Freier Markt und politische Macht

Ende Februar 2014 machte Götz Kubitschek bekannt, daß der Internethändler Amazon ohne nähere Angabe von Gründen zwölf Bücher seines Verlages Antaios aus dem Sortiment gestrichen habe, darunter auch einige unpolitische belletristische Titel. Wiederholte Nachfragen wurden mit Floskeln, ja sogar mit offensichtlichen Einschüchterungen beantwortet: So fiel etwa die Aussage, man verlasse sich in Fragen von Streichungen unter anderem auf die Wertung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Dort äußerte man auf Nachfrage jedoch, daß man noch nie eine Publikation aus dem Hause Antaios unter die Lupe genommen habe.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ende Febru­ar 2014 mach­te Götz Kubit­schek bekannt, daß der Inter­net­händ­ler Ama­zon ohne nähe­re Anga­be von Grün­den zwölf Bücher sei­nes Ver­la­ges Antai­os aus dem Sor­ti­ment gestri­chen habe, dar­un­ter auch eini­ge unpo­li­ti­sche bel­le­tris­ti­sche Titel. Wie­der­hol­te Nach­fra­gen wur­den mit Flos­keln, ja sogar mit offen­sicht­li­chen Ein­schüch­te­run­gen beant­wor­tet: So fiel etwa die Aus­sa­ge, man ver­las­se sich in Fra­gen von Strei­chun­gen unter ande­rem auf die Wer­tung der Bun­des­prüf­stel­le für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en. Dort äußer­te man auf Nach­fra­ge jedoch, daß man noch nie eine Publi­ka­ti­on aus dem Hau­se Antai­os unter die Lupe genom­men habe.

Bereits im Dezem­ber 2011 wur­den 400 Titel des rechts­ge­rich­te­ten Tübin­ger Ver­lags­zwil­lings Gra­bert-Hohen­rain gesperrt. Antai­os war offen­bar das nächs­te Opfer einer schon oft beschrie­be­nen Sala­mi­tak­tik von links, und es mag kein Zufall sein, daß der Sper­rung in bei­den Fäl­len media­le Boy­kott­auf­ru­fe vor­aus­gin­gen. Am 14. Janu­ar erschien auf der unter ande­rem von der Zeit und dem DFB gespon­ser­ten Anti­fa-Sei­te »Netz gegen Nazis« ein im links­ex­tre­men Jar­gon ver­faß­ter Arti­kel, der die Prä­senz »rechts­ex­tre­mer« Waren und Kun­den­re­zen­sio­nen auf Ama­zon anpran­ger­te. Beson­ders her­vor­ge­ho­ben wur­den dar­in der Ver­lag Antai­os sowie der ame­ri­ka­ni­sche Anbie­ter Coun­ter-Cur­r­ents. Zeit­gleich gab die ton­an­ge­ben­de lin­ke Lob­by Sou­thern Pover­ty Law Cen­ter bekannt, sie wer­de auf Ama­zon Druck aus­üben, um Coun­ter-Cur­r­ents und ande­re Ver­la­ge aus­zu­schlie­ßen – bis­her jedoch ohne Konsequenzen.

Hier liegt offen­bar eine direk­te poli­ti­sche Ein­fluß­nah­me vor, die zu einem Zeit­punkt erfolgt, an dem gleich zwei Best­sel­ler aus pro­mi­nen­ter Feder erschie­nen sind, die die Hege­mo­nie der »poli­ti­schen Kor­rekt­heit« atta­ckie­ren. Das gro­ße Flagg­schiff ist Thi­lo Sar­ra­zins Der neue Tugend­ter­ror, eine Pole­mik über die »Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land«, gefolgt von Akif Pirin­çcis Gene­ral­ab­rech­nung Deutsch­land von Sin­nen. Über das Emp­feh­lungs­sys­tem von Ama­zon wur­den im Kiel­was­ser die­ser Titel meh­re­re Bücher von Antai­os ins Blick­feld der Käu­fer gespült, was sich in einem merk­li­chen Anstieg der Bestel­lun­gen niederschlug.

