1. Dezember 2014

Autorenporträt Dostojewski

Gastbeitrag

»Dostojewski – das ist Rußland. Es gibt kein Rußland ohne Dostojewski«: Was der russische Symbolist Alexej Remisow 1927, fünfzigjährig, in der Pariser Emigration festhielt, entspricht bis heute der Wahrnehmung des Rangs Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) durch das deutsche Publikum. Nur wenige Dichter werden so intensiv mit der Nationalliteratur ihres Volkes identifiziert wie der Schöpfer von Schuld und Sühne (1866), Der Spieler (1867) und Der Idiot (1869), Die Dämonen (1872) und Die Brüder Karamasow (1880). Ließen sich Lyrik und Versdichtung so eindringlich in andere Sprachen übertragen wie die Prosa der Romandichtung, wäre Alexander Puschkin als russischer Dichterfürst von Goethescher Dimension wohl auch hierzulande so präsent wie in seiner Heimat und im Werke Dostojewskis selbst. Dieser nämlich nannte es die Krönung seiner öffentlichen Anerkennung, daß er in seinem letzten, dem sechzigsten Lebensjahr die Ehre hatte, in der Versammlung des Vereins der »Freunde russischer Literatur« eine Rede auf jenes Monumentalgenie halten zu dürfen.

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»In Puschkins Erscheinen liegt für uns Russen etwas zweifellos Prophetisches«, hob Dostojewski an und beanspruchte ihn damit zugleich als Kronzeugen für sein eigenes Vermächtnis. Puschkin stehe für die beiden Hauptideen, die das künftige Schicksal Rußlands bestimmten: die Universalität Rußlands (die Fähigkeit also, sich in den Geist anderer Völker hineinzuversetzen, und die daraus sich ergebende Kraft Rußlands zur »Allversöhnung«) und die Umkehr zum Volk und das Vertrauen in seine Kraft. Puschkin habe als erster jenen negativen, krankhaft entfremdeten Typ des gebildeten russischen Menschen dargestellt, der »an die Heimat und ihre autochthonen Kräfte« nicht glaube; und er habe als erster künstlerische Typen jener »russischen Schönheit« aufgezeigt, »die tief im Volksempfinden, unserem Erdboden, ruhte«. Damit ist das große Thema angeschlagen. Es ist eine Besonderheit der russischen Geistesgeschichte, daß Rußlands große Dichter nicht nur als Literaturschöpfer verehrt werden, sondern zugleich als sittliche Wegweiser und Lehrer. Der große Roman ist in Rußland – das keine lange eigenständige Tradition institutionalisierter, akademischer Philosophie kennt – eine philosophische Gattung. Seine größten Dichter erwerben die moralische Autorität von Propheten und Patriarchen. Dieser Rang verbindet Dostojewski mit seinem legitimen Erben im zwanzigsten Jahrhundert, Alexander Issajewitsch Solschenizyn. Dostojewskis Wirkungsmacht auf Literaten und Denker innerhalb und außerhalb Rußlands beruht auf seiner weitreichenden, tiefschürfenden, keinen Abgrund scheuenden Gedankenwelt. Vor allem in seinen eingangs aufgezählten, in den sechziger und siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit seinen tiefgreifenden politischen Umwälzungen entstandenen fünf großen Romanen verwebt er mit dramatischen Polarisierun gen und überraschenden Wendungen eine schier unendliche Vielfalt von Charakteren, oberflächliche und überragende, Irrende und Abgeklärte.

Sie transportieren keineswegs allein seine slawophilen Überzeugungen – auch der Westler, Rationalist und Liberale, der Militarist, Revolutionär, Sozialist, Anarchist und Nihilist treten authentisch und ungefltert auf und werden in ein faszinierendes Ideenringen geschickt. Damit hat er nicht nur die russische, sondern auch die europäische Literatur nachhaltig beeinflußt. Vor dem Hintergrund des Dostojewskischen Kosmos erscheint Thomas Manns Zauberberg wie ein liberaler Abklatsch. Den Naturalisten, Sozialkritikern und zeitweise sogar den sowjetischen Sozialrealisten erscheint der Dostojewski der Armen Leute, seines Ersterfolgs von 1846, und der Kerkeraufzeichnungen Aus einem Totenhaus (1862) als einer der ihren. Auf die zeitgenössischen Liberalen zielten die Dämonen, die die Zerstörung des gesellschaftlichen Gefüges einer Provinzstadt durch das Auftreten der »bösen Geister« (dies der Titel der Neuübersetzung von Swetlana Geier) des Nihilismus als »Verrat« schildern; das zwanzigste Jahrhundert las das düstere Gemälde des Zusammenbruchs einer Ordnung von innen als seherische Vorahnung des bolschewistischen Umsturzes, der Dostojewskis »Ohne Gott ist alles erlaubt« auf das blutigste zu bestätigen schien.

