1. Februar 2014

Der häßliche Deutsche

Gastbeitrag

Selbstverständlich war Yeovil auf vieles gefaßt, die Plakate in deutscher und englischer Sprache am Bahnhof, den unsympathischen Teutonen, der ihn als Taxifahrer angeblich nicht zur »No 28 Berkshire Street« bringen konnte, sondern nur zur »Berkshirestraße 28«, und auch auf »andere widerwärtige und störende Dinge … – die Veränderungen auf Briefmarken und Münzen, das aufdringliche germanische Wesen, die fremden Uniformen«, aber das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde ihm erst bewußt, als er, der Brite, in einem Hotel auf britischem Boden gezwungen wurde, ein »Meldeformular« auszufüllen. In diesem Augenblick begriff Yeovil schlagartig: Britanniens Flotte vernichtet, die Insel besetzt, ein Hohenzollernprinz als Statthalter in London, das ganze Land unterworfen, die Elite geflohen oder zur Kollaboration bereit, das einfache Volk entmutigt, seiner angestammten Freiheit beraubt durch Kaiser Bills Regime, das zwar jovial auftrat, aber tatsächlich alles mit Kasernenhofton und Bürokratie regelte.

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Das geschilderte Szenario entstammt dem Roman When William Came von Hector Hugh Munro, der unter dem Pseudonym »Saki« schrieb. Man hat sein Buch gleichermaßen als Satire wie als nationalistisches Pamphlet zugunsten von vormilitärischer Erziehung und Wehrpflicht oder als frühe Science-Fiction gelesen. Vor allem aber muß man When William Came als hervorragendes Beispiel der sogenannten Invasionsliteratur betrachten. Bei Erscheinen im Jahr 1913 war dieses Genre bereits fest etabliert. Etwa vierhundert Titel kann man der Gattung zurechnen. Oft handelte es sich um Serien, die populäre Zeitschriften abdruckten, und die dann zu Buchausgaben verarbeitet wurden und Bestsellerauflagen erreichten. Dabei malten sich die Autoren im Regelfall einen Angriff Frankreichs aus, des traditionellen Erzfeindes. Aber es ist doch bezeichnend, daß schon der erste Roman dieser Art – The Battle of Dorking von George Tomkyns Chesney – die Vorstellung von einer deutschen Landung in England entwickelt hatte.

The Battle of Dorking kam 1871 auf den Markt; ein aufschlußreiches Datum. Denn es stand ganz im Zeichen des deutschen Sieges über Frankreich. Der britische Premier Benjamin Disraeli hatte beim Triumph Preußens und seiner Verbündeten von einer »deutschen Revolution« gesprochen, die die Welt verändern werde, und tatsächlich entfaltete das neue Reich in den kommenden Jahrzehnten sein industrielles, ökonomisches und militärisches Potential. Dieser Vorgang würde allein genügen, die wachsende Beunruhigung eines Volkes zu erklären, das bis dahin geglaubt hatte, die splendid isolation sei unantastbar. Und so traten die Franzosen, Amerikaner oder »Gelben« als denkbare Invasoren in den Hintergrund, die Deutschen in den Vordergrund. Romane wie William Le Queuxs The Great War in England in 1897 von 1894, Erskine Childers The Riddle oft the Sands von 1903 und eben Sakis When William Came von 1913 bedienten jedenfalls einen breiten Publikumsgeschmack. Den Erfolg erklärte auch eine wachsende antideutsche Stimmung.

Die fand ihren sichtbaren Niederschlag nicht nur in der Markierung deutscher Waren mit »Made in Germany« und diversen »Buy-British«-Kampagnen, sondern auch in der »Germania-est-delenda«-Hetze der Saturday Review und einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen aus der Feder mehr oder weniger bedeutender Denker. 1913 schrieb der Historiker John Adam Cramb: »Und wenn das schreckliche Ereignis eines Krieges mit Deutschland – wäre es wirklich schrecklich? – jemals eintreten sollte, dann wird auf dieser Erde ein Kampf zu sehen sein, der mehr als jeder andere die Beschreibung der großen griechischen Kriege wahrmachen wird: ›Helden im Kampfe mit Helden, / zürnende Götter darüber.‹ Und man kann sich ausmalen, wie der alte, mächtige Gott aller teutonischen Völker, über den Wolken thronend, heiter auf den Kampf herabschaut, auf seine Lieblingskinder, die Engländer und die Deutschen, die in tödlichem Kampf verstrickt sind, und wie ihm dann das Herz lacht bei dem Heldentum dieses Streits, dem Heldentum der Kinder Odins, des Kriegsgottes«.

