1. April 2014

Der explosive Bücherschrank

Gastbeitrag

Netztagebuch der Sezession,
24. März, acht Uhr dreißig

 Gastbeitrag

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  • Sezession

Mich würde – gerade stehe ich wieder im Kursraum – eine Zusammenstellung von Themen- oder gar Fachbereichen interessieren, die Abiturienten faszinieren, ja entzünden, gar infizieren. Es kann hier alles geboten werden, von der Mathematik und den Naturwissenschaften über das Fach Deutsch und die Fremdsprachen bis hin in die Geisteswissenschaften Geschichte, Kunst und Sozialkunde und vorzugsweise aus den sogenannten Sinnfächern Religion und Philosophie. Hauptsache, der stets eher flache Puls steigt und die Amplituden zacken ein wenig aus.

Ich gehöre immerhin zu einer so dünnhäutigen Generation, daß mich im Paradies Pubertät Hesse schwer beeindruckte, Kafka mindestens unklar-ahnungsvoll verwunderte und mir Schopenhauer gar die Welt so abrupt drehte, daß ich lieber darüber schwieg. - Damals zeitgenössische amerikanische Erzähler fand ich so farbig und stimmungsvoll wie die besten Hollywood-Filme. Kopfkino!

Und Karl May. Ach, Karl May. Alles sehr, sehr uncool heute. Was ich für meine innere Orientierung und Bereicherung brauchte, das hielten meine Schul- und die Kreisbibliothek Perleberg nahezu vollständig bereit. Vielleicht konnte ich nicht alles interpretieren oder analysieren, aber es regten mich diese Stoffe tief auf! Mitunter verstehen meine Klügsten heute, eine passable bis glatte Erörterung hinzulegen, nachdem wir die Gliederungsprinzipien dazu einübten wie eine sterile Regelpoetik, die von den Kultusbürokraten so und genau so abverlangt ist, wenn dann im Abitur übers Stöckchen gesprungen wird; aber niemandem, erlebe ich, gehen Hemingway, Faulkner, Borchert beim Analysieren unter die Haut, ganz zu schweigen von den Alten wie Droste-Hülshoff oder Büchner, für deren Stoffe ich freundlich allerlei Exegese biete, damit klar wird, was da so befremdlich gesprochen wird.

Wenn man überlegt, daß Brecht, Dürrenmatt, Müller Abiturienten mal zu provozieren vermochten und mancher Camus und Beckett etwas abgewann, was ihm wenigstens seinen Alltag und all die Leit-Bilder verdächtig machte! Lange nicht mehr erlebt. Beinahe zwei Generationen lang nicht. Was bleibt? Fantasy-Welten und Vampire über Feuchtgebieten…

Gut, mancher hatte kürzlich etwas Spaß mit Daniel Kehlmann, den Mecklenburg-Vopommern mal zur Pflichtlektüre erhob, und man darf ja heutzutage alles mitbringen, was etwas fetzt oder gar anerotisiert ist, etwa Schinks Vorleser, bei dem es neben frühem Sex vor allem um Vergangenheitsbewältigung geht, während jahrelang rauf und runter um Die Welle und Die Wolke geraunt wurde, Bücher, die außerhalb der Schule längst keiner mehr las. Ab und an, höre ich, gewinnen die Englisch-Kollegen noch etwas Interesse mit Orwells Farm der Tiere oder Goldings Herr der Fliegen. Alle Achtung, wenn’s so wäre.

Neulich stellte ich klar, wie furchtbar Melville, Kafka und Robert Walser den Gedanken gefunden hätten, daß sich Jahrzehnte nach ihnen Schüler pflichtgemäß über deren Prosa beugen müßten… Das schien die Generation Smart-Phone kurz mit ihrer akuten Unerquicktheit zu versöhnen. Wenigstens also keine Vorsatztäter, diese ollen Literaten. Mag sein, sie hatten angenommen, solche Autoren hätten eigens für die Schule produziert, um Pflichtprogramme zu beliefern. (Aber für was denn sonst, mochten sie sich gefragt haben. Denn wer bloß liest so hirnrissiges Zeug von selbst? Mußte doch wohl einen Zweck haben, wo alles in der Bildung auf Zwecke abstellt.)

Also: Ich bitte um Anregungen, die in der Lage sind, ein sklerotisches System der sauren Schulpflicht und des buchhalterischen Abrechnens von Leistungen im Sinne von Herausforderungsvermeidung einerseits, aber der Optimierung von „Abi-Schnitten“  andererseits aufzusprengen. Ich suche, was heute Leidenschaft weckte. Falls der Begriff Leidenschaft überhaupt noch als tradiert gelten kann.

Mein Stand: Ich verfüge selbst über ein passables Spektrum, gelte als blutvoller Typ, liebe die Inhalte meiner Fächer, aber ich komme über ein laues Klima zeitweilig wohlwollenden Konsenses im indignierten Durchhalten nicht hinaus. Ich gebe mir Mühe, die Relevanz dessen, was ich anbiete und übe, plausibel zu machen; aber das fällt schwer. Man folgt mir phasenweise durchaus gutwillig, weil ich über etwas Unterhaltungswert verfügen mag und einigermaßen inspiriert und geistreich erscheine; aber in Konkurrenz zu immer neuen Apps und zum Entertainment der Sender sind meine Möglichkeiten vergleichsweise gering. Ich bin all den kleinen wie großen Medien gegenüber als sehr geschrumpfter Don Quijote unterwegs. – Cervantes wird übrigens auch nicht mehr gelesen, nicht mal in der Kinderbuchfassung.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Meine Auditorien sind kultiviert und höflich; sie signalisieren mir: Komm du da vorn ruhig deiner Pflicht nach mit all deinen antiquierten Literaten und Philosophen. Wir halten das schon diese Doppelstunde noch aus, und nach etwas Rekonvaleszenz magst du gar das nächste Mal wiederkommen, weil das andere, was da vorn geboten wird, ja noch öder ist. Wir dürfen da hoffentlich von einem Geben und Nehmen ausgehen.

