Autorenporträt Dostojewski

»Dostojewski – das ist Rußland. Es gibt kein Rußland ohne Dostojewski«: Was der russische Symbolist Alexej Remisow 1927, fünfzigjährig, in der Pariser Emigration festhielt, entspricht bis heute der Wahrnehmung des Rangs Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) durch das deutsche Publikum. Nur wenige Dichter werden so intensiv mit der Nationalliteratur ihres Volkes identifiziert wie der Schöpfer von Schuld und Sühne (1866), Der Spieler (1867) und Der Idiot (1869), Die Dämonen (1872) und Die Brüder Karamasow (1880). Ließen sich Lyrik und Versdichtung so eindringlich in andere Sprachen übertragen wie die Prosa der Romandichtung, wäre Alexander Puschkin als russischer Dichterfürst von Goethescher Dimension wohl auch hierzulande so präsent wie in seiner Heimat und im Werke Dostojewskis selbst. Dieser nämlich nannte es die Krönung seiner öffentlichen Anerkennung, daß er in seinem letzten, dem sechzigsten Lebensjahr die Ehre hatte, in der Versammlung des Vereins der »Freunde russischer Literatur« eine Rede auf jenes Monumentalgenie halten zu dürfen.

 Gastbeitrag

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»Dos­to­jew­ski – das ist Ruß­land. Es gibt kein Ruß­land ohne Dos­to­jew­ski«: Was der rus­si­sche Sym­bo­list Ale­xej Rem­i­sow 1927, fünf­zig­jäh­rig, in der Pari­ser Emi­gra­ti­on fest­hielt, ent­spricht bis heu­te der Wahr­neh­mung des Rangs Fjo­dor Michailo­witsch Dos­to­jew­skis (1821–1881) durch das deut­sche Publi­kum. Nur weni­ge Dich­ter wer­den so inten­siv mit der Natio­nal­li­te­ra­tur ihres Vol­kes iden­ti­fi­ziert wie der Schöp­fer von Schuld und Süh­ne (1866), Der Spie­ler (1867) und Der Idi­ot (1869), Die Dämo­nen (1872) und Die Brü­der Kara­ma­sow (1880). Lie­ßen sich Lyrik und Vers­dich­tung so ein­dring­lich in ande­re Spra­chen über­tra­gen wie die Pro­sa der Roman­dich­tung, wäre Alex­an­der Pusch­kin als rus­si­scher Dich­ter­fürst von Goe­the­scher Dimen­si­on wohl auch hier­zu­lan­de so prä­sent wie in sei­ner Hei­mat und im Wer­ke Dos­to­jew­skis selbst. Die­ser näm­lich nann­te es die Krö­nung sei­ner öffent­li­chen Aner­ken­nung, daß er in sei­nem letz­ten, dem sech­zigs­ten Lebens­jahr die Ehre hat­te, in der Ver­samm­lung des Ver­eins der »Freun­de rus­si­scher Lite­ra­tur« eine Rede auf jenes Monu­men­tal­ge­nie hal­ten zu dürfen.

