Lorenz Jäger und die Theologie des Weltbürgerkriegs

Läßt sich sagen, worum es »eigentlich« in den weltpolitischen Auseinandersetzungen der letzten 250 Jahre ging? Gibt es eine Verbindung zwischen der Vorgeschichte der Französischen Revolution im achtzehnten und den Predigten amerikanischer Neokonservativer für immer neue Offensiven des Westens – gegen wirkliche oder eingebildete Feinde – zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Trägt irgendein dauerhaftes Motiv auch durch die Ära der Weltkriege zwischen 1914 und 1945? Einerseits hat es an politisch-historisch-philosophischen Versuchen nicht gefehlt, diese Fragen zu beantworten. Andererseits hat sich diese Fragestellung immer als schwer zugänglich erwiesen, empirisch nicht zu ermitteln und dann zu esoterisch, jedenfalls für die meisten der vorgeschlagenen Lösungswege. Der Umfang des Problems verhindert eine eindeutige Antwort.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Läßt sich sagen, wor­um es »eigent­lich« in den welt­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der letz­ten 250 Jah­re ging? Gibt es eine Ver­bin­dung zwi­schen der Vor­ge­schich­te der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on im acht­zehn­ten und den Pre­dig­ten ame­ri­ka­ni­scher Neo­kon­ser­va­ti­ver für immer neue Offen­si­ven des Wes­tens – gegen wirk­li­che oder ein­ge­bil­de­te Fein­de – zu Beginn des ein­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts? Trägt irgend­ein dau­er­haf­tes Motiv auch durch die Ära der Welt­krie­ge zwi­schen 1914 und 1945? Einer­seits hat es an poli­tisch-his­to­risch-phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen nicht gefehlt, die­se Fra­gen zu beant­wor­ten. Ande­rer­seits hat sich die­se Fra­ge­stel­lung immer als schwer zugäng­lich erwie­sen, empi­risch nicht zu ermit­teln und dann zu eso­te­risch, jeden­falls für die meis­ten der vor­ge­schla­ge­nen Lösungs­we­ge. Der Umfang des Pro­blems ver­hin­dert eine ein­deu­ti­ge Antwort.

In die­ser Lage läßt sich aus der Not eine Tugend machen. Dies jeden­falls mag sich Lorenz Jäger gedacht haben, als er sei­ne klei­ne Werk­rei­he zum The­ma kon­zi­piert und drei Bän­de vor­ge­legt hat: Das Haken­kreuz – Zei­chen im Welt­bür­ger­krieg (2006); Hin­ter dem Gro­ßen Ori­ent – Frei­mau­re­rei und Revo­lu­ti­ons­be­we­gun­gen (2009); Unter­schied. Wider­spruch. Krieg. – Zur poli­ti­schen Theo­lo­gie jüdi­scher Intel­lek­tu­el­ler (2013). Mit in die­se Rei­he gehört auch der schma­le, auto­bio­gra­phisch ori­en­tier­te Bei­trag über die eige­nen Prä­gun­gen (2013), denn ganz ohne Ver­ständ­nis des Jäger­schen Lebens­laufs erschlie­ßen sich weder Motiv noch Gedan­ken­gang jener sämt­lich im Wie­ner Karo­lin­ger-Ver­lag erschie­ne­nen Bän­de. Vor­wie­gend feuil­le­to­nis­tisch-asso­zia­tiv, aus­drück­lich »nicht als mate­ria­lis­ti­sche Geschichts­schrei­bung« und trotz­dem vol­ler über­ra­schen­der Details gibt Jäger in ihnen luzi­de Ant­wor­ten von eini­ger Tragweite.

