Polizeiliche Kriminalstatistik (I)

»Ausländer raus ...« – Für einen kurzen Augenblick muß sich in dem dichtbesetzten Seminarraum eisiges Schweigen ausgebreitet haben. Manche glaubten ihren Ohren nicht trauen zu können. Andere (so richtig nie zu Überraschende) bemerkten zu sich selbst oder zu ihrem Nachbarn lakonisch, nun greife der »linke Realismus« also auf das wiedervereinigte Deutschland über. Man wisse ja bereits, daß dieser nicht nur antisemitische, sondern auch generell (meist versteckte) xenophobe Züge habe. Die Masseneinwanderung werde als Machwerk der Bourgeoisie gesehen, um den Preis der Ware Arbeitskraft zu drücken. Dagegen komme die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend mit ihren naiven Wandsprüchen wie »Ausländer sind meine Freunde!« nicht mehr an. Bevor nun echte Unruhe oder überflüssige politikwissenschaftliche Spekulationen entstehen konnten, löste der als Jurist in einem Fachbereich für Soziale Arbeit tätige Referent, an sich dadurch schon über alle Unterstellungen erhaben, die kognitive Dissonanz und fügte feixend hinzu: »... aus der Kriminalstatistik!«

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

»Aus­län­der raus …« – Für einen kur­zen Augen­blick muß sich in dem dicht­be­setz­ten Semi­nar­raum eisi­ges Schwei­gen aus­ge­brei­tet haben. Man­che glaub­ten ihren Ohren nicht trau­en zu kön­nen. Ande­re (so rich­tig nie zu Über­ra­schen­de) bemerk­ten zu sich selbst oder zu ihrem Nach­barn lako­nisch, nun grei­fe der »lin­ke Rea­lis­mus« also auf das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land über. Man wis­se ja bereits, daß die­ser nicht nur anti­se­mi­ti­sche, son­dern auch gene­rell (meist ver­steck­te) xeno­pho­be Züge habe. Die Mas­sen­ein­wan­de­rung wer­de als Mach­werk der Bour­geoi­sie gese­hen, um den Preis der Ware Arbeits­kraft zu drü­cken. Dage­gen kom­me die Sozia­lis­ti­sche Deut­sche Arbei­ter­ju­gend mit ihren nai­ven Wand­sprü­chen wie »Aus­län­der sind mei­ne Freun­de!« nicht mehr an. Bevor nun ech­te Unru­he oder über­flüs­si­ge poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Spe­ku­la­tio­nen ent­ste­hen konn­ten, lös­te der als Jurist in einem Fach­be­reich für Sozia­le Arbeit täti­ge Refe­rent, an sich dadurch schon über alle Unter­stel­lun­gen erha­ben, die kogni­ti­ve Dis­so­nanz und füg­te fei­xend hin­zu: »… aus der Kriminalstatistik!«

So oder ähn­lich moch­te sich die klei­ne Sze­ne, der wir lei­der nicht per­sön­lich bei­woh­nen konn­ten, Mit­te der neun­zi­ger Jah­re in einem Semi­nar der Frank­fur­ter Fach­hoch­schu­le abge­spielt haben. Der Aus­ruf fin­det sich am Ende des ver­öf­fent­lich­ten Vor­trags­tex­tes. Anfangs stimmt der enga­gier­te Fach­hoch­schul­leh­rer sei­ne Zuhö­rer mit der bedroh­li­chen Bemer­kung ein, das Wort Aus­län­der sei bereits »eine vor­ur­teils­schwan­ge­re Dis­kri­mi­nie­rung«! Aber bis heu­te ist es im wesent­li­chen nicht gelun­gen, Aus­län­der aus der Poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) zu ent­fer­nen. Immer­hin hat in den letz­ten Jah­ren ein gewis­ser Rück­gang in der­sel­ben für poli­tisch moti­vier­te Erleich­te­rung gesorgt. Auch wird in den Jahr­bü­chern des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes durch lan­ge abge­wo­ge­ne For­mu­lie­run­gen fest­ge­legt, daß die wie­der­ge­ge­be­nen Zah­len an sich nicht brauch­bar sei­en, ins­be­son­de­re dann nicht, wenn man sie even­tu­ell zu Ver­glei­chen nut­zen wollte.

