Der Krieg und die Schriftsteller

Die Jahrhundertwende war gekennzeichnet durch Opposition von Kunst und Literatur gegen das Etablierte.

 Gastbeitrag

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Natu­ra­lis­ten beklag­ten man­geln­de Auf­merk­sam­keit für die sozia­le Fra­ge. Expres­sio­nis­ten pro­kla­mier­ten den Auf­bruch aus satu­rier­ter Erstar­rung. Zeit­schrif­ten wie der Sim­pli­cis­si­mus mit Sati­ri­kern von Lud­wig Tho­ma bis Hein­rich Mann gei­ßel­ten die bür­ger­lich-adli­ge Fas­sa­den-Gesell­schaft, kari­kier­ten preu­ßi­sche Mili­tär­ge­sin­nung oder spot­te­ten über wil­hel­mi­ni­sche Reprä­sen­ta­ti­ons­kunst. Ger­hart Haupt­mann scho­ckier­te durch sei­ne Mit­leids-Dra­ma­tik (Vor Son­nen­auf­gang, Die Weber), was man von höchs­ter Stel­le als »Rinn­stein­kunst« schalt und durch Kün­di­gung der Kai­ser­lo­ge quit­tier­te. Seit August 1914 jedoch gehör­te Haupt­mann zu den Deutsch­land-Advo­ka­ten in vor­ders­ter Linie und leg­te sich mit Romain Rol­land und ande­ren Anklä­gern aus der Rie­ge der inter­na­tio­na­len Kul­tur­sze­ne öffent­lich an.

Was zahl­rei­che Deut­sche bei Kriegs­aus­bruch ent­flamm­te, war das Bewußt­sein ver­schwo­re­ner natio­na­ler Ein­heit in der Stun­de höchs­ter Gefahr. Man faß­te es unter Schlag­wor­ten wie »August­er­leb­nis«, »Ideen von 1914« oder »Burg­frie­de« gemäß Kai­ser Wil­helms Wor­ten, »Ich ken­ne kei­ne Par­tei­en mehr, ich ken­ne nur noch Deut­sche!« Die Eupho­rie ist von Schrift­stel­lern hun­dert­fach ver­bürgt: unge­wöhn­li­che, aber auch beson­de­re Quel­len, inso­fern gera­de Lite­ra­ten sich häu­fig als volks­his­to­ri­sche Deu­ter ein­brin­gen, nicht sel­ten sogar als Schöp­fer oder Zer­stö­rer von Mythen. So notier­te etwa der inter­na­tio­na­le Best­sel­ler­au­tor Emil Lud­wig am 4. August: »Ein Pathos, das drei gan­ze Tage währt? Ein unend­li­ches Pathos! In die­sen Tagen war jeder ein­zel­ne zugleich das Gan­ze, jeder trug die deut­sche Kro­ne, jeder war Micha­el.« Ernst Bar­lach ver­glich das August­er­leb­nis mit »einem gro­ßen Lie­bes­aben­teu­er« und »Glücks­ge­fühl«, »außer sich zu sein, erlöst von sich. Und dies Grö­ße­re ist kei­ne blo­ße Idee. In den ers­ten Tagen konn­te ich nicht schla­fen in die­sem Zustand vor Erwei­te­rung.« Und Fried­rich Gun­dolf froh­lock­te, »eine sol­che Ein­heit zu erle­ben«, sei »schon einen Welt­krieg wert«.

