Augusterlebnis 1914

Der Konstruktivismus, der seit Jahren in den Köpfen der meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler Verwirrung stiftet und ihre Veröffentlichungen unlesbar macht, ist in der überwiegenden Zahl der Fälle hochgradig inkonsequent: »Konstruiert« und »erfunden« ist für viele Konstruktivisten keineswegs jeglicher denkend-beschreibende Zugang zu dem, was als »Wirklichkeit« erfahren wird – wie es der Konstruktivismus eigentlich nahelegt –, sondern immer nur das, was politisch, weltanschaulich oder aus anderen Gründen abgelehnt wird, während die eigenen Auffassungen selbstverständlich als adäquate Beschreibung der Realität betrachtet werden. In diesem Sinne ist der Untergang des Abendlandes eine »Konstruktion«, die Menschenrechte aber sind »Realität«, Volk oder gar Rasse sind »Erfindungen«, die Menschheit und das freie Individuum aber »Tatsachen«, die deutsche Volkserhebung gegen Napoleon ist »konstruiert«, die deutsche Studentenerhebung von 1968 ist es nicht.

 Gastbeitrag

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Der Kon­struk­ti­vis­mus, der seit Jah­ren in den Köp­fen der meis­ten Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Ver­wir­rung stif­tet und ihre Ver­öf­fent­li­chun­gen unles­bar macht, ist in der über­wie­gen­den Zahl der Fäl­le hoch­gra­dig inkon­se­quent: »Kon­stru­iert« und »erfun­den« ist für vie­le Kon­struk­ti­vis­ten kei­nes­wegs jeg­li­cher den­kend-beschrei­ben­de Zugang zu dem, was als »Wirk­lich­keit« erfah­ren wird – wie es der Kon­struk­ti­vis­mus eigent­lich nahe­legt –, son­dern immer nur das, was poli­tisch, welt­an­schau­lich oder aus ande­ren Grün­den abge­lehnt wird, wäh­rend die eige­nen Auf­fas­sun­gen selbst­ver­ständ­lich als adäqua­te Beschrei­bung der Rea­li­tät betrach­tet wer­den. In die­sem Sin­ne ist der Unter­gang des Abend­lan­des eine »Kon­struk­ti­on«, die Men­schen­rech­te aber sind »Rea­li­tät«, Volk oder gar Ras­se sind »Erfin­dun­gen«, die Mensch­heit und das freie Indi­vi­du­um aber »Tat­sa­chen«, die deut­sche Volks­er­he­bung gegen Napo­le­on ist »kon­stru­iert«, die deut­sche Stu­den­ten­er­he­bung von 1968 ist es nicht.

Dies alles sind Bei­spie­le aus einer Geschichts­wis­sen­schaft, die im Zuge ihrer eige­nen his­to­ri­schen Auf­ar­bei­tung zu einem eigen­tüm­li­chen Ergeb­nis gekom­men ist: Deut­sche His­to­ri­ker hät­ten vor 1945, eigent­lich vor 1961, Geschich­te als »Legi­ti­ma­ti­ons­wis­sen­schaft« (Peter Schött­ler) miß­braucht – als nur schein­bar wis­sen­schaft­li­che, fak­tisch aber nor­ma­tiv-poli­ti­sche Dis­zi­plin, deren Auf­ga­be die ganz struk­tur­kon­ser­va­ti­ve Unter­stüt­zung der jeweils gegen­wär­ti­gen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gewe­sen sei. Ein Rät­sel dabei ist das gute Gewis­sen, mit dem die­sel­ben His­to­ri­ker, die ihren Vor­gän­gern die mit der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit ver­bun­de­nen poli­ti­schen Ziel­set­zun­gen vor­wer­fen, ihrer­seits wie­der­um genau das­sel­be machen, aller­dings in poten­zier­ter Form. Denn die Älte­ren inte­grier­ten zwar durch­aus ihre eige­nen Über­zeu­gun­gen in ihre wis­sen­schaft­li­che Arbeit, sie taten dies aber nicht ohne Skru­pel – jeden­falls die­je­ni­gen, die ernst­haft davon über­zeugt waren, geschichts­wis­sen­schaft­li­che Arbeit habe sich um größt­mög­li­che Objek­ti­vi­tät zu bemü­hen. Davon sind heu­ti­ge His­to­ri­ker aber so frei, daß sie ein­fach ihre eige­ne, zutiefst par­tei­li­che Per­spek­ti­ve als objek­ti­ve Rea­li­tät dar­bie­ten. Der Kon­struk­ti­vis­mus als Leit­ideo­lo­gie ermög­licht es offen­bar, dem Geg­ner Schwä­chen vor­zu­hal­ten, selbst aber per­ma­nent und je nach gewünsch­tem Ergeb­nis die Argu­men­ta­ti­ons­ebe­ne zu wech­seln und jede dies­be­züg­li­che Bemer­kung damit zu kon­tern, daß »Sinn«, »Rea­li­tät«, »Wahr­heit« ohne­hin nur Kon­struk­tio­nen sei­en und daß der­je­ni­ge, der von einer Argu­men­ta­ti­on Wider­spruchs­frei­heit ver­lan­ge, längst über­hol­ten Anschau­un­gen anhänge.