Echt­tä­ter­zäh­lung

Nun ist zu beden­ken, daß bis zum Jah­re 1984 alle soge­nann­ten Tat­ver­däch­ti­gen­zah­len in der PKS, ob Aus­län­der oder nicht, über­höht waren und inso­fern Deut­sche und Nicht­deut­sche glei­cher­ma­ßen »dis­kri­mi­nier­ten«. Nach alter Tra­di­ti­on wur­de bis dahin für jeden nach einer ange­zeig­ten Straf­tat poli­zei­lich ermit­tel­ten Täter ein Sta­tis­tik­strich gesetzt. Wenn der im Berichts­jahr bereits »auf­fäl­lig« gewor­de­ne Fritz sich durch eine poli­zei­li­che Hand­lung in sei­nem straf­ba­ren Tun und Las­sen nicht stö­ren ließ, tauch­te er womög­lich ein zwei­tes, drit­tes, vier­tes Mal in einem PKS- Jahr­gang auf. Wäh­rend der gefaß­te und »aus dem Ver­kehr gezo­ge­ne« Seri­en­tä­ter im wesent­li­chen die Zahl der Straf­ta­ten ver­grö­ßer­te, konn­te der mehr­fach oder inten­siv kri­mi­nell Täti­ge die Zahl der Tat­ver­däch­ti­gen erhö­hen. Mehr­fach- oder Inten­siv­tä­ter wie Meh­met und Co. waren nach der alten Zäh­lung durch jeweils vier oder fünf Gewalt­de­lik­te im Prin­zip in der Lage, die sta­tis­ti­sche Grö­ße bei­spiels­wei­se tür­ki­scher Straf­tä­ter in einer Groß­stadt in die­sem Kri­mi­na­li­täts­feld emp­find­lich anwach­sen zu las­sen. Die damit ver­bun­de­ne Ungleich­be­hand­lung im Ver­hält­nis zu Eth­ni­en mit gerin­ge­rer kri­mi­nel­ler Ener­gie wur­de durch die 1984 wirk­sam wer­den­de »Echt­tä­ter­zäh­lung« auf Bun­des­ebe­ne weit­ge­hend besei­tigt. Völ­lig »echt« war auch die­se Zäh­lung noch nicht, da das BKA bis 2009 kei­ne Ein­zel­da­ten, son­dern nur die kumu­lier­ten Zah­len der Lan­des­kri­mi­nal­äm­ter ver­rech­nen konn­te. Gleich­wohl sank die Zahl der regis­trier­ten Per­so­nen 1984 schlag­ar­tig etwa um ein Viertel.

