1. Dezember 2014

Vor dem Bücherschrank (VII): Peter Handke, Thomas Bernhard

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Die verarmte Gegenwart mit ihrem »schändlich leblosen Alltag«, voller Menschen, die sich aufführen, »als hätten wir schon alles verloren gegeben«, sich aufführen wie »die Hunde, bei deren Anblick sofort die Phantasie erstirbt« – dieser moderne Weltzustand ist Peter Handke (*1942) ein Graus. Entsprechend zerpflückte er bereits in den frühen Sprechstücken um 1966 geistlose, nichtssagende Floskeln und Klischees, etwa in der Weissagung: »Gott wird in Frankreich leben wie Gott in Frankreich. Die Nadel im Heu wird unauffindbar wie eine Nadel im Heu sein. Die Nacht wird lautlos wie die Nacht sein.« Aggressiver die Litanei beliebig austauschbarer Zuschreibungen in der Publikumsbeschimpfung: »Ihr KZ-Banditen, ihr Strolche, ihr Stiernacken, ihr Kriegstreiber, ihr Untermenschen, ihr roten Horden, ihr Bestien in Menschengestalt, ihr Nazischweine. … ihr Schlächter, ihr Tollhäusler, ihr Mitläufer, ihr ewig Gestrigen, ihr Herdentiere, ihr Laffen, ihr Miststücke, ihr Volksfremden, ihr Gesinnungslumpen«. Der Zeit ihren kollektivistischen und denunzierenden Zerrspiegel vorhaltend, empfahl sich Handke keinem Lager, seine Dekonstruktion von Sprechblasen und Sprachregelungen erwies sich als Generalkritik einer insgesamt heruntergekommenen Gegenwart. Das galt in den 1968er-Tagen, und es gilt bis heute.

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Als Autorenkollegen, Lektoren, Professoren und Journalisten in Österreich wie in Deutschland der Politisierung der Literatur das Wort redeten, bestand Handke auf ihrem romantischen Charakter und widersprach der um sich greifenden ideologischen Profanierung. Marxens 1968 entstaubtem Programm setzte der Autor sein ästhetisches Credo entgegen: »Ihr habt die Welt immer nur interpretiert und verändert; aber es kommt darauf an, sie zu beschreiben«, und zwar nicht mit Schlagworten, sondern angemessen, vorsichtig, einhaltend, zurückhaltend, immer wieder neu bedenkend, neu ansetzend, denn nur so kann man der handelsüblichen Reduzierung und Banalisierung entkommen und zu einer empfndsamen Wahrnehmung gelangen. Die längst fertig daliegenden »Kommuniqués« eines Marcel Reich-Ranicki – »Es ist schwierig, über seine Arbeiten keine Satire zu schreiben« (Handke) – waren Handke ebenso zuwider wie der unappetitliche Brei politischer Bekenntnisse. Als Reaktion auf den schleichenden Meinungsterror heißt es 1973: »Vor ein paar Tagen hat jemand mich angerufen und gefragt: ›Was sagst du zu dem Waffenstillstand in Vietnam?‹ Ich habe nichts geantwortet, nur irgendwie geflucht und von etwas anderem geredet. Was zu sagen war, wäre nicht von mir gewesen, und ich bin mir immer dann besonders fremd vorgekommen, wenn von mir verlangt wurde, etwas zu sagen, was gerade so gut auch eine Maschine hätte ausspucken können.« Hinter der politisierten Fassade wird schnell das Klima der Überspanntheit und Ignoranz sichtbar: »Heute bin ich wieder angerufen worden. Eine fremde Frau wollte wissen, was ich von Hitler hielte und ob ich es richtig fände, daß Rudolf Heß immer noch eingesperrt sei? Als ich nichts, gar nichts antworten konnte, sagte sie mir ihre eigene Meinung. Sie redete sehr lange, ohne auf mich zu achten. Als sie fertig war, bedankte sie sich, daß ich ihr zugehört hatte, und legte wieder auf.«