Man muß die­se Gesamt­la­ge im Hin­ter­kopf behal­ten, wenn man sich ansieht, was – nicht nur deut­sche – His­to­ri­ker in den letz­ten Jah­ren an Unsinn über das »August­er­leb­nis« von 1914 ver­brei­tet haben. Das August­er­leb­nis gehört zusam­men mit Lan­ge­marck, der Schlacht bei Tan­nen­berg sowie – nega­tiv gewen­det – dem Dolch­stoß aus deut­scher Per­spek­ti­ve zu den mythi­schen Sze­nen des Ers­ten Welt­kriegs. Das allein erklärt bereits, wes halb heu­ti­ge Legi­ti­ma­ti­ons­wis­sen­schaft­ler um deren mög­lichst voll­stän­di­ge »Dekon­struk­ti­on« bemüht sind. Denn wäh­rend die geschichts­wis­sen­schaft­li­che Beschäf­ti­gung mit poli­ti­schen Mythen und mit Geschichts­po­li­tik seit eini­gen Jah­ren Kon­junk­tur hat, ist gleich­zei­tig im Hin­blick auf die jün­ge­re deut­sche Geschich­te unmiß­ver­ständ­lich klar, daß es kei­ne posi­ti­ven Anknüp­fungs­punk­te geben darf, die vor 1945 lie­gen, und daß des­halb jede wis­sen­schaft­li­che Arbeit vor allem danach beur­teilt wird, ob sie sol­che Anknüp­fungs­punk­te ermög­licht oder zunich­te macht.

Für das August­er­leb­nis hat die­se Auf­ga­be vor allem der US-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Jef­frey Ver­hey über­nom­men. Ver­hey ver­weist auf den sehr gering aus­ge­präg­ten Kriegs­en­thu­si­as­mus jen­seits des städ­ti­schen Bür­ger­tums; vor allem in der Arbei­ter­schaft und in länd­li­chen Regio­nen habe es im August 1914 von Kriegs­be­geis­te­rung kei­ne Spur gege­ben. Ver­heys Angriff zielt auf die angeb­lich aus dem August­er­leb­nis her­vor­ge­gan­ge­nen »Ideen von 1914«, wel­che den Aus­stoß Deutsch­lands aus der west­li­chen »Wer­te­ge­mein­schaft« kon­struk­tiv beant­wor­ten woll­ten, indem aus der deut­schen Geschich­te ein spe­zifsch deut­scher, zur west­li­chen »Zivi­li­sa­ti­on« alter­na­ti­ver Weg in die Moder­ne ent­wor­fen wur­de. Die­se »Ideen von 1914« haben für Ver­hey über­haupt erst das August­er­leb­nis geschaf­fen, und zwar im nach­hin­ein und gegen die eigent­li­che his­to­ri­sche Rea­li­tät. In die­sem Sin­ne han­de­le es sich um eine rei­ne Kopf­ge­burt von Leu­ten, die Kriegs­be­geis­te­rung und ein natio­na­les Ein­heits­ge­fühl nicht erleb­ten, son­dern ima­gi­nier­ten. Und natür­lich fehlt – wie auch in bezug auf Lan­ge­marck, Tan­nen­berg und den Dolch­stoß – der war­nen­de Hin­weis nicht, daß das August­er­leb­nis von den Natio­nal­so­zia­lis­ten »miß­braucht« wor­den sei und allein des­halb in sei­nem Tat­sa­chen­ge­halt als wider­legt zu gel­ten habe.

