Autorenporträt Alexander Dugin

Es hat lange gedauert, bis der deutsche Medien-Hauptstrom den russischen Philosophen und politischen Denker Alexander Dugin als ideale Projektionsfläche und Inkarnation all jener bösen Geister entdeckt hat, die man gemeinhin mit dem Rußland Wladimir Putins verbunden sehen möchte. Durch die Leitmedien geistert seither das Bild vom »Neofaschisten« und »rechtsradikalen Polit-Guru« Dugin, der zugleich Vordenker von Präsident Putin und dessen Außenpolitik sei.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Es hat lan­ge gedau­ert, bis der deut­sche Medi­en-Haupt­strom den rus­si­schen Phi­lo­so­phen und poli­ti­schen Den­ker Alex­an­der Dugin als idea­le Pro­jek­ti­ons­flä­che und Inkar­na­ti­on all jener bösen Geis­ter ent­deckt hat, die man gemein­hin mit dem Ruß­land Wla­di­mir Putins ver­bun­den sehen möch­te. Durch die Leit­me­di­en geis­tert seit­her das Bild vom »Neo­fa­schis­ten« und »rechts­ra­di­ka­len Polit-Guru« Dugin, der zugleich Vor­den­ker von Prä­si­dent Putin und des­sen Außen­po­li­tik sei.

Die meis­ten die­ser Eti­ket­tie­run­gen gehen auf die Arbei­ten des Ost­eu­ro­pa-His­to­ri­kers Andre­as Umland zurück, der in deut­schen, eng­lisch- und rus­sisch­spra­chi­gen Publi­ka­tio­nen schon seit Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts vor dem Auf­kom­men eines »inte­gra­len Anti­ame­ri­ka­nis­mus« in Ruß­land warnt und in Dugin eine Schlüs­self­gur eines neu­en rus­si­schen »Faschis­mus« sieht. Als Beleg die­nen zumeist pro­vo­kan­te Zita­te aus des­sen »natio­nal­bol­sche­wis­ti­scher« Pha­se in den neun­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. In einem 2007 in den Blät­tern für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik erschie­ne­nen Auf­satz unter­stellt Umland Dugin wegen der geo­po­li­ti­schen Fun­die­rung sei­nes »Neo-Eura­sis­mus« eine »Affi­ni­tät zum deut­schen Nazis­mus«. Die tat­säch­li­che Rele­vanz des schil­lern­den und bis­wei­len irr­lich­tern­den Geis­tes Dugin ist in sol­chen Schub­la­den aller­dings kaum zu erfassen.

»Natio­nal­bol­sche­wist« und »Kon­ser­va­ti­ver Revolutionär«

Deut­schen Kon­ser­va­ti­ven und Rechts­in­tel­lek­tu­el­len ist Dugin schon weit län­ger ein Begriff. Wolf­gang Strauss, der in Hans-Diet­rich San­ders Staats­brie­fen regel­mä­ßig und aus­führ­lich über die viel­fäl­ti­gen Strö­mun­gen des rus­si­schen natio­na­len Wie­der­erwa­chens in der Jel­zin-Zeit nach dem August­putsch 1991 berich­te­te, beur­teil­te Dugin skep­tisch. Von 1994 an cha­rak­te­ri­sier­te er den zu jener Zeit eng mit dem fran­zö­si­schen Nou­vel­le-Droi­te-Theo­re­ti­ker Alain de Benoist ver­bun­de­nen »Natio­nal­bol­sche­wis­ten« Alex­an­der Dugin, der in Mos­kau in Anleh­nung an Benoists Élé­ments die Vier­tel­jah­res­zeit­schrift Ele­men­tij her­aus­gab, als Wort­füh­rer einer »neon­a­po­leo­ni­schen Nou­vel­le-droi­te-Entente«, als »ger­ma­no­pho­ben« und fran­ko­phi­len Kon­ter­part einer deutsch­freund­li­chen rus­si­schen Rech­ten in der sla­wo­phi­len Tra­di­ti­on Alex­an­der Solschenizyns.

