1. Dezember 2014

Mauerfall – Kuß vor dem Tode

Gastbeitrag

Am 9. November 1989 schien der Mittelpunkt des Weltgeschehens in Berlin zu liegen – wie zuletzt am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, jetzt aber unter umgekehrtem Vorzeichen. Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper nannte die Deutschen das glücklichste Volk auf der Welt. Der Lyriker Reiner Kunze sah gar den Engel der Geschichte herabsteigen und Deutschland segnen. Weltweit wurde der Mauerfall als historisches Ereignis, als Kulminationspunkt und Symbol eines epochalen Umbruchs empfunden, vergleichbar dem Bastillesturm von 1789. Großes schien sich zu vollziehen oder anzukündigen: die Wiederherstellung der größten europäischen Nation als Staat; die Rekonstruktion der europäischen Mitte; das Ende des Kalten Krieges und des Ost-West-Konflikts; das Dementi von Jalta; der Schlußpunkt einer 1914 begonnenen europäischen Schmerzensgeschichte; die Rückkehr des Alten Kontinents, der fast 50 Jahre lang Aufmarschgebiet und Verfügungsmasse der Supermächte war, auf die Bühne der Weltpolitik. – Deutschland, in der Mitte gelegen, würde als zentrale Macht und wichtigster Akteur gefragt sein.

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Vom Hochgefühl ist wenig geblieben, was nicht nur an den Mühen der Ebenen liegt. Die um die DDR vergrößerte Bundesrepublik ist das weltweit begehrte Objekt moralischer, politischer und finanzieller Erpressung. Ihr wichtigstes politisches Unterpfand, die D-Mark, hat sie aus der Hand gegeben, ohne sich auf der Gemeinschaftsebene vermehrte Einfluß- und Gestaltungsmöglichkeiten zu sichern. Der praktischen Unfähigkeit, Interessen zu definieren und wahrzunehmen, entspricht das symbolische Defizit. Auf dem Gelände der ehemaligen Ministergärten, wo der innerstädtische Mauerstreifen eine besonders monströse Gestalt hatte, im Schnittpunkt von Reichstag und Bundesrat, Potsdamer Platz und Brandenburger Tor, von Goethe-Denkmal und Wilhelmstraße, wurde 2005 das Holocaust-Denkmal eingeweiht. Seine Größe und Gestalt lassen keinen Zweifel zu, daß dies Deutschlands spirituelle Mitte symbolisieren soll, den archimedischen Punkt seiner Kultur, Geschichte und Zukunft. Es ist ein Symbol der Selbstnegation und zugleich Ausdruck einer politischen Mentalität.

Hilflos steht man dem Ansturm von Flüchtlingen aus dem afrikanischen und asiatischen Raum gegenüber, der Deutschland und Europa mehr verändern wird als die Kriege des 20. Jahrhunderts. Unter der Hand werden Zyniker wie der Dichter Peter Hacks entstaubt, die die Mauer als letztes Hindernis vor dem Abgrund interpretiert hatten… In der Darstellung und Interpretation der Ereignisse von 1989 ist noch immer viel politische Romantik im Spiel, das heißt, die Emotionen, die der Mauerfall auslöste, werden als politische Tatsachen genommen. Romantisch ist das Bild von der friedlichen Revolution, die mit Kerzen und Gebeten die Mauer zum Einsturz gebracht hat. Es suggeriert, daß eine politische Idee samt ihrer Spiritualität zur revolutionären Gewalt ge worden sei. In dieses Bild gehören auch die Bürgerrechtler in ihrer dostojewskihaften Anmutung.

