Sezession
27. März 2017

Zweierlei Bücher

Nils Wegner / 7 Kommentare

Vom derzeitigen (»enthüllungs«-)journalistischen Schnellrodazwang war Anfang des Monats schon die Rede. Die Buchmesse zeigte: viel Lärm um wenig Substanz.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Auf mehreren Lesungen präsent war Spiegel-Journalistin Melanie Amann mit ihrem Buch Angst für Deutschland. Kein anderes Tendenzbuch schlägt im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs bislang so hohe Wellen: Nicht nur möchte Beatrix von Storch den Band gern beiseiteschaffen lassen.

Weitaus bemerkenswerter ist doch, daß Amann wohl wegen ihres Buchs auch vom gestrigen Landesparteitag der Sachsen-AfD, also Frauke Petrys LV, ausgeschlossen wurde. Das kann man auf persönliche Animositäten zurückführen, muß es aber nicht: Amanns Buch zeugt insbesondere vom Prozeß der Lager- und Klüngelbildung, der auch in der "jungen" und "alternativen" Partei längst eingesetzt hat. In ihrer neuen Buchvorstellung führt Ellen Kositza in das kontroverse Werk ein – siehe unten!

Daß etwas wirklich Neues darin steht, unterscheidet Angst für Deutschland von einem thematischen Mitbewerber: Die autoritäre Revolte des Jungle-World-Historikers Volker Weiß war für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und hatte – unterstellte man politisch-pädagogische Absichten – auch beste Chancen auf Gewinn.

Daß sich Weiß' schrill warnendes Werk dann letztlich einer »postheroischen« Biographie der Kaiserin Maria Theresia geschlagen geben mußte, war doch verblüffend. Allerdings nur auf den ersten Blick: Seine Lesung am Messefreitag im Rahmen des MDR-Themenabends »Angriff auf die Demokratie« zeigte nur das, was zu erwarten war. Es ist wohl kein Zufall, daß es nur der Beitrag Tuvia Tenenboms ins Netz geschafft hat.

Denn abgesehen vom seit den frühen 1990ern üblichen Bedenkenträgertum ist da bei Weiß gar nichts. Es gilt das Gleiche, was die Historische Zeitschrift bereits 2014 über die aus seiner Dissertation hervorgegangene Monographie schrieb, nämlich daß »die Kernthesen des Autors [...] politisch motiviert sind, was wiederum den ganzen Erkenntnisgang korrumpiert«.

Die einzige "Neuigkeit" ist, daß Weiß (wie schon in seinem wirren Sarrazin-Buch) auf Biegen und Brechen versucht hat, den Alltag als neurechts kontaminiert darzustellen – diesmal eben aus Aktualitätsgründen mit Blick auf die AfD. Weiter reicht seine wissenschaftliche Finesse dann aber nicht, siehe Freitagabend, wo es paraphrasiert etwa so klang:

Das muß man sich mal vorstellen, da wird tatsächlich wieder Carl Schmitt gelesen! [...] Edgar Julius Jung mit seiner "Herrschaft der Minderwertigen" ist auch ein ganz wichtiger Stichwortgeber, und das wurde ab 1933 dann auch so umgesetzt! [...] Und dann lesen die allen Ernstes Ernst Jünger. Ernst Jünger!

Nun, das tut Martin Schulz auch, vielleicht, weil er Jüngers Arbeiter für eine Klassenkampfschrift hält?  Wenn man nun wie Weiß sein Buch ausgerechnet in dem Verlag herausbringt, der von Ernst Jünger selbst noch Kritzeleien auf Bierdeckeln veröffentlichen würde, wenn er ihrer denn habhaft werden könnte, sollte man sich zu dem Thema vielleicht lieber bedeckt halten.

Also: Lieber einen Blick in Amanns Angst für Deutschland werfen. Auch für passionierte Sympathisanten könnte der Einblick ins Innenleben der Nachwuchspartei nicht uninteressant ausfallen.

-----

Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert, München 2017. 317 Seiten, 16,99 Euro – hier einsehen und bestellen!


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (7)

Julius Fischer
27. März 2017 14:22

Am meisten erstaunt mich der Umgang der FAZ mit der AfD. Sie heuert mit dem Redakteur Bender einen, zumindest von seinem Unterton, waschechten linksliberalen Journalisten von der "Zeit" an und der schreibt die AfD mit allen Mitteln der Kunst und unterschwelliger Beeinflussung auf einigermaßen intelligente Art nieder. Über die, zweifelsfrei auch vorhandenen, positiven Entwicklungen verliert er in seinen Artikeln in der FAZ nicht ein einziges Wort. Eine ausgeglichene Berichterstattung ist das keineswegs und soll es wohl auch gar nicht sein.

Und was macht der geneigte FAZ-Leser, zumindest laut den Kommentaren? Der fällt völlig auf Bender herein und merkt nicht, wie er manipuliert wird. Wie man die AfD-Hauptberichterstattung in einer vorgeblich bürgerlichen Zeitung gerade einem im Kern politisch beinahe feindlich gesinnten Journalisten übertragen kann, kann man schon als entlarvend bezeichnen. 