Irri­tiert gab sich selbst der Radi­kal­pa­zi­fist Wil­helm Her­zog: »Rea­li­tät wird immer stär­ker sein als unse­re Idee. … Wir, Freun­de des Frie­dens und Kün­der einer neu­en Ethik, mel­den uns als Kriegs­frei­wil­li­ge.« Hugo von Hof­manns­thal sah »bis zum letz­ten Holz­knecht« nur freu­di­ge Ent­schlos­sen­heit, Har­ry Graf Kess­ler mein­te, aus dem »in neue Form« gegos­se­nen deut­schen Volk sei etwas »aus unbe­wuß­ten Tie­fen« empor­ge­stie­gen, »das ich nur mit einer Art Hei­lig­keit ver­glei­chen kann«. Richard Deh­mel sprach von einem an Pfngs­ten erin­nern­den »see­li­schen Flam­men­wun­der«. Aus einem Stän­de­staat sei »all der Par­tei­ha­der und Kli­cken­dün­kel«, alles »Skla­ven­händ­ler-Her­ren­tum« plötz­lich wie »weg­ge­zau­bert«. In die­sem Ton geht es wei­ter über Ina Sei­del und Ilse Kurz (»Mein Volk, wie bist du groß«) bis zu dem bereits im Sep­tem­ber gefal­le­nen Ernst Wil­helm Lotz (»Und auf allen Gesich­tern sieht man eine groß leuch­ten­de Begeis­te­rung, es gibt kei­ne Unter­schie­de mehr zwi­schen Social­de­mo­kra­ten, Elsäs­sern und Patrio­ten«) oder Alfred Döblin, der noch im August 1917 ver­kün­de­te: »Der Krieg hat eine Volks­ge­mein­schaft geschaf­fen, wie die lan­gen Frie­dens­jah­re nicht«, erho­ben über »Kas­ten und Stän­de« mit »von Stun­de zu Stun­de« wach­sen­der Kraft.

Robert Musil erfuhr die Mobil­ma­chung in Ber­lin als rausch­haf­tes »gro­ßes Erleb­nis«, »das Gott nahe­bringt«, Todes­furcht zurück­drän­ge oder das Gefühl erwe­cke, Goe­the »zu ver­tei­di­gen«. Man dür­fe es auch aus zeit­li­cher Distanz nicht abwer­ten. Schlie­ßen wir mit Sig­mund Freuds Jubel bei Kriegs­aus­bruch, seit 30 Jah­ren gehö­re Öster­reich-Ungarn erst­mals wie­der sei­ne »gan­ze Libi­do«. In der neu­en »Burgfrieden«-Gesellschaft sah man spon­tan alles Tren­nen­de über­wun­den zwi­schen Klas­sen, Regio­nen, Kon­fes­sio­nen, Eth­ni­en, Genera­tio­nen, Kul­tu­ren, Men­ta­li­tä­ten, Geschlech­tern oder Berufs­grup­pen. Die Bewil­li­gung der Kriegs­kre­di­te durch die SPD, in deren Kon­text auch »kriegs­so­zia­lis­ti­sche« Refor­men und wich­ti­ge kon­kre­te Schrit­te zu einer all­ge­mei­nen gesell­schaft­li­chen Aus­söh­nung erfolg­ten, ent­lock­te dem Arbei­ter­dich­ter Karl Brö­ger fol­gen­des »Bekennt­nis«:

Immer schon haben wir eine Lie­be zu dir gekannt, / bloß wir haben sie nie mit einem Namen genannt. /
Als man uns rief, da zogen wir schwei­gend fort, / auf den Lip­pen nicht, aber im Her­zen das Wort /
Deutschland! … /
Herr­lich zeigt es aber dei­ne größ­te Gefahr, / daß dein ärms­ter Sohn auch dein getreu­es­ter war.

Ein Wort zum Ver­hält­nis der Kir­che zum Staat: Von pro­tes­tan­ti­scher Sei­te war dies ja ohne­hin über­aus loy­al, und Autoren wie Wal­ter Flex oder der spä­te­re Pas­tor Niem­öl­ler iden­tif­zier­ten beden­ken­los deut­sche und gött­li­che Belan­ge. Neu war der Schul­ter­schluß zwi­schen dem (preu­ßi­schen) Staat und der katho­li­schen Kir­che, eine Bezie­hung, die zuvor an den Fol­gen des Kul­tur­kampfs gelit­ten hat­te. Nun wur­den staat­li­cher­seits etwa die Dis­kri­mi­nie­run­gen der Jesui­ten auf­ge­ho­ben. Und der Pries­ter­dich­ter Ernst Thra­solt ver­wies als Modell für die Gegen­wart auf das Tole­ran­ze­dikt von 313, in dem das Chris­ten­tum mit dem römi­schen Staat aus­ge­söhnt wurde.

