Das »Slawische Epos« Alphonse Muchas

PDF der Druckfassung aus Sezession 69 / Dezember 2015

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Auch wenn das deutsch-tsche­chi­sche Ver­hält­nis durch die bru­ta­le Ver­trei­bung der Sude­ten­deut­schen nach­hal­tig gestört ist, nicken wir doch hin und wie­der aner­ken­nend, wenn sich Prag dem All­macht­an­spruch der EU wenigs­tens ver­bal wider­setzt. Die­ses wider­stän­di­ge Bewußt­sein war lan­ge Zeit eine der weni­gen Säu­len einer tsche­chi­schen Iden­ti­tät, die sich seit dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg ohne staat­li­chen Schutz behaup­ten muß­te. Des­halb gab es seit dem 19. Jahr­hun­dert, als natio­na­les Bewußt­sein auch die Tsche­chen ergriff, zahl­rei­che Ver­su­che, die eige­ne Tra­di­ti­on zu stär­ken, um so aus der Ver­gan­gen­heit einen aktu­el­len Anspruch auf einen eige­nen Staat zu ent­wi­ckeln. Einen die­ser Ver­su­che hat Alp­hon­se Mucha (1860–1939) unter­nom­men, er ist vor allem als deko­ra­ti­ver Jugend­stil­künst­ler bis heu­te welt­weit bekannt. Aus­ge­rech­net sein Haupt­werk aber, das »Sla­wi­sche Epos«, geriet in Vergessenheit.

Die­ses Epos besteht aus zwan­zig groß­for­ma­ti­gen Gemäl­den, deren Aus­ma­ße ziem­lich ein­schüch­ternd sind. Die größ­ten haben eine Flä­che von sechs mal acht Metern, die »klei­ne­ren« mes­sen immer­hin noch vier mal fünf Meter. Über die Rei­hen­fol­ge der Bil­der ist man sich uneins, da Mucha die Bil­der nicht chro­no­lo­gisch gemalt hat. Aller­dings ist sicher, daß das Epos mit dem Gemäl­de »Die Sla­wen in ihrer Urhei­mat« (1912) beginnt. Es ist eines der Bil­der, das sich der all­ge­meinsla­wi­schen Über­lie­fe­rung wid­met. Muchas Visi­on von die­ser Urhei­mat, die irgend­wo öst­lich des Dnjepr liegt, ist ziem­lich düs­ter. Wir sehen im Vor­der­grund zwei angst­voll bli­cken­de Gestal­ten, die sich offen­bar müh­sam vom Acker­bau ernäh­ren, wäh­rend im Hin­ter­grund Rei­ter­hor­den brand­schat­zen. Alles wird über­krönt von einem heid­ni­schen Gott und dem bestirn­ten Himmel.

Eben­so sicher ist, daß Mucha das Epos mit der »Apo­theo­se aus der Geschich­te der Sla­wen« (1926) enden läßt. Die­ses Bild hat er zuletzt gemalt, und er nimmt dar­in Bezug auf die aktu­el­le Geschich­te. Ein sla­wi­scher Jüng­ling, der von Chris­tus geseg­net wird, umschirmt mit sei­nen weit geöff­ne­ten Armen die Erfül­lung der sla­wi­schen Geschich­te, die sich in der Ent­ste­hung der sla­wi­schen Natio­nal­staa­ten und deren Bewußt­sein der Zusam­men­ge­hö­rig­keit zeigt. Im hel­len Teil des Bil­des, in der Mit­te, nden wir Män­ner und Frau­en in Trach­ten, die ver­schie­de­ne Stäm­me reprä­sen­tie­ren. Im Hin­ter­grund sind die Fah­nen der sieg­rei­chen Alli­ier­ten zu erken­nen, die die k.u.k. Mon­ar­chie zer­schla­gen haben. Gegrüßt wer­den die­se Sie­ger von Frau­en mit Lin­den­zwei­gen, ein Hin­weis auf die sla­wi­sche Tra­di­ti­on. Die­se fin­det sich auch an den dunk­len Rän­dern, den dunk­len Sei­ten der Vergangenheit.

Zwi­schen die­se bei­den Bil­der hat Mucha einer­seits Ereig­nis­se gestellt, die für die Geschich­te und das Selbst­ver­ständ­nis der Sla­wen all­ge­mein von Bedeu­tung sind; zum ande­ren hat er Daten aus der tsche­chi­schen Geschich­te aus­ge­wählt, die er als ent­schei­dend für deren Nati­on­wer­dung ansah.