Hermann Hesse sah in den Brüdern Karamasow eine Vorahnung des Untergangs des europäischen Geistes. Dostojewskis Gottesverständnis beeinflußte über Karl Barth die neuere evangelische Theologie. Symbolisten und Surrealisten, Existentialisten und Psychoanalytiker entdeckten in Dostojewski einen Vorläufer und Anreger. Friedrich Nietzsche, dessen Werk ohne die Abarbeitung an Dostojewskis Gottesbegriff nicht zu denken ist, notierte, der große Russe sei »der einzige Psychologe, von dem er etwas zu lernen hatte«. Dostojewski selbst hält am Ende seines Lebens fest, »man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein Realist in höherem Sinne, das heißt: ich zeige alle Tiefen der Menschseele«.

Die unmittelbare und eindringliche Authentizität, mit der er dies tut, verdankt sich nicht zuletzt intensivem, eigenem Durchleben. Der schreibende junge Leutnant der 1840er Jahre stand unter dem Einfluß des atheistischen Sozialisten Belinski und fand Zugang zum Intellektuellenzirkel des Fourier-Anhängers und Revolutionärs Michail Petraschewski. 1849 mit vierzehn weiteren »Petraschewzen« verhaftet, zum Tode verurteilt und erst auf der Hinrichtungsstätte begnadigt, durchlebte er Zuchthaus und Verbannung. Erst nach zehn Jahren wurde ihm die Rückkehr nach Petersburg gestattet. Dostojewski litt an epileptischen Anfällen wie sein Fürst Myschkin (Der Idiot), er versank in den Kasinos der deutschen Kurstädte in den Abgründen und Demütigungen der Sucht nach dem in Rußland verbotenen Glücksspiel. Aus einer aufstiegsbewußten Familie des kleinen Dienstadels stammend, war Dostojewski materiell dennoch nicht abgesichert wie der Graf und Gutsbesitzer Leo Tolstoi; Geldnot und der Zwang, um seine Existenz und den Unterhalt seiner Familie zu schreiben, waren häufge Begleiter. Seine angeschlagene Gesundheit veranlaßte ihn wiederholt zu Aufenthalten in den Kurorten Deutschlands und der Schweiz, deren Menschen ihm wenig behagten.

Scheinhinrichtung, Haft und Verbannung waren der Wendepunkt seiner Überzeugungen und seiner eigenen »Hinwendung zum Volk«. Aus den Intellektuellenzirkeln war er geworfen in »die unmittelbare Berührung mit dem Volk, die brüderliche Vereinigung mit ihm im gemeinsamen Unglück; die Einsicht, daß man selbst zu Volk geworden, somit gleichgestellt, ja, sogar auf seine niederste Stufe hinabgedrückt war«. Aus dem radikalen Intellektuellen wurde der Slawophile Fjodor Dostojewski, der sich zur Dreieinigkeit von Orthodoxie, heiliger Erde und russischem Volk bekennt und sich gegen jene westlerischen Intellektuellen wendet, die glaubten, »Europäer« werden zu müssen, indem sie das Eigene verachten. Vom Westen aber nicht ernst genommen, mußten sie schließlich zu Verneinern Europas und paradoxerweise zu »wahren Russen« werden. In seiner Puschkin-Rede bezeichnet er die Trennung in »Westler« und »Slawophile« als »ein einziges großes Mißverständnis, wenn auch ein historisch notwendiges«, das es zu überwinden gelte. Das westliche Europa lehne Rußland ab, weil jenes wiederum Rußlands Hinwendung zu Europa seit der Petrinischen Öffnung als Usurpation ablehne und ihm mißtraue, denn es bringe eine »andere Idee« in die Menschheit. Rußland müsse erst seine eigene Form, sein eigenes Wort fnden, um anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Russe werden heißt aber zuerst, »aufhören, sein eigenes Volk zu verachten«.