Die Entwicklung war profaner: Die verweigerte Reisefreiheit war der allgemeinste Nenner, an dem sich die Unzufriedenheit entzündete. Sie bedeutete Einsperrung, Repression, Bevormundung, Mangelsyndrom, Demütigung, Frustration. Wirklich gefährlich für die SED wurde die Situation erst, als Ungarn im Frühjahr 1989 ankündigte, seine Grenze nach Westen zu öffnen. Zwischen der DDR und Ungarn herrschte Reisefreiheit, die das Politbüro nicht sogleich aufzuheben wagte. So bot sich den DDR-Bürgern die Möglichkeit, sich und ihre Arbeitskraft dem Staat zu entziehen und ihm damit den größtmöglichen Schaden zuzufügen. Die Berichterstattung der bundesdeutschen Medien steigerte die Dynamik der Fluchtbewegung, die binnen Wochen zur völligen Demoralisierung im Land führte. Sie betraf auch loyale Sozialisten, Partei- und Armeekader, die fassungslos erlebten, daß die eigenen Kinder sich von ihnen und vom Sozialismus verabschiedeten. Sie sahen sich brutal mit der Frage konfrontiert, wozu der eigene Einsatz noch gut sein solle. Sogar der Offizier der Grenztruppe, der am 9. November eigenmächtig den Befehl erteilte, den Schlagbaum auf der Bornholmer Brücke in Berlin zu öffnen, war von seinem Sohn gedrängt worden, seinen Posten aufzugeben. Der Flüchtlingsstrom war bei der Destabilisierung der DDR das entscheidende Moment.

Die Mauer war einst gebaut worden, um den Abfluß der Menschen zu stoppen. Jetzt wurde sie hektisch geöffnet, um sie im Land zu halten. Der Mauerbau war keine alleinige und willkürliche Entscheidung der SED-Führung gewesen, sondern die Konsequenz der deutschen Teilung und der Eingliederung beider Teilstaaten in konträre Machtblöcke. Die DDR hatte gegenüber der Bundesrepublik den kürzeren gezogen, was eine Sogwirkung gen Westen auslöste, wobei West-Berlin bis 1961 als Düse oder Schlupfloch fungierte. Wegen der massenhaften Abwanderung näherte die DDR sich im Sommer 1961 dem ökonomischen Zusammenbruch, der unkalkulierbare Rückwirkungen auf den Ostblock gehabt hätte. Die Sowjetunion hatte seit 1958 versucht, die Westalliierten durch Ultimaten und Drohungen zum Rückzug aus West-Berlin zu bewegen. Die USA aber kamen zu dem Schluß, daß ein Zurückweichen ihre Führungsstärke in Zweifel ziehen und damit das westliche Bündnis zerfallen würde. Aus dem spiegelbildlichen Grund durfte die Sowjetunion erwarten, daß der Westen ihr die Verfügung über die DDR und Ost-Berlin konzedierte. Unter dieser Voraussetzung war West-Berlin für beide Seiten ein Spannungsherd, der unkalkulierbare Risiken einschließlich eines Atomkriegs in sich barg und ruhiggestellt werden mußte. Die Mauer war das häßliche, aber effektive Mittel dazu. 28 Jahre lang wurde das in Ost und West so gesehen, und bis auf die DDR-Bürger und die West-Berliner störte sich kaum jemand daran. Ausgerechnet die Sowjetunion begann diesen Konsens in den 1980er Jahren in Frage zu stellen. Sie war ökonomisch am Ende und konnte rüstungstechnisch nicht länger gegen die USA bestehen. Unter Gorbatschow lockerte sich ihr Griff um die Satellitenstaaten.

Die ausgelaugte DDR war für Moskau vom Ausbeutungsobjekt zum Ballast geworden. Es suchte die wirtschaftliche Hilfe der Bundesrepublik und war dafür bereit, die DDR zur Disposition zu stellen. Nur in diesem Kontext konnten die Demonstranten und friedlichen Revolutionäre in der DDR erfolgreich sein. Zur politischen Rhetorik der Bundesrepublik gehörte es, die offene deutsche Frage als eine europäische und diese als einen Systemkonflikt zwischen westlicher Demokratie und östlicher Diktatur zu deuten. Das war in dieser Ausschließlichkeit so machtvergessen wie unhistorisch. Die deutsche Frage war älteren Datums und bestand darin, daß Deutschland zu groß war, um sich bruchlos in das europäische Gleichgewicht einzufügen, und zu klein, um als natürlicher Kontinentalhegemon sowie als Weltmacht zu agieren. Da »die Furcht vor der Hegemonie eines der ihren« das System der europäischen Staaten regulierte und ihren Instinkt prägte, sorgte – nach einem Satz von Ludwig Dehio – jeder Machtzuwachs des Deutschen Reiches dafür, daß sie sich »wie die Kristalle einer Druse« gegen Deutschland wandten und schließlich die Außenmächte Rußland und die USA mobilisierten. Die fühlten sich um so lieber angesprochen, als ein unter deutscher Hegemonie geeintes Europa ihre globalen Ambitionen gestört hätte. 1945 hatte sich die vielzitierte und variierte Prophezeiung Alexis de Tocquevilles aus dem Jahr 1835 erfüllt, daß die USA und Rußland die beiden Weltmächte der Zukunft seien.

