Der häßliche Deutsche

Selbstverständlich war Yeovil auf vieles gefaßt, die Plakate in deutscher und englischer Sprache am Bahnhof, den unsympathischen Teutonen, der ihn als Taxifahrer angeblich nicht zur »No 28 Berkshire Street« bringen konnte, sondern nur zur »Berkshirestraße 28«, und auch auf »andere widerwärtige und störende Dinge … – die Veränderungen auf Briefmarken und Münzen, das aufdringliche germanische Wesen, die fremden Uniformen«, aber das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde ihm erst bewußt, als er, der Brite, in einem Hotel auf britischem Boden gezwungen wurde, ein »Meldeformular« auszufüllen. In diesem Augenblick begriff Yeovil schlagartig: Britanniens Flotte vernichtet, die Insel besetzt, ein Hohenzollernprinz als Statthalter in London, das ganze Land unterworfen, die Elite geflohen oder zur Kollaboration bereit, das einfache Volk entmutigt, seiner angestammten Freiheit beraubt durch Kaiser Bills Regime, das zwar jovial auftrat, aber tatsächlich alles mit Kasernenhofton und Bürokratie regelte.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Selbst­ver­ständ­lich war Yeo­vil auf vie­les gefaßt, die Pla­ka­te in deut­scher und eng­li­scher Spra­che am Bahn­hof, den unsym­pa­thi­schen Teu­to­nen, der ihn als Taxi­fah­rer angeb­lich nicht zur »No 28 Berkshire Street« brin­gen konn­te, son­dern nur zur »Berkshire­stra­ße 28«, und auch auf »ande­re wider­wär­ti­ge und stö­ren­de Din­ge … – die Ver­än­de­run­gen auf Brief­mar­ken und Mün­zen, das auf­dring­li­che ger­ma­ni­sche Wesen, die frem­den Uni­for­men«, aber das gan­ze Aus­maß der Kata­stro­phe wur­de ihm erst bewußt, als er, der Bri­te, in einem Hotel auf bri­ti­schem Boden gezwun­gen wur­de, ein »Mel­de­for­mu­lar« aus­zu­fül­len. In die­sem Augen­blick begriff Yeo­vil schlag­ar­tig: Bri­tan­ni­ens Flot­te ver­nich­tet, die Insel besetzt, ein Hohen­zol­lern­prinz als Statt­hal­ter in Lon­don, das gan­ze Land unter­wor­fen, die Eli­te geflo­hen oder zur Kol­la­bo­ra­ti­on bereit, das ein­fa­che Volk ent­mu­tigt, sei­ner ange­stamm­ten Frei­heit beraubt durch Kai­ser Bills Regime, das zwar jovi­al auf­trat, aber tat­säch­lich alles mit Kaser­nen­hof­ton und Büro­kra­tie regelte.

Das geschil­der­te Sze­na­rio ent­stammt dem Roman When Wil­liam Came von Hec­tor Hugh Mun­ro, der unter dem Pseud­onym »Saki« schrieb. Man hat sein Buch glei­cher­ma­ßen als Sati­re wie als natio­na­lis­ti­sches Pam­phlet zuguns­ten von vor­mi­li­tä­ri­scher Erzie­hung und Wehr­pflicht oder als frü­he Sci­ence-Fic­tion gele­sen. Vor allem aber muß man When Wil­liam Came als her­vor­ra­gen­des Bei­spiel der soge­nann­ten Inva­si­ons­li­te­ra­tur betrach­ten. Bei Erschei­nen im Jahr 1913 war die­ses Gen­re bereits fest eta­bliert. Etwa vier­hun­dert Titel kann man der Gat­tung zurech­nen. Oft han­del­te es sich um Seri­en, die popu­lä­re Zeit­schrif­ten abdruck­ten, und die dann zu Buch­aus­ga­ben ver­ar­bei­tet wur­den und Best­sel­ler­aufla­gen erreich­ten. Dabei mal­ten sich die Autoren im Regel­fall einen Angriff Frank­reichs aus, des tra­di­tio­nel­len Erz­fein­des. Aber es ist doch bezeich­nend, daß schon der ers­te Roman die­ser Art – The Batt­le of Dor­king von Geor­ge Tom­kyns Ches­ney – die Vor­stel­lung von einer deut­schen Lan­dung in Eng­land ent­wi­ckelt hatte.

