Sezession
1. April 2014

Freier Markt und politische Macht

Martin Lichtmesz

Ende Februar 2014 machte Götz Kubitschek bekannt, daß der Internethändler Amazon ohne nähere Angabe von Gründen zwölf Bücher seines Verlages Antaios aus dem Sortiment gestrichen habe, darunter auch einige unpolitische belletristische Titel. Wiederholte Nachfragen wurden mit Floskeln, ja sogar mit offensichtlichen Einschüchterungen beantwortet: So fiel etwa die Aussage, man verlasse sich in Fragen von Streichungen unter anderem auf die Wertung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Dort äußerte man auf Nachfrage jedoch, daß man noch nie eine Publikation aus dem Hause Antaios unter die Lupe genommen habe.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Bereits im Dezember 2011 wurden 400 Titel des rechtsgerichteten Tübinger Verlagszwillings Grabert-Hohenrain gesperrt. Antaios war offenbar das nächste Opfer einer schon oft beschriebenen Salamitaktik von links, und es mag kein Zufall sein, daß der Sperrung in beiden Fällen mediale Boykottaufrufe vorausgingen. Am 14. Januar erschien auf der unter anderem von der Zeit und dem DFB gesponserten Antifa-Seite »Netz gegen Nazis« ein im linksextremen Jargon verfaßter Artikel, der die Präsenz »rechtsextremer« Waren und Kundenrezensionen auf Amazon anprangerte. Besonders hervorgehoben wurden darin der Verlag Antaios sowie der amerikanische Anbieter Counter-Currents. Zeitgleich gab die tonangebende linke Lobby Southern Poverty Law Center bekannt, sie werde auf Amazon Druck ausüben, um Counter-Currents und andere Verlage auszuschließen – bisher jedoch ohne Konsequenzen.

Hier liegt offenbar eine direkte politische Einflußnahme vor, die zu einem Zeitpunkt erfolgt, an dem gleich zwei Bestseller aus prominenter Feder erschienen sind, die die Hegemonie der »politischen Korrektheit« attackieren. Das große Flaggschiff ist Thilo Sarrazins Der neue Tugendterror, eine Polemik über die »Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland«, gefolgt von Akif Pirinçcis Generalabrechnung Deutschland von Sinnen. Über das Empfehlungssystem von Amazon wurden im Kielwasser dieser Titel mehrere Bücher von Antaios ins Blickfeld der Käufer gespült, was sich in einem merklichen Anstieg der Bestellungen niederschlug.

Diese Welle wurde nun gestoppt, während Antaios im Handumdrehen in eine bedrohliche Lage geraten ist: Da der Verlag praktisch einem Rezensionsembargo unterliegt, sind seine Werbemöglichkeiten stark eingeschränkt. Während Amazon hier bislang einen Ausweg bot, zeigte sich nun die Kehrseite seiner inzwischen quasi-monopolistischen Stellung. Eine willkürliche Entscheidung genügt, um einem beliebig ausgewählten Teilnehmer den Zugang zum Markt zu verwehren oder, um es genauer zu sagen, ihm die Chance zu nehmen, mit seiner Stimme Gehör zu finden.

Kritische Artikel über das Vorgehen von Amazon erschienen immerhin in den Leitmedien FAZ und Süddeutsche Zeitung. Zur Hilfe eilten auch weitere, ihrerseits bedrängte Medien aus dem »politisch unkorrekten« Spektrum wie die Wochenzeitung Junge Freiheit und das libertäre Magazin eigentümlich frei. Dessen Herausgeber, André F. Lichtschlag, widerfuhr allerdings ein seltsamer gedanklicher Aussetzer. Lichtschlag ist mitverantwortlich für die Herausgabe des Pirinçci-Bandes im Manuscriptum-Verlag, in dessen Geleitwort Thomas Hoof bemerkt: »Vielleicht ist es das letzte Buch seiner Art, denn das meinungspolitische Zwangskorsett wird täglich enger.«