Nach Deutschlands totaler Niederlage 1945 taten sie einen tiefen Schnitt durch seine und die europäische Mitte und teilten den Kontinent unter sich auf. Für Deutschland war es in den beiden Weltkriegen um die schiere politische Existenz gegangen. Hitler war ein deutsches Verhängnis, doch er bietet keine vollständige Erklärung für die deutsche Tragödie, die sich mit ihm vollendete. Er war selber nur das »akute Symptom eines chronischen Siechtums«, das er aufzuhalten versprach unter Anwendung äußerster Mittel. Noch einmal Ludwig Dehio: »Vor allem aber verbietet es sich, den letzten Akt unserer Geschichte nur aus den Vorgängen auf der deutschen Bühne zu erläutern. Er bleibt demjenigen unverständlich, der sich nicht die umfassenden Druckverlagerungen auf dem schrumpfenden Globus vergegenwärtigt, die erst die furchtbaren Faltungen und Verwerfungen des deutschen Schicksales hervorpressen halfen. In Wahrheit rang im Dritten Reich zum ersten Male eine der großen Nationen, und eine noch rüstige und lebensvolle, mit dem Tode. … Nur die antike Geschichte bietet echte Parallelen.«

Was Deutschland 1945 erlebte, war weit mehr als eine Kapitulation. Es war eine Debellatio, die völlige Unterwerfung und Auslieferung an die Sieger. Als politisches Subjekt war es ausgelöscht und künftig nur noch als »deutsche Frage« vorhanden. Beide Teilstaaten wurden zu Musterschülern ihrer miteinander verfeindeten Vormächte, machten sich deren Vorgaben zu eigen und ließen sich gegeneinander in Stellung bringen. Die DDR war ein reiner Satrap der Sowjetunion und existentiell an sie gebunden. Die Bundesrepublik wurde von Adenauer im Westen verankert und gewann allmählich Souveränitätsrechte zurück, ohne daß die westalliierten Vorrechte ganz aufgehoben wurden. Die wenigen Kritiker im Westen – »eine stimmlose Opposition, deren Geschichte von Denunziation verdrängt wurde« (Hans-Dieter Müller) – wiesen darauf hin, daß die Deutschen im Begriff waren, die aufgezwungene Teilung zu ihrer eigenen Sache zu machen. Adenauer mochte das als notwendigen Umweg betrachten. Sein Streben nach deutschen Atomwaffen läßt sich als ein möglicher Hinweis verstehen, daß er die politische Existenz Deutschlands auf jeden Fall wiederherstellen wollte und dauerhaft zu sichern gedachte.