»Hei­li­ge Feu­er« sah er nun »durch die deut­schen Lan­de« und alle Front­ab­schnit­te leuch­ten. In einem gro­ßen hei­li­gen Welt­brand wür­den »alle Gott­lo­sig­keit und unchrist­li­ches Wesen, alles undeut­sche und unna­tür­li­che Wesen« weg­ge­fres­sen. Auch regio­na­le Dif­fe­ren­zen ver­lo­ren ihre Schär­fe. Der Nord-Süd-Gegen­satz, in dem Preu­ßen für spar­ta­ni­sches Krie­ger­ethos stand, nega­tiv for­mu­liert: den Mili­ta­ris­mus, Bay­ern oder Würt­tem­berg hin­ge­gen für das katho­li­sche und libe­ra­le Ele­ment, war pas­sé. Jetzt deu­te­te man­cher sogar die geis­ti­ge und mili­tä­ri­sche Rüs­tung als wei­se Vor­aus­sicht. Natür­lich lit­ten nicht­deut­sche Min­der­hei­ten in den Grenz­zo­nen, exem­pla­risch in Elsaß-Loth­rin­gen. Doch die Hoff­nun­gen fran­zö­si­scher Chau­vi­nis­ten erfüll­ten sich nicht. Es gab kaum Deser­tio­nen, viel­mehr eine mit Inner­deutsch­land ver­gleich­ba­re Frei­wil­li­gen­zahl. Adri­en­ne Tho­mas regis­trier­te in Metz gro­ße vater­län­di­sche Gefüh­le und kaum Loya­li­täts­konflik­te. Zumin­dest in den ers­ten Kriegs­jah­ren erscheint die Anord­nung des preu­ßi­schen Kriegs­mi­nis­te­ri­ums vom 15. März 1915, Elsaß-Loth­rin­ger nur mehr an der Ost­front ein­zu­set­zen, als Faux­pas, der die Grenz­be­woh­ner in ihrem Patrio­tis­mus kränkte.

Zudem gin­gen die Genera­tio­nen wie­der auf­ein­an­der zu, da sich die Jugend­re­vol­te nun gegen den gemein­sa­men äuße­ren Feind rich­te­te. Zuvor hat­te es deut­li­che Sym­pto­me von Vater-Sohn-Konflik­ten gege­ben. Die Jugend­be­we­gung war aufs Land gezo­gen und hat­te zen­tra­le Wer­te der in der Grün­der­zeit reich Gewor­de­nen ver­ach­tet. Auch hat­te sie gegen das Erdrü­ckend-Auto­ri­ta­ti­ve der Alt­vor­de­ren pro­tes­tiert. Carl Zuck­may­er erin­ner­te sich, daß ihm das abzu­die­nen­de Sol­da­ten­jahr wäh­rend der Gym­na­si­al­zeit stets als »pein­li­che, bedroh­li­che Vor­stel­lung« von »Still­ste­hen, Maul­hal­ten« erschie­nen sei. Jetzt hin­ge­gen war es »Befrei­ung von bür­ger­li­cher Enge und Klein­lich­keit, von Schul­zwang« und allem, »woge­gen wir schon im ›Wan­der­vo­gel‹ revol­tiert hat­ten«. Jetzt war es »blu­ti­ger, hei­li­ger Ernst, und zugleich ein gewal­ti­ges, berau­schen­des Aben­teu­er, für das man das biß­chen Zucht und Kom­miß­kram gern in Kauf nahm. Wir schrien ›Frei­heit‹, als wir uns in die Zwangs­ja­cke der preu­ßi­schen Uni­form stürzten.« Und der 16jährige Schü­ler Brecht, noch im War­te­stand zum Sol­da­ten­tum, ver­sprach per Zei­tung, die Zurück­blei­ben­den wür­den zei­gen, »daß sie ihrer Brü­der und Söh­ne wür­dig sind. Die Frau­en wer­den das Wort vom schwä­che­ren Geschlecht Lügen stra­fen, die Jugend den Ver­dacht, der auf der ›moder­nen Jugend‹ liegt, zurück­wei­sen. Wir alle, alle Deut­schen, fürch­ten Gott und sonst nichts auf der Welt.«