Das Haupt­pro­blem an die­ser Argu­men­ta­ti­on besteht aber gar nicht in der Durch­schau­bar­keit ihrer poli­ti­schen, auf die »Legi­ti­ma­ti­on« einer bestimm­ten poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Gesamt­ord­nung zie­len­den Moti­va­ti­on, son­dern vor allem dar­in, daß hier ein August­er­leb­nis dekon­stru­iert wird, das von den­je­ni­gen, die es erleb­ten und beschrie­ben, voll­kom­men anders dar­ge­stellt wur­de. Es muß in die­sem August 1914 so ähn­lich wie bei den Befrei­ungs­krie­gen gegen Napo­le­on gewe­sen sein: Wo die libe­ra­le Natio­nal­be­we­gung im 19. Jahr­hun­dert ziem­lich über­trie­ben von einer all­ge­mei­nen und begeis­ter­ten natio­na­len Erhe­bung sprach, wie­sen kon­ser­va­ti­ve Beob­ach­ter nüch­tern dar­auf hin, daß von einer all­ge­mei­nen Begeis­te­rung 1813 kei­ne Rede sein kön­ne, daß es aber auch gar nicht dar­auf ankom­me, son­dern auf den viel wert­vol­le­ren, weil ruhi­ge­ren und damit ent­schlos­se­ne­ren Patrio­tis­mus, der sich in der all­ge­mei­nen Bereit­schaft geäu­ßert habe, für König und Vater­land in den
Krieg zu zie­hen. In ganz ähn­li­cher Wei­se fndet man zwar in den nach­träg­li­chen Schil­de­run­gen des August­er­leb­nis­ses von 1914 man­che Über­trei­bun­gen; den Kern des Erleb­nis­ses selbst bil­de­te aber nicht irgend­ein flächen­de­cken­der Ent
husi­as­mus, son­dern die flächen­de­cken­de, mal mehr und mal weni­ger begeis­ter­te, immer aber ent­schlos­se­ne Bereit­schaft, das Vater­land gegen sei­ne Fein­de zu ver­tei­di­gen. Die Par­al­le­len zu 1813, aber auch zu den deut­schen »Erhe­bun­gen« von 1848 und 1870 wur­den schon von Zeit­ge­nos­sen her­vor­ge­ho­ben, allen vor­an von dem bür­ger­lich-libe­ra­len His­to­ri­ker Fried­rich Meinecke.

Die­ser hielt auch nach 1945 an sei­ner Deu­tung fest: »Die Erhe­bung der August­ta­ge 1914 gehört für alle, die sie mit­er­lebt haben, zu den unver­lier­ba­ren Erin­ne­rungs­wer­ten höchs­ter Art, – trotz ihres ephe­me­ren Cha­rak­ters. Alle Ris­se, die im deut­schen Men­schen­tum sowohl inner­halb des Bür­ger­tums wie zwi­schen Bür­ger­tum und Arbei­ter­schaft bis­her bestan­den hat­ten, über­wölb­ten sich plötz­lich durch die gemein­sa­me Gefahr, die über uns gekom­men war und uns aus der bis­her genos­se­nen Seku­ri­tät mate­ri­el­len Gedei­hens her­aus­riß. Und mehr als das, man spür­te dabei wohl in allen Lagern, daß es mit der blo­ßen Einig­keit eines Zweck­ver­ban­des nicht getan sei, daß eine inner­li­che Erneue­rung für das Gan­ze von Staat und Kul­tur not tue. Man glaub­te sogar viel­fach, daß sie jetzt schon begon­nen habe und wei­ter­ge­hen wer­de in dem gemein­sa­men Erleb­nis des Krie­ges, den man als einen Abwehr- und Ver­tei­di­gungs­krieg empfand.«

