1. August 2014

Der Krieg und die Schriftsteller

Gastbeitrag

Die Jahrhundertwende war gekennzeichnet durch Opposition von Kunst und Literatur gegen das Etablierte. Naturalisten beklagten mangelnde Aufmerksamkeit für die soziale Frage. Expressionisten proklamierten den Aufbruch aus saturierter Erstarrung. Zeitschriften wie der Simplicissimus mit Satirikern von Ludwig Thoma bis Heinrich Mann geißelten die bürgerlich-adlige Fassaden-Gesellschaft, karikierten preußische Militärgesinnung oder spotteten über wilhelminische Repräsentationskunst. Gerhart Hauptmann schockierte durch seine Mitleids-Dramatik (Vor Sonnenaufgang, Die Weber), was man von höchster Stelle als »Rinnsteinkunst« schalt und durch Kündigung der Kaiserloge quittierte. Seit August 1914 jedoch gehörte Hauptmann zu den Deutschland-Advokaten in vorderster Linie und legte sich mit Romain Rolland und anderen Anklägern aus der Riege der internationalen Kulturszene öffentlich an.

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Was zahlreiche Deutsche bei Kriegsausbruch entflammte, war das Bewußtsein verschworener nationaler Einheit in der Stunde höchster Gefahr. Man faßte es unter Schlagworten wie »Augusterlebnis«, »Ideen von 1914« oder »Burgfriede« gemäß Kaiser Wilhelms Worten, »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!« Die Euphorie ist von Schriftstellern hundertfach verbürgt: ungewöhnliche, aber auch besondere Quellen, insofern gerade Literaten sich häufig als volkshistorische Deuter einbringen, nicht selten sogar als Schöpfer oder Zerstörer von Mythen. So notierte etwa der internationale Bestsellerautor Emil Ludwig am 4. August: »Ein Pathos, das drei ganze Tage währt? Ein unendliches Pathos! In diesen Tagen war jeder einzelne zugleich das Ganze, jeder trug die deutsche Krone, jeder war Michael.« Ernst Barlach verglich das Augusterlebnis mit »einem großen Liebesabenteuer« und »Glücksgefühl«, »außer sich zu sein, erlöst von sich. Und dies Größere ist keine bloße Idee. In den ersten Tagen konnte ich nicht schlafen in diesem Zustand vor Erweiterung.« Und Friedrich Gundolf frohlockte, »eine solche Einheit zu erleben«, sei »schon einen Weltkrieg wert«.

Irritiert gab sich selbst der Radikalpazifist Wilhelm Herzog: »Realität wird immer stärker sein als unsere Idee. … Wir, Freunde des Friedens und Künder einer neuen Ethik, melden uns als Kriegsfreiwillige.« Hugo von Hofmannsthal sah »bis zum letzten Holzknecht« nur freudige Entschlossenheit, Harry Graf Kessler meinte, aus dem »in neue Form« gegossenen deutschen Volk sei etwas »aus unbewußten Tiefen« emporgestiegen, »das ich nur mit einer Art Heiligkeit vergleichen kann«. Richard Dehmel sprach von einem an Pfngsten erinnernden »seelischen Flammenwunder«. Aus einem Ständestaat sei »all der Parteihader und Klickendünkel«, alles »Sklavenhändler-Herrentum« plötzlich wie »weggezaubert«. In diesem Ton geht es weiter über Ina Seidel und Ilse Kurz (»Mein Volk, wie bist du groß«) bis zu dem bereits im September gefallenen Ernst Wilhelm Lotz (»Und auf allen Gesichtern sieht man eine groß leuchtende Begeisterung, es gibt keine Unterschiede mehr zwischen Socialdemokraten, Elsässern und Patrioten«) oder Alfred Döblin, der noch im August 1917 verkündete: »Der Krieg hat eine Volksgemeinschaft geschaffen, wie die langen Friedensjahre nicht«, erhoben über »Kasten und Stände« mit »von Stunde zu Stunde« wachsender Kraft.

