1. August 2014

Augusterlebnis 1914

Gastbeitrag

Der Konstruktivismus, der seit Jahren in den Köpfen der meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler Verwirrung stiftet und ihre Veröffentlichungen unlesbar macht, ist in der überwiegenden Zahl der Fälle hochgradig inkonsequent: »Konstruiert« und »erfunden« ist für viele Konstruktivisten keineswegs jeglicher denkend-beschreibende Zugang zu dem, was als »Wirklichkeit« erfahren wird – wie es der Konstruktivismus eigentlich nahelegt –, sondern immer nur das, was politisch, weltanschaulich oder aus anderen Gründen abgelehnt wird, während die eigenen Auffassungen selbstverständlich als adäquate Beschreibung der Realität betrachtet werden. In diesem Sinne ist der Untergang des Abendlandes eine »Konstruktion«, die Menschenrechte aber sind »Realität«, Volk oder gar Rasse sind »Erfindungen«, die Menschheit und das freie Individuum aber »Tatsachen«, die deutsche Volkserhebung gegen Napoleon ist »konstruiert«, die deutsche Studentenerhebung von 1968 ist es nicht.

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Dies alles sind Beispiele aus einer Geschichtswissenschaft, die im Zuge ihrer eigenen historischen Aufarbeitung zu einem eigentümlichen Ergebnis gekommen ist: Deutsche Historiker hätten vor 1945, eigentlich vor 1961, Geschichte als »Legitimationswissenschaft« (Peter Schöttler) mißbraucht – als nur scheinbar wissenschaftliche, faktisch aber normativ-politische Disziplin, deren Aufgabe die ganz strukturkonservative Unterstützung der jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse gewesen sei. Ein Rätsel dabei ist das gute Gewissen, mit dem dieselben Historiker, die ihren Vorgängern die mit der wissenschaftlichen Arbeit verbundenen politischen Zielsetzungen vorwerfen, ihrerseits wiederum genau dasselbe machen, allerdings in potenzierter Form. Denn die Älteren integrierten zwar durchaus ihre eigenen Überzeugungen in ihre wissenschaftliche Arbeit, sie taten dies aber nicht ohne Skrupel – jedenfalls diejenigen, die ernsthaft davon überzeugt waren, geschichtswissenschaftliche Arbeit habe sich um größtmögliche Objektivität zu bemühen. Davon sind heutige Historiker aber so frei, daß sie einfach ihre eigene, zutiefst parteiliche Perspektive als objektive Realität darbieten. Der Konstruktivismus als Leitideologie ermöglicht es offenbar, dem Gegner Schwächen vorzuhalten, selbst aber permanent und je nach gewünschtem Ergebnis die Argumentationsebene zu wechseln und jede diesbezügliche Bemerkung damit zu kontern, daß »Sinn«, »Realität«, »Wahrheit« ohnehin nur Konstruktionen seien und daß derjenige, der von einer Argumentation Widerspruchsfreiheit verlange, längst überholten Anschauungen anhänge.

Man muß diese Gesamtlage im Hinterkopf behalten, wenn man sich ansieht, was – nicht nur deutsche – Historiker in den letzten Jahren an Unsinn über das »Augusterlebnis« von 1914 verbreitet haben. Das Augusterlebnis gehört zusammen mit Langemarck, der Schlacht bei Tannenberg sowie – negativ gewendet – dem Dolchstoß aus deutscher Perspektive zu den mythischen Szenen des Ersten Weltkriegs. Das allein erklärt bereits, wes halb heutige Legitimationswissenschaftler um deren möglichst vollständige »Dekonstruktion« bemüht sind. Denn während die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit politischen Mythen und mit Geschichtspolitik seit einigen Jahren Konjunktur hat, ist gleichzeitig im Hinblick auf die jüngere deutsche Geschichte unmißverständlich klar, daß es keine positiven Anknüpfungspunkte geben darf, die vor 1945 liegen, und daß deshalb jede wissenschaftliche Arbeit vor allem danach beurteilt wird, ob sie solche Anknüpfungspunkte ermöglicht oder zunichte macht.

Für das Augusterlebnis hat diese Aufgabe vor allem der US-amerikanische Historiker Jeffrey Verhey übernommen. Verhey verweist auf den sehr gering ausgeprägten Kriegsenthusiasmus jenseits des städtischen Bürgertums; vor allem in der Arbeiterschaft und in ländlichen Regionen habe es im August 1914 von Kriegsbegeisterung keine Spur gegeben. Verheys Angriff zielt auf die angeblich aus dem Augusterlebnis hervorgegangenen »Ideen von 1914«, welche den Ausstoß Deutschlands aus der westlichen »Wertegemeinschaft« konstruktiv beantworten wollten, indem aus der deutschen Geschichte ein spezifsch deutscher, zur westlichen »Zivilisation« alternativer Weg in die Moderne entworfen wurde. Diese »Ideen von 1914« haben für Verhey überhaupt erst das Augusterlebnis geschaffen, und zwar im nachhinein und gegen die eigentliche historische Realität. In diesem Sinne handele es sich um eine reine Kopfgeburt von Leuten, die Kriegsbegeisterung und ein nationales Einheitsgefühl nicht erlebten, sondern imaginierten. Und natürlich fehlt – wie auch in bezug auf Langemarck, Tannenberg und den Dolchstoß – der warnende Hinweis nicht, daß das Augusterlebnis von den Nationalsozialisten »mißbraucht« worden sei und allein deshalb in seinem Tatsachengehalt als widerlegt zu gelten habe.

