Sezession
29. März 2017

Das war’s. Diesmal mit: verhaltensoriginellen Kindern, vermeintlichen Terrorsippen und Kubitschek als Depp

Ellen Kositza / 24 Kommentare

Große Schwester, Augen zum Himmel hebend, sich etwas theatralisch die Haare raufend: „Oooh... – Das ist so... so Sachsen-Anhalt!“

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Andere Schwester, trocken: „Nee. Das ist BRD-Subventionstheater.“

Man könnte nun noch länger erzählen, wie  die Großen der Kleinen Details über die Inszenierung entlocken wollten: „Haben die denn da auch immer so Sachen wie cool oder geil gesagt? Was haben die denn getragen? Ich mein: Sah der König wie ein König aus oder trug der Jogginghosen?“ Stellte sich aber heraus, daß die Erstkläßlerin über keine sicheren Kriterien (modern/überliefert) verfügte: „Also,das war schon in echt der gestiefelte Kater. Den haben die nur umbenannt.“

 

22. März 2017 -- Eine entfernte Bekannte „hat Burnout“. Kein Wunder, als Sonderpädagogin erledigt sie eine Knochenarbeit. Glaube, mich verhört zu haben: Sie spricht, wenn sie von den Rangen erzählt, die sie an den Rand der Erschöpfung getrieben haben, von „verhaltensoriginellen Kindern“. Wie bitte?! Gequältes Lächeln: „Ja, sagen wir so. Ist natürlich albern. Die Terminologie wird immer toller. Vor zwanzig Jahren kamen die Begriffe schwererziehbar und verhaltensgestört aus der Mode. Kommt heute in meinem Berufsfeld längst keinem mehr über die Lippen. Dann hat man eine Weile von Problemverhalten gesprochen, aber das gilt auch als zu sehr normorientiert. Es sollte dann herausforderndes Verhalten heißen. Naja... Jetzt heißt es schon lange verhaltensoriginell. Und es werden immer mehr... Originale.“  Ich will's nicht glauben, gucke ins Netz. Ist wahr: Von verhaltensoriginellen Kindern ist schon seit anderthalb Jahrzehnten die Rede, ganz unironisch, und gemeint sind genau die, die man früher schwererziehbar geheißen hat. Es gibt noch viel blumigere Namen: Sturmkinder, Sucherseelenkinder, Poetenseelen. 

Erzähle das einer Freundin, sie: „Ach, das. Weiß, was du meinst.  Kristallkinder heißt das bei uns. Kenne eine Menge davon. Alle schwerstgestört mit neurotischen Müttern, die ihre Kinder aber für Highpotentials halten und sich von denen wirklich alles bieten lassen. Die armen Kinder sind übrigens wirklich nicht schwererziehbar. Sondern einfach unerzogen.“ 

24. März 2017 -- Im nordhessischen Wald ist noch keine Bärlauchsaison. Dort, wo man ihn erwarten könnte, kniet eine fremdländische Sippe und rupft. Nicht tüten- , sondern müllsackweise! Was eigentlich? Dachte, das wär Aronstab?

Kein schlechtes Bild, wie die so gemeinsam schufteln. Gehe durch das Laub und frage die beiden Jungs im Schulkindalter. Die wissen's nicht, folgen dem Pflückbefehl nur als Subalterne.

Kommt der Vater, lacht freundlich, weil ich auch freundlich lache. Was das eigentlich für ein Kraut sei? Ja, sagt der in sehr gebrochenem Deutsch, das wüßte ich wohl gerne! Und läßt mich im Wald stehen.

Außer Sichtweise hockt da noch jemand pflückend, ein zahnloses Mütterchen, in Tücher gehüllt, ein Mutter-Teresa-Lookalike. Ich wage die Frage erneut. Sie spricht kein Wort deutsch, hält mir ein Krautbündel entgegen und macht diese doch wohl gastronomisch zu deutende Geste: den zusammengeführte Daumen und Zeigefinger einer Hand an die Lippen nehmen, küssen und die Finger dann leicht euphorisch gen Himmel werfen.