Die­se Wel­le wur­de nun gestoppt, wäh­rend Antai­os im Hand­um­dre­hen in eine bedroh­li­che Lage gera­ten ist: Da der Ver­lag prak­tisch einem Rezen­si­ons­em­bar­go unter­liegt, sind sei­ne Wer­be­mög­lich­kei­ten stark ein­ge­schränkt. Wäh­rend Ama­zon hier bis­lang einen Aus­weg bot, zeig­te sich nun die Kehr­sei­te sei­ner inzwi­schen qua­si-mono­po­lis­ti­schen Stel­lung. Eine will­kür­li­che Ent­schei­dung genügt, um einem belie­big aus­ge­wähl­ten Teil­neh­mer den Zugang zum Markt zu ver­weh­ren oder, um es genau­er zu sagen, ihm die Chan­ce zu neh­men, mit sei­ner Stim­me Gehör zu finden.

Kri­ti­sche Arti­kel über das Vor­ge­hen von Ama­zon erschie­nen immer­hin in den Leit­me­di­en FAZ und Süd­deut­sche Zei­tung. Zur Hil­fe eil­ten auch wei­te­re, ihrer­seits bedräng­te Medi­en aus dem »poli­tisch unkor­rek­ten« Spek­trum wie die Wochen­zei­tung Jun­ge Frei­heit und das liber­tä­re Maga­zin eigen­tüm­lich frei. Des­sen Her­aus­ge­ber, André F. Licht­schlag, wider­fuhr aller­dings ein selt­sa­mer gedank­li­cher Aus­set­zer. Licht­schlag ist mit­ver­ant­wort­lich für die Her­aus­ga­be des Pirin­çci-Ban­des im Manu­scrip­tum-Ver­lag, in des­sen Geleit­wort Tho­mas Hoof bemerkt: »Viel­leicht ist es das letz­te Buch sei­ner Art, denn das mei­nungs­po­li­ti­sche Zwangs­kor­sett wird täg­lich enger.«

In der Tat ist es gut mög­lich, daß Licht­schlags oder Hoofs Ver­la­ge als nächs­te unters Sala­mi­mes­ser kom­men. Den­noch konn­te Licht­schlag nicht umhin, gemäß sei­ner liber­tä­ren Prin­zi­pi­en in meh­re­ren Kom­men­ta­ren die Unan­tast­bar­keit der Ver­trags­frei­heit zu beto­nen, als han­de­le es sich hier um die Haupt­sa­che: Ein pri­va­tes Unter­neh­men dür­fe doch »die Zusam­men­ar­beit auf­kün­di­gen, wem immer es mag. Und da, wo Ama­zon genau dies in Deutsch­land nicht mehr darf und in der Wahl sei­ner Part­ner also nicht mehr frei ist (durch Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­set­ze), ist dies der grö­ße­re Skan­dal.« Hier ahnt man bereits ein typi­sches Dilem­ma der liber­tä­ren Den­kungs­art, das Licht­schlag mit einem Sei­ten­hieb auf Kos­ten von Antai­os zu lösen ver­such­te: »Wenn sich näm­lich jetzt die Macher und Autoren des Antai­os-Ver­la­ges über ihren Raus­wurf beim kapi­ta­lis­ti­schen Rie­sen Ama­zon beschwe­ren, dann sind es mit­hin auch jene feis­ten aris­to­kra­ti­schen Geis­ter, die ganz wie ihre lin­ken pro­le­ta­ri­schen Brü­der seit Jah­ren gegen Markt, Libe­ra­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus wet­tern. So sind aus­ge­rech­net eini­ge der Antai­os-Titel, die es nun traf, von genau die­sem anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Furor beseelt. Die vom Aus­schluß durch den Kapi­ta­lis­ten Betrof­fe­nen bejam­mern nun, wie gut und gezielt ihre Bücher einst aus rei­nem Markt­kal­kül und Eigen­in­ter­es­se beim ame­ri­ka­ni­schen Mega­sel­ler bewor­ben und ver­kauft wur­den.« Was für ein ver­blüf­fen­der Mix aus Denk­feh­lern und Miß­ver­ständ­nis­sen in so weni­gen Zei­len! Immer­hin ein Anlaß für ein paar grund­sätz­li­che Bemerkungen:

Ange­sichts der Tat­sa­che, daß Ama­zon auch mit lin­ken, sozia­lis­ti­schen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, ja sogar Ama­zon-kri­ti­schen Büchern Geschäf­te macht, ohne daß die­se die gerings­ten Pro­ble­me bekä­men, muß die Iro­nie doch wohl woan­ders zu suchen sein. Zur Erin­ne­rung: Die­ser »pri­va­te« Unter­neh­mer, von dem hier die Rede ist, ist der Mul­ti­mil­li­ar­där Jeff Bezos, der über ein gewal­ti­ges inter­na­tio­na­les Han­dels­im­pe­ri­um gebie­tet und zu den reichs­ten Män­nern der Welt zählt. Bezos war zuvor für eine Mobil­funk­ge­sell­schaft sowie im Ban­ken- und Hedge­fonds­ge­schäft tätig. Er ist einer der ganz gro­ßen »Glo­bal Play­er«, an der Sei­te von Face­book, Ebay, Micro­soft, Paypal oder Goog­le. Licht­schlag spricht nun in einem Ton­fall von Ama­zon, als han­de­le es sich dabei um jenen christ­li­chen Zucker­bä­cker aus Colo­ra­do, der sich Anfang die­ses Jah­res wei­ger­te, einem schwu­len Paar eine Hoch­zeits­tor­te zu backen, und der dar­auf­hin die Knu­te der Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­set­ze zu spü­ren bekam.

Befan­gen im Dog­ma der Gott­gleich­heit des »pri­va­ten Unter­neh­mers« ist Licht­schlag sogar imstan­de, auch noch für die gegen sei­ne Zeit­schrift lau­fen­de Kam­pa­gne auf Wiki­pe­dia recht­fer­ti­gen­de Wor­te zu fin­den: »Solan­ge Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­leum­dung von pri­va­ten Unter­neh­men und Ein­rich­tun­gen wie Goog­le, Wiki­pe­dia und Ama­zon aus­ge­hen, soll und muß dies ihr gutes Recht blei­ben.« Logisch ist es ja: Wenn jeder alles dür­fen soll, dann »darf« mich also auch jeder­mann »ver­leum­den« und »dis­kri­mi­nie­ren« – und umge­kehrt. Dumm, wenn ich weni­ger Rechts­an­wäl­te als Goog­le bezah­len und mich nicht weh­ren kann. Damit ist aller­dings auch jeg­li­che ethi­sche Richt­li­nie über Bord gewor­fen. Und wo liegt nun de fac­to der Unter­schied zu den »Ver­leum­dun­gen«, die vom Staat, die­sem bête noi­re der Liber­tä­ren, ausgehen?

Was macht es für einen Unter­schied, wenn »Zen­sur und Zwang« nun von »pri­vat­wirt­schaft­li­cher Sei­te« ange­wen­det wer­den, wie ein Autor der Blau­en Nar­zis­se schrieb? Mäch­ti­ge Pri­vat­un­ter­neh­mer und mäch­ti­ge Staats­ap­pa­ra­te – das eine geht heu­te flie­ßend in das ande­re über. Die Deals, die hin­ter den Kulis­sen ablau­fen, kann nie­mand durch­bli­cken, geschwei­ge denn kon­trol­lie­ren. Wo hört Face­book auf und wo beginnt NSA? Kann man Apple wirk­lich mehr ver­trau­en als der CIA? Staa­ten sind von Lob­bys und Ban­ken besetzt, wäh­rend Groß­kon­zer­ne Staa­ten im Staat bil­den und als auto­no­me poli­ti­sche Akteu­re agie­ren. »Regie­run­gen regie­ren nicht die Welt. Gold­man Sachs regiert die Welt« – so sprach es ein Wall-Street-Mak­ler in einer Sen­dung der BBC.

