Die Globalisierung des Krieges

Im Jahre 1892 wurde über den französisch-russischen Bündnisvertrag verhandelt.

 Gastbeitrag

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Als der rus­si­sche Zar Alex­an­der III. den Ver­trags­ent­wurf zu Gesicht bekam, stimm­te er sofort leb­haft zu: »Wir müs­sen die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit kor­ri­gie­ren und Deutsch­land bei der ers­ten Gele­gen­heit ver­nich­ten.« Der Ver­trag kam zum Abschluß und blieb bis zum Jahr 1914 sowohl gül­tig als auch abso­lut geheim. Das, was Zar Alex­an­der III. geäu­ßert hat­te, klang aller­dings in den Ohren der anwe­sen­den Diplo­ma­ten all­zu deut­lich. Sie waren an eine zurück­hal­ten­de Spra­che gewöhnt, Offen­her­zig­keit war ihnen nicht geheu­er. Was brach­te den Herr­scher beim Blick auf Deutsch­land zu sol­chen Ver­nich­tungs­phan­tai­sen? Wo lagen »die Feh­ler der Vergangenheit«?

Aus rus­si­scher Sicht bestand die­ser Feh­ler in nichts Gerin­ge­rem als der Exis­tenz Deutsch­lands als ver­ein­tem Staat. Die­se Ver­ei­ni­gung – die 1871 durch einen Wink aus Mos­kau ohne wei­te­res hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen – hat­te Fol­gen nach sich gezo­gen, die nicht bedacht wor­den waren. So hat­te man doch in Ber­lin offen­bar nicht ver­stan­den, daß auch ein ver­ei­nig­tes Deutsch­land ein ver­gleichs­wei­se klei­ner und abhän­gi­ger Akteur auf der inter­na­tio­na­len Büh­ne zu blei­ben hat­te. Statt des­sen ergriff der neu­er­dings zum Reichs­kanz­ler avan­cier­te preu­ßi­sche Minis­ter­prä­si­dent und frü­he­re Bot­schaf­ter am rus­si­schen Hof, Otto von Bis­marck, schon kur­ze Zeit spä­ter im Jahr 1878 die Gele­gen­heit, um Deutsch­land als Sou­ve­rän zu insze­nie­ren. Er bat zum »Ber­li­ner Kon­greß«, um als neu­tra­ler »ehr­li­cher Mak­ler«, die ganz gro­ßen Ange­le­gen­hei­ten der euro­päi­schen Poli­tik zu regeln. Statt bei die­ser Ver­an­stal­tung als treu­er und dank­ba­rer preu­ßi­scher Vasall die damals aktu­el­len rus­si­schen For­de­run­gen in Rich­tung tür­ki­scher Meer­engen zu unter­stüt­zen, blieb er tat­säch­lich neutral.

Das hat man am rus­si­schen Hof in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten nicht ver­ges­sen. Deutsch­land wur­de zuneh­mend als Hin­der­nis und läs­ti­ges Ärger­nis ver­stan­den, das aus der Tat­sa­che, direkt und nur zwei­hun­dert Kilo­me­ter von sei­ner Haupt­stadt ent­fernt an den größ­ten Staat der Erde zu gren­zen, nicht die rich­ti­gen Schluß­fol­ge­run­gen zog. Fürs ers­te war das kei­ne Ange­le­gen­heit von aku­ter Bedeu­tung, da die ganz gro­ße Welt­po­li­tik sich von Euro­pa abge­wen­det hat­te. Die Auf­tei­lung Zen­tral- und Ost­asi­ens in direk­te Herr­schafts­ge­bie­te und Inter­es­sen­sphä­ren war in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts in vol­lem Gang und bean­spruch­te die rus­si­sche Auf­merk­sam­keit so gut wie die eng­li­sche und die ame­ri­ka­ni­sche. Der Rest der Welt wur­de poli­tisch und wirt­schaft­lich erschlos­sen – wenn man es neu­tral for­mu­lie­ren will.