In Dut­zen­den von lite­ra­ri­schen Bekennt­nis­sen und Apo­lo­gien kam es zum Schul­ter­schluß mit dem Reich, und fast alles, was damals Rang und Namen hat­te, betei­lig­te sich dar­an: Tho­mas Mann, Deh­mel, Ril­ke, Frens­sen, Gang­ho­fer, Bor­chardt, Wede­kind oder Arnold Zweig. Her­mann Suder­mann und Lud­wig Ful­da ent­war­fen den Text des Auf­rufs der 93 Intel­lek­tu­el­len gegen Vor­wür­fe bar­ba­ri­scher deut­scher Kriegs­füh­rung. Über den »Geist von 1914« wur­den in Deutsch­land allein von August bis Jah­res­en­de 86 Thea­ter­stü­cke urauf­ge­führt. Die Macht­eli­ten hono­rier­ten dies: Brö­gers »Bekennt­nis« wur­de bis 1916 in 40 Mil­lio­nen Abdru­cken ver­brei­tet; Beth­mann Hol­lweg zitier­te es im Reichs­tag als Ein­heits­be­leg. Kai­ser Wil­helm ver­lieh Ernst Lissau­er den Roten Adler­or­den für sei­nen popu­lä­ren »Haß­ge­sang gegen Eng­land«. Zahl­rei­che ähn­lich Deko­rier­te folgten.

Als Frei­wil­li­ge mel­de­ten sich unter vie­len ande­ren: (fast 51jährig) Richard Deh­mel, Wal­ter Flex (trotz Seh­nen­schwä­che in der Hand; †1917), die Brü­der Jün­ger, Peter Bamm, Oskar Kokosch­ka, Rudolf Leon­hard, August Stramm (†1915), Rin­gel­natz, Kla­bund, Rein­hard Johan­nes Sor­ge (†1916), Lud­wig Tho­ma, Lud­wig Gang­ho­fer, Bör­ries von Münch­hau­sen, Ernst Tol­ler, Wie­land Herz­fel­de, Alex­an­der Ler­net-Hole­nia, Wal­ter Hasen­cle­ver, Ernst Wie­chert oder Joseph Roth. Zu den früh Gefal­le­nen unter ihnen gehör­ten der 48jährige Her­mann Löns, den das Schick­sal bereits im Sep­tem­ber 1914 ereil­te, wie auch Ernst Wil­helm Lotz oder Alfred Lich­ten­stein. Tra­gisch war der Sol­da­ten­tod von Ger­rit Engel­ke noch am 13. Okto­ber 1918, nach­dem er ver­zich­tet hat­te, sich rekla­mie­ren zu las­sen. Als Frei­wil­li­ge aus­ge­mus­tert wur­den Alfred Kerr, Hugo Ball oder der im Frie­dens­dienst beschäf­tig­te Her­mann Hes­se, der damals die Ver­wandt­schaft von Künst­ler und Sol­dat bedich­te­te: »Die ihr drau­ßen in den Schlach­ten stan­det, / Seid mir Brü­der nun und neu geliebt!«

Tho­mas Mann stand dem nicht nach: »Wie hät­te der Künst­ler, der Sol­dat im Künst­ler nicht Gott loben sol­len für den Zusam­men­bruch einer Frie­dens­welt, die er so satt hat­te! / Krieg! Es war Rei­ni­gung, Befrei­ung, was wir emp­fan­den, und eine unge­heu­re Hoff­nung.« Nicht zuletzt jüdi­sche Schrift­stel­ler sahen den Welt­krieg als Chan­ce, enger mit der Hei­mat zu ver­wach­sen. Dazu dien­ten Frei­wil­li­gen­mel­dun­gen oder publi­zis­ti­sche Bei­trä­ge, von Arnold Zweig über Alfred Döblin bis Ernst Lissau­er, des­sen »Haß­ge­sang« vom bay­ri­schen Kron­prin­zen an die Trup­pe ver­teilt wur­de. Ernst Tol­ler froh­lock­te damals, der Kai­ser ken­ne kei­ne Par­tei­en und »das Land kei­ne Ras­sen mehr«, alle »ver­tei­di­gen eine Mut­ter, Deutsch­land«. »Ja, wir leben in einem Rausch des Gefühls. Die Wor­te … Vater­land, Krieg haben magne­ti­sche Kraft.« Fried­rich Gun­dolf schwärm­te nach Tan­nen­berg gegen­über Karl Wolfs­kehl: »die­se Tage als Deut­scher erlebt zu haben wiegt jede Sehn­sucht nach Per­ser­kriegs­glo­rie und impe­ria­len Sie­gen auf – es ist die Wirk­lich­keit eines gros­sen Volks, und uns­res Volks.«

