1. April 2014

Rußland und die »westlichen Werte«

Gastbeitrag

Nicht erst seit dem Beginn der Krise in der Ukraine dreschen die westlichen, auch die deutschen Systemmedien im Gleichlaut auf Rußland und seinen Präsidenten Wladimir Putin ein. Russische kulturelle Eigenart und die Wahrnehmung russischer Interessen durch Putin werden als Provokation empfunden. Der Westen ist heute intoleranter gegenüber kultureller Vielfalt und nationalen Eigeninteressen als zu Zeiten des Kalten Krieges, trotz anderslautender und bis zum Überdruß vorgetragener gegenteiliger Bekenntnisse zu Vielfalt und Multikulturalität. Der Anschluß der Krim an Rußland dient Politikern, sicherheitspolitischen Leyendarstellerinnen und den Scharfmachern aus der Welt der Medien als offenbar herbeigesehnter Grund, sich in diesen Tagen endlich keine Zurückhaltung mehr auferlegen zu müssen. Dem vom Westen an die Macht geputschten Regime der Ukraine wird militärischer Schutz signalisiert, obwohl das Land noch nicht einmal NATO-Mitglied ist.

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Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges hätte man die NATO auflösen können – »mission accomplished«. Statt dessen wurde sie in ein Instrument der weltweiten Machtprojektion der USA umgewandelt. Der geheime Leitfaden für die Verteidigungsplanung, unter der Federführung von Paul Wolfowitz (»Defense Planning Guidance«) entstanden und 1992 von der New York Times publik gemacht, sieht vor, daß keine andere Macht mehr in die Lage versetzt werden dürfe, die absolute Vormachtstellung der USA in Frage zu stellen. Seither hat die NATO – entgegen den offenbar seinerzeit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow gegenüber gemachten Zusagen – immer mehr Staaten aus dem ehemaligen Einflußbereich des Warschauer Paktes und dem Territorium der vormaligen Sowjetunion als neue Mitglieder aufgenommen und sich gleichsam bis an die Türschwelle Rußlands ausgedehnt. Die Ukraine nimmt in den Vorstellungen der amerikanischen Hegemonisten eine besondere Rolle ein, die der nach wie vor einflußreiche ehemalige Sicherheitsberater und Rußland-Hasser Zbigniew Brzezinski in seinem Buch The Grand Chessboard 1997 mit folgenden Worten beschrieben hat: »Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem europäischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Rußlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Rußland kein eurasisches Reich mehr ... Wenn Moskau allerdings die Herrschaft über die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodenschätzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Rußland automatisch die Mittel, ein mächtiges, Europa und Asien umspannendes Reich zu werden«. Um dies zu verhindern, haben die USA seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis heute fünf Milliarden Dollar in die »demokratische Entwicklung« der Ukraine investiert, wie die US-amerikanische Diplomatin Victoria Nuland in einer Rede im Dezember 2013 bekanntgab.

Präsident Putin hat mit der Aufnahme der Krim in den russischen Staatsverband schließlich die Reißleine gezogen und der sich als globaler Robocop gerierenden NATO signalisiert: »Nicht weiter«, so wie es seinerzeit Präsident Kennedy als Hüter der Monroe-Doktrin tat während der Kuba-Krise 1962.

So weit, so gut – der Robocop hat eine »bataille« auf dem globalen Schachbrett gegen den meisterlichen Schachspieler Putin verloren, so wie auch schon im Falle Syriens, als Putin Obama davor bewahrte, Syrien zu bombardieren und die USA in einen neuen Krieg im Mittleren Osten hineinzuziehen. Diese diplomatischen und strategischen Niederlagen alleine erklären aber das Ausmaß an antirussischer Stimmungsmache und die hemmungslose Dämonisierung Putins in den westlichen Systemmedien nicht. Die Gründe für die maßlose Wut der Globalisierer auf beiden Seiten des Atlantiks sind in tieferen seelischen Schichten zu suchen.

Ein grundlegendes traditionales, institutionelles oder »konservatives« Weltbild erkennt zwischen dem Individuum und der Menschheit Zwischeninstitutionen an: Familie, Verwandtschaftsgruppe, Polis, Region, Nation, Staat. Dieses Weltbild ist auch politisch: Nur vermittels der Zugehörigkeit zu einer Familie, Polis oder Nation ist man Teil eines größeren Ganzen. Auch das traditionale Verhältnis der Europäer zu Europa läßt sich auf diese Weise kennzeichnen: Europa als Abstraktion gibt es nicht – außer in den Köpfen Brüsseler Eurokraten. Man kann nicht »unmittelbar« Europäer sein, sondern nur durch die Zugehörigkeit zu einer Region, einem Ethnos, einer Nation. Unter dieser Perspektive zeigt sich die wahre kulturelle Vielfalt Europas als die Vielfalt der Kulturen seiner Völker, Regionen, Nationen.

