Der Maler Clemens Fuchs

Ich bin dem Maler Clemens Maria Fuchs zum erstenmal im Mai 2014 begegnet. Anlaß war eine Ausstellung in der Wiener Votivkirche, die unter der Schirmherrschaft des Bundesministers für Kunst und Kultur stand und vom Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, offziell abgesegnet wurde. Eröffnet hatte sie Francesca von Habsburg, eine mächtige Figur der internationalen Kunstmafia. Staat, Kirche und Spitzen der Gesellschaft hatten damit einer Veranstaltung Rückendeckung gegeben, die erstmalig den Raum eines Sakralgebäudes für ein säkulares Projekt zweckentfremdete, aus gläubiger Sicht also: entweihte. Unter dem Titel »Leiblichkeit und Sexualität« waren einundzwanzig zeitgenössische Exponate versammelt worden, die quer durch den Kirchenraum verstreut waren. Sie entstammten überwiegend der konzeptuellen Schule und hatten mit dem übergeordneten Thema oft nur entfernt zu tun.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich bin dem Maler Cle­mens Maria Fuchs zum ers­ten­mal im Mai 2014 begeg­net. Anlaß war eine Aus­stel­lung in der Wie­ner Votiv­kir­che, die unter der Schirm­herr­schaft des Bun­des­mi­nis­ters für Kunst und Kul­tur stand und vom Erz­bi­schof von Wien, Chris­toph Kar­di­nal Schön­born, off­zi­ell abge­seg­net wur­de. Eröff­net hat­te sie Fran­ce­s­ca von Habs­burg, eine mäch­ti­ge Figur der inter­na­tio­na­len Kunst­ma­fia. Staat, Kir­che und Spit­zen der Gesell­schaft hat­ten damit einer Ver­an­stal­tung Rücken­de­ckung gege­ben, die erst­ma­lig den Raum eines Sakral­ge­bäu­des für ein säku­la­res Pro­jekt zweck­ent­frem­de­te, aus gläu­bi­ger Sicht also: ent­weih­te. Unter dem Titel »Leib­lich­keit und Sexua­li­tät« waren ein­und­zwan­zig zeit­ge­nös­si­sche Expo­na­te ver­sam­melt wor­den, die quer durch den Kir­chen­raum ver­streut waren. Sie ent­stamm­ten über­wie­gend der kon­zep­tu­el­len Schu­le und hat­ten mit dem über­ge­ord­ne­ten The­ma oft nur ent­fernt zu tun.

Die Instal­la­ti­on »Flie­gen­glo­ba­li­sie­rung« bestand aus sechs von der Decke hän­gen­den Glo­bus­sen, die mit toten Flie­gen bedeckt waren. Eine rie­si­ge Stahl­spie­gel-Skulp­tur blo­ckier­te die Sicht auf den Haupt­al­tar. Beicht­stüh­le waren zu Guck­käs­ten für Video-Pro­jek­tio­nen umge­wan­delt wor­den, eben­so ein Glas­fens­ter, auf dem eine Bild­schirm­mon­ta­ge in einer Dau­er­schlei­fe aus­ge­sucht bana­les Mate­ri­al zeig­te. Eine wei­te­re »Instal­la­ti­on« kom­bi­nier­te eine offen­ste­hen­de Toi­let­ten­tür mit einem Video von Pipi­lot­ti Rist. Beson­ders apart war das Expo­nat »Herz der Welt«, ein Harz­tä­fel­chen, das mit Aspa­ra­gus-Blät­tern beklebt wur­de, die ein Gebil­de form­ten, das ver­däch­tig nach einem Scham­drei­eck aus­sah. Bin­go: Die Künst­le­rin bezeich­ne­te ihr Werk aus­drück­lich als »Refe­renz« an Gust­ave Cour­bets berüch­tig­tes Gemäl­de »Der Ursprung der Welt«. Die­ses Werk wur­de nun auf einem Ver­kün­di­gungs­al­tar aus­ge­stellt, vor den Augen des wie immer ja und ins­be­son­de­re amen sagen­den Erz­bi­schofs. Wie Charles Péguy ein­mal schrieb: Eini­ge der größ­ten Feig­hei­ten wer­den aus Angst began­gen, nicht pro­gres­siv genug zu erscheinen.

