Vor dem Bücherschrank (III): Geschichtsdenker 1944

1944 stellte sich Reinhold Schneider (1903–58) die Frage: Was ist Geschichte?

 Gastbeitrag

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Seit Jah­ren hat­te er lite­ra­risch Wider­stand gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus geleis­tet, schon 1941 war ihm die Druck­erlaub­nis ent­zo­gen wor­den, was ihn aber nicht davon abhielt, sei­nen »lite­ra­ri­schen Sani­täts­dienst« in der Ille­ga­li­tät fort­zu­set­zen, als »Trös­ter«, als »ein­sa­mer Rufer in der Wüs­te«. Schnei­der war gesund­heit­lich schwer ange­schla­gen, als die Gesta­po 1944 an die Tür klopf­te, aber es ging noch ein­mal gut. Ein spä­te­rer Haft­be­fehl ver­lor sich in den Wir­ren der Zeit. Unter dem Ein­druck des Zusam­men­bruchs konn­te Schnei­der Geschich­te nur als Schlacht­feld wahr­neh­men, als uner­bitt­li­chen Kampf, der die Fra­ge auf­warf, »ob wir die­se Zeit nur noch erlei­den sol­len; oder ob wir ihr einen Sinn abrin­gen, der uns befä­higt, in ihr zu bestehen und zu wirken«.

Wie sinn­los die Lei­den auch schie­nen, »über allem Tun der Völ­ker und ihrer Mäch­ti­gen, über den Schlacht­fel­dern, den Grä­bern und in Staub gesun­ke­nen Städ­ten, dem Leid der Gefan­ge­nen und Hei­mat­lo­sen« sah Schnei­der doch das »Geheim­nis der Geschich­te« wir­ken. Für den Katho­li­ken Schnei­der war Geschich­te nur denk­bar als Heils­ge­schich­te, als »Weg der Welt zu ihm«, als gött­li­cher Plan, der dem Men­schen unein­seh­bar und unver­ständ­lich bleibt, weil neben den Kräf­ten des Guten auch die sata­ni­schen Mäch­te mit ihrer »wider­gött­li­chen Absicht« gedeihen.

So erfüllt sich der gött­li­che Plan nicht in ruhi­ger Har­mo­nie, son­dern allein »in der Über­wäl­ti­gung eines ihm ent­ge­gen­ge­setz­ten Pla­nes«. Mit ande­ren Wor­ten: Die zer­stö­re­ri­schen, sata­ni­schen Mäch­te haben ein gehö­ri­ges Wort mit­zu­re­den im Pro­zeß der Geschich­te, sie gilt es zu bezwin­gen, zu über­win­den, wenn die »äußers­ten Gegen­sät­ze der Geschich­te« auf­ein­an­der­pral­len. Wie Jesus der Ver­su­chung des Teu­fels wider­stand, kann sich der Mensch eben­falls den Ver­füh­run­gen ent­zie­hen. Oder aber er gibt sich ihnen hin und ent­schei­det sich für »all die Mach und Herr­lich­keit die­ser Rei­che«, die der Satan ihm anbie­tet (Lukas 4,6). In die­sen tau­send­jäh­ri­gen Rei­chen leuch­tet aber kei­nes­wegs jener Wider­schein vom Reich Got­tes, in ihnen herrscht allein die selbst­herr­li­che, will­kür­li­che Macht, ein »Wahn«, der, wie Schnei­der schon 1936 in einem Sonett geschrie­ben hat­te, doch nur »töner­ne Paläs­te« erbaut. Wes­halb vor­aus­sag­bar ist, daß die­se Art der Herr­schaft nichts von Dau­er her­vor­bringt: »Denn Täter wer­den nie den Him­mel zwin­gen: / Was sie ver­ei­nen, wird sich wie­der spal­ten, / Was sie erneu­ern, über Nacht ver­al­ten, / Und was sie stif­ten, Not und Unheil brin­gen.« Auch die­se ein­dring­li­chen Ver­se stam­men aus dem Jahr 1936, aus dem berühm­ten Sonett »Allein den Betern kann es noch gelin­gen«, das zum Bes­ten in der deut­schen Lite­ra­tur zählt.