Für beide Supermächte war ein vereintes Deutschland nur unter ihrer jeweiligen Vormundschaft denkbar. Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, erhielt 1959 vom US-Außenminister John Foster Dulles den »aufrichtigen und zugleich desillusionierenden Hinweis: ›Wenn wir uns in hundert Fragen mit den Russen streiten, in der hunderteinsten sind wir mit ihnen einig: Ein neutrales, womöglich noch bewaffnetes Deutschland, das zwischen den Fronten hin und her marschieren kann, wird es nicht geben.‹« Spätestens jetzt warf die Mauer ihren Schatten voraus. Die Politikwissenschaftler der Bundesrepublik unterließen es, die deutsche Frage auszuloten, das politisch suspendierte »Deutschland« als Gedankenmodell zu rekonstruieren und dem politischen Pragmatismus eine langfristige Orientierung zu geben. Zu den wenigen Ausnahmen zählte Hans-Joachim Arndt. Er verwies auf den »besonderen Kontrast zwischen Wohlstand der verfaßten Gesellschaft im Westen Deutschlands einerseits und demütigendem Ausgeliefertsein des politischen Subjektes ›Deutschland‹ andererseits, … und solche Widersprüche können durchaus eine Politik wie eine Politikwissenschaft dazu bringen, sich auf das Gesellschaftlich-Wirtschaftliche zu reduzieren und somit aus der Not eine Tugend zu machen«. Zu den zweifelhaften Tugenden sind auch die Überspanntheiten zu rechnen, die die Lage in eine wünschbare und vorbildhafte umdeuteten und ästhetisierten: die Idee beispielsweise, die Teilung als Buße für den Nationalsozialismus zu preisen oder die Bundesrepublik als den ersten postnationalen Staat zu empfehlen. Sie verrieten ein gestörtes Verhältnis zur Realität und einen gedanklichen Provinzialismus – das Mauersyndrom westlicher Spielart.

Immerhin gab es einige letzte Sicherungen und Vorbehalte: Die Präambel des Grundgesetzes und das Verfassungsgerichtsurteil von 1973, die die Bundesregierungen auf die Wiedervereinigung Deutschlands festlegten. Es gab die Formel von der »offenen deutsche Frage« und den ausstehenden friedensvertraglichen Regelungen. Daran ließen sich allerhand Erwartungen für die Zukunft und die Hoffnung knüpfen, daß noch nicht aller Tage Abend sei. Und vor allem gab es die DDR-Bürger, die in ihrer Mehrheit begehrlich nach Westen blickten und an die Bundesrepublik politische, soziale, ja existentielle Hoffnungen knüpften. Doch irgendeine politisch-intellektuelle Wegweisung zur deutschen Frage war auch aus der DDR nicht zu vernehmen. Der Soziologe Wolfgang Engler schrieb, die DDR-Bürger hätten viel Phantasie zur Bewältigung ihres Alltags entwickelt, ihre politische Phantasie aber sei verkümmert. Man könnte auch sagen: Sie hatten die Mauer verinnerlicht. Die Phantasielosigkeit betraf auch Systemkritiker und Bürgerrechtler. Sie konnten sich Veränderungen und Reformen nur in den Grenzen des Sozialismus vorstellen und betrachteten die DDR als eine feststehende Größe. Das war der Unterschied zu Ungarn, Polen und auch der Tschechoslowakei, wo sich die Idee eines reformierten Sozialismus mit der Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968 erledigt hatte. Der letzte oppositionelle Alternativvorschlag, der die innere Verfaßtheit der DDR, die deutsche Frage und die Weltpolitik in einen realistischen Zusammenhang zu bringen versuchte, war 1956 von Wolfgang Harich verfaßt worden. Die SED sollte sich von einer kommunistischen zu einer sozialdemokratischen Partei reformieren und mit der Bundesrepublik über eine Wiedervereinigung verhandeln. Aus den Verhandlungen sollte ein sozialdemokratisiertes, souveränes und neutrales Gesamtdeutschland hervorgehen. Die Sowjetunion wollte Harich durch die Aussicht gewinnen, an der Wirtschaftskraft des Ruhrgebiets zu partizipieren. Diesen Plan unterbreitete er dem sowjetischen Botschafter, ohne zu wissen, daß die Sowjetunion die Wiedervereinigungsoption seit den Pariser Verträgen und dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik 1955 insgeheim ad acta gelegt hatte.

