Schützenhilfe für die kämpfende Front

Zu Jahresbeginn 1915 erschien als Zeitschriftenbeitrag Thomas Manns »Friedrich und die große Koalition«.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Die heu­ti­ge Phi­lo­lo­gie mar­gi­na­li­siert die­sen Text viel­fach als pro­pa­gan­dis­ti­sches Neben­pro­dukt und eher pein­li­che Ver­ir­rung der Kriegs­jah­re. Sie folgt dabei Ein­schät­zun­gen, wie sie der Autor bereits 1916 bei sei­nen zeit­ge­nös­si­schen Wider­sa­chern monier­te, jener »radi­ka­len Lite­ra­ten­schaft«, die glau­be, in der Stoff­wahl »ein Sym­ptom stre­be­ri­scher Mit­läu­fe­rei zu erken­nen und mich, in ihrem gene­rö­sen Jar­gon, der Par­tei­nah­me für den ›Säbel‹ gegen die ›Gerech­tig­keit‹« zei­he (102). Dabei ist die­ser Text eine der bemer­kens­wer­tes­ten Stel­lung­nah­men aus den Anfangs­jah­ren des Ers­ten Welt­kriegs, his­to­rio­gra­phisch-bel­le­tris­ti­sche Apo­lo­gie eben­so wie scho­nungs­lo­se Lage­ana­ly­se und klar­sich­ti­ge Prophetie.

Tho­mas Mann zeich­net in die­sem »Abriß für den Tag und die Stun­de« mit eini­ger erzäh­le­ri­scher Raff­nes­se das Por­trät Fried­richs des Gro­ßen und sei­ner Geg­ner im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg. Die­ser selbst wird in Ent­ste­hung, Ver­lauf und sei­ner poli­ti­schen wie mensch­li­chen Pro­ble­ma­tik ein­ge­hend erör­tert. Der Autor hat sich inten­siv in die his­to­ri­sche Mate­rie ein­ge­le­sen. Doch geht es natür­lich weni­ger um die Habs­bur­ger, Bour­bo­nen oder Roma­nows, den »glor­rei­chen Intri­gan­ten« Graf Kau­nitz oder die Bünd­nis­po­li­tik des 18. Jahr­hun­derts. Viel­mehr ist die Stu­die vor allem ein Gegen­warts­kom­men­tar in Form einer inten­siv genutz­ten his­to­rio­gra­phi­schen Alle­go­rie. Bereits im ers­ten Absatz wird denn auch der Ers­te Welt­krieg als »Wie­der­ho­lung oder Fort­set­zung« der Kämp­fe von 1756–63 bezeichnet.

Die dama­li­ge gro­ße Koali­ti­on gegen Fried­rich zwi­schen Öster­reich, Frank­reich, Ruß­land und Schwe­den, durch die sich Preu­ßen »ein­ge­kes­selt« sieht (66), wird mit der Entente gleich­ge­setzt, die Deutsch­land in einen Welt­krieg ver­wi­ckelt. Des Königs Angriff auf das off­zi­ell neu­tra­le Sach­sen ent­spricht 1914 dem deut­schen Ein­marsch in Bel­gi­en. Und so fnden sich zahl­rei­che wei­te­re fak­ti­sche wie atmo­sphä­ri­sche Akzen­tu­ie­run­gen gemäß dem Erkennt­nis­in­ter­es­se zu Beginn des Weltkriegs.

