Den Schmelztiegel entmischen

PDF der Druckfassung aus Sezession 69 / Dezember 2015

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Am 31. Okto­ber 2015, wäh­rend der Durch­schnitts­ame­ri­ka­ner über Wochen hin­weg vor­be­rei­te­te Hal­lo­ween­fei­ern besuch­te, ver­an­stal­te­te das in Arling­ton (Vir­gi­nia) ansäs­si­ge Natio­nal Poli­cy Insti­tu­te (NPI) sei­ne jähr­li­che Kon­fe­renz. Man tag­te dies­mal im reprä­sen­ta­ti­ven Natio­nal Press Club in Washing­ton, D.C. – nur knapp vier­hun­dert Meter vom Wei­ßen Haus ent­fernt. Das von Richard B. Spen­cer gelei­te­te und hier­zu­lan­de wohl am ehes­ten dem Insti­tut für Staats­po­li­tik ver­gleich­ba­re NPI – Leit­satz: »Für unser Volk, unse­re Kul­tur, unse­re Zukunft« – ver­sam­mel­te sei­ne 270 Teil­neh­mer in die­sem Jahr unter dem iden­ti­tär inspi­rier­ten Mot­to »Beco­me Who We Are«, ent­lehnt von Pin­dar und vom dar­auf fußen­den »Wer­de, der du bist!« des nietz­schea­ni­schen Zara­thus­tra.

Die­se Inva­si­on bedroht uns auf der fun­da­men­tals­ten bio­lo­gi­schen Ebe­ne. Aber sie ent­hält in sich ihre eige­ne Umkehr, das Poten­ti­al, Ras­sen­be­wußt­sein zu stär­ken und zu inten­si­vie­ren. Denn wer sind wir in Ach­meds, Yusefs und Haleems Augen? Wir sind kei­ne Ita­lie­ner, Ungarn, Polen, oder Libe­ra­le, Kon­ser­va­ti­ve, Mar­xis­ten. Die Inva­so­ren unter­schei­den nicht zwi­schen denen, die ihnen bei der Ankunft am Frank­fur­ter Flug­ha­fen applau­dier­ten, und denen, die schwie­gen. Für unse­re Geg­ner sind wir Wei­ße, ganz egal, wie wir uns selbst sehen mögen.
(Richard Spen­cer in sei­nem Grundsatzvortrag)

Nicht nur gelang es dem NPI, nach eini­gen Jah­ren der Flau­te eine sehr gut besuch­te Kon­fe­renz abzu­hal­ten; »Spen­cer, selbst ein ver­hält­nis­mä­ßig jun­ger ras­sis­ti­scher Akti­vist, hat etwas geschafft, an dem vie­le ähn­li­che Grup­pen geschei­tert sind – vie­le jun­ge Leu­te für sei­ne Ver­an­stal­tung zu inter­es­sie­ren«, wie das sich anti­fa­schis­tisch gerie­ren­de Sou­thern Pover­ty Law Cen­ter alar­miert fest­stell­te. Auch die Red­ner­lis­te konn­te sich sehen las­sen, ver­sam­mel­te sie doch eine Aus­wahl von Prot­ago­nis­ten des­sen, was sich in den USA und dar­über hin­aus als »Alt(ernative) Right« bezeich­net: neben dem stu­dier­ten His­to­ri­ker Spen­cer selbst etwa der eme­ri­tier­te Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor und Evo­lu­ti­ons­wis­sen­schaft­ler Kevin B. Mac­Do­nald (vgl. Andre­as Von­der­ach: »Kevin Mac­Do­nald und die jüdi­sche Grup­pen­stra­te­gie«, Sezes­si­on 55), der Schrift­stel­ler und Phi­lo­soph des Mas­ku­li­nis­mus Jack Dono­van, der Musi­ker und Vete­ran der anti­kom­mu­nis­ti­schen »Minutemen«-Untergrundbewegung der 1960er Jah­re Robert N. Tay­lor sowie das Urge­stein der fran­zö­si­schen Nou­vel­le Droi­te Guil­laume Faye.

»Alter­na­tiv« ist an der Neu­en Rech­ten, die sich seit den frü­hen 1990er Jah­ren jen­seits des Gro­ßen Teichs gebil­det hat, vor allen Din­gen ihre Par­tei­fer­ne. Die­se – sowie die von den euro­päi­schen sehr ver­schie­de­nen Begriff­lich­kei­ten in den USA – erklärt auch das schein­ba­re Oxy­mo­ron in ihrem Namen: »the right«, also die poli­ti­sche Rech­te, sind im der­zei­ti­gen poli­ti­schen Sprach­ge­brauch auto­ma­tisch (und übri­gens his­to­risch inkor­rekt) die Anhän­ger der Repu­bli­ka­ner, wäh­rend deren inter­ne Rech­te noch zusätz­lich als »right-win­gers« – unge­fähr äqui­va­lent zum bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen »Rechts­ra­di­ka­len« – abge­grenzt wer­den, wobei letz­te­rer Ter­mi­nus nicht auf Par­tei­mit­glie­der beschränkt ist. Mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen gilt das Glei­che für die Lin­ke vom Zuschnitt der hie­si­gen Grü­nen, die in Nord­ame­ri­ka als »Libe­rals« oder »Pro­gres­si­ves« firmiert.

