Über das Machbare im Wirklichen

Wagen wir beim Blick auf die Dinge einmal die erhöhte Perspektive: alle Fragen und Nöte, die uns heute quälen, dürften bereits in wenigen Jahrhunderten gegenstandslos geworden sein. – Und nun stelle man sich vor, daß auch noch in fünftausend oder gar zehntausend Jahren Menschen in Europa siedeln werden! So wenig man vor fünftausend Jahren ahnen oder sich ausmalen konnte, welche Entwicklungsstufen und Innovationen vor der Menschheit liegen, so wenig vermögen wir Heutigen abzuschätzen, was der Spezies noch bevorsteht. – Dieser Gedanke, in Ruhe betrachtet, läßt uns vielleicht ein wenig gelassener auf die ungeheuren Verwerfungen der Gegenwart blicken.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Wagen wir beim Blick auf die Din­ge ein­mal die erhöh­te Per­spek­ti­ve: alle Fra­gen und Nöte, die uns heu­te quä­len, dürf­ten bereits in weni­gen Jahr­hun­der­ten gegen­stands­los gewor­den sein. – Und nun stel­le man sich vor, daß auch noch in fünf­tau­send oder gar zehn­tau­send Jah­ren Men­schen in Euro­pa sie­deln wer­den! So wenig man vor fünf­tau­send Jah­ren ahnen oder sich aus­ma­len konn­te, wel­che Ent­wick­lungs­stu­fen und Inno­va­tio­nen vor der Mensch­heit lie­gen, so wenig ver­mö­gen wir Heu­ti­gen abzu­schät­zen, was der Spe­zi­es noch bevor­steht. – Die­ser Gedan­ke, in Ruhe betrach­tet, läßt uns viel­leicht ein wenig gelas­se­ner auf die unge­heu­ren Ver­wer­fun­gen der Gegen­wart blicken.

Denn mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit dürf­te bereits in fünf­hun­dert Jah­ren der Euro­pä­er dem heu­ti­gen Men­schen frem­der gewor­den sein als wir uns vom Euro­pä­er von vor fünf­tau­send Jah­ren unter­schei­den. Immer­hin heißt es von Sei­ten der Regie­ren­den, daß wenigs­tens Deutsch­land sich in den nächs­ten Jah­ren »bis zur Unkennt­lich­keit ver­än­dern« werde.

Doch jede Wirk­lich­keit und damit auch jede Mach­bar­keit steht mehr unter dem Ein­fluß des Zeit­al­ters als unter dem des poli­ti­schen Sys­tems. Denn Sys­te­me sind kei­ne eigen­stän­di­gen Gebil­de, son­dern spie­geln zumeist nur die poli­ti­sche Form, den »Wil­len« und men­ta­len Zustand des Zeit­al­ters wider. Einem Zeit­al­ter kann man nicht ent­kom­men, selbst wenn man des­sen typischs­tes Gebil­de stürz­te. Daher sind fast alle Men­schen immer Instru­men­te ihres Zeit­al­ters, beson­ders dort, wo sie instink­tiv Gehor­sam leis­ten. Gegen ein Zeit­al­ter kann man nur den­kend vor­ge­hen, man kann sich ihm nur den­kend entziehen.

Das ist in der Geschich­te immer wie­der gesche­hen. Doch gelang es nie, eine Sache dann noch zu dre­hen, wenn sie sich bereits in vol­lem Gan­ge befand. 1938 wäre das Drit­te Reich von innen her­aus nicht mehr auf­zu­hal­ten und jeder Pro­test dage­gen wir­kungs­los gewe­sen. Aus den glei­chen Grün­den gab es 1961 kein Ein­schrei­ten gegen den Mau­er­bau, und kein Pro­mi­nen­ter ruft heu­te zum Wider­stand gegen das hie­si­ge Regime auf – denn dies hät­te jeweils nur das eige­ne Ver­häng­nis zur Folge.