Berichte den Kindern von der Begegnung. Tochter: „Oh, und wenn die wirklich was Giftiges gesammelt haben? Und heute Abend sind die alle tot?“

Sohn: "Oder das sind Terroristen, das das auf dem Markt an unschuldige Bürger verkaufen." Sah nicht danach aus, wirklich nicht. Wir sollten die Compact nicht vor den Kindern lesen.

 

26. März 2017 -- Tochter führt auf dem Trampolin ihre neuste Choreographie vor. Häufige Wiederkehr einer besonders markanten Bewegung. Sieht elegant aus: Sie wirft, führt halb beide fast gestreckten Arme in eine Richtung, am Kopf vorbei, Nase knapp an der Ellbeuge des einen Arms. Wir loben sie. Schön hat sie sich das ausgedacht! 

„Von wegen ausgedacht“, unkt der Sohn. Das sei ein Depp. „Den machen doch alle.“ Wie, alle machen den Depp? - Hm, das sei halt eine Modebewegung. Wir lachen ein bißchen. Wann hatte es je Modebewegungen gegeben, die mit einem Arm ausgeführt wurden? 

Gehen der Sache zunächst nicht weiter nach. Dann aber das: Auf einem Spaziergang treffen vor unseren Augen die heißesten Typen des Städtchens zusammen, sie sind auf unterschiedlichen Bewegungsmitteln unterwegs, Boards und Bikes, deren spezielle Namen ich nicht kenne. Man trägt pomadierte Haare und Ringerhemden (heißt heute auch sicher anders) und läßt die jungen Muskeln spielen. Sie rufen sich sehr coole Begrüßungsformeln zu, klatschen sich ab – und, ich fasse es nicht: machen den Depp! 

Triumphierend wenden sich die Gesichter unserer Kinder uns zu. Seht ihr! Jetzt seht ihr's mal! Sogar die Profis!

Im Internet lese ich nach, daß diese Modebewegung namens Dab ein bereits bejahrtes Internetphänomen ist. Tolle Leute machen halt so was mit den Armen! Bedeutet nichts außer ein bißchen Zugehörigkeit.

Kubitschek ist euphorisiert. Im Laufe des Tages schlenkern seine Arme immer wieder mal so jäh wie ausgelassen nach links. Er will sich das angewöhnen, als Ausdruck seiner Weltzugewandtheit und um die emotionale Barriere abzutragen, die zwischen uns und Volker Weiß aufgerichtet ist.

Den Größeren ist es ein bißchen peinlich.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (24)

Sarotti-Mohr
29. März 2017 09:41

How white people "dab"!

sophia_
29. März 2017 11:12

Guten Morgen!

Wie immer erhellend und erfreuend. Wohltuender trockener Humor und erfrischende Klarheit.

Herzlichen Gruss!

Gustav
29. März 2017 11:40

Wie, alle machen den Depp? Jau, das neudeutsche Wesen: Sich für die Spitze der Evolution halten, nicht merkend, das man nur die nächste Stufe der Dekadenz verkörpert. Verhaltensoriginelle Kristallkinder...Hö,Hö: Für mich immer noch Rotzlöffel. Und der gestiefelte Kater war wirklich nicht schwul, schwarz oder weiblich? Wenigstens behindert, pardon, mit Kompetenzdefizit?

Stefanie
29. März 2017 13:05

Auf den Begriff "verhaltensoriginell" bin ich auch vor einigen Wochen das erste mal gestolpert, in dem Buch"Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden" von Martina Leibovici-Mühlberger, einer wiener Kinderpsychologin. Ich dachte am Anfang auch, es wäre eine Parodie der gängigen Therapeutensprache, ein Euphemismus, der wohl dem Wiener Schmäh entstammt.