Und um die »Leute von jetzt« steht es nicht besser. Im Gespräch mit Peter Hamm (2002) bedauerte Handke das Aussterben jener Generation von Emigranten, die sich auf der Flucht vor Lenin und Stalin, vor Mussolini und Franco in und um Paris angesiedelt hatten: »In zehn Jahren wird von denen niemand mehr da sein, da gibt’s dann nur noch diese neuen Leute, die überhaupt nicht mehr wissen, was Natur ist, die alles, was Obstbaum ist, sofort ausreißen und daneben so ein Zierzeug hinzausen und für jedes kleinste Ding eine Maschine haben, und die überhaupt nicht mehr wissen, was Handarbeit ist, die dann als Ausgleich für ihr Computer-Leben Roller Skater oder Mountainbike machen … so durch die Wälder brausen und alle Wege zerstören, alle Pilzkulturen vernichten … Sicher ist das auch übertrieben, was ich sagte, unter denen ist einer, der aufmerksam ist – und sofort denkt man, ach, was bin ich für ein Arsch, was sind das für Vorurteile, die ich habe, und dann ist man eine Stunde ganz erleichtert, ohne Vorurteile gegen die gegenwärtige Menschheit zu sein.«

Während »überall die gleiche Statisterie im kläglichen Welttheater« lauert, ist Handke der Sehnsucht nach dem offenen, noch nicht verstellten Raum gefolgt und hat sich auf den Weg gemacht. Wie er die Vororte durchstreift hat und drei Jahre durch die Welt gereist ist, so ziehen die Charaktere seiner Texte los in die Stille, in die Berge, über Nebenwege, durch die Wälder, in den Harz, in die Landschaft, gehen sie »über die Dörfer«. Die bunt zusammengewürfelten und doch verschworenen Gemeinden setzen sich ab von »dieser überfüllten Welt« und erwandern sie wie in Falsche Bewegung (1975), Die Wiederholung (1986), Die Abwesenheit (1987), Das Spiel vom Fragen (1989), In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus (1997), Der Bildverlust (2002), Kali (2007) oder Die morawische Nacht (2008). Durch diese Wortwelten gehen seine Figuren hinaus in das, was noch von der Natur übrig ist, ahnend, fragend sind sie auf dem Weg zu den orakelgleichen Antworten der Natur, für die man freilich offene Augen und offene Ohren haben muß. Es gibt sie, die Landschaft, »wo ihr euch im Kreis drehen könnt«, wo man die »ziehende Luft« an den Schläfen spürt. Abseits von den Hauptstraßen, abseits von ausgetretenen Denk-Wegen tut sich ein ungeheurer Raum auf, der soviel mehr Geschichte und Geschichten von der Welt und den Menschen bereithält, als die umstellte, eingezäunte Gegenwart es zuläßt.

Auf seinen Wegen schloß sich Handke Klassikern wie Thukydides und Vergil an, er fand treue Gefährten in Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach und in den großen Konservativen Goethe und Stifter, mit ihnen übte er das Sehen, das Fragen, das Achtgeben, nicht als unbeteiligter Beobachter, er sei »kein völkischer oder unvölkischer Beobachter«, sondern als einer, der »dabeisein«, »mitsein« kann und will, auf daß das »elende Gerede« aufhöre und das Erzählen, das Epos (wieder) anfange, auf »daß all jene Wörter, mit denen die großen alten Geschichten erzählt wurden, und ohne die es keine Geschichten gibt, ›Segen‹, ›Fluch‹, ›Liebe‹, ›Zorn‹, ›Meer‹, ›Traum‹, ›Wahnsinn‹, ›Wüste‹, ›Jammer‹, ›Salz‹, ›Elend‹, ›Frieden‹, ›Krieg‹«, die »für uns Heutige Fremdwörter geworden sind«, wieder ihren Sinn erhalten. So versucht Handke, sich in seinem Schreiben »durchzumäandern«, wie er zu Peter Hamm sagt, »zwischen dem, was schon besetzt ist von Meinung, von Politik, von Parteipolitik, von Zerstörung, irgendwie noch Zwischenräume zu fnden, wie ich da überhaupt noch durchkommen kann. Es ist ein Akt, auf jeden Fall, das Schreiben … vielleicht ein zur Geltungbringen des Übersehenen. Und aus dem Übersehenen eigentlich die Zentralorte des Weltgeschehens und der Welt zu machen oder zumindest versuchen, Fingerzeige zu geben, daß es ein anderes Weltgeschehen gibt, ein entschieden anderes, ein wirklich ermutigendes Weltgeschehen gibt, jenseits oder nebenan, wie sagt Hermann Lenz? – nebendraußen, von dem, was sozusagen einem jeden Tag in die Augen sticht und um die Ohren geschlagen wird und in die Nase fährt. An diese andere Welt, ja, wenn man vom Glauben sprechen kann, glaube ich seit jeher.«

