Autorenporträt Friedrich Sieburg

PDF der Druckfassung aus Sezession 62 / Oktober 2014

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Vor fünf­zig Jah­ren, am 19. Juli 1964, starb Fried­rich Sieburg. Er war einer der letz­ten gro­ßen und renom­mier­ten Kul­tur­kri­ti­ker sui generis.

Die­se Aus­sa­ge soll­te man aus­leuch­ten. Ein Kul­tur­kri­ti­ker sui gene­ris: Das ist kei­ner, der Aus­wüch­se tadelt (»immer mehr Nack­te auf der Büh­ne«) oder an Sym­pto­men mäkelt (»Buch­hand­lun­gen ster­ben aus«), son­dern einer, der die Phä­no­me­ne an der Wur­zel packt, und zwar habi­tu­ell und noto­risch. Leit­mot­to: So also lie­gen die Din­ge – und soll­te es Zufall sein, daß es so und nicht anders aus­schaut? Groß: Sieburg war kein Klein­geist. Nicht das Res­sen­ti­ment führ­te ihm die Feder. Nicht der Neid auf die Spä­ter­ge­bo­re­nen, die schon his­to­risch wei­cher Gebet­te­ten, denen der Wohl­stand gebra­te­ne Hüh­ner­schen­kel ins Maul flie­gen ließ. Zukurz­ge­kom­me­ne gab und gibt es ja reich­lich im Heer der Kul­tur­kri­ti­ker, deren Welt­ekel sich aus einem Unge­rech­tig­keits­empfnden speist und die eben das Deka­denz hei­ßen, des­sen sie selbst nicht teil­haf­tig wer­den durf­ten – die Ungna­de des Schick­sals, die dazu führt, daß man den Jün­ge­ren oder Schö­ne­ren ihr Nutz­nie­ßer­tum mit ver­kleb­ten Argu­men­ten ver­lei­det. Renom­miert: Sieburg war so popu­lär wie umstrit­ten. »Wenn deut­sche Schrift­stel­ler zusam­men­sa­ßen und von Lan­ge­wei­le bedroht wur­den, genüg­te es, sei­nen Namen zu nen­nen, um sogar den schläf­rigs­ten auf den Plan zu rufen«, erin­ner­te sich Mar­cel Reich-Rani­cki nach Sieburgs Tod und vor sei­ner eige­nen Über­nah­me der Lite­ra­tur­re­dak­ti­on der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, die Sieburg selbst zwi­schen 1956 und 1963 inne­ge­habt hat­te. Einer der letz­ten: Mit Sieburg ende­te eine Genera­ti­on. Sie starb nicht wirk­lich, sie gab ihre Feder­füh­rung ab. Sein Todes­jahr war jenes Jahr der Wei­chen­stel­lung, das heu­te als »1968« gilt. Sieburg tat sei­ne letz­ten Atem­zü­ge zwi­schen denen Ben­no Ohnes­orgs und Che Guevaras.

Die Zeit der umfas­sen­den Kul­tur­kri­tik war vor­bei. Zumin­dest voll­zog sich eine Art Wech­sel der Bril­len­mo­de. Man trug als Kri­ti­ker nun Glä­ser für Kurz­sich­ti­ge, mit lin­ker Hand geschlif­fen. Sieburg war übri­gens gar kein Bril­len­trä­ger, sein Blick war scharf. Nach­fol­gen­den Kul­tur­kri­ti­kern sei­nes For­mats fehl­te der Reso­nanz­bo­den. Leu­te wie Armin Moh­ler (mit ver­gleich­bar umfas­sen­der Bil­dung und ähn­li­chem Zugriff) schrie­ben bald nur noch für Nischen und Resi­du­en. Man hielt sie klein, ihr Gel­tungs­raum war ver­schwin­dend. Führ­te heu­te ein Redi­vi­vus in Sieburgs Geist und Sin­ne des­sen Feder, man wür­de ihm ein Web­log gön­nen und fin­den: gut durch­dacht, gekonnt for­mu­liert – aber wie unzeitgemäß!