»In Pusch­kins Erschei­nen liegt für uns Rus­sen etwas zwei­fel­los Pro­phe­ti­sches«, hob Dos­to­jew­ski an und bean­spruch­te ihn damit zugleich als Kron­zeu­gen für sein eige­nes Ver­mächt­nis. Pusch­kin ste­he für die bei­den Haupt­ideen, die das künf­ti­ge Schick­sal Ruß­lands bestimm­ten: die Uni­ver­sa­li­tät Ruß­lands (die Fähig­keit also, sich in den Geist ande­rer Völ­ker hin­ein­zu­ver­set­zen, und die dar­aus sich erge­ben­de Kraft Ruß­lands zur »All­ver­söh­nung«) und die Umkehr zum Volk und das Ver­trau­en in sei­ne Kraft. Pusch­kin habe als ers­ter jenen nega­ti­ven, krank­haft ent­frem­de­ten Typ des gebil­de­ten rus­si­schen Men­schen dar­ge­stellt, der »an die Hei­mat und ihre auto­chtho­nen Kräf­te« nicht glau­be; und er habe als ers­ter künst­le­ri­sche Typen jener »rus­si­schen Schön­heit« auf­ge­zeigt, »die tief im Volks­emp­fin­den, unse­rem Erd­bo­den, ruh­te«. Damit ist das gro­ße The­ma ange­schla­gen. Es ist eine Beson­der­heit der rus­si­schen Geis­tes­ge­schich­te, daß Ruß­lands gro­ße Dich­ter nicht nur als Lite­ra­tur­schöp­fer ver­ehrt wer­den, son­dern zugleich als sitt­li­che Weg­wei­ser und Leh­rer. Der gro­ße Roman ist in Ruß­land – das kei­ne lan­ge eigen­stän­di­ge Tra­di­ti­on insti­tu­tio­na­li­sier­ter, aka­de­mi­scher Phi­lo­so­phie kennt – eine phi­lo­so­phi­sche Gat­tung. Sei­ne größ­ten Dich­ter erwer­ben die mora­li­sche Auto­ri­tät von Pro­phe­ten und Patri­ar­chen. Die­ser Rang ver­bin­det Dos­to­jew­ski mit sei­nem legi­ti­men Erben im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert, Alex­an­der Iss­a­je­witsch Sol­sche­ni­zyn. Dos­to­jew­skis Wir­kungs­macht auf Lite­ra­ten und Den­ker inner­halb und außer­halb Ruß­lands beruht auf sei­ner weit­rei­chen­den, tief­schür­fen­den, kei­nen Abgrund scheu­en­den Gedan­ken­welt. Vor allem in sei­nen ein­gangs auf­ge­zähl­ten, in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts mit sei­nen tief­grei­fen­den poli­ti­schen Umwäl­zun­gen ent­stan­de­nen fünf gro­ßen Roma­nen ver­webt er mit dra­ma­ti­schen Pola­ri­sie­run gen und über­ra­schen­den Wen­dun­gen eine schier unend­li­che Viel­falt von Cha­rak­te­ren, oberfläch­li­che und über­ra­gen­de, Irren­de und Abgeklärte.

Sie trans­por­tie­ren kei­nes­wegs allein sei­ne sla­wo­phi­len Über­zeu­gun­gen – auch der West­ler, Ratio­na­list und Libe­ra­le, der Mili­ta­rist, Revo­lu­tio­när, Sozia­list, Anar­chist und Nihi­list tre­ten authen­tisch und unge­fltert auf und wer­den in ein fas­zi­nie­ren­des Ideen­rin­gen geschickt. Damit hat er nicht nur die rus­si­sche, son­dern auch die euro­päi­sche Lite­ra­tur nach­hal­tig beeinflußt. Vor dem Hin­ter­grund des Dos­to­jew­ski­schen Kos­mos erscheint Tho­mas Manns Zau­ber­berg wie ein libe­ra­ler Abklatsch. Den Natu­ra­lis­ten, Sozi­al­kri­ti­kern und zeit­wei­se sogar den sowje­ti­schen Sozi­al­rea­lis­ten erscheint der Dos­to­jew­ski der Armen Leu­te, sei­nes Ersterfolgs von 1846, und der Ker­ker­auf­zeich­nun­gen Aus einem Toten­haus (1862) als einer der ihren. Auf die zeit­ge­nös­si­schen Libe­ra­len ziel­ten die Dämo­nen, die die Zer­stö­rung des gesell­schaft­li­chen Gefü­ges einer Pro­vinz­stadt durch das Auf­tre­ten der »bösen Geis­ter« (dies der Titel der Neu­über­set­zung von Swet­la­na Gei­er) des Nihi­lis­mus als »Ver­rat« schil­dern; das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert las das düs­te­re Gemäl­de des Zusam­men­bruchs einer Ord­nung von innen als sehe­ri­sche Vor­ah­nung des bol­sche­wis­ti­schen Umstur­zes, der Dos­to­jew­skis »Ohne Gott ist alles erlaubt« auf das blu­tigs­te zu bestä­ti­gen schien.