Das Hauptproblem an dieser Argumentation besteht aber gar nicht in der Durchschaubarkeit ihrer politischen, auf die »Legitimation« einer bestimmten politisch-gesellschaftlichen Gesamtordnung zielenden Motivation, sondern vor allem darin, daß hier ein Augusterlebnis dekonstruiert wird, das von denjenigen, die es erlebten und beschrieben, vollkommen anders dargestellt wurde. Es muß in diesem August 1914 so ähnlich wie bei den Befreiungskriegen gegen Napoleon gewesen sein: Wo die liberale Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ziemlich übertrieben von einer allgemeinen und begeisterten nationalen Erhebung sprach, wiesen konservative Beobachter nüchtern darauf hin, daß von einer allgemeinen Begeisterung 1813 keine Rede sein könne, daß es aber auch gar nicht darauf ankomme, sondern auf den viel wertvolleren, weil ruhigeren und damit entschlosseneren Patriotismus, der sich in der allgemeinen Bereitschaft geäußert habe, für König und Vaterland in den
Krieg zu ziehen. In ganz ähnlicher Weise fndet man zwar in den nachträglichen Schilderungen des Augusterlebnisses von 1914 manche Übertreibungen; den Kern des Erlebnisses selbst bildete aber nicht irgendein flächendeckender Ent
husiasmus, sondern die flächendeckende, mal mehr und mal weniger begeisterte, immer aber entschlossene Bereitschaft, das Vaterland gegen seine Feinde zu verteidigen. Die Parallelen zu 1813, aber auch zu den deutschen »Erhebungen« von 1848 und 1870 wurden schon von Zeitgenossen hervorgehoben, allen voran von dem bürgerlich-liberalen Historiker Friedrich Meinecke.

Dieser hielt auch nach 1945 an seiner Deutung fest: »Die Erhebung der Augusttage 1914 gehört für alle, die sie miterlebt haben, zu den unverlierbaren Erinnerungswerten höchster Art, – trotz ihres ephemeren Charakters. Alle Risse, die im deutschen Menschentum sowohl innerhalb des Bürgertums wie zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft bisher bestanden hatten, überwölbten sich plötzlich durch die gemeinsame Gefahr, die über uns gekommen war und uns aus der bisher genossenen Sekurität materiellen Gedeihens herausriß. Und mehr als das, man spürte dabei wohl in allen Lagern, daß es mit der bloßen Einigkeit eines Zweckverbandes nicht getan sei, daß eine innerliche Erneuerung für das Ganze von Staat und Kultur not tue. Man glaubte sogar vielfach, daß sie jetzt schon begonnen habe und weitergehen werde in dem gemeinsamen Erlebnis des Krieges, den man als einen Abwehr- und Verteidigungskrieg empfand.«

Daß die Tatsache des nationalen Zusammenhalts angesichts des Kriegsausbruchs so außergewöhnlich war, daß aus ihr ein »Erlebnis« wurde, hing, wie Meinecke richtig bemerkte, mit den spezifschen Bedingungen der deutschen Geschichte zusammen, die die allgemeine Kriegsbereitschaft und Kriegsentschlossenheit des deutschen Volkes im August 1914 alles andere als selbstverständlich und auch alles andere als ohne weiteres erwartbar erscheinen ließen. Deutschland war eben die »verspätete Nation« (Helmuth Plessner), war 1815 bei der politischen Neuordnung Europas übergangen worden und hatte nach dem ersten, liberalen, 1848 gescheiterten Versuch einer Nationalstaatsgründung erst 1871 einen eigenen, preußisch und konservativ dominierten Nationalstaat erhalten. Die Stiftung einer auch nur einigermaßen krisenfesten nationalen Identität war daher für Deutschland ein ganz besonders heikles Problem: Im Norden standen konservative Altpreußen, Hannoveraner und andere, die die moderne, »jakobinische« Idee der Nation ablehnten, im Süden standen auf ihre partikulare Souveränität bedachte Bayern sowie romtreue Katholiken, die das als protestantisch und als preußisch wahrgenommene Kaiserreichmit Argwohn beobachteten. Im ganzen Reich schließlich entstand mit der Sozialdemokratie eine politische Organisation der deutschen Arbeiterschaft, deren Bezeichnung als »Reichsfeinde« keineswegs nur polemisch war, sondern auch eine zutreffende Beschreibung des auf einen Umsturz der staatlichen Ordnung zielenden sozialistischen Parteiprogramms.

