Die Brücke am Kwai

David Leans Die Brücke am Kwai (GB 1957) spielt während des Zweiten Weltkriegs, im Jahre 1943. Ein britisches Bataillon wird von den Japanern gefangengenommen und in ein Lager auf der Insel Burma interniert. Dessen Kommandant, Oberst Saito (Sessue Hayakawa), verlangt von den knapp 300 Männern, eine militärstrategisch wichtige hölzerne Eisenbahnbrücke zu bauen, die über den Fluß Kwai führen soll. Er gibt ihnen drei Monate Zeit. Schon bei seiner ersten Ansprache gerät Saito in Konflikt mit Oberstleutnant Nicholson (Alec Guiness), der das Bataillon befehligt. Dieser pocht auf die Regeln der Genfer Konvention, die Japan nicht unterschrieben hat, und verweigert strikt die Zwangsarbeit für Offiziere, wofür Saito ihn drastisch bestraft – unter der glühenden Sonne sperrt er ihn in ein eisernes Behältnis. Der bald lebensgefährlich entkräftete Nicholson weigert sich dennoch standhaft, auf Saitos Forderungen einzugehen. Da die anderen Gefangenen nur halbherzig und führerlos arbeiten, stagniert der Bau. Saito läßt den halbtoten Nicholson befreien und in sein Büro bringen. Dort gesteht er ihm, daß er Harakiri begehen müsse, sollte die Brücke nicht rechtzeitig zustande kommen.

 Gastbeitrag

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David Leans Die Brü­cke am Kwai (GB 1957) spielt wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs, im Jah­re 1943. Ein bri­ti­sches Batail­lon wird von den Japa­nern gefan­gen­ge­nom­men und in ein Lager auf der Insel Bur­ma inter­niert. Des­sen Kom­man­dant, Oberst Sai­to (Ses­sue Hay­a­ka­wa), ver­langt von den knapp 300 Män­nern, eine mili­tär­stra­te­gisch wich­ti­ge höl­zer­ne Eisen­bahn­brü­cke zu bau­en, die über den Fluß Kwai füh­ren soll. Er gibt ihnen drei Mona­te Zeit. Schon bei sei­ner ers­ten Anspra­che gerät Sai­to in Kon­flikt mit Oberst­leut­nant Nichol­son (Alec Gui­ness), der das Batail­lon befeh­ligt. Die­ser pocht auf die Regeln der Gen­fer Kon­ven­ti­on, die Japan nicht unter­schrie­ben hat, und ver­wei­gert strikt die Zwangs­ar­beit für Offi­zie­re, wofür Sai­to ihn dras­tisch bestraft – unter der glü­hen­den Son­ne sperrt er ihn in ein eiser­nes Behält­nis. Der bald lebens­ge­fähr­lich ent­kräf­te­te Nichol­son wei­gert sich den­noch stand­haft, auf Sai­tos For­de­run­gen ein­zu­ge­hen. Da die ande­ren Gefan­ge­nen nur halb­her­zig und füh­rer­los arbei­ten, sta­gniert der Bau. Sai­to läßt den halb­to­ten Nichol­son befrei­en und in sein Büro brin­gen. Dort gesteht er ihm, daß er Hara­ki­ri bege­hen müs­se, soll­te die Brü­cke nicht recht­zei­tig zustan­de kommen.

Die Macht­de­mons­tra­ti­on Sai­tos ist von Nichol­son mit einer Demons­tra­ti­on sei­nes eiser­nen Wil­lens beant­wor­tet wor­den. Trotz unglei­cher Macht­ver­hält­nis­se sind bei­de ein­an­der bis zu die­sem Zeit­punkt etwa auf glei­cher Augen­hö­he gegen­über­ge­stan­den. Sai­tos Ver­such, Nichol­son zu bre­chen und zu ernied­ri­gen, ging nach hin­ten los. Sobald Sai­to als ers­ter Schwä­che signa­li­siert und zugibt, daß er selbst nicht mehr an die Mach­bar­keit des frist­ge­rech­ten Baus glaubt, wen­det sich das Blatt. Nichol­son gewinnt Kraft und Hal­tung zurück; sein Sta­tus ist nun erheb­lich erhöht. Als Sai­to gar einen gesichts­wah­ren­den Vor­wand benutzt, für Nichol­son wie sei­ne Offi­zie­re eine Amnes­tie zu erlas­sen, wird klar, daß er drin­gend ihre Hil­fe braucht. Der Bri­te nutzt die Gele­gen­heit und läßt sich die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Kon­struk­ti­on über­ge­ben. Nun wen­det sich auch ein Blatt im Hin­blick auf die Sym­pa­thien, die bei­de Figu­ren auf sich zie­hen. Solan­ge Nichol­son gepei­nigt wur­de, war man ganz auf sei­ner Sei­te und sah in Sai­to ein­zig den sadis­ti­schen Schin­der. Doch nun wird die ver­meint­li­che Über­le­gen­heit des Bri­ten, und damit der »wei­ßen« über die »far­bi­ge« Welt, zum The­ma. Nichol­son prä­sen­tiert sich als Macher, Pla­ner, Inge­nieur, Kön­ner, Zivi­li­sier­ter, Dis­zi­pli­nier­ter. Sein Stolz ist zugleich ein Attri­but des kolo­nia­len wei­ßen, angel­säch­si­schen Man­nes. Der Film nimmt dazu eine zwie­späl­ti­ge Posi­ti­on ein: zum einen zeigt er Nichol­son in anzie­hen­der Wür­de, Tat­kraft und »Cool­ness«, zum ande­ren läßt er ihn immer über­heb­li­cher, ver­blen­de­ter und selbst­be­zo­ge­ner wer­den. Bald wird er an sei­ner eige­nen Hybris schei­tern. Sai­to gewinnt dage­gen an mensch­li­cher Erreich­bar­keit, gera­de weil er im Macht­spiel der bei­den unterliegt.

