Sezession
29. März 2017

Blinde Soziologie, Klappe die zweite

Gastbeitrag / 5 Kommentare

Wie immer Luhmann persönlich gewählt oder gedacht haben mag, sein Werk birgt objektiv strukturkonservative Elemente. Seine Beschreibung der Gesellschaft gibt sich als betont wertneutrale theoriegeleitete Rekonstruktion sozialer Systeme, und schon diese Enthaltsamkeit hebt die Systemtheorie von den marxistischen Gesellschaftstheorien, die vor ihr die deutsche Soziologie beherrschten, scharf ab.

In den Kulturwissenschaften wurde das neue Paradigma noch Anfang der 1990er Jahre äußerst kritisch beäugt: Eine Soziologie, die den Begriff der Klasse nicht kannte, moderne Gesellschaften nicht als kapitalistisch, sondern als „funktional differenziert“ beschrieb und  (das war regelmäßig der Gipfel des Ärgernisses) Individuen als „Umwelt“ der Gesellschaft qualifizierte, rief Irritationen hervor. Für Utopie und Moralismen bot dieses Denken keine Bühne mehr.

Altlinke beargwöhnten die Systemtheorie deshalb gerne als konterrevolutionär, jüngere Semester ließen sich durch ihre hohe Auflösungsfähigkeit sowie durch die ingenieursmäßige Nüchternheit der Terminologie faszinieren. Der Prosa des gelernten Verwaltungsjuristen ist gelegentlich ein feiner Humor unterlegt, der sich in trockenem Sarkasmus Bahn bricht. Luhmann besaß die Gabe, Illusionen quasi im Vorbeigehen zu demontieren.

Die Grenzen des systemtheoretischen Ansatzes bis jetzt liegen dort, wo die moderne Gesellschaft einem nicht vorgesehenen Prozeß unterliegt, nämlich dem der Entdifferenzierung.  Zur Verdeutlichung in extrem verkürzter Form: Luhmann ging von einer Differenzierung der Gesellschaft in nach ihren eigenen Kriterien operierenden sogenannten Funktionssystemen aus (Wissenschaft, Recht, Religion, Wirtschaft usw.).

Die Funktionssysteme interagieren, können aber Input von außen immer nur auf Basis ihrer eigenen Leitunterscheidung (Code) verarbeiten. Zum Beispiel kann das Recht auf Kunst nur reagieren, indem es etwa eine Entscheidung darüber treffen muß, ob etwas Kunst oder Pornographie, also justiziabel, ist. Die Wirtschaft wiederum kann auf Kunst nur im Modus von Geldwert reagieren,  also etwa von Autorenhonoraren oder Auktionsergebnissen. Und so weiter.

Dieses Prozessieren gesellschaftlicher Subsysteme nach eigenen Leitunterscheidungen ist ein Grundkennzeichen moderner westlicher demokratischer Gesellschaften.  Es ist freilich äußerst fragil. Diktaturen sind durch (vollkommen oder weitgehend) fehlende Differenzierung etwa von Politik und Recht, Moral und Recht, Kunst und Politik etc. gekennzeichnet, dasselbe gilt für vormoderne Gesellschaften.

Blickt man auf das Sowjetsystem unter Stalin oder auf das nationalsozialistische Deutschland, wird spontan verständlich, was das bedeutet. Zumindest im letzten Fall handelt es sich dabei um eine Rückentwicklung, bei der etablierte Differenzierungen eingestampft und damit Freiheitsspielräume abgeschafft wurden.

Vergleichbares gilt aktuell für radikal islamische Staaten und galt immer schon für den Islam insgesamt, der für alle Lebensvollzüge grundsätzliche Regelungsmacht beansprucht. Die Scharia bildet das perfekte Beispiel für fehlende Differenzierung zwischen Religion und Recht. Und überall da, wo sie sich auf den Ruinen oder in den Ritzen eines gescheiterten säkularen Staates zu etablieren vermag, haben wir einen Prozeß der Entdifferenzierung mit im Wortsinn verheerenden Folgen vor uns.