Her­mann Hes­se sah in den Brü­dern Kara­ma­sow eine Vor­ah­nung des Unter­gangs des euro­päi­schen Geis­tes. Dos­to­jew­skis Got­tes­ver­ständ­nis beeinfluß­te über Karl Barth die neue­re evan­ge­li­sche Theo­lo­gie. Sym­bo­lis­ten und Sur­rea­lis­ten, Exis­ten­tia­lis­ten und Psy­cho­ana­ly­ti­ker ent­deck­ten in Dos­to­jew­ski einen Vor­läu­fer und Anre­ger. Fried­rich Nietz­sche, des­sen Werk ohne die Abar­bei­tung an Dos­to­jew­skis Got­tes­be­griff nicht zu den­ken ist, notier­te, der gro­ße Rus­se sei »der ein­zi­ge Psy­cho­lo­ge, von dem er etwas zu ler­nen hat­te«. Dos­to­jew­ski selbst hält am Ende sei­nes Lebens fest, »man nennt mich einen Psy­cho­lo­gen. Das ist nicht rich­tig. Ich bin nur ein Rea­list in höhe­rem Sin­ne, das heißt: ich zei­ge alle Tie­fen der Menschseele«.

Die unmit­tel­ba­re und ein­dring­li­che Authen­ti­zi­tät, mit der er dies tut, ver­dankt sich nicht zuletzt inten­si­vem, eige­nem Durch­le­ben. Der schrei­ben­de jun­ge Leut­nant der 1840er Jah­re stand unter dem Einfluß des athe­is­ti­schen Sozia­lis­ten Belin­ski und fand Zugang zum Intel­lek­tu­el­len­zir­kel des Fou­rier-Anhän­gers und Revo­lu­tio­närs Michail Petra­schew­ski. 1849 mit vier­zehn wei­te­ren »Petra­schew­zen« ver­haf­tet, zum Tode ver­ur­teilt und erst auf der Hin­rich­tungs­stät­te begna­digt, durch­leb­te er Zucht­haus und Ver­ban­nung. Erst nach zehn Jah­ren wur­de ihm die Rück­kehr nach Peters­burg gestat­tet. Dos­to­jew­ski litt an epi­lep­ti­schen Anfäl­len wie sein Fürst Mys­chkin (Der Idi­ot), er ver­sank in den Kasi­nos der deut­schen Kur­städ­te in den Abgrün­den und Demü­ti­gun­gen der Sucht nach dem in Ruß­land ver­bo­te­nen Glücks­spiel. Aus einer auf­stiegs­be­wuß­ten Fami­lie des klei­nen Dienst­adels stam­mend, war Dos­to­jew­ski mate­ri­ell den­noch nicht abge­si­chert wie der Graf und Guts­be­sit­zer Leo Tol­stoi; Geld­not und der Zwang, um sei­ne Exis­tenz und den Unter­halt sei­ner Fami­lie zu schrei­ben, waren häuf­ge Beglei­ter. Sei­ne ange­schla­ge­ne Gesund­heit ver­an­laß­te ihn wie­der­holt zu Auf­ent­hal­ten in den Kur­or­ten Deutsch­lands und der Schweiz, deren Men­schen ihm wenig behagten.

Schein­hin­rich­tung, Haft und Ver­ban­nung waren der Wen­de­punkt sei­ner Über­zeu­gun­gen und sei­ner eige­nen »Hin­wen­dung zum Volk«. Aus den Intel­lek­tu­el­len­zir­keln war er gewor­fen in »die unmit­tel­ba­re Berüh­rung mit dem Volk, die brü­der­li­che Ver­ei­ni­gung mit ihm im gemein­sa­men Unglück; die Ein­sicht, daß man selbst zu Volk gewor­den, somit gleich­ge­stellt, ja, sogar auf sei­ne nie­ders­te Stu­fe hin­ab­ge­drückt war«. Aus dem radi­ka­len Intel­lek­tu­el­len wur­de der Sla­wo­phi­le Fjo­dor Dos­to­jew­ski, der sich zur Drei­ei­nig­keit von Ortho­do­xie, hei­li­ger Erde und rus­si­schem Volk bekennt und sich gegen jene west­le­ri­schen Intel­lek­tu­el­len wen­det, die glaub­ten, »Euro­pä­er« wer­den zu müs­sen, indem sie das Eige­ne ver­ach­ten. Vom Wes­ten aber nicht ernst genom­men, muß­ten sie schließ­lich zu Ver­nei­nern Euro­pas und para­do­xer­wei­se zu »wah­ren Rus­sen« wer­den. In sei­ner Pusch­kin-Rede bezeich­net er die Tren­nung in »West­ler« und »Sla­wo­phi­le« als »ein ein­zi­ges gro­ßes Miß­ver­ständ­nis, wenn auch ein his­to­risch not­wen­di­ges«, das es zu über­win­den gel­te. Das west­li­che Euro­pa leh­ne Ruß­land ab, weil jenes wie­der­um Ruß­lands Hin­wen­dung zu Euro­pa seit der Petri­ni­schen Öff­nung als Usur­pa­ti­on ableh­ne und ihm miß­traue, denn es brin­ge eine »ande­re Idee« in die Mensch­heit. Ruß­land müs­se erst sei­ne eige­ne Form, sein eige­nes Wort fnden, um ande­ren auf Augen­hö­he zu begeg­nen. Rus­se wer­den heißt aber zuerst, »auf­hö­ren, sein eige­nes Volk zu verachten«.