Der Glaube an eine andere Welt verweist auf ein Leben jenseits der inneren wie äußeren Gleichförmigkeit, wie etwa der Neubauten rund um Paris, alle »gleich gemacht, gleichen Grundriß, gleiches Material, gleiche Farbe, gleiche Fenster«, auf ein Leben fern von den »Geschwätzexistenzen« und der auf uns »eindringenden Leibeigenen-Sprache« – dieser Glaube an eine andere Welt ruft die Tradition auf, die in Europa nur christlich geprägt sein kann. 1990 hatte Handke Norbert Beilharz noch schroff zurechtgewiesen: es sei ein »Blödsinn«, in seinen Texten etwas Religiöses lesen zu wollen. Aber je älter er wurde, um so tiefere Spuren hat die Bilderwelt des Christentums in seinem Werk hinterlassen, die romanischen Kathedralen, die »ungezwungene Sprache« der Mystiker, das Neue Testament. Das Johannesevangelium sei »die gewaltigste Erzählung der Menschheit« und »die Geschichte von Jesus unser aller Geschichte«. Schon in der Langsamen Heimkehr (1979) spürt die Hauptfgur Sorger ein »Bedürfnis nach Heil«, was ein Heil-Werden durch die Poesie meint, eine »Beruhigung«, »Reinigung«, ein »Reinwerden« und »Ganz-Sein«, gemäß dem von Handke zitierten Bibelwort »Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund«. Diesen Anspruch ernst nehmend, darfdie Literatur »im Grund nicht profan sein«.

Der Autor kann sich also empören über das Profane, über den Nationalismus, die »Kellerassel der Menschheit«, über die Stichwörter der politischen Korrektheit, wie etwa die Phrase »multikulturell«, das für ihn »einen der größten Schwindel der Menschheitsgeschichte« bezeichnet; und er kann bisweilen auch eine Sprache traurig-ohnmächtigen Furors wählen, wenn Handke das »große Gesindel« wegen des völkerrechtswidrigen Kriegs gegen Jugoslawien anklagt: »Die Welt wird das nicht hinnehmen. Nicht die Welt, die sich heute als die Welt bezeichnet die ganze Zeit, angeberisch, prahlerisch, ›wir sind die Welt‹ – wer ist die Welt? Nicht jedenfalls der sogenannte Westen, das ist nicht die Welt. Die Welt ist ganz woanders. Eher auf dem Mond als hier auf dieser Scheiß-Erde.« All das zusammengesehen, wird man Claus Peymann recht geben, der Handke attestierte, er denke »auf geradezu rührende Weise reaktionär«. In der Tat hat Handke einen so lebensnotwendigen wie zutiefst reaktionären Gedanken formuliert, wenn uns Nova in Über die Dörfer zuruft: »Übt die Kraft der schönen Überlieferung – damit das Schöne nicht jedesmal wieder nichts war.« Diese Kraft der schönen Überlieferung ist es, mit der Handke Anspruch und Würde des schauenden, hörenden, empfindenden, selbst denkenden Menschen, »durchdrungen« von einer reichen, vielfältigen Welt, gegen die allgemeine Degeneriertheit verteidigt.

Niedergang, Untergang, Auslöschung waren für den anderen, den älteren Österreicher Thomas Bernhard (1931–1989) hingegen eine ausgemachte Sache. »Es scheitert letzten Endes alles, alles endet am Friedhof. Da können S’ machen, was S’ wollen.« Früh durch Krankheit und Todesnähe erschüttert, schrieb Bernhard eben gegen diese drohende Vernichtung an, gegen seine Erkrankung und den eigenen Tod. Er haßte und verlachte ihn, beschwor ihn, bannte ihn, wehrte ihn ab und formte dazu ein einzigartiges Sprachgebirge aus endlosen Monologen, Verschachtelungen und Perspektivverschiebungen, um das Leiden, das Verdämmern zur Sprache zu bringen, um zu zeigen, wie einsam der Mensch, wie ausweglos seine Lage ist, wie der Fürst Saurau in Verstörung »von innen heraus erfror« (Handke), wie Menschen in Geisteskrankheiten abrutschen oder einfach von der Bildfläche verschwinden können – doch letztlich werde auch all diese Kunst nichts ausrichten, sei nur der Laut »eines kleinen, aufmucksenden Vogerls« im großen Wald, der Tod werde alles zudecken, auslöschen, ausnahmslos. Für Bernhard war daher grundsätzlich alles ein »vollkommener Blödsinn«, alles war ihm irgendwie »schauerlich«, eine »Infamie«, das »Allerärgste«, »unverschämt«, »unerträglich«, »fad«, »furchtbar« und das Leben selbst, mit Kierkegaard, eine Krankheit zum Tode hin, alles fault vor sich hin, verwest, »naturgemäß«, ganz abgesehen von den Leuten, die »nur den Mund, aber nicht das Hirn gebrauchen«, von »Leuten, die nur zum Wegschießen sind«.