Damit kam ein Pro­zeß in sein End­sta­di­um, der seit der frü­hen Neu­zeit in Gang war. Man kann ihn als »Glo­ba­li­sie­rung der Poli­tik« def­nie­ren. Die »Ent­de­ckung« der Welt durch euro­päi­sche See­fah­rer, ihre Erobe­rung und teil­wei­se Besied­lung lie­fer­ten neue Inter­es­sen­konflik­te über­all auf dem Pla­ne­ten. Gan­ze Kon­ti­nen­te wur­den kul­tu­rell neu geprägt. Die­se neue Ent­wick­lung lie­fer­te auch Macht zurück nach Euro­pa. Dies mach­te es der euro­päi­schen Poli­tik zuse­hends unmög­lich, ihre Ange­le­gen­hei­ten unter blo­ßem Rück­griff auf Kraft­quel­len zu regeln, die inner­halb Euro­pas lagen. Die Mög­lich­kei­ten jener Staa­ten, die nicht auf Poten­ti­al in Über­see zurück­grei­fen konn­ten, wur­den dadurch ein­ge­schränkt. Wer etwa gegen Groß­bri­tan­ni­en Krieg füh­ren woll­te, der hat­te es nicht nur mit einer mehr oder weni­ger gro­ßen euro­päi­schen Insel zu tun, son­dern mit einem impe­ria­len Ver­band, der seit der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts auf die Hilfs­mit­tel der gan­zen Welt zurück­grei­fen konnte.

Spä­tes­tens jener Krieg, den man in der deut­schen Geschichts­schrei­bung den Sie­ben­jäh­ri­gen nennt, kann als Teil eines jahr­zehn­te­lan­gen, fast welt­um­span­nen­den Konflikts gese­hen wer­den, in dem Preu­ßen ohne die aus Über­see gewon­ne­nen eng­li­schen Geld­leis­tun­gen auf kei­nen Fall hät­te Par­tei ergrei­fen kön­nen. Und trotz die­ser Unter­stüt­zung wäre die preu­ßi­sche Nie­der­la­ge sicher gewe­sen, denn auch die Kriegs­füh­rung in Rich­tung Osten war eigent­lich hoff­nungs­los. Von Mos­kau aus wur­de ein uner­reich­ba­rer Raum regiert, aus dem her­aus jede euro­päi­sche Kriegs­macht frü­her oder spä­ter zu besie­gen war. Fried­rich der Gro­ße wur­de am Ende noch durch das »Mira­kel des Hau­ses Bran­den­burg« geret­tet, den rus­si­schen Kurs­wech­sel nach dem Zufalls­tod einer Zarin. Der ers­te, der die Erfah­run­gen mit den Wei­ten des Oze­ans auf der einen und der des Lan­des auf der ande­ren Sei­te mach­te, war wenig spä­ter bekannt­lich Napo­le­on Bona­par­te, ihn ret­te­te nichts mehr.

Zurück ins wil­hel­mi­ni­sche Deutsch­land, dem der rus­si­sche Zar so herz­lich die Ver­nich­tung wünsch­te. Auch in der Regie­rungs­zen­tra­le des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs war man sich bewußt, letzt­lich einen klei­nen Staat zu regie­ren, der schwie­rig durch die kom­pli­ziert gewor­de­nen Ver­hält­nis­se auf dem Glo­bus zu steu­ern war. Das Stich­wort »Glo­ba­li­sie­rung« wur­de in die­sem Zusam­men­hang noch nicht ver­wen­det, es lag aber in der Luft. Kurt Riez­ler etwa, einer der wich­tigs­ten Bera­ter des deut­schen Reichs­kanz­lers Beth­mann Hol­lweg, sah die glo­ba­le Wech­sel­wir­kung im Herbst 1913 bereits als voll­ende­te Rea­li­tät an. Die Welt sei »ein poli­ti­sches Ein­heits­ge­biet gewor­den« so daß »alles, was irgend­wie poli­tisch geschieht, auf alles ande­re zurück­wirkt oder wenigs­tens zurück­wir­ken kann.« Die­ser Ein­druck konn­te beson­ders aus der Kon­kur­renz­si­tua­ti­on vor dem Ers­ten Welt­krieg ent­ste­hen, als die direk­te poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Kon­trol­le über­see­ischer Gebie­te, kurz: der Impe­ria­lis­mus, den euro­päi­schen Natio­nal­staa­ten aus der Glo­ba­li­sie­rungs­fal­le hel­fen sollte.

