Mauerfall – Kuß vor dem Tode

Am 9. November 1989 schien der Mittelpunkt des Weltgeschehens in Berlin zu liegen – wie zuletzt am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, jetzt aber unter umgekehrtem Vorzeichen.

 Gastbeitrag

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Ber­lins Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter Wal­ter Mom­per nann­te die Deut­schen das glück­lichs­te Volk auf der Welt. Der Lyri­ker Rei­ner Kun­ze sah gar den Engel der Geschich­te her­ab­stei­gen und Deutsch­land seg­nen. Welt­weit wur­de der Mau­er­fall als his­to­ri­sches Ereig­nis, als Kul­mi­na­ti­ons­punkt und Sym­bol eines epo­cha­len Umbruchs emp­fun­den, ver­gleich­bar dem Bas­til­lesturm von 1789. Gro­ßes schien sich zu voll­zie­hen oder anzu­kün­di­gen: die Wie­der­her­stel­lung der größ­ten euro­päi­schen Nati­on als Staat; die Rekon­struk­ti­on der euro­päi­schen Mit­te; das Ende des Kal­ten Krie­ges und des Ost-West-Konflikts; das Demen­ti von Jal­ta; der Schluß­punkt einer 1914 begon­ne­nen euro­päi­schen Schmer­zens­ge­schich­te; die Rück­kehr des Alten Kon­ti­nents, der fast 50 Jah­re lang Auf­marsch­ge­biet und Ver­fü­gungs­mas­se der Super­mäch­te war, auf die Büh­ne der Welt­po­li­tik. – Deutsch­land, in der Mit­te gele­gen, wür­de als zen­tra­le Macht und wich­tigs­ter Akteur gefragt sein.

Vom Hoch­ge­fühl ist wenig geblie­ben, was nicht nur an den Mühen der Ebe­nen liegt. Die um die DDR ver­grö­ßer­te Bun­des­re­pu­blik ist das welt­weit begehr­te Objekt mora­li­scher, poli­ti­scher und finan­zi­el­ler Erpres­sung. Ihr wich­tigs­tes poli­ti­sches Unter­pfand, die D‑Mark, hat sie aus der Hand gege­ben, ohne sich auf der Gemein­schafts­ebe­ne ver­mehr­te Einfluß- und Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten zu sichern. Der prak­ti­schen Unfä­hig­keit, Inter­es­sen zu defi­nie­ren und wahr­zu­neh­men, ent­spricht das sym­bo­li­sche Defi­zit. Auf dem Gelän­de der ehe­ma­li­gen Minis­ter­gär­ten, wo der inner­städ­ti­sche Mau­er­strei­fen eine beson­ders mons­trö­se Gestalt hat­te, im Schnitt­punkt von Reichs­tag und Bun­des­rat, Pots­da­mer Platz und Bran­den­bur­ger Tor, von Goe­the-Denk­mal und Wil­helm­stra­ße, wur­de 2005 das Holo­caust-Denk­mal ein­ge­weiht. Sei­ne Grö­ße und Gestalt las­sen kei­nen Zwei­fel zu, daß dies Deutsch­lands spi­ri­tu­el­le Mit­te sym­bo­li­sie­ren soll, den archi­me­di­schen Punkt sei­ner Kul­tur, Geschich­te und Zukunft. Es ist ein Sym­bol der Selbst­ne­ga­ti­on und zugleich Aus­druck einer poli­ti­schen Mentalität.