Doch das war nur eine von vie­len Etap­pen auf dem geis­ti­gen und poli­ti­schen Weg Alex­an­der Gel­je­witsch Dugins. Gebo­ren am 7. Janu­ar 1962 als Sohn eines Gene­ral­obers­ten des sowje­ti­schen Mili­tär­ge­heim­diens­tes und einer Ärz­tin, beweg­te sich der jugend­li­che Dugin nach sei­ner Auf­nah­me in das Mos­kau­er Staat­li­che Luft­fahrt­in­sti­tut zunächst in eso­te­risch-okkul­ten Krei­sen. 1980 soll er einem NS-mys­ti­schen Geheim­zir­kel bei­getre­ten sein. Auf jene Jah­re datiert auch sei­ne Freund­schaft mit Gai­dar Dje­mal, heu­te ein einfluß­rei­cher Isla­mist. Bei­de schlos­sen sich 1988 der tra­di­tio­na­lis­tisch-mon­ar­chis­ti­schen »Natio­nal­pa­trio­ti­schen Front – Pamet« an, wur­den aber nach kur­zer Zeit wie­der aus­ge­schlos­sen. Im Umbruch­jahr 1990 wird Dugin Pro­du­zent einer Fern­seh­se­rie, »Taj­ni Veka« (Geheim­nis­se des Jahr­hun­derts), in der er – dank des Zugangs zu den KGB-Archi­ven, den ihm sein Vater ermög­licht hat – magisch-mys­tisch-wun­der­li­che Phä­no­me­ne und »Geheim­wis­sen« über Wun­der­waf­fen, Frei­mau­rer und der­glei­chen auf­ar­bei­tet. Eine Nei­gung zum Eso­te­ri­schen durch­zieht Dugins Äuße­run­gen bis zum heu­ti­gen Tag.

Schrift­stel­le­risch und jour­na­lis­tisch ist Dugin seit 1982 tätig. Als frü­he Quel­len der Inspi­ra­ti­on nennt er den fran­zö­si­schen Tra­di­tio­na­lis­ten René Guen­on, aber auch Juli­us Evo­la, des­sen Heid­ni­schen Impe­ria­lis­mus er ins Rus­si­sche über­setzt. Zu Sowjet­zei­ten anti­kom­mu­nis­tisch, beginnt mit dem »libe­ra­len« Umsturz und dem Ende der Sowjet­uni­on Dugins »natio­nal­bol­sche­wis­ti­sche« Pha­se, die von 1991 bis 1998 währt. Er sei auf der Suche nach einer »anti­li­be­ra­len Syn­the­se von links und rechts« gewe­sen, bekennt er rück­schau­end in einem Inter­view. Dugin unter­stützt den lang­jäh­ri­gen Füh­rer der wie­der­ge­grün­de­ten kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ruß­lands, Gen­na­dij Sju­ga­now, bei der Abfas­sung eines Par­tei­pro­gramms; 1993 wird er Mit­grün­der der Natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen Par­tei und einfluß­rei­cher Kopf hin­ter deren Anfüh­rer Edu­ard Limo­now, der 1994 die poli­ti­sche Büh­ne betritt. Spä­ter unter­stützt Dugin die radi­ka­le Abspal­tung Natio­nal­bol­sche­wis­ti­sche Front und bricht mit Limonow.

Dugins Lek­türe­pen­sum in die­sen Jah­ren scheint immens. Als Her­aus­ge­ber der Ele­men­tij und Kolum­nist der anti­li­be­ra­len Wochen­zei­tung Den (Tag) rezi­piert er, zwei­fel­los unter dem Einfluß Alain de Benoists, deut­sche und euro­päi­sche Autoren und macht das rus­si­sche Publi­kum mit ihnen bekannt – von Carl Schmitt bis Karl Haus­ho­fer, von Ernst Jün­ger bis Ernst Nie­kisch. Beson­ders häu­fig rekur­riert Dugin auf den Wal­lo­nen Jean-Fran­çois Thi­ri­art und des­sen Bewe­gung Jeu­ne Euro­pe. Thi­ri­arts 1964 erschie­ne­nes Haupt­werk, das ein Euro­pa jen­seits der Blö­cke und des Kal­ten Krie­ges als »Reich der 400 Mil­lio­nen« zeich­net, hat Dugins eura­si­sche Theo­rie maß­geb­lich beeinflußt.