Ein Funktionieren von Multikulturalismus nun würde die vollständige Akzeptanz systemischer Differenzierung in der Bevölkerung sowie bei den Zuwanderern voraussetzen.  Das ist natürlich gänzlich illusorisch. Bei dem (noch!) aktuellen europäischen Gesellschaftstypus handelt es sich um ein historisch hoch voraussetzungsreiches Modell, das seit seiner Entwicklung auch bei Europäern immer wieder Unbehagen hervorgerufen hat und in Frage gestellt wurde.

Davon zeugen die Totalitätsphantasien in Kommunismus und Faschismus ebenso wie die nicht enden wollende Reihe lebensreformerischer Bewegungen, die auf ein differenzierungsbedingtes Gefühl der "Entfremdung" antworten.  

Und dies gilt erst recht für den weit überwiegenden Anteil muslimischer Zuwanderer: Sie bringen die Disposition für das Leben in einer solchen, notwendig unterkühlten Gesellschaft nicht mit und zeigen kaum je Interesse, diese zu erwerben. Die vulkanischen Bruchlinien entlang der Kontinente Glauben und Ethnos sind in der täglichen Berichterstattung schon seit Jahren als ständige Spur von Gewalt unübersehbar.

Eine Soziologie, die das nicht sieht, hat sich selbst willentlich die Augenbinde angelegt, die traditionell Justitia trägt, welche ihrerseits mittlerweile einäugig ist. Auch das übrigens ein Beispiel für Entdifferenzierung, diesmal von Politik und Recht.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (5)

Der Gehenkte
29. März 2017 18:40

Hallelulljah! Auf diesen Text habe ich lange gewartet und gehofft. Sie sprechen mir aus der Seele und ich habe mein halbes Leben vorm inneren Auge passieren lassen müssen.

Luhmann selbst habe ich stets zu umschiffen versucht und ihn nur dort gestreift, wo es sein mußte, wußte aber, daß das ein Fehler ist. Dennoch kenne ich die Erfahrung. Nach vielen Jahren linkslastiger, und „soziologischer“ Denke waren Husserls „Logische Untersuchung“ der Schock meines Lebens. Es war unfaßbar, wie Husserl immer und immer wieder neu ansetzte, um eine Kategorie, einen Begriff zu fassen und wenn er ihn hatte, doch wieder ein Schlupfloch entdeckte und von vorn begann. Das war mir neu.

Und dann: es ging alles ohne Marx, ohne Proletariat, Klassenkampf, Überbau, Ideologie etc., ja er schien Marx – um den sich bis dato alles drehte – gar nicht zu kennen. Skandal! Da bin ich zum ersten Mal aufgewacht.

Aber von diesen Privatissimi abgesehen: Genau das schien Luhmann zu sein: ein trockener, von allem abgekapselter, eiskalter, im Grunde bürokratischer  Denker. Daß das bereits sein konservatives Element beschreibt, ist mir soeben deutlich geworden.

Trotzdem bleibt der Begriff der Differenz und der Vielfalt stets wichtig (inklusive Postmoderne) und ich würde immer für sie eintreten. Je differenzierter ein System ist, umso mehr Antwortmöglichkeiten kann es auf Ereignisse geben - umso in sich widersprüchlicher ist es andererseits. Aber wir leben nun mal in einer hyperkomplexen Welt in der einfache Antworten immer die falschen sein müssen. Insofern sind die Migranten sogar tatsächlich eine Bereicherung, weil sie einen Weltblick hinzuaddieren. Nur darf der nicht verallgemeinert und dimensional überhöht werden.  Allein schon die arabische Sprache bietet – wie jede andere Sprache auch, wie bestimmte Sprachen aber besonders – eigene intrinsische Lösungsansätze, auf jeden Fall mehr als das globalistische Amerikanisch.