Im Sinne einer Symbiose: Zeigen wir uns deinem altbackenen Kram gegenüber geduldig, trägst du uns hoffentlich leicht durch die paar noch notwendigen Prüfungen und sorgst für unsere Schnitte. Nicht wahr? Denn derer bedürfen wir für unsere Karriereplanungen. Prösterchen zum Abi-Ball, den wir längerfristiger und netter geplant haben als diesen unleidlichen Pflichtteil der Abschlußprüfung. Das ist nun mal der Deal mit dem System, und also mit dir persönlich und deinen uns verdammt fremden Stoffen. Krieg das bitte hin, und berücksichtige: Wir haben Druck – von den Alten, den Firmen, den Einstellungsprüfungen, dem Numerus clausus. Du weißt doch: Die Zeiten werden härter!

Und nerv nicht mit solchen Fragen nach unseren Zukunftsvorstellungen oder gar nach unserem „Selbstverständnis“ oder nach so was wie „unserer Idee vom eigenen Selbst“. – Wir wollen Spaß haben, Mann! Die richtigen Klamotten einkaufen, den technischen Schnickschnack, und wir müssen nach dem Streß im Abi endlich mal wieder chillen.

Außerdem: Es geht dann erst mal nach Neuseeland oder Australien, ob mit Travel and Work, ob ohne. Hauptsache weit, weit weg, am besten ans andere Ende der Welt. Da ergibt sich schon was: Kiwis pflücken, die Berge aus den Hobbit-Verfilmungen im Original sehen, und mal Abstand haben – einen ganzen Erddurchmesser Abstand. Das reicht gerade so. Minimum. Nix Kafka, nix Benn, nix Kant und wie die alle heißen! – Fack ju Göte!

Kommentarbereich,
25. März, 21 Uhr

Ach, Ihr Kleingeister,

seht Ihr denn nicht, daß Euch all Eure hohe und höchste, ja allerhöchste Literatur, die Ihr angeblich apperzipiert, nicht vor dem Stumpfsinn bewahren konnte? Auf der offziellen Literaturliste für Abiturienten sind doch wunderbare Werke der deutschen Literatur verzeichnet. Was braucht’s da noch mehr? Wer sich hier nicht »infiziert«, ist für die Unabdingbaren eh verloren.

Wer zu Thomas Mann überredet werden muß, wird der mit Adrian Leverkühn fiebernd die Genialität suchen? Kann der dann über Doderers Merowinger lachen? Wird der mit offenem Munde über den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch sitzen? Oder in Gedanken die bebenden Hüften der Lucinde umfassen? Wohl nicht…

Phantasie und Träumerei wird den zeitgenössischen Zombies mittels Pornographie (in Literatur, Film, Kirche, Politik…) ausgetrieben. Aber gute Literatur läßt dem guten Leser immer auch Freiheit, einen Ausweg. Mein Held bei den Abenteuern des Werner Holt waren eben nicht die Kommunisten, Grübler oder Feiglinge, sondern der böse Wolzow. Begabte Schüler werden eigene Pfade nicht scheuen…

Und was waren da nicht alles für coole Typen unterwegs… Wie gerne würde ich mal mit Dostojewski am Roulettetisch zocken, oder ihm bei einem epileptischen Anfall zur Seite stehen, mit Balzac Mokka saufen und von der »Drogue« kosten, mit Gaultier einen Boxkampf bestreiten, dem besoffenen Jean Paul etwas Kluges ablauschen, oder mit Dante über die Liebe schnacken, für den blinden Milton den Schreiber machen, der Virginia Woolf eine Nacht stehlen, mit Ezra Pound die Zelle teilen, James Joyce die Brille putzen, Houellebecq die Zigaretten anzünden, und wenn man nur einmal mit Bukowski den urbanen Hipstergirls die Röcke hissen könnte… Es ist Sehnsucht, vielleicht Liebe – und die Liebe läßt sich nun mal nicht erzwingen! Die Schreiberlinge vergangener Zeiten wollen nicht geduldet sein, sondern gebeten werden! Und das sind wir ihnen auch schuldig!

»Infizieren« kann ein Lehrer nicht, das ist zuviel verlangt, viel zuviel. Infziert wird man nachts unter der Bettdecke mit der Taschenlampe über einem Buch… Lieber Meister Bosselmann, für die Katz ist jedwedes Bemühen, einer Welt, deren Vitalfunktionen digitaler Natur sind, Leben, gar Leidenschaft einhauchen zu wollen. Wo noch Leben in den Menschen ist, wird es sich Bahn brechen. Vielleicht schlagen wir Auserwählten, wir Begnadeten eine kleine Bresche ins Dickicht, aber kommen müssen sie schon alleine…

Die Messer gewetzt,
Raskolnikow


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