Jäger ist pro­mo­vier­ter Sozio­lo­ge und Ger­ma­nist, lang­jäh­ri­ger Redak­teur im Feuil­le­ton der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung und seit 2014 der Lei­ter von deren Res­sort Geis­tes­wis­sen­schaf­ten. Intel­lek­tu­ell gese­hen ist er zudem das, was man in der Bun­des­re­pu­blik land­läu­fig als »68er« bezeich­net, mit­hin als Den­ker mit einer links­ge­rich­te­ten Sozia­li­sa­ti­on aus­ge­stat­tet. In deren Rah­men ist er aller­dings nicht ste­hen­ge­blie­ben; er hat die zuneh­men­den Rou­ti­nen und die öden Nach­we­hen von »68«, die heu­te das Geis­tes­le­ben der BRD prä­gen, nicht akzep­tiert. Zeit­wei­se trug ihm dies den Ruf ein, mit »kon­ser­va­ti­vem« Den­ken zu lieb­äu­geln, einen Ein­druck, den er 2011 im haus­ei­ge­nen Blatt mit einem auf­se­hen­er­re­gen­den Bei­trag unter der Über­schrift »Adieu Kame­ra­den« zurück­wies (Sezes­si­on 45). Er sei »Gut­mensch«, ließ Jäger wis­sen, sich demons­tra­tiv zum pole­mi­schen Feind­bild sti­li­sie­rend. Bei nähe­rem Hin­schau­en hat Jäger – auch nach eige­nem Ein­ge­ständ­nis – nicht die soge­nann­te Neue Rech­te ver­ab­schie­det, son­dern eine Form der deut­schen Neo­cons, wie sie sich in Tei­len der eta­blier­ten deutsch­spra­chi­gen Publi­zis­tik findet.

2006 erschien Jägers Abhand­lung über das Haken­kreuz. Es sei ein »vor­po­li­ti­sches Sym­bol«, das mit staat­li­chen Gren­zen oder Staats­ideen zunächst nicht zu ver­bin­den sei. Weil es »unver­braucht« gewe­sen sei, habe es zum Sym­bol des ganz neu­en, ras­sis­tisch aus­ge­rich­te­ten natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staa­tes wer­den kön­nen. Was an die­ser Stel­le noch klingt wie eine ori­gi­nel­le Desi­gn­idee des poli­ti­schen Natio­nal­ra­di­ka­lis­mus, hat dann aber sehr wohl eine Kul­tur­ge­schich­te. Jäger setzt Hein­rich Schlie­mann an die­sen Anfang der Neu­ent­de­ckung des Haken­kreu­zes. In der neue­ren Lite­ra­tur kaum noch erwähnt, fand Schlie­mann bei sei­nen Aus­gra­bun­gen in Tro­ja auch Tau­sen­de von klei­nen Gegen­stän­den, die das »Swas­ti­ka« tru­gen. Unter Beru­fung auf die For­schungs­mei­nun­gen kom­pe­ten­ter Indo­lo­gen zog Schlie­mann den Schluß, es mit einem ari­schen Urzei­chen zu tun zu haben. Er war über die­se zeit­lich-gra­phi­sche Brü­cke nach Asi­en und in fer­ne Zei­ten begeis­tert, ließ sich alle Fun­de die­ser Art zei­gen und räum­te dem Haken­kreuz in sei­ner Alters­re­si­denz einen pro­mi­nen­ten Platz ein. Das war kein poli­ti­scher Akt, aber es zeig­te die Attrak­ti­vi­tät des Sym­bols und weck­te auch bei ande­ren das For­schungs­in­ter­es­se an die­sem Gegen­stand. Man wur­de auf­merk­sam auf Haken­kreu­ze am Sar­ko­phag des anti­ken ger­ma­nisch-römi­schen Feld­herrn Sti­li­cho, auf eine haken­kreuz­ver­zier­te van­da­li­sche Speer­spit­ze aus dem sechs­ten Jahr­hun­dert und auf Fun­de in wei­te­ren Erd­tei­len und Kulturen.