In der Tat ist es gut möglich, daß Lichtschlags oder Hoofs Verlage als nächste unters Salamimesser kommen. Dennoch konnte Lichtschlag nicht umhin, gemäß seiner libertären Prinzipien in mehreren Kommentaren die Unantastbarkeit der Vertragsfreiheit zu betonen, als handele es sich hier um die Hauptsache: Ein privates Unternehmen dürfe doch »die Zusammenarbeit aufkündigen, wem immer es mag. Und da, wo Amazon genau dies in Deutschland nicht mehr darf und in der Wahl seiner Partner also nicht mehr frei ist (durch Antidiskriminierungsgesetze), ist dies der größere Skandal.« Hier ahnt man bereits ein typisches Dilemma der libertären Denkungsart, das Lichtschlag mit einem Seitenhieb auf Kosten von Antaios zu lösen versuchte: »Wenn sich nämlich jetzt die Macher und Autoren des Antaios-Verlages über ihren Rauswurf beim kapitalistischen Riesen Amazon beschweren, dann sind es mithin auch jene feisten aristokratischen Geister, die ganz wie ihre linken proletarischen Brüder seit Jahren gegen Markt, Liberalismus und Kapitalismus wettern. So sind ausgerechnet einige der Antaios-Titel, die es nun traf, von genau diesem antikapitalistischen Furor beseelt. Die vom Ausschluß durch den Kapitalisten Betroffenen bejammern nun, wie gut und gezielt ihre Bücher einst aus reinem Marktkalkül und Eigeninteresse beim amerikanischen Megaseller beworben und verkauft wurden.« Was für ein verblüffender Mix aus Denkfehlern und Mißverständnissen in so wenigen Zeilen! Immerhin ein Anlaß für ein paar grundsätzliche Bemerkungen:

Angesichts der Tatsache, daß Amazon auch mit linken, sozialistischen und antikapitalistischen, ja sogar Amazon-kritischen Büchern Geschäfte macht, ohne daß diese die geringsten Probleme bekämen, muß die Ironie doch wohl woanders zu suchen sein. Zur Erinnerung: Dieser »private« Unternehmer, von dem hier die Rede ist, ist der Multimilliardär Jeff Bezos, der über ein gewaltiges internationales Handelsimperium gebietet und zu den reichsten Männern der Welt zählt. Bezos war zuvor für eine Mobilfunkgesellschaft sowie im Banken- und Hedgefondsgeschäft tätig. Er ist einer der ganz großen »Global Player«, an der Seite von Facebook, Ebay, Microsoft, Paypal oder Google. Lichtschlag spricht nun in einem Tonfall von Amazon, als handele es sich dabei um jenen christlichen Zuckerbäcker aus Colorado, der sich Anfang dieses Jahres weigerte, einem schwulen Paar eine Hochzeitstorte zu backen, und der daraufhin die Knute der Antidiskriminierungsgesetze zu spüren bekam.

Befangen im Dogma der Gottgleichheit des »privaten Unternehmers« ist Lichtschlag sogar imstande, auch noch für die gegen seine Zeitschrift laufende Kampagne auf Wikipedia rechtfertigende Worte zu finden: »Solange Diskriminierung und Verleumdung von privaten Unternehmen und Einrichtungen wie Google, Wikipedia und Amazon ausgehen, soll und muß dies ihr gutes Recht bleiben.« Logisch ist es ja: Wenn jeder alles dürfen soll, dann »darf« mich also auch jedermann »verleumden« und »diskriminieren« – und umgekehrt. Dumm, wenn ich weniger Rechtsanwälte als Google bezahlen und mich nicht wehren kann. Damit ist allerdings auch jegliche ethische Richtlinie über Bord geworfen. Und wo liegt nun de facto der Unterschied zu den »Verleumdungen«, die vom Staat, diesem bête noire der Libertären, ausgehen?

Was macht es für einen Unterschied, wenn »Zensur und Zwang« nun von »privatwirtschaftlicher Seite« angewendet werden, wie ein Autor der Blauen Narzisse schrieb? Mächtige Privatunternehmer und mächtige Staatsapparate – das eine geht heute fließend in das andere über. Die Deals, die hinter den Kulissen ablaufen, kann niemand durchblicken, geschweige denn kontrollieren. Wo hört Facebook auf und wo beginnt NSA? Kann man Apple wirklich mehr vertrauen als der CIA? Staaten sind von Lobbys und Banken besetzt, während Großkonzerne Staaten im Staat bilden und als autonome politische Akteure agieren. »Regierungen regieren nicht die Welt. Goldman Sachs regiert die Welt« – so sprach es ein Wall-Street-Makler in einer Sendung der BBC.

