Sezession
1. Oktober 2014

Kulturkritik und Pop

Martin Lichtmesz

Neulich rief ich Günter Maschke in Frankfurt am Main an, um ihn um die Identifzierung eines Zitats von Joseph de Maistre zu bitten, das ich in englischer Übersetzung im Internet gefunden hatte. Vermittelt hatte mich Konrad Weiß vom Karolinger-Verlag, der einige Hauptwerke des großen katholischen Reaktionärs herausgegeben hat. Maschke wollte sich mein Fundstück nicht vorlesen lassen und bat mich, es ihm doch zu »schikken«. Ich verstand nicht so recht, wie er das meinte. »Darf ich Sie etwas Dummes fragen? Haben Sie eine E-Mail-Adresse?« Er lachte polternd auf: »Sie können sich glücklich schätzen, daß ich noch ein Standtelephon besitze. Ich habe keinen Computer, kein Internet, nichts … nur den Fernseher habe ich noch nicht rausgehauen. Man kann ja nicht immer nur vom Aufhalten reden, einer muß es auch tun …« Schließlich paraphrasierte ich ihm den Inhalt des Zitats. Maschke erkannte es auf Anhieb und konnte es auswendig aufsagen. Er bat mich um meine Adresse, er werde es suchen und mir per Post zuschicken.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Meine Sympathie für eine freiwillig gewählte, individualkatechontische Rückständigkeit dieser Art ist grenzenlos. Ich mußte an einen von mir seit über einem Jahrzehnt hochverehrten Sensei aus München denken, einen imponierend gebildeten, konservativ akzentuierten Altlinken, der unter anderem bei Hans Sedlmayr studiert hatte und von ihm wesentliche Impulse empfing. Seine Briefe sind stets handschriftlich verfaßt oder auf einer alten Schreibmaschine getippt, die Kuverts tragen einen Adreßstempel, der schon so lange in Gebrauch ist, daß das Präfx »West-« vor »Deutschland« mit  Tinte durchgestrichen werden muß. Als Cinephiler der alten Schule weigert er sich bis heute standhaft, auf Zelluloid gedrehte Filme in Form von Videokassetten oder DVDs anzusehen: denn auch Gemälde und Bauwerke dürfe man nicht nur in Form von Reproduktionen kennen. Es ist nicht nur der anachronistische Charme solcher Gewohnheiten oder auch Ticks, den ich so bestechend finde: Bei Menschen dieser Art findet sich in der Regel oft auch eine Geduld und konzentrierte Aufnahmefähigkeit, die einem Zeitalter, das meint, sich mit ein paar schnellen Klicks wirkliches Wissen aneignen zu können, verlorengegangen ist. Mein Münchener Sensei ist einer der wenigen Menschen, den ich kein einziges Mal einen dummen oder auch nur nichtdruckreifen Satz habe sagen hören.

Den Anschluß zu verpassen und »down to date« zu bleiben halte ich mitunter gar für einen Grund, stolz zu sein. Mit amüsierter Genugtuung las ich das Geständnis des konservativen Essayisten Theodore Dalrymple auf takimag.com, daß er bislang keine Ahnung gehabt habe, wer Robin Williams sei. Es ist heute Ehrensache, die Position des Rückzugs zu verteidigen, wie es auch Ehrensache ist, »Kulturpessimist« zu sein. Man erkennt beinahe todsicher die Kanaille – oder in den Worten von Botho Strauß: die condition-salaud – an der Verächtlichmachung dieses Etiketts. Letzteres gehört zum Standardinventar der landläufgen Preisdemokraten. Die Kritik an der Massenkultur hat dieselben Wurzeln wie die Kritik an der Massendemokratie, ja man könnte überspitzt sagen: die Kritik am Populären ist immer auch eine Kritik an der Demokratie, inklusive aller Zweischneidigkeit, die etwa einen liberalen Apologeten der Demokratie erschreckt, wenn sie zu Ergebnissen kommt, die dieser als regressiv, reaktionär oder geschmacklos empfindet.