Licht­schlags Ges­tus ähnelt hier den eher mit­tel­stän­di­schen Tea-Par­ty-Demons­tran­ten, die mit Ayn-Rand-Sprü­chen auf ihren Pla­ka­ten gegen den ver­meint­li­chen »Sozia­lis­mus«, gar »Kom­mu­nis­mus« der Oba­ma-Regie­rung ins Feld zie­hen. Von der Pres­se der »libe­rals« – ein Aus­druck, der in den USA vor­ran­gig die Links­li­be­ra­len bezeich­net – als Reak­tio­nä­re, Kryp­to­ras­sis­ten und üble Sturm­trup­pen der »One Per­cent« der Super­rei­chen dif­fa­miert, sind die Tea-Par­ty-Anhän­ger in Wahr­heit nicht mehr als eher hilf­lo­se Ver­tre­ter einer Schicht, die wirt­schaft­lich wie kul­tu­rell zuneh­mend ent­eig­net wird. Ihr »liber­tä­rer« Anstrich ist ledig­lich Hül­le eines Kon­ser­va­tis­mus, der sich nach jenem »alten«, »wei­ßen« und christ­li­chen Ame­ri­ka sehnt, das sich in einem rapi­den Auf­lö­sungs­pro­zeß befindet.

Die wah­ren Pen­dants zu den selbst­herr­lich-ruch­lo­sen Gestal­ten der Roma­ne Rands sit­zen heu­te ganz woan­ders, und sie sche­ren sich wenig um das Los der Welt, die sie kei­nes­wegs auf ihren Schul­tern zu tra­gen geden­ken. Das liber­tä­re Sche­ma vom heroi­schen Pri­vat­un­ter­neh­mer, der im Ant­ago­nis­mus zu einem sei­ne Frei­heit beschnei­den­den Staat steht, ist denk­bar unge­eig­net, um die poli­tisch-wirt­schaft­li­chen Macht­struk­tu­ren der heu­ti­gen Welt zu beschrei­ben. Die Vor­stel­lung, daß ein völ­lig frei­er, »anar­cho­ka­pi­ta­lis­ti­scher« Markt eine ethi­sche Selbst­re­gu­lie­rung der Gesell­schaft auto­ma­tisch mit sich brin­ge, ist nicht min­der absurd als die radi­ka­le­ga­li­tä­ren Axio­me der Lin­ken. Es han­delt sich hier um einen qua­si-reli­giö­sen, uto­pis­ti­schen Glau­ben, der, theo­lo­gisch gespro­chen, nicht anders als der lin­ke Rous­se­auis­mus die Erb­sün­de leug­net. Der abso­lut »freie« und »ent­fes­sel­te« Markt der Liber­tä­ren ist genau­so eine Unmög­lich­keit wie der abso­lut »freie« und »eman­zi­pier­te« Mensch der Linken.

Die Geschich­te endet inner­halb der­lei Uto­pien in einem Sys­tem, das Armin Moh­ler als das »mafiö­se« bezeich­net. Der Staat wür­de dann theo­re­tisch auf eine Rol­le als Nacht­wäch­ter redu­ziert, der den Leib und Besitz von Mafia­ban­den zu schüt­zen, sich sonst aber gefäl­ligst raus­zu­hal­ten hat – wenn er nicht schon längst selbst Teil der Gangs­ter­ban­de ist, wie es in den USA bereits der Fall zu sein scheint. Vor allem aber ist eine radi­kal »anar­cho­ka­pi­ta­lis­ti­sche« Hal­tung nicht ver­ein­bar mit dem Ruf nach Schutz der Mei­nungs­frei­heit. Denn wer außer dem Staat soll die­sen gewähr­leis­ten? Das nack­te Eigen­in­ter­es­se und das Cre­do des »Greed is good« kön­nen kein prin­zi­pi­el­les, allen­falls ein tak­ti­sches Ver­hält­nis zur Mei­nungs­frei­heit haben. Allein sei­nem Lais­ser-fai­re über­las­sen, kei­ne Göt­ter mehr über sich, wird das Kapi­tal unwei­ger­lich wuchern wie eine Krebs­zel­le. Es ten­diert ganz von selbst über die pri­va­te Berei­che­rung des Ein­zel­nen hin­aus, nach öffent­li­cher, poli­ti­scher, media­ler und kul­tu­rel­ler Macht­ver­grö­ße­rung, Kon­trol­le, Ver­net­zung und Markt­be­herr­schung. »Mei­nun­gen« sind kein neu­tra­les Gelän­de wie Kon­sum­wa­ren, son­dern ein Instru­ment der Macht und der Kon­trol­le – soviel soll­te seit Edward Ber­nays und Wal­ter Lipp­mann bekannt sein.