Stei­gen­de Ausländerzahlen

Die Erleich­te­rung über die kräf­tig redu­zier­ten Täter­zah­len währ­te nicht lan­ge. Die »Straf­ta­ten-Epi­de­mie« in der west­li­chen Welt, wie es in einem nie­der­län­di­schen Kri­mi­no­lo­gie-Lehr­buch meta­pho­risch heißt, gras­sier­te wei­ter. In den Län­dern der alten Bun­des­re­pu­blik hat­ten die »Echt­tä­ter­zah­len« schon weni­ge Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung das damals viel­fach als uner­träg­lich emp­fun­de­ne Niveau von 1980 erreicht. In den acht­zi­ger Jah­ren und erst recht nach 1990 ström­ten Mil­lio­nen Aus­län­der nach Deutsch­land. Die hohe Zahl eth­nisch Deut­scher und ihrer Ange­hö­ri­gen aus dem Osten (Spät­aus­sied­ler), von denen ins­be­son­de­re die Jun­gen in den Straf­an­stal­ten durch ver­stärk­te Prä­senz impo­nier­ten, konn­te das auf den ers­ten Blick ungüns­tig erschei­nen­de Ver­hält­nis zwi­schen deut­schen und aus­län­di­schen Straf­tä­tern kaum beein­flus­sen. Vor allem Flücht­lin­ge aus dem vom Bür­ger­krieg betrof­fe­nen Jugo­sla­wi­en, dar­über hin­aus aber eine bis­lang nicht erreich­te Zahl von Asyl­be­wer­bern aus aller Welt, die sich um eine Blei­be in Deutsch­land bemüh­ten, ver­mehr­ten die Ein­trä­ge in der PKS. »Asyl­be­wer­ber­kri­mi­na­li­tät« wur­de ein eige­nes Schlag­wort in der Debat­te. Glück­li­cher­wei­se – und hier war die PKS auch ein­mal von kri­ti­scher Sei­te zu loben – dif­fe­ren­ziert die Kri­mi­nal­sta­tis­tik seit 1983 sehr sorg­fäl­tig zwi­schen Asyl­be­wer­bern, Ange­hö­ri­gen der Sta­tio­nie­rungs­streit­kräf­te, Tou­ris­ten, Stu­den­ten und so wei­ter, so daß vie­le Straf­ta­ten nicht fälsch­lich der hier längst ansäs­si­gen aus­län­di­schen Wohn­be­völ­ke­rung zuge­ord­net wurden.

Dif­fe­ren­zie­run­gen haben Vor­tei­le, aber auch Nach­tei­le, ins­be­son­de­re wenn ein kla­res Erkennt­nis­in­ter­es­se fehlt, das – nach heu­ti­gem, gefes­tig­tem Cre­do – in der Bekämp­fung von Vor­ur­tei­len eine zen­tra­le Auf­ga­be nicht nur des Poli­ti­kers, son­dern auch des Wis­sen­schaft­lers sieht. So ver­stimm­te nicht allein die beträcht­li­che Zahl sta­tis­tisch erfaß­ter Fäl­le schwe­rer Kri­mi­na­li­tät bei Asy­lan­ten, son­dern auch die eini­ger Natio­na­li­tä­ten und eth­ni­scher Grup­pen, bei letz­te­ren frei­lich erkenn­bar nur die häu­fig ban­den­mä­ßig und mas­siv agie­ren­den Koso­vo-Alba­ner (heu­te offi­zi­ell als Natio­na­li­tät, und zwar als »Koso­va­ren«, in der PKS ent­hal­ten). Zigeu­ner oder Sinti/ Roma betraf dies nicht. Das dar­auf abzie­len­de poli­zei­li­che Erhe­bungs­merk­mal »Land­fah­rer«, dem bereits in der Früh­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik ein Bedürf­nis nach Echt­tä­ter­zäh­lung zugrun­de lag, wur­de 1981 auf Ver­an­las­sung von Innen­mi­nis­ter Baum (FDP) auf Bun­des­ebe­ne ver­bo­ten. Eine Kri­mi­nal­be­richt­erstat­tung ist nach den Regeln des Deut­schen Pres­se­ra­tes schon lan­ge nicht mehr zuläs­sig. Seit 1971 darf die Haut­far­be ame­ri­ka­ni­scher Tat­ver­däch­ti­ger kei­ne Erwäh­nung mehr in der (bun­des­deut­schen) Pres­se fin­den. Man fügt sich in den Redak­ti­ons­stu­ben dem Dienst der guten Sache. Falls nicht, muß der Jour­na­list zumin­dest mit Rügen rech­nen, die zu beruf­li­chen Nach­tei­len füh­ren. Beson­ders sen­si­bel pflegt der Zen­tral­rat deut­scher Sin­ti und Roma zu reagie­ren, auf den mehr als die Hälf­te aller Beschwer­den beim Pres­se­rat zurück­ge­hen. Mög­li­cher­wei­se hat die Richt­li­nie 12.1 des Pres­se­ko­dex Vor­ur­tei­le beim deut­schen »Durch­schnitts­bür­ger« noch ver­stärkt, da man nicht sel­ten dem Tat­ver­däch­ti­gen ganz ohne kon­kre­ten Hin­weis (und dadurch hin und wie­der fälsch­lich), allein durch die Tat­um­stän­de, einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund zuzu­ord­nen pflegt.