Hilflos steht man dem Ansturm von Flücht­lin­gen aus dem afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Raum gegen­über, der Deutsch­land und Euro­pa mehr ver­än­dern wird als die Krie­ge des 20. Jahr­hun­derts. Unter der Hand wer­den Zyni­ker wie der Dich­ter Peter Hacks ent­staubt, die die Mau­er als letz­tes Hin­der­nis vor dem Abgrund inter­pre­tiert hat­ten… In der Dar­stel­lung und Inter­pre­ta­ti­on der Ereig­nis­se von 1989 ist noch immer viel poli­ti­sche Roman­tik im Spiel, das heißt, die Emo­tio­nen, die der Mau­er­fall aus­lös­te, wer­den als poli­ti­sche Tat­sa­chen genom­men. Roman­tisch ist das Bild von der fried­li­chen Revo­lu­ti­on, die mit Ker­zen und Gebe­ten die Mau­er zum Ein­sturz gebracht hat. Es sug­ge­riert, daß eine poli­ti­sche Idee samt ihrer Spi­ri­tua­li­tät zur revo­lu­tio­nä­ren Gewalt ge wor­den sei. In die­ses Bild gehö­ren auch die Bür­ger­recht­ler in ihrer dos­to­jew­ski­haf­ten Anmutung.

Die Ent­wick­lung war pro­fa­ner: Die ver­wei­ger­te Rei­se­frei­heit war der all­ge­meins­te Nen­ner, an dem sich die Unzu­frie­den­heit ent­zün­de­te. Sie bedeu­te­te Ein­sper­rung, Repres­si­on, Bevor­mun­dung, Man­gel­syn­drom, Demü­ti­gung, Frus­tra­ti­on. Wirk­lich gefähr­lich für die SED wur­de die Situa­ti­on erst, als Ungarn im Früh­jahr 1989 ankün­dig­te, sei­ne Gren­ze nach Wes­ten zu öff­nen. Zwi­schen der DDR und Ungarn herrsch­te Rei­se­frei­heit, die das Polit­bü­ro nicht sogleich auf­zu­he­ben wag­te. So bot sich den DDR-Bür­gern die Mög­lich­keit, sich und ihre Arbeits­kraft dem Staat zu ent­zie­hen und ihm damit den größt­mög­li­chen Scha­den zuzu­fü­gen. Die Bericht­erstat­tung der bun­des­deut­schen Medi­en stei­ger­te die Dyna­mik der Flucht­be­we­gung, die bin­nen Wochen zur völ­li­gen Demo­ra­li­sie­rung im Land führ­te. Sie betraf auch loya­le Sozia­lis­ten, Par­tei- und Armee­ka­der, die fas­sungs­los erleb­ten, daß die eige­nen Kin­der sich von ihnen und vom Sozia­lis­mus ver­ab­schie­de­ten. Sie sahen sich bru­tal mit der Fra­ge kon­fron­tiert, wozu der eige­ne Ein­satz noch gut sein sol­le. Sogar der Offi­zier der Grenz­trup­pe, der am 9. Novem­ber eigen­mäch­tig den Befehl erteil­te, den Schlag­baum auf der Born­hol­mer Brü­cke in Ber­lin zu öff­nen, war von sei­nem Sohn gedrängt wor­den, sei­nen Pos­ten auf­zu­ge­ben. Der Flücht­lings­strom war bei der Desta­bi­li­sie­rung der DDR das ent­schei­den­de Moment.

