Vor dem Bücherschrank (X): Schillernder Geist der Utopie

Die Utopie, der outopos, ist der Ort, den es nie geben wird. Der Nicht-Ort wird erdichtet, geographisch erfunden, literarisch fingiert. Etwa als Insel, sei es Thomas Morus’ Utopia (1516), die Insel des Robinson Crusoe (1719) oder Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg (1731–1743) – die Insellage hat den großen Vorteil, vom Rest der Menschheit abgetrennt zu sein, in diesem hortus conclusus, diesem abgeschlossenen Garten kann man ungestört einen idealen Staat aufbauen, die Besten für die Regierung auswählen, die Fehler der Vergangenheit vermeiden, kurz: neu anfangen. Ganz ähnlich dachte sich Tommaso Campanella 1602 zwar keine Insel, aber seine ideale Stadt aus, die città del sole, wo Gemeinwirtschaft herrscht und ein paar Stunden Arbeit am Tag ausreichen, um sorgenfrei zu leben. Die Utopie erweist sich in allen Fällen als Bild einer neuen Ordnung, um die sozialen Probleme zu überwinden.

 Gastbeitrag

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Die Uto­pie, der outo­pos, ist der Ort, den es nie geben wird. Der Nicht-Ort wird erdich­tet, geo­gra­phisch erfun­den, lite­ra­risch fin­giert. Etwa als Insel, sei es Tho­mas Morus’ Uto­pia (1516), die Insel des Robin­son Cru­soe (1719) oder Johann Gott­fried Schna­bels Insel Fel­sen­burg (1731–1743) – die Insel­la­ge hat den gro­ßen Vor­teil, vom Rest der Mensch­heit abge­trennt zu sein, in die­sem hor­tus con­cl­usus, die­sem abge­schlos­se­nen Gar­ten kann man unge­stört einen idea­len Staat auf­bau­en, die Bes­ten für die Regie­rung aus­wäh­len, die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit ver­mei­den, kurz: neu anfan­gen. Ganz ähn­lich dach­te sich Tom­ma­so Cam­pa­nel­la 1602 zwar kei­ne Insel, aber sei­ne idea­le Stadt aus, die città del sole, wo Gemein­wirt­schaft herrscht und ein paar Stun­den Arbeit am Tag aus­rei­chen, um sor­gen­frei zu leben. Die Uto­pie erweist sich in allen Fäl­len als Bild einer neu­en Ord­nung, um die sozia­len Pro­ble­me zu überwinden.

Neben die Uto­pie im Raum tritt die Uto­pie in der Zeit, die Pro­jek­ti­on in die Zukunft. Wir fin­den sie schon im 12. Jahr­hun­dert bei Joa­chim von Fio­re, der die Geschich­te gemäß der Drei­fal­tig­keit in drei Rei­che ein­teilt: die Zeit des Alten Tes­ta­ments ist die Epo­che des Vaters, die des Neu­en Tes­ta­ments die Epo­che des Soh­nes, die schon bald, näm­lich im Jahr 1260 enden soll. Danach wür­de das drit­te Zeit­al­ter, das Reich des Hei­li­gen Geis­tes anbre­chen, das Drit­te Reich. Von der­lei Heils­ge­schich­te weit ent­fernt, malen dann vor allem die popu­lä­ren tech­ni­schen Uto­pien eines Jules Ver­ne die Zukunft aus, wie der 1863 ent­stan­de­ne Roman Paris im 20. Jahr­hun­dert.

Eine Vari­an­te stellt die Rück­pro­jek­ti­on dar, die Fik­ti­on einer idea­len Welt der Ver­gan­gen­heit. Meist muß Atlan­tis dafür her­hal­ten oder Hyper­bo­rea. So grei­fen Theo­so­phen wie Hele­na Bla­va­t­sky oder Ario­so­phen wie Gui­do von List Pla­tons Atlan­tis-Mythos auf und erzäh­len von einer hoch­ent­wi­ckel­ten, aber lei­der unter­ge­gan­ge­nen Kul­tur. Der von Armin Moh­ler geschätz­te Ekke­hard Hie­roni­mus hat die­sen »Traum von den Urkul­tu­ren« als Idea­li­sie­rung eines fin­gier­ten Ursprungs gedeutet.