Die Sym­bo­lik war also kei­ner bestimm­ten Kul­tur und Eth­nie zuzu­ord­nen. Es war ein »welt­wei­tes Zei­chen«, das »nur Baby­lo­ni­er, Ägyp­ter und Juden nicht oder kaum gebraucht zu haben« schei­nen – und, so muß man ergän­zen, auch Chris­ten nicht. Die Attrak­ti­vi­tät des Zei­chens am Ende des 19. Jahr­hun­derts war dem­nach lan­ge durch die Alter­tums­for­schung und die Indo­lo­gie vor­be­rei­tet wor­den, ratio­na­le Kräf­te, wie man mei­nen könn­te. In einer locke­ren Rei­se durch die Über­lie­fe­rung führt Jäger dann jedoch durch die pri­va­ten Auf­zeich­nun­gen und Wer­ke von Rudy­ard Kipling, der Theo­so­phin Madame Bla­va­t­sky, Lud­wig Kla­ges, Alfred Schul­ler, Rai­ner Maria Ril­ke und ande­ren, die die­ses Zei­chen ver­wen­det haben. Jäger zieht die Ver­bin­dung zur Wis­sen­schaft als Ursa­che für die Attrak­ti­vi­tät aus­drück­lich, stellt aber fest, daß das Haken­kreuz eben kei­ne rein ratio­na­len Asso­zia­tio­nen weck­te, son­dern immer einen okkul­ten und mys­ti­schen Bezug behielt. Es deu­tet sich hier die Front­stel­lung an, in der das Haken­kreuz im Welt­bür­ger­krieg in Euro­pa auf­tre­ten soll­te: als Gegen­pol zu jüdi­schen wie zu christ­li­chen Tra­di­tio­nen und zu allen dar­aus ent­wi­ckel­ten demo­kra­tisch-revo­lu­tio­nä­ren Ansätzen.

Nun ist Jäger gewis­ser­ma­ßen in sei­nem Ele­ment, auf die schein­ba­ren Zufäl­lig­kei­ten hin­zu­wei­sen, bei denen die­ser Gegen­satz schließ­lich auf­trat. Der sei­ner­zeit popu­lä­re Roman Wiltfe­ber (1912) lan­de­te bei der Suche nach einem gegen­christ­li­chen und anti­jü­di­schen Sym­bol bereits beim Haken­kreuz, beim »ewi­gen Deut­schen«, und wur­de mit die­ser Sym­bo­lik sowohl vom Natio­nal­so­zia­lis­ten Rosen­berg wie von den jüdi­schen bzw. jüdisch­stäm­mi­gen Intel­lek­tu­el­len Franz Rosen­zweig und Eugen Rosen­stock-Hues­sy als bedeu­tend wahr­ge­nom­men. Jäger weist dar­auf hin, daß sich Rosen­stocks radi­ka­le Aus­füh­run­gen über das Juden­tum im Prin­zip als die ins Posi­ti­ve gewen­de­te Beschrei­bung aus dem Roman lesen las­sen und zitiert die­se Pas­sa­ge aus Rosen­stocks Werk:

Für den Juden allein gibt es kei­nen Zwie­spalt zwi­schen dem höchs­ten Bild, das vor sei­ne See­le gestellt ist, und dem Volk, in das sein Leben ihn hin­ein­führt. Er allein hat die Ein­heit des Mythos, die den Völ­kern der Welt durch das Chris­ten­tum ver­lo­ren­ging und ver­lo­ren­ge­hen muß­te; muß­te – denn der Mythos, den sie besa­ßen, war heid­ni­scher Mythos, der sie, indem er sie in sich selbst hin­ein­führ­te, von Gott und vom Nach­bar wegführte.

Es sind sol­che Pas­sa­gen, die Jägers Abhand­lung zu etwas Beson­de­rem wer­den las­sen. Die Nürn­ber­ger Ras­se­ge­set­ze stell­ten eine sol­che Eigen­tüm­lich­keit des Juden­tums fest und brach­ten jenen Aspekt auf den Punkt, der den deut­schen Anti­se­mi­tis­mus seit sei­nem Ent­ste­hen beglei­tet hat­te. Die Juden­feind­schaft war in die­sem Sinn kein Aus­druck von Ver­ach­tung, son­dern von Bewun­de­rung und Angst vor einem Juden­tum, das man auf eige­ne Wei­se zum Vor­bild nahm und über­tref­fen wollte.