Übrigens auch ein interessantes Buch wenn man sich über die zukünftige Entwicklung Gedanken macht: immerhin stellt Leibovici-Mühlbergers Klientel bald wirklich einen Teil der Eliten. Viele Forumskollegen verzweifeln oft an der Feminisierung und mangelnden Wehrhaftigkeit der Jugend. In diesem Sinne sind all die herangezüchteten Halbpsychopathen und Narzisten schon fast ein Hoffnungsschimmer: stellen sie sich nur diese verhaltensoriginellen Soziopathen einmal im Kulturkampf vor, eine Generation, die weder Selbstbeherrschung noch Selbstbeschränkung erfahren hat, dafür aber reichlich Erfahrung mit Ballerspielen und dem Gruppendruck ihrer Cliquen gesammelt hat....

Anton Radojevski
29. März 2017 13:47

Das Pflücken von kleinen Mengen Bärlauch etc. für den Eigenbedarf ist ja durchaus erlaubt, säckeweises Abgrasen der Wälder aber nicht. Ich hätte da schon mal den zuständigen Förster oder die Polizei angerufen (falls die sich für solche "Bagatellen" heutzutage überhaupt noch interessiert).

kommentar kositza:
Polizei holen wegen einer übereifrig rupfenden Sippe? Och nee. Mich bekümmert's eher, daß kaum einer Deutscher noch rupft und pflückt und sich bückt etc....

marodeur
29. März 2017 13:54

Habe ja mittlerweile etwas mehr Verständnis für Zeitgeist-Unsinn bei andersbegabten Sturmkindern. Wir waren da keine Ausnahme. Ich habe aber immer noch kein Verständnis für Erwachsene, die meinen Sie hätten sich einzufügen. Am Schlimmsten sind die Radiomoderatoren in Hessen. Da wird "gechillt" und "ge-networked" auf irgendwelchen "After Work Parties" wo dann natürlich "Just 90s on stage" läuft. Anschließend werden politisch korrekte Kurznachrichten reißerisch mit "News One", "News Two" und "News Three" durchgegeben. Schamgefühl mit Gänsehaut quälen mich bei jeder Fahrt. Das Radio bleibt trotzdem an - anscheinend eine Art Masochismus

Fr. Kositza: Ich bitte um eine genauere Beschreibung des Krauts. Es gibt zahlreiche essbare Möglichkeiten im Frühling: Ampfer, Anemonen, Brennesseln, Schabokskraut, sogar Schlüsselblumen. Falls es sich um Giersch handelt, dann schicken sie die Truppe bei mir vorbei. Unter der Frosythie wuchert das Zeug. Die Blätter des Aronstabs sehen Bärlauch wirklich sehr ähnlich (gefährlich). Jedes Jahr gibt es 3-4 Todesfälle mit unbedarften Bärlauchpflückern, die sich zu Hause eine schöne Herbstzeitlosensuppe machen.

Gustav Grambauer
29. März 2017 14:10

Am Wochenende waren wir bei einer Einführungsveranstaltung der regionalen Musikschule, die in der Schulanlage einer benachbarten Kleinstadt stattfand. Ziel war es, daß die Kinder alle angebotenen Musikinstrumente kennenlernen und ausprobieren können, außerdem, sich mit den, wie es hier pc-konform heißt, Lehrpersonen (man müßte es so spitz ausgesprochen hören: "Lirrpirssonin") bekanntzumachen.

Unsere Vorahnung eines Kulturschocks wurde wieder einmal übertoffen. Die Vorstellung in der Aula war der unseriöse, billige Abklatsch einer Conferencier-Show, der Conferencier war der Direktor. Jedes Kind auf der Bühne war offenbar dazu angehalten worden, sein Instrument so weit wie möglich zweckzuentfremden. An dem armen Cello wurde mit den Fingern herumgezupft als wäre es eine Gitarre, der Bogen vom Kontrabaß wurde nach ein paar kurzen Stichen beiseite gelegt, das Instrument hingelegt und zu einer Art Tabla oder Bongo "gesteigert", wozu das Hochgestellte-Polo-Kragen-Publikum mit dem Plastik-Prosecco-Glas in der Hand und Erdnuß-Flips-Krümeln am Mundwinkel jedesmal gejohlt und "Zugabe - Zugabe" gegrölt hat. Wie bei einer TV-Show kamen die Mauerblümchen, Blockflöte, Oboe und Fagott, zuerst und die Stars zum Schluß: pop singing, keyboard, ax ("Axt" / E-Gitarre) und - die Krönung, wer hätte das jetzt erwartet: - drum set.