Nicht zu ver­ges­sen das Gegen­stück der Uto­pie, die Dys­to­pie. Wäh­rend die Geschich­te der Uto­pie Jahr­tau­sen­de bis zu Pla­tons Poli­teia zurück­reicht, ent­stammt ihr nega­ti­ves Gegen­stück, die Anti-Uto­pie, das war­nen­de Bild einer Hor­ror­zu­kunft, erst dem 19. Jahr­hun­dert. Sie reagiert auf die Indus­tria­li­sie­rung und Tech­ni­sie­rung der Zeit. Pro­mi­nen­tes Bei­spiel bleibt Mary Shel­leys Fran­ken­stein or The Modern Pro­me­theus (1818): Zwar hat Vic­tor Fran­ken­stein erfolg­reich ein Wesen geschaf­fen, doch löst sei­ne Krea­tur nur eine blu­ti­ge Serie von Todes­fäl­len aus. Hier wird sehr genau reflek­tiert, was der Mensch, der kein Gott ist, machen kann oder darf und was nicht. 1895 ver­öf­fent­lich­te H.G. Wells sei­ne berühm­te Zeit­ma­schi­ne: die Mor­locks des Jah­res 802701 ent­pup­pen sich als men­schen­fres­sen­de Skla­ven­hal­ter. 1898 ließ Wells sei­nen Krieg zwi­schen Erde und Mars fol­gen, den War of the Worlds. Indem die Dys­to­pien einen Pro­zeß der Des­il­lu­sio­nie­rung ver­an­schau­li­chen, for­mu­lie­ren sie eine fun­da­men­ta­le Kri­tik der Moderne.

Dabei geht die Dys­to­pie direkt aus der Uto­pie her­vor, als deren kri­ti­sche Lek­tü­re. So wird den Bewoh­nern von Uto­pia bei Tho­mas Morus vor­ge­schrie­ben, wel­che Klei­dung sie zu tra­gen haben. Bei der Arbeit sind die Uto­pier »ganz pri­mi­tiv in Leder oder Fel­le geklei­det (…). Wenn sie dann die Arbeit ver­las­sen und auf die Stra­ße gehen, zie­hen sie ein Ober­kleid über, wel­ches jene grö­be­re Gewan­dung ver­deckt; die­ses hat die­sel­be Far­be auf der gan­zen Insel (…).« Ver­heißt der uto­pi­sche Ent­wurf zunächst etwas Erstre­bens­wer­tes, erin­nert die­ses Detail doch sehr an den blau-grau­en Zwirn in Mao Tse-tungs gleich­ge­schal­te­tem Amei­sen­staat. Schon in den frü­hen uto­pi­schen Ent­wür­fen sind also die dys­to­pi­schen Ver­zer­run­gen mit Hän­den zu greifen.

Die berühm­tes­ten Dys­to­pien sind zwei­fel­los Bra­ve New World von Aldous Hux­ley (1932) und Geor­ge Orwells 1984 (1948). Men­schen­züch­tung, Gedan­ken­kon­trol­le, Über­wa­chung, New­speak lau­ten die Stich­wör­ter geis­ti­ger Zer­stö­rung, sehr genau den Tota­li­ta­ris­men der Zeit, nicht zuletzt dem Sta­li­nis­mus, abge­schaut und zu Hor­ror­sze­na­ri­en ver­dich­tet, die auch im Film ihre Spu­ren der Ver­wüs­tung hin­ter­las­sen haben, ange­fan­gen bei Fritz Langs Metro­po­lis über Truf­fauts Fah­ren­heit 451 und den Ter­mi­na­tor bis zu den Fil­men Ter­ry Gilliams.

Mit der Uto­pie ist der­weil etwas Ent­schei­den­des gesche­hen. Schon die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on hat ein enor­mes uto­pi­sches Poten­ti­al absor­biert. End­lich konn­ten die Revo­lu­tio­nä­re einen ver­nünf­ti­gen Staat ein­rich­ten, so ver­nünf­tig, daß der »Kult der Ver­nunft« zele­briert wur­de, wäh­rend par­al­lel vie­le Tau­sen­de Men­schen hin­ge­rich­tet wurden.