Und die extrem gefährdete außen- und geopolitische Mittellage des Deutschen Reiches, das überhaupt nur in einem »Wellental« (Ludwig Dehio) europäischer Politik geschaffen werden konnte und das schon  sehr bald den führenden Politikern Europas als »Revolution« (Benjamin Disraeli) des auf dem Wiener Kongreß ausgehandelten Gleichgewichtssystems erschien, machte die Sache nicht einfacher. Bismarck gelang es als Reichskanzler, die außenpolitische Lage Deutschlands zu stabilisieren, zu einer konstruktiven Innenpolitik aber fand er nicht. Der von ihm ausgerufene und von einem großen Teil der liberalen und protestantischen Öffentlichkeit dankbar aufgenommene »Kulturkampf« gegen die katholische Kirche trug nicht gerade zur Integration der deutschen Katholiken in das Kaiserreich bei, und während man angesichts ihrer faktischen Verfassungsfeindlichkeit noch ein gewisses Verständnis für Bismarcks Kampf gegen die Sozialisten aufbringen kann, so war doch auch der höchstens auf einen geringen Teil der deutschen Sozialdemokratie zutreffende Vorwurf der Vaterlandslosigkeit eher kontraproduktiv. Als 1888 der 29jährige Prinz Wilhelm als Wilhelm II. die Kaiserwürde erlangte, war er entsprechend mit einer innenpolitischen Dauerkrise konfrontiert: Neben den Katholiken und den Sozialdemokraten als den beiden größten Minderheitengruppen waren noch immer die tendenziell nationsfeindlichen Agrarisch-Konservativen, außerdem die im Reich ansässigen Polen und Elsässer und schließlich auch die Juden zu berücksichtigen. Auf deren Wünsche mußte ebenso eingegangen werden wie auf die der verschiedenen politischen Parteien, und zugleich durfte auch das dynastische Prinzip nicht in Frage gestellt werden.

Wilhelm II. hat sich dieser Sisyphosaufgabe fünfundzwanzig Jahre lang gewidmet und – bei wachsender Kritik vor allem von seiten des Adels und des gebildeten Bürgertums – alles versucht, um als »Herr der Mitte« (Nicolaus Sombart) anerkannt zu werden: als überparteilicher, die gesellschaftlichen Gegensätze ausgleichender Volkskaiser. Im August 1914 waren vor allem die deutschen Gebildeten deshalb so überrascht, weil trotz ihrer Dauerkritik dieses kaiserliche Projekt ganz offensichtlich gelungen war. Im Juli 1914 hatten Deutschlands Gegner, allen voran Frankreich, noch fest damit gerechnet, daß es im Kriegsfall zu einer Desertionswelle vor allem im Süden Deutschlands kommen, daß die Arbeiterschaft der ihr feindlich gegenüberstehenden Regierung die Gefolgschaft verweigern und daß die Nation wieder in ihre Einzelteile zerfallen werde. Nichts davon passierte. In den ersten Augusttagen 1914 gab der Kaiser die Parole aus, nun »keine Parteien« mehr, sondern nur noch »Deutsche« zu kennen, die SPD stimmte für die Kriegskredite, die Freiwilligenmeldungen in Deutschland standen denen der anderen europäischen Staaten in nichts nach, auch der deutsche Süden und die deutschen Katholiken hielten zum Kaiser, und der erste von insgesamt zwei gefallenen Reichstagsabgeordneten war mit Ludwig Frank ein jüdischer Sozialdemokrat.

Eine große, wenn nicht sogar die ausschlaggebende Rolle dafür spielte die verbreitete Überzeugung, es handele sich bei den deutschen Kriegserklärungen an Rußland und an Frankreich um Akte der Notwehr angesichts der sich immer weiter schließenden Einkreisung und der konkreten militärischen Vorbereitungen des Gegners. Die Auffassung, der ganze Krieg sei ein den Mittelmächten von der Entente aufgezwungener Verteidigungskampf, in dem es um nichts Geringeres als um die nationale Existenz Deutschlands gehe, war dabei alles andere als ein bloßes Phantasma, sondern lag – wie jüngst vor allem, aber nicht nur Christopher Clark gezeigt hat – in den tatsächlichen politisch-diplomatischen Vorgängen im Europa der Vorkriegszeit selbst begründet. Diese offizielle Deutung als Verteidigungskrieg war um so plausibler, als der Kaiser in den Vorkriegsjahren im Ausland als zögerlicher »Friedenskaiser« verspottet worden war. Noch zusätzlich bestätigt wurde sie im Kriegsverlauf durch die deutschen Initiativen für einen Verständigungsfrieden, die allesamt von alliierter Seite abgelehnt wurden.

Wenn daher im Ersten Weltkrieg erstmals »Völker als Ganzes in den Kampf traten« (Karlheinz Weißmann), so gilt das auch für die Deutschen, die damit zeigten, daß sie endlich ebenfalls zu einer Nation im politischen Sinn geworden waren. Im Ernstfall des Krieges die notwendige nationale Geschlossenheit demonstriert zu haben, und zwar gegen massive Widerstände vier Jahre lang, bis aus unterschiedlichen Gründen im Herbst 1918 die Geschlossenheit zusammenbrach, ist der eigentliche Kern des Augusterlebnisses. Zu »widerlegen« ist er nicht, denn es handelt sich hier nicht um eine Konstruktion, sondern um eine geschichtliche Tatsache.


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