Robert Musil erfuhr die Mobilmachung in Berlin als rauschhaftes »großes Erlebnis«, »das Gott nahebringt«, Todesfurcht zurückdränge oder das Gefühl erwecke, Goethe »zu verteidigen«. Man dürfe es auch aus zeitlicher Distanz nicht abwerten. Schließen wir mit Sigmund Freuds Jubel bei Kriegsausbruch, seit 30 Jahren gehöre Österreich-Ungarn erstmals wieder seine »ganze Libido«. In der neuen »Burgfrieden«-Gesellschaft sah man spontan alles Trennende überwunden zwischen Klassen, Regionen, Konfessionen, Ethnien, Generationen, Kulturen, Mentalitäten, Geschlechtern oder Berufsgruppen. Die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD, in deren Kontext auch »kriegssozialistische« Reformen und wichtige konkrete Schritte zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Aussöhnung erfolgten, entlockte dem Arbeiterdichter Karl Bröger folgendes »Bekenntnis«:

Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, / bloß wir haben sie nie mit einem Namen genannt. /
Als man uns rief, da zogen wir schweigend fort, / auf den Lippen nicht, aber im Herzen das Wort /
Deutschland! … /
Herrlich zeigt es aber deine größte Gefahr, / daß dein ärmster Sohn auch dein getreuester war.

Ein Wort zum Verhältnis der Kirche zum Staat: Von protestantischer Seite war dies ja ohnehin überaus loyal, und Autoren wie Walter Flex oder der spätere Pastor Niemöller identifzierten bedenkenlos deutsche und göttliche Belange. Neu war der Schulterschluß zwischen dem (preußischen) Staat und der katholischen Kirche, eine Beziehung, die zuvor an den Folgen des Kulturkampfs gelitten hatte. Nun wurden staatlicherseits etwa die Diskriminierungen der Jesuiten aufgehoben. Und der Priesterdichter Ernst Thrasolt verwies als Modell für die Gegenwart auf das Toleranzedikt von 313, in dem das Christentum mit dem römischen Staat ausgesöhnt wurde.

»Heilige Feuer« sah er nun »durch die deutschen Lande« und alle Frontabschnitte leuchten. In einem großen heiligen Weltbrand würden »alle Gottlosigkeit und unchristliches Wesen, alles undeutsche und unnatürliche Wesen« weggefressen. Auch regionale Differenzen verloren ihre Schärfe. Der Nord-Süd-Gegensatz, in dem Preußen für spartanisches Kriegerethos stand, negativ formuliert: den Militarismus, Bayern oder Württemberg hingegen für das katholische und liberale Element, war passé. Jetzt deutete mancher sogar die geistige und militärische Rüstung als weise Voraussicht. Natürlich litten nichtdeutsche Minderheiten in den Grenzzonen, exemplarisch in Elsaß-Lothringen. Doch die Hoffnungen französischer Chauvinisten erfüllten sich nicht. Es gab kaum Desertionen, vielmehr eine mit Innerdeutschland vergleichbare Freiwilligenzahl. Adrienne Thomas registrierte in Metz große vaterländische Gefühle und kaum Loyalitätskonflikte. Zumindest in den ersten Kriegsjahren erscheint die Anordnung des preußischen Kriegsministeriums vom 15. März 1915, Elsaß-Lothringer nur mehr an der Ostfront einzusetzen, als Fauxpas, der die Grenzbewohner in ihrem Patriotismus kränkte.

Zudem gingen die Generationen wieder aufeinander zu, da sich die Jugendrevolte nun gegen den gemeinsamen äußeren Feind richtete. Zuvor hatte es deutliche Symptome von Vater-Sohn-Konflikten gegeben. Die Jugendbewegung war aufs Land gezogen und hatte zentrale Werte der in der Gründerzeit reich Gewordenen verachtet. Auch hatte sie gegen das Erdrückend-Autoritative der Altvorderen protestiert. Carl Zuckmayer erinnerte sich, daß ihm das abzudienende Soldatenjahr während der Gymnasialzeit stets als »peinliche, bedrohliche Vorstellung« von »Stillstehen, Maulhalten« erschienen sei. Jetzt hingegen war es »Befreiung von bürgerlicher Enge und Kleinlichkeit, von Schulzwang« und allem, »wogegen wir schon im ›Wandervogel‹ revoltiert hatten«. Jetzt war es »blutiger, heiliger Ernst, und zugleich ein gewaltiges, berauschendes Abenteuer, für das man das bißchen Zucht und Kommißkram gern in Kauf nahm. Wir schrien ›Freiheit‹, als wir uns in die Zwangsjacke der preußischen Uniform stürzten.« Und der 16jährige Schüler Brecht, noch im Wartestand zum Soldatentum, versprach per Zeitung, die Zurückbleibenden würden zeigen, »daß sie ihrer Brüder und Söhne würdig sind. Die Frauen werden das Wort vom schwächeren Geschlecht Lügen strafen, die Jugend den Verdacht, der auf der ›modernen Jugend‹ liegt, zurückweisen. Wir alle, alle Deutschen, fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.«