Zu Anfang des 20. Jahr­hun­derts war die Situa­ti­on ungleich stär­ker radi­ka­li­siert und ideo­lo­gi­siert; die Uto­pie wur­de von der Wirk­lich­keit und der Poli­tik auf­ge­so­gen oder, wie Georg Quab­be, auf den noch zurück­zu­kom­men ist, es for­mu­liert hat, die Uto­pie habe »heu­te die Mas­ke der gro­ßen Poli­tik ange­legt«, der Welt­po­li­tik. Iro­nisch fragt Quab­be: »Wer möch­te heut noch träu­men und pla­nen, wo vor aller Augen das krö­nen­de Werk im Gan­ge ist? Haben wir nicht Sichel und Ham­mer und die Ruten des Liktors? Pocht nicht schon die Erfül­lung ans Tor?« Doch erst 1989/90 ende­te der Spuk des »uto­pi­schen Zeit­al­ters« (Joa­chim Fest); bis dahin war der »neue Mensch« her­vor­zu­zau­bern, wie Trotz­ki 1923 geschrie­ben hat: Am Ende der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on ste­he der »neue Mensch«, der »unver­gleich­lich stär­ker, klü­ger, fei­ner« sein wer­de, »der mensch­li­che Durch­schnitt wird sich bis zum Niveau eines Aris­to­te­les, Goe­the, Marx erhe­ben«. Um einen sol­chen neu­en Men­schen zu pro­du­zie­ren, woll­te auch Mus­so­li­ni 1917 sein Volk ummo­deln: »Das ita­lie­ni­sche Volk ist in die­sem Augen­blick eine Mas­se aus wert­vol­lem Mate­ri­al. Man muß es schmel­zen, es von sei­nen Unrein­hei­ten rei­ni­gen, es bear­bei­ten. Ein Kunst­werk ist noch immer mög­lich.« Neben die­se Mach­bar­keits­phan­ta­sien tra­ten uto­pis­ti­sche Par­ti­kel, als etwa Lenin 1921 davon sprach, nach dem Sieg des Sozia­lis­mus in den gro­ßen Städ­ten öffent­li­che Toi­let­ten aus Gold zu bauen.

In Deutsch­land war es Ernst Bloch, der gegen Ende des Ers­ten Welt­kriegs die­sen Geist der Uto­pie beschwor. Infol­ge arger Kurz­sich­tig­keit dienst­un­taug­lich, blieb es ihm ver­sagt, frei­wil­lig auf Sei­ten Frank­reichs gegen Deutsch­land, gegen Preu­ßen, gegen den »Erz­feind des Men­schen, der Frei­heit, der Huma­ni­tät« zu kämp­fen. Über­schäu­mend vor Selbst­ge­wiß­heit und enzy­klo­pä­di­schem Wis­sen, woll­te er tabu­la rasa machen: »Es ist genug. Nun haben wir zu begin­nen. In unse­re Hän­de ist das Leben gege­ben.« Die »erkäl­ten­de und lang­wei­li­ge« Welt der Mecha­ni­sie­rung, »die kapi­ta­lis­ti­sche Abir­rung«, die Welt der Spie­ßer ist dahin, zum Teu­fel mit der »schlech­ten Wirk­lich­keit«, auf ins »unent­deck­te Land«.

In der Geschich­te der Sehn­süch­te, Tag­träu­me und »kon­kre­ten Uto­pien« spürt Bloch den Hoff­nun­gen auf die säku­la­re Erlö­sung des Men­schen nach, ables­bar an den Bau­ern­krie­gen, den Sozi­al­uto­pien, Cer­van­tes’ Don Qui­xo­te und Beet­ho­vens Fide­lio, um nur eini­ge Bei­spie­le zu nen­nen, vol­ler über­schüs­si­ger Ener­gie, die es zu nut­zen gel­te, so daß die jun­ge Genera­ti­on »eine Welt gestal­ten kön­ne, wie sie die Welt noch nie gese­hen hat«, so die spä­te­re For­mu­lie­rung von Blochs pro­mi­nen­tes­tem Anhän­ger, Rudi Dutschke.

