 1914 eingeläuteten europäischen Weltkriegsära, ob es Deutschland gelänge, Europa oder Teile davon so zu organisieren, daß diese Machtfrage aufgrund der geänderten Machtverhältnisse nicht mehr gestellt werden könnte. Für einen welthistorischen Augenblick sah dies 1917/18 so aus, aber eben nur für einen Augenblick.


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