Demographie des Verschwindens

pdf der Druckfassung aus Sezession 13/April 2006

sez_nr_132Ein Interview mit dem Bevölkerungswissenschaftler Prof. Dr. Josef Schmid, Bamberg

Die Demographie prognostiziert, daß Deutschland sich entvölkere. Seit wann weiß Ihre Wissenschaft um diese Zukunft?

Schmid: Eine direkte Bevölkerungsabnahme errechnete man für die, wohlgemerkt, deutsche Bevölkerung in der alten Bundesrepublik schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Diese „Projektion" - wie wir lieber sagen - hatte durchaus Aufsehen erregt und war sogar Gegenstand einer Anhörung im damaligen Bundesinnenministerium unter Gerhart Baum. Die Quintessenz war folgende: Wenn die niedrige Geburtenzahl, die seit 1973 deutlich unter der Zahl der Sterbefälle lag, sich verfestigen sollte, dann müßten aufgrund der eintretenden Alterung bis 2030 die Renten entweder um die Hälfte gekürzt oder die Beitragszahlungen verdoppelt werden. Eigentlich könnte Deutschland sich nur noch mit einem „Mix" aus beidem behelfen.

 Gastbeitrag

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Seit­her sind wir Zeu­gen eines gigan­ti­schen Ver­drän­gungs­thea­ters. Wir beob­ach­ten, wie alle Regis­ter an See­len­mas­sa­ge und Mas­sen­psy­cho­lo­gie gezo­gen wer­den, um die­se damals schon recht har­ten Fak­ten wie­der vom Tisch zu krie­gen. Ein Par­tei­en­staat, der sich bei­na­he stän­dig in irgend­ei­nem Wahl­kampf befin­det, tut sich unend­lich schwer mit unan­ge­neh­men Wahr­hei­ten. Das Ergeb­nis der Ver­drän­gung ist ver­hee­rend: Bis heu­te weiß ja kei­ner so recht, wie man aus der Tat­sa­che, daß die Deut­schen zuwe­nig Nach­wuchs bekom­men, eine poli­ti­sche Fra­ge zim­mern soll. Die Selbst­blo­cka­de der Poli­tik ließ es lie­ber bis zum Äußers­ten kom­men und an die­sem „Äußers­ten” spa­zie­ren wir seit Jah­ren entlang.

Wie muß man sich die­sen Vor­gang vorstellen?

Schmid: Die Ent­völ­ke­rungs­ten­denz zeigt sich zuerst in den struk­tur­schwa­chen Gebie­ten, aus denen die dort noch gebo­re­nen jun­gen Men­schen abwan­dern. Vor allem die Neu­en Län­der sind davon betrof­fen. Gebur­ten­rück­gang bedeu­tet Rück­gang von Mäd­chen­ge­bur­ten, und das wie­der­um bedeu­tet weni­ger poten­ti­el­le Müt­ter in der nächs­ten Genera­ti­on, also 25 Jah­re spä­ter. Nach Ablauf einer Genera­ti­on haben wir also nicht nur an sich weni­ger Gebo­re­ne zu regis­trie­ren, son­dern bereits die Nicht­ge­bo­re­nen der feh­len­den Müt­ter. Wenn sich die­ser Vor­gang nun wie­der­holt, dann gerät eine Bevöl­ke­rung in eine Abwärts­spi­ra­le, treibt sie ein Jugend­man­gel im Genera­tio­nen­takt trepp­ab. Ich sprach seit den 1980er Jah­ren als ers­ter von einer pro­gram­mier­ten „demo­gra­phi­schen Implo­si­on” – für den Fall, daß sich nichts ändern würde.
Um eine Bevöl­ke­rung sta­bil zu hal­ten, bräuch­te es etwas mehr als 2 Gebur­ten pro Frau durch­schnitt­lich. 1973 sank die­se Zahl auf 1,35 ab und blieb bis heu­te auf die­sem nied­ri­gen Niveau. Die Genera­ti­on der Deut­schen ersetzt sich in der jeweils fol­gen­den nur zu zwei Drit­teln – ein Vor­gang, der sich über sechs Genera­tio­nen hin­aus kaum ver­län­gern läßt. Das soge­nann­te „Aus­ster­ben der Deut­schen” ist also kei­ne Fik­ti­on, kein Schre­ckens­bild, kei­ne Wahn­vor­stel­lung, die man belie­big belä­cheln und beki­chern kann. Es ist das Mene­te­kel an der Wand einer Gesell­schaft oder gar eines Kon­ti­nents, der auf dem Wege ist, Auf­klä­rung mit Nihi­lis­mus zu verwechseln.

Wer rückt nach in solch ein lee­res Land? Oder wird der Schwund nur in den Städ­ten ersetzt?