Bereits in der ers­ten Aus­ga­be der Ele­men­tij von 1992 ist ein aus­führ­li­cher Auf­satz Dugins der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« als »Drit­tem Weg« jen­seits von Libe­ra­lis­mus und Mar­xis­mus gewid­met. Dugin stellt dar­in unter­schied­li­che euro­päi­sche Strö­mun­gen der Gegen­mo­der­ne – den ita­lie­ni­schen Faschis­mus, die spa­ni­sche Falan­ge, die rumä­ni­sche Eiser­ne Gar­de, die »Eura­sier« der sla­wo­phi­len rus­si­schen Emi­gra­ti­on der zwan­zi­ger und drei­ßi­ger Jah­re – vor und gibt einen Über­blick über die deut­sche Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on, von den »Völ­ki­schen« bis zu den ihn beson­ders anspre­chen­den Natio­nal­bol­sche­wis­ten. Sei­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on sind unter die­sem Titel – Kon­ser­va­tiv­na­ja revo­lu­ci­ja – 1994 im Ver­lag des von ihm gegrün­de­ten »Arktogaea«-Zentrums in Buch­form erschie­nen und auf des­sen Netz­platt­form (www.arcto.ru) auch heu­te noch, eben­so wie zahl­rei­che wei­te­re sei­ner seit 1989 erschie­ne­nen Bücher, in rus­si­scher Spra­che abrufbar.

Die Unbe­fan­gen­heit in der Aneig­nung vor­dem ver­pön­ter Ideen und Sym­bo­le, aber auch die Radi­ka­li­tät und pole­mi­sche Här­te der Aus­ein­an­der­set­zung spie­geln die geis­ti­ge Frei­heit, ja Frei­zü­gig­keit im Ruß­land der Ära Jel­zin, in der prak­tisch alles gedacht, gesagt und gedruckt wer­den konn­te. Das pro­vo­ka­ti­ve Signet der – 2005 ver­bo­te­nen – Natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen Par­tei stellt ein rotes Ban­ner mit wei­ßem Mit­tel­kreis dar, in dem statt der Swas­ti­ka Ham­mer und Sichel pran­gen. Auf­sät­ze wie Dugins 1997 ver­öf­fent­lich­te und unver­kenn­bar von Armin Moh­lers Begeis­te­rung für den »faschis­ti­schen Stil« inspi­rier­te Skiz­ze eines »genu­in rus­si­schen Faschis­mus«, auch wenn er ihn von den »ras­sis­ti­schen und chau­vi­nis­ti­schen« Aspek­ten des deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus abzu­gren­zen
ver­sucht, lie­fert bis heu­te die Stich­wor­te für die ein­schlä­gi­ge Schub­la­di­sie­rung des beken­nen­den Anti­li­be­ra­len Alex­an­der Dugin, der sei­ne frü­hen Schrif­ten nicht ver­steckt. Daß er auch den deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus dif­fe­ren­ziert betrach­tet und bei­spiels­wei­se in der euro­päi­schen Ori­en­tie­rung der Waf­fen-SS Ansät­ze für die von ihm gesuch­te »Drit­te Posi­ti­on« sieht, macht sei­ne Sache vor dem Urteil der ideo­lo­gi­schen Scharf­rich­ter unse­rer Tage kaum bes­ser. Für einen poli­tisch kor­rek­ten Ent­lar­ver wie Andre­as Umland sind frei­lich schon die von Dugin zitier­ten Autoren ein hin­rei­chen­der Beleg für sei­ne »faschis­ti­sche« Grundeinstellung.

Hei­deg­ge­ria­ner und Geopolitiker

Die Lin­ke habe weder geo­po­li­tisch noch ideo­lo­gisch eine Gegen­po­si­ti­on zum libe­ra­len Uni­ver­sa­lis­mus nach dem Zusam­men­bruch der Ord­nung von Jal­ta zu bie­ten, kon­sta­tiert Dugin in sei­ner »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on«. Unab­hän­gig von den Um- und Irr­we­gen sei­ner Ver­su­che auf dem Gebiet der Poli­tik – neben der geschei­ter­ten Grün­dungs­in­itia­ti­ve zu einer Par­tei »Pro­le­ta­ri­sche Temp­ler« grün­de­te er 2001 die Eura­si­sche Par­tei, die spä­ter als Eura­si­sche Bewe­gung fir­mie­ren soll­te – ver­folgt Dugin die Suche nach einer sol­chen Gegen­po­si­ti­on in sei­nem Den­ken und Schrei­ben mit bemer­kens­wer­ter Beständigkeit.

