1. August 2014

Autorenporträt Alexander Dugin

Gastbeitrag

Es hat lange gedauert, bis der deutsche Medien-Hauptstrom den russischen Philosophen und politischen Denker Alexander Dugin als ideale Projektionsfläche und Inkarnation all jener bösen Geister entdeckt hat, die man gemeinhin mit dem Rußland Wladimir Putins verbunden sehen möchte. Durch die Leitmedien geistert seither das Bild vom »Neofaschisten« und »rechtsradikalen Polit-Guru« Dugin, der zugleich Vordenker von Präsident Putin und dessen Außenpolitik sei.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Die meisten dieser Etikettierungen gehen auf die Arbeiten des Osteuropa-Historikers Andreas Umland zurück, der in deutschen, englisch- und russischsprachigen Publikationen schon seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts vor dem Aufkommen eines »integralen Antiamerikanismus« in Rußland warnt und in Dugin eine Schlüsselfgur eines neuen russischen »Faschismus« sieht. Als Beleg dienen zumeist provokante Zitate aus dessen »nationalbolschewistischer« Phase in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In einem 2007 in den Blättern für deutsche und internationale Politik erschienenen Aufsatz unterstellt Umland Dugin wegen der geopolitischen Fundierung seines »Neo-Eurasismus« eine »Affinität zum deutschen Nazismus«. Die tatsächliche Relevanz des schillernden und bisweilen irrlichternden Geistes Dugin ist in solchen Schubladen allerdings kaum zu erfassen.

»Nationalbolschewist« und »Konservativer Revolutionär«

Deutschen Konservativen und Rechtsintellektuellen ist Dugin schon weit länger ein Begriff. Wolfgang Strauss, der in Hans-Dietrich Sanders Staatsbriefen regelmäßig und ausführlich über die vielfältigen Strömungen des russischen nationalen Wiedererwachens in der Jelzin-Zeit nach dem Augustputsch 1991 berichtete, beurteilte Dugin skeptisch. Von 1994 an charakterisierte er den zu jener Zeit eng mit dem französischen Nouvelle-Droite-Theoretiker Alain de Benoist verbundenen »Nationalbolschewisten« Alexander Dugin, der in Moskau in Anlehnung an Benoists Éléments die Vierteljahreszeitschrift Elementij herausgab, als Wortführer einer »neonapoleonischen Nouvelle-droite-Entente«, als »germanophoben« und frankophilen Konterpart einer deutschfreundlichen russischen Rechten in der slawophilen Tradition Alexander Solschenizyns.

Doch das war nur eine von vielen Etappen auf dem geistigen und politischen Weg Alexander Geljewitsch Dugins. Geboren am 7. Januar 1962 als Sohn eines Generalobersten des sowjetischen Militärgeheimdienstes und einer Ärztin, bewegte sich der jugendliche Dugin nach seiner Aufnahme in das Moskauer Staatliche Luftfahrtinstitut zunächst in esoterisch-okkulten Kreisen. 1980 soll er einem NS-mystischen Geheimzirkel beigetreten sein. Auf jene Jahre datiert auch seine Freundschaft mit Gaidar Djemal, heute ein einflußreicher Islamist. Beide schlossen sich 1988 der traditionalistisch-monarchistischen »Nationalpatriotischen Front – Pamet« an, wurden aber nach kurzer Zeit wieder ausgeschlossen. Im Umbruchjahr 1990 wird Dugin Produzent einer Fernsehserie, »Tajni Veka« (Geheimnisse des Jahrhunderts), in der er – dank des Zugangs zu den KGB-Archiven, den ihm sein Vater ermöglicht hat – magisch-mystisch-wunderliche Phänomene und »Geheimwissen« über Wunderwaffen, Freimaurer und dergleichen aufarbeitet. Eine Neigung zum Esoterischen durchzieht Dugins Äußerungen bis zum heutigen Tag.