Rech­nen und Herausrechnen

Immer wie­der Anlaß zur Besorg­nis auf­grund von Fehl­deu­tun­gen, die die Lite­ra­tur zur Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät beherrscht, bot eine Kenn­zif­fer der poli­zei­li­chen Kri­mi­nal­sta­tis­tik: die Tat­ver­däch­ti­gen­be­las­tungs­zahl (TVBZ), ein­ge­führt (und mög­lich gewor­den) mit der Echt­tä­ter­zäh­lung vor 30 Jah­ren. Sie gibt die Anzahl der ermit­tel­ten Tat­ver­däch­ti­gen pro 100 000 der Wohn­be­völ­ke­rung (oder einer Alters­grup­pe der Wohn­be­völ­ke­rung) wie­der und ermög­licht unter ande­rem, Regio­nen und Bun­des­län­der mit­ein­an­der zu ver­glei­chen. Jeder Kri­mi­na­list weiß, daß die­se Grö­ße durch das Tat­ort­prin­zip einer Ver­zer­rung unter­liegt, die gera­de bei der Betrach­tung von Groß­städ­ten erheb­lich sein kann. So haben mehr als 40 Pro­zent der­je­ni­gen, die in Frank­furt am Main Straf­ta­ten bege­hen, ihren Wohn­sitz im Um- oder Aus­land. Ein Teil die­ser Täter trägt zur TVBZ der Frank­fur­ter Bevöl­ke­rung bei. Dar­über könn­te man hin­weg­ge­hen. Doch wiegt die Sache bei der Aus­län­der-TVBZ noch schwe­rer. Tou­ris­ten, Stu­den­ten, Durch­rei­sen­de, Mili­tär­an­ge­hö­ri­ge – ja, sogar Asyl­be­wer­ber oder »Sons­ti­ge« (zumeist abge­lehn­te Asyl­be­wer­ber, die am Ort zwar einen Wohn­sitz haben, aber doch nicht der Wohn­be­völ­ke­rung zuge­ord­net wer­den soll­ten) – belas­ten die­se TVBZ im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Zwar kann man Per­so­nen mit (ers­tem) Wohn­sitz im Aus­land her­aus­rech­nen. Doch blie­be, ins­be­son­de­re im Bereich jung und männ­lich, ein unschö­ner Rest.

Mit dem Her­aus­rech­nen, also einem ursta­tis­ti­schen Vor­gang, ist dem Umgang mit Aus­län­dern in der PKS eine wich­ti­ge Bahn eröff­net. Dies wur­de schon früh­zei­tig von kri­ti­schen Sozio­lo­gen erkannt, die ansons­ten der Mathe­ma­tik nicht über den Weg trau­en. Sie bemerk­ten, daß es mög­lich sein soll­te, aus der anfäng­li­chen Lais­ser-fai­re-Not der Migra­ti­on mit Hil­fe des Rechen­schie­bers eine Tugend der Zuwan­de­rung zu machen. Gege­be­nen­falls konn­te durch Ver­un­glimp­fung der Skep­ti­ker die Über­zeu­gungs­kraft der Argu­men­te ver­bes­sert wer­den. So pole­mi­sier­te der Sozio­lo­ge und Migra­ti­ons­ex­per­te Rai­ner Geiß­ler, Uni­ver­si­tät Sie­gen, in der viel­ge­le­se­nen Zeit­schrift Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te 1995, daß in Deutsch­land das »Gerücht von der hohen Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät« umge­he, des­sen »trü­be Quel­le« die »aus­län­der­feind­lich ver­schmutz­te poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik« sei.