Schließ­lich fin­den wir bei Jäger das Haken­kreuz bereits am ers­ten Kul­mi­na­ti­ons­punkt des Welt­bür­ger­kriegs: der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on. Die vom Autor her­an­ge­zo­ge­nen Bele­ge sind über­aus ori­gi­nell. Wer hät­te gedacht, daß die rus­si­sche Zaren­li­mou­si­ne ein Haken­kreuz als Küh­ler­fi­gur beses­sen hat? Der Grund dafür bestand in der Vor­lie­be der Zarin für die­ses Zei­chen, an des­sen glück­brin­gen­de Wir­kung sie noch in der Inhaf­tie­rung fest­hielt und das auch ihre Toch­ter eigen­hän­dig auf ihr Tage­buch gestickt hatte.

Nun war das Zaren­reich auch der am stärks­ten anti­se­mi­tisch und anti­de­mo­kra­tisch aus­ge­rich­te­te Staat unter den Groß­mäch­ten die­ser Zeit. Die Ver­nich­tung der Zaren­fa­mi­lie durch ein sowje­ti­sches Erschie­ßungs­kom­man­do wur­de von den aus­füh­ren­den Tätern offen­bar als eine Art gött­li­cher Rache­akt betrachtet.

Die Kul­tur­ge­schich­te des Haken­kreu­zes ging mit der poli­ti­schen Auf­la­dung zu Ende. In der Kino­äs­the­tik von Rocker­fil­men und Tei­len der Punk-Bewe­gung der 1970er Jah­re tauch­te das Zei­chen noch ein­mal in pro­vo­ka­to­ri­scher Absicht auf. Dann sorg­ten die »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« und das Straf­ge­setz­buch dafür, daß sein Vor­zei­gen unter kei­nen Umstän­den mehr denk­bar ist.

Was die Früh­ge­schich­te des Welt­bür­ger­kriegs und der Revo­lu­ti­on von 1789 angeht, so griff Jäger sie bald unter einem ande­ren Aspekt auf, der nicht weni­ger hei­kel war. Er pack­te den Stier gleich im ers­ten Satz bei den Hör­nern: »Der Deut­sche, der von den Frei­mau­rern hört, wird ›Ver­schwö­rungs­theo­rie!‹ sagen, und abwin­ken.« Gera­de die vom Frei­heits­pa­thos und dem Ide­al der Offe­nen Gesell­schaft gepräg­te Per­sön­lich­keit hat den Gedan­ken an die eige­ne Mani­pu­la­ti­on durch gehei­me Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten immer ver­wor­fen. Als bered­tes Bei­spiel bringt Jäger Georg Büch­ners Stück Woy­zeck ins Gespräch; jene Stel­le, an der Büch­ner den Prot­ago­nis­ten im Wahn über­all die Frei­mau­rer am Wüh­len sehen läßt: »Es pocht hin­ter mir, unter mir« (Woy­zeck stampft auf den Boden) »hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Frei­mau­rer!« Die Poin­te der Geschich­te folgt sogleich, denn der­sel­be Büch­ner brach­te in Dan­tons Tod das Dra­ma der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on auf die Büh­ne – ohne dar­in die Frei­mau­rer zu erwäh­nen. Jäger zitiert den fran­zö­si­schen Außen­mi­nis­ter aus dem Jahr 2003, aus des­sen zum 275. Grün­dungs­jahr der Frei­mau­rer­lo­ge »Grand Ori­ent« gehal­te­nen Rede mit einer Lis­te der berühm­ten Mit­glie­der­na­men die­ser Loge: Marat, Tal­ley­rand, Le Cha­pe­lier, Cond­or­cet, aber auch Siey­és, Guil­lo­tin, Des­moulins, Danton.