Schmid: Die besag­te demo­gra­phi­sche Implo­si­on, der sich ver­stär­ken­de Bevöl­ke­rungs­schwund, beginnt – nach unver­än­der­ter Lage der Din­ge – zwi­schen 2005 und 2010. Deutsch­land wird es nicht mehr gelin­gen, die sich wei­ten­de Gebur­ten­lü­cke mit Zuwan­de­rung zu fül­len. Bereits in den letz­ten bei­den Jah­ren ist die Bevöl­ke­rung in Deutsch­land trotz Zuwan­de­rung geschrumpft. Zusätz­lich wirkt das, was wir post­in­dus­tri­el­le Gesell­schaft nen­nen: Manu­fak­tur, die klas­si­sche Gast­ar­bei­ter­be­schäf­ti­gung, geht zurück und Hoch­tech­no­lo­gie und qua­li­fi­zier­te Dienst­leis­tun­gen neh­men rasch zu. Dafür ste­hen aber nicht belie­big hohe Ein­wan­derer­men­gen zur Ver­fü­gung, von denen man ein­mal träumte.
Mit der Höher­qua­li­fi­zie­rung aller Arbeits­an­for­de­run­gen und Arbeits­märk­te ist auch ein Kon­zen­tra­ti­ons­vor­gang um Ober­zen­tren und Städ­te ver­bun­den, die schöns­ten Land­re­gio­nen wer­den zusätz­lich ent­völ­kert. Die Gleich­wer­tig­keit der Lebens­be­din­gun­gen von Land und Stadt war ein hohes regio­nal­po­li­ti­sches Ziel in Deutsch­land und soll in angepaß­ter Form wei­ter gel­ten. Es geht nicht an, daß es in länd­li­chen Regio­nen unat­trak­tiv wird, Kin­der großzuziehen.

Mit wel­cher demo­gra­phi­schen Dyna­mik der Ein­wan­de­rer­grup­pen haben wir zu rechnen?

Schmid: Gesell­schaft und Poli­tik schwant etwas davon, daß die Ein­wan­de­rer, die wir bräuch­ten, nicht zu bekom­men sind: jun­ge Paa­re, gut aus­ge­bil­det, Deutsch und Eng­lisch flie­ßend, mehr als zwei Kin­der, mit einem Wort, sol­che Ein­wan­de­rer, die sich die USA, Kana­da und Aus­tra­li­en aus­schließ­lich und regel­mä­ßig ein­ho­len. Die Nach­bar­staa­ten der EU wer­den nur Arbeit­neh­mer und Lücken­fül­ler am Arbeits­markt schi­cken, die aber zum Wochen­en­de wie­der nach Hau­se fah­ren. Sie befin­den sich näm­lich in der glei­chen demo­gra­phi­schen Lage und wer­den sich nicht in Deutsch­land ansie­deln. Das gilt für Slo­we­nen und Kroa­ten in Öster­reich eben­so wie für Polen und Tsche­chen in Deutschland.
So bleibt also nur in asia­ti­schen und nord­afri­ka­ni­schen Räu­men ein Reser­voir an mög­li­chen Ein­wan­de­rern. Mit denen aber holen wir uns eine nega­ti­ve sozi­öko­no­mi­sche Kul­tur­dy­na­mik ins Land: Zuwan­de­rung von Män­nern und Frau­en ohne Berufs­aus­sicht im Auf­nah­me­land; die zwei­te Genera­ti­on wächst bereits ohne Aus­bil­dungs­kon­zept auf, weil schon in den Eltern­häu­sern außer­eu­ro­päi­scher Zuwan­de­rer so etwas wie Inte­gra­ti­on nicht gestützt wird oder gar unbe­kannt ist. Der Aus­weg ist Abwan­de­rung in kri­mi­nel­le Sub­kul­tu­ren oder in reli­gi­ös-eth­ni­sche Ersatz­bin­dun­gen. Eine Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Auf­nah­me­land Deutsch­land ist unwahr­schein­lich, denn die Bedeu­tung des Her­kunfts­lan­des wächst allei­ne schon auf­grund der dor­ti­gen demo­gra­phi­schen Explosion.
Das ist der Zustand, den wir zur Zeit im Lan­de vor­fin­den: Die Dyna­mik liegt stets bei den Grup­pen, die über ihre Kin­der ein vita­les Inter­es­se an der Zukunft haben, nie­mals jedoch bei einem altern­den Volk, ganz egal, wie die Mehr­heits­ver­hält­nis­se der­zeit noch sind.

Eine Zukunft wird sich aus alle­dem erge­ben. Zunächst: Was geht verloren?