Die all­ge­meinsla­wi­schen The­men ste­hen in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge: In der zwei­ten Hälf­te des 8. Jahr­hun­derts wur­den die spä­te­ren Hei­li­gen Cyril und Metho­di­us enga­giert, um die Bibel ins Alt­kir­chensla­wi­sche zu über­set­zen. Metho­di­us muß­te sich in Rom des­halb ver­tei­di­gen und kehr­te dann ins Groß­mäh­ri­sche Reich zurück, um sein Werk zu voll­enden. Die­se Situa­ti­on zeigt das Gemäl­de, das damit die sla­wi­sche Sprach­ge­mein­schaft the­ma­ti­siert. Direkt dar­an schließt das nächs­te Gemäl­de an: Nach dem Tode des Metho­di­us, der Erz­bi­schof von Mäh­ren gewor­den war, zog der mäh­ri­sche Herr­scher sei­ne Unter­stüt­zung für die sla­wi­sche Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments zurück und ver­trieb die Mit­ar­bei­ter aus Mäh­ren. Der bul­ga­ri­sche Zar Sime­on, der einen Ruf als Gelehr­ter hat­te, gab ihnen Zuflucht und ermu­tig­te sie, ihre Arbeit fortzusetzen.

Das chro­no­lo­gisch fol­gen­de Bild zeigt das »Fest des Got­tes Svan­to­vit«, der als vier­ge­sich­ti­ger Gott die Geschi­cke der auf Rügen seß­haf­ten Ranen lenk­te. Deren Hei­lig­tum befand sich in der Jarom­ars­burg (Kap Arko­na), die 1168 von den Dänen ein­ge­nom­men wur­de, wor­auf­hin die Sla­wen chris­tia­ni­siert wur­den. Mucha deu­tet die­sen Kampf zwi­schen Sla­wen und Ger­ma­nen mit den her­ab­stür­zen­den Wöl­fen Odins im lin­ken obe­ren Rand des Bil­des an.

Einen Sie­ger zeigt das nächs­te Bild, das den ser­bi­schen Zaren Ste­fan Uroš IV. Dušan 1346 am Tag sei­ner Krö­nung in Skop­je inmit­ten von Mäd­chen in ser­bi­scher Volks­tracht zeigt. Die­ser Zar führ­te nicht nur das ser­bi­sche Reich zu ein­ma­li­ger Blü­te, son­dern ent­wi­ckel­te auch ein Gesetz­buch, das als vor­bild­lich galt. Jen­seits der Chro­no­lo­gie liegt der Berg Athos, das Zen­trum der ortho­do­xen Kir­chen, ins­be­son­de­re der grie­chi­schen, und damit wich­tig für das reli­giö­se Selbst­ver­ständ­nis der Süd­sla­wen. Mucha hat die­sen hei­li­gen Berg selbst besucht und malt ihn als reli­giö­se Mit­te der ortho­do­xen Slawen.

Die Schlacht bei Grunwald/Tannenberg darf natür­lich auch bei Mucha nicht feh­len. Hier unter­lag 1410 ein Heer von Deutsch­or­dens­rit­tern den ver­ei­nig­ten Polen und Litau­ern, wor­aus ins­be­son­de­re die Polen bis heu­te ihre Ansprü­che auf das Land ablei­ten. Aber auch Nie­der­la­gen sind für Mucha tra­di­ti­ons­wür­dig. Er hat die erfolg­rei­che Bela­ge­rung der unga­ri­schen Stadt Szi­get­vár durch die Tür­ken 1566 aus­ge­wählt, weil sich dabei trotz der Nie­der­la­ge der unbän­di­ge Wil­le zur Selbst­be­haup­tung zeig­te: Die Ver­tei­di­ger unter Niko­la Zrin­ski (und sei­ner Frau!) star­ben lie­ber als sich zu erge­ben. Der auf­rei­ben­de Kampf schwäch­te die Tür­ken so sehr, daß sie nicht wei­ter nach Euro­pa vor­drin­gen konnten.

Ein etwas weni­ger ein­deu­ti­ges Ereig­nis ist die Abschaf­fung der Leib­ei­gen­schaft in Ruß­land, die Zar Alex­an­der II. 1861 ver­an­laß­te. Mucha war, obwohl er die Rus­sen als gro­ße sla­wi­sche Nati­on betrach­te­te, von der Rück­stän­dig­keit der dort herr­schen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ent­setzt. Dem­entspre­chend ist sein Bild, das das Ereig­nis the­ma­ti­siert, kein Jubel­bild, son­dern von der Unsi­cher­heit geprägt, mit der die Bau­ern die­se neue Frei­heit miß­trau­isch betrach­ten. Damit endet die Fol­ge der all­ge­meinsla­wi­schen Überlieferung.

Bei der tsche­chi­schen Geschich­te kon­zen­triert sich Mucha auf die Zeit, als Böh­men zu einem Hort des Wider­stan­des gegen die katho­li­sche Kir­che wur­de. Das ers­te Gemäl­de zeigt jedoch den vor die­ser Zeit lie­gen­den Höhe­punkt böh­mi­scher Macht: König Otto­kar II. aus dem tsche­chi­schen Geschlecht der Pre­mys­li­den, der bis zu sei­nem Tod 1278 eine Macht­fül­le ent­wi­ckel­te, die nie wie­der ein Tsche­che errei­chen soll­te. Sein Reich erstreck­te sich über Öster­reich bis ans Mit­tel­meer – ein Ori­en­tie­rungs­punkt, den Mucha nicht über­ge­hen konnte.