An die­ser Stel­le tref­fen zwei bemer­kens­wer­te Tat­sa­chen zusam­men. Der über­gro­ßen Abnei­gung, in den Frei­mau­rern irgend­et­was ande­res zu sehen als das Phan­ta­sie­ob­jekt von Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern, steht die Laut­stär­ke ent­ge­gen, mit der bei vie­len Gele­gen­hei­ten die pro­mi­nen­te Gegen­wart welt­be­kann­ter Per­so­nen und Frei­mau­rer bei welt­ge­schicht­li­chen Ereig­nis­sen gefei­ert wur­de. Bei­des ist mit­ein­an­der kaum ver­ein­bar. Daß bei­des trotz­dem unver­mit­telt neben­ein­an­der exis­tie­ren kann, berührt sowohl die alte Fra­ge, inwie­weit klei­ne­re, pro­mi­nent besetz­te Orga­ni­sa­tio­nen tat­säch­lich Ein­fluß auf das poli­ti­sche Gesche­hen neh­men konn­ten, als auch den bereits erwähn­ten ver­brei­te­ten Wider­wil­len, die­sen Ein­fluß als Mög­lich­keit in Betracht zu ziehen.

Natür­lich ist es nicht leicht, den tat­säch­li­chen Rang klei­ne­rer pres­su­re groups im his­to­ri­schen Ablauf zu bestim­men. Jäger läßt den »Grand Ori­ent« als Teil der gro­ßen revo­lu­tio­nä­ren Unter­neh­mun­gen seit 1789 erkenn­bar wer­den. Des­sen lai­zis­tisch ori­en­tier­te Frei­mau­re­rei wirk­te nicht nur im Frank­reich die­ses Jah­res, son­dern auch 1832, 1848 und 1870 und in der Fran­zö­si­schen Repu­blik seit­dem. Ver­bin­dun­gen fin­den sich bis ins revo­lu­tio­nä­re Ruß­land des Jah­res 1917. Der ers­te nach­re­vo­lu­tio­nä­re Pre­mier­mi­nis­ter Alex­an­der Kerens­kij war seit 1912 einer an den Idea­len des »Grand Ori­ent« ori­en­tier­ten Loge bei­getre­ten, wie er in sei­nen Memoi­ren spä­ter selbst erklär­te. Zwar hat­te es rus­si­sche Beson­der­hei­ten die­ser Loge gege­ben, von denen Kerens­kij eine weit­ge­hen­de Iso­lie­rung von aus­län­di­schen Ein­flüs­sen, den Ver­zicht auf vie­le Ritua­le und die Mit­glied­schaft von Frau­en nann­te, aber ins­ge­samt blie­ben zwei Din­ge ein­deu­tig: Es gab laut Kerens­kij kei­ne schrift­li­chen Pro­to­kol­le und kei­ne Mit­glie­der­lis­ten die­ser Organisation.