Einen Ansatz­punkt hat Alex­an­der Dugin, der sich nach sei­ner Abkehr vom Natio­nal­bol­sche­wis­mus zuneh­mend sla­wo­phi­len und ortho­do­xen Tra­di­tio­nen zuwen­det, früh in der Erneue­rung des »Eura­sis­mus« ent­deckt. Geo­po­li­ti­sches Den­ken ist die eine ori­gi­nä­re Zutat Dugins zum Neo-Eura­sis­mus, dem er die Theo­rie des bri­ti­schen Geo­gra­phen und Geo­po­li­ti­kers Hal­ford Mack­in­der vom glo­ba­len Ant­ago­nis­mus der Land- und See­mäch­te und des Kamp­fes um die Kon­trol­le des eura­si­schen »Herz­lan­des« – Ost­eu­ro­pa, Ruß­land, West­si­bi­ri­en – hin­zu­füg­te. So wie das 19. Jahr­hun­dert in Ruß­land vom Gegen­satz zwi­schen euro­pä­isch ori­en­tier­ten »West­lern« und die rus­si­sche Eigen­art beto­nen­den »Sla­wo­phi­len« und das 20. vom Kampf »roter« Bol­sche­wis­ten und ihrer »wei­ßen« Gegen­spie­ler geprägt gewe­sen sei, ste­he das 21. im Zei­chen des Gegen­sat­zes von »Eura­sis­ten« und »Atlan­tis­ten«, heißt es im Mani­fest sei­ner »Eurasia«-Bewegung. Eura­si­en und Ruß­land sei­en Schau­platz »einer neu­en anti-ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on«, schreibt er bereits 1997 in sei­nen Grund­la­gen der Geo­po­li­tik. Das »eura­si­sche Impe­ri­um« sol­le auf der Basis der »Ableh­nung des Atlan­tis­mus und der stra­te­gi­schen Kon­trol­le der USA« ent­ste­hen. Im poli­ti­schen Kern greift Dugins Eura­si­en-Den­ken Carl Schmitts Kon­zep­ti­on einer »völ­ker­recht­li­chen Groß­raum­ord­nung mit Inter­ven­ti­ons­ver­bot für raum­frem­de Mäch­te« auf.

Dugins zwei­te, noch bedeu­ten­de­re Leis­tung ist die Erschlie­ßung Mar­tin Hei­deg­gers für das rus­si­sche Den­ken. In sei­nem von der Fach­welt mit Respekt und gro­ßer Beach­tung auf­ge­nom­me­nen Werk Chaj­deg­ger: Voz­mosh­nost russ­koj filo­so­fi (Hei­deg­ger: Die Mög­lich­keit einer rus­si­schen Phi­lo­so­phie, 2011, nicht über­setzt) kri­ti­siert Dugin, 2008 zum Pro­fes­sor an der sozio­lo­gi­schen Fakul­tät der Mos­kau­er Lomo­no­s­sow-Uni­ver­si­tät und Lei­ter des Zen­trums für kon­ser­va­ti­ve Stu­di­en beru­fen, die bis­he­ri­ge rus­si­sche Phi­lo­so­phie als im wesent­li­chen nicht­ei­gen­stän­di­gen, inkon­sis­ten­ten, »un-eigent­li­chen« Able­ger west­li­cher Schul­p­hi­lo­so­phie, deren Drang zur Sys­te­ma­ti­sie­rung und Ver­ein­fa­chung dem rus­si­schen Wesen im inners­ten wider­spre­che. So wie Hei­deg­ger die vor­an­ge­gan­ge­ne abend­län­di­sche Phi­lo­so­phie abge­schlos­sen und zu einem neu­en Anfang geführt habe, kön­ne sei­ne Daseins-Phi­lo­so­phie bes­ser als jedes ande­re Modell zum Aus­gangs­punkt eines neu­en rus­si­schen Den­kens wer­den. Die­ses sol­le das »Da-Sein« in den Mit­tel­punkt stel­len, nicht nur in sei­ner zeit­li­chen, son­dern vor allem in sei­ner räum­li­chen Gebun­den­heit an das spe­zi­fisch rus­si­sche »In-der-Welt-Sein«. Das »rus­si­sche Design«, spielt Dugin, der hier grund­sätz­lich die deut­schen Ter­mi­ni benutzt, mit den Wor­ten, sei »prin­zi­pi­ell und wesent­lich chao­tisch, steht also auch in einem prin­zi­pi­ell andern Ver­hält­nis zum Sein als das euro­päi­sche Dasein«. Das rus­si­sche »Da-Design« ist für Dugin »das Sein der Erde, ist eine Erde für alle, ist die Rus­si­sche Erde, und wir sind die Trä­ger der Phi­lo­so­phie die­ser Erde«.