Schriftstellerisch und journalistisch ist Dugin seit 1982 tätig. Als frühe Quellen der Inspiration nennt er den französischen Traditionalisten René Guenon, aber auch Julius Evola, dessen Heidnischen Imperialismus er ins Russische übersetzt. Zu Sowjetzeiten antikommunistisch, beginnt mit dem »liberalen« Umsturz und dem Ende der Sowjetunion Dugins »nationalbolschewistische« Phase, die von 1991 bis 1998 währt. Er sei auf der Suche nach einer »antiliberalen Synthese von links und rechts« gewesen, bekennt er rückschauend in einem Interview. Dugin unterstützt den langjährigen Führer der wiedergegründeten kommunistischen Partei Rußlands, Gennadij Sjuganow, bei der Abfassung eines Parteiprogramms; 1993 wird er Mitgründer der Nationalbolschewistischen Partei und einflußreicher Kopf hinter deren Anführer Eduard Limonow, der 1994 die politische Bühne betritt. Später unterstützt Dugin die radikale Abspaltung Nationalbolschewistische Front und bricht mit Limonow.

Dugins Lektürepensum in diesen Jahren scheint immens. Als Herausgeber der Elementij und Kolumnist der antiliberalen Wochenzeitung Den (Tag) rezipiert er, zweifellos unter dem Einfluß Alain de Benoists, deutsche und europäische Autoren und macht das russische Publikum mit ihnen bekannt – von Carl Schmitt bis Karl Haushofer, von Ernst Jünger bis Ernst Niekisch. Besonders häufig rekurriert Dugin auf den Wallonen Jean-François Thiriart und dessen Bewegung Jeune Europe. Thiriarts 1964 erschienenes Hauptwerk, das ein Europa jenseits der Blöcke und des Kalten Krieges als »Reich der 400 Millionen« zeichnet, hat Dugins eurasische Theorie maßgeblich beeinflußt.

Bereits in der ersten Ausgabe der Elementij von 1992 ist ein ausführlicher Aufsatz Dugins der »Konservativen Revolution« als »Drittem Weg« jenseits von Liberalismus und Marxismus gewidmet. Dugin stellt darin unterschiedliche europäische Strömungen der Gegenmoderne – den italienischen Faschismus, die spanische Falange, die rumänische Eiserne Garde, die »Eurasier« der slawophilen russischen Emigration der zwanziger und dreißiger Jahre – vor und gibt einen Überblick über die deutsche Konservative Revolution, von den »Völkischen« bis zu den ihn besonders ansprechenden Nationalbolschewisten. Seine Auseinandersetzungen mit der Konservativen Revolution sind unter diesem Titel – Konservativnaja revolucija – 1994 im Verlag des von ihm gegründeten »Arktogaea«-Zentrums in Buchform erschienen und auf dessen Netzplattform (www.arcto.ru) auch heute noch, ebenso wie zahlreiche weitere seiner seit 1989 erschienenen Bücher, in russischer Sprache abrufbar.

Die Unbefangenheit in der Aneignung vordem verpönter Ideen und Symbole, aber auch die Radikalität und polemische Härte der Auseinandersetzung spiegeln die geistige Freiheit, ja Freizügigkeit im Rußland der Ära Jelzin, in der praktisch alles gedacht, gesagt und gedruckt werden konnte. Das provokative Signet der – 2005 verbotenen – Nationalbolschewistischen Partei stellt ein rotes Banner mit weißem Mittelkreis dar, in dem statt der Swastika Hammer und Sichel prangen. Aufsätze wie Dugins 1997 veröffentlichte und unverkennbar von Armin Mohlers Begeisterung für den »faschistischen Stil« inspirierte Skizze eines »genuin russischen Faschismus«, auch wenn er ihn von den »rassistischen und chauvinistischen« Aspekten des deutschen Nationalsozialismus abzugrenzen
versucht, liefert bis heute die Stichworte für die einschlägige Schubladisierung des bekennenden Antiliberalen Alexander Dugin, der seine frühen Schriften nicht versteckt. Daß er auch den deutschen Nationalsozialismus differenziert betrachtet und beispielsweise in der europäischen Orientierung der Waffen-SS Ansätze für die von ihm gesuchte »Dritte Position« sieht, macht seine Sache vor dem Urteil der ideologischen Scharfrichter unserer Tage kaum besser. Für einen politisch korrekten Entlarver wie Andreas Umland sind freilich schon die von Dugin zitierten Autoren ein hinreichender Beleg für seine »faschistische« Grundeinstellung.

Heideggerianer und Geopolitiker

Die Linke habe weder geopolitisch noch ideologisch eine Gegenposition zum liberalen Universalismus nach dem Zusammenbruch der Ordnung von Jalta zu bieten, konstatiert Dugin in seiner »Konservativen Revolution«. Unabhängig von den Um- und Irrwegen seiner Versuche auf dem Gebiet der Politik – neben der gescheiterten Gründungsinitiative zu einer Partei »Proletarische Templer« gründete er 2001 die Eurasische Partei, die später als Eurasische Bewegung firmieren sollte – verfolgt Dugin die Suche nach einer solchen Gegenposition in seinem Denken und Schreiben mit bemerkenswerter Beständigkeit.