Es fol­gen acht Gemäl­de, die sich mit Jan Hus, sei­nen Vor­läu­fern und den Kon­se­quen­zen sei­nes refor­ma­to­ri­schen Impul­ses beschäf­ti­gen. Mucha stellt damit zwei­fel­los den Kern der tsche­chi­schen Iden­ti­tät dar, ihren gegen welt­li­che und reli­giö­se Mäch­te ver­tei­dig­ten Eigen­sinn, der iden­ti­täts­stif­tend wir­ken soll. Den Auf­takt macht Johan­nes Mili­ci­us, der noch vor Hus gegen den Kle­rus agi­tier­te und sein Leben den Armen wid­me­te. Dann folgt Jan Hus, den Mucha als Pre­di­ger vor einer Men­schen­men­ge dar­stellt. Nach sei­nem Tod waren sei­ne Anhän­ger schwe­rer Ver­fol­gung aus­ge­setzt, was dazu führ­te, daß man sich außer­halb der Städ­te ver­sam­mel­te. Eine die­ser Zusam­men­künf­te fand 1419 bei Krí­ž­ky in der Nähe von Prag statt. Mucha hat das Bild so ange­legt, daß der Betrach­ter in den dunk­len Wol­ken die kom­men­den Hus­si­ten­krie­ge erah­nen kann.

Dar­aus hat Mucha die Schlacht auf dem Vit­kov-Hügel (heu­te in Prag) gemalt. Nicht als Schlacht­ge­mäl­de, son­dern als Ruhe nach der Schlacht: Der sieg­rei­che Hus­si­ten­füh­rer Jan Žiž­ka wird von der Son­ne bestrahlt. Gleich das nächs­te Gemäl­de kon­ter­ka­riert die­sen blu­ti­gen Sieg, indem Mucha dort den Pazi­fis­ten Peter von Chelt­schitz zeigt, der sich um die Opfer der Hus­si­ten küm­mert. Mit der nächs­ten Per­son, Georg von Podieb­rad, hat Mucha wie­der eine für die tsche­chi­sche Geschich­te bis heu­te wich­ti­ge Figur aus­ge­wählt. Er war einer von zwei Nicht­ka­tho­li­ken auf dem böh­mi­schen Königs­thron und behaup­te­te sich gegen die katho­li­sche Kirche.

Dann wen­det sich Mucha der Geis­tes­ge­schich­te zu, wenn er die in der Tra­di­ti­on von Hus ste­hen­den Böh­mi­schen Brü­der zeigt, wie sie an einer tsche­chi­schen Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments arbei­ten. Die Macht des Wor­tes konn­te erst der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg bre­chen, als Kai­ser Fer­di­nand II. als König von Böh­men nach der Schlacht am Wei­ßen Berg bei Prag 1620 eine Reka­tho­li­sie­rung betrieb. Daß auch die­se Nie­der­la­ge dem tsche­chi­schen Natio­nal­be­wußt­sein nichts anha­ben konn­te, macht Muchas letz­tes Bild in die­sem Zusam­men­hang deut­lich, das den mäh­ri­schen Theo­lo­gen Come­ni­us im hol­län­di­schen Exil zeigt, in das er als Böh­mi­scher Bru­der flie­hen mußte.

Das letz­te Bild der tsche­chi­schen Serie ver­läßt die Über­lie­fe­rung aus dem Umkreis von Jan Hus und zeigt den »Eid der sla­wi­schen Jugend« als ein zeit­über­grei­fen­des Ereig­nis, bei dem sich unter der Lin­de, dem hei­li­gen Baum der Sla­wen, und mit dem Segen der Göt­tin Sla­via die Jugend der Gegen­wart mit der aus mythi­scher Ver­gan­gen­heit die Hän­de reicht. Vor­bild für Mucha war wohl die »Omla­di­na«, eine tsche­chi­sche Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on aus den 1890er Jah­ren, die eine wich­ti­ge Rol­le für die natio­na­le Erwe­ckung der Tsche­chen spiel­te. 1894 wur­de die »Omla­di­na« von den Öster­rei­chern zer­schla­gen; ihre Anfüh­rer wur­den als Geheim­bünd­ler zu hohen Haft­stra­fen verurteilt.

Prak­tisch ist Mucha mit sei­nem Ver­such, den Tsche­chen mit die­sen sym­bo­lis­tisch über­la­de­nen Bil­dern ein natio­na­les Rück­grat ein­zu­zie­hen, geschei­tert. Gegen­über den Ereig­nis­sen der Geschich­te seit 1918 sind die Bil­der bedeu­tungs­los gewe­sen. Sie wur­den nur sel­ten gezeigt (gegen­wär­tig sind sie noch im Pra­ger Mes­se­pa­last, einem Teil der Natio­nal­ga­le­rie, zu sehen) und konn­ten durch ihre Nach­denk­lich­keit, der aller Hero­is­mus fremd war, die Nati­on­wer­dung nicht beein­flus­sen. Wäre es anders gewe­sen, dürf­te sich auch das Schick­sal der Sude­ten­deut­schen anders gestal­tet haben.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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