Im Epo­chen­bruch des Jah­res 1918 klingt Bloch wie ein alt­tes­ta­men­ta­ri­scher Pro­phet: Wir »bau­en ins Blaue hin­ein und suchen dort das Wah­re, Wirk­li­che, wo das bloß Tat­säch­li­che ver­schwin­det – inci­pit vita nova. (…) die neue phi­lo­so­phi­sche Stun­de katexo­chen ist da (…). Das blo­ße Den­ken, die alte Intel­lek­tua­li­tät – das alles eilt einer Erschüt­te­rung, Auf­lö­sung und Umbil­dung ent­ge­gen. Der Wunsch baut auf und schafft Wirk­li­ches. Es hilft dazu die andau­ern­de Traum­kon­zen­tra­ti­on auf sich selbst, auf sein rei­ne­res, höhe­res Leben, auf das inne­re Heil­wer­den, auf die Erlö­sung von Bos­heit, Lee­re, Tod und Rät­sel, auf die Gemein­schaft mit den Hei­li­gen, auf die Wen­dung aller Din­ge zum Para­dies (…). Nur die­ser den­ken­de Wunsch­traum schafft Wirk­li­ches, tief in sich hin­ein­hö­rend, bis der Blick gelun­gen ist: in die See­le, in das drit­te Reich nach Stern und Göt­ter­him­mel (…). Der neue Gedan­ke bricht end­lich hin­aus, in die vol­len Aben­teu­er, in die offe­ne, unfer­ti­ge, tau­meln­de Welt, um so mit der unge­heu­ren Gewalt unse­rer Men­schen­stim­me, Gott zu ernen­nen und nicht län­ger zu ruhen, als bis die Erfül­lung jener hoh­len, gären­den Nacht gelun­gen ist, um die her­um noch alle Din­ge, Men­schen und Wer­ke gebaut sind.«

So der escha­to­lo­gi­sche Ton im Geist der Uto­pie. Ein Mus­ter­bei­spiel für die Lite­ra­tur des Expres­sio­nis­mus – nur daß es sich eben nicht um expres­sio­nis­ti­sche Lyrik han­del­te, son­dern um eine phi­lo­so­phi­sche Arbeit. Obgleich Marx und Engels ihren »wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus« klar vom Uto­pis­mus abge­grenzt hat­ten, bezog Bloch den uto­pi­schen Gehalt der Geschich­te unwei­ger­lich auf Marx, Lenin und die rus­si­sche Revo­lu­ti­on, die­sen »Umbruch der Macht zur Lie­be«: »Daß wir so sehr preu­ßisch statt rus­sisch gewor­den sind, das ist unser Unglück und unse­re wah­re Ernied­ri­gung. Aber nun ist die rus­si­sche Revo­lu­ti­on los­ge­bro­chen. Und vor ihr erst zieht der Ernst her­auf, die Wer­te an die rich­ti­ge Stel­le zu legen (…).«

Die mes­sia­nisch-kom­mu­nis­ti­sche Welt­be­glü­ckung ver­trat Bloch ab 1920 als KPD-Mit­glied, als Ver­tei­di­ger des Sta­li­nis­mus und als Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor in Leip­zig, wo sei­ne Hoff­nung auf die neue Zeit schließ­lich doch ent­täuscht wur­de und er zuletzt, ab 1961 in Tübin­gen, noch die 68er inspi­rier­te. Womit der her­kömm­li­che kon­ser­va­ti­ve Stand­punkt bestä­tigt wäre, Uto­pien gegen­über miß­trau­isch zu sein, da sie mit Sicher­heit auf ihr Gegen­teil hin­aus­lau­fen. Das uto­pi­sche Ziel, den Him­mel auf Erden zu schaf­fen, recht­fer­ti­ge, so Karl Pop­per, letzt­lich jede Schwei­ne­rei, bis das End­ziel irgend­wann ein­mal erreicht ist – was aber natür­lich nie der Fall sein wird.