The Batt­le of Dor­king kam 1871 auf den Markt; ein auf­schluß­rei­ches Datum. Denn es stand ganz im Zei­chen des deut­schen Sie­ges über Frank­reich. Der bri­ti­sche Pre­mier Ben­ja­min Dis­rae­li hat­te beim Tri­umph Preu­ßens und sei­ner Ver­bün­de­ten von einer »deut­schen Revo­lu­ti­on« gespro­chen, die die Welt ver­än­dern wer­de, und tat­säch­lich ent­fal­te­te das neue Reich in den kom­men­den Jahr­zehn­ten sein indus­tri­el­les, öko­no­mi­sches und mili­tä­ri­sches Poten­ti­al. Die­ser Vor­gang wür­de allein genü­gen, die wach­sen­de Beun­ru­hi­gung eines Vol­kes zu erklä­ren, das bis dahin geglaubt hat­te, die sple­ndid iso­la­ti­on sei unan­tast­bar. Und so tra­ten die Fran­zo­sen, Ame­ri­ka­ner oder »Gel­ben« als denk­ba­re Inva­so­ren in den Hin­ter­grund, die Deut­schen in den Vor­der­grund. Roma­ne wie Wil­liam Le Queuxs The Gre­at War in Eng­land in 1897 von 1894, Ers­ki­ne Chil­ders The Ridd­le oft the Sands von 1903 und eben Sakis When Wil­liam Came von 1913 bedien­ten jeden­falls einen brei­ten Publi­kums­ge­schmack. Den Erfolg erklär­te auch eine wach­sen­de anti­deut­sche Stimmung.

Die fand ihren sicht­ba­ren Nie­der­schlag nicht nur in der Mar­kie­rung deut­scher Waren mit »Made in Ger­ma­ny« und diver­sen »Buy-British«-Kampagnen, son­dern auch in der »Germania-est-delenda«-Hetze der Satur­day Review und einer gan­zen Rei­he von Ver­öf­fent­li­chun­gen aus der Feder mehr oder weni­ger bedeu­ten­der Den­ker. 1913 schrieb der His­to­ri­ker John Adam Cramb: »Und wenn das schreck­li­che Ereig­nis eines Krie­ges mit Deutsch­land – wäre es wirk­lich schreck­lich? – jemals ein­tre­ten soll­te, dann wird auf die­ser Erde ein Kampf zu sehen sein, der mehr als jeder ande­re die Beschrei­bung der gro­ßen grie­chi­schen Krie­ge wahr­ma­chen wird: ›Hel­den im Kamp­fe mit Hel­den, / zür­nen­de Göt­ter dar­über.‹ Und man kann sich aus­ma­len, wie der alte, mäch­ti­ge Gott aller teu­to­ni­schen Völ­ker, über den Wol­ken thro­nend, hei­ter auf den Kampf her­ab­schaut, auf sei­ne Lieb­lings­kin­der, die Eng­län­der und die Deut­schen, die in töd­li­chem Kampf ver­strickt sind, und wie ihm dann das Herz lacht bei dem Hel­den­tum die­ses Streits, dem Hel­den­tum der Kin­der Odins, des Kriegsgottes«.

Mit der­lei poe­ti­schen Vor­stel­lun­gen hielt sich die bri­ti­sche Basis nicht auf. Hier arbei­te­te man mit klar umris­se­nen Feind­bil­dern, zu denen vor allem die Behaup­tung gehör­te, daß die in Groß­bri­tan­ni­en leben­den Deut­schen die kom­men­de Atta­cke als Spio­ne vor­be­rei­te­ten. Man mut­maß­te nicht nur das Aus­spä­hen und Wei­ter­ge­ben gehei­mer Infor­ma­tio­nen, son­dern auch die Samm­lung von Waf­fen, die Vor­be­rei­tung von Sabo­ta­ge­ak­ten und Maß­nah­men zur Schwä­chung der bri­ti­schen Wehr­kraft und fall­wei­se das Bestehen einer deutsch-jüdi­schen Ver­schwö­rung zur Kon­trol­le des inter­na­tio­na­len Finanzwesens.