Lichtschlags Gestus ähnelt hier den eher mittelständischen Tea-Party-Demonstranten, die mit Ayn-Rand-Sprüchen auf ihren Plakaten gegen den vermeintlichen »Sozialismus«, gar »Kommunismus« der Obama-Regierung ins Feld ziehen. Von der Presse der »liberals« – ein Ausdruck, der in den USA vorrangig die Linksliberalen bezeichnet – als Reaktionäre, Kryptorassisten und üble Sturmtruppen der »One Percent« der Superreichen diffamiert, sind die Tea-Party-Anhänger in Wahrheit nicht mehr als eher hilflose Vertreter einer Schicht, die wirtschaftlich wie kulturell zunehmend enteignet wird. Ihr »libertärer« Anstrich ist lediglich Hülle eines Konservatismus, der sich nach jenem »alten«, »weißen« und christlichen Amerika sehnt, das sich in einem rapiden Auflösungsprozeß befindet.

Die wahren Pendants zu den selbstherrlich-ruchlosen Gestalten der Romane Rands sitzen heute ganz woanders, und sie scheren sich wenig um das Los der Welt, die sie keineswegs auf ihren Schultern zu tragen gedenken. Das libertäre Schema vom heroischen Privatunternehmer, der im Antagonismus zu einem seine Freiheit beschneidenden Staat steht, ist denkbar ungeeignet, um die politisch-wirtschaftlichen Machtstrukturen der heutigen Welt zu beschreiben. Die Vorstellung, daß ein völlig freier, »anarchokapitalistischer« Markt eine ethische Selbstregulierung der Gesellschaft automatisch mit sich bringe, ist nicht minder absurd als die radikalegalitären Axiome der Linken. Es handelt sich hier um einen quasi-religiösen, utopistischen Glauben, der, theologisch gesprochen, nicht anders als der linke Rousseauismus die Erbsünde leugnet. Der absolut »freie« und »entfesselte« Markt der Libertären ist genauso eine Unmöglichkeit wie der absolut »freie« und »emanzipierte« Mensch der Linken.

Die Geschichte endet innerhalb derlei Utopien in einem System, das Armin Mohler als das »mafiöse« bezeichnet. Der Staat würde dann theoretisch auf eine Rolle als Nachtwächter reduziert, der den Leib und Besitz von Mafiabanden zu schützen, sich sonst aber gefälligst rauszuhalten hat – wenn er nicht schon längst selbst Teil der Gangsterbande ist, wie es in den USA bereits der Fall zu sein scheint. Vor allem aber ist eine radikal »anarchokapitalistische« Haltung nicht vereinbar mit dem Ruf nach Schutz der Meinungsfreiheit. Denn wer außer dem Staat soll diesen gewährleisten? Das nackte Eigeninteresse und das Credo des »Greed is good« können kein prinzipielles, allenfalls ein taktisches Verhältnis zur Meinungsfreiheit haben. Allein seinem Laisser-faire überlassen, keine Götter mehr über sich, wird das Kapital unweigerlich wuchern wie eine Krebszelle. Es tendiert ganz von selbst über die private Bereicherung des Einzelnen hinaus, nach öffentlicher, politischer, medialer und kultureller Machtvergrößerung, Kontrolle, Vernetzung und Marktbeherrschung. »Meinungen« sind kein neutrales Gelände wie Konsumwaren, sondern ein Instrument der Macht und der Kontrolle – soviel sollte seit Edward Bernays und Walter Lippmann bekannt sein.

Tatsache ist jedenfalls, daß das im Westen herrschende politische System, man mag es Globalismus oder »Neue Weltordnung« nennen –, weder Kapitalismus noch Liberalismus noch Sozialismus im klassischen Sinne ist. Vereinfacht könnte man sagen, daß wirtschaftlich der Kapitalismus und kulturell der Marxismus gesiegt haben. Die gängigen Minderheitenkulte etwa – zum Beispiel um Schwule oder Einwanderer – sind im Kern nichts anderes als Derivate oder auch Häresien marxistischen Denkens. Dieses Zusammenspiel hat eine lange historische Genese. Der Schriftsteller Ulrich Schacht, ein dezidierter Feind des Sozialismus, brachte es in einem Interview auf den Punkt. Schon Marx und Engels hatten erkannt, daß der Kapitalismus als Planierraupe wirkt, um überkommene Dinge wie Nation, Religion, Familie und so weiter abzuräumen und damit den Weg in den historisch notwendigen Fortschritt zu bahnen. Der »Kapitalist« von heute sage: »Konsumenten aller Länder vereinigt euch! Die Erde muß planiert werden in ein gigantisches Kaufhaus. Der Mensch muß reduziert werden auf die Persönlichkeitsstruktur einer permanenten Produktions- und Konsumptionsmonade.«