Der Gehenkte
27. März 2017 14:46

"Lieber einen Blick in Amanns Angst für Deutschland werfen"

Mein Blick wanderte stattdessen auf das selten zu sehende Bild Hamsuns an der Wand - es zeigt ihn als Straßenbahnschaffner in Chicago 1884. Man sieht die Entschlußkraft und das Leiden am "american way of life" - mit "Hunger" kam er zurück aber die Frage ist: ob dort schon der August geboren wurde? ...

Tut mir leid, damit rückt Frau Amann sogleich wieder in die zweite, dritte Reihe. Es gibt eben Zeitloses. Danke für den Hamsun-Tip!

Polybios
27. März 2017 15:15

Sicher alles interessant und richtig, aber der Blick fällt direkt auf das Hamsun-Portrait. Da nehme ich doch so gleich "Pan" in die Hand und lese:

"Denn das eigene Innere ist die Quelle der Sorge oder der Freude." Es liegt an uns und nicht an irgendwelchen Lohnschreiberlingen!

Stil-Blüte
27. März 2017 19:14

Hamsun: Was auch immer er geschrieben hat, jeder Satz trifft (mich). Warum? Ich mag es nicht zu sagen, ich mag es nicht zu wissen.  Magie der Worte, nur wenigen geschenkt. Und unbedingt lesen 'Auf überwachsenen Pfaden', dtv, 2. Aufl. 2002.

marodeur
28. März 2017 00:40

Danke für die Empfehlungen. Ich wünsche mir bitte generell mehr Literatur. Auch die Tipps aus dem Kommentarbereich waren bisher teils echte Glücksgriffe (Hamsun bestellt). Herzlichen Dank an Kositza und Publikum.

Der Feinsinnige
28. März 2017 03:17

Eine Anmerkung zum MDR-Themenabend bei der Leipziger Buchmesse, bei dem ich bei den Interviews mit Justus Bender und Volker Weiß als Zuhörer persönlich anwesend gewesen bin (in die Veranstaltung mit Tuvia Tenenbom bin ich wegen Überfüllung nicht mehr hineingelassen worden, umso dankbarer bin ich für den Link zum Video):

Im Veranstaltungsprogramm „Leipzig liest“ (gedrucktes Heft, S. 80/81) war als sozusagen krönender Abschluß des Abends eine Podiumsdiskussion angekündigt, die jedoch offenbar kurzfristig wieder aus dem Programm genommen worden ist. Jedenfalls fand sie ohne jede Erklärung der Veranstalter nicht statt. Auch direkte Nachfragen an die anwesenden Mitarbeiter des Veranstaltungsortes (Alte Handelsbörse) und auch an den Bücher signierenden Volker Weiß brachten keine Antwort. Die verantwortlichen MDR-Journalisten waren so schnell abgetaucht, daß eine Nachfrage an diese nicht mehr möglich war.

Auch im unmittelbaren Anschluß an die Interviews mit Bender und Weiß ist (entgegen ansonsten verbreiteter ständiger Übung bei der Messe) keine Gelegenheit zu Nachfragen aus dem Publikum gegeben worden, obwohl genügend Zeit hierfür gewesen wäre. Ich habe hierfür eigentlich nur eine einzige Erklärung: Die Verantwortlichen des MDR hatten offenbar Angst vor kritischen Nachfragen – die etablierten Medien sind eben hypernervös. Mich interessiert wirklich, ob es eine andere Erklärung für die Absage der Podiumsdiskussion gibt. Bislang ist mir noch keine bekannt geworden.

Aus diesem Anlaß eine vorsichtige Frage: Ist eigentlich nach so vielen Jahren der Pause wieder einmal mit einer Beteiligung des Antaios-Verlages an der Leipziger Buchmesse zu rechnen?  Bücher die vorgestellt und diskutiert werden könnten, gäbe es doch genug - und an inhaltlicher Qualitität wäre eine Antaios-Veranstaltung den Gesprächen beim MDR vom vergangenen Freitag ohne jeden Zweifel überlegen!

Cacatum non est pictum
29. März 2017 00:33

@Julius Fischer

Und was macht der geneigte FAZ-Leser, zumindest laut den Kommentaren? Der fällt völlig auf Bender herein und merkt nicht, wie er manipuliert wird. Wie man die AfD-Hauptberichterstattung in einer vorgeblich bürgerlichen Zeitung gerade einem im Kern politisch beinahe feindlich gesinnten Journalisten übertragen kann, kann man schon als entlarvend bezeichnen.

Die kommentierenden FAZ-Leser erinnern mich ganz stark an den Typus "Bourgeois", dem Manfred Kleine-Hartlage so spöttisch bescheinigt, die eigene Prinzipien- und Charakterlosigkeit als "Modernität" zu adeln. Man trottet dem Zeitgeist hinterher, um in der Hackordnung nicht ganz nach unten durchzurutschen; hält sich dabei aber allen Ernstes immer noch für bürgerlich-konservativ. Solche Leute sind nicht weiter der Rede wert. Schon gar nicht sollte man sie als Bundesgenossen betrachten.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.