Zum Her­aus­rech­nen bie­ten sich vor­zugs­wei­se alle Delik­te gegen das Auf­ent­halts­ge­setz an, gegen das hier leben­de Deut­sche nur sel­ten ver­sto­ßen kön­nen. Sodann gilt es, nur sol­che Tat­ver­däch­ti­ge zu berück­sich­ti­gen, die auch mel­de­recht­lich in Deutsch­land erfaßt sind. Trans­na­tio­na­le Kri­mi­na­li­tät soll­te schließ­lich nichts mit Migra­ti­on zu tun haben. Das Geflecht von lega­ler Ein­wan­de­rung, Nach­zug, Schleu­sung, grenz­über­schrei­ten­dem Ver­kehr und ähn­li­chem gilt nicht als dis­ku­ta­bel. Außer­dem muß man das weib­li­che Geschlecht weg­las­sen – es wirkt sonst arg dämp­fend auf die deut­sche TVBZ – und sich auf die Alters­grup­pen männ­li­cher Tat­ver­däch­ti­ger zwi­schen 14 bis (sagen wir mal) 25 beschrän­ken. Dann kön­ne man – zum Bei­spiel für Baden-Würt­tem­berg im Jahr 2002 – auf eine TVBZ-Rela­ti­on Deut­sche vs. Nicht­deut­sche von 1 zu 1,7 kom­men (Berech­nun­gen des Insti­tuts für Recht­s­tat­sa­chen­for­schung der Uni­ver­si­tät Kon­stanz nach Wolf­gang Heinz). Das Baye­ri­sche Lan­des­kri­mi­nal­amt kommt nach einer Son­der­aus­wer­tung der mit die­ser Metho­de redu­zier­ten TVBZ für 1999 auf eine Höher­be­las­tung um das 1,9fache (14–21jährige) bzw. das 2,1fache (21–24jährige) der nicht wei­ter dif­fe­ren­zier­ten männ­li­chen Aus­län­der (zit. nach Ers­ter Peri­odi­scher Sicher­heits­be­richt [PSB] 2001). Das ist alle­mal schön, zumal das Her­aus­rech­nen von Öster­rei­chern, Schwei­zern, Dänen und ande­ren unauf­fäl­li­gen Natio­na­li­tä­ten, die Iso­lie­rung ein­zel­ner Natio­na­li­tä­ten, eine Dif­fe­ren­zie­rung wei­te­rer Alters­grup­pen oder ein fort­ge­setz­tes Eli­mi­nie­ren wahr­schein­lich­keits­sta­tis­tisch her­aus­ge­rech­ne­ter Tat­ge­le­gen­heits­merk­ma­le, wie es eher sar­kas­tisch von kri­mi­no­lo­gi­schen Skep­ti­kern ange­mahnt wur­de, das Bild noch trü­ben könnten.

Dem Her­aus­rech­nen mit den Mit­teln der PKS sind natur­ge­mäß Gren­zen gesetzt. Das Bun­des­kri­mi­nal­amt ver­zich­tet daher dar­auf, TVBZ für die aus­län­di­sche Wohn­be­völ­ke­rung zu berech­nen. In einer aus­führ­li­chen Erklä­rung wird begrün­det, war­um sol­che TVBZ ver­zerrt und damit vor­ge­nom­me­ne Ver­glei­che all­ge­mein unzu­läs­sig sei­en. Die meis­ten der gän­gi­gen Anti-TVBZ-Argu­men­te gel­ten zwar auch für Deut­sche, sobald man sie im Bin­nen­ver­gleich benutzt: Nord-Süd, Ost-West, Stadt-Land, arm-reich, katho­lisch-evan­ge­lisch; anschei­nend fühlt sich dabei aber (noch) nie­mand dis­kri­mi­niert. Jeden­falls gibt es bis­lang kei­ne Exper­ten (wie Geiß­ler), die dies mit dem Ges­tus mora­li­scher Empö­rung behaupten.