Der marxistische Autor Paddy Chayefsky stellte diesen Gedanken bereits 1976 in dem satirischen Filmklassiker Network dar. Ein Fernsehmoderator, der wegen sinkender Einschaltquoten gefeuert werden soll, schnappt über und wird zum wilden Prediger, der die Nation zur »populistischen« Revolte aufstachelt. Die Fernsehmacher schlagen daraus Profit, indem sie den Protest zu einer quotenträchtigen Show ausbauen – womit dieser auch hinreichend neutralisiert wäre. Als der frischgebackene Prophet öffentlich macht, daß sich die Saudis in die amerikanischen Medien einkaufen wollen, liest ihm ein gottgleicher TV-Mogul die Leviten:

Sie sind ein alter Mann, der in Kategorien wie ›Völker‹ und ›Nationen‹ denkt. Es gibt keine Nationen. Es gibt keine Völker. Es gibt nur ein einziges holistisches System aller Systeme, eine einzige, immense, vernetzte, interagierende, multivariante, multinationale Herrschaft von Dollars. Öl-Dollars, Elektro-Dollars, Multi-Dollars, Reichsmark, Rubel, Pfunde und Schekel. Das ist das internationale System des Geldkreislaufs, das die Totalität des Lebens auf diesem Planeten beherrscht. Sie jammern auf Ihrem kleinen Bildschirm über den Zustand Amerikas und der Demokratie. Es gibt kein Amerika. Es gibt keine Demokratie. Es gibt nur IBM und ITT und AT&T und DuPont, Dow, Union Carbide und Exxon. Das sind heute die Nationen der Welt.

Am Ende aber warte eine vollkommene Welt auf unsere Kinder, »ohne Krieg, Unterdrückung und Brutalität«, ein einziges »ökonomisches Beteiligungsunternehmen, in dem alle Menschen für ein gemeinsames Gut arbeiten, und jeder ein Aktienteilhaber ist. Alle Bedürfnisse werden erfüllt sein, alle Ängste besänftigt, alle Langweile vertrieben.« Also eine rein ökonomische, eudaimonistische Utopie, die der des Kommunismus sehr nahekommt.

Daraus resultiert der Treppenwitz, daß heute keineswegs die »Proletarier« die Hauptfront der Linken stellen. Vielmehr sind es die bessergestellten bürgerlichen Schichten, die Wohlhabenden bis hinauf zu den »One Percent«, die heute »links«, also »kulturmarxistisch« sind, oder sich zumindest so geben. Die sogenannten »privaten« Großunternehmer sind heute wie die meisten westlichen Staaten aktive Förderer des Kulturmarxismus und der »Political Correctness«. Es ist ihr Geld, das in Pressekonzerne, Stiftungen und Denkfabriken fließt. Sie inszenieren sich als Weltbeglücker und Gesellschaftsliberalisierer. Und so kommt es, daß sowohl Jeff Bezos als auch Lloyd Blankfein als auch Mark Zuckerberg emsige Unterstützer der »Gay Marriage« sind.

Und das ist nur ein Beispiel unter vielen. Beinah naiv wirken da Lichtschlags Sätze: »Ja, es ist ungerecht, wenn linke Spinner es einfacher haben. Aber die Geschichte ist keine Einbahnstraße, und der Markt, wo er noch frei ist, bietet immer Lösungen.« Einen ähnlich optimistischen Tonfall schlägt Lichtschlag in der Aprilausgabe von eigentümlich frei (Nr. 141) an. Darin verurteilt er das Vorgehen des »Mega-Händlers« als »unsägliche Zensur«. Gleichzeitig gibt er der Hoffnung Ausdruck, daß Amazon eines Tages erkennen werde, daß es sich auf Dauer nur selber schade: »Wer auch immer im seltsam intransparenten Unternehmen entschied, hat offenbar die Marktverhältnisse falsch eingeschätzt, wenn er ein paar linken Radaubrüdern in deren Forderung nach Zensur nachgegeben hat.«

Auch dies kann man nur als frommes Wunschdenken einstufen. Die Begünstigung der »linken Spinner« ist kein Zufall, sondern hat System; sie sind auch weitaus mehr als bloße »Radaubrüder«. Ohne sich um ihr Business sorgen zu müssen, werden es sich Amazon & Co, allesamt wesentliche Agenten der »Bewußtseinsindustrie« (Thorsten Hinz), in Zukunft eher noch mehr als weniger leisten können, kleine Verlage und dissidente Stimmen abzusägen. Allzu viele sind ja ohnehin nicht mehr übrig. Auch der Mythos vom »freien Markt« ist ein »Gott, der keiner ist«.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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