Kulturkritik

PDF der Druckfassung aus Sezession 62 / Oktober 2014

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Das Arse­nal kon­ser­va­ti­ver Kul­tur­kri­tik ist gut gefüllt. Selbst wenn wir uns auf den deut­schen Raum beschrän­ken, gibt es kaum eine ver­gleich­ba­re Samm­lung an gro­ßen Geis­tern und stich­hal­ti­gen Argu­men­ten. Das beginnt bei Fried­rich Lud­wig August von der Mar­witz und sei­nem Pro­test gegen die preu­ßi­schen Refor­men und fin­det sein vor­läuf­ges Ende bei Botho Strauß’ »Anschwel­len­dem Bocks­ge­sang«. Strauß hat noch ein­mal deut­lich gemacht, wor­um es kon­ser­va­ti­ver Kul­tur­kri­tik geht: um die Ableh­nung des Sekun­dä­ren, der Maß­lo­sig­keit und der »Total­herr­schaft der Gegen­wart«, die uns um das Tran­szen­den­te und das Ver­gan­ge­ne betrügt.

Ohne die reak­tio­nä­ren Den­ker des 19. Jahr­hun­derts, ohne die Aus­nah­me­ge­stalt Nietz­sches und die kon­ser­va­ti­ven Erneue­rungs­be­we­gun­gen des 20. Jahr­hun­derts wäre dies ledig­lich eine essay­is­ti­sche Kla­ge. Ohne Max Webers »Gehäu­se der Hörig­keit«, Hei­deg­gers Herr­schaft des »Man«, Tho­mas Manns Gegen­satz zwi­schen Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on, Carl Schmitts Freund-Feind-Bestim­mung des Poli­ti­schen oder Geh­lens Män­gel­we­sen hät­te die Kul­tur­kri­tik ihren Kon­takt zur Wirk­lich­keit ver­lo­ren. Und immer wie­der fin­det sich bei Autoren, die sich gar nicht die­ser Rich­tung zuge­hö­rig füh­len, bei Wolf­gang Sof­sky etwa oder bei Peter Slo­ter­di­jk, ein Argu­ment oder eine Beob­ach­tung, die unser Arse­nal bereichern.

Aller­dings ist die kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik, soweit sie sich auf die Fol­gen der Indus­tria­li­sie­rung bezieht, von der spä­te­ren sozia­lis­ti­schen kaum zu unter­schei­den. Die Selb­stän­dig­keit und Eigen­ge­setz­lich­keit des Öko­no­mi­schen, so argu­men­tier­te der Adel im frü­hen 19. Jahr­hun­dert, gehe ein­her mit dem Auf­wach­sen des Staa­tes; bei­de zer­setz­ten den ursprüng­li­chen Per­so­nen­ver­band. Dadurch kom­me es zur Tren­nung von poli­ti­schem Staat und unpo­li­ti­scher Gesell­schaft, dem Aus­ein­an­der­fal­len von Lega­li­tät und Mora­li­tät sowie Pri­va­tem und Öffent­li­chem. Wenn Carl Schmitt mehr als ein­hun­dert Jah­re spä­ter die Durch­mi­schung von staat­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ange­le­gen­hei­ten in der Demo­kra­tie als Fol­ge des tota­len Staa­tes dar­stellt, wird deut­lich, wie flexi­bel die Kul­tur­kri­tik sich den Gege­ben­hei­ten angepaßt hat.

Die adli­gen Reak­tio­nä­re haben rich­tig gese­hen, daß die Mobi­li­tät des Eigen­tums revo­lu­tio­nä­re Fol­gen haben wür­de, daß der Indi­vi­dua­lis­mus das Gemein­we­sen zer­stö­re und daß die mensch­li­che Per­sön­lich­keit durch die fort­schrei­ten­de Arbeits­tei­lung selbst frag­men­ta­risch wer­de. Eine Rück­kehr zu feu­da­len Ver­hält­nis­sen war ange­sichts der grund­le­gen­den Bedeu­tung der Arbeits­tei­lung für die Geld­wirt­schaft des Kapi­ta­lis­mus aller­dings ein Wunsch­traum. Das ändert jedoch nichts dar­an, daß sich hier Argu­men­te gegen die Unter­ord­nung unter den Pro­fit fin­den, die (zeit­wei­se erfolg­reich) in revo­lu­tio­nä­re Kon­zep­te inte­griert wer­den konn­ten. Die Anzie­hungs­kraft die­ser Kon­zep­te erklärt sich aus dem Gleich­heits­ver­spre­chen, das der Eitel­keit der Mas­sen schmei­chel­te und die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen des Kapi­ta­lis­mus für sich zu nut­zen wußte.