Der ers­ten von Kerens­kij geführ­ten Regie­rung gehör­ten nach spä­ter ange­stell­ten Unter­su­chun­gen schließ­lich immer­hin sie­ben Mit­glie­der die­ser Loge im Minis­ter­rang an. Es war dem­nach eine ver­schwie­ge­ne, sich aber durch den Erfolg als reprä­sen­ta­tiv aus­wei­sen­de Grup­pie­rung, die sich hier an der poli­ti­schen Umge­stal­tung betei­lig­te. Par­al­le­len zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on sind augen­fäl­lig. Der logen­ver­bun­de­nen, west­lich ori­en­tier­ten, den wei­te­ren Krieg gegen die Mit­tel­mäch­te Deutsch­land-Öster­reich befür­wor­ten­den Kerens­kij-Regie­rung folg­te bald die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, die Macht­er­grei­fung der Sowjets. Damit trat jenes Ereig­nis ein, das für einen welt­ge­schicht­li­chen Augen­blick von eini­gen Mona­ten 1917/18 die macht­po­li­ti­sche Selbst­be­haup­tung Deutsch­lands im Krieg gegen den Rest der Welt und ins­be­son­de­re gegen den Wes­ten mög­lich wer­den ließ. Die Fron­ten im Welt­bür­ger­krieg deck­ten sich kei­nes­wegs immer mit den ideo­lo­gi­schen Kon­fron­ta­ti­ons­li­ni­en, auch wenn, wie Jäger bereits im Haken­kreuz-Buch andeu­tet, bestimm­te Front­li­ni­en immer wie­der auf­tauch­ten. Einer mög­li­chen Kon­stan­te in der Erzeu­gung die­ser Front­li­ni­en wid­me­te Jäger die letz­te sei­ner grö­ße­ren Abhand­lun­gen. Er stell­te in Unter­schied. Wider­spruch. Krieg. die Fra­ge nach einer »poli­ti­schen Theo­lo­gie jüdi­scher Intel­lek­tu­el­ler«. Das klingt nach einem spek­ta­ku­lä­ren Vor­ha­ben. Was zum Bei­spiel ein »jüdi­scher Intel­lek­tu­el­ler« sei, hat schon unge­zähl­te Per­so­nen beschäf­tigt. Die gege­be­nen Ant­wor­ten schlie­ßen sich teil­wei­se gegen­sei­tig aus. Ob sei­ner Pro­mi­nenz ist hier Karl Marx ein gutes Bei­spiel, der fami­li­är gese­hen einen jüdi­schen Hin­ter­grund hat­te, des­sen Vater sich aller­dings bereits tau­fen ließ und der über das real exis­tie­ren­de Juden­tum des 19. Jahr­hun­derts ver­ächt­li­che Zei­len zu Papier brach­te, bis hin zum Wunsch, die künf­ti­ge Ent­wick­lung möge die­sem Juden­tum auf dem Weg der Revo­lu­ti­on und der Wei­ter­ent­wick­lung der Gesell­schaft ein Ende berei­ten. Jäger zählt ihn den­noch zu den jüdi­schen Intel­lek­tu­el­len. Ein ähn­lich gela­ger­ter Fall ist der Sowjet­re­vo­lu­tio­när Leo Trotz­ki. Ihn zählt Jäger eben­falls unter die jüdi­schen Intel­lek­tu­el­len, obwohl von ihm gleich­falls bru­ta­le Aus­sa­gen zum gläu­bi­gen Juden­tum über­lie­fert sind, dar­un­ter eine aus dem Jahr 1917, die man für unüber­biet­bar hal­ten kann:

Ich kann nichts dafür, daß ich in einer jüdi­schen Haut gebo­ren wur­de. Die Arbei­ter sind mir teu­rer als alle Juden. Und soll­te sich her­aus­stel­len, daß zum Woh­le der Mensch­heit ein Teil von ihr zugrun­de gehen muß, dann hät­te ich nichts dage­gen, daß die Juden in Ruß­land die­ser Teil sind.

Im Gesamt­bild sind »jüdi­sche Intel­lek­tu­el­le« für Jäger wie für vie­le ande­re ein Per­so­nen­kreis mit engen ver­wandt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zum Juden­tum und mit einer beson­de­ren inhalt­li­chen Bezie­hung zum Juden­tum. Im Mit­tel­punkt die­ser Inter­pre­ta­ti­on des Juden­tums steht sowohl des­sen welt­ge­schicht­lich ent­schei­den­de Rol­le als dau­er­haf­ter Maß­stab für die Rich­tig­keit der Ent­wick­lung, als auch das hier von Trotz­ki ange­spro­che­ne »Wohl der Mensch­heit«. Dies wird gedacht als inner­welt­li­cher Para­dies­zu­stand, der stets anzu­stre­ben ist, aber nie erreicht wer­den kann.