Tat­sa­che ist jeden­falls, daß das im Wes­ten herr­schen­de poli­ti­sche Sys­tem, man mag es Glo­ba­lis­mus oder »Neue Welt­ord­nung« nen­nen –, weder Kapi­ta­lis­mus noch Libe­ra­lis­mus noch Sozia­lis­mus im klas­si­schen Sin­ne ist. Ver­ein­facht könn­te man sagen, daß wirt­schaft­lich der Kapi­ta­lis­mus und kul­tu­rell der Mar­xis­mus gesiegt haben. Die gän­gi­gen Min­der­hei­ten­kul­te etwa – zum Bei­spiel um Schwu­le oder Ein­wan­de­rer – sind im Kern nichts ande­res als Deri­va­te oder auch Häre­si­en mar­xis­ti­schen Den­kens. Die­ses Zusam­men­spiel hat eine lan­ge his­to­ri­sche Gene­se. Der Schrift­stel­ler Ulrich Schacht, ein dezi­dier­ter Feind des Sozia­lis­mus, brach­te es in einem Inter­view auf den Punkt. Schon Marx und Engels hat­ten erkannt, daß der Kapi­ta­lis­mus als Pla­nier­rau­pe wirkt, um über­kom­me­ne Din­ge wie Nati­on, Reli­gi­on, Fami­lie und so wei­ter abzu­räu­men und damit den Weg in den his­to­risch not­wen­di­gen Fort­schritt zu bah­nen. Der »Kapi­ta­list« von heu­te sage: »Kon­su­men­ten aller Län­der ver­ei­nigt euch! Die Erde muß pla­niert wer­den in ein gigan­ti­sches Kauf­haus. Der Mensch muß redu­ziert wer­den auf die Per­sön­lich­keits­struk­tur einer per­ma­nen­ten Pro­duk­ti­ons- und Konsumptionsmonade.«

Der mar­xis­ti­sche Autor Pad­dy Chayef­sky stell­te die­sen Gedan­ken bereits 1976 in dem sati­ri­schen Film­klas­si­ker Net­work dar. Ein Fern­seh­mo­de­ra­tor, der wegen sin­ken­der Ein­schalt­quo­ten gefeu­ert wer­den soll, schnappt über und wird zum wil­den Pre­di­ger, der die Nati­on zur »popu­lis­ti­schen« Revol­te auf­sta­chelt. Die Fern­seh­ma­cher schla­gen dar­aus Pro­fit, indem sie den Pro­test zu einer quo­ten­träch­ti­gen Show aus­bau­en – womit die­ser auch hin­rei­chend neu­tra­li­siert wäre. Als der frisch­ge­ba­cke­ne Pro­phet öffent­lich macht, daß sich die Sau­dis in die ame­ri­ka­ni­schen Medi­en ein­kau­fen wol­len, liest ihm ein gott­glei­cher TV-Mogul die Leviten:

Sie sind ein alter Mann, der in Kate­go­rien wie ›Völ­ker‹ und ›Natio­nen‹ denkt. Es gibt kei­ne Natio­nen. Es gibt kei­ne Völ­ker. Es gibt nur ein ein­zi­ges holis­ti­sches Sys­tem aller Sys­te­me, eine ein­zi­ge, immense, ver­netz­te, inter­agie­ren­de, mul­ti­va­ri­an­te, mul­ti­na­tio­na­le Herr­schaft von Dol­lars. Öl-Dol­lars, Elek­tro-Dol­lars, Mul­ti-Dol­lars, Reichs­mark, Rubel, Pfun­de und Sche­kel. Das ist das inter­na­tio­na­le Sys­tem des Geld­kreis­laufs, das die Tota­li­tät des Lebens auf die­sem Pla­ne­ten beherrscht. Sie jam­mern auf Ihrem klei­nen Bild­schirm über den Zustand Ame­ri­kas und der Demo­kra­tie. Es gibt kein Ame­ri­ka. Es gibt kei­ne Demo­kra­tie. Es gibt nur IBM und ITT und AT&T und DuPont, Dow, Uni­on Car­bi­de und Exxon. Das sind heu­te die Natio­nen der Welt.