Die man­geln­de kon­ser­va­ti­ve Durch­schlags­kraft läßt sich dage­gen nicht nur mit dem Fest­hal­ten an Hier­ar­chien begrün­den, son­dern auch mit der Tat­sa­che, daß die kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik bald über kei­ne gesell­schaft­li­che Basis mehr ver­füg­te. Die rech­ten Intel­lek­tu­el­len, die die­se Posi­tio­nen wei­ter aus­bau­ten, agie­ren bis heu­te im luft­lee­ren Raum, weil die All­tags­kon­ser­va­ti­ven dazu nei­gen, »in den eupho­ri­schen Jah­ren des Wirt­schafts­wachs­tums das gol­de­ne Kalb« anzu­be­ten (Pana­jo­tis Kon­dy­lis). Im Grun­de hat erst die 68er Kul­tur­re­vo­lu­ti­on dazu geführt, daß ein Reso­nanz­raum für kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik ent­stan­den ist.

Kul­tur­kri­tik war und ist eine Hal­tung der Schwä­che. Das war bei den 68ern nicht anders. Sie tri­um­phier­ten ideo­lo­gisch und schwan­gen sich selbst zu den Sinn­ge­bern ihrer Zeit auf, doch es ist es ihnen nicht gelun­gen, die sozi­al­po­li­ti­sche Basis – den libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus – zu ver­än­dern oder gar abzu­schaf­fen. Mit­te der acht­zi­ger Jah­re konn­te Kon­dy­lis des­halb noch schrei­ben: »Die ech­ten Fein­de des kapi­ta­lis­ti­schen Libe­ra­lis­mus den­ken nicht kul­tur­kri­tisch oder öko­lo­gisch, son­dern poli­tisch und mili­tä­risch.« Damit war der Kom­mu­nis­mus gemeint, der mitt­ler­wei­le Geschich­te ist. Wenn man sich des­sen Rea­li­tät anschaut, bleibt die Fra­ge, ob die­ses Expe­ri­ment jemals in der Lage war, der Welt­ge­schich­te eine ande­re Rich­tung zu geben. Denn letzt­lich blieb die Wirk­lich­keit des indus­tri­el­len Zeit­al­ters unhintergehbar.

Daß der Ver­weis auf die eigent­li­che Natur des Men­schen nicht genü­ge, wird durch die wie­der­hol­te Erfolg­lo­sig­keit der reak­tio­nä­ren Kul­tur­kri­tik unter­stri­chen. Die Mas­se der Argu­men­te, die wir heu­te in den Apho­ris­men eines Gómez Dávi­la fin­den, haben ande­re Reak­tio­nä­re bereits unmit­tel­bar nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on ver­wen­det, ohne daß sich damit der ver­lo­re­ne Pos­ten hät­te hal­ten, geschwei­ge denn neu­er Raum errin­gen las­sen. Wer eine Kul­tur domi­niert, wird sie nicht kri­ti­sie­ren. Und wer von ihr domi­niert wird, dem bleibt oft nichts als Kri­tik. Kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik steht also nicht erst in Zei­ten des »Kamp­fes gegen rechts« vor einem Dilem­ma: Sie lie­fert regel­mä­ßig zutref­fen­de Ana­ly­sen und Pro­gno­sen, ohne daß sie dar­aus einen Einfluß auf die Ereig­nis­se ablei­ten könn­te. Im Gegen­teil: Die Kul­tur­kri­tik wird dafür ent­we­der als ewig­gest­rig ver­lacht oder als Angriff auf die Lebens­wei­se der Mehr­heit denun­ziert. Das hat sei­ne Ursa­che nicht nur in der Kul­tur­kri­tik, son­dern eben auch in der Kul­tur selbst, die nichts Auf­ge­setz­tes, son­dern etwas Ver­in­ner­lich­tes ist.

Tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt, sozia­le Mobi­li­tät, Glau­be an die Mach­bar­keit der Welt und eine Umwäl­zung, die vor nichts Halt macht – das hat Fol­gen für die Mög­lich­keit von Kri­tik über­haupt. Die nahe­lie­gen­de Auf­ga­be, unse­re gegen­wär­ti­ge Kul­tur zu beschrei­ben, stößt des­halb auf eini­ge Schwie­rig­kei­ten. Es besteht kei­ne Über­ein­stim­mung dar­über, wovon die Rede ist, wenn wir von unse­rer Kul­tur spre­chen. Das liegt bereits in den Wort­schöp­fun­gen Leit­kul­tur und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus begrün­det. Offen­bar gibt es meh­re­re Kul­tu­ren, oder aber es soll meh­re­re geben, die fried­lich neben­ein­an­der exis­tie­ren. Das ist nicht mehr in dem Sinn gemeint, daß es welt­weit ver­schie­de­ne Völ­ker und Kul­tu­ren gibt, son­dern als Appell, der kon­kre­ten Kul­tur zuguns­ten eines kul­tu­rel­len Prin­zips, das for­mal bleibt, zu ent­sa­gen. Inhalt­lich läßt sich dar­über kaum etwas aus­sa­gen, weil es bedeu­ten wür­de, Unter­schie­de zu machen, zu wer­ten, zu dis­kri­mi­nie­ren. Das soll uns ver­wir­ren und der Kri­tik die Spit­ze neh­men. Wenn es nichts Abso­lu­tes gibt, kann man sich etwas aus­su­chen, ohne damit falsch­zu­lie­gen. Von einer deut­schen Kul­tur wird kaum noch gespro­chen – nicht zuletzt, weil wir uns glück­lich schät­zen sol­len, als ver­spä­te­te Nati­on end­lich den Weg nach Wes­ten gefun­den zu haben. Der Preis ist, daß wir unter die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on sub­su­miert wer­den und ihre Maße über­nom­men haben.

In einem sei­ner letz­ten Inter­views hat der Poli­to­lo­ge Wil­helm Hen­nis auf die Fra­ge, was denn von dem kul­tur­kri­ti­schen Impuls geblie­ben sei, der das deut­sche Den­ken so lan­ge befeu­ert habe, geant­wor­tet: »Wenn wir inhalt­lich ein west­li­ches Land nach Nor­mal­maß gewor­den sein soll­ten, so ja des­halb, weil uns der kul­tur­kri­ti­sche Geist die­ses Wider­spruchs erfolg­reich aus­ge­trie­ben wor­den ist. Der Impuls ist auf­ge­so­gen wor­den vom Kon­su­mis­mus des Genuß­men­schen.« Was Hen­nis mit sei­ner Ant­wort als selbst­ver­ständ­lich vor­aus­setzt, ist, daß es die­se eige­ne deut­sche Denk­wei­se gege­ben habe. Das läßt sich nicht nur anhand des ein­gangs erwähn­ten Arse­nals, son­dern auch ganz kon­kret an einem Phä­no­men wie der Lebens­re­form­be­we­gung fest­ma­chen. Die Nie­der­la­ge von 1918 bedeu­te­te eine ernst­haf­te Schwä­chung die­ses kul­tur­kri­ti­schen Geis­tes, weil die »Händ­ler« mit ihrer mate­ria­lis­ti­schen Zivi­li­sa­ti­on über die »Hel­den« der idea­lis­ti­schen Kul­tur gesiegt hat­ten. Der Todes­stoß erfolg­te 1945. Die Kul­tur­kri­tik, wahl­wei­se als Faschis­mus oder Kul­tur­pes­si­mis­mus bezeich­net, sei – so das Ver­dikt – ver­ant­wort­lich für zwei Welt­krie­ge und damit illegitim.