Daß die Tat­sa­che des natio­na­len Zusam­men­halts ange­sichts des Kriegs­aus­bruchs so außer­ge­wöhn­lich war, daß aus ihr ein »Erleb­nis« wur­de, hing, wie Mein­ecke rich­tig bemerk­te, mit den spe­zif­schen Bedin­gun­gen der deut­schen Geschich­te zusam­men, die die all­ge­mei­ne Kriegs­be­reit­schaft und Kriegs­ent­schlos­sen­heit des deut­schen Vol­kes im August 1914 alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich und auch alles ande­re als ohne wei­te­res erwart­bar erschei­nen lie­ßen. Deutsch­land war eben die »ver­spä­te­te Nati­on« (Hel­muth Pless­ner), war 1815 bei der poli­ti­schen Neu­ord­nung Euro­pas über­gan­gen wor­den und hat­te nach dem ers­ten, libe­ra­len, 1848 geschei­ter­ten Ver­such einer Natio­nal­staats­grün­dung erst 1871 einen eige­nen, preu­ßisch und kon­ser­va­tiv domi­nier­ten Natio­nal­staat erhal­ten. Die Stif­tung einer auch nur eini­ger­ma­ßen kri­sen­fes­ten natio­na­len Iden­ti­tät war daher für Deutsch­land ein ganz beson­ders heik­les Pro­blem: Im Nor­den stan­den kon­ser­va­ti­ve Alt­preu­ßen, Han­no­ve­ra­ner und ande­re, die die moder­ne, »jako­bi­ni­sche« Idee der Nati­on ablehn­ten, im Süden stan­den auf ihre par­ti­ku­la­re Sou­ve­rä­ni­tät bedach­te Bay­ern sowie rom­treue Katho­li­ken, die das als pro­tes­tan­tisch und als preu­ßisch wahr­ge­nom­me­ne Kai­ser­reich­mit Arg­wohn beob­ach­te­ten. Im gan­zen Reich schließ­lich ent­stand mit der Sozi­al­de­mo­kra­tie eine poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on der deut­schen Arbei­ter­schaft, deren Bezeich­nung als »Reichs­fein­de« kei­nes­wegs nur pole­misch war, son­dern auch eine zutref­fen­de Beschrei­bung des auf einen Umsturz der staat­li­chen Ord­nung zie­len­den sozia­lis­ti­schen Parteiprogramms.

Und die extrem gefähr­de­te außen- und geo­po­li­ti­sche Mit­tel­la­ge des Deut­schen Rei­ches, das über­haupt nur in einem »Wel­len­tal« (Lud­wig Dehio) euro­päi­scher Poli­tik geschaf­fen wer­den konn­te und das schon  sehr bald den füh­ren­den Poli­ti­kern Euro­pas als »Revo­lu­ti­on« (Ben­ja­min Dis­rae­li) des auf dem Wie­ner Kon­greß aus­ge­han­del­ten Gleich­ge­wichts­sys­tems erschien, mach­te die Sache nicht ein­fa­cher. Bis­marck gelang es als Reichs­kanz­ler, die außen­po­li­ti­sche Lage Deutsch­lands zu sta­bi­li­sie­ren, zu einer kon­struk­ti­ven Innen­po­li­tik aber fand er nicht. Der von ihm aus­ge­ru­fe­ne und von einem gro­ßen Teil der libe­ra­len und pro­tes­tan­ti­schen Öffent­lich­keit dank­bar auf­ge­nom­me­ne »Kul­tur­kampf« gegen die katho­li­sche Kir­che trug nicht gera­de zur Inte­gra­ti­on der deut­schen Katho­li­ken in das Kai­ser­reich bei, und wäh­rend man ange­sichts ihrer fak­ti­schen Ver­fas­sungs­feind­lich­keit noch ein gewis­ses Ver­ständ­nis für Bis­marcks Kampf gegen die Sozia­lis­ten auf­brin­gen kann, so war doch auch der höchs­tens auf einen gerin­gen Teil der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie zutref­fen­de Vor­wurf der Vater­lands­lo­sig­keit eher kon­tra­pro­duk­tiv. Als 1888 der 29jährige Prinz Wil­helm als Wil­helm II. die Kai­ser­wür­de erlang­te, war er ent­spre­chend mit einer innen­po­li­ti­schen Dau­er­kri­se kon­fron­tiert: Neben den Katho­li­ken und den Sozi­al­de­mo­kra­ten als den bei­den größ­ten Min­der­hei­ten­grup­pen waren noch immer die ten­den­zi­ell nati­ons­feind­li­chen Agra­risch-Kon­ser­va­ti­ven, außer­dem die im Reich ansäs­si­gen Polen und Elsäs­ser und schließ­lich auch die Juden zu berück­sich­ti­gen. Auf deren Wün­sche muß­te eben­so ein­ge­gan­gen wer­den wie auf die der ver­schie­de­nen poli­ti­schen Par­tei­en, und zugleich durf­te auch das dynas­ti­sche Prin­zip nicht in Fra­ge gestellt werden.