Mit derlei poetischen Vorstellungen hielt sich die britische Basis nicht auf. Hier arbeitete man mit klar umrissenen Feindbildern, zu denen vor allem die Behauptung gehörte, daß die in Großbritannien lebenden Deutschen die kommende Attacke als Spione vorbereiteten. Man mutmaßte nicht nur das Ausspähen und Weitergeben geheimer Informationen, sondern auch die Sammlung von Waffen, die Vorbereitung von Sabotageakten und Maßnahmen zur Schwächung der britischen Wehrkraft und fallweise das Bestehen einer deutsch-jüdischen Verschwörung zur Kontrolle des internationalen Finanzwesens.

Derartige Phantasien wurden von der britischen Regierung durchaus ernstgenommen, ob tatsächlich die Gründung von MI 5 und MI 6 im Jahr 1909 darauf zurückzuführen waren, ist umstritten. Unumstritten sind allerdings die psychologischen Folgen. 1910 schrieb der Journalist Charles Lowe: »Unter allen Ursachen, die anhaltend dazu beitragen, daß zwischen England und Deutschland böses Blut herrscht, ist wahrscheinlich die mächtigste die verderbliche Industrie dieser skrupellosen Schreiber, die immer versichern, daß die Deutschen nur auf eine geeignete Gelegenheit warten, um uns auf unserer Insel anzugreifen und auszulöschen«.

Trotz dieses Befundes muß man feststellen, daß die Stimmung in Großbritannien bei Kriegsausbruch eher verhalten wirkte. Die öffentliche Meinung neigte zur Zurückhaltung. Das änderte sich schlagartig mit dem deutschen Bruch der belgischen Neutralität. Dieses »Gottesgeschenk« (Arthur Ponsonby) erlaubte es der britischen Regierung, in den Krieg einzutreten, wohlwissend, daß  Frankreich ohne Skrupel in Belgien einmarschiert wäre, wenn es das als militärisch notwendig betrachtet hätte. So ergab sich aber die willkommene Möglichkeit, den Eindruck zu erwecken, als ob man nicht für die eigenen Interessen, sondern für ein überlegenes moralisches Prinzip kämpfen werde. Das erklärt auch, warum sich das Bild des Deutschen jetzt in kurzer Zeit und drastisch verdunkelte.

Zwar gab es nach wie vor die alten Invektiven und vergleichsweise harmlose Aktionen, zum Beispiel das öffentliche Ausschütten von Rheinwein in die Gosse, die Diskriminierung von Dackelhaltern und die Nötigung zur Aufgabe deutscher Adelstitel, aber es entstanden außerdem chauvinistische Verbände wie die Anti-German Union, die den Mob aufhetzten, und Pogrome gegen in England ansässige Deutsche, die man der Illoyalität verdächtigte. Vor allem aber stellte eine allgegenwärtige Propaganda der Massenpresse ein Feindbild von bis dahin unbekannter Drastik ins Zentrum: der Deutsche als blutsaufender »Hunne«, als kalter Zyniker und als »Antichrist«.

Bereits im August 1914 wurden erste Greuelgeschichten in Umlauf gebracht: etwa über die Vergewaltigung, Verstümmelung und Ermordung einer britischen Krankenschwester in Belgien, über die Kreuzigung eines kanadischen Offziers, die böswillige Zerstörung der flandrischen Stadt Löwen, vor allem aber über das Abschneiden von belgischen Kinderhänden. Wenn entsprechende Vorwürfe im verbündeten Frankreich sofort aufgegriffen wurden, so hatte das auch damit zu tun, daß viele von ihnen aus der nach 1871 entstandenen Bewältigungsliteratur bekannt waren, die von »Vandalen«, vergewaltigenden »Goten« und mörderischen »Preußen« nur so wimmelte. Es ging den Verfassern dabei nie nur um die übliche Aversion gegen einen siegreichen Gegner, sondern auch um die Auffassung, daß ein Rachekrieg gegen Deutschland vorbereitet werden müsse.