Die Arbeit an der Brü­cke beginnt. Bei einer ers­ten Inspek­ti­on ent­deckt Nichol­son Feh­ler im Bau; die Män­ner mel­den sich rei­hen­wei­se aus faden­schei­ni­gen Grün­den krank, denn natür­lich ver­su­chen sie, den Brü­cken­bau zumin­dest pas­siv, durch Schlud­rig­keit, zu sabo­tie­ren. Über­ra­schen­der­wei­se reagiert Nichol­son indi­gniert. Er befiehlt viel­mehr gestei­ger­ten, pro­fes­sio­nel­len Arbeits­ein­satz. Nun schrei­tet der Bau präch­tig vor­an. Ein skep­ti­scher Mili­tär­arzt spricht Nichol­son dar­auf an: »Müs­sen wir eigent­lich so gut arbei­ten? Müs­sen wir denen eine bes­se­re Brü­cke bau­en, als sie sie selbst hin­krie­gen?« Ein Akt, der immer­hin als nichts Gerin­ge­res als »Kol­la­bo­ra­ti­on mit dem Feind« aus­ge­legt wer­den könn­te. Die Ant­wort, die er bekommt, greift zum ers­ten Mal auch das sta­bi­li­sie­ren­de, ja gera­de­zu lebens­er­hal­ten­de Moment auf, das für Nichol­son, den Offi­zier und Homo Creator, in sei­nem Schaf­fen für sich und die Nach­welt liegt. Die Brü­cke wird zu einer Fra­ge der Hal­tung. Er sagt: »Wenn Sie Sai­to ope­rie­ren müß­ten, wür­den Sie Ihr Bes­tes geben oder ihn ster­ben las­sen? Wäre es Ihnen lie­ber, daß unse­re Jungs die Arbeit nicht rich­tig hin­krie­gen? Ver­ste­hen Sie nicht, daß die­se Leu­te« – er zeigt auf die Japa­ner – »erken­nen müs­sen, daß sie uns weder kör­per­lich noch see­lisch bre­chen kön­nen? Ich hof­fe, daß eines Tages, wenn der Krieg ein­mal vor­bei ist, die hier ent­lang gehen­den Leu­te sich dar­an erin­nern wer­den, wie die­se Brü­cke erbaut wur­de und wer sie erbaut hat: kei­ne Skla­ven­gang, son­dern Sol­da­ten, bri­ti­sche Sol­da­ten, und dies noch in Gefangenschaft.«

Nun ent­wi­ckeln sich zwei par­al­le­le Erzähl­strän­ge: Zum einen fol­gen wir den Gescheh­nis­sen im Lager, zum ande­ren der Expe­di­ti­on eines klei­nen Fuß­trupps bri­ti­scher Sol­da­ten, die von Cey­lon aus nach Bur­ma auf­bre­chen, um die Brü­cke zu zer­stö­ren. Zen­tra­le Figur die­ses Trupps ist der ame­ri­ka­ni­sche Mari­ne­sol­dat She­ars (Wil­liam Hol­den). Er hat­te in dem Lager bereits vor der Ankunft des Batail­lons ein­ge­ses­sen, war geflo­hen und über Umwe­ge nach Cey­lon gelangt. Vom dor­ti­gen bri­ti­schen Mili­tär der Dienst­grad-Erschlei­chung über­führt, wird er gezwun­gen, den Trupp zur Brü­cke am Kwai zu führen.

She­ars stellt, wie­wohl auf der glei­chen Sei­te ste­hend, ein Gegen­stück zu Nichol­son dar. Der Ame­ri­ka­ner ist ein Lebe­mann und Frau­en­held, dabei prag­ma­ti­scher und indi­vi­dua­lis­ti­scher als der »abend­län­di­sche« Bri­te. She­ars ist die Bedeu­tung, die der Brü­cken­bau für Nichol­son als Wider­stands­sym­bol, Ertüch­ti­gungs­quel­le und letzt­lich wohl auch als Kunst­werk hat, völ­lig fremd. Er sieht in ihr bloß ein Vehi­kel des Fein­des, das es zu zer­stö­ren gilt. Gegen­über dem Sen­dungs­be­wußt­sein des Bri­ten hat er einen »Job« zu erfül­len, nichts weiter.