Wil­helm II. hat sich die­ser Sisy­pho­sauf­ga­be fünf­und­zwan­zig Jah­re lang gewid­met und – bei wach­sen­der Kri­tik vor allem von sei­ten des Adels und des gebil­de­ten Bür­ger­tums – alles ver­sucht, um als »Herr der Mit­te« (Nico­laus Som­bart) aner­kannt zu wer­den: als über­par­tei­li­cher, die gesell­schaft­li­chen Gegen­sät­ze aus­glei­chen­der Volks­kai­ser. Im August 1914 waren vor allem die deut­schen Gebil­de­ten des­halb so über­rascht, weil trotz ihrer Dau­er­kri­tik die­ses kai­ser­li­che Pro­jekt ganz offen­sicht­lich gelun­gen war. Im Juli 1914 hat­ten Deutsch­lands Geg­ner, allen vor­an Frank­reich, noch fest damit gerech­net, daß es im Kriegs­fall zu einer Deser­ti­ons­wel­le vor allem im Süden Deutsch­lands kom­men, daß die Arbei­ter­schaft der ihr feind­lich gegen­über­ste­hen­den Regie­rung die Gefolg­schaft ver­wei­gern und daß die Nati­on wie­der in ihre Ein­zel­tei­le zer­fal­len wer­de. Nichts davon pas­sier­te. In den ers­ten August­ta­gen 1914 gab der Kai­ser die Paro­le aus, nun »kei­ne Par­tei­en« mehr, son­dern nur noch »Deut­sche« zu ken­nen, die SPD stimm­te für die Kriegs­kre­di­te, die Frei­wil­li­gen­mel­dun­gen in Deutsch­land stan­den denen der ande­ren euro­päi­schen Staa­ten in nichts nach, auch der deut­sche Süden und die deut­schen Katho­li­ken hiel­ten zum Kai­ser, und der ers­te von ins­ge­samt zwei gefal­le­nen Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten war mit Lud­wig Frank ein jüdi­scher Sozialdemokrat.

Eine gro­ße, wenn nicht sogar die aus­schlag­ge­ben­de Rol­le dafür spiel­te die ver­brei­te­te Über­zeu­gung, es han­de­le sich bei den deut­schen Kriegs­er­klä­run­gen an Ruß­land und an Frank­reich um Akte der Not­wehr ange­sichts der sich immer wei­ter schlie­ßen­den Ein­krei­sung und der kon­kre­ten mili­tä­ri­schen Vor­be­rei­tun­gen des Geg­ners. Die Auf­fas­sung, der gan­ze Krieg sei ein den Mit­tel­mäch­ten von der Entente auf­ge­zwun­ge­ner Ver­tei­di­gungs­kampf, in dem es um nichts Gerin­ge­res als um die natio­na­le Exis­tenz Deutsch­lands gehe, war dabei alles ande­re als ein blo­ßes Phan­tas­ma, son­dern lag – wie jüngst vor allem, aber nicht nur Chris­to­pher Clark gezeigt hat – in den tat­säch­li­chen poli­tisch-diplo­ma­ti­schen Vor­gän­gen im Euro­pa der Vor­kriegs­zeit selbst begrün­det. Die­se offi­zi­el­le Deu­tung als Ver­tei­di­gungs­krieg war um so plau­si­bler, als der Kai­ser in den Vor­kriegs­jah­ren im Aus­land als zöger­li­cher »Frie­dens­kai­ser« ver­spot­tet wor­den war. Noch zusätz­lich bestä­tigt wur­de sie im Kriegs­ver­lauf durch die deut­schen Initia­ti­ven für einen Ver­stän­di­gungs­frie­den, die alle­samt von alli­ier­ter Sei­te abge­lehnt wurden.

Wenn daher im Ers­ten Welt­krieg erst­mals »Völ­ker als Gan­zes in den Kampf tra­ten« (Karl­heinz Weiß­mann), so gilt das auch für die Deut­schen, die damit zeig­ten, daß sie end­lich eben­falls zu einer Nati­on im poli­ti­schen Sinn gewor­den waren. Im Ernst­fall des Krie­ges die not­wen­di­ge natio­na­le Geschlos­sen­heit demons­triert zu haben, und zwar gegen mas­si­ve Wider­stän­de vier Jah­re lang, bis aus unter­schied­li­chen Grün­den im Herbst 1918 die Geschlos­sen­heit zusam­men­brach, ist der eigent­li­che Kern des August­er­leb­nis­ses. Zu »wider­le­gen« ist er nicht, denn es han­delt sich hier nicht um eine Kon­struk­ti­on, son­dern um eine geschicht­li­che Tatsache.

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