Dabei präg­te das Unzeit­ge­mä­ße schon zu Leb­zei­ten Sieburgs Stil, obwohl er auf der Höhe sei­ner Zeit war, denn er nahm Ent­wick­lun­gen, Ten­den­zen und Moden sehr genau wahr und beur­teil­te sie mes­ser­scharf. Sein Nach­kriegs­wir­ken fand Raum in einer Zeit exakt vor jener Was­ser­schei­de, die (öffent­lich) Sag­ba­res von Unsag­ba­rem trenn­te. Sei­ne Ein­las­sun­gen hat­ten in den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren eine ähn­li­che Reich­wei­te wie die des andert­halb Jahr­zehn­te jün­ge­ren Joa­chim Fernau. Auch mag bei der Publi­kum in Tei­len deckungs­gleich gewe­sen sein. Bei­de schrie­ben für Leser, die ein deut­li­ches Unbe­ha­gen an den neu­en Zei­ten ver­spür­ten: am Kon­sum­bür­ger, am Mit- und Nach­läu­fer, am Ver­fall von Sit­te und Brauch, an den »nied­ri­gen Zeit­mäch­ten, die den Men­schen mit der Schlin­ge sei­nes schlech­ten Gewis­sens fes­seln und so um sei­ne letz­te Frei­heit brin­gen wol­len« (Sieburg). Fern­aus Ver­kaufs­schla­ger waren Volks­bü­cher, sie wur­den sei­ner­zeit auch von Hand­wer­kern und Volks­schü­lern ver­stan­den. Sieburgs feuil­le­to­nis­ti­sche Noti­zen und sei­ne Bücher (etwa sei­ne Bio­gra­phien zu Napo­le­on und Cha­teu­bri­and oder die bereits 1935 erschie­ne­ne zu Robes­pierre) ran­gier­ten ein Niveau höher. Fernau präg­te die Best­sel­ler­lis­ten, Sieburg den Dis­kurs. Das ist des­halb para­dox, weil bei­de, der Preu­ße wie der Welt­bür­ger, ihrer gro­ßen Leser­schaft zum Trot­ze auf ver­lo­re­nen Pos­ten schrie­ben. Sie ver­tei­dig­ten bei­de eine ver­lo­re­ne Zeit, ein ver­lo­ren zu geben­des Volk. Heu­te sind sie von gestern.

Sieburg, wie­wohl von einem zunächst (eher) lin­ken (als jun­ger Mann, Infan­te­rist und Flie­ger­of­fi­zier im Ers­ten Welt­krieg, ver­faß­te er Ver­klä­rungs­poe­sie über Luxem­burg und Lieb­knecht), dann (eher) rech­ten und schließ­lich einem – zurück­hal­tend gespro­chen – libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Stand­punkt aus­ge­hend, war kein Oppor­tu­nist. Er glitt weder mit dem Haupt­strom, noch mach­te er es sich in lukra­ti­ven Nischen bequem. Er sag­te, was zu sagen war. Von poli­ti­schen Par­tei­nah­men im enge­ren Sin­ne hielt er sich nach dem Krieg fern. Sein Freund Arno Breker berich­te­te, daß Sieburg ein­mal still­schwei­gend eine Fest­ge­sell­schaft ver­las­sen habe, weil dort eine poli­ti­sche Debat­te ent­brannt sei. Zur Not war Schwei­gen Gold – das betraf für Sieburg die Zeit zwi­schen 1939 und 1948. Die letz­ten drei die­ser Jah­re waren von einem Publi­ka­ti­ons­ver­bot geprägt, das die fran­zö­si­sche Besat­zungs­macht ver­hängt hat­te. Aus­ge­rech­net! Sieburg war fran­ko­phil durch und durch, sein Buch Gott in Frank­reich?, 1929 erst­mals und fort­an in Neu­aufla­gen erschie­nen, ist bis heu­te eines sei­ner pro­mi­nen­tes­ten Wer­ke. Sieburg arbei­te­te seit 1925 (1932–1939 in Diens­ten der Frank­fur­ter Zei­tung) als Repor­ter in Paris, Joa­chim Fest nann­te ihn den »meist­be­ach­te­ten Aus­lands­kor­re­spon­den­ten der Zwi­schen­kriegs­zeit.« Nach dem Krieg ist Sieburg vor­ge­wor­fen wor­den, er habe in sei­nem Frank­reich­buch deut­sche Kraft und Dyna­mik aus­spie­len wol­len gegen fran­zö­si­sche Erschlaf­fung. Eine offen­kun­di­ge Fehl­deu­tung! Man wird eher in umge­kehr­ter Sen­de­rich­tung lesen müs­sen: Der Autor führ­te sei­nen Lesern in der Hei­mat vor, wie sehr es ihnen an Tra­di­ti­ons­be­wußt­sein (»die Fran­zo­sen leben mit ihrer Geschich­te wie mit einer Gelieb­ten zusam­men«), Stolz, Umgangs­for­men und lite­ra­ri­scher Bil­dung fehlte.