Anzei­ge­ver­hal­ten

Die Erhe­bung von Sozi­al­va­ria­blen, mit denen das Her­aus­rech­nen ger­ne fort­ge­setzt wird, ist schwie­rig. Zudem könn­ten sich uner­wünsch­te Resul­ta­te erge­ben, ins­be­son­de­re wenn man (unab­sicht­lich) Natio­na­li­tä­ten­grup­pen mit­ein­an­der ver­glei­che. Irri­tie­ren­des läßt sich gele­gent­lich durch Dun­kel­feld­stu­di­en und Befra­gun­gen von Schü­lern im Alter von 15 Jah­ren und jün­ger ver­mei­den. Bekannt­lich bestä­tigt sich hier, jeden­falls in Deutsch­land, eine schon älte­re kri­mi­no­lo­gi­sche Erkennt­nis, daß das Anzei­ge­ver­hal­ten inner­halb und zwi­schen eth­ni­schen Grup­pen dif­fe­riert. Für Zwi­schen­fäl­le etwa, bei denen nach den Schü­ler­be­fra­gun­gen des Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­in­sti­tuts Nie­der­sach­sen (KFN) der 15jährige Moritz den 15jährigen Max angreift, betra­ge die »Anzei­ge­quo­te« (durch Max und Co.) 19,5 Pro­zent. Wenn jedoch Meh­met der Angrei­fer ist, sol­len er und sei­ne eth­nisch zuge­hö­ri­gen Kum­pa­ne in 29,3 Pro­zent der Fäl­le (von Max und Co.) der Poli­zei zur Kennt­nis gebracht wer­den. Das ist zwei­fel­los eine inter­es­san­te Dif­fe­renz, von der wir aller­dings nicht wis­sen, ob sie auch nur ein Gran zur Höher­be­las­tung etwa tür­ki­scher Jugend­li­cher bei­trägt. Denn wir wis­sen nicht, ob der 15jährige Max den 15jährigen Meh­met wirk­lich ange­zeigt hat – dies kann die anony­me Befra­gung nicht kon­trol­lie­ren –, ob die Poli­zei die Anzei­ge ange­nom­men hat und ob der Ange­zeig­te von der Poli­zei auch als Tat­ver­däch­ti­ger fest­ge­stellt wor­den ist.

Wie es sich in ande­ren Alters­grup­pen ver­hält, wis­sen wir schon gar nicht. Aber man muß auch nicht alles wis­sen. Die vom KFN selbst ange­führ­te Berech­nung, wonach in ihrem gesam­ten Befra­gungs­ge­biet die auto­chtho­ne Täter-Opfer-Bezie­hung (deut­scher Schü­ler vs. deut­scher Schü­ler) über­haupt nur noch in 36,2 Pro­zent aller Fäl­le gege­ben sei, stellt für den kri­ti­schen Intel­lek­tu­el­len bereits eine über­flüs­si­ge Rela­ti­vie­rung dar. Man könn­te glau­ben, es käme heut­zu­ta­ge zumeist zu Kon­fron­ta­tio­nen zwi­schen deut­schen und nicht­deut­schen Schü­lern. Für Jugend­li­che all­ge­mein behaup­tet das jeden­falls der Mit­ver­fas­ser der bei­den Sicher­heits­be­rich­te der Bun­des­re­gie­rung, der Trie­rer Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Roland Eckert, in einer Stel­lung­nah­me für die Enquete-Kom­mis­si­on des rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tags am 1. Sep­tem­ber 2009.