Das Problem mit den Muslimen ist – das ist eine persönliche Erfahrung durch direkten Kontakt und Auseinandersetzung in Praxis und Theorie -, daß sie die Differenz nie gelernt haben; sie ist schlicht und einfach nicht im System vorgesehen und kann nur in wenigen Ausnahmefällen durch hochbegabte Individuen nachgeholt werden. Damit wird die „Bereicherung“ eine Verarmung, ganz objektiv und setzt unsere eigen kulturelle, vielfältig ausdifferenzierte Identität (als Kollektivsingular) zur Disposition.

Dieser Text bringt das klar und stringent auf einen Punkt. Großartig!

Caroline Sommerfeld
30. März 2017 12:15

Juhu, noch eine Systemtheoretikerin! Das wird fein.

Sie schreiben, Multikulturalismus müsse: "Akzeptanz systemischer Differenzierung in der Bevölkerung sowie bei den Zuwanderern voraussetzen".

Nein. Systemtheorie geht ja gerade eben nicht von Subjekten aus, die etwas akzeptieren oder ablehnen, womit dieess steht und fällt. Die systemische Differenzierung geschieht ja gerade in der Umwelt der personalen Subjektzuschreibungen, sie findet einfach statt.

Wenn Sie nämlich so argumentieren, daß für die gesellschaftliche Komplexität einige Protagonisten tauglich sind (Soziologen, in der Moderne Angekommene, vielleicht: Demokraten, in Ihrem Sinne vielleicht auch wegen besonderer Kälteunempfindlichkeit: Rechte) und andere durchs Rost fallen (muslimische Zuwanderer, "Lebensreformer"), dann differenzieren Sie genauso wie Nassehi. Bei dem sind dann eben auch wir Rechten nicht kompexitätstauglich, weil wie die berühmten "einfachen Lösungen" populistisch herbeireden. Leggewie haut dann gleich alle "Antidemokraten" aus diesem Grunde auf einen Haufen: Muslime, Breivik und Dugin (von letzteren beiden wir uns einen aussuchen dürfen als Gewährsmänner).

Eine funktional ausdifferenzierte Gesellschaft geht mit Entdifferenzierung so um, daß diese als Differenz beobachtet wird. Also im Beispiel bleibend: da kommen Invasoren ohne jede moderne Sozialisation und schleifen die Differenz Religion/Erziehung oder Religion/Politik. Die Gesellschaft kann das aber gegenbeobachten, d.h. sie  i s t  dann nicht plötzlich aller mühsam evolutionär entwickelten Beobachtung zweiter Ordnung (z.B. wissenschaftliche, mediale, protestförmige) beraubt im substantiellen Sinne, sondern sie kann diese Entdifferenzierung ausschließen und negativ markieren.

Schwierig wird's, und da gebe ich Ihnen absolut recht, wenn die ausdifferenzierte Gesellschaft ihre eigenen Möglichkeiten unterbietet und einfach  n i c h t  gegenbeobachtet, sondern die "Antimodernen" fröhlich aufnimmt und ihre eigene notwendige Differenzierungsleistung ausschlägt (Gegen Grenzen im Kopf! No borders! "Ich red ja mit allen Menschen, nur nicht mit solchen, die selektieren").

 

Cubist
30. März 2017 16:29

Herzlichen Dank für die erneute Erwähnung der Systemtheorie. Es wird in der Tat Zeit, die Systemtheorie Luhmannscher Prägung für eine differenzierte Gesellschaftsanalyse "von rechts" zu nutzen. Vor allem wenn die linken Adepten der Systemtheorie, also bspw. Nassehi, bewusstr verstümmelte Versionen nutzen, um (unterkomplex) über rechte Theorie zu urteilen bzw. abzuurteilen -- Caroline Sommerfeld hat da m. E. n. schon mehrmals darauf hingewiesen.