Die­se fal­sche, ange­maß­te, anma­ßen­de Herr­schaft hat­te unsag­ba­res Unheil gebracht, aber sie muß­te schließ­lich an sich selbst zugrun­de gehen, denn die »vom Satan ange­bo­te­ne Macht war ja vom hei­li­gen Ursprun­ge der Macht, vom all­mäch­ti­gen Gott gelöst; sie war krank und muß­te den krank machen, der sich ihrer bemäch­ti­gen wür­de.« Wen Schnei­der hier im Sinn hat­te, stell­te 1944 nie­man­den vor ein unlös­ba­res Rät­sel. »Die­ses Reich, die­se Macht ist krank, ob es auch dau­ert bis zum Ende.« Und das Ende war nicht mehr fern.

Damit »bleibt das Schlacht­feld der Geschich­te«, auf dem das Got­tes­reich »mit sei­nen Fein­den um den Men­schen, um die gan­ze Fül­le der Welt« ringt, »im letz­ten Sin­ne der Ord­nung unter­wor­fen« – und zwar einer ewi­gen Ord­nung, an der nicht gerüt­telt wer­den kann. So wird bei aller Gefahr der Hybris und des Wahns »des Men­schen letz­te Sehn­sucht nach sei­ner Hei­mat von kei­nem Magi­er gestillt, von kei­nem Tyran­nen zertreten«.

Die Sehn­sucht des Men­schen nach »Hei­mat« und »Heim­kehr« kann letzt­lich nur spi­ri­tu­ell gedacht wer­den, als Rück­kehr der See­le zu Gott, als Wie­der­kehr in den Uranfang. Aber die­ses Ver­ständ­nis setzt vor­aus, daß sich die Men­schen vom Nihi­lis­mus, der ihnen die Sin­ne gründ­lich ver­ne­belt hat, abwen­den und sich der Tra­di­ti­on des Chris­ten­tums wie­der zuwen­den. Ange­sichts der »Trüm­mer­fel­der des Krie­ges« schien Schnei­der die Hoff­nung auf ein Wie­der­erwa­chen des christ­li­chen Abend­lands wohl begrün­det, aber Hoff­nung kann, wie auch ihr gewich­tigs­ter Phi­lo­soph, Ernst Bloch, wuß­te, ent­täuscht werden.

Im Unter­schied zu Rein­hold Schnei­der gesell­te sich Hans Fried­rich Blunck (1888–1961) zu den sata­ni­schen Mäch­ten. In eben die­sem Jahr 1944 plan­te die Han­sea­ti­sche Ver­lags­an­stalt die Fort­füh­rung sei­ner Werk­aus­ga­be; schon 1937, sei­nen 50. Geburts­tag im Blick, waren zehn Bän­de erschie­nen. Aus nahe­lie­gen­den Grün­den ist es dann auch dabei geblie­ben. Wie ande­re kon­ser­va­ti­ve, völ­ki­sche Autoren war auch Blunck Fehl­ein­schät­zun­gen und Wunsch­vor­stel­lun­gen bezüg­lich des Natio­nal­so­zia­lis­mus erle­gen. Und er zähl­te zu des­sen Nutz­nie­ßern, wie die hohen Aufla­gen und sei­ne insti­tu­tio­nel­le Ver­bun­den­heit zei­gen. Man irrt nicht, in ihm einen Oppor­tu­nis­ten zu sehen; er selbst sprach von »Tak­tik«. Es kann nicht über­ra­schen, daß Blunck nach 1945 als »NS-Schrift­stel­ler« aus­sor­tiert wur­de. Doch ist die Sache kom­pli­zier­ter, als das leicht­gän­gi­ge Eti­kett »Blut und Boden« nahe­legt. Bet­ti­na Hey’l (Geschichts­den­ken und lite­ra­ri­sche Moder­ne, Tübin­gen 1994) hat demons­triert, wie sich Bluncks Werk dif­fe­ren­ziert betrach­ten läßt, um des­sen Beson­der­heit zu ver­ste­hen. Daß Blunck, ohne ein genui­ner Ver­tre­ter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Lite­ra­tur zu sein, ein Schrift­stel­ler im Natio­nal­so­zia­lis­mus wur­de und somit auch des­sen »Instru­ment«, sei die Fol­ge eines »inhalt­lich wie for­mal wenig dezi­dier­ten und kon­tu­rier­ten Erzähl­werks«, das durch »Mehr­deu­tig­kei­ten«, »Unbe­stimmt­heit«, eine »kal­ku­lier­te ›Pas­si­vi­tät‹« geprägt sei – kei­nes­wegs Merk­ma­le »ein­deu­ti­ger« NS-Lite­ra­tur.