Alfred Kerr schließ­lich, der dama­li­ge Reich-Rani­cki der Thea­ter­kri­tik, ver­öf­fent­lich­te neben diver­sen mar­tia­li­schen Bekennt­nis­sen, in denen er den »Deutsch­land­het­zern« die Krät­ze an den Hals und den Rus­sen die Ver­nich­tung wünsch­te (»Zaren­dreck! Bar­ba­ren­dreck! Peitscht sie weg!«), fol­gen­de Ver­se: »Es weht der Aller­see­len­wind. / Wir schrei­ten alle Einen Schritt. / Und die wir fern vom Fel­de sind, / Wir kämp­fen mit; wir ster­ben mit.« Auch jüdi­sche Autorin­nen begeis­ter­ten sich für die Ein­heit: allen vor­an Else Ury mit dem popu­lä­ren Kin­der­buch Nest­häk­chen und der Welt­krieg, Lola Land­au oder Adri­en­ne Tho­mas, die 1930 den pazi­fis­ti­schen Best­sel­ler Die Kat­rin wird Sol­dat publi­zie­ren wird. Im Krieg sam­mel­te sie Auto­gram­me dama­li­ger Armee-Ido­le, und auf die Rück­erobe­rung von Prze­mysl reagier­te sie laut Tage­buch vom 3. Juni 1915 begeis­tert: »Metz prangt in Flag­gen­schmuck. … als ich ankam, begann die Mili­tär­ka­pel­le auf dem (Parade)Platz ›Es braust ein Ruf wie Don­ner­hall‹ zu spie­len. Da fühl­te man denn so recht, wie deutsch das Herz ist, trotz all der Abscheu vor dem furcht­ba­ren Mor­den … Ich habe begeis­tert mit­ge­sun­gen u. aus Lei­bes­kräf­ten hur­ra gerufen.«

Ähn­li­che Stim­mung bei der Hei­ne-Bio­gra­phin Doris Witt­ner, die es 1914 »tief ergrei­fend« fand, zu sehen, »wie die hete­ro­gens­ten Geis­ter« sich in einer »For­mel« fin­den: »Zu sehen, wie ein Volk auf­steht, Mann an Mann, Frau für Frau, zusam­men­ge­schweißt vom Geist der Pflicht«. Das sei ein so gro­ßes und groß­ar­ti­ges Erleb­nis, »so hei­lend und hei­li­gend, daß man ihm Ehr­furcht und Dank­bar­keit nicht ver­sa­gen darf«. »Das Volk, das die Nibe­lun­gen­sa­ge, die Refor­ma­ti­on, Goe­the und die Frei­heits­krie­ge erschuf, ist nicht zu besie­gen«. Damit zu den Frau­en gene­rell: Dem retro­spek­ti­ven Kli­schee einer stil­len Anti-Kriegs-Front gebo­re­ner Pazifs­tin­nen ent­spra­chen sie nicht. Sie tru­gen viel­mehr ihren Teil zur natio­na­len Wehr­ge­mein­schaft bei. Exem­pla­risch galt dies für Lyri­ke­rin­nen wie Ina Sei­del (»Der Fuß­breit Erde«) oder Isol­de Kurz (»Ora­kel«).