Auch Deutsch­land stieg in die­ses Ren­nen um Macht und Einfluß auf dem Pla­ne­ten ein – und bestä­tig­te damit nicht nur in Mos­kau und Sankt Peters­burg, son­dern auch in Lon­don und Washing­ton den Ver­dacht, den Sta­tus quo der Welt­po­li­tik ändern zu wol­len. In den Washing­to­ner Füh­rungs­zir­keln ging man 1898 mit dem Angriff auf die Res­te des spa­ni­schen Kolo­ni­al­reichs in der Kari­bik und im Pazifk zu einer Pha­se des offe­nen Impe­ria­lis­mus über. Das Deut­sche Reich, das in die­sem Zusam­men­hang mit Erfolg Ansprü­che auf ein paar frü­her spa­ni­sche Inseln im Pazifk erhob, wur­de auch des­we­gen – in gewis­ser Ana­lo­gie zu rus­si­schen Ein­drü­cken – zuneh­mend als Ärger­nis der Welt­po­li­tik emp­fun­den, weil es den ame­ri­ka­ni­schen Anspruch, die ein­zi­ge Welt­macht zu sein, brüs­kier­te. Das bri­ti­sche Welt­reich wür­de sich letzt­lich Stück für Stück ver­drän­gen und über­neh­men las­sen, die­ser Pro­zeß war längst im Gang. Von Deutsch­land glaub­te man das nicht. Der fins­te­ren The­ma­tik ent­spre­chend hat­te man die­sem Land des­halb in den ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ak­ten schon kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de um 1900 den Code-Namen »Black« gege­ben. Auch ein »Black-Plan« für einen Krieg gegen Deutsch­land exis­tier­te schon vor 1914, wobei nach die­sem Jahr die Arbei­ten dar­an natür­lich beschleu­nigt wurden.

In Groß­bri­tan­ni­en bil­de­te sich um das Jahr 1900 her­um eben­falls eine poli­ti­sche Denk­schu­le her­aus, die für die eng­li­sche Außen­po­li­tik der fol­gen­den Jahr­zehn­te von kaum zu über­schät­zen­der Bedeu­tung ist. Sie ist im bri­ti­schen Außen­mi­nis­te­ri­um mit den Namen der Unter­staats­se­kre­tä­re Robert Van­sitt­art und Eyre Cro­we ver­bun­den, wobei Cro­we als Grün­der die­ser Denk­art gel­ten kann. Ihren Kern bil­de­te die Über­zeu­gung, es bestehe in der Exis­tenz des 1871 ver­ein­ten Deutsch­land ein für Groß­bri­tan nien grund­sätz­li­ches Pro­blem. Ein deutsch-bri­ti­scher Konflikt sei daher unver­meid­lich. Auch von einem fried­li­chen Ver­hal­ten Deutsch­lands, so hat­te Cro­we sei­ner­zeit doziert, dür­fe man sich nicht täu­schen las­sen. Andern­falls wer­de Deutsch­land das bri­ti­sche Empi­re kam­pflos über­flü­geln und dann spä­ter sei­ne Bedin­gun­gen dik­tie­ren. Unschwer läßt sich hier eine Pro­jek­ti­on der Gedan­ken­welt, der Zie­le und der Metho­den der lei­ten­den Schicht des eng­li­schen Impe­ria­lis­mus nach außen erkennen.