Nichol­sons Eifer wird immer grö­ßer. Wäh­rend man in Cey­lon davon aus­geht, daß sei­ne Män­ner den Bau wenn mög­lich sogar sabo­tie­ren, ist das Gegen­teil der Fall. Ihre Moral und Dis­zi­plin stei­gern sich bei der Arbeit immer mehr. Der­weil quält sich der Fuß­trupp um She­ars durch dich­ten Dschun­gel und über stei­le Hügel. Und doch steigt mit den Stra­pa­zen auch hier die Moral. Die Erfül­lung des Auf­trags: die Zer­stö­rung der Brü­cke, setzt immer mehr Ener­gie frei. Als die Män­ner schließ­lich ankom­men, bli­cken sie mit freu­di­gen Gesich­tern auf das Ziel ihrer Rei­se, das fer­ti­ge Bau­werk, das sich ihnen tri­um­phal dar­bie­tet. Schon in der nächs­ten Nacht wer­den sie durch den Kwai schwim­men und Spreng­sät­ze befestigen.

Es ist gera­de­zu absurd: Was die einen Bri­ten errich­tet haben, wol­len die ande­ren ver­nich­ten. Doch ist allen, trotz indi­vi­du­el­ler Unter­schie­de, eins gemein­sam: Sie haben eine Moral, die sich im kon­kre­ten Tun und einem posi­ti­ven Werk zu ver­kör­pern sucht. Selbst die Erfül­lung der Zer­stö­rungs­mis­si­on setzt zivi­li­sa­to­ri­sche, männ­li­che, sol­da­ti­sche Tugen­den, ein Ethos voraus.

Am Abend, bevor der ers­te Zug die Brü­cke pas­sie­ren soll, hat Nichol­son noch ein Tref­fen mit Sai­to. Bei­de sind nun gewis­ser­ma­ßen para­do­xe Kom­pli­zen eines gemein­sa­men Werks. Doch kann selbst das melan­cho­li­sche Däm­mer­licht die Riva­li­tät zwi­schen den bei­den nicht nivel­lie­ren. Selbst­zu­frie­den mono­lo­gi­siert Nichol­son mit dem Rücken zu dem schwei­gen­den Japa­ner, bis ihm aus Ver­se­hen sei­ne Mili­tär-Ger­te, Sym­bol der Sou­ve­rä­ni­tät und Befehls­ge­walt, in den Fluß fällt – ein schlech­tes Omen. »Ver­dammt«, sagt er ton­los und wen­det sich um. Stumm bli­cken sich die Män­ner an. Am nächs­ten Tag wer­den bei­de sterben.

Der Show­down des Films spannt sich über eine ful­mi­nan­te hal­be Stun­de. Da der Was­ser­spie­gel des Flus­ses über Nacht gesun­ken ist, sind die Kabel der Spreng­sät­ze sicht­bar gewor­den. Die Män­ner um She­ars, not­dürf­tig ver­steckt, wer­fen nas­sen Sand auf die Strip­pen und hof­fen, daß die Japa­ner sie nicht bemer­ken. Doch ent­deckt Nichol­son, der gemes­sen über die Brü­cke stol­ziert, im Was­ser ein Kabel – eine Irri­ta­ti­on, ein Klecks auf sei­nem Werk, ein dicker Wurm im Apfel. Er macht Sai­to dar­auf auf­merk­sam und sie stei­gen ins Fluß­bett. Bei­de zie­hen an dem Kabel, das sich wie eine immer län­ger wer­den­de Schlan­ge aus dem Sand win­det und – die Zünd­vor­rich­tung des Spreng­sat­zes frei­gibt. Der Fuß­trupp, der die sym­bo­li­sche Bedeu­tung der Brü­cke für das Batail­lon nicht kennt, sieht in Nichol­son nur den Ver­rä­ter. Haßer­füllt springt She­ars auf ihn los. Schüs­se fal­len, She­ars wird getrof­fen, Sai­to ersto­chen, Nichol­son bekommt eine Gra­na­te ab. Ster­bend tor­kelt er zwi­schen den Toten im Sand umher. »Was habe ich getan?«, mur­melt er. Dann fällt er auf die Zünd­vor­rich­tung des Spreng­sat­zes. Die Brü­cke mit­samt dem ers­ten japa­ni­schen Zug, der über sie fährt, geht mit Kara­cho in die Luft. Ob Nichol­son tat­säch­lich in letz­ter Sekun­de sein Tun als Feh­ler erkann­te, bleibt offen.

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