Fuchs und ich waren also an die­sem Ort des Grau­ens durch den Kura­tor des Spek­ta­kels, einen jun­gen, etwas exzen­tri­schen Aus­tra­li­er, zusam­men­ge­führt wor­den. Wir hat­ten bei­de ihm gegen­über eine nahe­zu iden­ti­sche Kri­tik an der Aus­stel­lung geäu­ßert, und der Übel­tä­ter, schein­bar von Gewis­sens­bis­sen geplagt, woll­te zumin­dest so fair sein, auch die Gegen­stim­men anzu­hö­ren. Unser Haupt­kri­tik­punkt war, daß unab­hän­gig von der künst­le­ri­schen Qua­li­tät der Wer­ke der sakra­le Raum in sei­ner Wür­de ver­letzt, miß­braucht und pro­fa­niert wor­den war: Ein Gebets­haus ist kein Muse­um. Für mich fel dabei aller­dings auch die Ten­denz und die Min­der­wer­tig­keit der meis­ten Expo­n­an­te schwer ins Gewicht. Kei­nes davon konn­te als Sakral­kunst bezeich­net wer­den, auch wenn eini­ge Anlei­hen an reli­giö­se Iko­no­gra­phien mach­ten. Sie waren mit weni­gen Aus­nah­men ent­we­der faden­schei­nig oder tri­vi­al, iro­nisch oder maka­ber, lang­wei­lig oder, wenn das Wort noch erlaubt ist, häß­lich. Alles in allem sind das Kate­go­rien, die in Zei­ten der pala­vern­den Kunst­ka­ta­log­scho­las­tik kaum eine Rol­le mehr spie­len. Micha­el Klo­n­ovs­ky bemerk­te dazu lis­tig: »Die moder­ne bil­den­de Kunst ist von ein­zig­ar­ti­ger Qua­li­tät; kei­nem ihrer Ver­tre­ter ist je ein miß­ra­te­nes Werk unterlaufen.«

»Ihr bei­den habt alle, wirk­lich alle gegen euch«, sag­te der Kura­tor bei einem gemein­sa­men Kaf­fee. In sei­nem Ton­fall schwang ein gewis­ser Respekt mit. »Die Poli­ti­ker, die Stadt­ge­mein­de, der Kar­di­nal, die Pres­se, die VIPs im Kunst­be­trieb.« Und tat­säch­lich gab es auch kaum jeman­den, der sich zu einem nen­nens­wer­ten Pro­test gegen die sakri­le­gi­sche Aus­stel­lung auf­schwang. Mit Aus­nah­me eini­ger ver­spreng­ter Que­ru­lan­ten wie mir und klei­ner Grüpp­chen tra­di­tio­na­lis­tisch ori­en­tier­ter Katho­li­ken, die von der Erz­diö­ze­se in der Regel igno­riert werden.

Auch unser Pro­test ver­san­de­te fol­gen­los. Immer­hin hat­ten sich dar­aus eini­ge frucht­ba­re Gesprä­che erge­ben. Fuchs lud mich dar­auf­hin zu einem Besuch in sein Ate­lier ein. Die­ses war haupt­säch­lich mit Por­träts und leuch­ten­den Stil­le­ben im alt­meis­ter­li­chen Stil gesäumt, dar­un­ter eini­ge gelun­ge­ne Trompe‑l’œil-Malereien sowie eine Hand­voll Akte und Bil­der mit reli­giö­sen Moti­ven. Einen beson­ders star­ken Ein­druck hin­ter­ließ bei mir, wie bei den meis­ten Betrach­tern, das ima­gi­nä­re Por­trät des hl. Franz von Assi­si. Fuchs mal­te ihn als jun­gen, schö­nen Mann in einer schwar­zen Kut­te, umhüllt von einem mys­ti­schen Dun­kel, des­sen Blick den Betrach­ter fxiert: einer­seits streng, aske­tisch und her­aus­for­dernd, erfüllt von einer stil­len Glau­bens­glut, ande­rer­seits vol­ler Sanft­heit und Güte. Ein­mal im Bann die­ses Bil­des, fällt es schwer, sich wie­der loszureißen.

