Sind Religionen machbar?

Die Vernunft allein genügt nicht, schon deshalb nicht, weil sie frei nach Schiller wie ihr Bruder, der Verstand, »stets bei wenigen nur gewesen« ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Gewiß, die Mas­sen, die im semi-bur­les­ken ers­ten Akt der im Sep­tem­ber 2015 eska­lier­ten Ein­wan­de­rer­inva­si­on Deutsch­lands die her­ein­strö­men­den Flu­ten mit kind­lich ver­zier­ten Trans­pa­ren­ten emp­fin­gen und ihnen zuju­bel­ten wie Spit­zen­sport­lern, wis­sen in der Regel nur wenig und kön­nen kaum begrei­fen, was sich vor ihren Augen abspielt, und in die­ses Gebräu aus Emo­tio­nen, Kol­lek­tiv­kom­ple­xen, Illu­sio­nen und mime­ti­schen Kurz­schlüs­sen wird kaum ein Strahl der nüch­ter­nen Auf­klä­rung drin­gen kön­nen. Noch dazu haben wir es hier mit Mil­lio­nen von Gehir­nen zu tun, die zwar zu schlag­zei­len­ar­ti­gen Gene­ra­li­sie­run­gen nei­gen, ande­rer­seits aber unfä­hig sind, das gro­ße Gan­ze in all sei­nen Kon­se­quen­zen zu sehen; Gehir­ne, die den Ernst­fall nicht mehr den­ken kön­nen, die von einer Art patho­lo­gi­schem Pseu­do-Altru­is­mus befal­len sind und in denen sich ein merk­wür­di­ger, trieb­haf­ter und sehr weib­li­cher Wil­le zur Unter­wer­fung unter den Stär­ke­ren bemerk­bar macht.

Wie man die Mas­sen­psy­cho­se auch beschrei­ben mag, die Deutsch­land im Som­mer 2015 befal­len hat, man wird nicht umhin­kom­men, in ihr gewis­se reli­giö­se Erre­gun­gen zu erbli­cken, sub­ku­ta­ne Theo­lo­gien des Deutsch­seins und Teleo­lo­gien sei­ner Geschich­te, Dra­men aus Schuld, Sün­de, Erb­sün­de und Ent­süh­nung, im Ange­sicht eines nim­mer­sat­ten Got­tes, der nie­mals ver­gibt, Sinn­stif­tun­gen einer Gesell­schaft, die es trotz der Anhäu­fung an »letz­ten Men­schen« eben doch nicht geschafft hat, für den mate­ri­el­len Wohl­stand, das Grund­ge­setz und den frei­en Markt allein zu leben. Wir ande­ren, die wir uns schon lan­ge zuvor durch Käl­te­schocks immun gegen Epi­de­mien die­ser Art gemacht haben, könn­ten hun­dert Jah­re nach Ste­fan Geor­ge erneut über den Zusam­men­bruch des Baus ohne »maass und gren­ze« sagen: »Zu spät für still­stand und arz­nei!« Und wir wis­sen schon seit lan­gem, daß es tie­fer­rei­chen­der Kräf­te als der Ratio bedarf, um die­sen selt­sa­men, oft gut mas­kier­ten, bunt bemal­ten, mit dem Gla­mour des Fort­schritts ver­klär­ten Todes­wunsch der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on an der Wur­zel zu packen.