Die typische suggestive Pop-Konzert-Atmosphäre hatte sich schon längst breitgemacht. Kafka hätte seine Freude daran gehabt, wie der dionysische Enthemmungs-Sog durch die erwachsenenpädagogischen Abschlußworte des Conferenciers an die Eltern kontrastiert wurde, wie wichtig es nämlich sei, jedes Kind sein Instrument "selbstbestimmt" wählen zu lassen. Im bizarren Kontrast zu dem - sicher nicht so gaaaaaaanz selbstbestimmten - grimassenhaften Kopf-Wippen, Fuß-Stampfen und Mit-Schnalzen der Meute standen auch die unvermeidlichen, wie ich immer sage, "Kommunistischen Manifeste für Kinder", mit denen die Wände zur kaschierten Disziplinierung in häßlicher Edding-Krakelschrift zugeknallt waren: "Wir sind Teil eines grossen Ganzen und dulden nicht, dass jemand ausgegrenzt wird". "Die zum Kehricht-Dienst Eingeteilten achten auf die korrekte Trennung des Kehrichts". "Alle grüssen sich freundlich und unterstützen und ermutigen sich gegenseitig. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt" (herrlich altklug ...). Oder, der Clou: "Die Lernenden sind immer neugierig auf neue Trends und setzen diese nach Möglichkeit um" (oder so ähnlich). Meine Frau und ich sind uns sicher, daß diese Ideologeme subtil von den "Lehrpersonen"  kanalisiert wurden, und wir haben diese Exemplare auch wieder gesehen: verklemmte Frauen mit schwachem Selbstwert und schlechter Körperhaltung, Tendenz zur Magersucht, ungepflegten oder kurzgeschorenen Haaren, Hornbrille und oberschenkellangem Sari ("ich bin oft in Indien, meiner wahren Heimat!") über den Jeans (!!!) - die aber gern Hedonismus simulieren, von "Sinnlichkeit" faseln und Sprüche wie "Aus dem Chaos entsteht was Neues" herauslassen.

Diese Gefängnistherapeuten-Flip-Chart-Regeln sowie die unglaublich abgründig-häßlichen, teilweise satanischen Kinder-"Kunstwerke" überall stehen wiederum in bizarrem Kontrast zu der Schulanlage, einem großzügigen, lichtdurchfluteten Palast aus nahezu weißem Sandstein und Granit mit durchweg fein-knarzendem Buchen-Parkett, mit Skulpturen sowie einem Brunnen aus weißem Marmor auf dem Schulhof, welche in den 60er Jahren allein schon ein Vermögen gekostet haben mußten. In mir kam ein leises Fremdschämen dafür auf, daß dem Architekten nachträglich so etwas angetan wird.

Dann wurden in einzelnen Räumen die Instrumente einzeln vorgestellt, das gute alte Schwyzerörgeli in einem winzigen Durchgangszimmer zum pop singing, in dem eine ältere Lehrerin folgerichtig wie ein begossener Pudel saß, für die sich außer unserer Tochter keiner interessiert hat und in dem sich sonst nur der aufgekratzte Massenandrang an Pop-Teenies staute. Als unsere Kleine von dem Örgeli nicht mehr loskam, hat die Frau uns gegenüber gewagt, die Selbstverständlichkeit auszusprechen: es sei "`nen Seich", daß die Kinder ihre Instrumente selbst wählen sollten, man sehe das gerade hierbei, das Örgeli sei zum Einstieg und gerade für kleinere Kinder völlig ungeeignet.

Wir waren froh, als wir wieder draußen an der frischen Luft waren. Unser Kind wird bei einer charmanten, kinderlieben aber umso gestrengeren Russin, die wir privat kennen und die im sowjetischen Konservatoriums-Stil unterrichtet, Sopranfölte lernen und zu gegebener Zeit vielleicht das Örgerli oder Akkordeon.

- G. G.

