Sezession
1. Oktober 2015

Die Brücke am Kwai

Gastbeitrag

David Leans Die Brücke am Kwai (GB 1957) spielt während des Zweiten Weltkriegs, im Jahre 1943. Ein britisches Bataillon wird von den Japanern gefangengenommen und in ein Lager auf der Insel Burma interniert. Dessen Kommandant, Oberst Saito (Sessue Hayakawa), verlangt von den knapp 300 Männern, eine militärstrategisch wichtige hölzerne Eisenbahnbrücke zu bauen, die über den Fluß Kwai führen soll. Er gibt ihnen drei Monate Zeit. Schon bei seiner ersten Ansprache gerät Saito in Konflikt mit Oberstleutnant Nicholson (Alec Guiness), der das Bataillon befehligt. Dieser pocht auf die Regeln der Genfer Konvention, die Japan nicht unterschrieben hat, und verweigert strikt die Zwangsarbeit für Offiziere, wofür Saito ihn drastisch bestraft – unter der glühenden Sonne sperrt er ihn in ein eisernes Behältnis. Der bald lebensgefährlich entkräftete Nicholson weigert sich dennoch standhaft, auf Saitos Forderungen einzugehen. Da die anderen Gefangenen nur halbherzig und führerlos arbeiten, stagniert der Bau. Saito läßt den halbtoten Nicholson befreien und in sein Büro bringen. Dort gesteht er ihm, daß er Harakiri begehen müsse, sollte die Brücke nicht rechtzeitig zustande kommen.

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Die Machtdemonstration Saitos ist von Nicholson mit einer Demonstration seines eisernen Willens beantwortet worden. Trotz ungleicher Machtverhältnisse sind beide einander bis zu diesem Zeitpunkt etwa auf gleicher Augenhöhe gegenübergestanden. Saitos Versuch, Nicholson zu brechen und zu erniedrigen, ging nach hinten los. Sobald Saito als erster Schwäche signalisiert und zugibt, daß er selbst nicht mehr an die Machbarkeit des fristgerechten Baus glaubt, wendet sich das Blatt. Nicholson gewinnt Kraft und Haltung zurück; sein Status ist nun erheblich erhöht. Als Saito gar einen gesichtswahrenden Vorwand benutzt, für Nicholson wie seine Offiziere eine Amnestie zu erlassen, wird klar, daß er dringend ihre Hilfe braucht. Der Brite nutzt die Gelegenheit und läßt sich die alleinige Verantwortung für die Konstruktion übergeben. Nun wendet sich auch ein Blatt im Hinblick auf die Sympathien, die beide Figuren auf sich ziehen. Solange Nicholson gepeinigt wurde, war man ganz auf seiner Seite und sah in Saito einzig den sadistischen Schinder. Doch nun wird die vermeintliche Überlegenheit des Briten, und damit der »weißen« über die »farbige« Welt, zum Thema. Nicholson präsentiert sich als Macher, Planer, Ingenieur, Könner, Zivilisierter, Disziplinierter. Sein Stolz ist zugleich ein Attribut des kolonialen weißen, angelsächsischen Mannes. Der Film nimmt dazu eine zwiespältige Position ein: zum einen zeigt er Nicholson in anziehender Würde, Tatkraft und »Coolness«, zum anderen läßt er ihn immer überheblicher, verblendeter und selbstbezogener werden. Bald wird er an seiner eigenen Hybris scheitern. Saito gewinnt dagegen an menschlicher Erreichbarkeit, gerade weil er im Machtspiel der beiden unterliegt.

Die Arbeit an der Brücke beginnt. Bei einer ersten Inspektion entdeckt Nicholson Fehler im Bau; die Männer melden sich reihenweise aus fadenscheinigen Gründen krank, denn natürlich versuchen sie, den Brückenbau zumindest passiv, durch Schludrigkeit, zu sabotieren. Überraschenderweise reagiert Nicholson indigniert. Er befiehlt vielmehr gesteigerten, professionellen Arbeitseinsatz. Nun schreitet der Bau prächtig voran. Ein skeptischer Militärarzt spricht Nicholson darauf an: »Müssen wir eigentlich so gut arbeiten? Müssen wir denen eine bessere Brücke bauen, als sie sie selbst hinkriegen?« Ein Akt, der immerhin als nichts Geringeres als »Kollaboration mit dem Feind« ausgelegt werden könnte. Die Antwort, die er bekommt, greift zum ersten Mal auch das stabilisierende, ja geradezu lebenserhaltende Moment auf, das für Nicholson, den Offizier und Homo Creator, in seinem Schaffen für sich und die Nachwelt liegt. Die Brücke wird zu einer Frage der Haltung. Er sagt: »Wenn Sie Saito operieren müßten, würden Sie Ihr Bestes geben oder ihn sterben lassen? Wäre es Ihnen lieber, daß unsere Jungs die Arbeit nicht richtig hinkriegen? Verstehen Sie nicht, daß diese Leute« – er zeigt auf die Japaner – »erkennen müssen, daß sie uns weder körperlich noch seelisch brechen können? Ich hoffe, daß eines Tages, wenn der Krieg einmal vorbei ist, die hier entlang gehenden Leute sich daran erinnern werden, wie diese Brücke erbaut wurde und wer sie erbaut hat: keine Sklavengang, sondern Soldaten, britische Soldaten, und dies noch in Gefangenschaft.«

