Sezession
1. Dezember 2014

Permanente Emanzipation

Gastbeitrag

Das Schreiben von Vizepräsidentin Kerry Compton kam am 22. Dezember 2007. Den Studentinnen Kandy Kyriacou und Ojoma Omaga wurde für den Fall der Wiederholung ihres »störenden und beleidigenden« Verhaltens die Exmatrikulation vom College of Alameda in Kalifornien angedroht. Was war das Vergehen der jungen Frauen? Hatten sie jemanden attackiert? Unflätig beschimpft? Eigentum der Universität zerstört? Nichts dergleichen. Eine Professorin war während der Weihnachtszeit erkrankt. Die beiden Studentinnen beteten für sie auf dem Campus. Ein Dozent war außer sich und alarmierte die Hochschulleitung, die sich aufgerufen sah, gegen derlei Umtriebe ein Zeichen zu setzen, da sie gegen den Verfassungsgrundsatz der Trennung von Kirche und Staat verstießen.

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Solche Geschichten sind kein Einzelfall mehr im euro-amerikanischen Kulturkampf der Eliten. Garilyn Brune malt ein Bild, auf dem dargestellt wird, wie ein Priester an Jesus Fellatio betreibt. Mit dieser Arbeit gewinnt der Künstler 1995 den »Emerging Erotic Artist Contest« der »Tom of Finland Foundation«. – Eine obskure Gruppe junger Frauen in Rußland, die sich den Namen »Fotzen-Aufstand« (Pussy Riot) zugelegt hat, dringt in Moskaus Christ-Erlöser-Kathedrale ein und schreit Parolen wie »Die Kirche ist die Scheiße Gottes«. Westliche Journalisten machen aus der Gotteslästerung und der Beleidigung der Gläubigen ein »Punk-Gebet« oder ein »Protestlied«, und die Lutherstadt Wittenberg schlägt vor, den Frauen den Lutherpreis zu verleihen. – Ein evangelischer Pfarrer in Mainz lädt zum »erotischen Abendmahlsgottesdienst« ein. Der Süddeutschen Zeitung teilt er vorab mit, er werde dabei auch die Worte »ficken« und »poppen« verwenden.

Patrick Buchanan sieht in dergleichen ein Zeichen für den »Tod des Westens«, dessen wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung derzeit noch seine innere Schwäche überspiele. In der Tat: Wir werden zu Zeugen eines welthistorisch einzigartigen Kampfs der Eliten einer ganzen Zivilisation gegen die eigenen kulturellen, sozialen, historischen, institutionellen und moralischen Grundlagen. Er ist das Resultat von drei großen Emanzipationen im Verlauf der vergangenen 1600jährigen abendländischen Geschichte, in denen mentale und soziale Verhältnisse untrennbar miteinander verwoben sind: die cartesianische Emanzipation des Erkennens von den sozialen Verhältnissen um 1600, die Emanzipation von der alten politischen Ordnung mit Aufklärung und bürgerlicher Gesellschaft als mentalem und sozialem Komplement im 18. Jahrhundert, und zuletzt die Radikalemanzipation im Gefolge der kulturellen Revolution und des Kampfes um die kulturelle Hegemonie, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einsetzte und bis heute andauert.

Betrachten wir zunächst den äußerlichen Verlauf der abendländischen Geschichte als Grundgerüst, auf das anschließend die drei großen Emanzipationen gleichsam aufgetragen werden: Am 25. August 410 wurde Rom von den Goten unter Alarich erobert, geplündert und in Brand gesetzt, die Stadt, die seit der Zeit des Augustus »ewige Stadt« war und auch nach der Gründung Konstantinopels noch das Sinnbild des Imperiums blieb. Als religiöses und politisches Zentrum des Reiches galt Rom als unbesiegbar. Nachdem das Christentum im Jahre 380 zur offziellen Lehre Roms geworden war, hatten die Christen sich diese Rom-Idee zu eigen gemacht. Die Vertreter der sogenannten »Reichstheologie« verstanden Rom als Werkzeug des göttlichen Heilsplans. Im christlichen Rom sah man die Gottesherrschaft verwirklicht, von der Jesus gesprochen hatte. Die Eroberung und Brandschatzung Roms zerstörte daher nicht nur den Glauben an die Unbesiegbarkeit Roms, sondern auch die Idee der Heilsträgerschaft der nun nicht mehr »ewigen Stadt«. Es war nun nicht mehr möglich, in menschlichen Institutionen und geschichtlichen Ereignissen Gottes Heilsplan nachzuspüren.