Eine »Vier­te Poli­ti­sche Theorie«

Hei­deg­gers »Ereig­nis«, die Rück­kehr des Seins, lie­fert Dugin die phi­lo­so­phi­sche Fun­da­men­tie­rung dafür, daß die Welt mul­ti­po­lar und in Groß­räu­men geord­net und die uni­po­la­re Hege­mo­nie des Ame­ri­ka­nis­mus ab geschüt­telt wer­den müs­se, um die libe­ra­lis­ti­sche Fremd­be­stim­mung des Daseins zu über­win­den. Sei­ne Hei­deg­ger-Rezep­ti­on läßt sich daher nicht, wie von Gün­ter Zehm in des­sen »Pankraz«-Kolumne ver­sucht, von sei­nem Neo-Eura­sis­mus tren­nen. Zusam­men­ge­führt hat Dugin die­se Gedan­ken­strän­ge in sei­ner kürz­lich auch in deut­scher Spra­che erschie­ne­nen Vier­ten Poli­ti­schen Theo­rie. Nach dem Schei­tern von Mar­xis­mus und »Faschis­mus« (im Nol­te­schen Sin­ne) und dem vor­läuf­gen Sieg des Libe­ra­lis­mus in der Form von Glo­ba­lis­mus und Ame­ri­ka­nis­mus müß­ten die­se drei poli­ti­schen Theo­rien in einer vier­ten über­wun­den wer­den, um die Fremd­be­stim­mung des Daseins zu beenden.

Die­se vier­te Theo­rie soll kei­ne Syn­the­se der vor­an­ge­gan­ge­nen sein, auch wenn sie deren posi­ti­ve Aspek­te – die Idee der Frei­heit von Tyran­nei, die sozia­le Soli­da­ri­tät und die von Natio­na­lis­mus und Frem­den­haß geläu­ter­te Idee der natio­na­len Iden­ti­tät – zu inte­grie­ren suche. Auch geht es nicht um Fort­set­zung ver­gan­ge­ner ideo­lo­gi­scher Bür­ger­krie­ge; »anti­fa­schis­ti­sche« und »anti­kom­mu­nis­ti­sche« Res­sen­ti­ments sind für Dugin ein eben­falls zu über­win­den­des Herr­schafts­in­stru­ment des Liberalismus.

Die­ser sei der gemein­sa­me Feind, der authen­ti­scher Exis­tenz und selbst­be­stimm­tem Dasein im Wege ste­he. Auch den Reli­gio­nen, die er in »inne­rer Ein­heit« ver­bun­den sieht, kommt hier eine wich­ti­ge Rol­le zu. Dugin lehnt Feind­schaft zu Juden und Mus­li­men ab; er plä­diert für eine Inter­es­sen­ge­mein­schaft mit dem tür­kisch gepräg­ten und ara­bi­schen Raum und betont die »Offen­heit« der ortho­do­xen Kul­tur, die Ruß­land von den euro­päi­schen und asia­ti­schen Zivi­li­sa­tio­nen unter­schei­de und der »Natio­na­lis­mus« aus dem Reichs­ver­ständ­nis her­aus fremd sei.