Die­ses Werk, das Sieburg berühmt mach­te, erschien zu jenem Zeit­punkt, als er, der 1893 im sauer­län­di­schen Alte­na gebo­re­ne katho­li­sche Kauf­manns­sohn und pro­mo­vier­te Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, sich gera­de dem jung­kon­ser­va­ti­ven Tat-Kreis um Hans Zeh­rer zuge­wandt hat­te. Sieburgs nächs­tes Buch, Es wer­de Deutsch­land, erschien 1933. In die­ser Zeit wird er zum Kon­text der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on gerech­net. Hier schon zeigt sich die Schwie­rig­keit, Sieburg schub­la­den­haft ein­zu­ord­nen. Die Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­bo­ten 1936 das Werk, weil der Autor den Anti­se­mi­tis­mus scharf gei­ßel­te. In der eng­li­schen Über­set­zung (Ger­ma­ny – my coun­try) hin­ge­gen bekennt sich Sieburg zum Natio­nal­so­zia­lis­mus, und er wird es spä­ter (in einer viel­zi­tier­ten Rede von 1941) aber­mals tun. Er war dabei kein Par­tei­gän­ger im enge­ren Sin­ne, er arbei­te­te in Rib­ben­trops Aus­lands­ab­tei­lung, resi­dier­te wei­ter in Frank­reich und bereis­te schrei­bend Afri­ka, Japan, Polen und Por­tu­gal. Eine frei­wil­li­ge NSDAP-Mit­glied­schaft ist umstritten.

1953 wur­de Sieburg zum Pro­fes­sor ernannt, ab 1956 arbei­te­te er für die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung und wur­de dort Lite­ra­tur­chef, wenn­gleich er sei­nen (nach groß­bür­ger­li­cher Maß­ga­be ein­ge­rich­te­ten) Wohn­sitz in Würt­tem­berg nur unre­gel­mä­ßig ver­ließ. Die deut­sche Gegen­warts­li­te­ra­tur, wie sie vor allem in Form der Grup­pe 47 zuta­ge trat, bekämpf­te er so lei­den­schaft­lich (»Zivi­li­sa­ti­ons­li­te­ra­ten«), das die Fet­zen flogen. Alfred Andersch (des­sen Bücher Sieburg gera­de nicht in Bausch und Bogen ver­warf) nann­te den Kri­ti­ker dar­auf­hin »die größ­te und stin­kends­te Kanal­rat­te«, ande­re Mit­glie­der und Freun­de der Grup­pe 47 schick­ten – 2014 wür­de man das als plas­ti­schen shit­s­torm bezeich­nen – Sieburg mas­sen­wei­se Gar­ten­zwer­ge zu.

Sieburg war mit sei­ner geschlif­fe­nen Pole­mik ein Soli­tär der nicht­lin­ken Publi­zis­tik. Wolf Jobst Sied­ler, ein Freund unter vie­len Fein­den, nann­te Sieburg ein­mal einen »links­schrei­ben­den Rech­ten«. Was soll das hei­ßen? Wie schreibt man links? Fernau schrieb ja auch nicht im »rech­ten« Ton. Des­sen Stil war flap­sig bis an die Schmerz­gren­ze, von zeit­ak­tu­el­ler Volks­tüm­lich­keit, er ver­zich­te­te gera­de­zu betont auf Prü­de­rie. Man könn­te sagen, mit heu­ti­ger Dik­ti­on: Fernau hol­te sei­ne Leser dort ab, wo sie stan­den. Dazu ließ Sieburg sich nicht her­ab. Sein Publi­kum war eine intel­lek­tu­el­le Eli­te, der die Wor­te ver­gan­gen waren. Sieburg pol­ter­te nicht, er hat­te deut­li­che Maß­stä­be, aber kei­nen erzie­he­ri­schen und kei­nen hei­schen­den Ton. Kein Text von ihm atmet Ver­knif­fen­heit. Sieburg war ein bril­lan­ter Sti­list, sei­ne Feder und sei­ne Gedan­ken sind von elas­ti­scher Gespannt­heit. Die fak­ten­hu­be­ri­sche Beweis­füh­rung eines gekränk­ten Bescheid­wis­sers war eben­so­we­nig sei­ne Sache wie der zu Lan­ge­wei­le und Dog­ma nei­gen­de Duk­tus her­kömm­li­cher Kon­ser­va­ti­ver. Weni­ger aus Stur­heit denn mit wür­di­ger Gelas­sen­heit pfleg­te er sich zwi­schen jene Stüh­le zu set­zen, die die gesell­schaft­li­che Nach­kriegs­ord­nung bereithielt.