Die Mau­er war einst gebaut wor­den, um den Abfluß der Men­schen zu stop­pen. Jetzt wur­de sie hek­tisch geöff­net, um sie im Land zu hal­ten. Der Mau­er­bau war kei­ne allei­ni­ge und will­kür­li­che Ent­schei­dung der SED-Füh­rung gewe­sen, son­dern die Kon­se­quenz der deut­schen Tei­lung und der Ein­glie­de­rung bei­der Teil­staa­ten in kon­trä­re Macht­blö­cke. Die DDR hat­te gegen­über der Bun­des­re­pu­blik den kür­ze­ren gezo­gen, was eine Sog­wir­kung gen Wes­ten aus­lös­te, wobei West-Ber­lin bis 1961 als Düse oder Schlupfloch fun­gier­te. Wegen der mas­sen­haf­ten Abwan­de­rung näher­te die DDR sich im Som­mer 1961 dem öko­no­mi­schen Zusam­men­bruch, der unkal­ku­lier­ba­re Rück­wir­kun­gen auf den Ost­block gehabt hät­te. Die Sowjet­uni­on hat­te seit 1958 ver­sucht, die West­al­li­ier­ten durch Ulti­ma­ten und Dro­hun­gen zum Rück­zug aus West-Ber­lin zu bewe­gen. Die USA aber kamen zu dem Schluß, daß ein Zurück­wei­chen ihre Füh­rungs­stär­ke in Zwei­fel zie­hen und damit das west­li­che Bünd­nis zer­fal­len wür­de. Aus dem spie­gel­bild­li­chen Grund durf­te die Sowjet­uni­on erwar­ten, daß der Wes­ten ihr die Ver­fü­gung über die DDR und Ost-Ber­lin kon­ze­dier­te. Unter die­ser Vor­aus­set­zung war West-Ber­lin für bei­de Sei­ten ein Span­nungs­herd, der unkal­ku­lier­ba­re Risi­ken ein­schließ­lich eines Atom­kriegs in sich barg und ruhig­ge­stellt wer­den muß­te. Die Mau­er war das häß­li­che, aber effek­ti­ve Mit­tel dazu. 28 Jah­re lang wur­de das in Ost und West so gese­hen, und bis auf die DDR-Bür­ger und die West-Ber­li­ner stör­te sich kaum jemand dar­an. Aus­ge­rech­net die Sowjet­uni­on begann die­sen Kon­sens in den 1980er Jah­ren in Fra­ge zu stel­len. Sie war öko­no­misch am Ende und konn­te rüs­tungs­tech­nisch nicht län­ger gegen die USA bestehen. Unter Gor­bat­schow locker­te sich ihr Griff um die Satellitenstaaten.

Die aus­ge­laug­te DDR war für Mos­kau vom Aus­beu­tungs­ob­jekt zum Bal­last gewor­den. Es such­te die wirt­schaft­li­che Hil­fe der Bun­des­re­pu­blik und war dafür bereit, die DDR zur Dis­po­si­ti­on zu stel­len. Nur in die­sem Kon­text konn­ten die Demons­tran­ten und fried­li­chen Revo­lu­tio­nä­re in der DDR erfolg­reich sein. Zur poli­ti­schen Rhe­to­rik der Bun­des­re­pu­blik gehör­te es, die offe­ne deut­sche Fra­ge als eine euro­päi­sche und die­se als einen Sys­tem­konflikt zwi­schen west­li­cher Demo­kra­tie und öst­li­cher Dik­ta­tur zu deu­ten. Das war in die­ser Aus­schließ­lich­keit so macht­ver­ges­sen wie unhis­to­risch. Die deut­sche Fra­ge war älte­ren Datums und bestand dar­in, daß Deutsch­land zu groß war, um sich bruch­los in das euro­päi­sche Gleich­ge­wicht ein­zu­fü­gen, und zu klein, um als natür­li­cher Kon­ti­nen­tal­he­ge­mon sowie als Welt­macht zu agie­ren. Da »die Furcht vor der Hege­mo­nie eines der ihren« das Sys­tem der euro­päi­schen Staa­ten regu­lier­te und ihren Instinkt präg­te, sorg­te – nach einem Satz von Lud­wig Dehio – jeder Macht­zu­wachs des Deut­schen Rei­ches dafür, daß sie sich »wie die Kris­tal­le einer Dru­se« gegen Deutsch­land wand­ten und schließ­lich die Außen­mäch­te Ruß­land und die USA mobi­li­sier­ten. Die fühl­ten sich um so lie­ber ange­spro­chen, als ein unter deut­scher Hege­mo­nie geein­tes Euro­pa ihre glo­ba­len Ambi­tio­nen gestört hät­te. 1945 hat­te sich die viel­zi­tier­te und vari­ier­te Pro­phe­zei­ung Alexis de Toc­que­vil­les aus dem Jahr 1835 erfüllt, daß die USA und Ruß­land die bei­den Welt­mäch­te der Zukunft seien.