In Dutzenden von literarischen Bekenntnissen und Apologien kam es zum Schulterschluß mit dem Reich, und fast alles, was damals Rang und Namen hatte, beteiligte sich daran: Thomas Mann, Dehmel, Rilke, Frenssen, Ganghofer, Borchardt, Wedekind oder Arnold Zweig. Hermann Sudermann und Ludwig Fulda entwarfen den Text des Aufrufs der 93 Intellektuellen gegen Vorwürfe barbarischer deutscher Kriegsführung. Über den »Geist von 1914« wurden in Deutschland allein von August bis Jahresende 86 Theaterstücke uraufgeführt. Die Machteliten honorierten dies: Brögers »Bekenntnis« wurde bis 1916 in 40 Millionen Abdrucken verbreitet; Bethmann Hollweg zitierte es im Reichstag als Einheitsbeleg. Kaiser Wilhelm verlieh Ernst Lissauer den Roten Adlerorden für seinen populären »Haßgesang gegen England«. Zahlreiche ähnlich Dekorierte folgten.

Als Freiwillige meldeten sich unter vielen anderen: (fast 51jährig) Richard Dehmel, Walter Flex (trotz Sehnenschwäche in der Hand; †1917), die Brüder Jünger, Peter Bamm, Oskar Kokoschka, Rudolf Leonhard, August Stramm (†1915), Ringelnatz, Klabund, Reinhard Johannes Sorge (†1916), Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Börries von Münchhausen, Ernst Toller, Wieland Herzfelde, Alexander Lernet-Holenia, Walter Hasenclever, Ernst Wiechert oder Joseph Roth. Zu den früh Gefallenen unter ihnen gehörten der 48jährige Hermann Löns, den das Schicksal bereits im September 1914 ereilte, wie auch Ernst Wilhelm Lotz oder Alfred Lichtenstein. Tragisch war der Soldatentod von Gerrit Engelke noch am 13. Oktober 1918, nachdem er verzichtet hatte, sich reklamieren zu lassen. Als Freiwillige ausgemustert wurden Alfred Kerr, Hugo Ball oder der im Friedensdienst beschäftigte Hermann Hesse, der damals die Verwandtschaft von Künstler und Soldat bedichtete: »Die ihr draußen in den Schlachten standet, / Seid mir Brüder nun und neu geliebt!«

Thomas Mann stand dem nicht nach: »Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt hatte! / Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.« Nicht zuletzt jüdische Schriftsteller sahen den Weltkrieg als Chance, enger mit der Heimat zu verwachsen. Dazu dienten Freiwilligenmeldungen oder publizistische Beiträge, von Arnold Zweig über Alfred Döblin bis Ernst Lissauer, dessen »Haßgesang« vom bayrischen Kronprinzen an die Truppe verteilt wurde. Ernst Toller frohlockte damals, der Kaiser kenne keine Parteien und »das Land keine Rassen mehr«, alle »verteidigen eine Mutter, Deutschland«. »Ja, wir leben in einem Rausch des Gefühls. Die Worte … Vaterland, Krieg haben magnetische Kraft.« Friedrich Gundolf schwärmte nach Tannenberg gegenüber Karl Wolfskehl: »diese Tage als Deutscher erlebt zu haben wiegt jede Sehnsucht nach Perserkriegsglorie und imperialen Siegen auf – es ist die Wirklichkeit eines grossen Volks, und unsres Volks.«

Alfred Kerr schließlich, der damalige Reich-Ranicki der Theaterkritik, veröffentlichte neben diversen martialischen Bekenntnissen, in denen er den »Deutschlandhetzern« die Krätze an den Hals und den Russen die Vernichtung wünschte (»Zarendreck! Barbarendreck! Peitscht sie weg!«), folgende Verse: »Es weht der Allerseelenwind. / Wir schreiten alle Einen Schritt. / Und die wir fern vom Felde sind, / Wir kämpfen mit; wir sterben mit.« Auch jüdische Autorinnen begeisterten sich für die Einheit: allen voran Else Ury mit dem populären Kinderbuch Nesthäkchen und der Weltkrieg, Lola Landau oder Adrienne Thomas, die 1930 den pazifistischen Bestseller Die Katrin wird Soldat publizieren wird. Im Krieg sammelte sie Autogramme damaliger Armee-Idole, und auf die Rückeroberung von Przemysl reagierte sie laut Tagebuch vom 3. Juni 1915 begeistert: »Metz prangt in Flaggenschmuck. … als ich ankam, begann die Militärkapelle auf dem (Parade)Platz ›Es braust ein Ruf wie Donnerhall‹ zu spielen. Da fühlte man denn so recht, wie deutsch das Herz ist, trotz all der Abscheu vor dem furchtbaren Morden … Ich habe begeistert mitgesungen u. aus Leibeskräften hurra gerufen.«