»Daß unse­re Lage aus­sichts­los ist, weiß ich seit lan­gem. Ein Wahr­heits­fa­na­ti­ker«, so schrieb Sieburg in sei­nem gran­dio­sen Auf­satz »Die Kunst, ein Deut­scher zu sein« (1954), »wür­de den Geängs­tig­ten wahr­schein­lich anherr­schen: ›Ent­we­der du hältst den all­ge­mei­nen Unter­gang für unver­meid­lich, dann ver­lan­ge kei­nen Trost, son­dern berei­te dich vor – oder du bist ent­schlos­sen, alle und alles um jeden Preis zu über­le­ben, dann höre auf, an den üblen Vor­zei­chen genüß­lich her­um­zu­schle­cken, und fra­ge die Phi­lo­so­phen nicht!‹ Aber ich bin weit davon ent­fernt, mit dem Kopf gegen die Wand ren­nen zu wol­len, an der schon här­te­re Natu­ren als ich geschei­tert sind, der gerin­ge Stand, dem ich als geis­ti­ger Mensch ange­hö­re, dul­det kei­ne Fana­ti­ker in sei­nen Rei­hen, wo wir doch auf Geschmei­dig­keit ange­wie­sen sind, solan­ge wir die Schwä­che­ren sind. Wir sind über­haupt nichts und haben kei­ne Ver­an­las­sung, die Inha­ber der Macht auf den Pfad der Wahr­heit zu brin­gen. Sie sol­len sehen, wie sie fer­tig wer­den, und uns leben las­sen.« Die Unan­tast­bar­keit des inne­ren Kerns: das war der Punkt, von dem aus Sieburg schrieb.

2010 beklag­te mit Ijo­ma Man­gold ein nach­ge­bo­re­ner Kol­le­ge des gro­ßen Kri­ti­kers, daß Fried­rich Sieburg »der Nach­welt ziem­lich abhan­den gekom­men« sei. Schließ­lich sei von dem Best­sel­ler­au­tor his­to­ri­scher Mono­gra­phien heu­te kein Buch mehr im Han­del erhält­lich. Das war unmit­tel­bar vor Thea Dorns groß­ar­ti­ger Neue­di­ti­on der ursprüng­lich 1954 erschie­ne­nen Lust am Unter­gang (Sezes­si­on 38/2010). Man muß hier­zu ergän­zen, daß der bedau­erns­wer­te Sieburg-Man­gel nicht am feh­len­den ver­le­ge­ri­schen Inter­es­se liegt. Die Erb­wal­ter Sieburgs – nament­lich Alex­an­dra Senf­ft, die »Stie­f­en­ke­lin« Sieburgs – ver­wei­gern die Rech­te, was als Fak­tum dop­pel­deu­tig genug aus­ge­drückt sein mag. Frau Senf­ft, was den Sach­ver­halt etwas tra­gisch macht, ist zugleich Autorin des groß­ar­ti­gen Buchs Schwei­gen tut weh (Sezes­si­on 21/2007). Hier­in hat­te die Dop­pe­l­en­ke­lin zwei­er Män­ner (näm­lich Sieburgs und des 1947 erhäng­ten Hanns Ludins) eine ful­mi­nan­te Betrach­tung oppor­tu­nis­ti­scher Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung geliefert.