Nach Deutsch­lands tota­ler Nie­der­la­ge 1945 taten sie einen tie­fen Schnitt durch sei­ne und die euro­päi­sche Mit­te und teil­ten den Kon­ti­nent unter sich auf. Für Deutsch­land war es in den bei­den Welt­krie­gen um die schie­re poli­ti­sche Exis­tenz gegan­gen. Hit­ler war ein deut­sches Ver­häng­nis, doch er bie­tet kei­ne voll­stän­di­ge Erklä­rung für die deut­sche Tra­gö­die, die sich mit ihm voll­ende­te. Er war sel­ber nur das »aku­te Sym­ptom eines chro­ni­schen Siech­tums«, das er auf­zu­hal­ten ver­sprach unter Anwen­dung äußers­ter Mit­tel. Noch ein­mal Lud­wig Dehio: »Vor allem aber ver­bie­tet es sich, den letz­ten Akt unse­rer Geschich­te nur aus den Vor­gän­gen auf der deut­schen Büh­ne zu erläu­tern. Er bleibt dem­je­ni­gen unver­ständ­lich, der sich nicht die umfas­sen­den Druck­ver­la­ge­run­gen auf dem schrump­fen­den Glo­bus ver­ge­gen­wär­tigt, die erst die furcht­ba­ren Fal­tun­gen und Ver­wer­fun­gen des deut­schen Schick­sa­les her­vor­pres­sen hal­fen. In Wahr­heit rang im Drit­ten Reich zum ers­ten Male eine der gro­ßen Natio­nen, und eine noch rüs­ti­ge und lebens­vol­le, mit dem Tode. … Nur die anti­ke Geschich­te bie­tet ech­te Parallelen.«

Was Deutsch­land 1945 erleb­te, war weit mehr als eine Kapi­tu­la­ti­on. Es war eine Debel­la­tio, die völ­li­ge Unter­wer­fung und Aus­lie­fe­rung an die Sie­ger. Als poli­ti­sches Sub­jekt war es aus­ge­löscht und künf­tig nur noch als »deut­sche Fra­ge« vor­han­den. Bei­de Teil­staa­ten wur­den zu Mus­ter­schü­lern ihrer mit­ein­an­der ver­fein­de­ten Vor­mäch­te, mach­ten sich deren Vor­ga­ben zu eigen und lie­ßen sich gegen­ein­an­der in Stel­lung brin­gen. Die DDR war ein rei­ner Satrap der Sowjet­uni­on und exis­ten­ti­ell an sie gebun­den. Die Bun­des­re­pu­blik wur­de von Ade­nau­er im Wes­ten ver­an­kert und gewann all­mäh­lich Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te zurück, ohne daß die west­al­li­ier­ten Vor­rech­te ganz auf­ge­ho­ben wur­den. Die weni­gen Kri­ti­ker im Wes­ten – »eine stimm­lo­se Oppo­si­ti­on, deren Geschich­te von Denun­zia­ti­on ver­drängt wur­de« (Hans-Die­ter Mül­ler) – wie­sen dar­auf hin, daß die Deut­schen im Begriff waren, die auf­ge­zwun­ge­ne Tei­lung zu ihrer eige­nen Sache zu machen. Ade­nau­er moch­te das als not­wen­di­gen Umweg betrach­ten. Sein Stre­ben nach deut­schen Atom­waf­fen läßt sich als ein mög­li­cher Hin­weis ver­ste­hen, daß er die poli­ti­sche Exis­tenz Deutsch­lands auf jeden Fall wie­der­her­stel­len woll­te und dau­er­haft zu sichern gedachte.