Wor­in besteht nun Manns lite­ra­ri­sche Schüt­zen­hil­fe für die kämp­fen­de Front? Zunächst natür­lich im Mut machen­den Bezug auf eine ruhm­rei­che Tra­di­ti­on, wonach Preu­ßen schon ein­mal einer erdrü­cken­den Über­macht gegen­über stand­hielt. Advo­ka­to­risch wir­ken Pas­sa­gen, in denen er per geschicht­li­cher Ana­lo­gie auf die Pseu­do­mo­ral der gro­ßen Kriegs­ko­ali­ti­on gegen Preu­ßen ein­geht. Er ver­weist auf das unna­tür­li­che Bünd­nis zwi­schen vor­ma­li­gen Dau­er­ri­va­len wie Öster­reich und Frank­reich (vgl. spä­ter die Alli­anz des repu­bli­ka­ni­schen Frank­reich mit dem zaris­ti­schen Ruß­land), geschlos­sen im ein­zi­gen Wunsch, Preu­ßen in den Staub zu tre­ten. Mit bei­ßen­der Iro­nie zer­zaust er heuch­le­ri­sche Schuld­zu­schie­bun­gen (64) oder die Schein­si­cher­heit der Unter­schei­dung zwi­schen Offen­si­ve und Defen­si­ve respek­ti­ve ent­spre­chen­den Bünd­nis­sen: »Ein Angriff kann ja aus Not gesche­hen und ist dann also kein Angriff mehr, son­dern eine Ver­tei­di­gung. Und wenn der Angriff den gegen ihn defen­si­ve­r­wei­se Ver­bün­de­ten Vor­teil ver­heißt, so ist es so gut wie unmög­lich, die psy­cho­lo­gi­sche Gren­ze zu zie­hen, wo der casus foe­deris sich aus einer Gefahr, der vor­zu­beu­gen man einig sein woll­te, in eine Wünsch­bar­keit ver­wan­delt. Er wird zu einer Fra­ge der Sen­si­ti­vi­tät – es bleibt der Empfnd­lich­keit der Alli­ier­ten über­las­sen, wann einer von ihnen sich ange­grif­fen füh­len will und wird […]. Das gegen Preu­ßen gerich­te­te Defen­siv­bünd­nis zwi­schen Öster­reich und Ruß­land betref­fend, so hat­te Kai­se­rin Maria The­re­sia Schle­si­en ja mehr­fach fei­er­lich abge­tre­ten, und sie war eine viel zu got­tes­fürch­ti­ge Frau, um es sich auch nur ein­fal­len zu las­sen, die Ver­trä­ge von Bres­lau, Dres­den und Aachen zu bre­chen. Eben­des­halb aber galt es für sie, eine mora­li­sche Mög­lich­keit zur Wie­der­ge­win­nung Schle­si­ens zu sta­tu­ie­ren, und das geschah durch ihr Bünd­nis mit Ruß­land: denn wenn Fried­rich angrif­fe, so soll­te er Schle­si­ens Rech­tens ver­lus­tig sein. War nun für die gute Maria The­re­sia der casus foe­deris eine Gefahr oder eine Wünsch­bar­keit? Sagen wir: eine ängst­li­che Wünsch­bar­keit oder eine ver­hei­ßungs­vol­le Gefahr.« (51f)

Der Autor regis­triert Unge­reimt­hei­ten in der säch­si­schen Neutralität,
die Fried­rich eben­so igno­rier­te wie Deutsch­land die bel­gi­sche, was impli­zit gerecht­fer­tigt wird:

»Eine wah­re und red­li­che Neu­tra­li­tät gab es nicht zu ver­let­zen. Mit dem Her­zen, mit sei­nem bösen Wil­len stand Sach­sen auf sei­ten der Koali­ti­on, wenn auch Feig­heit es gehin­dert hat­te, sol­che Zuge­hö­rig­keit mani­fest wer­den zu las­sen. Tat Fried­rich dem Buch­sta­ben nach unrecht, brach er eine Neu­tra­li­tät, die auf dem Papie­re stand und deren Ver­rat nicht auf dem Papie­re stand, so han­del­te er in bit­ters­ter Not­wehr. Er muß­te Schuld auf sich laden, um die Schuld sei­ner Geg­ner an den Tag brin­gen zu kön­nen, muß­te sich unbe­dingt des Dres­de­ner Archivs bemäch­ti­gen […]. War Sach­sen gescheit, so leis­te­te es ihm kei­nen Wider­stand […]. Bestand es aber dar­auf, sei­ne Haut für Öster­reich zu Mark­te zu tra­gen, so war er gewillt, es zu zer­mal­men.« (70)

Die Dres­den-Epi­so­de bezüg­lich der Her­aus­ga­be der Geheim­kor­re­spon­denz spielt auf die Durch­su­chung bel­gi­scher Archi­ve an. Sie galt dem Nach­weis von Vor­kriegs­ab­spra­chen mit der Entente und wur­de vom Schwei­zer Nobel­preis­trä­ger Carl Spit­te­ler sei­ner­zeit übri­gens als »Doku­men­tenf­sch­zug in den Taschen des zucken­den Opfers« skan­da­li­siert. Tho­mas Mann wie­der­um spot­te­te über eine Geheim­di­plo­ma­tie, die Eigent­li­ches ver­ber­ge. Und in der Tat gab es schon vor Kriegs­aus­bruch ver­trau­li­che Kon­tak­te zwi­schen bel­gi­schen, fran­zö­si­schen und bri­ti­schen Mili­tärs. Gleich­wohl war der deut­sche Angriff durch die Stra­te­gie des Schlief­fen-Plans ohne­hin vorherbestimmt.