Obwohl die Lite­ra­tur lei­der völ­lig hin­ter der Poli­tik ver­schwun­den scheint, las­sen sich die ästhe­ti­schen Mus­ter auch auf Bluncks Funk­tio­närs­rol­le bezie­hen. Zwar ging Blunck als Prä­si­dent der Reichs­schrift­tums­kam­mer (1933–35) von einer stän­di­schen Neu­ord­nung des lite­ra­ri­schen Lebens aus – im Gegen­satz dazu war er Aus­hän­ge­schild einer Bewe­gung mit tota­li­tä­rem Anspruch. Im Dezem­ber 1934 über­rasch­te Bluncks Idee eines Kon­kor­dats mit der jüdi­schen Bevöl­ke­rung, was die Gesta­po schlicht als »abwe­gig und absurd« bezeich­ne­te – obwohl er dar­über sein Amt los­wur­de, enga­gier­te er sich aber sogleich wie­der im Vor­stand des Deut­schen Aus­lands­werks (DAW, 1936–40). Blunck schweb­te ein euro­päi­sches Dich­ter-Netz­werk in Form von Freund­schafts­ge­sell­schaf­ten vor – muß­te sich aber bald mit Joa­chim von Rib­ben­trops anders gela­ger­ten Inter­es­sen arran­gie­ren, bis Blunck sich aus dem zuneh­mend von der SS domi­nier­ten DAW zurück­zog.

Über vie­le Jahr hin­weg par­ti­zi­pie­rend, agier­te Blunck nicht als Natio­nal­so­zia­list, aber im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ge­fü­ge, mehr­deu­tig, wenig dezi­diert bis »kal­ku­liert pas­siv« – als »Instru­ment« der Gleich­schal­tungs- und Pro­pa­gan­da­po­li­tik. »Es fehl­te ihm die Stär­ke zu scha­den«, so Wil­helm Sta­pel rück­bli­ckend, »aber auch die Stär­ke zu mehr als einem geflüs­ter­ten Nein.« Vor dem Hin­ter­grund des Zwei­ten Welt­kriegs, den Blunck – der Infan­te­rie vor allem für Lesun­gen zuge­teilt – 1940 in Frank­reich, 1941/1942 dann in der UdSSR erleb­te, ent­stand die zwei­bän­di­ge Sage vom Reich (1941/43), ein anti­ki­sie­ren­des Epos deut­scher Geschich­te bis zum Ers­ten Welt­krieg, ein, gelin­de gesagt, recht sper­ri­ges Stück Lite­ra­tur. Aus­ge­rech­net die­se ger­ma­nisch-natio­na­lis­ti­sche, mit anti­jü­di­schen Ein­spreng­seln ver­se­he­ne Sage lan­de­te 1944 auf der schwar­zen Lis­te, wäh­rend Blunck im sel­ben Jahr eine Pro­sa­fas­sung, das Volks­buch der Sage vom Reich, ver­öf­fent­li­chen konnte.

Der Grund der Anfein­dung lag in der gleich­falls nicht zu über­se­hen­den christ­li­chen Dimen­si­on: »Ewig wird Euro­pa sich blu­tend zer­rei­ßen. / So will’s Gott nicht …« Dabei nutz­te Blunck nicht urplötz­lich christ­li­che Bil­der, wie das eben­falls indi­zier­te Andachts­büch­lein von 1942 (geschrie­ben 1936) belegt. Schon in ande­ren Pas­sa­gen sei­nes in wei­ten Tei­len vor 1933 ent­stan­de­nen Werks wie in der Erzäh­lung »Selt­sa­me Begeg­nung« (1925) hat­te er Wotan und Jesus ein­an­der auf einem Feld­weg in der Hei­de begeg­nen und sie als »Brü­der« aus einer über­ge­ord­ne­ten gött­li­chen Quel­le her­vor­ge­hen las­sen. Nun aber miß­fiel die Ver­knüp­fung von ger­ma­ni­scher Mytho­lo­gie und christ­li­chen Moti­ven jenen Kräf­ten, die das Christ­li­che durch ger­ma­ni­sche Kon­struk­te ver­drän­gen, aus­lö­schen woll­ten, was, bei aller Distanz zur Kir­che, Bluncks Sache nicht war: »Und stär­ker als das Drän­gen des Dunk­len ist der Ruf des Ewi­gen Vaters«, heißt es dann auch im Volks­buch, »alle See­len war­ten auf Ihn, auch in dar­ben­den Stun­den, wis­send, daß vie­le noch ster­ben, Gezei­ten tau­meln­den Lei­des über die Flu­ren kom­men wer­den, den­noch wis­send vom eher­nen Wil­len des Schöp­fers ums Reich und von der Men­schen zu Ihm auf­glü­hen­den Sehnsucht.«