Die rus­si­sche Natio­nal­idee fndet Dos­to­jew­ski in der Fähig­keit zur »all­men­sch­li­chen Ver­ei­ni­gung«, die wie­der­um in der Ortho­do­xie begrün­det lie­ge. Volk und Gott hän­gen für Dos­to­jew­ski eng zusam­men. Für Dos­to­jew­ski ist das rus­si­sche Volk das recht­gläu­bi­ge Volk, das auch Nichtsla­wen ein­schließt. Das unter­schei­det ihn von den zeit­ge­nös­si­schen Pan­sla­wis­ten – auch wenn er in sei­nem Tage­buch eines Schrift­stel­lers (1873–1881) das Ein­tre­ten Ruß­lands für die ortho­do­xen Sla­wen unter tür­ki­scher Herr­schaft im Bal­kan­krieg von 1877/78 vehe­ment begrüßt. Es unter­schei­det ihn aber auch vom pri­mär poli­ti­schen Sla­wo­phi­lis­mus Dani­lew­skis, des­sen Ideen in den Dämo­nen von der Roman­per­son des Scha­tow ver­tre­ten werden.

Dos­to­jew­skis Idea­li­sie­rung des ein­fa­chen rus­si­schen Men­schen, des Bau­ern, ver­bin­det und trennt ihn vom gro­ßen Zeit­ge­nos­sen Tol­stoi, des­sen Meis­ter­schaft in der Gestal­tung von Cha­rak­te­ren er aner­kennt, wäh­rend er gleich­zei­tig Skep­sis gegen­über des­sen libe­ra­len Posen und äußer­li­chem Refor­mer­tum durch­bli­cken läßt. Das Ver­trau­en in die Kraft des Vol­kes hat im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert nicht nur Sol­sche­ni­zyn geprägt, des­sen Leben und Werk vie­le bemer­kens­wer­te Par­al­le­len zu Dos­to­jew­skis auf­wei­sen, son­dern auch die schon zu Sowjet­zei­ten in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren ein­set­zen­de rus­si­sche Bewe­gung »Wie­der­ge­burt«, die sich etwa in der Erneue­rung der Bau­ern­li­te­ra­tur durch die Schu­le der »Dorf­schrift­stel­ler« mani­fes­tiert. Nach dem Ende der Sowjet­uni­on wur­de Dos­to­jew­ski zum meist­ver­leg­ten rus­si­schen Autor, und im Zuge der Kon­so­li­die­rung Ruß­lands seit Beginn des 21. Jahr­hun­derts fnden auch sei­ne poli­ti­schen und welt­an­schau­li­chen Schrif­ten und Gedan­ken wie­der stär­ke­re Resonanz.

Schon in der Rede des letz­ten KPdSU-Gene­ral­se­kre­tärs Michail Gor­bat­schow in Krasno­dar, in der die­ser 1986 das rus­si­sche Volk als »die letz­te Zuflucht, das letz­te Reser­voir der Spi­ri­tua­li­tät« bezeich­ne­te, fin­den sich Züge des spe­zifsch Dos­to­jew­ski­schen Mes­sia­nis­mus. Der rus­si­sche Kom­mu­nis­ten­chef Gen­na­di Sju­ga­now bezieht sich eben­so ehr­fürch­tig auf Dos­to­jew­skis Ver­mächt­nis wie die kon­ser­va­ti­ve Monats­schrift Nasch sow­re­men­nik (»Unser Zeit­ge­nos­se«), die betont, Natio­nen leb­ten aus einem gro­ßen Gefühl und einer all­um­fas­sen­den Idee und nicht allein von Bör­sen­spe­ku­la­tio­nen und der Sor­ge um den Rubel­kurs. Und wenn der Neo-Eura­sier Alex­an­der Dugin die beson­de­re rus­si­sche Zivi­li­sa­ti­on beschwört, die weder euro­pä­isch noch asia­tisch, son­dern ortho­dox sei, und den umfas­sen­den Cha­rak­ter der Ortho­do­xie im Gegen­satz zum aus­gren­zen­den west­li­chen Katho­li­zis­mus her­aus­stellt, ist auch das von Dos­to­jew­ski eingegeben.