Was auch immer an his­to­ri­schen Poten­zen der­zeit wirk­sam wird: Fest steht, daß sich die gesam­te Mensch­heit auf einer Ent­wick­lungs­stu­fe befin­det, die in der Welt­ge­schich­te nur weni­ge, viel­leicht gar kei­ne Ver­glei­che zuläßt. Sei­nen bis­her größ­ten Iden­ti­täts­wan­del erfuhr Euro­pa im Über­gang vom Hei­den­tum zum Chris­ten­tum. Mehr als drei­hun­dert Jah­re benö­tig­te die­ses Ereig­nis allein bis zur Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de, um danach Euro­pa erst­mals »bis zur Unkennt­lich­keit zu ver­än­dern«. Das Ziel war auch damals schon, einen »neu­en Men­schen« her­vor­zu­brin­gen, an den wir uns seit gut tau­send­fünf­hun­dert Jah­ren so sehr gewöhnt haben, daß wir ihn nicht mis­sen wol­len. Heu­te kön­nen wir, wenn wir nur genau hin­schau­en, beob­ach­ten, wie mit der bei­na­he glei­chen ent­wick­lungs­ge­schicht­li­chen Not­wen­dig­keit, mit der einst aus Hei­den Chris­ten wur­den, nun­mehr aus Abend­län­dern hoch fle­xi­ble Kon­sum­welt­bür­ger her­vor­ge­hen. Der sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche, gewis­ser­ma­ßen gene­ti­sche Zusam­men­hang bei­der Ereig­nis­se wird ger­ne über­se­hen. Das uralte euro­pä­isch-ori­en­ta­li­sche Stre­ben nach tota­ler Orga­ni­sa­ti­on aller Din­ge unter einem mono­the­is­ti­schen Welt­staat und Schöp­fer­gott, das es so nur in Eura­si­en gab, mani­fes­tiert sich heu­te in der One-World-Visi­on. Der moder­ne Ein­heits­mensch, dazu beauf­tragt, sämt­li­che Ver­schie­den­hei­ten abzu­schaf­fen, ist der Voll­ender die­ser Sehn­sucht. Das Ver­lan­gen nach einer uni­ver­sa­len Welt­ord­nung, die alle Men­schen hier­ar­chisch oder in Gleich­heit umfaßt, kam frei­lich schon im Hel­le­nis­mus auf: poli­tisch geäu­ßert durch den Oeko­me­ne-Gedan­ken Alex­an­ders, phi­lo­so­phisch durch die Stoa.

Einer der weni­gen his­to­ri­schen Akteu­re, die sich gegen die gro­ßen Ten­den­zen ihrer Zeit stell­ten, war der römi­sche Kai­ser Juli­an (331–362), der ver­such­te, die von sei­nem Onkel Kon­stan­tin I. ein­ge­lei­te­ten Schrit­te in das christ­li­che Zeit­al­ter rück­gän­gig zu machen und reichs­weit die alten Kul­te wie­der ein­zu­füh­ren. Er schei­ter­te jedoch in allen sei­nen Absich­ten und fiel als­bald im Kampf gegen die Per­ser. Der Haß, der ihm auf­grund sei­nes »unver­stän­di­gen Wider­stre­bens gegen den Zeit­geist« (David Fried­rich Strauß) von Sei­ten der Ver­tre­ter des her­auf­zie­hen­den neu­en Welt­al­ters ent­ge­gen­schlug, deckt sich frap­pie­rend mit dem des heu­ti­gen Regimes auf alle Geg­ner herr­schen­der Poli­tik und Pro­pa­gan­da: für Theo­do­ret war Juli­an »ein ›häß­li­ches, stin­ken­des Schwein‹, Hie­ro­ny­mus nann­te ihn einen ›wüten­den Hund‹, des­sen Tod die wohl­ver­dien­te Stra­fe für sei­ne ›unver­schäm­te Zun­ge‹ gewe­sen sei«, wie Alex­an­der Deman­dt in sei­ner Geschich­te der Spät­an­ti­ke bemerkt. Und auch im Ver­nich­tungs­ei­fer glei­chen sich fast alle auf­stei­gen­den Zeit­al­ter, ähn­lich den Got­tes­krie­gern diver­ser Glau­bens­rich­tun­gen: »Das Sera­pei­on galt neben dem Capi­tol als das schöns­te Bau­werk der Welt. 391 wur­de es auf Anwei­sung Kai­ser Theo­dosi­us I. bis auf die Fun­da­men­te nie­der­ge­ris­sen, auf den Trüm­mern ent­stand ein Kloster.«

Was also bleibt zu tun? Die größ­te Schwie­rig­keit besteht dar­in, die Machen­schaf­ten der Leit­ten­den­zen sei­nes Zeit­al­ters zu erken­nen, um sich nicht davon ver­ein­nah­men zu las­sen, sofern man statt an der Welt als ihr aus­füh­ren­des Organ an sich sel­ber tätig sein will. Man­cher stirbt an der Welt, weil sie ihn zer­drückt, denn nie­mand ist der Welt gewach­sen. Man beden­ke: Was könn­ten wir sein, was könn­te aus uns wer­den, wenn ein feind­li­ches Welt­al­ter uns nicht dar­an hin­der­te? Denn die Welt macht den Men­schen, noch bevor er sich an die Welt machen kann.