Mit dem Wie­der­erwa­chen des Dschi­hads im 20. Jahr­hun­dert und der Aus­brei­tung des Islams in Euro­pa stellt sich dem Kon­ti­nent außer­dem ein Feind als Gestalt der eige­nen Fra­ge ent­ge­gen. Wo ist in Euro­pa ein Glau­be, der es mit dem Selbst­be­wußt­sein und Selbst­be­haup­tungs­wil­len des Islams auf­neh­men kann? Die Rat­lo­sig­keit ist um so grö­ßer, da wir kaum mehr begrei­fen kön­nen, wie ein offen­bar unsin­ni­ger Glau­be an von Gott erwähl­te Pro­phe­ten und hei­li­ge, unfehl­ba­re, gleich­sam vom Him­mel gefal­le­ne Bücher gan­ze Völ­ker bewe­gen und stär­ken kann. »The best lack all con­vic­tion, while the worst / Are full of pas­sio­na­te inten­si­ty« beklag­te Wil­liam But­ler Yeats schon 1920 in sei­nem apo­ka­lyp­ti­schen Gedicht »The Second Com­ing«. Als sich Domi­ni­que Ven­ner am 21. Mai 2013 in der Kathe­dra­le von Not­re Dame de Paris erschoß, war er von dem Bewußt­sein erfüllt, daß nur noch Fana­le, Mythen und Opfer das schla­fen­de Euro­pa erwe­cken könn­ten. Der eins­ti­ge mili­tan­te poli­ti­sche Akti­vist hat­te längst den Glau­ben an blo­ße poli­ti­sche Lösun­gen ver­lo­ren: Ohne eine wahr­haf­te, inne­re Revo­lu­ti­on der See­len sei­en sie nur tönend Erz oder eine klin­gen­de Schel­le. So kehr­te er den berühm­ten Slo­gan von Charles Mau­rras »Poli­tique d’abord!«, »Poli­tik zuerst!« um, und setz­te an sei­ne Stel­le »Mys­tique d’abord!«, »Mys­tik zuerst«, ohne Zwei­fel Péguys Dik­tum im Hin­ter­kopf, daß alles mit einer Mys­tik begin­ne und mit einer Poli­tik ende, das heißt: zu einer Poli­tik ver­kom­me. Für Ven­ner soll­te die­se Mys­tik die Form einer »iden­ti­tä­ren Reli­gi­on« anneh­men, also einer Art gesamt­eu­ro­pä­isch erwei­ter­ter Stam­mes­re­li­gi­on, die gleich­sam das Unse­re zum Hei­lig­tum erklärt.

Aller­dings dach­te er dabei vor allem an eine stoi­sche Phi­lo­so­phie nach anti­kem Mus­ter, ange­rei­chert mit mythisch-alle­go­ri­schen Refe­ren­zen, wobei er ver­such­te, gleich­sam mit einer gro­ßen Sche­re 2000 Jah­re Chris­ten­tum aus dem geis­ti­gen und spi­ri­tu­el­len »Gen­pool« Euro­pas zu ent­fer­nen oder wenigs­tens stark zu beschnei­den: »Eben­so wie ande­re sich als Söh­ne von Shi­va, von Moham­med, von Abra­ham oder von Bud­dha wie­der­erken­nen, ist es nicht ver­kehrt, sich als Söh­ne und Töch­ter von Homer, von Odys­seus und von Pene­lo­pe zu wissen.«

An die­ser Stel­le sind wir auch schon mit­ten im Dilem­ma: Wer ähn­lich wie Ven­ner denkt, hat zuerst die sozia­len, mora­li­schen, poli­ti­schen, der Gemein­schaft einen Sinn und ein Ziel geben­den Wohl­ta­ten der Reli­gi­on vor Augen, mit ande­ren Wor­ten ihren Nut­zen; aber sein Bre­vier Ein Samu­rai aus Euro­pa ist für ein­sa­me Glau­bens­rit­ter zwi­schen Tod und Teu­fel wie auf dem Stich Dürers geschrie­ben, und nur sehr weni­ge wer­den heu­te die home­ri­schen Epen als »Bibel« adap­tie­ren kön­nen, wie Ven­ner es vor­schlug. Letzt­lich trach­te­te er danach, die Mys­tik zum Treib­stoff der Poli­tik zu machen – ein Unter­fan­gen, dem man mit Péguy ent­ge­gen­hal­ten könn­te: »Daß eine Reli­gi­on für das Volk not­wen­dig ist – das ist in einem gewis­sen Sin­ne die tiefs­te Belei­di­gung, die man jemals unse­rem Glau­ben zuge­fügt hat.«