Cro­we unter­stell­te Deutsch­land eben das, was das eng­li­sche König­reich in den Jahr­zehn­ten zuvor getan hat­te. Die Expan­si­on des Empi­re hat­te in die­ser Zeit ein Vier­tel der Welt unter eng­li­sche Kon­trol­le gebracht und recht­fer­tig­te sich dabei unter ande­rem mit einer beson­de­ren kul­tu­rel­len Mis­si­on. Den­noch – oder des­we­gen – blieb Cro­wes Ana­ly­se lan­ge Zeit einfluß­reich, eröff­ne­te sie doch einer offen­si­ven eng­li­schen Kriegs­po­li­tik die Mög­lich­keit, sich als Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie zu begreifen.

Ver­gleicht man die Bewußt­s­eins­la­ge in den Füh­rungs­zir­keln Groß­bri­tan­ni­ens, Ruß­lands und der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den Jah­ren vor 1914, scheint es ein gemein­sa­mes Ele­ment gewe­sen zu sein, den wei­te­ren Aus­bau deut­scher Macht in Form von Bevöl­ke­rungs­zu­wachs, Wirt­schafts­kraft und Tech­no­lo­gie nicht dul­den zu wol­len. Von erheb­li­chem Unter­schied war dage­gen die Stim­mungs­la­ge von Land zu Land. In Lon­don war man »von der Sou­ve­rä­ni­tät zur Angst« (Chris­ti­an Wip­per­fürth) über­ge­gan­gen, zur Angst, tat­säch­lich von einem ver­ein­ten Deutsch­land zuerst fried­lich und wirt­schaft­lich über­run­det, spä­ter dann viel­leicht auch mili­tä­risch und poli­tisch über­wäl­tigt zu wer­den. Aus­ge­rech­net einem Ame­ri­ka­ner gegen­über ließ der frü­he­re Pre­mier­mi­nis­ter Arthur Bal­four ein paar Jah­re vor dem Krieg sei­ner Stim­mung frei­en Lauf und erklär­te: »Wir sind wahr­schein­lich Nar­ren, weil wir kei­nen Grund fin­den, um Deutsch­land den Krieg zu erklä­ren, bevor es zu vie­le Schif­fe baut und uns unse­ren Han­del weg­nimmt.« Das klang unge­heu­er­lich, aber auch ein wenig verzweifelt.

Sol­che Ver­zweiflung kann­te man in Nord­ame­ri­ka nicht. Die USA berei­te­ten sich dar­auf vor, die bean­spruch­te Rol­le als ein­zi­ge Welt­macht und Hort der mora­li­schen Poli­tik zu über­neh­men. Deutsch­land wur­de dabei ideo­lo­gisch als wirk­li­cher Kon­kur­rent wahr­ge­nom­men. Zu den pro­mi­nen­tes­ten Anhän­gern der Ansicht, daß mög­li­cher­wei­se ein »deut­sches Jahr­hun­dert« anbre­chen könn­te, gehör­te schließ­lich 1914 nie­mand ande­rer als der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent. Der Krieg war noch kaum aus­ge­bro­chen, da ver­trau­te Woo­d­row Wil­son sei­nem Bera­ter­kreis an, was sei­ner Mei­nung nach auf dem Spiel stand: Ein deut­scher Sieg wür­de den Lauf der Zivi­li­sa­ti­on ändern. Um dies zu ver­hin­dern, konn­ten die Ver­ei­nig­ten Staa­ten aller­dings auf ihre ein­zig­ar­ti­gen stra­te­gi­schen Mög­lich­kei­ten zurück­grei­fen. Unan­greif­bar als ein »Super-Eng­land«, aus­ge­stat­tet mit der Sicher­heit einer Insel, die natür­lich ein gan­zer Kon­ti­nent war, ver­bun­den mit den Mög­lich­kei­ten eines Indus­trie­staa­tes, gab es die Aus­sicht und die Absicht, die Maß­stä­be der Welt­po­li­tik vor­zu­ge­ben, auch die in Mitteleuropa.