Vergessen wir niemals die Fundamente. In Staatsbriefe 11/2000 stellte Hans-Dietrich Sander die These auf, daß es »in Deutschland eine Kultur, eine deutsche Kultur« gar nicht mehr gebe. Ein »stringenter Beweis« dafür sei, »daß seit langem die Rede von Kulturpessimismus verstummt ist«. Sie sei hinfällig geworden, »jetzt, da es keine Kultur mehr gibt. Die Deutschen, die heute leben, haben den Lebenszusammenhang mit ihren klassischen Künsten und ihrer Philosophie verloren, haben ihre Sitten und Brauchtümer hinter sich gelassen, sind bar von Innerlichkeit, Empfindsamkeit und strenger Begrifflichkeit, die einst den deutschen Volksgeist krönten. Es gibt in grosso modo nur noch museale Bezüge, wozu nicht nur Museumsbesuche, sondern auch Konzertgänge gehören.« Kultur werde heute nicht mehr geleistet und aktiv nachvollzogen, sondern allenfalls konsumiert: »Was von Kultur übrigblieb, ist nicht mehr als Unterhaltung.« Das gilt auch für das, was ursprünglich »populäre« Kultur, nämlich Volks-Kultur bedeutete. Dieser Kulturschwund habe indessen den gesamten Erdball ergriffen. Sander zitierte dazu André Gide, der bereits 1938 in seinem Tagebuch bemerkte: »Wenn man so weitermacht, wird es bald nicht mehr viele Leute geben, die Bedürfnis danach haben, die etwas davon verstehen, nicht mehr viele Leute, die merken, daß man nichts mehr davon versteht.«

In dieser Lage braucht man sich über den wohlfeilen Hohn nicht wundern, den die Kulturwohlfühler, Hippen, Progressiven und »Weltoffenen« über einen Mann wie Botho Strauß ausgießen, weil er Facebook und Twitter verschmäht und sich partout nicht mit dem »Plurimi-Faktor« versöhnen und den »intellektuellen Götzendienst vor dem Populären« leisten will. Sie hassen und verlachen ihn für Passagen wie diese: »Inzwischen paktiert auch die Kunst liebedienerisch mit Quote und breitem Publikum. Kaum einer, der Verbreitung nicht für Erhöhung hielte. Er müßte denn schon seiner Erfolge überdrüssig sein und aus purem Snobismus die Überzeugung hegen: Die Frage des Niveaus wird in Zukunft wieder von der Begrenzung des Zugänglichen abhängen.« In dieser Hinsicht ist Strauß ein treuer Schüler von Theodor W. Adorno geblieben, der der Massenkultur zutiefst mißtraute und sie beschuldigte, die Kulturgüter in bloße Waren zu verwandeln. Die in eine »Industrie« umfunktionierte Kultur diene nur mehr dem Konsum, dem Kapitalismus und dem Konformismus. Dagegen hielt Adorno an einem elitären Kunstbegriff fest. Als die »Neue Linke« der späten sechziger Jahre auf den Wellen von Pop und Rock zum Siegeszug ritt, stand Adorno dieser Entwicklung mit Befremden, ja Erschrecken und Verachtung gegenüber.

Eine vom »Pop« beherrschte Welt hat aus der Adornoschen Perspektive Züge des Zukunftsstaats aus Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451. Darin sind die Lektüre und der Besitz von Büchern verboten, und es gibt eigens »Feuerwehr«-Brigaden, die sie aufspüren und vernichten sollen. Die mediale Kommunikation läuft über sprechblasenlose Comics und Breitwandbildschirme mit infantilen TV-Shows und Moderatoren, die die Zuschauer duzen. Die Waffen dagegen, die der dissidente Feuerwehrmann Montag für sich entdeckt, heißen Dostojewski, Dickens oder Balzac. Eine hoffnungslos romantische Vorstellung? Botho Strauß schrieb: »Wir anderen«, die sich der Nivellierung verweigern, »müssen neue unzugängliche Gärten bauen! Zurück zur Avantgarde! Den Kunstbegriff gilt es auf Brennpunktgröße zu verengen. Das natürliche Bedürfnis gegenüber dem schrankenlos inkludierenden System geht nach dem ausgewählten Zirkel.«

Kann eine solche Kehre tatsächlich die »schöne neue Welt« aus den Angeln heben? Das wäre schon wieder zu funktional gedacht: Eine Konzentration wie diese muß man um ihrer selbst willen leisten wollen. Es muß immer Menschen geben, die sich mit puristischer Ausschließlichkeit einer bestimmten Idee hingeben, eine nur ihnen anvertraute Flamme hüten, ein Ideal erfüllen, stellvertretend für alle, die dafür zu schwach sind. Ich bin überzeugt, daß dies, wie etwa die Mönche und Mystiker des Mittelalters, dem Ganzen auf unsichtbaren Kanälen ungeheure Kräfte zuführt. Und wenn dieses Ganze es verdient, vielleicht sogar zu seinem Fall beiträgt.