 

Im Weltbild der Moderne werden diese Zwischeninstanzen zwischen Individuum und Menschheit aufgelöst und alle Unterschiede nivelliert, sogar jene zwischen den Geschlechtern. In der Rhetorik des westlichen Universalismus wird dieses Weltbild durch den Rekurs auf »unsere Werte« instrumentalisiert: Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung und -verwirklichung, Demokratie, Menschenrechte. Das jüngste Beispiel bietet die Ukraine. »Unsere Werte« sind universell, in ihnen manifestiert sich der allgemeine Fortschritt des Menschengeschlechts. Die Postulate des Universalismus sollen ausnahmslos für die ganze Menschheit gelten. »No nation, no border«: Diese Parole der Antifa könnte auch als Motto der transnationalen Konzerne und Banken dienen. Die Antifa und Goldman Sachs in einem Boot!

Bereits Arnold Gehlen blickte mit Sorge auf den drohenden Verlust der Zwischeninstanzen zwischen Ich und Menschheit. Zu Recht: Der »Fortschritt« hat nicht haltgemacht, die Nationen fast schon aufgelöst und die Völker ihrer Eigentümlichkeit beraubt. Nun rückt er der Familie auf den Pelz: Zwischen dem Individuum und der Menschheit soll es nichts mehr geben. Nur noch individuelle Netzwerke sollen das Ich mit der Welt außerhalb der eigenen Haut verbinden.

Selbstverständlich ist diese neue global-universalistische Heilslehre nicht allgemein »vermittelbar«. Nicht den Muslimen oder den konfuzianisch geprägten Kulturen Asiens – und einer nicht unbeträchtlichen Anzahl der Bürger Rußlands offenbar auch nicht. Präsident Putins Verteidigung traditioneller Werte gegenüber den Apologeten einer Moderne, die die Herauslösung des Individuums aus allen Bindungen und den Selbstgenuß als Ziel von »Freiheit« und »Demokratie« preisen, muß den westlichen Universalisten als Atavismus erscheinen. »Ist Putin einer von uns?« fragt daher der konservative Publizist Patrick Buchanan auf seiner Netzseite. Putins Haltung trage ihm zwar den Spott der westlichen Medien und der kulturellen Eliten ein, aber, so Buchanan, der russische Präsident habe vielleicht eine viel klarere Vorstellungvon der Zukunft als jene Amerikaner, die sich noch immer nicht von den Vorstellungen aus der Zeit des Kalten Krieges befreit hätten und denen Rußland immer noch, wie seinerzeit die Sowjetunion, als »Reich des Bösen« erscheine. Vielleicht verdiene im 21. Jahrhundert Barack Obamas Amerika diesen Titel viel eher?

Wie äußern sich nun unsere vielberufenen »westlichen Werte«? Ein Leser hat sich dieser Tage in der FAZ in die Debatte um die Krise in der Ukraine eingeschaltet und auf diese Frage eine provozierende Antwort gegeben: »Kinder- und Alteneuthanasie, Genderwahn, Homoterror, Abtreibung von Menschen, Wegwerfgesellschaft, Nahrungsfabriken, Überwachungsmonstrosität, political correctness, Marginalisierung religiösen vernünftigen Lebens, ›Demokratie‹ einer ideologisierten Clique?«. Ein anderer Leser stimmt ihm zu: »Die seit 1968 zur Herrschaft gekommenen (Un)Werte haben sich de facto inzwischen selbst ad absurdum geführt ... die für eine funktionierende Gesellschaft nötige Werte-Basis ist ganz offensichtlich nicht mehr gegeben«. Dem würde Dinesh D’Souza zustimmen, der indischstämmige konservative amerikanische Publizist, der die amerikanischen kulturellen Eliten sogar für die Attacken vom 11. September auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich macht: Die unerträgliche kulturelle Arroganz der »Kulturlinken« in Verbindung mit der Machtprojektion der USA durch amerikanische Kultur und vermittels des amerikanischen Militärapparates in der islamischen Welt habe letztlich das Fundament gelegt, auf dem sich die Pläne zur Durchführung dieser ungeheuerlichen Taten hätten entwickeln können.

Der Haß, der Putin in den westlichen Systemmedien entgegenschlägt, ist Zeichen einer tiefen Kränkung des global-universalistischen Selbstbewußtseins. Hier ist einer, der dem Siegeszug der von den westlichen Eliten getragenen Moderne nicht nur Paroli bietet, sondern auch die Mittel dazu hat. Der »Kampf gegen Rußland« – so hieß ein Brettspiel für Kinder in der Zeit des Ersten Weltkrieges – ist noch nicht vorüber. Europa, schreibt der amerikanische Blogger »The Saker«, sei ein US-Protektorat auf einem sozial bankrotten Kontinent mit einer darniederliegenden Wirtschaft. Ob Europa den Kulturkrieg gegen Rußland gewinnen kann?


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