Der­ar­ti­ge Phan­ta­sien wur­den von der bri­ti­schen Regie­rung durch­aus ernst­ge­nom­men, ob tat­säch­lich die Grün­dung von MI 5 und MI 6 im Jahr 1909 dar­auf zurück­zu­füh­ren waren, ist umstrit­ten. Unum­strit­ten sind aller­dings die psy­cho­lo­gi­schen Fol­gen. 1910 schrieb der Jour­na­list Charles Lowe: »Unter allen Ursa­chen, die anhal­tend dazu bei­tra­gen, daß zwi­schen Eng­land und Deutsch­land böses Blut herrscht, ist wahr­schein­lich die mäch­tigs­te die ver­derb­li­che Indus­trie die­ser skru­pel­lo­sen Schrei­ber, die immer ver­si­chern, daß die Deut­schen nur auf eine geeig­ne­te Gele­gen­heit war­ten, um uns auf unse­rer Insel anzu­grei­fen und auszulöschen«.

Trotz die­ses Befun­des muß man fest­stel­len, daß die Stim­mung in Groß­bri­tan­ni­en bei Kriegs­aus­bruch eher ver­hal­ten wirk­te. Die öffent­li­che Mei­nung neig­te zur Zurück­hal­tung. Das änder­te sich schlag­ar­tig mit dem deut­schen Bruch der bel­gi­schen Neu­tra­li­tät. Die­ses »Got­tes­ge­schenk« (Arthur Pon­son­by) erlaub­te es der bri­ti­schen Regie­rung, in den Krieg ein­zu­tre­ten, wohl­wis­send, daß  Frank­reich ohne Skru­pel in Bel­gi­en ein­mar­schiert wäre, wenn es das als mili­tä­risch not­wen­dig betrach­tet hät­te. So ergab sich aber die will­kom­me­ne Mög­lich­keit, den Ein­druck zu erwe­cken, als ob man nicht für die eige­nen Inter­es­sen, son­dern für ein über­le­ge­nes mora­li­sches Prin­zip kämp­fen wer­de. Das erklärt auch, war­um sich das Bild des Deut­schen jetzt in kur­zer Zeit und dras­tisch verdunkelte.

Zwar gab es nach wie vor die alten Invek­ti­ven und ver­gleichs­wei­se harm­lo­se Aktio­nen, zum Bei­spiel das öffent­li­che Aus­schüt­ten von Rhein­wein in die Gos­se, die Dis­kri­mi­nie­rung von Dackel­hal­tern und die Nöti­gung zur Auf­ga­be deut­scher Adels­ti­tel, aber es ent­stan­den außer­dem chau­vi­nis­ti­sche Ver­bän­de wie die Anti-Ger­man Uni­on, die den Mob auf­hetz­ten, und Pogro­me gegen in Eng­land ansäs­si­ge Deut­sche, die man der Illoya­li­tät ver­däch­tig­te. Vor allem aber stell­te eine all­ge­gen­wär­ti­ge Pro­pa­gan­da der Mas­sen­pres­se ein Feind­bild von bis dahin unbe­kann­ter Dras­tik ins Zen­trum: der Deut­sche als bluts­au­fen­der »Hun­ne«, als kal­ter Zyni­ker und als »Anti­christ«.

Bereits im August 1914 wur­den ers­te Greu­el­ge­schich­ten in Umlauf gebracht: etwa über die Ver­ge­wal­ti­gung, Ver­stüm­me­lung und Ermor­dung einer bri­ti­schen Kran­ken­schwes­ter in Bel­gi­en, über die Kreu­zi­gung eines kana­di­schen Off­ziers, die bös­wil­li­ge Zer­stö­rung der flan­dri­schen Stadt Löwen, vor allem aber über das Abschnei­den von bel­gi­schen Kin­der­hän­den. Wenn ent­spre­chen­de Vor­wür­fe im ver­bün­de­ten Frank­reich sofort auf­ge­grif­fen wur­den, so hat­te das auch damit zu tun, daß vie­le von ihnen aus der nach 1871 ent­stan­de­nen Bewäl­ti­gungs­li­te­ra­tur bekannt waren, die von »Van­da­len«, ver­ge­wal­ti­gen­den »Goten« und mör­de­ri­schen »Preu­ßen« nur so wim­mel­te. Es ging den Ver­fas­sern dabei nie nur um die übli­che Aver­si­on gegen einen sieg­rei­chen Geg­ner, son­dern auch um die Auf­fas­sung, daß ein Rache­krieg gegen Deutsch­land vor­be­rei­tet wer­den müsse.