Die­se Schluß­wor­te des Volks­buchs tra­fen auf die unmit­tel­ba­re Gegen­wart des Jah­res 1944 und erin­nern, so über­ra­schend es ist, an Rein­hold Schnei­ders Satz, daß »des Men­schen letz­te Sehn­sucht nach sei­ner Hei­mat« von den dunk­len Mäch­ten, sei das von ihnen ver­ur­sach­te Leid auch noch so unvor­stell­bar, nicht zer­stört wer­den kön­ne. Die ästhe­ti­sche Mehr­deu­tig­keit hät­te Blunck durch­aus Mög­lich­kei­ten gebo­ten, sich den Fän­gen »des immer Ver­nei­nen­den« zu ent­zie­hen. Das hät­te jedoch den ein­deu­ti­gen Wil­len des Autors vorausgesetzt.

Fried­rich Georg Jün­ger (1898–1977) zähl­te weder zu den ent­schie­de­nen Geg­nern des Natio­nal­so­zia­lis­mus wie Rein­hold Schnei­der, noch ließ er sich auf das Regime ein wie Hans Fried­rich Blunck. Statt des­sen hat­te er sich in sei­ne Sil­ber­dis­tel­klau­se zurück­ge­zo­gen (sie­he Sezes­si­on Nr. 55/2013, S. 44–46) und 1944 mit Die Tita­nen eine mytho­lo­gi­sche Stu­die ver­öf­fent­licht, die dem poli­tisch-his­to­ri­schen Gesche­hen weit ent­rückt schien. Die Epo­che als »Zeit des Tita­nis­mus« cha­rak­te­ri­sie­rend, spar­te Jün­ger aber nicht »mit ver­schlüs­sel­ten Bezug­nah­men auf die Gegen­wart« (Andre­as Gey­er) und nutz­te die grie­chi­sche Mytho­lo­gie so zur Ent­schlüs­se­lung des Zeitalters.

Die Tita­nen, wie Kro­nos und Rhea, Okea­nos und Tethys, sind kei­ne Göt­ter, sie gehen den Göt­tern vor­aus. Ihre Namen las­sen sich leicht mit ele­men­ta­ren Urmäch­ten wie der Zeit und dem Was­ser asso­zi­ie­ren, und so ist es »der Gang der Ele­men­te, dem sie gebie­tend vor­ste­hen«, als »Erhal­ter, Bewah­rer, Hüter, Wäch­ter und Len­ker« einer Ord­nung, die sie selbst aus dem Cha­os geschaf­fen haben. Der Mensch ist »untrenn­bar an die­se tita­ni­sche Ord­nung gebun­den«, an »Zeit­lauf, Jah­res­lauf, Tages­lauf«. Gebor­gen in die­ser geschichts­lo­sen Ord­nung, braucht er »nicht mehr wach, arg­wöh­nisch und berech­nend zu sein«. Mit Jean Geb­ser kön­nen wir auch vom archai­schen Urmen­schen spre­chen, von »der gänz­li­chen Unun­ter­schie­den­heit von Mensch und All«. So wiegt sich der Mensch »in den Gang des Ele­men­tes ein« und folgt ihm »von der Geburt bis zum Tode«. Dar­in besteht sei­ne ein­zi­ge Auf­ga­be, und »um die­se Auf­ga­be zu erfül­len«, bedarf er kei­ner Göt­ter, Städ­te, Staa­ten oder Gesetze.

Der Sturz der Tita­nen durch ihre Nach­fah­ren Zeus, Hades, Posei­don, um nur drei zu nen­nen, ist ein Macht­wech­sel, der die Ord­nung ver­wan­delt – die Geschich­te bricht ein in die Zeit, die Men­schen erwa­chen, sie ste­hen unver­mit­telt den Göt­tern gegen­über. Aber die Göt­ter ver­mö­gen nicht, die Tita­nen »aus­zu­rot­ten«, denn das »Tita­ni­sche gehört unver­lier­bar dem Bau der Erde an« und kann »nicht aus ihm weg­ge­dacht wer­den«. Sie blei­ben in die Tie­fe ver­bannt, wie Hesi­od beschreibt, in der Über­set­zung von Voß: »All­da sind die Tita­nen im nach­ten­den Schlun­de des Dun­kels / Ein­ge­hemmt, nach dem Rathe des schwar­zum­wölk­ten Kro­ni­on, / Tief in der dumpf­gen Kluft, am Rand der unend­li­chen Erde.«