Aus dieser radikalen Haltung heraus bekommt jeder sein Fett weg, zuvörderst der gesamte Komplex Österreich, Hitler, Heldenplatz, Altnazis, Waldheim, Haider ff.: »Die Rückkehr nach Österreich bewirkt jedesmal einen totalen Beschmutzungseffekt«, heißt es in Auslöschung. »Die Blutordensträger, die SS-Obersturmbannführer an ihren Krücken und auf ihre Stöcke gestützt, die nationalsozialistischen Helden, würdigten mich ihrerseits … keines Blickes.« Doch singt Bernhard auch kein Hohelied auf die Linksliberalen, »der Peymann ist halt auch umgeben von lauter Idioten«, und gelästert wird ebenso über die Spiegel-Leute, »die in Milliarden schwimmen und gar nicht wissen, wohin damit. Da sind Chefredakteure, die Jahreseinkommen haben wie fünfmal der Bundespräsident bei uns, aber die Armen aufputschen, das Volk aufputschen, immer gegen die Oberen sind. Und selber haben sie ihre abgelegten Weiber und ihre Reetdach-Villen, angestopft mit Cézannes und Mirós«. Daß die Medien in Deutschland und Österreich nicht viel taugen – nun ja, aber es ist überall das gleiche Trauerspiel: »Schauen Sie, zum Beispiel Le Monde, da glaubt man, das ist was. Und was ist’s: nur blöd! Da sitzen genauso dumme Leute dort. Nur weil es französisch ist, ist es deshalb ja nicht besser.« Denn es geht alles den Bach runter, wie der »Amerikanismus alles ruiniert hat in Europa, so macht die EG auch alles gleich. Und der Briefträger schaut dann genauso aus in Ohlsdorf wie in Estoril. Es kriegen dann alle die gleichen Uniformen.«

Der hohe Unterhaltungswert dieser Schimpfreden liegt auf der Hand und oft genug trifft Bernhard ins Schwarze. Doch bleibt der Eindruck des Einseitigen, der einmal eingenommenen Attitüde einer Kunstfigur. Peter Handke, der Bernhard anfangs als »Herausforderung« begriffen und bewundert hatte, stellte schließlich fest: »Im letzten Jahrzehnt hat ihm das Dahinwitzeln schon sehr gefallen. Er kam ja damit sehr gut an.« Bernhards pauschal alles niedermachenden Rundumschläge waren ein literarisches Rollenspiel geworden, »so wie der redet, könnte er am Tag drei Stücke aufs Tonband reden.« Trotz dieser zutreffenden Kritik liegt aber die anhaltende Provokation Thomas Bernhards eben nicht im endlosen Strom von Beleidigungen, nicht im Kalkül verschrobener, übersteigerter Attacken, nicht darin, die österreichische Seele oder ein paar alte Nazis malträtiert zu haben. Eine wesentlich fundamentalere Ebene ist berührt, indem Thomas Bernhards Texte als Absage an eine zentrale Lebenslüge gegenwärtiger Kultur gelesen werden können. In schroffem Gegensatz zu den tonangebenden Instanzen blendet der Autor den Tod nicht aus, huscht nicht darüber hinweg, er ist ihm vielmehr zum Zentrum seines Denkens geworden und so haben wir es mit einer todernsten Literatur zu tun, die sich nicht gut verträgt mit einer Kultur, die keine Grenzen mehr kennt und anerkennt. Im Angesicht des Todes gibt es wahrlich kein selbstverliebtes, bequemes anything goes mehr und keinen Grund für unangekränkelte Selbstzufriedenheit – was zu lernen wäre von einer Literatur sehr unbequemer existentieller Verzweiflung, die mit der Absurdität, mit dem Leben als dem »Unverständlichen« gerungen hat, »das manchmal in Menschen Gestalt annimmt, wie Vogelschwärme in die Luft geht, um alles zu verfinstern«.

Während Bernhard aber die Facetten der Verfinsterung zeigt, sucht Handke auf seinen Wegen stets die poetische »Lichtung«. Die Entfremdung der beiden Autoren verwundert daher nicht. »Irgendwann«, so Handke, »haben wir gespürt, daß wir nichts mehr miteinander zu schaffen haben.«


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