Einen Ansatzpunkt hat Alexander Dugin, der sich nach seiner Abkehr vom Nationalbolschewismus zunehmend slawophilen und orthodoxen Traditionen zuwendet, früh in der Erneuerung des »Eurasismus« entdeckt. Geopolitisches Denken ist die eine originäre Zutat Dugins zum Neo-Eurasismus, dem er die Theorie des britischen Geographen und Geopolitikers Halford Mackinder vom globalen Antagonismus der Land- und Seemächte und des Kampfes um die Kontrolle des eurasischen »Herzlandes« – Osteuropa, Rußland, Westsibirien – hinzufügte. So wie das 19. Jahrhundert in Rußland vom Gegensatz zwischen europäisch orientierten »Westlern« und die russische Eigenart betonenden »Slawophilen« und das 20. vom Kampf »roter« Bolschewisten und ihrer »weißen« Gegenspieler geprägt gewesen sei, stehe das 21. im Zeichen des Gegensatzes von »Eurasisten« und »Atlantisten«, heißt es im Manifest seiner »Eurasia«-Bewegung. Eurasien und Rußland seien Schauplatz »einer neuen anti-amerikanischen Revolution«, schreibt er bereits 1997 in seinen Grundlagen der Geopolitik. Das »eurasische Imperium« solle auf der Basis der »Ablehnung des Atlantismus und der strategischen Kontrolle der USA« entstehen. Im politischen Kern greift Dugins Eurasien-Denken Carl Schmitts Konzeption einer »völkerrechtlichen Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte« auf.

Dugins zweite, noch bedeutendere Leistung ist die Erschließung Martin Heideggers für das russische Denken. In seinem von der Fachwelt mit Respekt und großer Beachtung aufgenommenen Werk Chajdegger: Vozmoshnost russkoj filosofi (Heidegger: Die Möglichkeit einer russischen Philosophie, 2011, nicht übersetzt) kritisiert Dugin, 2008 zum Professor an der soziologischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität und Leiter des Zentrums für konservative Studien berufen, die bisherige russische Philosophie als im wesentlichen nichteigenständigen, inkonsistenten, »un-eigentlichen« Ableger westlicher Schulphilosophie, deren Drang zur Systematisierung und Vereinfachung dem russischen Wesen im innersten widerspreche. So wie Heidegger die vorangegangene abendländische Philosophie abgeschlossen und zu einem neuen Anfang geführt habe, könne seine Daseins-Philosophie besser als jedes andere Modell zum Ausgangspunkt eines neuen russischen Denkens werden. Dieses solle das »Da-Sein« in den Mittelpunkt stellen, nicht nur in seiner zeitlichen, sondern vor allem in seiner räumlichen Gebundenheit an das spezifisch russische »In-der-Welt-Sein«. Das »russische Design«, spielt Dugin, der hier grundsätzlich die deutschen Termini benutzt, mit den Worten, sei »prinzipiell und wesentlich chaotisch, steht also auch in einem prinzipiell andern Verhältnis zum Sein als das europäische Dasein«. Das russische »Da-Design« ist für Dugin »das Sein der Erde, ist eine Erde für alle, ist die Russische Erde, und wir sind die Träger der Philosophie dieser Erde«.

Eine »Vierte Politische Theorie«

Heideggers »Ereignis«, die Rückkehr des Seins, liefert Dugin die philosophische Fundamentierung dafür, daß die Welt multipolar und in Großräumen geordnet und die unipolare Hegemonie des Amerikanismus ab geschüttelt werden müsse, um die liberalistische Fremdbestimmung des Daseins zu überwinden. Seine Heidegger-Rezeption läßt sich daher nicht, wie von Günter Zehm in dessen »Pankraz«-Kolumne versucht, von seinem Neo-Eurasismus trennen. Zusammengeführt hat Dugin diese Gedankenstränge in seiner kürzlich auch in deutscher Sprache erschienenen Vierten Politischen Theorie. Nach dem Scheitern von Marxismus und »Faschismus« (im Nolteschen Sinne) und dem vorläufgen Sieg des Liberalismus in der Form von Globalismus und Amerikanismus müßten diese drei politischen Theorien in einer vierten überwunden werden, um die Fremdbestimmung des Daseins zu beenden.

