Sezession
1. Februar 2014

Die »Ideen von 1914«

Erik Lehnert

Wer sich auf die Suche nach dem Geist von 1914 begibt, wird irgendwann auf Nietzsche (1844–1900) stoßen. Sein Werk stand zwar nicht repräsentativ für den deutschen Geist, dafür war es zu widersprüchlich und auch zu verrätselt, aber es war subkutan in den Geist der Zeit eingesickert. Das gilt insbesondere für seinen Zarathustra, der bibelähnlich in Gleichnissen dem wahren Menschen, dem Übermenschen auf der Spur war. Als Nietzsches Zarathustra einem alten Mann begegnet, der sich wie in Trance scheinbar willenlos gebärdet und schließlich auf dem Boden liegend mit Gott und seinem Schicksal hadert, ist er zunächst ergriffen von den Bußgesängen des Alten. Bald durchschaut er ihn als Schauspieler und holt ihn durch ein paar Schläge mit seinem Stock auf den Boden der Tatsachen zurück. Nach dem Geständnis des Alten, daß er Zarathustra auf die Probe habe stellen wollen, erwidert dieser: »Du magst Feinere betrogen haben als mich (…). Ich bin nicht auf der Hut vor Betrügern, ich muß ohne Vorsicht sein (…). Du aber – mußt betrügen: so weit kenne ich dich! Du mußt immer zwei- drei- vier- und fünfdeutig sein!«. Selbst das Eingeständnis, sich nur verstellt zu haben, sei eine Lüge, mit der sich der Alte selbst betrüge. Nur der Ekel vor sich selbst sei noch echt an ihm. Der Betrüger bekennt daraufhin: »O Zarathustra, ich suche einen Echten, Rechten, Einfachen, Eindeutigen, einen Menschen aller Redlichkeit, ein Gefäß der Weisheit, einen Heiligen der Erkenntnis, einen großen Menschen!«.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Das ist eine der Stellen bei Nietzsche, durch die das Wort »echt« in den Mittelpunkt der Philosophie tritt. Nietzsche verlieh damit einer Bewegung Ausdruck, die das moderne Leben von Grund auf reformieren wollte. Die Lebensreform erfaßte am Ende des 19. Jahrhunderts weite Teile des deutschen Bürgertums, sei es als Kleiderreform, Vegetarismus, Jugendbewegung oder religiöse Erneuerung. Immer ging es darum, die Auswüchse der Industrialisierung seit der Gründerzeit zu kompensieren: Sie hätten zur Zerstörung der Umwelt und der angestammten Verhältnisse der Menschen geführt. Grundlegend war der romantische Gedanke, wonach es eine dem Menschen angemessene Lebensweise gebe, die es zunächst geistig wiederzuerringen gelte. Die Entfremdung des Menschen von seiner Natur sollte so überwunden werden. Hier spielt das deutsche »Sonderbewußtsein« eine nicht zu unterschätzende Rolle – es läßt sich seit Fichtes Reden an die deutsche Nation nachweisen. Deutschland war sich immer selbst als problematisch erschienen, weshalb die Frage nach dem, was deutsch sei, so schwierig zu beantworten ist. Die Hochstimmung in Intellektuellenkreisen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges war Ausdruck der Hoffnung, daß es zu einer Überwindung der inneren Gegensätze und damit zu einer neuen deutschen Einheit kommen würde, wenn man gemeinsam gegen die rationalistischen Zivilisationen des Westens kämpfte. So sollte das »echte« Deutschland errungen werden. Daß Nietzsche nicht das Vorgehen der Obersten Heeresleitung bestimmte, dürfte klar sein. Aber die intellektuellen Wortmeldungen zum Sinn dieses Krieges waren durchaus in diesem Geiste gehalten.

Selbstverständlich wurde auch im Ersten Weltkrieg um Interessen gekämpft. Daneben gab es, wie niemals zuvor, einen Kampf der Ideen, der in den kriegführenden Ländern auf unterschiedliche Weise propagiert wurde. Auf deutscher Seite hat sich Max Scheler mit einigen Schriften zu diesem Thema hervorgetan. In seiner Aufsatzsammlung Krieg und Aufbau von 1916 wird die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang explizit gestellt: Welche Weltmission verfolgen die kriegführenden Mächte? Während sich Frankreich als Erzieher der Menschheit sehe, England die Welt zum eigenen Vorteil beherrschen wolle und sich Rußland auf einer Mission der mitleidslosen Brüderlichkeit wähne, liege die Sache für Deutschland etwas komplizierter. »Im Verhältnis zu diesen hohen nationalen Selbstauffassungen ist Deutschland zu wahrhaftig und zu schlicht. Es nennt Macht Macht, Nutzen Nutzen, und es hat keine so ausgeprägte Nationalmetaphysik wie jene Völker.« Die Deutschen zeichne das ehrliche Reden über Macht aus, das nicht durch eine Weltbeglückungsformel überhöht werde. Deutschland wolle auch nicht der Erzieher der Welt sein, weil die Deutschen die Überzeugung beherrsche, daß eben nicht alle Völker gleich seien und damit unter den gleichen Ideen stehen sollten. Es gehe um Gerechtigkeit, um Differenzierung, nicht um Gleichheit und Demokratismus.

Gemeinhin wird unter das Schlagwort »Ideen von 1914« ein Weltanschauungskonglomerat gefaßt, das im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges bemüht wurde, um dem Krieg einen über die Machtfragen hinausgehenden Sinn zu verleihen. Die Formel »Ideen von 1914« verweist bei ihren ersten Vertretern, dem deutschen Ökonomen Johann Plenge und dem schwedischen Soziologen Rudolf Kjellén, auf eine Frontstellung gegen die Ideen von 1789, für die der Westen gegen die Deutschen in den Krieg ziehe. Dabei werden die Ideen nicht einfach analog gegen die Parol