Ist die­ses Dilem­ma unaus­weich­lich? Ich bin der Ansicht, daß jedes tie­fe­re Nach­den­ken über die­se Din­ge bei der Erkennt­nis Hei­deg­gers lan­den muß: »Die Phi­lo­so­phie wird kei­ne unmit­tel­ba­re Ver­än­de­rung des jet­zi­gen Welt­zu­stan­des bewir­ken kön­nen. Dies gilt nicht nur von der Phi­lo­so­phie, son­dern von allem bloß mensch­li­chen Sin­nen und Trach­ten. Nur noch ein Gott kann uns ret­ten.« Wobei vie­le, die an die­sen Punkt gera­ten sind, sich erheb­lich über­win­den müs­sen, um den zwei­ten Teil des Hei­deg­ger­schen Dik­tums zu akzep­tie­ren: »Uns bleibt die ein­zi­ge Mög­lich­keit, im Den­ken und im Dich­ten eine Bereit­schaft vor­zu­be­rei­ten für die Erschei­nung des Got­tes oder für die Abwe­sen­heit des Got­tes im Unter­gang; daß wir im Ange­sicht des abwe­sen­den Got­tes unter­ge­hen.« Ein sol­cher Satz scheint jeg­li­che Mög­lich­keit des Han­delns zu läh­men, scheint zur Pas­si­vi­tät und Resi­gna­ti­on zu ver­dam­men. Wenn man einen Gott braucht, war­um kann man ihn dann nicht her­bei­zwin­gen, etwa durch ein Opfer wie jenes Ven­ners? Wenn man einer Mys­tik bedarf, war­um kann man sie nicht selbst schaf­fen? Und wenn man eine Reli­gi­on braucht: kann man sich nicht eine erfin­den und auf den Leib schneidern?

An die­ser Stel­le sei ein Inter­net­kom­men­tar zitiert, wie man ihn oft auf rechts­in­tel­lek­tu­el­len Blogs lesen kann, gefun­den auf heartiste.wordpress.com. Er sei etwas aus­führ­li­cher zitiert, weil er typisch für alle ist, die irgend­wann zu der nahe­lie­gen­den Schluß­fol­ge­rung kom­men, daß eine neue »Mys­tik« wich­ti­ger als eine neue Poli­tik sei:

Wir brau­chen mehr als eine neue poli­ti­sche Par­tei; wir brau­chen ein neu­es reli­giö­ses Erwa­chen, um uns von der fal­schen Dok­trin der Auf­klä­rungs­or­tho­do­xie zu befrei­en. Aber wir brau­chen kei­ne Rück­kehr in die Ver­gan­gen­heit – wir brau­chen etwas Neu­es und Bes­se­res, in unse­rer eige­nen Spra­che. Wir brau­chen ein neu­es Kon­zept eines stam­mes­ba­sier­ten Glau­bens, der die Weis­heit der alten Welt­an­schau­ung in die Wirk­lich­keit von heu­te über­führt. (…) Das Chris­ten­tum war inso­fern ein Genie­streich, als es eine höhe­re uni­ver­sa­le Moral zuließ, wäh­rend es gleich­zei­tig jene Wer­te ver­trat, die Fami­li­en und Gemein­schaf­ten stark mach­ten. Aber es wur­de hoff­nungs­los von einer impe­ria­len Fas­sung die­ser Reli­gi­on und einem radi­ka­len Ega­li­ta­ris­mus kor­rum­piert, der von den frü­hen Chris­ten weder inten­diert noch vor­aus­ge­se­hen wur­de, die sich als klei­ne Gemein­schaf­ten von gleich­ge­sinn­ten Fami­li­en im Wider­stand gegen ein ver­kom­me­nes und böses Impe­ri­um sahen. Auch heu­te brau­chen wir einen Glau­ben, um uns aus die­sem schreck­li­chen Dreck zu zie­hen, den wir selbst ver­schul­det haben.