Schmid: Wir sind in einen Zustand gera­ten, den man nur noch mit einer gewis­sen opti­mis­ti­schen Grund­stim­mung wird bewäl­ti­gen kön­nen. Von den 7,3 Mil­lio­nen Aus­län­dern berei­ten uns eigent­lich nur die 2 Mil­lio­nen EU-Bür­ger kei­ne Sor­gen. Mit der Iden­ti­tät, dem Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl, der reli­giö­sen Bin­dung und den Inte­gra­ti­ons­bar­rie­ren uns kul­tu­rell fern­ste­hen­der Men­schen befas­sen wir uns erst jetzt, wo ein „Kul­tur­kampf” nur noch mit Wor­ten, aber nicht mehr in der Rea­li­tät weg­ge­wischt wer­den kann. Der „inter­kul­tu­rel­le Dia­log” bleibt eine aka­de­mi­sche Beru­hi­gungs­pil­le, die meist einem Kar­rie­re- und Stel­len­plan dient. Die Pro­ble­me Deutsch­lands und Euro­pas – auf­ge­halst aus Welt­flucht und Rea­li­täts­blind­heit – kann ein sol­cher „Dia­log” nicht beseitigen.
Ver­lo­ren also geht eini­ges. Wenn in einer schö­nen Defi­ni­ti­on „Hei­mat” jenen Ort bezeich­net, an dem man sich nicht erklä­ren muß, dann wird es zukünf­tig ver­dammt eng in ihr. Vor sechs Jah­ren wur­de im Staats­an­ge­hö­rig­keits­ge­setz das deut­sche Abstam­mungs­recht durch fran­zö­si­sches und eng­li­sches Boden­recht – das typisch und brauch­bar ist für Kolo­ni­al­her­ren – „ergänzt”. Mit die­sem Boden­recht ver­bin­det sich aber eine stren­ge Natio­nal­er­zie­hung, das heißt der Iden­ti­täts­wan­del der Zuwan­de­rer und ihrer Kin­der alle­mal. Wo die­se Natio­nal­er­zie­hung vor der Mas­se kapi­tu­liert und der Zusam­men­halt ver­fällt, haben wir bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustän­de mit „Migra­ti­ons­hin­ter­grund”, wie vor Wochen in Frank­reich oder in Eng­land schon seit Jah­ren. Deutsch­land ist gewarnt, denn sei­ne Jung­bür­ger­krie­ger wären nicht bloß Arbeits­lo­se und Sprach­ge­stör­te, son­dern auch noch Opfer einer Selbst­fin­dungs­neu­ro­se seit 1945. Aus anti­na­tio­na­lem Staats­geist her­aus Aus­län­der natio­nal inte­grie­ren zu wol­len ist wie die Qua­dra­tur des Krei­ses und in die­ser Situa­ti­on und in die­ser Welt träu­me­ri­scher Gedankenluxus.

Gewin­nen wir auch etwas?

Schmid: Die Fra­ge ist, wor­in wir den Gewinn sehen und suchen wol­len. Wir gewin­nen nichts, wenn wir uns an einen Zustand been­gen­der und bedrän­gen­der Ver­hält­nis­se schlicht gewöh­nen. Eine „Demo­gra­phie des Ver­schwin­dens”, wie ich sie genannt habe, läßt kei­ne Ruhe und Gewöh­nung zu. Wenn die Deut­schen, selbst über ihre Volks­ver­tre­ter hin­weg, aus ihrer Unru­he Kapi­tal schlü­gen, sich auf­rich­ten und zu eini­gen posi­ti­ven Mythen, die ihnen sogar von außen her ange­tra­gen wer­den, Zuflucht näh­men, dann wäre etwas gewon­nen. So sind wir Deut­schen etwa zum wirt­schaft­li­chen Erfolg ver­dammt. Ihm zu ent­spre­chen bedeu­tet zugleich, die Zuwan­de­rer vom Gel­tungs­nut­zen, Deut­sche zu wer­den, zu überzeugen.

Auf wel­ches Leben haben wir Deut­schen uns für das Jahr 2030 ein­zu­stel­len? Was kenn­zeich­net ein altern­des Volk?

Schmid: Die Wohn­be­völ­ke­rung in Deutsch­land von 82,3 Mil­lio­nen Men­schen altert am rasches­ten, weil frü­her Gebur­ten­ab­fall, der die Alten­an­tei­le erhöht, und stei­gen­de Lebens­er­war­tung eine Kom­bi­na­ti­on ein­ge­hen. Die gebur­ten­star­ken Jahr­gän­ge wer­den sich zur Gän­ze im Ren­ten­al­ter befin­den und den schwach besetz­ten Jahr­gän­gen im Erwerbs­al­ter gegen­über­ste­hen. Auf ein­hun­dert Erwerbs­tä­ti­ge kom­men heu­te vier­zig Men­schen über sech­zig Jah­re; bis 2030 wird sich die­se Ver­hält­nis­zahl ver­dop­peln, denn es wird dann jeder drit­te Mensch in Deutsch­land über sech­zig sein. Gewiß steigt mit der Lebens­er­war­tung auch die Gesund­heit im Alter, doch die Sor­ge bleibt das Aus­maß schwin­den­der Jugend. Sie unter­liegt einer ande­ren Bemes­sung als das Ren­ten­al­ter. Sie ist Human­ka­pi­tal, muß im Wett­be­werb mit viel jün­ge­ren Völ­kern bestehen. Sie kann das nur, wenn auch die der­zeit tra­gen­de Genera­ti­on wie­der ein Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl für das mobi­li­siert, was außer­halb ihrer selbst liegt, und in der Zei­ten­fol­ge denkt. Wir haben die Nati­on zu unser aller Exis­tenz­grund­la­ge gemacht und sie ist nur denk­bar als Gemein­schaft der Gewe­se­nen, Gegen­wär­ti­gen und Künf­ti­gen. Dar­an kann weder eine Moder­ne, Post­mo­der­ne noch Glo­ba­li­sie­rung etwas ändern.

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