Die Male­rei liegt Cle­mens Fuchs, gebo­ren am 11. März 1982 in Wien, offen­bar im Blut: Sei­ne Eltern, Cor­ne­lia und Micha­el Fuchs, sind bei­de aka­de­mi­sche Maler, sein Groß­va­ter ist der berühm­te »phan­tas­ti­sche Rea­list« Ernst Fuchs. Seit 2006 arbei­tet Fuchs als frei­schaf­fen­der Künst­ler in Wien, Klos­ter­neu­burg und Flo­renz, wo er in den »Charles H. Cecil Stu­di­os« Por­trät- und Akt­ma­le­rei unter­rich­tet. Die Hin­wen­dung zur gegen­ständ­li­chen Male­rei und zur damit eng­ver­bun­de­nen Beto­nung des »Alpha­bets« der alt­meis­ter­li­chen Tech­ni­ken ist für Fuchs mehr als nur eine Geschmacks­fra­ge oder eine pri­va­te Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Sie ist für ihn vor allem auch reli­gi­ös begrün­det: als katho­li­scher Christ ist ihm die sicht­ba­re Welt Aus­druck des gött­li­chen Schöp­fungs­wil­lens, ganz im Sin­ne der Wor­te des Buches Gene­sis: »Gott sah alles an, was er gemacht hat­te: Es war sehr gut.« Dar­aus folgt auch der ver­pflich­ten­de Glau­be an die Exis­tenz einer objek­ti­ven Wahr­heit. Der Mensch als Geschöpf Got­tes ist auf Erden zu einer Mis­si­on beru­fen, wes­halb Fuchs’ Por­träts den Akzent stark auf das geis­ti­ge Sein des Men­schen legen. Die Aus­rich­tung auf Gott redu­ziert den sub­jek­ti­ven Pol des künst­le­ri­schen Schaf­fens­pro­zes­ses, der sich in der Moder­ne der­art hyper­troph ent­wi­ckelt hat, daß er die Kunst an den Rand ihrer Selbst­aus­lö­schung gebracht hat. Die Male­rei darf aus die­ser Sicht nicht zum will­kür­li­chen Spiel der Selbst­herr­lich­keit des Künst­lers ver­fal­len, son­dern sie muß sich den wirk­li­chen Din­gen zuwen­den und deren So-Sein sicht­bar machen. Der Künst­ler darf, selbst wenn er ungläu­big ist, den beja­hen­den Kon­takt zur Schöp­fung und zur See­le der Din­ge nicht ver­lie­ren. Fuchs hofft, daß die­ser Weg in bei­de Rich­tun­gen gang­bar ist, daß nicht nur Inhal­te For­men, son­dern auch For­men Inhal­te und Ori­en­tie­run­gen schaf­fen kön­nen. Er träumt von einer Renais­sance der alt­meis­ter­li­chen Tra­di­ti­on, die zugleich auch die Bahn frei machen könn­te für eine erneu­te Hin­wen­dung zu einer christ­li­chen Seins­ord­nung, in der Schön­heit und Wahr­heit eins sind.

Damit ist Fuchs ein geis­ti­ger Bru­der des Schrift­stel­lers Mar­tin Mose­bach – wie er ein glü­hen­der Anhän­ger des triden­ti­ni­schen Ritus –, der in sei­nem Buch Häre­sie der Form­lo­sig­keit schrieb: »Ich beken­ne mich zu der nai­ven Schar, die aus der Oberflä­che, der äuße­ren Erschei­nung auf die inne­re Beschaf­fen­heit und womög­lich Wahr­heit oder Ver­lo­gen­heit einer Sache schließt.« Was dies ästhe­tisch bedeu­tet, wird viel­leicht auch im Kon­trast zu der ein­gangs geschil­der­ten Kir­chen­schän­dung deut­lich: Das Gro­tes­ke, Iro­ni­sche und Dekon­struk­ti­vis­ti­sche mag in der Kunst sei­nen Platz haben, es bleibt dem Sakra­len feind­lich und kann daher kein Heil her­vor­brin­gen. Auch die Links-Rechts-Que­re­len der Poli­tik hält Fuchs aus reli­giö­ser Sicht für irrele­vant: Eine Gesell­schaft, der ein rich­ti­ges Got­tes­bild feh­le, sei zum Unter­gang ver­dammt. In der Tat: Wer so denkt wie er, hat heu­te alle Welt gegen sich, die es vor­zieht, sich gegen­über der Rede von der See­le hart­nä­ckig taub zu stellen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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