Als Kon­se­quenz ent­steht eine ewi­ge, radi­ka­le Dyna­mik, die für das abs­trak­te »Wohl der Men­scheit« die kon­kret exis­tie­ren­den Men­schen und ihre Ver­hält­nis­se jeweils zu über­win­den trach­tet, bis hin zum gegen­wär­ti­gen »Trans­hu­ma­nis­mus«, der auch deren fina­le Über­win­dung durch Gen­tech­nik und Künst­li­che Intel­li­genz befürwortet.

Ernst Nol­te hat ähn­li­ches ein­mal als das Phä­no­men der »Tran­szen­denz« beschrie­ben. Der ande­re Den­ker, der dem Leser in die­sem Zusam­men­hang in den Sinn kommt, ist Mar­tin Hei­deg­ger, zumal nach der in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren erfolg­ten Druck­le­gung der Hei­deg­ger­schen Schwar­zen Hef­te mit ihrer Beschrei­bung des »pla­ne­ta­ri­schen Krie­ges« als einer Aus­ein­an­der­set­zung mit der »Ent­fes­se­lung der Tech­nik« und der welt­ver­nich­ten­den Dyna­mik, die für Hei­deg­ger nur durch das deut­sche Volk gestoppt wer­den konn­te. Lorenz Jäger sieht sich Nol­tes Denk­an­satz offen­kun­dig ver­pflich­tet, bringt die­sen Inhalt aller­dings mit einem Zitat von Gershom Scholem auf den Punkt:

Der jüdi­sche Mes­sia­nis­mus ist in sei­nem Ursprung und Wesen, und das kann gar nicht stark genug betont wer­den, eine Kata­stro­phen­theo­rie. Die­se Theo­rie betont das revo­lu­tio­nä­re, umstürz­le­ri­sche Ele­ment im Über­gang von jeder Gegen­wart zur mes­sia­ni­schen Zukunft.

Die Beto­nung die­ser Behaup­tung im Rah­men einer Kurz­ge­schich­te der euro­päi­schen Zeit seit 1789 liegt hier auf dem Wort »jeder«. Kei­ne Gegen­wart kann aus die­ser Per­spek­ti­ve die end­gül­ti­ge, aner­ken­nens­wer­te sein. Die­se Aus­sa­ge Scholems nimmt Jäger aus­drück­lich als Aus­gangs­punkt sei­ner Darstellung:

Ich wer­de auf die­sen Sei­ten Ten­den­zen schil­dern, die sich kon­sis­tent auf die­ses revo­lu­tio­nä­re Ele­ment bezie­hen las­sen. Kei­nes­wegs ist damit gemeint, daß sich Juden mehr­heit­lich, stets und über­all zu sol­chen Ten­den­zen bekannt hätten.

Zur Debat­te steht also nicht das Juden­tum, son­dern ein bestimm­tes Bild vom Juden­tum, und zwar eines, das sich ein über­schau­ba­rer Per­so­nen­kreis zurecht­ge­legt hat. Zur Klam­mer gehört auch, daß Jäger sich – mit manch­mal durch­schei­nen­der Ver­är­ge­rung – an Din­gen abar­bei­tet, die zugleich eben­so unbe­zwei­fel­bar rich­tig und wich­tig sind, wie sie in den soge­nann­ten Intel­lek­tu­el­len­de­bat­ten der Bun­des­re­pu­blik nicht nur »68« nicht, son­dern auch vor­her oder nach­her nie wirk­lich vor­ge­kom­men sind. Den eige­nen »Prä­gun­gen« durch die­ses merk­wür­dig wirk­lich­keits­blin­de Land hat Jäger den ein­gangs bereits erwähn­ten Bei­trag gewid­met. Auch dort spielt Gershom Scholem eine wich­ti­ge Rol­le. Jäger beschreibt eine Begeg­nung mit ihm aus dem Jahr 1980, die für ihn die ers­te Kon­fron­ta­ti­on mit dem ruhig-schrof­fen Selbst­be­wußt­sein jüdi­scher Intel­lek­tua­li­tät und Über­lie­fe­rung gewe­sen ist, die­sem Selbst­be­wußt­sein, das so gar nichts mit den Flos­keln des gän­gi­gen »deutsch-jüdi­schen Dia­logs« zu tun hat.