In Ruß­land ging die Regie­rung gemein­sam mit Frank­reich seit 1912 auf direk­ten Kriegs­kurs. Furcht vor Deutsch­land war dabei auch auf rus­si­scher Sei­te nicht als Ele­ment erkenn­bar. Im euro­päi­schen Sze­na­rio des Jah­res 1914 stell­te das rus­si­sche Reich den ein­zi­gen Akteur dar, der nicht aus Angst, Zorn oder Revan­che in den Krieg zog oder ihn aus sol­chen Moti­ven vor­be­rei­tet hat­te, son­dern aus einem ande­ren, einem der ältes­ten aller Kriegs­grün­de: der Aus­sicht auf Ruhm und Gewinn. Es galt für den Zaren und sei­ne Umge­bung, eine der alten Expan­si­ons­rich­tun­gen rus­si­scher Poli­tik wie­der auf­zu­neh­men. Kon­t­an­ti­no­pel (Istan­bul), das ortho­do­xe »zwei­te Rom«, von dem Mos­kau als ortho­do­xes »drit­tes Rom« ein­mal tra­di­tio­nell sein Selbst­ver­ständ­nis bezo­gen hat­te, soll­te von den Mus­li­men zurück­er­obert wer­den. Der Bal­kan mit sei­nen teil­wei­se süd­sla­wi­schen Ein­woh­nern soll­te künf­tig von Ruß­land kon­trol­liert werden.

Öster­reich-Ungarn soll­te geteilt, und Deutsch­land soll­te eben­falls besetzt, ver­klei­nert und der Rest »in Klein­staa­ten auf­ge­teilt« wer­den, wie es Zar Alex­an­der III. schon bei Abschluß des Pakts mit Frank­reich ange­kün­digt und für nor­mal erklärt hat­te. Von die­sem Abkom­men von 1892 bis in den Juli 1914 führt zwar kei­ne ganz gera­de, aber eine für die stets wech­sel­haf­ten Bedin­gun­gen inter­na­tio­na­ler Poli­tik doch sehr direk­te Linie. Der Ent­schluß, dafür irgend­wann den von Ruß­land selbst eif­rig ange­heiz­ten ser­bisch-öster­rei­chi­schen Konflikt zum Anlaß zu neh­men, fiel aus völ­lig frei­en Stü­cken. Er wur­de Ende Juli 1914 ohne jede Bedro­hung auch nur halb­wegs nach­voll­zieh­ba­rer rus­si­scher Inter­es­sen oder gar irgend­wel­cher exis­ten­ti­el­len Her­aus­for­de­run­gen von einer klei­nen Grup­pe ver­ant­wort­li­cher Per­so­nen nach jah­re­lan­gen inten­si­ven – und teu­ren – Vor­be­rei­tun­gen ganz bewußt gefaßt.

Es sei an die­ser Stel­le noch ein­mal das Stich­wort »Glo­ba­li­sie­rung« auf­ge­grif­fen. Für die neue­re deut­sche Natio­nal­ge­schich­te wur­de es schließ­lich ent­schei­dend. Gera­de als der tra­di­tio­nell etwas amor­phe deut­sche Staat, das »Reich«, sich zu einem straff orga­ni­sier­ten und dyna­mi­schen Natio­nal- und Indus­trie­staat ent­wi­ckel­te, stan­den in Ost wie West neu ent­wi­ckel­te Regio­nen und Kon­ti­nen­te bereit, um die­sem deut­schen Staat sei­ne wei­te­ren Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten abzu­spre­chen. Ver­gleich­ba­re Wider­stän­de inner­halb Euro­pas wären für Deutsch­land zu über­win­den gewe­sen, die Geg­ner außer­halb Euro­pas waren es nicht. Inso­fern kann die Welt­kriegs­ära zwi­schen 1914 und 1945, die auch als »zwei­ter drei­ßig­jäh­ri­ger Krieg« (Win­s­ton Chur­chill) bezeich­net wor­den ist, zugleich als Aus­druck der Glo­ba­li­sie­rung ver­stan­den wer­den. Euro­pa hat­te wei­te Tei­le der Welt auf einen ent­wi­ckel­ten Stand geho­ben, was nun auf Euro­pa zurück­wirk­te. Die­ser Effekt wur­de noch dadurch ver­stärkt, daß die wirt­schaft­lich-indus­tri­el­le Ent­wick­lung außer­halb Euro­pas von einer wei­ter­hin bestehen­den kul­tu­rell-poli­ti­schen Euro­pa­zen­trik beglei­tet wurde.

