Sezession
1. Oktober 2014

»Wir sind also Kulturpessimisten, ja?«

Gastbeitrag

Vor einigen Monaten versammelten sich auf dem Rittergut Schnellroda sechs Autoren der Sezession und ein Gast zu einem ausufernden Gespräch. Thorsten Hinz, Nils Wegner, Erik Lehnert, Martin Lichtmesz, Ellen Kositza, Götz Kubitschek und Raskolnikow füllten acht Stunden Tonband, und bald wird daraus ein Buch entstehen. Der folgende Gesprächsausschnitt ist eine erste Kostprobe.

kositza: Du hättest im Prinzip gerne gedient. Darauf willst du doch hinaus.
kubitschek: Genau. Ich würde eigentlich sehr gerne dienen, einem guten Staat, sehr gerne.
lehneRt: Dann würde man sich ja aussuchen, wem man dienen möchte, was der Sache eigentlich so ein bißchen widerspricht.
kubitschek: Nein, nein. Die Enttäuschung – also vieles, was wir tun, ist gespeist davon, daß wir enttäuscht vom Dienst sind.
lehneRt: Das versteh’ ich schon. Trotzdem ist der Anspruch immer – das mein’ ich gar nicht böse –, wir könnten’s besser, wir verstehen’s besser, wir wollen uns bitte aussuchen, wofür wir dienen. Aber das ist nicht die Idee des Dienens. Der Dienst ist: Wir stellen dich dahin, wo man dich braucht.
hinz: Dienst muß doch ethisch…
kubitschek: Aber meinst du nicht, daß wir wissen, welcher Dienst nach oben führt, gerade wenn’s ein bitterer Dienst ist? Für mich ist das ganz klar, ich idealisiere das auch nicht. Aber ich hätte unter dem Soldatenkönig gerne gedient. Also ich lese ja den Vater von Jochen Klepper alle zwei Jahre wieder. Ein unglaubliches Buch. Ich lese das immer wieder, um zu wissen, was Dienst eigentlich ist. Und man hätte das erkannt, damals, das hoffe ich wenigstens: Dieser Mann wird schließlich aus einem vollkommen verrotteten Staat, aus diesem Dreckshaufen etwas formen, er wird diesem vollkommen verrotteten Brandenburg und Ostpreußen wieder eine Struktur einziehen, er wird das Land entschulden, und er ist der Fleißigste von allen. Also er ist derjenige, in dessen Zimmer das Licht noch brennt. Die Lange-Kerls-Marotte kann er haben, er ist ansonsten vorbildlich. Und bezogen auf heute, also auf Anfang der 90er, beim Militär: Wir hätten gerne gedient und hätten uns den Dienst nicht ausgesucht, sondern auch auf einem subalternen Posten ausgehalten, wenn klar gewesen wäre, daß die Entwicklung nach oben geht. Aber sie ging eben nicht nach oben, sondern nur nach unten, und wir waren Erfüllungsgehilfen der Zersetzung. Also das, was dann hereinbrach über uns – unglaublich. Ich weiß nicht, Raskolnikow, wann bist du rein?
Raskolnikow: 95.
kubitschek: Da bist du in eine Experimentierphase hineingeraten, oder? Plötzlich brauchte man diese Männer in den neuen Kommando-Einheiten, die man eigentlich gar nicht wollte. Man brauchte sie eben, weil irgend jemand die Drecksarbeit erledigen muß.
Raskolnikow: Es war ja immer die Kunst der Herren, diese Kraft im jungen Mann, der die Kindheit abstreift, zu binden. Diese Kraft zu leiten und sinnvoll zu nutzen. Die Kommandos nutzten der Bundesrepublik außenpolitisch sehr. Nicht unbedingt durch Sturmangriffe und Kesselschlachten, aber durch eine Ausweitung geostrategischer Handlungsmöglichkeiten. Man braucht doch ein paar Raufbolde, deshalb läßt man sie etwas gewähren. Dann der ausgewachsene Mann: Der will ja Gutes tun, gestalterisch tätig sein, irgendwann seine Familie gründen und so weiter. Das fällt weitestgehend aus seit einiger Zeit für jemanden, der einen über den eigenen Dunstkreis hinausgehenden Anspruch hat. Eine Antwort darauf, wie man da rauskommt… die kann ich nicht geben. Ich will mir nicht anmaßen, zu sagen, in diesen oder jenen Zeiten würde ich gerne gelebt haben. Marc Aurel als Neger aus der Ecke Luft zufächeln und einfach lauschen, was der so erzählt. Vielleicht.