In die­sem Zusam­men­hang erschei­nen die Denk­an­sät­ze der ame­ri­ka­ni­schen »Neo­cons« mit »jüdi­schem Hin­ter­grund« erklär­bar, wie über­haupt vie­le west­li­che Mach­bar­keits­phan­ta­sien über einen neu­en, post­mo­der­nen, markt­ge­rech­ten und nicht auf eth­ni­sche Iden­ti­tät, ja nicht ein­mal auf geschlecht­li­che oder sons­ti­ge Iden­ti­tät fest­ge­leg­ten Men­schen aus die­sem Milieu her­vor­ge­gan­gen sind. Jäger bringt zahl­rei­che Bei­spie­le intel­lek­tu­el­ler Bio­gra­phien, in denen sich mora­li­sches Sen­dungs­be­wußt­sein und wirt­schaft­li­ches Eigen­in­ter­es­se mit Eli­ten­ar­ro­ganz ver­bun­den und teil­wei­se ein flie­ßen­der Über­gang zwi­schen trotz­kis­ti­schen und radi­kal­ka­pi­ta­lis­ti­schen Argu­men­ta­tio­nen statt­ge­fun­den hat.

Erge­ben sich nun aus Jägers Abhand­lun­gen neue Ein­sich­ten in die Ära des Welt­bür­ger­kriegs und die euro­päi­sche Geschich­te seit 1789? Es sind auf jeden Fall bemer­kens­wer­te Aspek­te erkenn­bar gewor­den. Sie las­sen die Zeit seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on auch als einen Reli­gi­ons­krieg erschei­nen, als einen Kon­flikt, bei dem auf der einen Sei­te die Über­zeu­gung von der Not­wen­dig­keit der Über­schrei­tung von Gren­zen, der Auf­lö­sung und Zer­stö­rung von gewor­de­nen Struk­tu­ren, von der Recht­mä­ßig­keit eines ega­li­tä­ren Zeit­al­ters als Aus­druck gött­li­chen Wil­lens und als Ziel der Geschich­te stand. Getra­gen wur­de sie vom Sen­dungs­be­wußt­sein klei­ne­rer Grup­pen, denen die jüdisch-eth­ni­sche Her­kunft gemein­sam war, aber zugleich ein Sen­dungs­be­wußt­sein, das neben ande­ren Beschrän­kun­gen auch die Beschrän­kung durch die jüdi­sche Reli­gi­on über­win­den wollte.

Auf der ande­ren Sei­te trat dem vor 1945 ein reli­giö­ser Mythos ent­ge­gen, der eben­falls mit einer eth­ni­schen Her­kunft ver­knüpft war, näm­lich der deut­schen, der aber wie auf der Gegen­sei­te nur einen über­schau­ba­ren Teil sei­ner eth­ni­schen Basis erfaßt hat. In bemer­kens­wer­ten Denk­fi­gu­ren hat Jäger auf­ge­zeigt, daß bei­de Sei­ten sich gegen­sei­tig beein­fluß­ten. Der Mythos vom »Haken­kreuz« als uraltem und mit Abstam­mung ver­bun­de­nem Sym­bol leuch­te­te den­je­ni­gen ein, die sich eine ähn­li­che Inter­pre­ta­ti­on des Juden­tums zurecht­ge­legt hat­ten, und umge­kehrt griff der »ari­sche Mythos« teil­wei­se offen auf eben die­se Inter­pre­ta­ti­on des Juden­tums zurück und nahm sie als ein zu über­tref­fen­des Vorbild.

Wie belast­bar dies im Rah­men einer mit his­to­risch-kri­ti­schen Metho­den empi­risch durch­ge­führ­ten Prü­fung sein wird, bleibt aus­zu­lo­ten. Es scheint einen Ver­such wert zu sein, die­ses Lot zu werfen.

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