Aber auch wenn ich mir klar darüber bin, dass das Weblog nicht unbedingt der rechte Ort (das Wortspiel, nun ja ...) dafür sein kann in Luhmanns leider recht voraussetzungsreiches Werk einzuführen und es zugleich als ein Erkenntnisvehikel für konkrete politische Beobachtungen zu verwenden, halte ich obige Aussagen im Sinne der Theorie für verkürzt, teilweise vielleicht auch für falsch. Es fehlt zB ein essentieller Begriff Luhmanns, ohne den unsere moderne Gesellschaft überhaupt nicht zu verstehen ist: Die Organisation als ein ganz bestimmter, Entscheidungen prozessierender Typus von sozialen Systemen.  Es fehlt zB auch der der Begriff der (strukturellen) Kopplung (er ist implizit natürlich in symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien wie dem Geld enthalten -- Geld ist daher auch kein binärer Code, keine funktionale Leitunterscheidung des Wirtschaftssystem, das wäre eher Haben/Nichthaben, Zahlen/Nichtzahlen), der bspw. erklären kann, warum unterschiedliche, geschlossene, selbstreferentielle Systeme, auch Organisationen, synchronisiert werden können, ohne dass sie ihren Eigenlogik verlieren. Weiter braucht es gerade in der derzeitigen Migrations- und Rechte-sind-so-böse-Debatte Luhmanns Beobachtungsinstrumentarium Inklusion/Exklusion (in Systeme), wobei ev. hier die funktionale Differenzierung unterlaufen wird (wenn zB dem Organisationssystem Sezessions-Zeitschrift die Teilnahme am Geldsystem verwehrt wird, weil ihm die Konten gekündigt werden) oder seinen Begriff der Semantik und des Codes.

Aber letzteres nur am Rande, denn ohne den Organisationsbegriff Luhmanns (es ist egal, ob man dabei seine Kritierien der 70er Jahre, also "Funktion und Folgen formaler Organisation" oder die kommunikationstheoretische Variante der 90er "Organisation und Entscheidung" heranzieht) einzuführen lässt sich die moderne Gesellschaft, lässt sich unsere Gegenwart, auch mit Hilfe der Systemtheorie nicht wirklich adäduat beschreiben. 

Wenn man Organisationen heranzieht -- und was macht ein Staat, auch ein NS-Staat oder der Sowjetstaat erstmal anderes als organisieren? -- wird auch klar, dass es, mit Verlaub, quatsch ist, das Dritte Reich oder die UdSSR als antimoderne Staaten zu begreifen, die die funktionale Differenzierung beenden wollen. Das Gegenteil ist der Fall, das Dritte Reich zB zeichnet sich durch eine enorme organisatorische Differenzierung aus! (Dass die Kriegskatastrophe 1945 dann jene Kataklysem zeitigte, die tatsächliche zeitweilig funktionale Differenzierungen zum Zusammenbrechen bringen können, ist was anderes -- zumal sofort Organisationen parat standen, die dafür sorgten, dass das besetzte Deutschland ein nicht nur funktional differenzierte Gebilde blieb/wurde.) Das Dritte Reich *ist* eine Geschichte von (modernen) Organisationen, es ist eine nach dem Primat funktionaler Differenzierung organisierte Gesellschaft! Und gerade Luhmanns Organisationstheorie birgt ein großes Potential zur Analyse dessen, was in der Historiograpie für das Dritte Reich immer (natürlich negativ, als Teil einer Verfallsgeschichte konnotiert) als Polykratie, Chaos, Maßnahmenstaat, Behemoth etc. bezeichnet wird, indem es bspw. erklären hilft, wie zB die NSDAP zunehmend an die funktionalen Systeme ankoppelte und ihre Kritieren von Inklusion/Exklusion, nämlich MItgliedschaft/Nichtmitgliedschaft für diese Funktionssysteme beobachtungsleitend machte.