Ein breiter Konsens trug diesen »Revanchismus«, der von den Preußenfressern des Herz-Jesu-Katholizismus über den Massenanhang des »Général Revanche« Boulanger bis zu nationalistischen Jakobinern wie Georges Clemenceau reichte. Es ist mehr als bezeichnend, daß Clemenceau, ein überzeugter Antiklerikaler, schon im August 1914 die apokalyptische Metapher von den »beiden Fahnen« – der des Guten und der des Bösen – in bezug auf den Kampf gegen Deutschland verwendete, und von ihm stammte auch eine andere quasi-religiöse Formel: »Jeder Mensch hat zwei Vaterländer: das seinige und Frankreich«.

Diese im Kern sehr alte Identifzierung der Menschheit überhaupt und Frankreichs führte notwendig dahin, daß Clemenceau während des Krieges nur ein Ziel kannte: den Verblendeten die Augen dafür zu öffnen, daß die »Germanen« seit fünfzig Jahren nichts anderes taten, als einen Weltkrieg vorzubereiten, um die Weltherrschaft zu erringen. Die Auffassungen Clemenceaus erinnern in vielem an die des Geographen Onésime Reclus, der sich 1915 in einer Broschüre nicht nur die manichäische Deutung des Krieges zu eigen machte, sondern eine umfassende – und in mancher Hinsicht prophetisch wirkende – Planung für die Zukunft Deutschlands nach dem Sieg der Entente entwarf. Unter dem Titel L’ Allemagne en morceau»Deutschland in Stücken« schlug er vor, Frankreich sollte nicht nur Elsaß-Lothringen, sondern auch das Saargebiet und Luxemburg erhalten; die deutsche Bevölkerung des linken Rheinufers könne sich Frankreich anschließen oder in Selbständigkeit leben; Rußland erhalte für sein polnisches Protektorat West- und Ostpreußen, außerdem Posen und Schlesien; Österreich-Ungarn verschwinde und werde in seine Nationalitäten aufgelöst; der deutsche Rest möge sich mit dem südlichen Deutschland vereinigen, das vom nördlichen abgetrennt werde. Entscheidend sei, so Reclus, die »Hinrichtung Preußens«, damit verbunden die vollständige Entmilitarisierung samt Abschaffung der Flotte; nur eine »Polizeitruppe« solle Deutschland behalten dürfen. Schließlich forderte der Verfasser eine »Überbuße« von 101 Milliarden Goldmark, zahlbar in 101 Jahren und schloß mit der Forderung, die Deutschen »… würden es wirklich verdienen, auf dem Sklavenmarkt verkauft zu werden, nachdem man sie, den Strick um den Hals, dorthin getrieben hat. Nicht die große Masse, die auch gute Eigenschaften hat. Tölpelhaft, grob, gefräßig, dem Trunke ergeben, hat sie doch Familiensinn, ist fleißig, geduldig, gelehrig, aber auch etwas unterwürfg. Man befehlt, sie gehorcht. Aber sie, die ihr befehlen, die sie führen und antreiben, verdienen die Kette und das Halseisen. Sie alle«.

Reclus vertrat ohne Zweifel eine radikale Position. Aber er war keineswegs isoliert, sondern durfte auf ein erhebliches Maß an Zustimmung in der französischen Öffentlichkeit rechnen. Die erklärt sich aus einer schon während der Vorkriegszeit wachsenden Militarisierung der Publizistik und der Förderung des Deutschenhasses durch einflußreiche französische Autoren. Man fndet in ihren Reihen viele klangvolle Namen: von Charles Péguy auf der Linken bis zu Maurice Barrès auf der Rechten, und während des Krieges wurden auch Männer wie Léon Bloy und Pierre Loti von diesem Furor erfaßt. Loti schrieb in seinem Buch La hyène enragée»Die wildgewordene Hyäne« – über die »deutschen Bestien«: »Die Welt wird nur aufatmen nach ihrer vollständigen Vernichtung«.

Die Entgegensetzung von race humaine – »menschliche Rasse« und race allemande – »deutsche Rasse« war in Großbritannien nicht ganz so geläufig wie in Frankreich, aber auch hier gab es Verfechter entsprechender Vorstellungen, etwa den Literaturnobelpreisträger Rudyard Kipling, der äußerte, er könne zwei Arten sehr genau unterscheiden: »menschliche Wesen« und »Deutsche«. Das paßte selbstverständlich genau zu der Idee, daß die Entente für Zivilisation und Demokratie und Humanität kämpfe, während Deutschland Barbarei, Autokratie und eine perverse Form von »Kultur« vertrete. Dabei ist zu betonen, daß die Heftigkeit, mit der die Deutschen aus der Gattung ausgestoßen, als Untermenschen, Ungeheuer oder Untiere bestimmt wurden, eine Grenze überschritt, die bis dahin selbst in der Kriegspropaganda eingehalten worden war. Diese Grenzüberschreitung ist weder aus der kollektiven Erregung begreifbar, noch als irgendwie verständliche Reaktion auf deutsche Verbrechen.