Diese vierte Theorie soll keine Synthese der vorangegangenen sein, auch wenn sie deren positive Aspekte – die Idee der Freiheit von Tyrannei, die soziale Solidarität und die von Nationalismus und Fremdenhaß geläuterte Idee der nationalen Identität – zu integrieren suche. Auch geht es nicht um Fortsetzung vergangener ideologischer Bürgerkriege; »antifaschistische« und »antikommunistische« Ressentiments sind für Dugin ein ebenfalls zu überwindendes Herrschaftsinstrument des Liberalismus.

Dieser sei der gemeinsame Feind, der authentischer Existenz und selbstbestimmtem Dasein im Wege stehe. Auch den Religionen, die er in »innerer Einheit« verbunden sieht, kommt hier eine wichtige Rolle zu. Dugin lehnt Feindschaft zu Juden und Muslimen ab; er plädiert für eine Interessengemeinschaft mit dem türkisch geprägten und arabischen Raum und betont die »Offenheit« der orthodoxen Kultur, die Rußland von den europäischen und asiatischen Zivilisationen unterscheide und der »Nationalismus« aus dem Reichsverständnis heraus fremd sei.

Dugin und die russische Politik

Nicht zuletzt um Widersprüche zu umgehen, deklariert Alexander Dugin seine Theorie als Denkimpuls und nicht als abgeschlossenes System. Als Ideengeber und politischer Denker ist er zweifellos erfolg- und einflußreicher denn als Politiker. Nach seinem Bruch mit den Nationalbolschewisten wird er von 1998 bis 2004 Berater des Duma-Abgeordneten und Parlamentspräsidenten Gennadij Selezniov und Leiter eines geopolitischen Expertengremiums des russischen Parlaments. Dugins Grundlagen der Geopolitik dienen als Unterrichtswerk an Militärakademien. In den Medien sind Dugin und Mitglieder seiner Eurasischen Bewegung, von denen viele hohe Ränge in Politik und Administration bekleiden, regelmäßig und ausgiebig präsent.

Seine frenetische Unterstützung für den russischen Präsidenten Putin begründet Alexander Dugin damit, daß dieser seine Ideen aufgreife und umsetze. Daß er sich als »inoffzieller Ideologe« Putins und seiner Regierungspartei bezeichnet, ist eine Selbstüberhöhung; offziell dementiert der Kreml ein Beraterverhältnis, Fakt ist aber, daß Wladimir Putin Ideen und Begrifflichkeiten Dugins durchaus verwendet, von der kürzlich gegründeten Eurasischen Union mit Weißrußland und Kasachstan bis zum Terminus »Neurußland«, mit dem Dugin die Krim und den Osten und Süden der Ukraine bezeichnet, die er dem russischen Großraum zurechnet. Dugin stilisiert sich gern zum Visionär, der Konflikte wie die Interventionen Rußlands in Georgien oder in der Ukraine lange vorhergesehen haben will. Wenn allerdings der pragmatische Machtstratege Putin nicht so will wie der radikale Denker und »spirituelle Abenteurer« (Kerstin Holm) Dugin, wird letzterer unduldsam. Weil Putin nach dem Anschluß der Krim nicht auch umgehend »Neurußland« heimgeholt hat – eine Forderung, die sich durchaus nicht zwingend aus Dugins Großraumkonzept und Ablehnung von Nationalismus ergibt –, unterscheidet er in okkulter Sprache zwischen dem »solaren« und dem »lunaren« Putin, wobei letzterer in solchen Phasen von seinen westlich-liberalen Beratern dominiert werde.

Imposante Belesenheit und Eloquenz bescheinigen Dugin auch seine Kritiker. Bei Versuchen, vom politischen Ideengeber zum Agitator zu werden, verläßt ihn freilich die Formulierungskunst des öfteren. Als er in einem Aufruf dafür eintrat, bei Zusammenstößen in der Ukraine getötete Russen »mit dem Blut der Kiewer Junta« zu sühnen, forderte eine von mehr als zehntausend Unterzeichnern getragene Petition seine Entlassung als Lomonossow-Professor. Tatsächlich wurde sein Vertrag im Juni 2014 nicht mehr verlängert. Daraus, wie manche Beobachter, ein Schwinden seines Einflusses abzuleiten ist gleichwohl ein verfrühter Abgesang.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.