Am Ende aber war­te eine voll­kom­me­ne Welt auf unse­re Kin­der, »ohne Krieg, Unter­drü­ckung und Bru­ta­li­tät«, ein ein­zi­ges »öko­no­mi­sches Betei­li­gungs­un­ter­neh­men, in dem alle Men­schen für ein gemein­sa­mes Gut arbei­ten, und jeder ein Akti­en­teil­ha­ber ist. Alle Bedürf­nis­se wer­den erfüllt sein, alle Ängs­te besänf­tigt, alle Lang­wei­le ver­trie­ben.« Also eine rein öko­no­mi­sche, eudai­mo­nis­ti­sche Uto­pie, die der des Kom­mu­nis­mus sehr nahekommt.

Dar­aus resul­tiert der Trep­pen­witz, daß heu­te kei­nes­wegs die »Pro­le­ta­ri­er« die Haupt­front der Lin­ken stel­len. Viel­mehr sind es die bes­ser­ge­stell­ten bür­ger­li­chen Schich­ten, die Wohl­ha­ben­den bis hin­auf zu den »One Per­cent«, die heu­te »links«, also »kul­turm­ar­xis­tisch« sind, oder sich zumin­dest so geben. Die soge­nann­ten »pri­va­ten« Groß­un­ter­neh­mer sind heu­te wie die meis­ten west­li­chen Staa­ten akti­ve För­de­rer des Kul­turm­ar­xis­mus und der »Poli­ti­cal Cor­rect­ness«. Es ist ihr Geld, das in Pres­se­kon­zer­ne, Stif­tun­gen und Denk­fa­bri­ken fließt. Sie insze­nie­ren sich als Welt­be­glü­cker und Gesell­schafts­li­be­ra­li­sie­rer. Und so kommt es, daß sowohl Jeff Bezos als auch Lloyd Blank­fein als auch Mark Zucker­berg emsi­ge Unter­stüt­zer der »Gay Mar­ria­ge« sind.

Und das ist nur ein Bei­spiel unter vie­len. Bei­nah naiv wir­ken da Licht­schlags Sät­ze: »Ja, es ist unge­recht, wenn lin­ke Spin­ner es ein­fa­cher haben. Aber die Geschich­te ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße, und der Markt, wo er noch frei ist, bie­tet immer Lösun­gen.« Einen ähn­lich opti­mis­ti­schen Ton­fall schlägt Licht­schlag in der April­aus­ga­be von eigen­tüm­lich frei (Nr. 141) an. Dar­in ver­ur­teilt er das Vor­ge­hen des »Mega-Händ­lers« als »unsäg­li­che Zen­sur«. Gleich­zei­tig gibt er der Hoff­nung Aus­druck, daß Ama­zon eines Tages erken­nen wer­de, daß es sich auf Dau­er nur sel­ber scha­de: »Wer auch immer im selt­sam intrans­pa­ren­ten Unter­neh­men ent­schied, hat offen­bar die Markt­ver­hält­nis­se falsch ein­ge­schätzt, wenn er ein paar lin­ken Radau­brü­dern in deren For­de­rung nach Zen­sur nach­ge­ge­ben hat.«

Auch dies kann man nur als from­mes Wunsch­den­ken ein­stu­fen. Die Begüns­ti­gung der »lin­ken Spin­ner« ist kein Zufall, son­dern hat Sys­tem; sie sind auch weit­aus mehr als blo­ße »Radau­brü­der«. Ohne sich um ihr Busi­ness sor­gen zu müs­sen, wer­den es sich Ama­zon & Co, alle­samt wesent­li­che Agen­ten der »Bewußt­s­eins­in­dus­trie« (Thors­ten Hinz), in Zukunft eher noch mehr als weni­ger leis­ten kön­nen, klei­ne Ver­la­ge und dis­si­den­te Stim­men abzu­sä­gen. All­zu vie­le sind ja ohne­hin nicht mehr übrig. Auch der Mythos vom »frei­en Markt« ist ein »Gott, der kei­ner ist«.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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