Die tiefe Verstörung jener Zeit wurde durch den Kirchenlehrer Aurelius Augustinus überwunden. Er stellte der Reichstheologie seine Lehre von den zwei Reichen entgegen: civitas dei und civitas terrena. Als wahre Kirche und wahres irdisches Reich sind diese Idealbilder mit keiner konkreten Gesellschaftsform identisch. Im Mittelalter wurde das philosophisch-theologische Konzept der beiden Reiche jedoch auf die historische Realität von Papstkirche und Kaiserreich übertragen. Der Investiturstreit (1075–1122) endete zwar mit dem Sieg des Papsttums, der freilich ein Scheinsieg war. Schon im sogenannten »Weistum von Rhense« (1338) erklärten die Kurfürsten, daß die Zustimmung des Papstes zur Kaiserwahl nicht mehr nötig sei. So begann im Jahre 410 der für Europa so charakteristische Sonderweg der fortschreitenden Emanzipation der weltlichen Macht von der geistlichen Autorität, der immer stärker werdenden Trennung von Kirche und Staat. Staat und Reich erhoben erfolgreich den Anspruch auf eigene Würde und göttliche Legitimation. Die kontinuierliche Auseinanderentwicklung von Kirche und weltlicher Macht drückt sich in den drei großen Emanzipationen aus, die schließlich in die Autonomie des Individuums und die Säkularisierung einmündeten.

Europa wurde ursprünglich durch zwei große philosophische Richtungen geprägt: Platonismus und Cartesianismus. Der Platonismus geht von einer feststehenden, stabilen, normativen Realität aus, aus der sich Wissen und Moral legitimieren lassen. Er ist der höchste Ausdruck der in Kasten oder Stände gegliederten Agrargesellschaft, die auf Stabilität und Kontinuität Wert legt. Das Wissen der Kenner, Wissenden und Weisen entspringt dem innersten Wesen der Welt, das als stabil und endgültig vorausgesetzt wird. Das Zusammenwirken der geistlichen und weltlichen Macht bei der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Stabilität wird bejaht. All dies läßt den Platonismus, gleich dem Konfuzianismus, als eine hochkulturliche Weiterentwicklung der im Ursprung tribalen Ethik der konzentrischen Ordnung erscheinen.

Im Rahmen des christlichen Monotheismus behielt das Erkennen bis zum Anbruch der Neuzeit noch ein platonisches Gepräge, insofern die Welt als Werk des transzendenten Gottes das Wesen ihres Schöpfers reflektierte. Das Christentum dachte sich Gott als rational, ansprechbar und verläßlich. Die Welt besitzt demgemäß eine stabile Struktur, folgte ihren von Gott verliehenen Gesetzmäßigkeiten, die dem menschlichen Verstand zugänglich sind. Sie lädt den Menschen geradezu ein, ihrer Struktur erkennend nachzuspüren. Aus diesem Grunde war die mittelalterliche Kirche – beständigen Vorurteilen zum Trotz – jahrhundertelang die größte Förderin der Wissenschaften.

Der individualistisch und egalitär geprägte Cartesianismus, die erste große Emanzipation, trat beim Übergang von der agrarisch geprägten Gesellschaftsordnung zur Neuzeit in Erscheinung. Die moderne Gesellschaft, die sich damals formierte, war eine Gesellschaft der Konkurrenz im Zeichen der postagrarischen Entfaltung der Produktivkräfte und der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie existierte »durch und durch für einen anhaltenden und fortlaufenden Zuwachs an Erkenntnis und Wirtschaftskraft«. Es paßte zur inneren Verfassung dieser Epoche, daß der Zugang zum Wissen nicht mehr einer bestimmten Klasse oder Kaste vorbehalten war. Es ist daher nur folgerichtig, daß René Descartes seinerzeit die Emanzipation der Erkenntnis von den gesellschaftlichen Verhältnissen propagierte. Das Erkennen sollte keiner bestimmten Kultur, keiner politischen Macht, keinem bestimmten Stand mehr vorbehalten bleiben, sondern seinen eigenen Gesetzen folgen. Die Erkenntnisprinzipien sind Sache des einzelnen, nicht des Kollektivs. Die neue Zeit benötigte gleichsam jeden Kopf. Der Cartesianismus vertritt auf dem Feld der Erkenntnis gleichsam einen Robinson-Crusoe-Standpunkt, wie Gellner treffend formuliert.