Für bei­de Super­mäch­te war ein ver­ein­tes Deutsch­land nur unter ihrer jewei­li­gen Vor­mund­schaft denk­bar. Wil­ly Brandt, damals Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter von Ber­lin, erhielt 1959 vom US-Außen­mi­nis­ter John Fos­ter Dul­les den »auf­rich­ti­gen und zugleich des­il­lu­sio­nie­ren­den Hin­weis: ›Wenn wir uns in hun­dert Fra­gen mit den Rus­sen strei­ten, in der hun­dert­eins­ten sind wir mit ihnen einig: Ein neu­tra­les, womög­lich noch bewaff­ne­tes Deutsch­land, das zwi­schen den Fron­ten hin und her mar­schie­ren kann, wird es nicht geben.‹« Spä­tes­tens jetzt warf die Mau­er ihren Schat­ten vor­aus. Die Poli­tik­wis­sen­schaft­ler der Bun­des­re­pu­blik unter­lie­ßen es, die deut­sche Fra­ge aus­zu­lo­ten, das poli­tisch sus­pen­dier­te »Deutsch­land« als Gedan­ken­mo­dell zu rekon­stru­ie­ren und dem poli­ti­schen Prag­ma­tis­mus eine lang­fris­ti­ge Ori­en­tie­rung zu geben. Zu den weni­gen Aus­nah­men zähl­te Hans-Joa­chim Arndt. Er ver­wies auf den »beson­de­ren Kon­trast zwi­schen Wohl­stand der ver­faß­ten Gesell­schaft im Wes­ten Deutsch­lands einer­seits und demü­ti­gen­dem Aus­ge­lie­fert­sein des poli­ti­schen Sub­jek­tes ›Deutsch­land‹ ande­rer­seits, … und sol­che Wider­sprü­che kön­nen durch­aus eine Poli­tik wie eine Poli­tik­wis­sen­schaft dazu brin­gen, sich auf das Gesell­schaft­lich-Wirt­schaft­li­che zu redu­zie­ren und somit aus der Not eine Tugend zu machen«. Zu den zwei­fel­haf­ten Tugen­den sind auch die Über­spannt­hei­ten zu rech­nen, die die Lage in eine wünsch­ba­re und vor­bild­haf­te umdeu­te­ten und ästhe­ti­sier­ten: die Idee bei­spiels­wei­se, die Tei­lung als Buße für den Natio­nal­so­zia­lis­mus zu prei­sen oder die Bun­des­re­pu­blik als den ers­ten post­na­tio­na­len Staat zu emp­feh­len. Sie ver­rie­ten ein gestör­tes Ver­hält­nis zur Rea­li­tät und einen gedank­li­chen Pro­vin­zia­lis­mus – das Mau­er­syn­drom west­li­cher Spielart.

Immer­hin gab es eini­ge letz­te Siche­run­gen und Vor­be­hal­te: Die Prä­am­bel des Grund­ge­set­zes und das Ver­fas­sungs­ge­richts­ur­teil von 1973, die die Bun­des­re­gie­run­gen auf die Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands fest­leg­ten. Es gab die For­mel von der »offe­nen deut­sche Fra­ge« und den aus­ste­hen­den frie­dens­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen. Dar­an lie­ßen sich aller­hand Erwar­tun­gen für die Zukunft und die Hoff­nung knüp­fen, daß noch nicht aller Tage Abend sei. Und vor allem gab es die DDR-Bür­ger, die in ihrer Mehr­heit begehr­lich nach Wes­ten blick­ten und an die Bun­des­re­pu­blik poli­ti­sche, sozia­le, ja exis­ten­ti­el­le Hoff­nun­gen knüpf­ten. Doch irgend­ei­ne poli­tisch-intel­lek­tu­el­le Weg­wei­sung zur deut­schen Fra­ge war auch aus der DDR nicht zu ver­neh­men. Der Sozio­lo­ge Wolf­gang Eng­ler schrieb, die DDR-Bür­ger hät­ten viel Phan­ta­sie zur Bewäl­ti­gung ihres All­tags ent­wi­ckelt, ihre poli­ti­sche Phan­ta­sie aber sei ver­küm­mert. Man könn­te auch sagen: Sie hat­ten die Mau­er ver­in­ner­licht. Die Phan­ta­sie­lo­sig­keit betraf auch Sys­tem­kri­ti­ker und Bür­ger­recht­ler. Sie konn­ten sich Ver­än­de­run­gen und Refor­men nur in den Gren­zen des Sozia­lis­mus vor­stel­len und betrach­te­ten die DDR als eine fest­ste­hen­de Grö­ße. Das war der Unter­schied zu Ungarn, Polen und auch der Tsche­cho­slo­wa­kei, wo sich die Idee eines refor­mier­ten Sozia­lis­mus mit der Nie­der­schla­gung des »Pra­ger Früh­lings« 1968 erle­digt hat­te. Der letz­te oppo­si­tio­nel­le Alter­na­tiv­vor­schlag, der die inne­re Ver­faßt­heit der DDR, die deut­sche Fra­ge und die Welt­po­li­tik in einen rea­lis­ti­schen Zusam­men­hang zu brin­gen ver­such­te, war 1956 von Wolf­gang Harich ver­faßt wor­den. Die SED soll­te sich von einer kom­mu­nis­ti­schen zu einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei refor­mie­ren und mit der Bun­des­re­pu­blik über eine Wieder­ver­ei­ni­gung ver­han­deln. Aus den Ver­hand­lun­gen soll­te ein sozi­al­de­mo­kra­ti­sier­tes, sou­ve­rä­nes und neu­tra­les Gesamt­deutsch­land her­vor­ge­hen. Die Sowjet­uni­on woll­te Harich durch die Aus­sicht gewin­nen, an der Wirt­schafts­kraft des Ruhr­ge­biets zu par­ti­zi­pie­ren. Die­sen Plan unter­brei­te­te er dem sowje­ti­schen Bot­schaf­ter, ohne zu wis­sen, daß die Sowjet­uni­on die Wie­der­ver­ei­ni­gungs­op­ti­on seit den Pari­ser Ver­trä­gen und dem NATO-Bei­tritt der Bun­des­re­pu­blik 1955 ins­ge­heim ad acta gelegt hatte.

