Die diamantene Kugel

PDF der Druckfassung aus Sezession 69 / Dezember 2015

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

Paris steht zum zwei­ten Mal seit den Anschlä­gen auf die Redak­ti­on der Sati­re­zei­tung Char­lie Heb­do Anfang Janu­ar des Jah­res unter Schock­star­re. Dies­mal haben isla­mis­tisch moti­vier­te Ter­ror­an­schlä­ge, die an ver­schie­de­nen Orten ver­übt wur­den, fast 130 Todes­op­fer gefor­dert. Die Ver­laut­ba­run­gen, die bei Anläs­sen wie die­sen in Umlauf gebracht wer­den, span­nen sich von Soli­da­ri­täts­er­klä­run­gen über Betrof­fen­heits­ri­tua­le bis hin zur Bekräf­ti­gung, »Schul­ter an Schul­ter« gegen den inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus kämp­fen zu wol­len. So ist es auch diesmal.

Die mitt­ler­wei­le abge­nutz­te Fer­tig­teil­spra­che (Mer­kel: »Angriff auf die Frei­heit meint uns alle«) führt zu rein gar nichts mehr, und die­je­ni­gen, die den nahe­lie­gen­den Zusam­men­hang mit der soge­nann­ten »Flücht­lings­kri­se« zie­hen, gel­ten als schä­bi­ge Pro­fi­teu­re der Lage und rech­te Scharf­ma­cher. Und doch dürf­te nun wohl auch dem letz­ten schlag­ar­tig klar­ge­wor­den sein, wie ris­kant die Poli­tik der offe­nen Tür ist, die die Regie­rung Mer­kel seit Mona­ten wider alle Ver­nunft aufrechterhält.

Etli­che angeb­li­che »Schutz­su­chen­de« sind in Deutsch­land in den letz­ten Mona­ten unre­gis­triert unter­ge­taucht. Wie­vie­le IS-Sym­pa­thi­san­ten oder ‑Akti­vis­ten unten ihnen sind und was sie in Deutsch­land bzw. Euro­pa pla­nen, dar­über kann nur gemut­maßt wer­den. Bezeich­nend für die­se Situa­ti­on ist, daß ein mut­maß­li­cher Ter­ro­rist quer durch Öster­reich fah­ren konn­te, ehe er in Bay­ern auf­ge­grif­fen wurde.

Paris ist des­halb ein Mene­te­kel für Deutsch­land. Oder doch nicht? Mar­tin Licht­mesz hat in einem Bei­trag für das Netz-Tage­buch die­ser Zeit­schrift (sezession.de) auf einen ande­ren, denk­ba­ren Hin­ter­grund hingewiesen:

Sowohl in Frank­reich als auch in Deutsch­land herr­schen volks­feind­li­che Regie­run­gen, die mehr oder weni­ger offen eine Poli­tik des Bevöl­ke­rungs­aus­tau­sches im gro­ßen Maß­stab ver­fol­gen. Sie sind nicht nur unfä­hig und unwil­lig, ihre Völ­ker und Bür­ger zu schüt­zen, indem sie etwa die Gren­zen bereits dicht machen wür­den, ehe das Schlach­ten beginnt, sie brin­gen sie auch noch durch akti­ves, offen­si­ves Han­deln in Gefahr, indem sie wie im Fal­le Mer­kel einen Nero-Befehl 2.0 aus­ge­ben und die Schleu­sen besin­nungs­los öff­nen. War­um soll­ten sol­che Staa­ten und sol­che Eli­ten mora­lisch nicht imstan­de sein, eine Stra­te­gie der Span­nung zu ver­fol­gen? Ein »let it hap­pen« ist im Fal­le des 13. Novem­ber kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen. Ein in Panik ver­setz­tes, emo­tio­na­li­sier­tes Volk ist wie Wachs in den Hän­den der Macht­ha­ber. Und das künf­ti­ge mul­ti­eth­ni­sche, mul­ti­kul­tu­rel­le Euro­pa, inner­lich zer­ris­sen von der Poli­tik der Mas­sen­ein­wan­de­rung und der kul­tu­rel­len Selbst­auf­lö­sung, wird auf die Dau­er nur durch repres­siv-dik­ta­to­ri­sche Maß­nah­men regier­bar sein. Der Ter­ror ist ein vor­züg­li­cher Vor­wand, die­se Kon­trol­len wei­ter auszubauen.

Das Schlim­me ist, daß wir eine sol­che Insze­nie­rung oder wenigs­tens das Kal­kül, nicht ein­zu­grei­fen, son­dern den Ter­ror als Bau­stein zu nut­zen, nicht aus­schlie­ßen kön­nen. Ich möch­te an die­ser Stel­le aber den­noch auf etwas ande­res hin­aus und den Fokus von den Opfern auf die Täter rich­ten, und zwar anhand eines Hin­wei­ses auf Fran­cis Ford Cop­po­las Meis­ter­werk Apo­ca­lyp­se Now (1979). Mir geht es um jene Sze­ne, in der Colo­nel Wal­ter E. Kurtz (Mar­lon Bran­do) Cap­tain Wil­lard (Mar­tin Sheen) von einem für ihn ein­schnei­den­den Erleb­nis berichtet:

Wir gin­gen in ein Lager, um eini­ge Kin­der zu imp­fen. Wir ver­lie­ßen das Lager, nach­dem wir die Kin­der gegen Polio geimpft hat­ten. Da kam ein alter Mann hin­ter uns her­ge­lau­fen, und er wein­te … Wir gin­gen in das Lager zurück. Sie waren inzwi­schen gekom­men und hat­ten jeden geimpf­ten Arm ein­fach abge­hackt. Sie lagen auf einem Hau­fen … Und ich erin­ne­re mich, wie ich schrie, ich wein­te wie ein altes Wasch­weib. Ich woll­te mir die Zäh­ne her­aus­rei­ßen, wuß­te nicht mehr, was ich tun sollte.