Das unterscheidet ihn auf das schärfste vom Platonismus, der im Menschen ein soziales Wesen sieht, das beim Erkennen, wie bei allen anderen Dingen des Lebens, nur im Verein mit anderen tätig sein kann. Bei Descartes hingegen sind die Kriterien soliden Wissens unabhängig von der Struktur der Welt, auch der sozialen, sie gehen ihr voraus. Er setzt damit den entbundenen Intellekt einer Welt des Wachstums der Innovation und des permanenten allseitigen Fortschritts aus, der in Aufklärung und Säkularisierung einmündet. Dem sozial entbundenen Erkennen des modernen Menschen entspricht die Entbindung von Kapital und Arbeit, als »Religion des Alltagslebens« (Karl Marx), aus den sozialen Verhältnissen, in die sie noch im mittelalterlichen Zunftwesen eingebunden waren. Das emanzipierte europäische Individuum kannte auch räumlich keine Grenzen mehr – vom 16. bis zum 19. Jahrhundert hat Europa den größten Teil des Erdballs kolonisiert.  Die zweite große Emanzipation galt nicht allein dem Erkennen, sondern löste das Individuum aus seinen überkommenen sozialen Bindungen und Traditionen. Mit der amerikanischen Unabhängigkeit, der Französischen Revolution und der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches verlor ferner die Religion ihre Rolle als herrschaftslegitimierende Instanz.

Staat, Nation und Herrschaft legitimierten sich nicht mehr durch die Rückbindung an Gott, Kirche und Religion, sondern durch die Leitidee der Volkssouveränität, auch wenn im protestantisch geprägten Europa noch einige Zeit die Vorstellung vom Gottesgnadentum des Herrschers weiterbestand. Der moderne Nationalstaat, der sich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges herausbildete, war das kollektive Sicherheitsnetz, das den einzelnen vor dem Sturz in Nihilismus und Hedonismus, Vereinzelung und soziale Anomie bewahrte. Er ist zwar auf den individuellen Freiheitsrechten gegründet, nicht auf Gruppenrechten, aber die Einbindung des Individuums in die Familie war immer noch eine Leitidee, und die Trennung von Religion und Staat stellte nicht die Religion als Garanten der Moral in Frage. Das christliche Erbe verlor seine Rolle als Wertevermittler und Lebensgestalter nicht, Religion und Konfession wurden zwar zur Privatsache, waren aber nach wie vor für die moralische Grundierung von Staat und Gesellschaft unersetzlich.

In der sich im 18. Jahrhundert herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft war nicht mehr das Gemeinwesen, sondern die Seele die Arena religiöser Bewährung. Die Religion wurde im Gefolge der Aufklärung zur Privatsache, einer Angelegenheit des Gefühls, der Vernunft und des inneren Ringens um individuelle Erlösung. Aber auch diese Münze hat zwei Seiten: Was geschieht, wenn der innere Ruf nach dem göttlichen Du ungehört bleibt, wenn das Erkennen nicht mehr am innersten Wesen der Realität festmachen kann? Dann verfällt der vereinzelte einzelne der »Melancholie« und zieht sich in das Biedermeier seines »Weltinnenraums« zurück, er sucht die Erlösung in der Exotik des anderen oder stürzt sich in den Aktivismus der großen Ideologien. Die teleologischen Vorstellungen vom Reich Gottes am Ende der Zeiten und dem endgültigen Sieg über das Böse wurden, säkular-materialistisch umgedeutet, zum Glauben an ein mit naturgesetzlicher Notwendigkeit heraufziehendes diesseitiges Paradies als Ziel der Geschichte, von der Rasse oder, wie im Sowjetkommunismus, von der Klasse getragen.