Maiordomus
29. März 2017 14:30

Die leichthändig geschriebenen Kolumnen von Frau Kositza sind als Lektüre für zwischendurch eine wahre Wohltat, zumal wenn es sich um Alltagsanalyse handelt.

"Verhaltensoriginell" in Verbindung mit "hochbegabt" ist mir aus meiner Zeit als Gymnasiallehrer noch in denkwürdiger Erinnerung. Ein Typ dieser Art weigerte sich mal am Ende einer Arbeitswoche, die er permanent gestört hatte, das Schulmaterial in den Transportwagen wieder einladen zu helfen. Die von ihm angefochtene Disziplinarverwarnung konterte der Vater mit den Worten: "Sie haben  den Jungen ja gefragt, ob er helfen wolle, da wird er wohl das Recht gehabt haben, Nein zu sagen." Eine weitere sogenannt Hochbegabte war bei mir im Rahmen eines Schulprogramms von der Faustlektüre dispensiert, sie arbeitete an einem individuellen Biologieprojekt. Auffällig noch, wie viele dieser von Psychologen abgestempelten "Hochbegabten* dann noch die Klasse repetieren mussten.

Zugegebenermassen galt im älteren Humboldtschen Gymnasium Sitzenbleiben noch nicht als Kennzeichen der Hochbegabten, wiewohl tatsächlich Theodor Lessing, zeitweiliger Klassenkamerad von Ludwig Klages, sogar zweimal repetieren musste. "Nicht schulgerecht" stand jeweils unter seinen Aufsätzen. Sowohl die ältere wie auch die neuere Schule hatten jeweils ihre spezifischen Schlagseiten, das muss zugegeben werden. Meines Erachtens sind übrigens neben Mathematik und Physik jeweils Latein und Griechisch, allenfalls noch Hebräisch, angemessene Schulfächer für wirklich und nicht bloss gestört Hochbegabte. Und natürlich gibt es den Typus des Lehrers und der Lehrerin, welche Schüler, die intelligenter sind als sie selber, wirklich nicht ertragen. Das aber ist nicht der Standardfall der vielen eingebildet gestempelten "Hochbegabten", Kinder von neurotischen Eltern, wie Kositza wohl mit Recht schreibt.

Meines Erachtens müssten wieder vermehrt private Leistungsschulen gegründet werden, auch mit den entsprechenden auf Disziplin beruhenden pädagogischen Prinzipien. "Porta", wo Friedrich Nietzsche das Gymnasium machte, nicht nur mit guten Noten, war in der Tat eine solche Hochbegabtenschule, wobei der junge Nietzsche sicher nicht der einfachste Pflegling war. Er schrieb indes - als Schüler -  im Bereich der älteren Philologie einige Arbeiten, welche nur eine Minderheit heutiger Gymnasiallehrer noch schaffen würden. Und ein wirklich hochbegabter Schüler an der Schule, wo ich 33 Jahre lang unterrichtete, später Missionsbischof und Verfasser einer Suaheli-Grammatik, schrieb 1895 im Alter von 14 Jahren perfekte lateinische Aufsätze. Er war natürlich das Gegenteil eines Disziplinarfalls.

Was Kositza über den "Gestiefelten Kater" berichtet, bleibt empörend, weil es sich beim Motiv um wirklich grosse deutsche Literatur handelt, übrigens mannigfach abgehandelt, nicht nur bei E.T.A. Hoffmann, sondern auch bei Joseph Victor von Scheffel, dessen Kater Hiddigeigei heute noch durchaus "schulgerecht" präsentiert werden könnte.