Dann aber läßt Kurtz die Betrof­fen­heits­ebe­ne schlag­ar­tig hin­ter sich; es setzt sich eine ande­re Sicht­wei­se durch, die das Psy­cho­gramm der »Täter« fokussiert:

Und dann war mir, als wür­de ich durch­bohrt, durch­bohrt von einer dia­man­te­nen Kugel, direkt durch die Stirn. Und ich dach­te, mein Gott, die­se Schöp­fer­kraft, die­ses Genie, die­ser Wil­le, das zu voll­brin­gen. Voll­kom­men, unver­fälscht, voll­endet, kris­tal­len, makel­los. Und dann wur­de mir klar, daß sie viel stär­ker als wir waren. Weil sie alles ertra­gen konn­ten. Das waren kei­ne Unge­heu­er, son­dern geschul­te Ein­hei­ten … Daß sie die Kraft haben, die Kraft, das zu voll­brin­gen. Wenn ich zehn Divi­sio­nen mit sol­chen Leu­ten hät­te, dann wären wir unse­re Sor­gen hier rasch los. Denn dazu gehö­ren Män­ner, die Über­zeu­gun­gen haben. Und die den­noch imstan­de sind – ohne Hem­mun­gen, ihre ursprüng­li­chen Instink­te ein­zu­set­zen – zu töten. Ohne Gefühl, ohne Leidenschaft.

Fein­den die­ses Typus steht heu­te die west­li­che Welt gegen­über, das zei­gen die Anschlä­ge von Paris noch­mals in aller Deut­lich­keit. Die Auf­trag­ge­ber die­ser Ter­ro­ris­ten wis­sen, daß der Ein­satz des eige­nen Lebens den Schre­cken auf der Feind­sei­te erhöht, vor allem aber, sie­he oben, daß die­se Art von Atten­tat die eige­ne bedin­gungs­lo­se Ent­schlos­sen­heit, die eige­ne Über­zeu­gung bru­tal zum Aus­druck bringt.

Ich sage bewußt Auf­trag­ge­ber, weil etli­che der Selbst­mord­at­ten­tä­ter, die auch aus Euro­pa kom­men, aus Sicht der IS-Draht­zie­her bes­ten­falls eine kos­ten­güns­ti­ge Alter­na­ti­ve zu einem Lenk­flug­kör­per dar­stel­len. Die­se Atten­tä­ter sind viel­fach erst nach Wochen oder Mona­ten mas­si­ver Indok­tri­na­ti­on für der­ar­ti­ge Kom­man­dos bereit. Von euro­päi­schen IS-Rück­keh­rern wis­sen wir auch, daß man ins­be­son­de­re ihnen mit Miß­trau­en begeg­net, weil sie »Spio­ne« sein könnten.

Die demo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten des Wes­tens sind von der War­te die­ser Draht­zie­her aus idea­le Zie­le; sie sind am ver­letz­lichs­ten und eröff­nen mit dem Ein­satz des tak­ti­schen Mit­tels Selbst­mord­at­ten­tä­ter einen Weg, dem stra­te­gi­schen Ziel, näm­lich der lang­fris­ti­gen Siche­rung des Ter­ror­staa­tes IS, näherzukommen.

Es geht den Atten­tä­tern nicht dar­um, die »kri­ti­schen Infra­struk­tu­ren« west­li­cher Gesell­schaf­ten aus­zu­schal­ten (Ener­gie­ver­sor­gung, Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gien und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on, Trans­port und Ver­kehr etc.), son­dern dar­um, mit der geziel­ten Tötung von belie­bi­gen Indi­vi­du­en aus den Rei­hen des Fein­des eine nach­hal­ti­ge psy­cho­lo­gi­sche Wir­kung zu erzie­len. Das ist ihnen, schaut man auf die lau­fen­de Bericht­erstat­tung, voll und ganz gelungen.

Auf der Sei­te der Ziel­staa­ten wirft der Ein­satz von Selbst­mord­at­ten­tä­tern erheb­li­che ope­ra­tiv-tak­ti­sche Pro­ble­me auf, basie­ren doch die klas­si­schen Sicher­heits­kon­zep­te unter ande­rem dar­auf, daß ein Atten­tä­ter in der Regel ver­sucht, sein Leben zu ret­ten. Das Ver­bau­en von Rück­zugs­we­gen ent­fällt bei isla­mis­tisch moti­vier­ten Atten­tä­tern. Ent­spre­chend kom­plex ist der Auf­wand, der betrie­ben wer­den muß, um die­se Akti­vis­ten im Vor­feld zu iden­ti­fi­zie­ren und unschäd­lich zu machen.

Die­sen Sicher­heits­kon­zep­ten ist in den letz­ten Mona­ten durch das unge­fil­ter­te Her­ein­drän­gen Hun­dert­tau­sen­der von Flücht­lin­gen weit­ge­hend der Boden ent­zo­gen wor­den. Eine grö­ße­re Zahl poten­ti­el­ler Über­zeu­gungs­tä­ter dürf­te, um Mao Tse-tung zu zitie­ren, wie »Fische im Was­ser« der Flücht­lings­mas­sen längst intra muros sein. Die Anschlä­ge in Paris könn­ten des­halb, je nach­dem, wie sich die Lage im Nahen Osten ent­wi­ckelt, der Anfang einer blu­ti­gen Spur durch West­eu­ro­pa sein.

Michael Wiesberg

Michael Wiesberg ist Lektor und freier Publizist.

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