Die russische Nationalidee fndet Dostojewski in der Fähigkeit zur »allmenschlichen Vereinigung«, die wiederum in der Orthodoxie begründet liege. Volk und Gott hängen für Dostojewski eng zusammen. Für Dostojewski ist das russische Volk das rechtgläubige Volk, das auch Nichtslawen einschließt. Das unterscheidet ihn von den zeitgenössischen Panslawisten – auch wenn er in seinem Tagebuch eines Schriftstellers (1873–1881) das Eintreten Rußlands für die orthodoxen Slawen unter türkischer Herrschaft im Balkankrieg von 1877/78 vehement begrüßt. Es unterscheidet ihn aber auch vom primär politischen Slawophilismus Danilewskis, dessen Ideen in den Dämonen von der Romanperson des Schatow vertreten werden.

Dostojewskis Idealisierung des einfachen russischen Menschen, des Bauern, verbindet und trennt ihn vom großen Zeitgenossen Tolstoi, dessen Meisterschaft in der Gestaltung von Charakteren er anerkennt, während er gleichzeitig Skepsis gegenüber dessen liberalen Posen und äußerlichem Reformertum durchblicken läßt. Das Vertrauen in die Kraft des Volkes hat im zwanzigsten Jahrhundert nicht nur Solschenizyn geprägt, dessen Leben und Werk viele bemerkenswerte Parallelen zu Dostojewskis aufweisen, sondern auch die schon zu Sowjetzeiten in den sechziger und siebziger Jahren einsetzende russische Bewegung »Wiedergeburt«, die sich etwa in der Erneuerung der Bauernliteratur durch die Schule der »Dorfschriftsteller« manifestiert. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde Dostojewski zum meistverlegten russischen Autor, und im Zuge der Konsolidierung Rußlands seit Beginn des 21. Jahrhunderts fnden auch seine politischen und weltanschaulichen Schriften und Gedanken wieder stärkere Resonanz.

Schon in der Rede des letzten KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow in Krasnodar, in der dieser 1986 das russische Volk als »die letzte Zuflucht, das letzte Reservoir der Spiritualität« bezeichnete, finden sich Züge des spezifsch Dostojewskischen Messianismus. Der russische Kommunistenchef Gennadi Sjuganow bezieht sich ebenso ehrfürchtig auf Dostojewskis Vermächtnis wie die konservative Monatsschrift Nasch sowremennik (»Unser Zeitgenosse«), die betont, Nationen lebten aus einem großen Gefühl und einer allumfassenden Idee und nicht allein von Börsenspekulationen und der Sorge um den Rubelkurs. Und wenn der Neo-Eurasier Alexander Dugin die besondere russische Zivilisation beschwört, die weder europäisch noch asiatisch, sondern orthodox sei, und den umfassenden Charakter der Orthodoxie im Gegensatz zum ausgrenzenden westlichen Katholizismus herausstellt, ist auch das von Dostojewski eingegeben.

Die heutige, auf Dostojewskis Spuren wandelnde russische Sinnsuche jenseits einer plumpen Imitation des europäischen Westens hat ihre historische Parallele zur Wirkung des großen Russen auf das deutsche Denken im Angesicht des Zeitenbruchs und der epochalen Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. »Wir sind Revolutionäre für etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen, aus einer eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen Revolutionäre aus Konservatismus«, schrieb Dostojewski 1876 in seinem Tagebuch eines Schriftstellers. Thomas Mann griff das Wort 1921 auf, Moeller van den Bruck, der schon 1917 eine Edition der Politischen Schriften Dostojewskis eingeleitet und die 1906 bis 1922 im Piper-Verlag erschienene erste deutsche Übersetzung des Gesamtwerks durch die Livländerin Elisabeth Kaerrick (Pseudonym E. K. Rahsin) maßgeblich unterstützt hatte, machte den Begriff populär: Die deutsche »Konservative Revolution« hatte in Dostojewski nicht nur einen Namensgeber, sondern ihre Inspiration.