Veronika
29. März 2017 16:50

Ich vermute, daß die Sippe im Wald Giersch gesammelt hat. Die Pflanze wächst und wuchert auch in vielen Gärten und wird oft nicht gerne gesehen, da sie sich nur schwer eindämmen läßt. Unsere Nachbarin beklagte sich erst vor wenigen Tagen darüber. Ich meinte, sie solle sie doch einfach ernten und essen (ich, ähem, habe das Kraut allerdings selbst noch nie probiert). In den Weltkriegen sollen sich viele Menschen vitaminreich mit Giersch ernährt haben.

https://www.wildkrautgarten.de/2013/05/01/giersch-staendig-nachwachsender-wildspinat/

kommentar kositza:
Hätt' ich einen Photoapparat, wär's vermutlich leicht zu klären... Hab aber keinen. Alle hier genannten Kräuter kenn ich & kann ich identifizieren; Giersch, Aronstab, etc. Logisch weiß ich erst recht, wie eine Brennessel aussieht. Kraut sah aus wie Bärlauch, Blatt nur nicht so lanzettig, sondern rundlicher und etwas "lappiger", also nicht so aufrecht wie junger Bärlauch. Völlig Geruchlos. Die Sippenmenschen hatten auch die Stengel mit rausgezogen, und selbst die erinnerten an Bärlauch: der unterirdisch wachsende Teil war weiß, lang und ähnlich dick wie Bärlauch. Werde selbst noch mal rumgooglen.

Marc_Aurel
29. März 2017 17:05

"Kubitschek ist euhporisiert. Im Laufe des Tages schlenkern seine Arme immer wieder mal so jäh wie ausgelassen nach links. Er will sich das angewöhnen, als Ausdruck seiner Weltzugewandtheit und um die emotionale Barriere abzutragen, die zwischen uns und Volker Weiß aufgerichtet ist."

Der Abschnitt erzeugte in meinem Gesicht unwillkürlich ein Schmunzeln, nette Art von Humor ^^

Was hatte es denn nun eigentlich mit dem seltsamen Kraut auf sich, das da gesammelt wurde?

Caroline Sommerfeld
29. März 2017 18:54

 Giersch ist eßbar, schmeckt spinatähnlich und kam neben Bärlauch (der bei uns sehr wohl schon in Massen wuchert), wildem Schnittlauch und jungen Brennnesseln in eine schmackhafte Kräuterbutter! Aronstab ist ein "Single", es gibt weit und breit immer nur einen, keine rupfbaren Felder, und Maiglöckchen, vor denen hier ständig gewarnt wird (Verwechslungsgefahr mit Bärlauch), sind schlicht und einfach im Mai dran. Dann können's die food terrorists ja noch einmal wagen ....

Diese "besonderen" Kinder sind seltenst nur die hochbegabten Kinder. Hochbegabt und hochsensibel ist teilkongruent, hochbegabt und Aspergersyndrom ebenfalls, hochbegabte Kinder mit gleichzeitigem ADHS gelten in der Forschung als "twice exceptionals". Ich glaube nicht an das ADHS-Dogma, dies nebenbei.

Als ich unseren Großen vor 15 Jahren auf Hochbegabung testen ließ (Kind konnte mit 4 lesen und wir dachten über den Einschulungszeitpunkt nach), meinte die Psychologin, sie habe noch nie eine Mutter erlebt, die sich über das Ergebnis gefreut hätte, außer mir. Alle anderen Eltern hatten damals Sorgen, ob ihr Kind nicht vielleicht auf eine andere Weise "behindert" wäre und in der Schule Schwierigkeiten machen würde, sie es nicht schaffen könnten es zu fördern usw..

Das Blatt hat sich gewendet. Inzwischen wollen immer mehr Eltern aus Statusgründen gern ein hochbegabtes Kind haben, außerdem externalisiert es sich so schön damit: schuld an seinen Schulschwierigkeiten sind nicht etwa die Eltern, sondern die Hochbegabung. Die Narzißten sind in aller Regel die Eltern.

Maiordomus
29. März 2017 20:13

@Grambauer. Sie beschreiben nicht zufällig die Verhältnisse in einem Schweizer Kanton. Es ist auch eine Folge der Übersubventionierung des Musikunterrichts, wobei dann freilich etwa im Bereich des Akkordeons nichtsdestotrotz private Institutionen die Nase vorn haben. Die Übersubventionierung ändert nichts daran, dass die privaten Blasmusikvereine etwa im Schweizer Mittelland immer mehr Mühe bekommen, es besteht womöglich sogar ein untergründiger Zusammenhang. Die Ideologisierung der Schule war noch klar geringer, als es noch keine professionellen Schulleitungen gab.