Harich verschwand für acht Jahre im Zuchthaus. Als er 1989 den DDR-Grünen riet, als erste Partei die Wiedervereinigung zu fordern, verstand ihn niemand mehr. Die außenpolitischen Vorstellungen der Opposition waren idealistisch und fanden ihren Ausdruck in Forderungen wie »Frieden schaffen ohne Waffen«. Die Pastoren und Bürgerrechtler Martin Gutzeit und Markus Meckel, die später noch eine Rolle spielen sollten – der eine als Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen, der andere als letzter Außenminister der DDR und SPD-Bundestagsabgeordneter –, schrieben anläßlich des 8. Mai 1985: »Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Unsere Gegenwart ist entscheidend von den unbewältigten Schuldzusammenhängen unserer Geschichte geprägt. … Wenn wir heute nach einer deutschen Identität suchen, kann dies nur in der Übernahme der gemeinsamen schuldhaften Vergangenheit beider deutscher Staaten und in der Anerkennung der Zweistaatlichkeit geschehen.« Das entsprach der Meinungs- und Stimmungslage, die auch in weiten Teilen der bundesdeutschen Funktionseliten herrschte. Gemeinsam waren sie vom Mauerfall schockiert und verstanden weder die innere schon gar nicht die äußere Dynamik der Entwicklung. Die Sowjetunion war im Begriff, als Supermacht abzudanken und den USA ihr europäisches Vorfeld zu überlassen. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung waren Funktionen und angenehme Begleiterscheinungen dieses Prozesses. Mit der Mauer fiel die Schonung durch die Verbündeten fort, welche die Bundesrepublik wegen der exponierten Position im Ost-West-Konflikt in militärischer, politischer, psychologischer Hinsicht genossen hatte. Der Umschwung äußerte sich umgehend in der Forderung an Deutschland und Japan, den anderen großen Weltkriegsverlierer, die Finanzierung des ersten Golfkriegs von 1990/91 zu übernehmen.

Niemand aber war auf den 9. November geistig vorbereitet. Bis heute fehlt eine realistische Lageeinschätzung des Geschehens seitdem. Sie scheitert an der »Mauer in den Köpfen«. Dieser von Peter Schneider im Roman Der Mauerspringer (1982) geprägte Begriff wird gedankenlos dazu verwendet, um einen Erfahrungsunterschied zwischen DDR- und Bundesbürgern zu benennen, der durch gegenseitiges Erzählen und Zuhören ausgeglichen werden könne. Doch Schneider zielte auf viel Tieferes, nämlich auf die falsche Selbstwahrnehmung der Deutschen und ihre verkehrte Wahrnehmung der Welt. Sie sei die Folge davon, daß beide Hälften des Landes »ihre Identität … aus der Abgrenzung gegen die andere Hälfte« bezogen hätten.

Das Urheberrecht an dem Wort steht übrigens der Journalistin Margret Boveri zu, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs gegen die deutsche Teilung angeschrieben und zur »stimmlosen Opposition« gehört hatte. Bereits im Februar 1962 veröffentlichte sie in der Wochenzeitung Die Zeit einen Aufsatz über die geistige »Mauer, die wir selber bauen«, an den sie 1973 mit gnadenloser Präzision anknüpfte: »Aufbereiten unserer Geschichte seit 1945 ist gleichbedeutend mit dem Aufzeichnen einer Krankengeschichte. Wir müssen uns klarmachen, daß die von den Siegermächten verfügte Spaltung des Landes spiegelbildlich in den Deutschen eine geistig-politische Schizophrenie verursacht hat, die einen fast totalen Realitätsverlust bedeutete.« Der Klärungsprozeß ist bis heute ausgeblieben. Statt dessen hat das falsche Bewußtsein aus dem Westen sich über das falsche Bewußtsein im Osten geschoben. Die »deutsche Frage« ist nicht beantwortet, sie wurde lediglich eliminiert. Die Mauer aus Beton hatte wenigstens noch einen diffusen Erwartungshorizont zugelassen. Die heutige Mauer besteht aus stupiden Tautologien vermeintlicher Alternativlosigkeiten und den neuen Leerformeln wie Vielfalt, Weltoffenheit oder Verantwortung. Gegen sie zu argumentieren heißt, sich die Stirn wundreiben. Damit aufzuhören aber hieße, zu akzeptieren, daß der 9. November 1989 kein Neubeginn und Aufbruch, sondern der Kuß vor dem Tode war.


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