Ähnliche Stimmung bei der Heine-Biographin Doris Wittner, die es 1914 »tief ergreifend« fand, zu sehen, »wie die heterogensten Geister« sich in einer »Formel« finden: »Zu sehen, wie ein Volk aufsteht, Mann an Mann, Frau für Frau, zusammengeschweißt vom Geist der Pflicht«. Das sei ein so großes und großartiges Erlebnis, »so heilend und heiligend, daß man ihm Ehrfurcht und Dankbarkeit nicht versagen darf«. »Das Volk, das die Nibelungensage, die Reformation, Goethe und die Freiheitskriege erschuf, ist nicht zu besiegen«. Damit zu den Frauen generell: Dem retrospektiven Klischee einer stillen Anti-Kriegs-Front geborener Pazifstinnen entsprachen sie nicht. Sie trugen vielmehr ihren Teil zur nationalen Wehrgemeinschaft bei. Exemplarisch galt dies für Lyrikerinnen wie Ina Seidel (»Der Fußbreit Erde«) oder Isolde Kurz (»Orakel«).

Frühere feministische Emanzipationskämpfe wurden umgehend vertagt oder à la »Burgfrieden« gelöst. Gertrud Bäumer etwa, Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF), nannte »Heimatdienst« »die Kriegsübersetzung des Wortes Frauenbewegung«. Auch hieß es zuweilen, der Krieg habe die Beziehung der Geschlechter wieder verbessert. So etwa bei Agnes Harder (Unsere Helden, 1915) oder Lily Braun, Autorin, Sozialdemokratin und eine der Gründermütter der Frauenbewegung. Gemäß ihrem Band Die Frauen und der Krieg (1915) habe der Krieg schlagartig »bei den deutschen Männern all jene Effeminierungserscheinungen, die auf den verschiedensten Gebieten schon zutage getreten waren«, vernichtet. Die jetzigen Soldaten seien wieder »nichts als Männer, von dem einen ursprünglichen, primitiven Geschlechtsgefühl durchglutet und zusammengehalten: schützen – die Scholle verteidigen – kämpfen«. Desgleichen habe der Krieg die »männischen« »Gelüste und Ehrsüchte der Frauen« zerstört, »ihren sentimentalen Pazifsmus, ihren törichten Traum von der Schwesternschaft aller Menschen weiblichen Geschlechts.«

Solche Zuspitzungen waren eher selten. Doch die Landesverteidigung wurde von der großen weiblichen Mehrheit bejaht und als ehrenvoller Schutz ihrer selbst und der Kinder verstanden, wobei auch sie sich karitativ einbrachten und als schwerste »Kriegspflicht« das potentielle Opfer ihrer Angehörigen zu akzeptieren hatten. In diesem Sinne warben Hunderte von Büchern oder sonstige Beiträge – mit größtem Publikumserfolg Else Ury, sodann Thea von Harbou, deren Der Krieg und die Frauen immerhin 100000 Käufer fand, gefolgt von Anny Wothes Vogesenwacht (1915: 95000). Bei allem Unbehagen: Explizite Kriegskritik fndet sich selten in der Frauenliteratur, zumindest vor 1917. Zu den Ausnahmen gehören Hedwig Dohm, die couragierte Deutsch-Französin Annette Kolb, Clara Viebig (Töchter der Hekuba, 1917; Auflage: 47000) oder die skandalinteressierte Claire Studer, spätere Goll, mit der Schweizer Publikation Die Frauen erwachen. Doch damit sind wir schon kurz vor der Revolution 1918, als das »Burgfrieden«-Sozialprojekt unter der Last der Opfer von Millionen Toten und einer weithin ausgehungerten Bevölkerung zusammengebrochen war. Neuere Historiker in Nachfolge von Jeffrey Verhey haben daraus gefolgert, das Stimmungshoch seit August 1914 sei im Kern ein kurzlebiges propagandagesteuertes Minderheitenerlebnis ohne Tiefenwirkung gewesen. Sie irren gewaltig, wie nicht zuletzt 1933 beweist, als man effektvoll an ein offenbar attraktives Erlebnis anzuknüpfen vermochte.


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