lichtmesz: Es geht immer weiter runter. Ich habe es schon in der Volksschule gemerkt, dieses langsame Nachlassen. Ich hab das wohl zum erstenmal mit acht oder neun Jahren gemerkt, in der Kirche, bei der Messe, daß das niemand mehr so richtig ernst nimmt. Und das hat mich als Kind geärgert, weil ich mich anstrengen wollte. Ich wollte, daß das ernst ist, daß alle dabei sind und nicht nur so tun als. Und später dann auch. In meiner Gymnasialzeit habe ich gemerkt, wie das nach und nach aufgeweicht
wurde, wie die Standards gesenkt worden sind, die Umgangsformen mit den Lehrern, die Leistungsansprüche. Und das Ganze ist immer verkauft worden als eine Art von Fortschritt, Liberalisierung, »wir kommen euch entgegen« und so weiter. Mich hat das total geärgert. Ich wollte nicht, daß mir die Lehrer entgegenkommen. Ich wollte nicht, daß ich die Lehrer duzen darf.
kositza: Aber es wird ja als Besserung der Verhältnisse verkauft. Und es wird eben von vielen, vielleicht von einer Mehrheit sogar, auch so angenommen. Daß der Lehrer zum Lernpartner geworden ist, daß es in der Kirche lockerer zugeht, und bestimmt gibt es viele in der Bundeswehr, die es super finden, daß alles transparenter geworden ist, daß man sich einfacher beschweren kann. Du sagst, das ist eine Aufweichung, ein Niedergang. Wir sagen das. Die meisten finden das alles wunderbar. Das sind ja nicht nur die Medienleute, sondern auch Lieschen Müller und Otto Normal, die sagen: Wie gut, daß es kein Nationalstaatsdenken mehr gibt, nicht mehr diese schrecklichen Ängste vorm Lehrer, vor den Eltern, vorm Pfarrer. — Wir sind also Kulturpessimisten, ja? Sind wir, oder? Vorhin ging doch die Rede davon, daß die Wahrheit siegen wird. Scheint sich aber auf allen Gebieten genau das durchzusetzen, was wir nicht als Wahrheit empfinden.
lichtmesz: Die Leute haben einfach nicht recht. Ich habe recht, wenn ich sage, daß das ein Abstieg ist, schon deswegen, weil ich von einer höheren Ebene ausgehe. Von einer Ebene der Intensität.
kositza: Wo sind dann noch Anknüpfungspunkte, wo noch Hoffnung?
lichtmesz: Es gibt keine irdische Hoffnung mehr.
lehneRt: Irdische oder jüdische?
lichtmesz: Irdische.
lehneRt: Hab jüdisch verstanden.
kubitschek: Ich auch, hehe!
lichtmesz: Ihr seid ja lustig… Also Hoffnung: Wir leben in Zeiten, die kein Beispiel haben. Es ist tatsächlich so. Die gesagt haben, die Zeit sei eine Linie, kein Kreislauf, eine Frist, die abläuft – das ist vielleicht nicht so schön optimistisch und fortschrittsgläubig gemeint, wie die »Zykliker« immer behaupten. Daß es etwa immer bergauf gehe und irgendwann bist du am Gipfel und alles ist gut… je länger du bergauf gehst, irgendwann geht’s wieder bergab. À la Karl Valentin: Endlich sind wir überm Berg – jetzt geht’s bergab. Und dann bist du unten, fertig. Alles vorbei.
lehneRt: Vielleicht ist es so, wie es Spengler weise vorausgesehen hat, daß unsere Kultur zu Ende geht, aber das heißt eben nicht, daß es überhaupt zu Ende geht. Wäre schon tragisch, wenn wir noch 2000 Jahre als Fellachen vor uns hin leben und woanders geht die achte oder neunte Weltkultur auf. Das wäre schon schlecht. Aber gut, vielleicht gehen die ganzen Flüchtlinge dorthin, wenn hier alles verarmt.
lichtmesz: Schon allein dieses Moment, das Heidegger so entscheidend fand, die Entwicklung der Technik. Daß also der neuzeitliche Mensch die Technik nicht in den Griff kriegt, sie ihm über den Kopf wächst, ihn beherrscht. Und wie die Technik die Welt umspannt und sie in einer Art und Weise verändert hat, wie es das in der Geschichte noch nie gegeben hat. Das ist mit dem Auszug der Götter verbunden, mit dem Auszug des Sakralen, ohne daß weit und breit ein neuer Gott zu sehen wäre. Das ist anders als am Ende der Antike, als das Christentum die Fackel übernahm.
lehneRt: Laßt mich mal einen Punkt nennen: Also unsere Kultur ist weltumspannend, daher mag das so sein, daß es keine Alternative gibt, aber natürlich gibt’s noch Refugien.
wegneR: Dürfte man erfahren, wo ungefähr?
kubitschek: Im Turm.


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