Die dritte große Emanzipation ist eine Folge des Ersten Weltkriegs. Die Erwartungen der sozialistischen und kommunistischen Revolutionäre wurden bekanntlich bitter enttäuscht, da sich die Arbeiter mit ihrer Nation identifzierten und sich nicht mit ihren ausländischen Genossen im Klassenkampf vereinigten. Während der Sowjetkommunismus auf die Entwicklung des Nationalstaates als notwendigen Schritt auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft setzte, riefen im Westen Intellektuelle wie Antonio Gramsci, Georg Lukács und die Mitglieder der »Frankfurter Schule« den Kampf um die kulturelle Hegemonie aus. Christentum und abendländische Kultur machten die Arbeiterschaft gegen revolutionäres Gedankengut immun, also mußte man sie beseitigen. Die »counterculture« in den USA der 1960er Jahre – gegen Religion, Kirche, Familie, bürgerliche Gesellschaft und Kultur, Nation und Staat – ist ein Resultat des Kulturkampfes, der sich über die gesamte westliche Welt verbreitete.

Sie ist ein später Reflex der radikalemanzipatorischen Rhetorik des jungen Marx, der 1843 in seiner Schrift Zur Judenfrage gegen die bürgerliche Gesellschaft polemisierte: »Der Mensch wurde … nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigentum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit«. Das Individuum wird sich selbst Menschheit, und da »die Menschheit nichts Größeres mehr außer sich sieht, muß sie sich selbst umarmen und ihr immer schon wahnhaftes Glücksverlangen von sich selbst erwarten« (Arnold Gehlen). Aus allem, was diesem Selbstgenuß im Wege steht, wird das Individuum herausemanzipiert, der Mensch wird Gattungswesen. Die permanente Emanzipation war ein Faktor des Aufstiegs des Westens zur Weltmacht, sie ist aber auch einer der Gründe seines unaufhaltsamen Niedergangs, da sie, als Radikalemanzipation, vor nichts mehr haltmacht. Einmal in Gang gesetzt, war der Emanzipationsprozeß nicht mehr zu stoppen. Er hat die Freiheit erlangt, sich durch säkulare Sabotage gegen die Grundlagen jener Zivilisation zu richten, der er diese Freiheit verdankt. Wer sind jedoch die Nutznießer des Kulturkampfes?

Welche Ironie: Seit dem Ende des Kalten Krieges versucht die westliche Führungsmacht USA, ihren Anspruch der Schaffung einer Welt nach dem Vorbild Amerikas durch Dollar-Hegemonie, »Farben-Revolutionen« (Georgien, Ukraine) und militärische Machtprojektion durchzusetzen. Der Kulturkampf wurde gleichsam von der Wall Street gekapert, nur haben Antifa und Kulturlinke das noch nicht begriffen. Die Destruktion der moralischen, spirituellen und sozialen Grundlagen der westlichen Zivilisation führt nämlich nicht in ein Arbeiter-und-Bauern-Paradies, sondern in den sozialen Wärmetod der von Wall Street kontrollierten »One World«. Der Westen, der die Reichtümer der Welt in den Händen hält, sich aber nicht mehr reproduziert und seine geistigen und moralischen Grundlagen zerstört, hat wohl langfristig keine Überlebenschance. Durch den Traditionsbruch in der Liturgie der nachkonziliaren Ära und die Austrocknung der gottesdienstlichen Formen geschwächt, fehlt auch der katholischen Kirche die Kraft, der säkularen Sabotage entgegenzutreten. In die räumliche und geistige Leere, die diese Sabotage schafft, treten andere Völker ein. Und andere Religionen. Und alles, weil eine durch die Medienmacht der Eliten eingeschüchterte Mehrheit es nicht wagt, sich zu wehren.

Zurück zum Anfang: Die Studentinnen Kandy Kyriacou und Ojoma Omaga zogen vor Gericht – mit Erfolg. Das von der Leitung des College of Alameda ausgesprochene Gebetsverbot und die Androhung der Exmatrikulation wurden zurückgewiesen. Die Hochschule lenkte ein und übernahm die Gerichtskosten in Höhe von 90.000 Dollar für die beiden Studentinnen. Es lohnt sich, auch einmal zu kämpfen.


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