Die heu­ti­ge, auf Dos­to­jew­skis Spu­ren wan­deln­de rus­si­sche Sinn­su­che jen­seits einer plum­pen Imi­ta­ti­on des euro­päi­schen Wes­tens hat ihre his­to­ri­sche Par­al­le­le zur Wir­kung des gro­ßen Rus­sen auf das deut­sche Den­ken im Ange­sicht des Zei­ten­bruchs und der epo­cha­len Nie­der­la­ge Deutsch­lands im Ers­ten Welt­krieg. »Wir sind Revo­lu­tio­nä­re für etwas ande­res, das wir bis jetzt selbst noch nicht wis­sen, aus einer eige­nen Not­wen­dig­keit her­aus, sozu­sa­gen Revo­lu­tio­nä­re aus Kon­ser­va­tis­mus«, schrieb Dos­to­jew­ski 1876 in sei­nem Tage­buch eines Schrift­stel­lers. Tho­mas Mann griff das Wort 1921 auf, Moel­ler van den Bruck, der schon 1917 eine Edi­ti­on der Poli­ti­schen Schrif­ten Dos­to­jew­skis ein­ge­lei­tet und die 1906 bis 1922 im Piper-Ver­lag erschie­ne­ne ers­te deut­sche Über­set­zung des Gesamt­werks durch die Liv­län­de­rin Eli­sa­beth Kaer­rick (Pseud­onym E. K. Rah­sin) maß­geb­lich unter­stützt hat­te, mach­te den Begriff popu­lär: Die deut­sche »Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on« hat­te in Dos­to­jew­ski nicht nur einen Namens­ge­ber, son­dern ihre Inspiration.

Fas­zi­niert zitiert Tho­mas Mann in sei­nen Betrach­tun­gen eines Unpo­li­ti­schen Dos­to­jew­skis ver­wun­der­te Fest­stel­lung: »Soll­te es wahr sein, daß der kos­mo­po­li­ti­sche Radi­ka­lis­mus auch in Deutsch­land schon Wur­zel gefaßt hat?« Dos­to­jew­ski zieht eine Linie über zwei Jahr­tau­sen­de vom Wider­stand des Armi­ni­us gegen die römi­sche Inva­si­on über das Auf­be­geh­ren Luthers gegen das Papst­tum bis zu Bis­marcks Kul­tur­kampf und cha­rak­te­ri­siert Deutsch­land als »das pro­tes­tie­ren­de Land«. Der wesent­lichs­te Zug die­ses »gro­ßen, stol­zen und eigen­ar­ti­gen Vol­kes«, das sich »nie­mals mit der äußers­ten west­li­chen Welt hat ver­ei­ni­gen wol­len«, sei, daß es sich »seit dem ers­ten Augen­blick sei­nes Auf­tre­tens in der geschicht­li­chen Welt« dem uni­ver­sa­lis­ti­schen Herr­schafts­an­spruch Roms und sei­ner Erben, der katho­li­schen Zivi­li­sa­ti­on und sei­ner säku­la­ri­sier­ten For­men, der Gleich­heits­ideo­lo­gie des Libe­ra­lis­mus und Sozia­lis­mus, wider­setzt habe. In der »Legen­de vom Groß­in­qui­si­tor« (dem Fie­ber­traum des »Euro­pä­ers« unter den Kara­ma­sow-Brü­dern) spitzt Dos­to­jew­ski die­sen Herr­schafts­an­spruch ins Meta­phy­si­sche zu, indem er zeigt, daß ein Para­dies auf Erden in einen Nihi­lis­mus, in die Fän­ge des Anti­christs führt.