Intern ist das unter dem Ober­be­griff der »Alt­Right« ver­sam­mel­te poli­ti­sche Spek­trum weit auf­ge­spreizt. Die zeit­lich ältes­ten Ver­tre­ter, dar­un­ter das Coun­cil of Con­ser­va­ti­ve Citi­zens und das von ihrem Spre­cher Jared Tay­lor ver­ant­wor­te­te Inter­net­ma­ga­zin Ame­ri­can Renais­sance (www.amren.com), reden einer »paläo­kon­ser­va­ti­ven« Kon­ter­re­vo­lu­ti­on und der Rück­be­sin­nung auf die Poli­tik vor 1964, als der US-Kon­greß mit dem Civil Rights Act die Auf­he­bung der Ras­sen­tren­nung beschloß, das Wort. Der Auf­schwung der soge­nann­ten Neo­cons im Fahr­was­ser der ers­ten Prä­si­dent­schaft Geor­ge W. Bushs, der von vie­len »Paleo­cons« als radi­kal­li­be­ra­le Infil­tra­ti­on wahr­ge­nom­men wur­de, sorg­te ab 2000 für eine zwei­te Wel­le der­ar­ti­ger Publi­ka­tio­nen, unter denen The Ame­ri­can Con­ser­va­ti­ve von Patrick Buchanan sowie das seit 2007 bestehen­de Blog Taki’s Maga­zi­ne (https://takimag.com) her­aus­ste­chen; letz­te­res wird vom grie­chisch­stäm­mi­gen Pri­va­tier und eigen­tüm­lich-frei-Stam­m­au­tor Panagio­tis »Taki« Theo­do­ra­co­pu­los herausgegeben.

Bemer­kens­wer­ter­wei­se war es die­ses rela­tiv kla­re Geäst der paläo­kon­ser­va­ti­ven Netz­werk­ar­beit, das den Boden für die dem »Web 2.0« ange­mes­se­ne und auf den ers­ten Blick chao­ti­sche, rhi­zo­ma­ti­sche Struk­tur der unzäh­li­gen radi­ka­le­ren Por­ta­le und Ver­öf­fent­li­chungs­or­ga­ne der »Alt­Right« berei­te­te. Der bereits erwähn­te Richard Spen­cer, Jahr­gang 1978, nimmt hier­bei eine Schlüs­sel­po­si­ti­on ein: Er war von 2008 bis 2010 Chef­re­dak­teur des Taki­mag, gab die­se Stel­le jedoch auf, um sich der Lei­tung des NPI zu wid­men und mit des­sen För­de­rung das weg­wei­sen­de Netz­ma­ga­zin Alter­na­ti­ve Right (Alt­Right) auf­zu­bau­en, das der »Sze­ne« ihren Namen lie­fer­te und sich ins­be­son­de­re um jün­ge­re Leser wie Autoren bemüh­te, dar­un­ter etwa Alex Kur­ta­gic ́ (des­sen dys­to­pi­sches Epos Mis­ter bald auf Deutsch vor­lie­gen soll), Derek Tur­ner (der mit Sea Chan­ges eine Art tha­las­so­kra­ti­sches Kom­ple­ment zum Heer­la­ger der Hei­li­gen ver­faßt hat) und Jack Dono­van, des­sen mas­ku­li­nis­ti­sches Mani­fest The Way of Men der Ver­lag Antai­os im kom­men­den Jahr auf den deut­schen Markt brin­gen wird. Zu Weih­nach­ten 2013 zog sich Spen­cer von Alt­Right zurück und schuf das NPI-Publi­ka­ti­ons­or­gan Radix Jour­nal (www.radix-journal.com). Sein ehe­ma­li­ger Mit­her­aus­ge­ber, der haupt­be­ruf­li­che Jour­na­list Colin Lid­dell, führt das New Alter­na­ti­ve Right (alternative-right.blogspot.com) seit­her zusam­men mit dem Schrift­stel­ler Andy Nowi­cki weiter.