Dugin und die rus­si­sche Politik

Nicht zuletzt um Wider­sprü­che zu umge­hen, dekla­riert Alex­an­der Dugin sei­ne Theo­rie als Denk­im­puls und nicht als abge­schlos­se­nes Sys­tem. Als Ideen­ge­ber und poli­ti­scher Den­ker ist er zwei­fel­los erfolg- und einfluß­rei­cher denn als Poli­ti­ker. Nach sei­nem Bruch mit den Natio­nal­bol­sche­wis­ten wird er von 1998 bis 2004 Bera­ter des Duma-Abge­ord­ne­ten und Par­la­ments­prä­si­den­ten Gen­na­dij Selez­niov und Lei­ter eines geo­po­li­ti­schen Exper­ten­gre­mi­ums des rus­si­schen Par­la­ments. Dugins Grund­la­gen der Geo­po­li­tik die­nen als Unter­richts­werk an Mili­tär­aka­de­mien. In den Medi­en sind Dugin und Mit­glie­der sei­ner Eura­si­schen Bewe­gung, von denen vie­le hohe Rän­ge in Poli­tik und Admi­nis­tra­ti­on beklei­den, regel­mä­ßig und aus­gie­big präsent.

Sei­ne fre­ne­ti­sche Unter­stüt­zung für den rus­si­schen Prä­si­den­ten Putin begrün­det Alex­an­der Dugin damit, daß die­ser sei­ne Ideen auf­grei­fe und umset­ze. Daß er sich als »inoff­zi­el­ler Ideo­lo­ge« Putins und sei­ner Regie­rungs­par­tei bezeich­net, ist eine Selbst­über­hö­hung; off­zi­ell demen­tiert der Kreml ein Bera­ter­ver­hält­nis, Fakt ist aber, daß Wla­di­mir Putin Ideen und Begri­fflich­kei­ten Dugins durch­aus ver­wen­det, von der kürz­lich gegrün­de­ten Eura­si­schen Uni­on mit Weiß­ruß­land und Kasach­stan bis zum Ter­mi­nus »Neu­ruß­land«, mit dem Dugin die Krim und den Osten und Süden der Ukrai­ne bezeich­net, die er dem rus­si­schen Groß­raum zurech­net. Dugin sti­li­siert sich gern zum Visio­när, der Konflik­te wie die Inter­ven­tio­nen Ruß­lands in Geor­gi­en oder in der Ukrai­ne lan­ge vor­her­ge­se­hen haben will. Wenn aller­dings der prag­ma­ti­sche Macht­stra­te­ge Putin nicht so will wie der radi­ka­le Den­ker und »spi­ri­tu­el­le Aben­teu­rer« (Kers­tin Holm) Dugin, wird letz­te­rer unduld­sam. Weil Putin nach dem Anschluß der Krim nicht auch umge­hend »Neu­ruß­land« heim­ge­holt hat – eine For­de­rung, die sich durch­aus nicht zwin­gend aus Dugins Groß­raum­kon­zept und Ableh­nung von Natio­na­lis­mus ergibt –, unter­schei­det er in okkul­ter Spra­che zwi­schen dem »sola­ren« und dem »luna­ren« Putin, wobei letz­te­rer in sol­chen Pha­sen von sei­nen west­lich-libe­ra­len Bera­tern domi­niert werde.

Impo­san­te Bele­sen­heit und Elo­quenz beschei­ni­gen Dugin auch sei­ne Kri­ti­ker. Bei Ver­su­chen, vom poli­ti­schen Ideen­ge­ber zum Agi­ta­tor zu wer­den, ver­läßt ihn frei­lich die For­mu­lie­rungs­kunst des öfte­ren. Als er in einem Auf­ruf dafür ein­trat, bei Zusam­men­stö­ßen in der Ukrai­ne getö­te­te Rus­sen »mit dem Blut der Kie­wer Jun­ta« zu süh­nen, for­der­te eine von mehr als zehn­tau­send Unter­zeich­nern getra­ge­ne Peti­ti­on sei­ne Ent­las­sung als Lomo­no­s­sow-Pro­fes­sor. Tat­säch­lich wur­de sein Ver­trag im Juni 2014 nicht mehr ver­län­gert. Dar­aus, wie man­che Beob­ach­ter, ein Schwin­den sei­nes Einflus­ses abzu­lei­ten ist gleich­wohl ein ver­früh­ter Abgesang.

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