Hat­te Bloch wäh­rend des Aus­bruchs der rus­si­schen Revo­lu­ti­on im Sog expres­sio­nis­ti­scher Ver­brü­de­rung geschwärmt, klan­gen Georg Quab­be im Herbst 1932, ein paar Mona­te vor der »Macht­er­grei­fung« der NSDAP, die »Haß­ge­sän­ge der auf der Stra­ße mar­schie­ren­den Kolon­nen im Ohr.« Er spür­te das »Erlö­sungs­be­dürf­nis, das die Mas­sen heu­te zu dem viel­be­ru­fe­nen Drit­ten Reich oder zu dem Rei­che Lenins lockt« und beschäf­tig­te sich eben des­halb mit der Uto­pie, weil ihn befrem­de­te, daß sich so vie­le Men­schen »bezeich­nen­der­wei­se (…) in den letz­ten Jah­ren den uto­pi­schen Gebil­den zuge­wandt haben«. Von einem kon­ser­va­ti­ven Stand­punkt aus ana­ly­siert Quab­be in Das letz­te Reich. Wesen und Wan­del der Uto­pie (Neu­aus­ga­be Schnell­ro­da 2014) sei­nen Gegen­stand mit nüch­ter­ner Skep­sis. Was nicht bedeu­tet, die Uto­pie zu ver­wer­fen, denn so ein­fach liegt die Sache nicht.

Knapp glos­siert Quab­be Pla­tons Poli­teia, Tho­mas Mores Uto­pia, Fich­tes Geschlos­se­nen Han­dels­staat und einen Roman von H.G. Wells, um den Geist der Uto­pie zu ver­ste­hen. Bei aller Distanz fragt er doch, wel­chen Erkennt­nis­wert sie habe, und ob die Uto­pis­ten, die »erfolg­lo­sen Revi­so­ren des Schöp­fungs­ak­tes nicht auch den Skep­ti­kern und Ungläu­bi­gen noch etwas Unver­geß­li­ches zu sagen haben«. Denn natür­lich weiß auch Quab­be um sozia­le Miß­stän­de, Unrecht und unfä­hi­ge Macht­ha­ber, er ver­neint aber, daß ein »ewi­ger Man­gel« auch auf ewig geheilt wer­den kön­ne. Mögen die Zeit­ge­nos­sen dar­auf gehofft haben, führt Quab­be die Mög­lich­keit ad absur­dum, eine ewig gül­ti­ge staat­li­che Ord­nung zu schaf­fen, die Zeit, die Dyna­mik des Gesche­hens still­zu­stel­len, somit einen End­zu­stand der Welt her­bei­zu­füh­ren. Von den Mil­lio­nen Kom­po­nen­ten des geschicht­li­chen Lebens kön­ne die Uto­pie nur die äuße­ren Sozi­al­for­men beherr­schen, nicht aber die ande­ren zahl­lo­sen unge­re­gel­ten, unbe­re­chen­ba­ren Fak­to­ren. In die­sem Sinn, so Quab­be, sei die Uto­pie ein »Denk­feh­ler«: Im Glau­ben, ver­nünf­tig zu pla­nen, über­se­hen die Uto­pis­ten, daß eben nicht alles plan­bar sei; die Ver­nunft schlägt um in Pseu­do-Ratio­na­lis­mus (Karl Pop­per). Die Uto­pie, so Quab­be, sei kein poli­ti­sches Pro­gramm, son­dern ein »Spiel­zeug«, für das die Mensch­heit nie zu alt werde.

Quab­bes Kri­tik gilt auch zwei zen­tra­len Tex­ten der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on: An Oth­mar Spanns Der Wah­re Staat von 1921 (sie­he Sezes­si­on 51) bewun­dert er die Fein­glie­de­rung der stän­di­schen Neu­ord­nung, bewer­tet sie jedoch als »die opti­ma­le Lösung des Unmög­li­chen«, die »von der Poli­tik ent­fern­ter [sei] als jede ande­re Uto­pie«. Ohne Zwei­fel hät­te Spann die­ser Kate­go­ri­sie­rung vehe­ment wider­spro­chen. Doch in der ästhe­tisch form­voll­ende­ten Har­mo­nie des Wah­ren Staats spürt Quab­be einen »scho­las­ti­schen Zug«, der einer »Beschwö­rung des kon­ser­va­ti­ven Geis­tes« gleichkomme.