Harich ver­schwand für acht Jah­re im Zucht­haus. Als er 1989 den DDR-Grü­nen riet, als ers­te Par­tei die Wie­der­ver­ei­ni­gung zu for­dern, ver­stand ihn nie­mand mehr. Die außen­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen der Oppo­si­ti­on waren idea­lis­tisch und fan­den ihren Aus­druck in For­de­run­gen wie »Frie­den schaf­fen ohne Waf­fen«. Die Pas­to­ren und Bür­ger­recht­ler Mar­tin Gut­zeit und Mar­kus Meckel, die spä­ter noch eine Rol­le spie­len soll­ten – der eine als Lan­des­be­auf­trag­ter für Sta­si-Unter­la­gen, der ande­re als letz­ter Außen­mi­nis­ter der DDR und SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter –, schrie­ben anläß­lich des 8. Mai 1985: »Auch wenn wir es nicht wahr­ha­ben wol­len: Unse­re Gegen­wart ist ent­schei­dend von den unbe­wäl­tig­ten Schuld­zu­sam­men­hän­gen unse­rer Geschich­te geprägt. … Wenn wir heu­te nach einer deut­schen Iden­ti­tät suchen, kann dies nur in der Über­nah­me der gemein­sa­men schuld­haf­ten Ver­gan­gen­heit bei­der deut­scher Staa­ten und in der Aner­ken­nung der Zwei­staat­lich­keit gesche­hen.« Das ent­sprach der Mei­nungs- und Stim­mungs­la­ge, die auch in wei­ten Tei­len der bun­des­deut­schen Funk­ti­ons­eli­ten herrsch­te. Gemein­sam waren sie vom Mau­er­fall scho­ckiert und ver­stan­den weder die inne­re schon gar nicht die äuße­re Dyna­mik der Ent­wick­lung. Die Sowjet­uni­on war im Begriff, als Super­macht abzu­dan­ken und den USA ihr euro­päi­sches Vor­feld zu über­las­sen. Der Mau­er­fall und die Wie­der­ver­ei­ni­gung waren Funk­tio­nen und ange­neh­me Begleit­erschei­nun­gen die­ses Pro­zes­ses. Mit der Mau­er fiel die Scho­nung durch die Ver­bün­de­ten fort, wel­che die Bun­des­re­pu­blik wegen der expo­nier­ten Posi­ti­on im Ost-West-Konflikt in mili­tä­ri­scher, poli­ti­scher, psy­cho­lo­gi­scher Hin­sicht genos­sen hat­te. Der Umschwung äußer­te sich umge­hend in der For­de­rung an Deutsch­land und Japan, den ande­ren gro­ßen Welt­kriegs­ver­lie­rer, die Finan­zie­rung des ers­ten Golf­kriegs von 1990/91 zu übernehmen.