Ein brei­ter Kon­sens trug die­sen »Revan­chis­mus«, der von den Preu­ßen­fres­sern des Herz-Jesu-Katho­li­zis­mus über den Mas­sen­an­hang des »Géné­ral Revan­che« Bou­lan­ger bis zu natio­na­lis­ti­schen Jako­bi­nern wie Geor­ges Cle­men­ceau reich­te. Es ist mehr als bezeich­nend, daß Cle­men­ceau, ein über­zeug­ter Anti­kle­ri­ka­ler, schon im August 1914 die apo­ka­lyp­ti­sche Meta­pher von den »bei­den Fah­nen« – der des Guten und der des Bösen – in bezug auf den Kampf gegen Deutsch­land ver­wen­de­te, und von ihm stamm­te auch eine ande­re qua­si-reli­giö­se For­mel: »Jeder Mensch hat zwei Vater­län­der: das sei­ni­ge und Frankreich«.

Die­se im Kern sehr alte Iden­tif­zie­rung der Mensch­heit über­haupt und Frank­reichs führ­te not­wen­dig dahin, daß Cle­men­ceau wäh­rend des Krie­ges nur ein Ziel kann­te: den Ver­blen­de­ten die Augen dafür zu öff­nen, daß die »Ger­ma­nen« seit fünf­zig Jah­ren nichts ande­res taten, als einen Welt­krieg vor­zu­be­rei­ten, um die Welt­herr­schaft zu errin­gen. Die Auf­fas­sun­gen Cle­men­ce­aus erin­nern in vie­lem an die des Geo­gra­phen Oné­si­me Reclus, der sich 1915 in einer Bro­schü­re nicht nur die manichäi­sche Deu­tung des Krie­ges zu eigen mach­te, son­dern eine umfas­sen­de – und in man­cher Hin­sicht pro­phe­tisch wir­ken­de – Pla­nung für die Zukunft Deutsch­lands nach dem Sieg der Entente ent­warf. Unter dem Titel L’ Allema­gne en mor­ceau»Deutsch­land in Stü­cken« schlug er vor, Frank­reich soll­te nicht nur Elsaß-Loth­rin­gen, son­dern auch das Saar­ge­biet und Luxem­burg erhal­ten; die deut­sche Bevöl­ke­rung des lin­ken Rhein­ufers kön­ne sich Frank­reich anschlie­ßen oder in Selb­stän­dig­keit leben; Ruß­land erhal­te für sein pol­ni­sches Pro­tek­to­rat West- und Ost­preu­ßen, außer­dem Posen und Schle­si­en; Öster­reich-Ungarn ver­schwin­de und wer­de in sei­ne Natio­na­li­tä­ten auf­ge­löst; der deut­sche Rest möge sich mit dem süd­li­chen Deutsch­land ver­ei­ni­gen, das vom nörd­li­chen abge­trennt wer­de. Ent­schei­dend sei, so Reclus, die »Hin­rich­tung Preu­ßens«, damit ver­bun­den die voll­stän­di­ge Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung samt Abschaf­fung der Flot­te; nur eine »Poli­zei­trup­pe« sol­le Deutsch­land behal­ten dür­fen. Schließ­lich for­der­te der Ver­fas­ser eine »Über­bu­ße« von 101 Mil­li­ar­den Gold­mark, zahl­bar in 101 Jah­ren und schloß mit der For­de­rung, die Deut­schen »… wür­den es wirk­lich ver­die­nen, auf dem Skla­ven­markt ver­kauft zu wer­den, nach­dem man sie, den Strick um den Hals, dort­hin getrie­ben hat. Nicht die gro­ße Mas­se, die auch gute Eigen­schaf­ten hat. Töl­pel­haft, grob, gefrä­ßig, dem Trun­ke erge­ben, hat sie doch Fami­li­en­sinn, ist flei­ßig, gedul­dig, geleh­rig, aber auch etwas unter­würfg. Man befehlt, sie gehorcht. Aber sie, die ihr befeh­len, die sie füh­ren und antrei­ben, ver­die­nen die Ket­te und das Hals­ei­sen. Sie alle«.