Um nun aber nicht auf Strohmänner einzuschlagen: Gibt es ihn denn eigentlich noch wirklich, den etwas lächerlich gewordenen konservativen Affekt gegen »die Popkultur« als Hort der Vermassung, als große, plärrende, glitzernde Dampfwalze, unter der alle wirkliche Kunst und Kultur platt gewalzt werden? Als Verderberin der Jugend, die durch Rockmusik zu Drogenmißbrauch, Hedonismus, sexueller Libertinage und vulgären Moden animiert wird und sich die Ohren und Augen für feinere Töne verkleistert? Was ist »Pop« heute überhaupt? Ist das nur MTV, »Big Brother«, »Deutschland sucht den Superstar«, »Germany’s Next Topmodel«, der Eurovision Song Contest, die allgegenwärtigen Celebrity-News? Und was ist dagegen Kultur im Zeitalter »nach den Kulturen« (Frank Lisson), in der post-postmodernen Beliebigkeit?

In Wirklichkeit sind die Fronten zwischen »Kultur« einerseits und »Pop« andererseits, ebenso wie zwischen dem »E« (ernst) und dem »U« (unterhaltend), heute längst nicht mehr so klar, wie sich das Adorno und andere Kulturkritiker einst vorgestellt haben – wenn sie es überhaupt jemals waren. Auch die Theoretiker der Pop- und Rockmusik versuchten, Subkategorien einzuführen, um die Lämmer von den Böcken zu trennen, etwa den »bösen« Kommerz (sagen wir Miley Cyrus) vom »guten« Independent (sagen wir Chelsea Wolfe) zu unterscheiden. Der künstlerische Abstand zwischen Helene Fischer und Scott Walker ist wohl in etwa so groß wie der zwischen Bohlen und Bach, dennoch werden beide als »Pop« subsumiert. Während die E-Musik sich im 20. Jahrhundert in spröde Verweigerungshaltung und Selbstdekonstruktion aufgelöst hat, ist ihr Genius in das Populäre hinübergewechselt, wie auch die vergleichbar abgewirtschaftete gegenständliche Malerei in Comics, in Fantasy, im Gefälligen und im Kitsch ihr Refugium gefunden hat.