Scharf kri­ti­siert Quab­be Arthur Moel­ler van den Brucks Drit­tes Reich (1923). Nicht, weil des­sen Visi­on eines wie­der­zu­ge­win­nen­den, so natio­na­lis­ti­schen wie sozia­lis­ti­schen Deut­schen Reichs expli­zit uto­pisch for­mu­liert war: Das End­reich, so Moel­ler, sei »immer ver­hei­ßen. Und es wird nie­mals erfüllt. Es ist das Voll­kom­me­ne, das nur im Unvoll­kom­me­nen erreicht wird«. Quab­bes Kri­tik rich­tet sich gegen Moel­lers wil­des »Tohu­wa­bo­hu per­ple­xer Emp­feh­lun­gen«, das sich neben einem kon­tra­pro­duk­ti­ven Man­gel an sprach­li­cher Klar­heit vor allem durch »gro­be Exzes­se im Nega­ti­ven« aus­zeich­ne. Nach knap­per Ana­ly­se der ver­schie­de­nen Uto­pien stellt Quab­be fest, daß sie »an Rea­li­tät, d.h. an wir­ken­der Kraft ver­lie­ren, je mehr sie sich bemü­hen, real, d.h. exis­tent zu wer­den«. Die Uto­pie sei der gute Wil­le ihrer jewei­li­gen Zeit – aber guter Wil­le ist eben kei­ne gute Poli­tik! Denn es ist eine absur­de Vor­stel­lung, daß eine »Geis­tes­tat die Zäsur zwi­schen (…) der Zeit der Ver­wor­ren­heit und der Zeit der Ord­nung dar­stellt«, auf die Ernst Bloch ja so pathe­tisch hin­ge­schrie­ben hat­te. Doch gesteht Quab­be zu, daß die Uto­pie, der Traum von einer bes­se­ren Welt ein »dem Men­schen ein­ge­bo­re­ner Geis­tes­zug« sei und der Uto­pist auch genau wis­se, daß die­ses Ide­al den mensch­li­chen Trie­ben und Schwä­chen ent­ge­gen­ste­he. Des­halb will die Uto­pie, führt Quab­be aus, eine ratio­na­le sitt­li­che Herr­schaft errich­ten und eine äuße­re Befrie­dung der Men­schen errei­chen. Dabei wird der Begriff der Uto­pie aber »sinn­wid­rig«: Denn die äuße­re Befrie­dung läuft natur­not­wen­dig auf kol­lek­ti­ve Regu­lie­rung und Gleich­ma­che­rei hin­aus. Die Uto­pie sche­re alles über einen Kamm und sug­ge­rie­re, daß das »uto­pi­sche Pro­jekt mit der glei­chen unbe­ding­ten Chan­ce des Erfol­ges in Tibet wie im Staa­te Ohio ange­wen­det wer­den kann, tat­säch­lich aber ein Zustand vor­aus­ge­setzt wird, der sich weder in Tibet noch in Ohio, der sich über­haupt nir­gends und nie­mals vor fin­det«. Wert und Funk­ti­on der Uto­pie bestehen dem­nach bes­ten­falls dar­in, eine Art »Weg­wei­ser« zu sein.

Dazu eine mit­tel­al­ter­li­che Epi­so­de. 1165 erhielt Manu­el I. Kom­ne­nos, der Kai­ser von Byzanz, einen Brief von einem gewis­sen Johan­nes, den Otto von Frei­sing in sei­ner Chro­nik oder Die Geschich­te der zwei Staa­ten (1146) als »König und Pries­ter« erwähnt, der »dem alten Geschlecht der Magi­er« bzw. der Hei­li­gen Drei Köni­ge ent­spros­sen sei. Seit­her geis­ter­te die­ses Bild des Pries­ter­kö­nigs Johan­nes durchs Mit­tel­al­ter. Wenn auch erst zwölf Jah­re spä­ter, ant­wor­te­te Papst Alex­an­der III. schließ­lich auf die­se Post und sand­te als Über­brin­ger sei­nen Leib­arzt Phil­ip­pus aus, von dem nie­mand mehr je etwas gehört hat. Allein, die Phan­ta­sie war ange­regt, der Zeit­ge­nos­sen wie auch nach­fol­gen­der Genera­tio­nen. Noch der Sohn des por­tu­gie­si­schen Königs João I., Hein­rich der See­fah­rer, mach­te sich, als Füh­rer des Chris­tus-Ordens, auf den Weg, um das König­reich des Pries­ter­kö­nigs Johan­nes zu fin­den. Von Belém aus, wo der Tejo in den Atlan­tik mün­det, bega­ben sich die Ent­de­cker auf ihre Rei­se in ein Reich, das es nie gege­ben hat­te, das seit Jahr­hun­der­ten eine rei­ne Fik­ti­on gewe­sen war. Oder, im abso­lu­ten Wort­sinn, eine Uto­pie, ein Land, das es nicht gab – und was fan­den sie?