Man darf natürlich nicht den Fehler machen, von einer Super- oder Universaltheorie zu verlangen, konkrete Ereignisse zu erklären -- Luhmann sah das bereits 1975 nicht anders:  „Keine Theorie erreicht das Konkrete. Das ist nicht ihr Sinn, nicht ihr Ziel. Es wäre daher schon im Ansatz verfehlt, das Verhältnis der Geschichte zu welcher Theorie auch immer unter der Prämisse zu diskutieren, daß die Bewährung in der Annäherung ans Konkrete zu suchen sei“. ("Soziologische Aufklärung", Bd. 2)

Ich will damit obigen Text nicht schmälern, sondern hoffe, ihn als eine Anregung für vielleicht einen längeren Sezession-Grundsatzartikel sehen zu dürfen. Ich würde so etwas nur zu gerne von Frau Liebnitz lesen. Denn die Systemtheorie ist, da hat Frau Liebnitz recht, ein viel zu gutes Analyseelement -- gerade wenn man obiges Zitat bedenk, ev. auch im Sinne der Meta-Politik, als dass man sie allein Nassehi & Co. überlassen sollte.

Cubist
30. März 2017 18:14

Ich möchte Frau Sommerfeld ausdrücklich beipflichten, ein sehr großes Problem des Textes von Frau Liebnitz ist m. E., dass sie offenbar davon ausgeht, dass die Evolution der Gesellschaft von einer segmentären über eine geschichtete hin zur aktuellen immer komplexer werdenden funtkionalen Differenzierung irgendwie "gemacht" sei. Nein, das ist eine Entwicklung, getrieben von wachsender Komplexität (zB Buchdruck). Und dass es scharfe Schnitte gebe. Dabei war natürlich auch Luhmann völlig klar, dass auch in einer schichtenorientierten Gesellschaft der Frühen Neuzeit Elemente vorhanden sein konnten, die die Schichtendifferenzierung durchbrechen. Dito für die Moderne. Er spricht daher bei derarigen Differenzierungen auch von Primärformen. Für die Gesellschaft ist es daher auch kein Problem, wenn Organisationen etc. vorhanden sind (Umwelt sind), die die vorherrschende Differenzierung ablehnen. Interessant ist, wie Frau Sommerfeld schrieb, wie funktionale und andere Subsysteme mit jenen Systemen umgehen, die die funktional differenzierte Gesellschaft negieren. Das auch im Rahmen der Systemtheorie zu analysieren (also den blinden Fleck der Beobachter zu sehen -- bei Nassehi ist der ja schön deutlich zu erkennen) ist natürlich eine interessante Herausforderung. 

AH
30. März 2017 21:16

Es ist eine alte, aber immer noch interessante Diskussion, ob Luhmanns Systemtheorie dem konservativen Denken zuzurechnen ist. Wenn es ein verstecktes konservatives Moment gibt, dann liegt es wohl in der impliziten These der Verwaltungsförmigkeit und damit der strukturellen Trägheit und Veränderungsresistenz von Politik. Man kann sich aber, nicht zuletzt angesichts der Migrationskrise, fragen, ob die deutsche Verwaltung heute tatsächlich noch als Aufhalter wirkt. Sie hat doch in diesem Fall allzu gut funktioniert und den antipolitischen Imperativ des "Wir schaffen das!" befolgt.

Ansonsten verfügt Luhmann jenseits des Begriffs des politischen Systems über keinerlei Begriff des Politischen, des Staates oder des Volkes. Im Gegenteil: er kokettiert sogar damit, daß er nicht sagen könne, was unter Staat zu verstehen sei, und er lehnt es (in einem seiner wenigen politisch deutlichen Statements) ausdrücklich ab, eine Politik im Namen des Volkes gegen die Politik in der bundesrepublikanischen Form des Parteienstaats mit dem Code Regierung/Opposition in Stellung zu bringen (vgl. Luhmann, Theorie der politischen Opposition, in: Zeitschrift für Politik 36, H. 1, S. 13-26).

Um ihr einen politischen Sinn abzugewinnen, muß man Luhmanns Systemtheorie als ein Analyseinstrument der funktional differenzierten und individualistischen, das heißt, der liberalen Gesellschaft verstehen. Eine konservative Lektüre hat also immer schon eine Perspektivverschiebung einzurechnen, will sie das Politische nicht aus den Augen verlieren. Denn dazu ist Luhmanns Theorie entworfen: sie ist, wenn man sie im Sinne ihrer eigenen Selbstbeschreibung liest, genuin anti-politisch.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.