Reclus ver­trat ohne Zwei­fel eine radi­ka­le Posi­ti­on. Aber er war kei­nes­wegs iso­liert, son­dern durf­te auf ein erheb­li­ches Maß an Zustim­mung in der fran­zö­si­schen Öffent­lich­keit rech­nen. Die erklärt sich aus einer schon wäh­rend der Vor­kriegs­zeit wach­sen­den Mili­ta­ri­sie­rung der Publi­zis­tik und der För­de­rung des Deut­schen­has­ses durch einfluß­rei­che fran­zö­si­sche Autoren. Man fndet in ihren Rei­hen vie­le klang­vol­le Namen: von Charles Péguy auf der Lin­ken bis zu Mau­rice Bar­rès auf der Rech­ten, und wäh­rend des Krie­ges wur­den auch Män­ner wie Léon Bloy und Pierre Loti von die­sem Furor erfaßt. Loti schrieb in sei­nem Buch La hyè­ne enra­gée»Die wild­ge­wor­de­ne Hyä­ne« – über die »deut­schen Bes­ti­en«: »Die Welt wird nur auf­at­men nach ihrer voll­stän­di­gen Vernichtung«.

Die Ent­ge­gen­set­zung von race humai­ne – »mensch­li­che Ras­se« und race alle­man­de – »deut­sche Ras­se« war in Groß­bri­tan­ni­en nicht ganz so geläu­fig wie in Frank­reich, aber auch hier gab es Ver­fech­ter ent­spre­chen­der Vor­stel­lun­gen, etwa den Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Rudy­ard Kipling, der äußer­te, er kön­ne zwei Arten sehr genau unter­schei­den: »mensch­li­che Wesen« und »Deut­sche«. Das paß­te selbst­ver­ständ­lich genau zu der Idee, daß die Entente für Zivi­li­sa­ti­on und Demo­kra­tie und Huma­ni­tät kämp­fe, wäh­rend Deutsch­land Bar­ba­rei, Auto­kra­tie und eine per­ver­se Form von »Kul­tur« ver­tre­te. Dabei ist zu beto­nen, daß die Hef­tig­keit, mit der die Deut­schen aus der Gat­tung aus­ge­sto­ßen, als Unter­men­schen, Unge­heu­er oder Untie­re bestimmt wur­den, eine Gren­ze über­schritt, die bis dahin selbst in der Kriegs­pro­pa­gan­da ein­ge­hal­ten wor­den war. Die­se Grenz­über­schrei­tung ist weder aus der kol­lek­ti­ven Erre­gung begreif­bar, noch als irgend­wie ver­ständ­li­che Reak­ti­on auf deut­sche Verbrechen.

Ent­schei­dend ist des­halb die Fest­stel­lung, daß der »häß­li­che Deut­sche« schon vor dem Krieg sei­ne Umris­se erhal­ten hat­te, und daß man wäh­rend des Krie­ges nichts ande­res tun muß­te, als das Feind­bild in Umlauf zu brin­gen. Fak­tisch ging es dabei um eine in die­ser Form noch nie dage­we­se­ne Mas­sen­ver­het­zung. Deren Effi­zi­enz erklärt sich nicht nur aus der Moder­ni­tät des Pres­se­we­sens in Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich, son­dern auch aus der Tat­sa­che, daß man in Lon­don sehr früh erkann­te, wie unklug es war, die Ver­ant­wor­tung für die Pro­pa­gan­da Beam­ten zu über­tra­gen. Das unmit­tel­bar nach Kriegs­be­ginn gegrün­de­te »War Pro­pa­gan­da Bureau« arbei­te­te im Gehei­men, zog es vor, bekann­te Schrift­stel­ler wie Arthur Con­an Doyle oder H.G. Wells für anti­deut­sche Pam­phle­te zu bezah­len, anstatt sie direkt zu rekru­tie­ren, und Mate­ri­al der Pres­se zur Ver­fü­gung zu stel­len und ein­zel­ne Jour­na­lis­ten zu kau­fen, anstatt regie­rungs­amt­li­che Ver­laut­ba­run­gen in Umlauf zu bringen.