Nie­mand aber war auf den 9. Novem­ber geis­tig vor­be­rei­tet. Bis heu­te fehlt eine rea­lis­ti­sche Lage­ein­schät­zung des Gesche­hens seit­dem. Sie schei­tert an der »Mau­er in den Köp­fen«. Die­ser von Peter Schnei­der im Roman Der Mau­er­sprin­ger (1982) gepräg­te Begriff wird gedan­ken­los dazu ver­wen­det, um einen Erfah­rungs­un­ter­schied zwi­schen DDR- und Bun­des­bür­gern zu benen­nen, der durch gegen­sei­ti­ges Erzäh­len und Zuhö­ren aus­ge­gli­chen wer­den kön­ne. Doch Schnei­der ziel­te auf viel Tie­fe­res, näm­lich auf die fal­sche Selbst­wahr­neh­mung der Deut­schen und ihre ver­kehr­te Wahr­neh­mung der Welt. Sie sei die Fol­ge davon, daß bei­de Hälf­ten des Lan­des »ihre Iden­ti­tät … aus der Abgren­zung gegen die ande­re Hälf­te« bezo­gen hätten.

Das Urhe­ber­recht an dem Wort steht übri­gens der Jour­na­lis­tin Mar­gret Bove­ri zu, die seit Ende des Zwei­ten Welt­kriegs gegen die deut­sche Tei­lung ange­schrie­ben und zur »stimm­lo­sen Oppo­si­ti­on« gehört hat­te. Bereits im Febru­ar 1962 ver­öf­fent­lich­te sie in der Wochen­zei­tung Die Zeit einen Auf­satz über die geis­ti­ge »Mau­er, die wir sel­ber bau­en«, an den sie 1973 mit gna­den­lo­ser Prä­zi­si­on anknüpf­te: »Auf­be­rei­ten unse­rer Geschich­te seit 1945 ist gleich­be­deu­tend mit dem Auf­zeich­nen einer Kran­ken­ge­schich­te. Wir müs­sen uns klar­ma­chen, daß die von den Sie­ger­mäch­ten ver­füg­te Spal­tung des Lan­des spie­gel­bild­lich in den Deut­schen eine geis­tig-poli­ti­sche Schi­zo­phre­nie ver­ur­sacht hat, die einen fast tota­len Rea­li­täts­ver­lust bedeu­te­te.« Der Klä­rungs­pro­zeß ist bis heu­te aus­ge­blie­ben. Statt des­sen hat das fal­sche Bewußt­sein aus dem Wes­ten sich über das fal­sche Bewußt­sein im Osten gescho­ben. Die »deut­sche Fra­ge« ist nicht beant­wor­tet, sie wur­de ledig­lich eli­mi­niert. Die Mau­er aus Beton hat­te wenigs­tens noch einen dif­fu­sen Erwar­tungs­ho­ri­zont zuge­las­sen. Die heu­ti­ge Mau­er besteht aus stu­pi­den Tau­to­lo­gien ver­meint­li­cher Alter­na­tiv­lo­sig­kei­ten und den neu­en Leer­for­meln wie Viel­falt, Welt­of­fen­heit oder Ver­ant­wor­tung. Gegen sie zu argu­men­tie­ren heißt, sich die Stirn wund­rei­ben. Damit auf­zu­hö­ren aber hie­ße, zu akzep­tie­ren, daß der 9. Novem­ber 1989 kein Neu­be­ginn und Auf­bruch, son­dern der Kuß vor dem Tode war.

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