Fasziniert zitiert Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen Dostojewskis verwunderte Feststellung: »Sollte es wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in Deutschland schon Wurzel gefaßt hat?« Dostojewski zieht eine Linie über zwei Jahrtausende vom Widerstand des Arminius gegen die römische Invasion über das Aufbegehren Luthers gegen das Papsttum bis zu Bismarcks Kulturkampf und charakterisiert Deutschland als »das protestierende Land«. Der wesentlichste Zug dieses »großen, stolzen und eigenartigen Volkes«, das sich »niemals mit der äußersten westlichen Welt hat vereinigen wollen«, sei, daß es sich »seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt« dem universalistischen Herrschaftsanspruch Roms und seiner Erben, der katholischen Zivilisation und seiner säkularisierten Formen, der Gleichheitsideologie des Liberalismus und Sozialismus, widersetzt habe. In der »Legende vom Großinquisitor« (dem Fiebertraum des »Europäers« unter den Karamasow-Brüdern) spitzt Dostojewski diesen Herrschaftsanspruch ins Metaphysische zu, indem er zeigt, daß ein Paradies auf Erden in einen Nihilismus, in die Fänge des Antichrists führt.

Jenseits der Gehässigkeiten, die Dostojewski in Briefen und Schriften bisweilen über geldgierige Deutsche (und Schweizer) äußert, die ihm begegnet seien (Urteile, in denen man auch ein Echo eigener Erniedrigungen infolge prekärer fnanzieller Verhältnisse sehen darf), jenseits auch der Idealisierung des russischen einfachen Menschen, der auch im Trunk in seinem Unglück dem – berauscht noch mehr zur Prahlsucht neigenden – Deutschen überlegen sei, hat Dostojewski also im deutschen Volk einen Seelenverwandten des russischen erkannt. Es habe zwar seine politische Einheit und einen eigenen staatlichen Organismus hergestellt, aber – wie das russische – »sein eigenes Wort« noch nicht gefunden und ausgesprochen, und sei dennoch im Herzen »immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen«. Deutschland, heißt es an anderer Stelle, »braucht uns nicht zu einem zeitweiligen politischen, sondern zu einem ewigen Bündnis … Zwei großen Völkern, uns und ihm, ist es bestimmt, das Angesicht der Welt zu verändern«.

Thomas Mann fand hier den Ausgangspunkt seiner Unterscheidung zwischen westlicher »Zivilisation« und deutscher »Kultur«. In der Deutung der Niederlage nach dem Weltkrieg erhielten Dostojewskis Worte einen neuen Sinn. Im Recht der jungen Völker bezeichnet Moeller van den Bruck Dostojewski als den »letzten politischen Denker«. Marx sei der vorletzte gewesen, er habe »in Ziffern« gedacht, Dostojewski aber denke »in Menschen«. Dostojewski habe erkannt, daß der Mensch nicht nur an ideologischen »Irrtümern des Verstandes« erkrankt sei, gegen die der Dichter mit seinem Kampf gegen Rationalismus, Liberalismus und Westlertum zu Felde zog, sondern an »Irrtümern des Herzens« als Folge der materialistischen Ideologie. In einem sozialistischen Jahrhundert sei Dostojewski der »einzige Sozialist« gewesen. Und Oswald Spengler notierte im Untergang des Abendlandes, Dostojewskis christlich-orthodoxem russischem Sozialismus sei es nicht um äußere soziale Verbesserungen gegangen wie dem Liberalen Tolstoi, sondern um seelische Gesundung. Darin liegt zweifellos die Botschaft seiner Ausnahmegestalten wie der des Aljoscha Karamasow, der, äußerlich am Geschehenen unschuldig, die innere Verantwortung annimmt, um alle von der Schuld zu erlösen. Darin auch besteht letztlich die »neue, eigenständige Idee«, die Rußland nach Dostojewski der Welt zu geben habe und der der materialistische Westen ebenso mißtraut wie der Eigenart der nie ganz dazugehörenden Deutschen.

Ob der Dichter recht behalten wird, wie Moeller prophezeite, mag im ungewissen liegen. Wahr bleibt Dostojewskis unerschütterliche Überzeugung: »Die Menschheit kann nicht ohne hochherzige Ideen leben.«


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