Da denkt man unwei­ger­lich an den Baron Münch­hau­sen, der sich am eige­nen Schopf aus dem Sump­fe zog. Robert Spa­e­mann zitier­te zu die­ser Pro­ble­ma­tik der Mach­bar­keit des Glau­bens eine Anek­do­te über Tal­ley­rand. Als jemand in der Zeit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on den Vor­schlag mach­te, eine neue Reli­gi­on zu erfin­den, sag­te die­ser: »Es gab ein­mal einen bekann­ten Reli­gi­ons­stif­ter, der nach drei­jäh­ri­ger Lehr­tä­tig­keit am Kreuz hin­ge­rich­tet wur­de und am drit­ten Tag wie­der auf­er­stand. Sie soll­ten irgend so etwas zu tun ver­su­chen.« Wie reli­giö­se »Para­dig­men« – ein Schlag­wort, das etwa Hans Küng ger­ne benutzt – ent­ste­hen, zei­ge nach Spa­e­mann viel­mehr der Satz Jesu: »Nicht ihr habt mich erwählt, son­dern ich habe euch erwählt« (Joh. 15,16). Die Auf­klä­rer frei­lich waren weit­ge­hend davon über­zeugt, daß auch das Chris­ten­tum eine Art »Erfin­dung« gewe­sen sein müs­se. Rei­ma­rus etwa kam zu dem ihm logisch dün­ken­den Schluß, daß die Jün­ger den Leich­nam Chris­ti gestoh­len haben muß­ten und nach­her gezielt über sei­ne Auf­er­ste­hung logen. Somit habe am Anfang des Chris­ten­tums ein nicht gar so from­mer Schwin­del gestan­den. Schwer zu erklä­ren blieb aller­dings, war­um so vie­le Men­schen die­sen Betrug geglaubt hat­ten, sodaß das Chris­ten­tum in der Fol­ge zur Welt­re­li­gi­on aufstieg.

Es gab nun im Zuge der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on eini­ge zum Teil frei­mau­re­risch inspi­rier­te Ansät­ze, eine Art Zivil­re­li­gi­on im Ein­klang mit den Para­dig­men der Auf­klä­rung zu begrün­den. 220 Jah­re vor Ven­ners Frei­tod wur­de Not­re Dame de Paris zum »Tem­pel der Ver­nunft und der Frei­heit« umge­weiht, wo der »Göt­tin Ver­nunft« gehul­digt wer­den soll­te. Es fehl­te auch sonst nicht an Ritua­len, Kul­ten, Sakri­le­gen, Bil­der­stür­me­rei­en, Mar­ty­ri­en, Opfer­hand­lun­gen und Mythen­bil­dun­gen. Inso­fern war das Jako­bi­ner-Regime ein ers­ter Geh­ver­such der tota­li­tä­ren »poli­ti­schen Reli­gio­nen« des 20. Jahr­hun­derts, die von Eric Voe­ge­lin beschrie­ben wur­den. Gläu­bi­ge kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Den­ker wie de Maist­re oder de Bonald waren aller­dings nur ein­ge­schränkt imstan­de, die qua­si-reli­giö­sen Struk­tu­ren der Revo­lu­ti­on zu erken­nen. Bonald wur­de unfrei­wil­lig zum Begrün­der der Sozio­lo­gie und eines funk­tio­na­lis­ti­schen Begriffs von der Reli­gi­on, als er zur Ver­tei­di­gung der für ihn ein­zig wah­ren katho­li­schen Reli­gi­on The­sen wie die­se auf­stell­te: »Die­se Dog­men sind wahr, weil sie nütz­lich sind für die Erhal­tung der Gesell­schaft.« Im 19. Jahr­hun­dert folg­te August Comte sol­chen Gedan­ken­gän­gen wie einem Rezept, als er sys­te­ma­tisch eine posi­ti­vis­ti­sche »Reli­gi­on der Mensch­lich­keit« zu begrün­den versuchte.