Sie gilt aber nicht nur als his­to­risch belas­tet und über­holt, son­dern als undank­bar. Der nahe­lie­gends­te Ein­wand gegen sie ist, daß doch alles funk­tio­nie­re. Kei­ner muß hun­gern, der Wohl­stand hat in einem unge­ahn­ten Maße zuge­nom­men, und sozia­le Span­nun­gen wer­den durch ein ausgefeil­tes Umver­tei­lungs­sys­tem ver­hin­dert, ein Pro­ze­de­re, mit dem offen­bar alle gut leben kön­nen. Der Ver­weis, daß das viel­leicht noch so sei, der Vor­rat der Ver­gan­gen­heit aber zur Nei­ge gehe, wird mit den unend­li­chen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten beant­wor­tet. Daß wir heu­te bes­se­re tech­ni­sche Erzeug­nis­se als in frü­he­ren Zei­ten haben, wird nie­mand ernst­haft bestrei­ten. Jedoch muß die Fra­ge beant­wor­tet wer­den, ob eine Kul­tur durch Wirt­schaft oder Tech­nik aus­rei­chend beschrie­ben ist. Daher wird man die
Fol­gen des tech­ni­schen Fort­schritts beach­ten müs­sen (und dabei eben eini­ge der Ver­spre­chen, wie Zeit­er­spar­nis, als uner­füllt bezeich­nen): Daß der Mensch zum Knecht der Tech­nik gewor­den ist und daß er die durch Tech­nik gewon­ne­ne Zeit (und Wohl­stand) nicht sinn­voll zu nut­zen ver­mag, sind Din­ge, die sich täg­lich beob­ach­ten las­sen. An die­se Errun­gen­schaf­ten, jen­seits der Wirt­schaft­lich­keit, die Sinn­fra­ge her­an­zu­tra­gen erfor­dert Mut. Wenn Kul­tur­kri­tik als ille­gi­tim gilt, hat das sei­ne Ursa­che nicht zuletzt in der still­schwei­gen­den Unter­ord­nung der gan­zen Kul­tur unter die­se bei­den Teilbereiche.

Kul­tur­kri­tik hat sei­ne Wur­zeln im All­tag. Jeder kri­ti­siert, indem er etwas beur­teilt, Din­ge gegen­ein­an­der abwägt oder ver­sucht, Ord­nung in die Viel­zahl von Alter­na­ti­ven zu brin­gen. Wir füh­len uns zu die­ser all­täg­li­chen Kri­tik befä­higt, weil dem Bewer­tungs­maß­stab unse­re eige­nen Erfah­run­gen zugrun­de lie­gen und wir kei­ne abso­lu­ten Kri­te­ri­en benö­ti­gen. Das ist bei Din­gen des All­tags sim­pel. Schwie­ri­ger fällt einem die Kri­tik bei geis­ti­gen Erzeug­nis­sen: die Kunst ist ein gutes Bei­spiel. Auch hier muß der Kri­ti­ker kei­ne bes­se­ren Bil­der malen oder Roma­ne schrei­ben kön­nen als der kri­ti­sier­te Maler oder Autor. Der gute Kri­ti­ker ver­fügt über einen Maß­stab, an dem er das Werk mißt und von dem her er sein Urteil fällt. Es muß dem Werk ange­mes­sen sein. Die Kul­tur ist die Sum­me aus den geis­ti­gen Erzeug­nis­sen, die nicht nur die Kunst betref­fen, son­dern den gan­zen Bereich des mensch­li­chen Lebens, der von den Klei­nig­kei­ten des All­tags bis hin zu welt­an­schau­li­chen Fra­gen und Ent­schei­dun­gen reicht. Sie einer Kri­tik zu unter­zie­hen kann vom Ver­fall der Tisch­sit­ten bis hin zum Nie­der­gang der Gemein­schafts­mo­ral rei­chen. Aller­dings impli­ziert Kul­tur­kri­tik, daß es eben um das Gan­ze gehe und nicht um die Ein­zel­hei­ten. Dage­gen pran­gert Zeit­kri­tik Miß­stän­de an, mißt am Nor­mal­zu­stand, ohne die Grund­fra­ge nach der Ver­faßt­heit des Men­schen zu stel­len. Zeit­kri­tik stellt Äuße­res in Fra­ge, nicht das Gan­ze. Sie fragt nicht, ob Demo­kra­tie im Mas­sen­zeit­al­ter mög­lich und sinn­voll ist, son­dern macht auf olig­ar­chi­sche Ten­den­zen oder auf wach­sen­de Nicht­wäh­ler­zah­len auf­merk­sam. Zeit­kri­tik hat damit einen nahe­lie­gen­den Maß­stab. Sie mißt die Zeit an ihrem eige­nen Ide­al. Im Grun­de geht sie davon aus, daß wir in der best­mög­li­chen Welt leben, die ihre beheb­ba­ren Macken hat. Das bekann­tes­te Bei­spiel aus den letz­ten Jah­ren ist Thi­lo Sar­ra­zin, der die dem Kapi­ta­lis­mus zugrun­de lie­gen­den Kri­te­ri­en durch den aus­ufern­den Sozi­al­staat kor­rum­piert sieht. Der Ver­rat an den eige­nen Maß­stä­ben führt zur Abschaf­fung. Hin­zu kommt noch, daß Kul­tur­kri­tik immer auch sich selbst meint, wenn sie kri­ti­siert. Es ist dies der Unter­schied zwi­schen Hei­deg­ger und der Frank­fur­ter Schu­le. Deren Ein­sich­ten über die Kul­tur­in­dus­trie klin­gen ein­leuch­tend und sind ein­gän­gig, was ihre Ver­brei­tung beför­dert hat.