Das erzählt Rein­hold Schnei­der: »Por­tu­gal wur­de groß durch die Phan­ta­sie und muß­te an der Phan­ta­sie zer­bre­chen (…). Von einer Fabel ver­lockt gehen die Por­tu­gie­sen aufs Meer: sie wol­len das durch das gan­ze Mit­tel­al­ter spu­ken­de Reich des Pries­ter­kö­nigs Johan­nes ent­de­cken, in dem, im ferns­ten Osten, auf eine wun­der­ba­re Wei­se und ohne Ver­bin­dung mit der übri­gen christ­li­chen Welt das Chris­ten­tum gebie­ten soll. (…) Durch Jahr­hun­der­te treibt die­ser Traum die Men­schen an, auch Hein­rich der See­fah­rer ist noch ganz erfüllt von ihm und sucht am Ende der Ozea­ne nichts ande­res als das Pries­ter­reich (…). Nach­dem die ers­ten Por­tu­gie­sen in Indi­en gelan­det sind [1498 unter Vas­co da Gama, Hein­rich der See­fah­rer war bereits lan­ge tot], glau­ben sie sich im christ­li­chen Pries­ter­reich und beu­gen sich gemein­sam mit den Ein­ge­bo­re­nen vor den frem­den Gott­hei­ten, wel­che die Über­macht ihres Trau­mes zu christ­li­chen Hei­li­gen ver­wan­delt. Das Phan­tas­ma führ­te sie zum Sieg, wie es sich aber erfüllt, müs­sen sie zer­bre­chen, weil es ihnen die Wirk­lich­keit im sel­ben Augen­blick schenkt und ver­sagt; weil der Traum viel mehr ist, als jemals die Wirklichkeit.«

Womit Georg Quab­bes Satz, daß alle Uto­pien »an Rea­li­tät, d.h. an wir­ken­der Kraft ver­lie­ren, je mehr sie sich bemü­hen, real, d.h. exis­tent zu wer­den«, voll­auf bestä­tigt ist, wie auch sei­ne Remi­nis­zenz an Max Planck, der­zu­fol­ge »die weit­tra­gends­ten, wert­volls­ten Ergeb­nis­se der For­schung stets nur auf dem Wege nach einem prin­zi­pi­ell uner­reich­ba­ren Ziel der Erkennt­nis zu gewin­nen sind«. Des­halb kann es bei aller Kri­tik auch nie­mals ein ein­fa­ches Ja oder Nein zur Uto­pie geben. Uto­pien wir­ken über die Jahr­hun­der­te hin­durch, und so wird der See­weg nach Indi­en gefun­den, wäh­rend die See­fah­rer doch eigent­lich dem Pries­ter­kö­nig Johan­nes nachjagen.

Hier ist die Uto­pie »Weg­wei­ser«, obwohl der Weg an einen völ­lig ande­ren Ort führt. Sie ist »Spiel­zeug«, und mit Spiel­zeu­gen macht man bekannt­lich kei­ne Poli­tik. Wenn aber die Uto­pie zu einem »Werk­zeug« (Andre­as Lichert), zu einem über­all pas­sen­den »gro­ßen Hebel der Geschich­te« (Karl Marx), zu einer ideo­lo­gi­schen Brech­stan­ge wird, muß die Poli­tik auch danach sein.

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