Wir müs­sen also ver­zich­ten auf Sieburgs Renais­sance. Das paßt, jeden­falls zur Sieburg­schen Pro­phe­tie. Immer­hin haben wir ein gro­ßes Ange­bot anti­qua­ri­scher Wer­ke und eben, durch Dorn über­aus ver­stän­dig einund aus­ge­lei­tet, die neun Sieburg­schen Tex­te zur deut­schen Lust am Unter­gang. In den hier ent­hal­te­nen Essays wie »Vom Men­schen zum End­ver­brau­cher« und »Wir sind tugend­haft« ver­sprüht Sieburg sei­nen pole­mi­schen Geist. Es ist die Hand­schrift eines Rasier­mes­sers, nur not­dürf­tig ver­packt in die Weich­heit weh­mü­ti­gen Wohl­wol­lens. Nie­mand habe Glück mit Deutsch­land! rief er aus, wenn er von die­ser Hei­mat sprach, »die uns zwi­schen Stolz und Furcht schwan­ken« las­se. Man dür­fe gleich­wohl nicht sein wie »jener klein­gläu­bi­ge Apos­tel, der aus­rief: ›Ich ken­ne die­sen Men­schen nicht.‹ An Deutsch­land zu lei­den und es doch nicht ent­beh­ren zu kön­nen, ist von jeher unser Los gewe­sen.« Kaum einer hat die Zäsur zwi­schen dem Vor­kriegs­deut­schen (des­sen Wesen jahr­hun­der­te­lang zu Recht stets gleich­zei­tig bewun­dert und geh­aßt wur­de) und dem »Bun­des­deut­schen«, dem »Rest­deut­schen« in sol­cher Schär­fe beschrie­ben wie Fried­rich Sieburg. Der Rest­deut­sche, durch »Umschu­lungs­ver­su­che und Gewis­sens­ex­pe­ri­men­te, die seit 1945 wie ein Trom­mel­feu­er auf ihn nie­der­gin­gen«, am Ran­de der Erschöp­fung, sei weni­ger »satt« denn »lethar­gisch« zu nen­nen. Sieburg sah den Punkt genau, war­um es so kom­men muß­te: Nie sei ein Volk so über­for­dert wor­den wie das deut­sche bei sei­nem Zusam­men­bruch. Das Zusam­men­spiel zwi­schen mate­ri­el­ler Nor­ma­li­sie­rungs­not­wen­dig­keit und dem Anspruch eines »ele­men­ta­ren Aus­bruchs kol­lek­ti­ver Buße« habe zu dem Para­dox geführt, daß nun am gefähr­dets­ten Punkt der Welt der unbe­küm­merts­te Typ Mensch zu hau­sen schei­ne, der »nur an sei­ne Motor­rä­der, Rund­funk­ge­rä­te, Feri­en­rei­sen und Eigen­hei­me den­ke« und gie­rig nach jedem neu­en Mas­sen­kon­sum­gut grei­fe. Die Kul­tur­tech­ni­ken der SMS und des »Twit­terns« waren ein hal­bes Jahr­hun­dert ent­fernt, als Sieburg eine Genera­ti­on her­auf­zie­hen sah, die »nach Haut­creme riecht, sich nach Vit­amin­ta­bel­len ernährt… und mit opti­schen Ein­drü­cken so über­schwemmt wird, daß sie beginnt, das Spre­chen zu ver­ler­nen, des­sen Aus­drucks­mög­lich­keit auf einen klei­nen Vor­rat und auf weni­ge hun­dert Wor­te zusam­men­ge­schrumpft ist.« Wir Deut­schen hät­ten unse­re Geschich­te eher ver­ges­sen als revi­diert: »Wir haben die Ver­drän­gung der Klas­si­ker, die auf gerin­gen Wider­stand stieß, zum Pro­gramm gemacht. Die Unfä­hig­keit, eine ech­te Über­lie­fe­rung zu bil­den, hat ihre Wei­he durch das dümms­te unse­rer Schlag­wor­te, das Wort von der ›restau­ra­ti­ven Ten­denz‹ emp­fan­gen. … Unter dem Vor­wand, daß die alten Zustän­de nicht wie­der­kom­men dürf­ten, wur­de die Erin­ne­rung an die zeit­lo­sen Wer­te aus­ge­löscht und die Bar­ba­rei hof­fä­hig gemacht. Gar zu gern möch­te man wis­sen, ob die­je­ni­gen, die uns die Macht nah­men und uns emp­fah­len, wie­der zum Volk der Dich­ter und Den­ker zu wer­den, noch guten Glau­bens waren oder ob sie die Lee­re ahn­ten, die hin­ter der ein­stür­zen­den Macht­fas­sa­de stand. Nun, es war ihre Sache nicht, für das Unver­gäng­li­che zu sor­gen.« Sieburg zog Par­al­le­len zwi­schen dem jüdi­schen und dem deut­schen Volk, die heu­te uner­hört schei­nen. Bei­de sei­en so bedroht wie bedroh­lich, bei­de unfä­hig, sich beliebt zu machen, bei­de sei­en den Völ­kern so unent­behr­lich wie läs­tig, bei­de neig­ten sowohl zu Aggres­si­on wie zu Selbst­mit­leid, bei­de sei­en in ihren her­vor­ra­gen­den Ver­tre­tern uner­reicht musi­ka­lisch, gedan­ken­kühn und ana­ly­tisch begabt.

Von einer »geheim­nis­vol­len Ver­bin­dung« gar spricht Sieburg: »Rät­sel­haf­tes Völ­ker­schick­sal, das uns, solan­ge wir groß und mäch­tig waren, die­sen Gefähr­ten gab und das uns stürz­te, als wir ihn zu ver­nich­ten such­ten.« Nun, es gibt uns noch. Thea Dorn hat in ihrer lobens­wer­ten Neu­auf­la­ge eine hüb­sche Sen­tenz als Schluß­wort gefun­den: Wer bereit sei, sich selbst auf hohem Niveau zu ver­aus­ga­ben, dem sei die Lust am Unter­gang schon fast vergangen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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