Das Kind läßt alles mit sich machen, da es sich, ähn­lich dem Tier, sel­ber in kei­nem Sinn­zu­sam­men­hang ein­zu­bin­den ver­mag. Bei­de, Tier und Kind, wer­den allein durch den Flucht­in­stinkt gesteu­ert, der ein­setzt, sobald Gefahr droht. Eine ande­re »not­wen­di­ge Regung« gibt es für sie nicht. Wird hier, im Raum der ers­ten Instink­te, nichts ent­schie­den, bleibt die Welt ein sinn­frei­er Ort blo­ßen Daseins. Kind und Tier ste­hen buch­stäb­lich sinn­los in der Welt, wor­aus deut­lich wird, daß die Din­ge erst in einen künst­li­chen Zusam­men­hang gebracht und zu einem Ereig­nis wer­den müs­sen, damit sie eine Welt erge­ben, in der sich sinn­voll leben läßt.

Und doch ist nie­mand direk­te Fol­ge äuße­rer Ereig­nis­se. Viel­mehr stellt jeder nur ein Wahr­schein­lich­keits­ver­hält­nis dar; zusam­men­ge­setzt aus den jeweils vor­han­de­nen Din­gen, Eigen­schaf­ten, Mög­lich­kei­ten, die alle auf­ein­an­der reagie­ren und erst das täti­ge Ich erzeu­gen, das dar­auf­hin unteil­bar gewor­den ist. Was wir sind, sofern wir etwas sind, sind wir allein aus uns sel­ber, ohne irgend­ei­ne Ver­bin­dung zu etwas ande­rem. Die­ser Umstand wird sel­ten bemerkt; er ist aber um so wich­ti­ger bei der Betrach­tung zeit­geis­ti­ger Phä­no­me­ne, zwi­schen denen wir uns per­ma­nent bewe­gen, wäh­rend wir die Welt beden­ken. Die Welt beden­ken heißt, sie mit sich sel­ber zu kon­fron­tie­ren aus der Unschuld eige­ner Ori­gi­na­li­tät und Vor­aus­set­zungs­lo­sig­keit im Sin­ne einer den Din­gen »leib­lich« ent­bun­de­nen Nach­kom­men­schaft. Jeder Mensch ist ein für sich gesetz­tes, unzu­sam­men­hän­gen­des Ereig­nis, fähig, alle ande­ren Ereig­nis­se der Welt mit dem eige­nen Ereig­nis ins Ver­hält­nis zu set­zen, um dar­über die Welt, je nach Bega­bung, sich sel­ber abzu­bil­den. Denn die Din­ge ver­hal­ten sich zum Betrach­ter des­sen Fähig­kei­ten gemäß, ohne jedoch von jeweils »ande­rer Art« zu sein. So kommt es, daß Men­schen die glei­chen Din­ge ver­schie­den auf­fas­sen, weil unter­schied­li­che Wahr­neh­mungs­leis­tun­gen sie dazu befähigen.

Die (von uns) geschaf­fe­nen Din­ge ver­stel­len uns den Blick auf die von sich aus sei­en­den Din­ge. Dadurch tre­ten wir in ein ande­res Ver­hält­nis zur Welt, die wir von nun an als eine von uns »gemach­te« und »gedach­te« ver­ste­hen wol­len, und nicht mehr als »Welt an sich«, das heißt als etwas, das für sich sel­ber so besteht, wie es sich den Sin­nen zeigt. Denn die von sich aus sei­en­den Din­ge waren bereits in der Welt, bevor es Sin­ne gab, die den Din­gen bestimm­te Eigen­schaf­ten ver­lie­hen, wel­che wie­der­um den Fähig­kei­ten der Sin­nen­trä­ger ent­spra­chen, da er sie sonst gar nicht hät­te erken­nen können.