Doch letzt­lich steht das Ent­lar­ven diplo­ma­ti­scher, bloß legi­ti­ma­to­ri­scher Rän­ke­spie­le für Manns Ein­schät­zung des Kriegs gar nicht im Vor­der­grund. Beharrt er doch – und ver­mut­lich zu Recht – dar­auf, daß die säch­si­sche (ali­as bel­gi­sche) Neu­tra­li­täts­ver­let­zung eben­so wie die jewei­li­gen »zivi­li­sa­to­ri­schen« Vor­be­hal­te gegen das »bar­ba­ri­sche« Preu­ßen ledig­lich Vor­wän­de oder Hand­lungs­an­läs­se waren. Damit kom­men wir als Kern der Stu­die zur Dia­gno­se der Kriegsursachen.

Zunächst fällt auf, daß der Autor wenig unter­nimmt, um Fried­rich rein­zu­wa­schen. Viel­mehr zeich­net er ihn von Anfang an als dreis­ten Erobe­rer, der sich im Rah­men der Prag­ma­ti­schen Sank­ti­on unpro­vo­ziert Schle­si­en ein­ver­leib­te und auch spä­ter mit dem Ein­marsch in Sach­sen das Odi­um des Angrei­fers bzw. die voll­kom­men feind­li­che öffent­li­che Mei­nung der Welt (67) nicht scheu­te. Des wei­te­ren beflei­ßigt er sich einer des­il­lu­sio­nie­ren­den wie despek­tier­li­chen Ein­schät­zung die­ses Krie­ges, in dem er ein­zig das Macht­prin­zip wal­ten sieht. Mehr noch: Manns Fried­rich wirkt zuwei­len unsym­pa­thisch bis zur Kari­ka­tur. Der Autor hat die Geschich­te auf eine Art erzählt, daß er – gemäß Selbst­kom­men­tar (102) – dafür »bestimmt kei­nen Adler­or­den« zu erwar­ten hat­te. Mach­te er doch sei­nen »Hel­den so natu­ra­lis­tisch schlecht, daß die Arbeit patrio­ti­schen Freun­den im ers­ten Augen­blick für unpu­bli­zier­bar galt« und »in weni­ger dis­po­nier­ten Köp­fen eine zor­ni­ge Ver­wir­rung« ange­rich­tet habe. Im Essay liest sich das etwa so:

»Zuwei­len möch­te man glau­ben, er sei ein Kobold gewe­sen, der aller Welt Haß und Abscheu mach­te und alle Welt hin­ein­leg­te, ein unge­schlecht­li­cher, bos­haf­ter Troll, den umzu­brin­gen hun­dert Mil­lio­nen Men­schen sich ver­ge­bens ermat­te­ten, da er ent­stan­den und gesandt war, um gro­ße, not­wen­di­ge Erden­din­ge in die Wege zu lei­ten, – wor­auf er unter Zurück­las­sung eines Kin­der­lei­bes wie­der ent­schwand.« (87)