Entscheidend ist deshalb die Feststellung, daß der »häßliche Deutsche« schon vor dem Krieg seine Umrisse erhalten hatte, und daß man während des Krieges nichts anderes tun mußte, als das Feindbild in Umlauf zu bringen. Faktisch ging es dabei um eine in dieser Form noch nie dagewesene Massenverhetzung. Deren Effizienz erklärt sich nicht nur aus der Modernität des Pressewesens in Großbritannien und Frankreich, sondern auch aus der Tatsache, daß man in London sehr früh erkannte, wie unklug es war, die Verantwortung für die Propaganda Beamten zu übertragen. Das unmittelbar nach Kriegsbeginn gegründete »War Propaganda Bureau« arbeitete im Geheimen, zog es vor, bekannte Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle oder H.G. Wells für antideutsche Pamphlete zu bezahlen, anstatt sie direkt zu rekrutieren, und Material der Presse zur Verfügung zu stellen und einzelne Journalisten zu kaufen, anstatt regierungsamtliche Verlautbarungen in Umlauf zu bringen.

Der entscheidende Coup war allerdings, bei der Reorganisation »des Bureaus« als »Department of Information« im Februar 1917 für die entscheidenden Positionen Lord Northcliffe und Lord Beaverbrook zu gewinnen. Diese »Pressezaren« beherrschten ihr Metier und taten im Grunde nichts anderes, als die erfolgreichen Methoden der populären Presse auf die Kriegspropaganda zu übertragen. Diese Art von Public-Private-Partnership erwies sich als so erfolgreich, daß die französische Propaganda faktisch an die britische angeschlossen wurde und die USA das Modell nach ihrem Kriegseintritt übernahmen. Mit einer ihrer ersten Maßnahmen schuf die Regierung das »US Committee on Public Information« (CPI), das nicht nur die Aufgabe hatte, Spezialisten aus der Werbebranche zu rekrutieren, sondern auch die Zusammenarbeit mit der hoch entwikkelten amerikanischen Reklameindustrie und den Medien sicherzustellen.

Daß das CPI inhaltlich wenig Neues bot, spielte dabei keine Rolle. Diese Institution, die am ehesten den Charakter eines Propagandaministeriums besaß, interessierte sich nicht für Originalität, sondern für Wirksamkeit. Und aus diesem Grund förderte man auch ein Medium, dessen propagandistische Bedeutung zwar in allen am Krieg beteiligten Ländern erkannt worden war, das aber nirgends so wirkungsvoll eingesetzt wurde wie in den USA: den Film. In erster Linie ging es um die Wochenschauen und um den neuen, abendfüllenden Spielflm. Die Zahl dieser Filme war schon aufgrund der Kürze der amerikanischen Kriegsteilnahme begrenzt, aber ihre Wirkung auf das Publikum darf trotzdem nicht unterschätzt werden, da es hier auf eine zukunftweisende Art gelang, das Hauptziel des CPI zu erreichen, nämlich »die Deutschen nicht einfach nur in den schwärzesten Farben, sondern als die Inkarnation des Teufels überhaupt« (David Crunch) darzustellen.

Den Deutschen als »Inkarnation des Teufels« hat der amerikanische Soziologe Walter Lippmann schon 1922 in seinem Klassiker Public Opinion als Ergebnis einer »Fiktion« bezeichnet. Lippmann meinte damit keine Lüge im einfachen Sinn, sondern die Nutzung eines »Mechanismus« in der menschlichen Seele, der das Bedürfnis nach Heldenverehrung ebenso hervorbringe wie das Bedürfnis nach »Exorzismus des Teufels«.

Die alliierte Propaganda habe sich dieses Mechanismus bemächtigt und sei deshalb so außerordentlich erfolgreich gewesen. Allerdings habe man gleichzeitig ein »Bild« tief in der Seele der Massen verankert. Ein Vorgang, der sich praktisch nicht mehr rückgängig machen lasse.


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