Eben­so sind aus dem Alt­Right-Autoren­stamm diver­se wei­te­re Pro­jek­te ent­stan­den, wor­un­ter das Blog Coun­ter-Cur­r­ents (www.counter-currents.com) beson­de­re Beach­tung ver­dient. Dort, im gleich­na­mi­gen Ver­lag und der dazu­ge­hö­ri­gen Zeit­schrift North Ame­ri­can New Right
alle­samt ver­ant­wor­tet von Greg John­son – fin­den sich zahl­lo­se Bei­trä­ge, die in ihrem Duk­tus zwi­schen radi­ka­lem Tra­di­tio­na­lis­mus und Kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­ti­on kom­pa­ti­bel zur euro­päi­schen Neu­en Rech­ten sind und sich oft dezi­diert auf die­se beru­fen. Dabei dür­fen jedoch nicht die gänz­lich ande­ren Grund­vor­aus­set­zun­gen in den USA ver­ges­sen wer­den: Das Ein­wan­de­rungs­land schlecht­hin konn­te in Erman­ge­lung eines homo­ge­nen Staats­volks nie einen moder­nen Natio­na­lis­mus ent­wi­ckeln, wie ihn die euro­päi­schen Völ­ker aus­präg­ten. Vor dem Hin­ter­grund der sich immer schnel­ler dre­hen­den eth­ni­schen Abwärts­spi­ra­le – und in Abgren­zung von den soge­nann­ten Ras­se­rea­lis­ten, womit Paläo­kon­ser­va­ti­ve im Sti­le von AmRen gemeint sind, die Ras­sen­un­ter­schie­de aner­ken­nen, aber dar­aus kei­ne wei­te­ren Kon­se­quen­zen ablei­ten – wur­de daher maß­geb­lich vom Occi­den­tal Quar­ter­ly, des­sen Blog Occi­den­tal Obser­ver von Prof. Mac­Do­nald gelei­tet wird, ein genu­in neu­welt­li­cher »wei­ßer Natio­na­lis­mus« der »euro­päi­schen Ame­ri­ka­ner« (vor allem gegen­über den »Afri­can Ame­ri­cans«) kon­stru­iert und popularisiert:

Zu die­sem Zweck müs­sen wir – wie jene vor uns und in Erwar­tung derer nach uns – mit dem Schwert in der Hand strei­ten, um das zu sein, was unse­re Mythen uns vor­be­stimmt haben. Das Schwert ist der wei­ße Nationalismus.
(Micha­el O’Meara, »The Sword«, www.toqonline. com, 20. August 2009)

Wel­che Schluß­fol­ge­run­gen genau aus der Erkennt­nis vom voll­stän­dig fehl­ge­schla­ge­nen »mel­ting pot« zu zie­hen sei­en, ist Gegen­stand reger Debat­ten. Von Visio­nen eines »erlö­sen­den« Ras­sen­kriegs, wie sie vor allem Wil­liam Luther Pier­ces berüch­tig­te Tur­ner Dia­ries durch­zo­gen, ist man in der alter­na­ti­ven Rech­ten längst abge­rückt. Beliebt sind statt­des­sen Sezes­si­ons­be­stre­bun­gen und die Idee eines strikt iso­la­tio­nis­ti­schen »wei­ßen Eth­no­staats«, für den ins­be­son­de­re das pazi­fi­sche Nord­west­ter­ri­to­ri­um in Fra­ge kom­men; der ehe­ma­li­ge NS-Akti­vist und Söld­ner Harold Coving­ton hat mit den Nor­thwest Novels bereits eine (eher gro­tes­ke) Roman­te­tra­lo­gie von ins­ge­samt über 1800 Sei­ten dar­über geschrie­ben. In allen Ver­öf­fent­li­chun­gen zur ange­streb­ten »Wei­ßen Repu­blik« bricht sich neben der Beru­fung auf die berühm­te »Rivers- of-Blood«-Rede des Bri­ten Enoch Powell beson­ders der US-ame­ri­ka­ni­sche Kern­my­thos vom »mani­fest desti­ny« und des Pio­nier­geis­tes deut­lich Bahn, aller­dings im post­mo­der­nen Gewand: Nach drei Jahr­zehn­ten Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und zer­brö­ckeln­der Ein­wan­de­rungs­schran­ken sei der völ­ki­sche Selbst­er­halt allen­falls noch in der Abtren­nung zu suchen.

Unbe­scha­det der genann­ten fun­da­men­ta­len Unter­schie­de ver­dient der wei­te Kos­mos der ame­ri­ka­ni­schen »Alt­Right« durch­aus die Auf­merk­sam­keit des sprach­lich ver­sier­ten euro­päi­schen Neu­rech­ten. Nicht nur ist die US-»Szene« unter­ein­an­der bes­tens ver­netzt und hat zahl­rei­che fas­zi­nie­ren­de Cha­rak­te­re her­vor­ge­bracht: Gera­de durch die auf­grund der ande­ren Rechts­la­ge mög­li­che, schnei­den­de Schär­fe zahl­rei­cher Auf­sät­ze und Gesprä­che übt die Lek­tü­re in noch ganz ande­rer Wei­se für das (meta)politische Den­ken seit­lich der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. Zu dem Schluß, daß wohl­fei­le Kom­pro­mis­se gänz­lich untaug­lich sind, ist man auf der ande­ren Sei­te des Atlan­tiks längst gelangt: Die Wie­der­her­stel­lung des euro­päi­schen Ame­ri­ka »gelingt nicht durch einen Vor­gang, der von all dem abhängt, was die Wur­zel unse­rer jet­zi­gen Ernied­ri­gung ist« (O’Meara).

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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