Neben den »poli­ti­schen Reli­gio­nen«, die ihren reli­giö­sen Cha­rak­ter eher zu ver­ber­gen suchen, ent­stan­den im 19. und 20. Jahr­hun­dert unzäh­li­ge spi­ri­tu­el­le Bewe­gun­gen, Sek­ten und »neue Reli­gio­nen«, die das Vaku­um auf­zu­fül­len such­ten, das das dis­kre­di­tier­te Chris­ten­tum hin­ter­las­sen hat­te: die Theo­so­phie, die Anthro­po­so­phie Rudolf Stei­ners, der von dem bri­ti­schen Exzen­tri­ker Gerald Gard­ner begrün­de­te Wic­ca-Kult, die »Crow­leya­ni­ty«, die Jung’sche Psy­cho­lo­gie, Ron Hub­bards »Sci­en­to­lo­gy«, die Moon-Sek­te oder die neu­heid­nisch-nor­di­sche Bewe­gung Ásatrú mit all ihren Zwei­gen. Unschwer kann man erken­nen, daß kei­ne die­ser Bewe­gun­gen das Rad neu erfun­den hat: sie beru­fen sich auf angeb­li­che »Ur«-Traditionen und »Natur«-Kulte, ver­pa­cken alte gnos­ti­sche Ideen in pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Spra­che, bedie­nen sich mas­siv bei der christ­lich-jüdi­schen Escha­to­lo­gie und krei­sen häu­fig um kul­tisch ver­ehr­te Grün­der­fi­gu­ren, die Pri­va­tof­fen­ba­run­gen und Erkennt­nis­se höhe­rer Wel­ten erlangt haben wol­len. Hier liegt der Grund, war­um Reli­gio­nen im Kern nicht »mach­bar« sind: Um wirk­sam zu sein, müs­sen sie sich stets auf außer- oder über­mensch­li­che und außer- oder über­zeit­li­che, zumin­dest sehr alte, aus den »Ursprün­gen« stam­men­de Quel­len beru­fen, die nicht ohne wei­te­res für jeder­mann zugäng­lich sind. Hier tre­ten nun die fal­schen und selbst­er­nann­ten Pro­phe­ten und Seher auf, und der Erfolg jedes Kul­tes und jeder Reli­gi­on hängt davon ab, ob sie glau­ben, was sie ver­kün­den, oder viel­mehr: ob ihre Anhän­ger es ihnen glau­ben und ihnen glau­ben, daß sie es glau­ben. Sie alle bewe­gen sich jedoch stets in einem Reso­nanz­raum der kul­tu­rel­len Über­lie­fe­rung und mythi­scher Struk­tu­ren, die nicht belie­big ver­än­dert wer­den kön­nen. Das gilt selbst für Jesus von Naza­reth, Moham­med oder Sid­dhar­ta Gautama.

Der Begriff der »Reli­gi­on« ist nicht ein­fach zu defi­nie­ren. Jacob Burck­hardt zähl­te die Reli­gi­on zu den drei »Poten­zen« der Welt­ge­schich­te, deut­lich unter­schie­den, aber – mal mehr, mal weni­ger – eng ver­wo­ben mit dem »Staat« und der »Kul­tur«: »Die Reli­gio­nen sind der Aus­druck des ewi­gen und unzer­stör­ba­ren meta­phy­si­schen Bedürf­nis­ses der Men­schen­na­tur. Ihre Grö­ße ist, daß sie die gan­ze über­sinn­li­che Ergän­zung des Men­schen, alles das, was er sich nicht sel­ber geben kann, reprä­sen­tie­ren.« Ihre Ent­ste­hung liegt nach Burck­hardt in einem vor­his­to­ri­schen Dun­kel, in dem Sibyl­len, Völ­ven und Pro­phe­ten sin­gen, prei­sen und ver­kün­den. Sie ist außer­dem eng ver­bun­den mit der Poe­sie, die Burck­hardt als bedeut­sams­tes »Organ der Reli­gi­on« bezeich­net. Als heu­ti­ge Men­schen kön­nen wir uns »die pri­mi­ti­ve Ent­bin­dung des Geis­ti­gen« jedoch kaum mehr vor­stel­len, »denn wir sind spä­ter abge­lei­te­te Leute.«

Das heißt aber auch, daß wir kei­nen Punkt fixie­ren kön­nen, an dem Reli­gi­on »gemacht« oder »erfun­den« wur­de – wir leben in einer Welt, in der Reli­gi­on immer schon ein Gege­be­nes, Gewor­de­nes oder Gewe­se­nes ist. Auch ein tro­cke­ner und reli­gi­ons­fer­ner Kopf wie Arnold Geh­len beschrieb Reli­gi­on als »ein Über­wäl­tigt­wer­den von dem unwi­der­steh­li­chen Ein­druck eines ›gan­zen‹ Lebens«, sie ist also zunächst eher etwas, das dem Men­schen unwill­kür­lich wider­fährt, und weni­ger etwas, das er sich bewußt zurechtzimmert.