Nautilus
30. März 2017 01:10

Immer wieder ein Genuss Frau Kositza zu lesen, wunderbar.

@marodeur

gebe Ihnen vollkommen Recht. Was sich hier im Radio abspielt lässt mich auch immer wieder erschaudern. Meine Güte kann man da nur sagen, wo sind wir hingekommen. Ich will mein altes Deutschland zurück.

Utz
30. März 2017 05:15

Man stiehlt uns unsere Sprache, um unser Denken unter Kontrolle zu bringen. Die „Leitplanken“, die wir nicht mehr berühren dürfen, werden so massiv mehr, daß fast kein Weg mehr bleibt, auf dem man sich bewegen könnte. Man darf nicht mehr „schwererziehbar“ sagen, nicht „Zigeuner“ und nicht „Schwarzafrika“. Um mich herum nur noch Menschen, die so dressiert sind, daß sie, bevor sie etwas sagen, sich ständig umdrehen um zu schauen, ob sie in der richtigen Umgebung sind, und das sagen dürfen, was sie sagen wollen.

Ich frage mich dann, woher kommt das, warum jetzt so massiv? Schließlich ist man jahrzehntelang ohne Gedankenpolizei ausgekommen. Wem geht es um was? Gut, Eltern wollen nicht, daß ihre Kinder stigmatisiert werden, in Schubladen gesteckt werden, aus denen sie vielleicht nicht mehr rauskommen, obwohl sie wollen. Traut man der Gesellschaft nicht mehr zu, daß sie lernfähig ist? Haben wir in früheren Jahrzehnten nicht massenhaft erlebt, daß schwererziehbare Kinder dann doch noch ehrbare und soziale Erwachsene wurden, nachdem ihnen unmißverständlich klar gemacht wurde, was geht und was nicht?

Warum darf man heute niemand mehr auch nur leicht betrüben, den Neger nicht, und auch nicht den Scheich und den Chinesen (siehe diesjähriges Faschingskostümierungsverbot)? Ich glaube, die Antwort ist einfach: die Menschen sollen gleichförmig gemacht werden, damit sie am Arbeitsplatz absolut reibungslos funktionieren. Multinationale Konzerne haben multinationale Belegschaften und Kunden und wenn man gleich von vorneherein, schon in der Erziehung, alle Ecken und Kanten abschlägt, und die Menschen so zurechtstutzt, daß sie nur noch gefällige, nette, runde Äußerungen von sich geben, ist Reibungslosigkeit sichergestellt.

ALD
30. März 2017 10:28

"Wir sollten die Compact nicht vor den Kindern lesen." Da kann ich nur zustimmen. Und alles, was man seinen Kindern nicht zumuten mag, sollte man auch selbst nur wohldosiert und mit Vorsicht 'genießen'.

Johann
30. März 2017 11:33

@ Maiordomus

Beim Gestiefelten Kater handelt es sich keineswegs um "große deutsche Literatur". Tatsächlich strichen es die Brüder Grimm nach der ersten Ausgabe wieder aus ihren Kinder- und Hausmärchen, wie auch Blaubart, Die Schöne und das Biest (bzw. Von dem Sommer- und Wintergarten), da es eben keinen deutschen Hintergrund hat.

Zurück geht es wohl auf Perrault, die hugenottischstämmige Jeanette Hassenpflug erzählte es dann den Grimms. Doch schon vorher gab es deutsche Übersetzungen des Märchens.

Diese Streichungen und Bearbeitungen waren aber auch inkonsequent, auch wenn es eine deutsche oder speziell hessische Märchensammlung sein sollte. Genaue geographische Abgrenzungen waren unsinnig, da viele Märchen einen gesamteuropäischen Hintergrund haben, teils jahrhundertelang mündlich überliefert wurden und in verschiedenen Ländern in verschiedenen Versionen existierten.

Hartwig aus LG8
30. März 2017 12:19

@ G. Grambauer, sie retten mir mal wieder den Tag. Eine köstliche Beschreibung.