Jen­seits der Gehäs­sig­kei­ten, die Dos­to­jew­ski in Brie­fen und Schrif­ten bis­wei­len über geld­gie­ri­ge Deut­sche (und Schwei­zer) äußert, die ihm begeg­net sei­en (Urtei­le, in denen man auch ein Echo eige­ner Ernied­ri­gun­gen infol­ge pre­kä­rer fnan­zi­el­ler Ver­hält­nis­se sehen darf), jen­seits auch der Idea­li­sie­rung des rus­si­schen ein­fa­chen Men­schen, der auch im Trunk in sei­nem Unglück dem – berauscht noch mehr zur Prahl­sucht nei­gen­den – Deut­schen über­le­gen sei, hat Dos­to­jew­ski also im deut­schen Volk einen See­len­ver­wand­ten des rus­si­schen erkannt. Es habe zwar sei­ne poli­ti­sche Ein­heit und einen eige­nen staat­li­chen Orga­nis­mus her­ge­stellt, aber – wie das rus­si­sche – »sein eige­nes Wort« noch nicht gefun­den und aus­ge­spro­chen, und sei den­noch im Her­zen »immer über­zeugt, daß es noch ein­mal imstan­de sein wer­de, die­ses neue Wort zu sagen und mit ihm die Mensch­heit zu füh­ren«. Deutsch­land, heißt es an ande­rer Stel­le, »braucht uns nicht zu einem zeit­wei­li­gen poli­ti­schen, son­dern zu einem ewi­gen Bünd­nis … Zwei gro­ßen Völ­kern, uns und ihm, ist es bestimmt, das Ange­sicht der Welt zu verändern«.

Tho­mas Mann fand hier den Aus­gangs­punkt sei­ner Unter­schei­dung zwi­schen west­li­cher »Zivi­li­sa­ti­on« und deut­scher »Kul­tur«. In der Deu­tung der Nie­der­la­ge nach dem Welt­krieg erhiel­ten Dos­to­jew­skis Wor­te einen neu­en Sinn. Im Recht der jun­gen Völ­ker bezeich­net Moel­ler van den Bruck Dos­to­jew­ski als den »letz­ten poli­ti­schen Den­ker«. Marx sei der vor­letz­te gewe­sen, er habe »in Zif­fern« gedacht, Dos­to­jew­ski aber den­ke »in Men­schen«. Dos­to­jew­ski habe erkannt, daß der Mensch nicht nur an ideo­lo­gi­schen »Irr­tü­mern des Ver­stan­des« erkrankt sei, gegen die der Dich­ter mit sei­nem Kampf gegen Ratio­na­lis­mus, Libe­ra­lis­mus und West­ler­tum zu Fel­de zog, son­dern an »Irr­tü­mern des Her­zens« als Fol­ge der mate­ria­lis­ti­schen Ideo­lo­gie. In einem sozia­lis­ti­schen Jahr­hun­dert sei Dos­to­jew­ski der »ein­zi­ge Sozia­list« gewe­sen. Und Oswald Speng­ler notier­te im Unter­gang des Abend­lan­des, Dos­to­jew­skis christ­lich-ortho­do­xem rus­si­schem Sozia­lis­mus sei es nicht um äuße­re sozia­le Ver­bes­se­run­gen gegan­gen wie dem Libe­ra­len Tol­stoi, son­dern um see­li­sche Gesun­dung. Dar­in liegt zwei­fel­los die Bot­schaft sei­ner Aus­nah­me­ge­stal­ten wie der des Aljoscha Kara­ma­sow, der, äußer­lich am Gesche­he­nen unschul­dig, die inne­re Ver­ant­wor­tung annimmt, um alle von der Schuld zu erlö­sen. Dar­in auch besteht letzt­lich die »neue, eigen­stän­di­ge Idee«, die Ruß­land nach Dos­to­jew­ski der Welt zu geben habe und der der mate­ria­lis­ti­sche Wes­ten eben­so miß­traut wie der Eigen­art der nie ganz dazu­ge­hö­ren­den Deutschen.

Ob der Dich­ter recht behal­ten wird, wie Moel­ler pro­phe­zei­te, mag im unge­wis­sen lie­gen. Wahr bleibt Dos­to­jew­skis uner­schüt­ter­li­che Über­zeu­gung: »Die Mensch­heit kann nicht ohne hoch­her­zi­ge Ideen leben.«

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