Vor die­sem Hin­ter­grund soll­te dann auch die Rol­le der Ideo­lo­gie in der Ära der Welt­krie­ge mit Zurück­hal­tung inter­pre­tiert wer­den. Gera­de das Bei­spiel Ruß­land-Sowjet­uni­on zeigt ange­sichts der dra­ma­tisch gewech­sel­ten Staats­form und Staats­ideo­lo­gie zwi­schen 1914 und 1945 erstaun­li­che Kon­ti­nui­tä­ten auf, sowohl in der inter­nen außen­po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­fin­dung, als auch in der Wahr­neh­mung von außen. In Groß­bri­tan­ni­en und den USA, im »Wes­ten« über­haupt, wur­de die UdSSR als ein poten­ti­ell ver­bün­de­ter Staat wahr­ge­nom­men. Sei­ne Exis­tenz als fes­te Grö­ße in der inter­na­tio­na­len Poli­tik stand nicht in Fra­ge. Das reich­te bis zur völ­li­gen Blind­heit gegen­über dem mas­sen­mör­de­ri­schen Cha­rak­ter des sta­li­nis­ti­schen Regimes.

In Mos­kau selbst hat­te man sich dage­gen ange­wöhnt, auch unter sta­li­nis­ti­schen Vor­zei­chen gegen­über Deutsch­land eine grund­sätz­lich unnach­gie­bi­ge Hal­tung ein­zu­neh­men. Die deutsch-sowje­ti­schen Ver­hand­lun­gen im Novem­ber 1940, auf dem Höhe­punkt der Erfol­ge des NS-Regimes geführt – das nun eben­falls eine dra­ma­ti­sche ideo­lo­gi­sche Ver­än­de­rung im Ver­gleich zum Kai­ser­r­reich dar­stell­te – zeig­ten unge­än­der­te Ver­hält­nis­se zwi­schen bei­den Staa­ten. Was der sowje­ti­sche Ver­hand­lungs­füh­rer Wjat­sches­law Molo­tow in Ber­lin an For­de­run­gen vor­zu­tra­gen hat­te, wies Deutsch­land den Rang eines wert­vol­len Vasal­len zu, mehr nicht. Das hät­te fünf­zig Jah­re zuvor auch der Zar ganz ähn­lich sagen kön­nen. Sol­che Töne kamen aus Mos­kau, wie sie aus Washing­ton oder Lon­don kamen: Man war dort der Ansicht, sich die­se Töne leis­ten zu kön­nen, und dies bedeu­te­te nichts ande­res als die Macht­fra­ge zu stel­len. So wur­de es denn zum Haupt­the­ma der 1914 ein­ge­läu­te­ten euro­päi­schen Welt­kriegs­ära, ob es Deutsch­land gelän­ge, Euro­pa oder Tei­le davon so zu orga­ni­sie­ren, daß die­se Macht­fra­ge auf­grund der geän­der­ten Macht­ver­hält­nis­se nicht mehr gestellt wer­den könn­te. Für einen welt­his­to­ri­schen Augen­blick sah dies 1917/18 so aus, aber eben nur für einen Augenblick.

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