Frü­he­re femi­nis­ti­sche Eman­zi­pa­ti­ons­kämp­fe wur­den umge­hend ver­tagt oder à la »Burg­frie­den« gelöst. Ger­trud Bäu­mer etwa, Vor­sit­zen­de des Bun­des Deut­scher Frau­en­ver­ei­ne (BDF), nann­te »Hei­mat­dienst« »die Kriegs­über­set­zung des Wor­tes Frau­en­be­we­gung«. Auch hieß es zuwei­len, der Krieg habe die Bezie­hung der Geschlech­ter wie­der ver­bes­sert. So etwa bei Agnes Har­der (Unse­re Hel­den, 1915) oder Lily Braun, Autorin, Sozi­al­de­mo­kra­tin und eine der Grün­der­müt­ter der Frau­en­be­we­gung. Gemäß ihrem Band Die Frau­en und der Krieg (1915) habe der Krieg schlag­ar­tig »bei den deut­schen Män­nern all jene Effe­mi­nie­rungs­er­schei­nun­gen, die auf den ver­schie­dens­ten Gebie­ten schon zuta­ge getre­ten waren«, ver­nich­tet. Die jet­zi­gen Sol­da­ten sei­en wie­der »nichts als Män­ner, von dem einen ursprüng­li­chen, pri­mi­ti­ven Geschlechts­ge­fühl durch­glu­tet und zusam­men­ge­hal­ten: schüt­zen – die Schol­le ver­tei­di­gen – kämp­fen«. Des­glei­chen habe der Krieg die »män­ni­schen« »Gelüs­te und Ehr­süch­te der Frau­en« zer­stört, »ihren sen­ti­men­ta­len Pazifs­mus, ihren törich­ten Traum von der Schwes­tern­schaft aller Men­schen weib­li­chen Geschlechts.«

Sol­che Zuspit­zun­gen waren eher sel­ten. Doch die Lan­des­ver­tei­di­gung wur­de von der gro­ßen weib­li­chen Mehr­heit bejaht und als ehren­vol­ler Schutz ihrer selbst und der Kin­der ver­stan­den, wobei auch sie sich kari­ta­tiv ein­brach­ten und als schwers­te »Kriegs­pflicht« das poten­ti­el­le Opfer ihrer Ange­hö­ri­gen zu akzep­tie­ren hat­ten. In die­sem Sin­ne war­ben Hun­der­te von Büchern oder sons­ti­ge Bei­trä­ge – mit größ­tem Publi­kums­er­folg Else Ury, sodann Thea von Har­bou, deren Der Krieg und die Frau­en immer­hin 100000 Käu­fer fand, gefolgt von Anny Wothes Voge­sen­wacht (1915: 95000). Bei allem Unbe­ha­gen: Expli­zi­te Kriegs­kri­tik fndet sich sel­ten in der Frau­en­li­te­ra­tur, zumin­dest vor 1917. Zu den Aus­nah­men gehö­ren Hed­wig Dohm, die cou­ra­gier­te Deutsch-Fran­zö­sin Annet­te Kolb, Cla­ra Vie­big (Töch­ter der Heku­ba, 1917; Aufla­ge: 47000) oder die skan­dal­in­ter­es­sier­te Clai­re Stu­der, spä­te­re Goll, mit der Schwei­zer Publi­ka­ti­on Die Frau­en erwa­chen. Doch damit sind wir schon kurz vor der Revo­lu­ti­on 1918, als das »Burgfrieden«-Sozialprojekt unter der Last der Opfer von Mil­lio­nen Toten und einer weit­hin aus­ge­hun­ger­ten Bevöl­ke­rung zusam­men­ge­bro­chen war. Neue­re His­to­ri­ker in Nach­fol­ge von Jef­frey Ver­hey haben dar­aus gefol­gert, das Stim­mungs­hoch seit August 1914 sei im Kern ein kurz­le­bi­ges pro­pa­gan­da­ge­steu­er­tes Min­der­hei­ten­er­leb­nis ohne Tie­fen­wir­kung gewe­sen. Sie irren gewal­tig, wie nicht zuletzt 1933 beweist, als man effekt­voll an ein offen­bar attrak­ti­ves Erleb­nis anzu­knüp­fen vermochte.

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