Nun entwickeln sich zwei parallele Erzählstränge: Zum einen folgen wir den Geschehnissen im Lager, zum anderen der Expedition eines kleinen Fußtrupps britischer Soldaten, die von Ceylon aus nach Burma aufbrechen, um die Brücke zu zerstören. Zentrale Figur dieses Trupps ist der amerikanische Marinesoldat Shears (William Holden). Er hatte in dem Lager bereits vor der Ankunft des Bataillons eingesessen, war geflohen und über Umwege nach Ceylon gelangt. Vom dortigen britischen Militär der Dienstgrad-Erschleichung überführt, wird er gezwungen, den Trupp zur Brücke am Kwai zu führen.

Shears stellt, wiewohl auf der gleichen Seite stehend, ein Gegenstück zu Nicholson dar. Der Amerikaner ist ein Lebemann und Frauenheld, dabei pragmatischer und individualistischer als der »abendländische« Brite. Shears ist die Bedeutung, die der Brückenbau für Nicholson als Widerstandssymbol, Ertüchtigungsquelle und letztlich wohl auch als Kunstwerk hat, völlig fremd. Er sieht in ihr bloß ein Vehikel des Feindes, das es zu zerstören gilt. Gegenüber dem Sendungsbewußtsein des Briten hat er einen »Job« zu erfüllen, nichts weiter.

Nicholsons Eifer wird immer größer. Während man in Ceylon davon ausgeht, daß seine Männer den Bau wenn möglich sogar sabotieren, ist das Gegenteil der Fall. Ihre Moral und Disziplin steigern sich bei der Arbeit immer mehr. Derweil quält sich der Fußtrupp um Shears durch dichten Dschungel und über steile Hügel. Und doch steigt mit den Strapazen auch hier die Moral. Die Erfüllung des Auftrags: die Zerstörung der Brücke, setzt immer mehr Energie frei. Als die Männer schließlich ankommen, blicken sie mit freudigen Gesichtern auf das Ziel ihrer Reise, das fertige Bauwerk, das sich ihnen triumphal darbietet. Schon in der nächsten Nacht werden sie durch den Kwai schwimmen und Sprengsätze befestigen.

Es ist geradezu absurd: Was die einen Briten errichtet haben, wollen die anderen vernichten. Doch ist allen, trotz individueller Unterschiede, eins gemeinsam: Sie haben eine Moral, die sich im konkreten Tun und einem positiven Werk zu verkörpern sucht. Selbst die Erfüllung der Zerstörungsmission setzt zivilisatorische, männliche, soldatische Tugenden, ein Ethos voraus.

Am Abend, bevor der erste Zug die Brücke passieren soll, hat Nicholson noch ein Treffen mit Saito. Beide sind nun gewissermaßen paradoxe Komplizen eines gemeinsamen Werks. Doch kann selbst das melancholische Dämmerlicht die Rivalität zwischen den beiden nicht nivellieren. Selbstzufrieden monologisiert Nicholson mit dem Rücken zu dem schweigenden Japaner, bis ihm aus Versehen seine Militär-Gerte, Symbol der Souveränität und Befehlsgewalt, in den Fluß fällt – ein schlechtes Omen. »Verdammt«, sagt er tonlos und wendet sich um. Stumm blicken sich die Männer an. Am nächsten Tag werden beide sterben.

Der Showdown des Films spannt sich über eine fulminante halbe Stunde. Da der Wasserspiegel des Flusses über Nacht gesunken ist, sind die Kabel der Sprengsätze sichtbar geworden. Die Männer um Shears, notdürftig versteckt, werfen nassen Sand auf die Strippen und hoffen, daß die Japaner sie nicht bemerken. Doch entdeckt Nicholson, der gemessen über die Brücke stolziert, im Wasser ein Kabel – eine Irritation, ein Klecks auf seinem Werk, ein dicker Wurm im Apfel. Er macht Saito darauf aufmerksam und sie steigen ins Flußbett. Beide ziehen an dem Kabel, das sich wie eine immer länger werdende Schlange aus dem Sand windet und – die Zündvorrichtung des Sprengsatzes freigibt. Der Fußtrupp, der die symbolische Bedeutung der Brücke für das Bataillon nicht kennt, sieht in Nicholson nur den Verräter. Haßerfüllt springt Shears auf ihn los. Schüsse fallen, Shears wird getroffen, Saito erstochen, Nicholson bekommt eine Granate ab. Sterbend torkelt er zwischen den Toten im Sand umher. »Was habe ich getan?«, murmelt er. Dann fällt er auf die Zündvorrichtung des Sprengsatzes. Die Brücke mitsamt dem ersten japanischen Zug, der über sie fährt, geht mit Karacho in die Luft. Ob Nicholson tatsächlich in letzter Sekunde sein Tun als Fehler erkannte, bleibt offen.


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