Die Massenkultur ist eine Tatsache. Der Widerstand gegen sie ist ebenso zwecklos wie der Widerstand gegen Vanilleeis, wie Federico Fellini einmal über das Fernsehen sagte. Sie umgibt uns wie die Luft zum Atmen, und ausnahmslos jeder Mensch partizipiert in der einen oder anderen Weise an ihr, auch wenn manche darin ersticken. Ikonische Popstars, Cartoonfguren und Filmzitate dienen weltweit als Symbole der Verständigung, erzeugen tatsächlich so etwas wie die Illusion eines »global village« und einer gemeinsamen übernationalen Kultur. An dieser Stelle möchte ich den Blick um 180 Grad drehen und für den Anschluß, für das Sich-Einmischen, für die Schaffung von Berührungsflächen plädieren. Hier also ein Auszug aus einem weiteren Internetfundstück, dem »offenen Brief« eines Bloggers an Botho Strauß, den der Absender dreist egalitär duzt: »Du schreibst in diesem Essay vom beständigen Niedergang der Kunst in Richtung Orientierung an der Masse und so sehr ich Dir darin instinktiv zustimmen will: Ich kann es nicht. Ich möchte Dich an den Schultern packen, Dich schütteln und rufen: ›Bitte sieh genauer hin!‹ Unten, unter den in dem Teppich aus Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen vorkommenden Dingen, unter dem Geplapper der Massen, unter der auf den ersten Blick sichtbaren Tarnoberfläche einer gigantischen Müllhalde kriecht und lebt ein riesiges Universum an lesens-, hörens-, sehenswerter Kultur, die man allerdings (zumal ohne Internet) nicht mehr so leicht zu fnden in der Lage ist.« Die »Dauerverfügbarkeit von allem im Hier und Jetzt, der permanente Strom von Informationen und Kulturgütern«, dieser »endlose Strom an Entertainern und Entertainment, den das Internet mit sich bringt: Das alles hat die wirklich guten Dinge nicht weggeschwemmt oder verschwinden lassen, sondern es hat sie im Gegenteil noch wertvoller gemacht.« So sehr sich der Kulturpessimist in mir dagegen sträubt: der Blogger hat recht. Dem, der damit umgehen kann, stehen heute die herrlichsten Dinge frei zur Verfügung, und darum werde ich nicht müde, die Segnungen von Portalen wie youtube zu preisen. Ich will an dieser Stelle nicht den x-ten Artikel über neurechte »metapolitische Anknüpfungen an die Popkultur« und ähnliches schreiben. Der Kern der Metapolitik sollte vor allem die Schaffung eines Bewußtseins dafür sein, daß die »Rechte« mit ihren Themen und Präferenzen, Motiven und Motivationen inhaltlich keineswegs vom großen Ganzen isoliert ist, sondern vielmehr ein wesentliches Stück vom Ganzen vertritt, das breite Schichten angeht und immer wieder von neuem zum Leben erwachen wird und von Interesse bleibt.

Denjenigen, die eine spezifsche Tiefe ausloten, sollten jene beistehen, die die Breiten vermessen. Eine rechte Kulturkritik sollte sich also idealerweise nicht zur sehr in einem »elitären« Affekt einigeln, sondern die Augen aufmachen und »genauer hinschauen«: nicht nur, um zu verstehen, welche Bilder, Szenen, Gefühle die Gesellschaft gerade bewegen, welche in Unterhaltung verpackte Doktrinen ihr eingeflößt werden, sondern, um diese Dinge auch aktiv mit dem eigenen Leben und Denken zu verknüpfen. Ich nenne hier nur das Beispiel der inzwischen zum Teil stupenden Qualität mancher amerikanischer Fernsehserien, deren Drehbücher, Regie und schauspielerische Leistungen sich mit dem Besten messen können, was die Filmgeschichte des letzten Jahrhunderts zu bieten hat. Hier sind drei, die eine Menge Stoff für eine »rechte« Betrachtung enthalten, und es sind nicht die einzigen: Breaking Bad ist eine Tour de Force, die die Wiederentdeckung einer archaischen, amoralischen Männlichkeit zelebriert; die in den frühen sechziger Jahren angesiedelte Serie Mad Men schildert verführerisch die Schönheit, Größe wie auch den Abgrund einer konservativen Gesellschaft vor ihrer Liberalisierung und eine am Zenit stehende Elite vor ihrem Fall, während eine Krimiserie wie True Detective bis an den Rand vollgepackt ist mit religiösen, christlich-gnostischen Themen.

Solange komplexe Kunstwerke wie diese von einem Millionenpublikum gesehen werden, darf man seinen Kulturpessimismus getrost relativieren. Sie erzählen wirkliche Dinge über das Leben und den Tod, über Frauen und Männer, über die Gesellschaft und das Individuum, also über uns selbst. Ich glaube, daß hier auch die wahren Mythen der Moderne zu fnden sind. Ich nenne dies nur als ein Beispiel unter vielen – eine ausführliche Bestandsaufnahme muß einmal geleistet werden. Jenseits alberner progressiver Posen und einer Popkulturvergötzung, wie sie manche Intellektuelle betreiben, sind die Dinge, die um uns herum produziert, konsumiert und »kommuniziert« (noch so ein von Botho Strauß verachteter Ausdruck) werden, es wert, daß man sie wahrnimmt und absorbiert, ohne daß dabei die kulturellen und künstlerischen Maßstäbe und Hierarchien preisgegeben werden müßten. Homer hat uns etwas zu sagen, aber »Heisenberg«, der Hauptcharakter aus Breaking Bad, ebenso. Wir müssen derlei erkennen und nutzen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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