Der Mensch scheint den­noch auch in sei­nen spä­ten Ablei­tun­gen ein unver­wüst­lich meta­phy­si­sches Wesen zu sein, was heut­zu­ta­ge gera­de mili­tan­te Athe­is­ten wie Richard Daw­kins bewei­sen, die aus ihrem Unglau­ben eine Art Reli­gi­on gemacht haben und mit ihm auf mis­sio­na­ri­sche Kreuz­zü­ge wider die Gläu­bi­gen aus­rei­ten. Das ist womög­lich mehr als nur eine Meta­pher oder eine iro­ni­sche Ana­lo­gie. Voe­ge­lin ver­wen­de­te den Begriff der Reli­gi­on in einem der­art stark erwei­ter­ten Sin­ne. Eben­so weit gespannt war sein umstrit­te­ner Begriff der »Gno­sis«, mit dem er die Essenz der Moder­ne zu fas­sen such­te: »Gno­sis« ist nach Voe­ge­lin letzt­lich das Pro­jekt der Selbst­er­lö­sung und Selbst­ver­got­tung des Men­schen, der sich auf Erden ein uto­pi­sches, imma­nen­tes Para­dies erschaf­fen will und die­ses Ziel mit poli­ti­schen Mit­teln zu errei­chen trach­tet. Ähn­lich weit gefaßt ist der Begriff bei dem Sozio­lo­gen Ernest Becker (1924–1974), für den Reli­gio­nen vor allem »heroi­sche Sys­te­me« waren, die dem Dasein einen tran­szen­den­ten Sinn geben und die Todes­furcht und die Ver­zweif­lung über­win­den sol­len, wobei er soweit ging, die indi­vi­du­el­le mensch­li­che Cha­rak­ter­struk­tur selbst als ein sol­ches Sys­tem zu deu­ten. In die­sem Sin­ne fie­le unter Reli­gi­on auch alles, was das Dasein mit mobi­li­sie­ren­den Bil­dern und geis­ti­gen Idea­len erfüllt.

Der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­lo­ge Wil­liam James beschrieb den reli­giö­sen Affekt als »eine Erre­gung der fröh­li­chen, erwei­tern­den, ›kraft­er­zeu­gen­den‹ Art.« Emo­tio­nen die­ser Kate­go­rie über­win­den die Schwer­mut, ver­lei­hen dem Betrof­fe­nen Bestän­dig­keit und »den ein­fa­chen Din­gen des Lebens etwas Schmack­haf­tes, Bedeu­tungs­vol­les, Begeis­tern­des und Herr­li­ches.« Die­se Auf­la­dun­gen haben ihre Wur­zel aller­dings nicht im Ratio­na­len. In sei­nen berühm­ten Vor­le­sun­gen zur »Viel­falt reli­giö­ser Erfah­rung« (1901/2) ver­such­te James ihre Quel­len zu beschrei­ben, die, in den Wor­ten Peter Slo­ter­di­jks aus­ge­drückt, dem Unge­wöhn­li­chen, dem Sel­te­nen, dem Exzes­si­ven, dem Patho­lo­gi­schen, ja dem Para­nor­ma­len ent­sprin­gen. Als Vater des »Prag­ma­tis­mus« näher­te sich James auch die­sen Phä­no­men mit einem eher uti­li­ta­ris­ti­schen Ansatz, und ver­mit­tel­te sei­nen sinn­su­chen­den Lesern die Bot­schaft: Glau­be Du! Es ist nütz­lich und hilft! Laß Dich auf das Aben­teu­er ein und sieh, was dabei her­aus­springt für Dich!