Nun muß sich der Mensch mit den Göt­tern her­um­schla­gen – und mit sich selbst. Anstatt sich ein­fach dem Fluß der Zeit zu über­las­sen, auf natür­li­che Wei­se in die Ord­nung der Welt ein­ge­bun­den, ist er nun auf­ge­ru­fen, sich bewußt in die Ord­nung der Göt­ter ein­zu­fü­gen und sein Han­deln und sei­ne Ent­schei­dun­gen an ihren Gebo­ten aus­zu­rich­ten. Was bekannt­lich zu Konflik­ten zwi­schen Göt­tern und Men­schen füh­ren kann, um es mil­de aus­zu­drü­cken – wor­um sonst dreh­te sich die grie­chi­sche Mythologie?

Wenn aber der Mensch gegen die­se Gebo­te auf­be­gehrt, sei­ne Fähig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten über­schätzt und die Selbst­be­stim­mung zum allei­ni­gen Maß­stab sei­nes Han­delns macht, um sei­nen eige­nen Wil­len durch­zu­set­zen, ver­stößt er gegen die Ord­nung und über­schrei­tet »die ihm zuge­ord­ne­te Sphä­re des Erreich­ba­ren«. Damit wird er ein »Feind der Göt­ter«, und sie lie­ben es nicht, »wenn der Mensch sich übernimmt«.

So zie­hen sie sich vom Men­schen zurück und über­las­sen »ihn sich selbst« – wenn dies aber geschieht, kehrt das Tita­ni­sche wie­der und »macht sei­nen Herr­schafts­an­spruch gel­tend. Denn wo kei­ne Göt­ter sind, dort sind Tita­nen.« Gibt sich der Mensch den tita­ni­schen Kräf­ten hin, ist die Kata­stro­phe vor­pro­gram­miert: »Man ruft die Tita­nen nicht unge­straft.« Die Stra­fe folgt auf dem Fuß. Dem tita­ni­schen Men­schen haf­tet stets etwas »Unfer­ti­ges« an, er »muß das Haus und den Becher zer­bre­chen« und ver­fällt sei­ner All­machts­phan­ta­sie, jener »kran­ken Macht«, jenem »Wahn«, von dem Rein­hold Schnei­der sagt, daß er doch nur »töner­ne Paläs­te« baue. »Wo kein Maß ist, kann es auch nichts Gro­ßes geben«, schreibt Jün­ger. Wer selbst Ele­ment sein, die Natur über­wäl­ti­gen und beherr­schen will, geht einen »Weg, der ins Unbe­tre­te­ne führt, den wenigs­ten bekannt, und wer ihn geht, der mißt nicht ab, wohin er geht und durch wen er geführt wird. Wo aber ist sein Ende?«

Nur im unaus­weich­li­chen Unter­gang – den die Zeit­ge­nos­sen erfah­ren haben. Denn der Tita­nis­mus des Men­schen »wird sicht­bar in rie­sen­haf­ten Plä­nen und Anstren­gun­gen, die alles Maß über­schrei­ten und kläg­lich schei­tern an der Erschöp­fung aller Kräf­te.« Ein Satz wie ein gesto­chen schar­fes Schwarz­weiß­pho­to Deutsch­lands im Jahr 1944. Jün­gers Ent­zif­fe­rung der Geschich­te trifft sich wie gezeigt mit den pro­phe­ti­schen Mahn­ru­fen Rein­hold Schnei­ders, und bei­de tref­fen sich mit Gedan­ken des wich­tigs­ten Schü­lers von Oth­mar Spann, Wal­ter Hein­rich. Auch er betont, daß »Herr­schaft immer an tran­szen­den­te, über­na­tür­li­che Qua­li­tät geknüpft ist« und deren Aus­ein­an­der­tre­ten einen Ver­fall »ins Tita­nisch-Krie­ge­ri­sche einer rein mate­ri­el­len Männ­lich­keit« nach sich zie­he. – So ste­hen sie im Bücher­schrank nah bei­ein­an­der, die­se drei völ­lig unter­schied­li­chen Autoren mit ihren je eige­nen Mög­lich­kei­ten und Gren­zen, den unmit­tel­ba­ren Pro­zeß der Geschich­te mythisch-poe­tisch auszudeuten.

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