Ohne Spie­gel­neu­ro­nen kei­ne Got­tes­vor­stel­lung, ohne Hor­mo­ne kein Lie­bes­ver­lan­gen, über­haupt kei­ne Lust. Das Kon­sti­tu­ti­ve bio­che­mi­scher Reak­tio­nen macht also erst den Men­schen; es macht ihn aber zugleich auch zu jenem Appa­rat, der sich sei­ne Funk­tio­na­li­tät nicht ein­ge­ste­hen will, son­dern sich für etwas hält, was einen »Sinn« dar­über hin­aus zu suchen hät­te. So hin­dern gera­de die­se Funk­tio­nen uns dar­an, jene Tat­sa­che ihrem vol­len Umfang und ihrer gan­zen Trag­wei­te nach zu regis­trie­ren. Des­halb neh­men wir unse­re Funk­tio­nen freu­dig an, wol­len sie sel­ber – statt die Tat­sa­che ihres Bestehens – für die »Wahr­heit« hal­ten, wodurch ein objek­ti­ver Blick auf den Men­schen bei­na­he unmög­lich wird. So bleibt der Mensch oft sogar hin­ter sei­nen gerings­ten Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten noch zurück, weil er ängst­lich ist und trä­ge, und sein Den­ken schnel­ler ermü­det als sein Han­deln; ja, weil sich sei­ne Phy­sio­psy­cho­lo­gie evo­lu­tio­när lang­sa­mer ent­wi­ckelt als der Mut zur Evi­denz ein­zel­ner Exemplare.

Die ver­schie­de­nen, teils ver­fei­ner­ten Spiel­ar­ten der Kul­tu­ren haben uns ver­ges­sen las­sen, wonach der Mensch sei­ner Natur nach eigent­lich ver­langt. Wer heu­te vom Men­schen mehr erwar­tet als des­sen blo­ßes Mensch­sein, das sich von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wei­ter­gibt, bekommt regel­mä­ßig einen Schlag ins Gesicht, so als wol­le das Leben den Unvor­sich­ti­gen dafür bestra­fen, daß er sich von den Übli­chen zu weit ent­fern­te und sie dadurch brüs­kier­te; sie, die doch nichts sein wol­len als blo­ße Men­schen, Bio-Maschi­nen, Macht­ap­pa­ra­te, deren stren­ge, uner­bitt­li­che Natur sie als jene Gat­tungs­we­sen prä­sen­tiert, die sie sind. Nie­mand weicht davon ab, der nicht von der Her­de bestraft und über­gan­gen wer­den will. Die Natur sel­ber ist hier am Werk; ihr in die Kar­ten zu schau­en wird von den natür­lichs­ten Men­schen stets als Hoch­ver­rat am Men­schen geahndet.

Doch unser Gehirn läßt sich nach den ver­schie­dens­ten Rich­tun­gen hin trai­nie­ren; fast jeder ist zu fast allem fähig, wenn er nur lang genug übt. Folg­lich ist das Gehirn ein Anpas­sungs­or­gan der erstaun­lichs­ten Art, des­sen Fähig­kei­ten aber nur des­halb ent­stan­den sind, um sei­nen Trä­ger zu erhal­ten. Zugleich erlaubt es dem Men­schen aber auch, sich gegen sich sel­ber zu rich­ten, der Natur zu wider­ste­hen; eben­falls durch Exer­zi­ti­en. Die Natur hat erst im Men­schen auf­ge­hört, sta­tisch oder bloß zweck­ori­en­tiert zu sein. Daher ist allein für den Men­schen das blo­ße Leben »der höchs­ten Din­ge nicht«!

Und schon bemer­ken wir die Iden­ti­tät von Den­ken und Sein! Doch war­um ent­stand über­haupt Den­ken und nicht viel­mehr bloß Natur? Wie ver­hält sich Den­ken zur Natur, des­sen Teil es doch ist? Denn es gibt nichts und kann nichts gehen, das nicht Natur wäre. Und doch: war­um ging das Sein über das Den­ken sol­che Wege? Was wäre das Gan­ze der Welt ohne die Ent­ste­hung des mensch­li­chen Gehirns? Was war es vor­her? Unse­re Erfah­run­gen las­sen sich auf das Gan­ze der Welt nicht anwen­den; wahr­schein­lich ist der Mensch nur ein gerin­ger Teil undurch­schau­ba­rer Mög­lich­kei­ten im Labor der Din­ge; sämt­li­che Lebens­for­men sind viel­leicht bloß expe­ri­men­tel­le Aus­drucks­wei­sen mate­ri­el­ler Reak­tio­nen kos­mi­scher Phä­no­me­ne, von denen uns nur die wenigs­ten bekannt sein können.

So macht jeder Blick auf die natür­li­chen Steue­rungs­funk­tio­nen schau­dern. Vor dem Hin­ter­grund unse­rer heu­ti­gen Natur­er­kennt­nis müß­ten wir eine kom­plett ande­re Auf­fas­sung als bis­her dar­über gewin­nen, was Leben eigent­lich ist. Den­noch hal­ten sich hart­nä­ckig die alten Mythen aus den Kin­der­ta­gen im kol­lek­ti­ven Bewußt­sein, und ertönt über­all das Ver­lan­gen nach einer erneu­ten Mytho­lo­gi­sie­rung des Lebens als Ant­wort auf die ent­göt­ter­te Welt. – Auch hier­in ver­rät sich, wie wenig wir über unse­re Abläu­fe sel­ber ent­schei­den und wie sehr wir Wider­hall ein­ge­spiel­ter Gat­tungs­vor­gän­ge und Gewohn­hei­ten sind.