In eine ähn­li­che Rich­tung wie James, frei­lich ohne den ame­ri­ka­nisch-prag­ma­ti­schen Ansatz, wies der deut­sche Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler Rudolf Otto, der in sei­ner Stu­die Das Hei­li­ge (1917) die genu­in reli­giö­se Erfah­rung als Begeg­nung mit dem »Numi­no­sen« beschrieb: Das »Krea­tu­r­ge­fühl« der »Geschöpf­lich­keit«; das Moment des Über­mäch­ti­gen (majes­tas); das Erleb­nis des mys­te­ri­um tre­men­dum, des »schau­er­vol­len Geheim­nis­ses«, wozu auch Rausch, Eksta­se, Dämo­nie, Schre­cken und Schau­der zäh­len; das Moment des »Ener­gi­schen«, von Wil­le, Kraft und Bewe­gung; Gott, der dem Ein­zel­nen als das »Ganz Ande­re«, das Unbe­greif­li­che, Über­na­tür­li­che, Über­welt­li­che entgegentritt.

Als wei­te­rer Zeu­ge für die Auto­no­mie der reli­giö­sen Erfah­rung sei noch der eng­li­sche Phi­lo­soph Alfred North Whit­ehead genannt, der sich dem The­ma in sei­ner Schrift Wie ent­steht Reli­gi­on? (Reli­gi­on in the Making, 1926) phä­no­me­no­lo­gisch näher­te. Er ver­stand Reli­gi­on in ers­ter Linie als »Kunst und Theo­rie des inne­ren mensch­li­chen Lebens, sofern es von dem Men­schen selbst und von dem abhängt, was an der Natur der Din­ge bestän­dig ist«, sie sei »die Kraft des Glau­bens, der die Inner­lich­keit rei­nigt«. Dem­ge­gen­über sei­en nach außen gerich­te­te »kol­lek­ti­ve Begeis­te­run­gen, Erwe­ckungs­be­we­gun­gen, Insti­tu­tio­nen, Kir­chen, Bibeln, Ver­hal­tens­nor­men« bloß »die äuße­ren Zei­chen von Reli­gi­on, ihre ver­gäng­li­chen For­men. Sie kön­nen nütz­lich oder schäd­lich, sie kön­nen auto­ri­ta­tiv ver­ord­net oder bloß vor­über­ge­hen­de Not­be­hel­fe sein. Aber das Ziel von Reli­gi­on liegt jen­seits von alle­dem.« Die­se exis­ten­zi­el­le Auf­fas­sung von Reli­gi­on, die einem Pas­cal oder Kier­ke­gaard nahe­steht, brach­te Whit­ehead auf eine fas­zi­nie­ren­de For­mel: »Reli­gi­on ist das, was das Indi­vi­du­um aus sei­nem eige­nen Soli­tär­sein macht.«

Es liegt auf der Hand, daß die moder­ne Welt für die­se Din­ge und Erfah­run­gen kaum einen Platz hat. Den­noch spu­ken auf den ver­fal­le­nen Altä­ren die Dämo­nen, die kaum mehr als sol­che erkennt­lich sind, was sie um so gefähr­li­cher macht. Daß man sie durch blo­ße Ver­nunft nicht exor­zie­ren und auch kei­ne Göt­ter beschwö­ren kann, wann und wie man sie braucht, soll­te am Ende die­ses kur­zen Über­blicks deut­lich gewor­den sein. Im Anschluß an Whit­ehead könn­te man fest­stel­len: Was auch immer aus einer Reli­gi­on in der Fol­ge in sozia­ler, insti­tu­tio­nel­ler und poli­ti­scher Hin­sicht wird, an ihrem Anfang ste­hen wohl immer Ein­zel­ne, Soli­tä­re, die vom Brand des Dorn­bu­sches über­wäl­tigt wer­den. Dies aber ist eine Fra­ge der Gna­de, die sich nicht erzwin­gen läßt. Womit wir auch wie­der bei Hei­deg­gers Dik­tum ange­langt wären: im Hin­blick auf den ret­ten­den Gott bleibt uns wahr­schein­lich nur die Wahl, ent­we­der ein­sa­me Fähr­ten­su­cher Got­tes zu wer­den oder nach Höl­der­lin dem Vater zu die­nen, »der über allen wal­tet«, auf »daß gepfle­get wer­de / Der fes­te Buch­stab, und Bestehen­des gut / Gedeutet.«

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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