Es ist immer leicht, jeman­den anzu­kla­gen und dabei von sich selbst abzu­se­hen. Hei­deg­ger sprach zwei Jahr­zehn­te vor dem Erschei­nen der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung von der »Seins­art der All­täg­lich­keit« und der Dik­ta­tur des »Man«, die dar­in besteht, daß wir die Din­ge tun und den­ken, die uns vor­ge­ge­ben wer­den. Der ent­schei­den­de Unter­schied zu Ador­no und Hork­hei­mer besteht dar­in, daß wir es bei Hei­deg­ger nicht mit einer unver­schul­de­ten Lage des Men­schen, her­bei­ge­führt durch ent­frem­de­te Ver­hält­nis­se, zu tun haben. Bei Hei­deg­ger kommt das »Man« dem Dasein durch das Ver­spre­chen der »Seins­ent­las­tung« ent­ge­gen: Wir leben gut mit der Kul­tur­in­dus­trie. Auch wenn Hei­deg­ger spä­ter von der »Machen­schaft« spricht, die alles bestimmt, sind wir immer mit­ge­meint. Ohne den Men­schen gäbe es weder Kul­tur­in­dus­trie noch Machenschaft.

Es bleibt ein grund­sätz­li­ches Pro­blem, ob man als Ange­hö­ri­ger einer Kul­tur in der Lage ist, sich die­ser objek­tiv gegen­über­zu­stel­len und sie zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, oder ob man, wie Hei­deg­ger sagt, immer ein Teil der­sel­ben bleibt und sich auch mit der Kri­tik genau in ihren Gren­zen bewegt. Und auch wenn Geh­len rich­tig liegt und die Objek­ti­vie­rung einer Kul­tur immer dazu führt, sie als ver­gan­gen zu betrach­ten, ein­fach weil es sich dann um ein rela­ti­ves Phä­no­men han­delt, bedeu­tet das nicht, daß sich eine neue kul­tu­rel­le Unmit­tel­bar­keit her­stel­len läßt. Wenn der Mach­bar­keit Gren­zen gesetzt sind, so gehört die­se ganz sicher dazu. Kul­tur­kri­tik kann die mensch­li­chen Gren­zen nicht über­sprin­gen, aber ihr Arse­nal immu­ni­siert gegen die Heils­ver­spre­chen der Gegen­wart und bleibt ein Ärger­nis für alle Beschwichtiger.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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