Augen auf bei der Schulauswahl. Und bei der Auswahl der Sportvereine und Musiklehrer. Meine Große lernt seit Jahren Violine bei einer "strengen Russin" (ich will aber nicht zu einer strengen Russin - O-Ton vor geschätzt zehn Jahren). Ja, sie ist streng, und eine tröstende Seele von Frau, deren Brust meine Tochter nicht nur einmal mit Tränen benetzt hat; Liebes- und sonstiger Kummer! und viel seltener der Schelte für mangelhaftes Üben wegen.

Nils Wegner
30. März 2017 12:36

Johann,

vielen Dank für die Klarstellung. Immer sehr zu begrüßen, wenn die Gemeinplätze mal ein wenig aufgelockert werden.

Urwinkel
30. März 2017 12:55

Die Kräuterfrauen reden mal wieder über Gartenthemen. Zu jedem Frühjahr wieder. Bärlauch wächst in der Tat nicht überall, aber er ist gut und leicht zu kultivieren (dauert aber ein paar Jahre) und ist ebensogut in der Küche verwendbar (siehe Kommentar von C. Sommerfeld). Der braucht auch kein Gießwasser, wie z.B. Tomaten. Frische Jungpflanzen sind derzeit erhältlich  Die vertragen auch drei Tage Dunkelheit in der Pappkiste in der Postkutsche. Die sind noch cooler als jede andere Pflanze. Knoblauch tuts aber auch in der Suppe.

H. M. Richter
30. März 2017 15:32

Durchaus interessant vielleicht, ob das Töchterchen bei der Eisleber Inszenierung bemerkt hat, daß die für das Stück nicht ganz unbedeutende Rolle des Königs von eine Frau gespielt wird, und wenn ja, was es sich dabei gedacht hat ... ?

P.S. Mir nicht unwichtig: Was ist mit Winston Smith 78699 ? Seine Kommentare fehlen ...

Caroline Sommerfeld
30. März 2017 20:44

@H.M.Richter: Smith boykottiert die Bezahlschranke.

H. M. Richter
31. März 2017 10:32

@Caroline Sommerfeld - "Smith boykottiert die Bezahlschranke."

Danke. 

Ich schlage somit vor, eine Art Elektronisches Kreuz für besondere Verdienste um das SIN-Forum einzuführen. Die virtuellen Kosten für ein solches EK könnten der Jahresgebühr für den Online-Zugang entsprechen und jährlich durch die Spende eines anonymen Mitforisten getragen werden. 

Kreuz-Träger hätten ab Verleihungstag kostenlosen Online-Zugang. Hier wäre eine zeitliche Stafflung denkbar, so daß das EK in mehreren Klassen verliehen werden könnte.

Erster Kreuz-Träger könnte (und sollte m. E.) Winston Smith 78699  sein.

Der Starost
2. April 2017 22:09

Wenn ich mit meinem Kind ins Theater gehe, bin ich schon froh, dass sich der gestiefelte Kater nicht in einen anderen Lack Stiefel tragenden Kater verliebt!

Waldschrat
3. April 2017 11:47

Ich will sicherheitshalber folgende Aussage von "marodeur" nicht unkommentiert stehen lassen:

"Es gibt zahlreiche essbare Möglichkeiten im Frühling: Ampfer, Anemonen, Brennesseln, Schabokskraut, sogar Schlüsselblumen."

Nun, Ampfer im Salat ist prima, Brennesseln geben nicht nur eine schöne Suppe, sondern auch ein tolles Pesto, und Schlüsselblumen habe ich noch nicht probiert; kenne die nur als Tierfutter. Aber Anemonen und Scharbockskraut sind mit Vorsicht zu genießen, da man sonst nicht mehr vom stillen Örtchen runterkommt. Wenn ich Magen-Darm-Symptome möchte, dann esse ich einen Fliegenpilz, dann sehe ich wenigstens bunte Farben beim Erbrechen. Im Ernst, auch wenn man früher diese Pflanzen als Vitamin-C-Spender in Notzeiten genutzt hat: diese beiden Pflanzen sind leicht toxisch. Nicht, daß sich da jetzt jemand einen Salat davon macht.

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