Der ent­schei­den­de Coup war aller­dings, bei der Reor­ga­ni­sa­ti­on »des Bure­aus« als »Depart­ment of Infor­ma­ti­on« im Febru­ar 1917 für die ent­schei­den­den Posi­tio­nen Lord Nor­th­clif­fe und Lord Bea­ver­brook zu gewin­nen. Die­se »Pres­se­za­ren« beherrsch­ten ihr Metier und taten im Grun­de nichts ande­res, als die erfolg­rei­chen Metho­den der popu­lä­ren Pres­se auf die Kriegs­pro­pa­gan­da zu über­tra­gen. Die­se Art von Public-Pri­va­te-Part­ners­hip erwies sich als so erfolg­reich, daß die fran­zö­si­sche Pro­pa­gan­da fak­tisch an die bri­ti­sche ange­schlos­sen wur­de und die USA das Modell nach ihrem Kriegs­ein­tritt über­nah­men. Mit einer ihrer ers­ten Maß­nah­men schuf die Regie­rung das »US Com­mit­tee on Public Infor­ma­ti­on« (CPI), das nicht nur die Auf­ga­be hat­te, Spe­zia­lis­ten aus der Wer­be­bran­che zu rekru­tie­ren, son­dern auch die Zusam­men­ar­beit mit der hoch ent­wikkel­ten ame­ri­ka­ni­schen Rekla­me­in­dus­trie und den Medi­en sicherzustellen.

Daß das CPI inhalt­lich wenig Neu­es bot, spiel­te dabei kei­ne Rol­le. Die­se Insti­tu­ti­on, die am ehes­ten den Cha­rak­ter eines Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­ums besaß, inter­es­sier­te sich nicht für Ori­gi­na­li­tät, son­dern für Wirk­sam­keit. Und aus die­sem Grund för­der­te man auch ein Medi­um, des­sen pro­pa­gan­dis­ti­sche Bedeu­tung zwar in allen am Krieg betei­lig­ten Län­dern erkannt wor­den war, das aber nir­gends so wir­kungs­voll ein­ge­setzt wur­de wie in den USA: den Film. In ers­ter Linie ging es um die Wochen­schau­en und um den neu­en, abend­fül­len­den Spiel­flm. Die Zahl die­ser Fil­me war schon auf­grund der Kür­ze der ame­ri­ka­ni­schen Kriegs­teil­nah­me begrenzt, aber ihre Wir­kung auf das Publi­kum darf trotz­dem nicht unter­schätzt wer­den, da es hier auf eine zukunft­wei­sen­de Art gelang, das Haupt­ziel des CPI zu errei­chen, näm­lich »die Deut­schen nicht ein­fach nur in den schwär­zes­ten Far­ben, son­dern als die Inkar­na­ti­on des Teu­fels über­haupt« (David Crunch) darzustellen.

Den Deut­schen als »Inkar­na­ti­on des Teu­fels« hat der ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge Wal­ter Lipp­mann schon 1922 in sei­nem Klas­si­ker Public Opi­ni­on als Ergeb­nis einer »Fik­ti­on« bezeich­net. Lipp­mann mein­te damit kei­ne Lüge im ein­fa­chen Sinn, son­dern die Nut­zung eines »Mecha­nis­mus« in der mensch­li­chen See­le, der das Bedürf­nis nach Hel­den­ver­eh­rung eben­so her­vor­brin­ge wie das Bedürf­nis nach »Exor­zis­mus des Teufels«.

Die alli­ier­te Pro­pa­gan­da habe sich die­ses Mecha­nis­mus bemäch­tigt und sei des­halb so außer­or­dent­lich erfolg­reich gewe­sen. Aller­dings habe man gleich­zei­tig ein »Bild« tief in der See­le der Mas­sen ver­an­kert. Ein Vor­gang, der sich prak­tisch nicht mehr rück­gän­gig machen lasse.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.