Die mensch­li­che Nei­gung, der Trieb zum Dog­ma­tis­mus hat von jeher allen Streit in der Phi­lo­so­phie ver­ur­sacht. Ent­we­der, weil ver­schie­de­ne Dog­men auf­ein­an­der­stie­ßen, oder weil sie von ohn­mäch­ti­ger Stel­le aus ange­zwei­felt wur­den. Frei­lich besteht das Frucht­ba­re aller Erkennt­nis nun gera­de dar­in, daß sich an die­sem Macht-Ohn­machts­ver­hält­nis bis heu­te nichts geän­dert hat und auch nie etwas ändern wird. Die Dog­men eines Zeit­al­ters oder Regimes bil­den stets die mäch­tigs­te Wirk­lich­keit, gegen die anzu­ge­hen fast immer den Aus­schluß aus dem Spiel­kreis des Wirk­sa­men, ja Mach­ba­ren bedeu­tet. Eine viel­leicht rich­ti­ge Sache zur fal­schen Zeit – und eine sol­che kann Jahr­hun­der­te dau­ern! – aus­zu­spre­chen oder bestimm­te Ver­hal­tens­mus­ter nicht zu über­neh­men, führt bei­na­he not­wen­dig dazu, sich allem zu ent­frem­den und das Mach­ba­re nur noch in sich sel­ber zu finden.

Die­je­ni­gen also, die sich von den Leit­me­di­en, der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, von Goog­le, Wiki­pe­dia, Face­book, Ama­zon usw. nicht vor­schrei­ben las­sen wol­len, wie sie zu den­ken und zu han­deln haben, wer­den wie­der ler­nen müs­sen, was es heißt, im inne­ren Exil zu leben. Nimmt doch das Maschi­nen­men­schen­we­sen bereits dar­in sei­nen Anfang, daß heu­te jeder ein Auto fah­ren, einem vir­tu­el­len Netz­werk ange­hö­ren und ein Smart­pho­ne hand­ha­ben muß, um ein voll­wer­ti­ger Spiel­teil­neh­mer zu sein. Jahr­tau­sen­de lang kamen die Men­schen ohne Moto­ren, Micro­soft, Mobil­te­le­phon aus. Von nun an beginnt das Zeit­al­ter, da all die­se Din­ge nicht mehr aus der Welt zu schaf­fen sind – und zwar nie mehr! Der Welt­zu­stand davor ist unwie­der­bring­lich ver­lo­ren­ge­gan­gen – und mit ihm die Stil­le, die das ech­te Allein­sein, der bis dahin authen­ti­sche Mensch. Und jeder Wider­stand oder auch nur Ein­spruch gegen die tech­nisch-poli­ti­sche Züch­tung des »neu­en Men­schen« hat den glei­chen Aus­sor­tie­rungs­ef­fekt zur Fol­ge wie vor tau­send­sie­ben­hun­dert Jah­ren. Mach­bar­keit bewegt sich stets in den Gren­zen vor­han­de­ner Wir­kungs­fel­der. – Was also tun, wenn es aus den Gesin­nungs­zwän­gen kei­ne Flucht­mög­lich­kei­ten mehr gibt, weil Regime und Zeit­al­ter glo­bal agie­ren? Dann liegt man plötz­lich mit der gesam­ten Wirk­lich­keit im Streit.

Der Kul­tur­mensch in uns muß sich dar­über empö­ren, daß die Sozie­tä­ten selbst an ihren bes­ten Eigen­schaf­ten immer wie­der ver­der­ben, oder daß die Hure Euro­pa ihre Frei­er auch noch bezahlt. Der Wei­se dage­gen bemüht sich um einen welt­ge­schicht­li­chen Blick, der ihn über die tages­po­li­ti­schen Din­ge erhebt. Denn es gibt eine Weis­heit der Selbst­ge­nüg­sam­keit und des unbe­ding­ten Schau­ens, wie sie die Alten und der spä­te Goe­the noch erstreb­ten. Ein sol­cher Mensch »emp­fin­det zu viel Satis­fak­ti­on in sei­nem Innern, als daß ihm die Welt etwas geben oder neh­men könn­te.« – Glück­lich weiß sich daher viel­leicht der Eigen­mäch­ti­ge, dem dies gelingt.

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