Auch das Ergeb­nis des schwei­ze­ri­schen Crime Sur­vey, wonach im Fal­le von Gewalt und Dro­hun­gen »aus­län­di­sche Tat­ver­däch­ti­ge kei­nes­wegs häu­fi­ger ange­zeigt wer­den und daß auch Opfer aus­län­di­scher Her­kunft sich nicht sel­te­ner an die Poli­zei wen­den«, darf man getrost bei­sei­te las­sen. Denn mit dem Kon­strukt »Anzei­ge­ver­hal­ten« läßt sich die kri­mi­nal­sta­tis­ti­sche Höher­be­las­tung von Migran­ten im all­ge­mei­nen und Tür­ken im beson­de­ren blau­pau­sen­ar­tig erklä­ren. Es bedarf im Grun­de nicht mehr des schwie­ri­gen und gefahr­vol­len Her­aus­rech­nens durch Sozi­al- und Män­gel­la­gen. Wem das noch nicht genügt, der sei dar­an erin­nert, daß nicht nur der Bür­ger am liebs­ten Aus­län­der anzeigt, son­dern auch die Poli­zei vor­zugs­wei­se Aus­län­der unter Beob­ach­tung nimmt.

Sehr anschau­lich hat das der kri­ti­sche fran­zö­si­sche Kri­mi­nal­so­zio­lo­ge Lau­rent Muc­chiel­li auf dem Wege teil­neh­men­der Beob­ach­tung dem Publi­kum erläu­tert. Dem Innen­mi­nis­ter Guéant, der im Fern­se­hen von einer zwei- bis drei­mal höhe­ren Kri­mi­na­li­täts­quo­te bei Aus­län­dern sprach – es war wie­der ein­mal Wahl­kampf und Le Pen dem Amts­in­ha­ber Sar­ko­zy nach Umfra­gen dicht auf den Fer­sen –, hielt der ehe­ma­li­ge Direk­tor des »Cent­re de recher­che socio­lo­gi­que sur le droit et les insti­tu­ti­ons péna­les«, einer inter­dis­zi­pli­nä­ren For­schungs­ein­rich­tung des fran­zö­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums, eine Stu­die ent­ge­gen, die er am Gare du Nord und eini­gen ande­ren mar­kan­ten Stel­len in Paris durch­ge­führt habe, um das selek­ti­ve Kon­troll­ver­hal­ten der Poli­zei zu ent­lar­ven. Die Poli­zei­be­am­ten dif­fe­ren­zier­ten immer nur nach männ­lich, jung, irgend­wie flip­pig (»hip hop« oder »got­hi­que«) und Haut­far­be. Erschre­ckend erschien ihm vor allem: »on con­trô­le davan­ta­ge les Noirs et les Maghré­bins«. Und was soll schon bei so einem Vor­ge­hen her­aus­kom­men als jede Men­ge schwarz­afri­ka­ni­scher und maghre­bi­ni­scher Dro­gen­händ­ler und sons­ti­ger Krimineller?

Viel­leicht ist die deut­sche Poli­zei ähn­lich gestrickt wie die Flics vom Gare du Nord? Erfah­re­ne Prak­ti­ker kom­men meist auf ähn­li­che Pro­blem­lö­sun­gen. Vor Jah­ren hieß es dort in Fach­krei­sen, es sei ein­fach eine »Bank«, wenn man mor­gens um drei Uhr vier »Süd­län­der« in einem lang­sam fah­ren­den Auto ent­de­cke. Man war noch ohne Schutz­wes­te unter­wegs, und die Kon­trol­le lohn­te sich. Heu­te droht der mah­nen­de Zei­ge­fin­ger des miß­traui­schen Kri­mi­nal­so­zio­lo­gen (»eth­nic pro­filing«). Auch soll­te man ein sol­ches Fahr­zeug viel­leicht bes­ser unbe­hel­ligt durch Neu­kölln oder Duis­burg rol­len las­sen. Über­dies – vier Süd­län­der sit­zen ein­fach viel sel­te­ner in einem Auto.

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