Dabei ent­fal­tet sich die Bri­sanz die­ser Stu­die, die S. Fischer aus patrio­ti­scher Sor­ge zunächst gar nicht in Buch­form ver­le­gen woll­te, erst wirk­lich, wenn wir die zahl­rei­chen Par­al­le­li­sie­rungs­mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen und ernst neh­men. Denn Fried­rich – und wir müs­sen in ihm (nicht als Per­son, aber als Funk­ti­on) immer ein wenig auch Wil­helm II. sehen – ist ein Zyni­ker mit bemer­kens­wer­ten Cha­rak­ter­de­fek­ten, vor mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Feh­lern dabei eben­so­we­nig gefeit wie vor den pre­kä­ren Fol­gen sei­ner Läs­ter­zun­ge und diver­sen undi­plo­ma­ti­schen Aktio­nen. Er schafft es sogar, »gebo­re­ne und geschwo­re­ne Erb­fein­de gegen sich zu ver­ei­ni­gen« (63), was der Wil­hel­mi­ni­schen Außen­po­li­tik mit Frank­reich und Ruß­land gleich­falls pas­sier­te. Und daß er am Ende bei die­sem mili­tä­ri­schen Vaban­que-Spiel nicht sein gan­zes Reich ver­lor, hat­te letzt­lich sogar mit »Glück« zu tun, auch wenn dies bereits vom Autor in Gän­se­füß­chen gesetzt wur­de. War Frit­zens Armee doch schon fast gänz­lich geschla­gen, »als Eli­sa­beth von Ruß­land ihren Lieb­ha­be­rei­en erlag und ein armer Tropf namens Peter zum Thron gelang­te, der Fried­rich blö­de ver­ehr­te und nach­äff­te und sofort mit ihm Frie­den schloß.« (86)

Die­se auf­fäl­li­ge erzäh­le­ri­sche Dras­tik hat Grün­de und Fol­gen. Zunächst ein­mal ent­kräf­te­te Mann damit den Ver­dacht einer Augen ver­schlie­ßen­den par­tei­li­chen Dar­stel­lung. Sodann ver­mit­tel­te sein raben­schwar­zes Fried­rich-Image, gezeich­net vor allem aus der Sicht euro­päi­scher Höfe, zugleich eine Vor­stel­lung von dem, was auch gegen­wär­tig die ver­öf­fent­lich­te Welt­mei­nung den Mit­tel­mäch­ten zumu­te­te. Die Entente hat­te schließ­lich von Anfang an alle Regis­ter psy­cho­lo­gi­scher Kriegs­füh­rung gezo­gen: von Greu­el- und Bar­ba­ren-Kam­pa­gnen mit gefälsch­ten Nach­rich­ten und Pho­tos von angeb­lich durch Deut­sche ver­stüm­mel­ten Kin­dern und will­kür­li­chen zer­stör­ten Kul­tur­denk­mä­lern über die Fest­le­gung deut­scher Allein­schuld bis zum Kai­ser-Bashing und dem Ste­reo­typ preu­ßi­scher Mili­tär­des­po­tie. Prak­ti­scher­wei­se für die Entente kapp­te man auch noch das deut­sche Über­see­ka­bel, um den media­len Allein­ver­tre­tungs­an­spruch zu sichern.

So wur­de, unter tat­kräf­ti­ger Mit­wir­kung inter­es­sier­ter US-Krei­se, das Bild des häß­li­chen Deut­schen popu­la­ri­siert und glo­ba­li­siert. Dage­gen sucht Mann sei­ne Lands­leu­te zu immu­ni­sie­ren. Als blau­äu­gig gilt ihm, daß der Krieg (ob in Fried­richs oder zu Wil­helms Zei­ten) tat­säch­lich durch Unge­schick­lich­kei­ten oder poli­ti­sche Extra­va­gan­zen ver­ur­sacht wor­den sei. Das sei nur Oberflä­che gegen­über den eigent­li­chen Moti­ven, wonach eine auf­stei­gen­de Macht, die sich ihren Sta­tus im Kon­zert der bereits eta­blier­ten Staa­ten erst erstrei­ten muß, eben als Stö­ren­fried gilt und mas­si­ven Wider­stand her­aus­for­dert. Wer sei­nen Fähig­kei­ten und Leis­tun­gen gemäß zu einem neu­en Macht- und Ter­ri­to­ri­al­spiel ein­lud, muß­te zum Stein des Ansto­ßes wer­den, galt struk­tu­rell als ärger­li­cher Kon­kur­rent und »poli­tisch Neu­rei­cher mit schlech­ten Manie­ren«. Und nur wo er sieg­te, war man viel­leicht spä­ter ein­mal geneigt, ein­zu­räu­men, daß die von ihm auf­ge­kün­dig­ten poli­ti­schen Spiel­re­geln ihn als Uneben­bür­ti­gen benach­tei­ligt hatten:

»In sei­nen aller­letz­ten Grün­den war die­ser unge­heu­er­li­che Kampf ein Angriffs­krieg: denn die jun­ge, die auf­stei­gen­de Macht ist psy­cho­lo­gisch genom­men immer im Angriff […]. Etwas wei­ter gegen die Oberflä­che war er ein Ver­tei­di­gungs­krieg: denn Preu­ßen war ja ›ein­ge­kreist‹ und soll­te bald­tun­lichst ver­nich­tet wer­den. Er war dann wie­der ein Angriffs­krieg, indem Fried­rich ihn zuvor­kom­mend vom Zau­ne brach. Er war aber­mals ein Ver­tei­di­gungs­krieg: denn einer gegen fünf, das läuft jeden­falls auf Ver­tei­di­gung hin­aus […]. Und er war fünf­tens wie­der ein Angriffs­krieg, indem die schwers­te und ver­zwei­felts­te Ver­tei­di­gung sich not­wen­dig in die Form des Angriffs ret­tet.« (83)

Nicht weni­ger bri­sant ist das, was Tho­mas Mann mit sei­ner Fried­rich-Par­al­le­le den Deut­schen an zukünf­ti­gen Schre­cken und Nöten ankün­digt. Gan­ze sie­ben Jah­re unsäg­li­chen Lei­dens wur­den es zwar nicht, weil das Volk 1918 sei­nem Herr­scher nicht mehr folg­te. Aber wie teu­er selbst ein (durch glück­li­che Umstän­de) ver­hei­ße­ner Sieg die Deut­schen kom­men könn­te, wird durch die­se Ana­lo­gie ange­spro­chen. Mag sei­ne Dia­gno­se auch noch Rest­be­stän­de machia­vel­lis­ti­schen Den­kens ent­hal­ten, sie schuf jeden­falls wün­schens­wer­te Klar­heit. Denn im 18. wie im 20. Jahr­hun­dert waren die jeweils gro­ßen Koali­tio­nen ja in der Tat nicht nur der Sicher­heit wegen geschmie­det, son­dern viel­mehr, um das Preu­ßenbzw. Deutsch­land-Pro­blem end­gül­tig mili­tä­risch zu lösen. Dies unmiß­ver­ständ­lich dar­zu­le­gen hat­te den Vor­zug, daß hier­durch für den Leser der essen­ti­el­le Konflikt­kern her­aus­prä­pa­riert wur­de, ohne daß die Rol­le der Mit­tel­mäch­te als Brand­be­schleu­ni­ger geleug­net wor­den wäre.

Auch scheut Mann sich nicht, bei der­art gigan­ti­schen mili­tä­ri­schen Anstren­gun­gen eine äußerst beschei­de­ne Bilanz zu zie­hen. Denn Fried­rich »hat­te nichts Greif­ba­res gewon­nen, und sei­ne Län­der waren ver­heert, ver­wil­dert, ver­armt, ent­völ­kert« (86). Wel­che trü­ben Aus­sich­ten bereits zu Beginn des Jah­res 1915! Dem steht als Aktiv­pos­ten ledig­lich gegen­über, daß Preu­ßen nicht ein ein­zi­ges Dorf ver­lo­ren, Schle­si­en (ali­as Elsaß-Loth­rin­gen) bewahrt hat­te und inso­fern »das Ziel der gro­ßen Koali­ti­on voll­kom­men ver­fehlt« wor­den sei:

»Der Spruch des Fatums hat­te gegen alle Wahr­schein­lich­keit für ihn ent­schie­den, das Urteil anzu­fech­ten war untun­lich auf lan­ge Zeit, man muß­te Preu­ßen, muß­te Deutsch­land den Weg frei­ge­ben, – wel­cher sich auch hin­fort als ein Weg erwies so steil und schick­sals­voll, an mäch­tig erzie­he­ri­schen Wen­dun­gen so reich wie kei­ner, den ein Volk je gegan­gen.« (86)

Es bleibt also als his­to­ri­sches Fazit wie als Zukunfts­hoff­nung ledig­lich ein ein­zi­ges erreich­tes Kriegs­ziel: die Bestä­ti­gung als Groß­macht. Der Autor ver­deut­licht dar­über hin­aus, daß man sich über die desas­trö­se inter­na­tio­na­le Mei­nung bezüg­lich Preu­ßens ali­as Deutsch­lands kei­ne Illu­sio­nen machen dür­fe und daß Deutsch­lands Zukunft nach Lage der Din­ge, um der Kata­stro­phe noch zu ent­kom­men, den mili­tä­ri­schen Erfolg zwin­gend vorschreibe:

»Der Haß und Abscheu gegen Preu­ßen moch­te so unbe­lehrt und irre­ge­lei­tet wie immer sein: die Fra­ge […] war die, ob es […] gegen einen so all­ge­mei­nen Gefühls­druck sich behaup­ten […] wer­de. Es gehört mehr Nerv dazu, einer Über­macht von Rechts­ge­fühl die Stirn zu bie­ten, als einer über­le­ge­nen Trup­pen­macht zu trot­zen. Fried­rich muß­te sich sagen, daß, wenn er unter­lä­ge, der Hohn und die Freu­de der Welt gren­zen­los sein wür­den; daß ihm in die­sem Fal­le nicht nur nie­mals Gerech­tig­keit zuteil wer­den wür­de, son­dern daß er dann auch tat­säch­lich im Unrecht wür­de gewe­sen sein. Eben des­halb war es bit­ter nötig, daß er sieg­te. Er war nicht im Recht, sofern Recht eine Kon­ven­ti­on, das Urteil der Majo­ri­tät, die Stim­me der ›Mensch­heit‹ ist. […] Unter­lag er, so war er der elen­des­te Aben­teu­rer, ›un fou‹, wie Lud­wig von Frank­reich gesagt hat­te. Nur wenn sich durch den Erfolg her­aus­stell­te, daß er der Beauf­trag­te des Schick­sals war, nur dann war er im Recht und immer im Rech­te gewe­sen.« (75f)

Bezie­hen wir die­se bit­te­re Ein­schät­zung auf die Jah­re 1914/18, so lag dar­in aller­dings eine gewal­ti­ge, fast depri­mie­ren­de, aber phra­sen­lo­se Pro­phe­tie, deren Kor­rekt­heit sich schon bald erwei­sen soll­te. Denn mit Ver­sailles und nach dem zwei Jahr­zehn­te spä­ter noch kata­stro­pha­ler geschei­ter­ten Revi­si­ons­ver­such begann ein Jahr­hun­dert, in dem man dem Welt­kriegs­ver­lie­rer in der Tat lan­ge Zeit jeg­li­che Basis absprach, auch nur in Ansät­zen Recht zu haben oder es zu rekla­mie­ren. Und so pro­vo­zie­rend es gut­mensch­li­cher Per­spek­ti­ve schei­nen mag: Selbst­ver­ständ­lich hät­ten wir im Fall des Sie­ges ein ganz ande­res, strah­len­des Geschichts­bild, dem der Alli­ier­ten nicht unähn­lich, für die die­ser Krieg ja immer­hin noch heu­te der »gro­ße« ist. Das also waren nach Tho­mas Mann die Auspi­zi­en, die sich erga­ben, nach­dem die Deut­schen mit ihren öster­rei­chisch-unga­ri­schen Bun­des­ge­nos­sen in die­sen Krieg hin­ein­ge­tau­melt waren. Eine Zwangs­la­ge oder Zwick­müh­le hat­te sich erge­ben, die nach­ge­ra­de zum Sie­gen ver­damm­te, sofern man die Prä­mis­sen akzep­tier­te, die Fried­richs Han­deln zugrun­de lagen: näm­lich Groß­macht zu sein oder zu werden.

War die­ser Preis von Preu­ßen bzw. Deutsch­land zu zah­len? Tho­mas Mann hielt ihn in Über­ein­stim­mung mit füh­ren­den Kräf­ten sei­nes Lan­des lan­ge Zeit für ange­mes­sen. Die Entente (mit gegen­läu­fi­ger Ziel­set­zung) des­glei­chen. Inso­fern def­niert Manns poli­ti­scher Essay zeit­ty­pi­sche Denk­mus­ter und fast staats­män­ni­sche Hand­lungs­zwän­ge im Ver­ständ­nis jener Epo­che. Er geht sogar so weit – und ich hal­te dies für die ein­zig erheb­li­che Schwä­che des Texts –, dafür Fried­rich gar nicht mehr per­sön­lich ver­ant­wort­lich zu machen. Hand­le er doch prak­tisch im Auf­trag der Neme­sis oder ande­rer gött­li­cher Ratschlüsse:

»Er mein­te zwar, daß er sich geop­fert habe: sei­ne Jugend dem Vater, sei­ne Man­nes­jah­re dem Staa­te. Aber er war im Irr­tum, wenn er glaub­te, daß es ihm frei­ge­stan­den hät­te, es anders zu hal­ten. Er war ein Opfer. Er muß­te unrecht tun und ein Leben gegen den Gedan­ken füh­ren, er durf­te nicht Phi­lo­soph, son­dern muß­te König sein, damit eines gro­ßen Vol­kes Erden­sen­dung sich erfül­le.« (88)

Auch in sei­ner Ent­schei­dung zum Krieg sei er letzt­lich gar nicht wirk­lich frei gewe­sen, und die Fra­ge, ob er ihn gewollt habe, füh­re »in die Schlün­de des nie aus­ge­dach­ten Pro­blems von der Wil­lens­frei­heit. Er hat wohl zei­tig gewußt, daß er ihn wer­de wol­len müs­sen; und nach­dem er das Ver­häng­nis eine Wei­le genas­führt, hat­te er Bos­heit und Men­schen­stolz genug, um ihn frei zu wol­len.« (66)

Ein­spruch, Euer Ehren! Machen wir ja auch gegen­wär­tig unse­re kurio­sen Erfah­run­gen mit soge­nann­ter »Alter­na­tiv­lo­sig­keit« – eine Argu­men­ta­ti­ons­fgur, die sich fast immer als mys­tif­zie­ren­de Aus­re­de, Betrug oder Aus­druck von intel­lek­tu­el­lem Halb­den­ker­tum erweist. Denn der Muti­ge soll­te sich, unge­ach­tet des poli­ti­schen Gegen­winds und jewei­li­ger Erfolgs­aus­sich­ten, immer gegen soge­nann­te Epo­chen­ten­den­zen stem­men, wenn er die Fol­gen eines Mit­ma­chens nicht mehr ver­ant­wor­ten kann. Und des Königs respek­ti­ve Kai­sers Ent­schei­dun­gen waren ja auch nur dann »alter­na­tiv­los«, wenn man par­tout Groß­macht sein woll­te. Eine staat­li­che Exis­tenz mit gerin­ge­ren Ansprü­chen hät­te Krie­ge ver­hin­dern kön­nen, sowe­nig dies dem inter­na­tio­nal gän­gi­gen Pres­ti­ge­den­ken und Welt­macht­stre­ben jener Ära entsprach.

Ange­sichts der (lang­fris­ti­gen) Fol­gen, die etwa Wil­helms II. Risi­ko­kurs für Deutsch­land haben soll­te, recht­fer­ti­gen bzw. emp­fah­len sich auch weni­ger heroi­sche Ent­schlüs­se. In jedem Fall wäre uns, da jener Krieg nun ein­mal zu unse­ren Unguns­ten ende­te, eine gestei­ger­te Wie­der­ho­lung des Desas­ters und in der Fol­ge ein Jahr­hun­dert Halb­ko­lo­nia­li­sie­rung erspart geblie­ben, von der wir uns heu­te nur schein­bar befreit wäh­nen, weil man uns, öko­no­misch befrie­digt, in eine »Bra­ve New World«-Seligkeit gebet­tet hat.

Ent­schul­digt es Kai­ser Wil­helm, Tho­mas Mann und die maß­geb­li­chen deut­schen Eli­ten, daß sie ähn­lich dach­ten wie ihre Fein­de? Ja und nein. Aller­dings ist auch Zeit­kon­for­mi­tät nicht zum Null­ta­rif zu haben: Die euro­päi­schen Kriegs­teil­neh­mer haben lang­fris­tig dafür eine in der Sub­stanz ver­gleich­ba­re Quit­tung erhal­ten mit dem Ver­lust ihrer einst füh­ren­den Stel­lung in der Welt, vom unend­li­chen Leid ganz abge­se­hen, das die­se gut vier­jäh­ri­ge Schläch­te­rei nicht nur ihren Völ­kern eintrug.

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