Stauferstelen

Die Staufer, jene deutschen Herrscher, die das Hochmittelalter prägten wie keine andere Familie, haben schon oft und seit langem nicht nur die Historikerzunft Anteil nehmen lassen an ihren Leben und Taten. Sie beflügelten die Phantasie, riefen Abscheu ebenso hervor wie Begeisterung. Sichtbare Zeugnisse ihrer weit über die Grenzen des – damals noch jungen – deutschen Kulturraumes hinausreichenden Ambitionen sind zahlreiche Burgen, Pfalzen und Dome bis hin zum apulischen Castel del Monte, dieser bis heute allen Fachleuten Rätsel aufgebenden Festung, die »sich jeder praktischen Bauanalyse entzieht, jeder emphatischen jedoch öffnet« (Götz Kubitschek).

 Gastbeitrag

Nicht nur unsere Stammautoren tragen zu unserem Netztagebuch bei.

Die Stau­fer, jene deut­schen Herr­scher, die das Hoch­mit­tel­al­ter präg­ten wie kei­ne ande­re Fami­lie, haben schon oft und seit lan­gem nicht nur die His­to­ri­ker­zunft Anteil neh­men las­sen an ihren Leben und Taten. Sie beflü­gel­ten die Phan­ta­sie, rie­fen Abscheu eben­so her­vor wie Begeis­te­rung. Sicht­ba­re Zeug­nis­se ihrer weit über die Gren­zen des – damals noch jun­gen – deut­schen Kul­tur­rau­mes hin­aus­rei­chen­den Ambi­tio­nen sind zahl­rei­che Bur­gen, Pfal­zen und Dome bis hin zum apu­li­schen Cas­tel del Mon­te, die­ser bis heu­te allen Fach­leu­ten Rät­sel auf­ge­ben­den Fes­tung, die »sich jeder prak­ti­schen Bau­a­naly­se ent­zieht, jeder empha­ti­schen jedoch öff­net« (Götz Kubitschek).

Vor allem Fried­rich II., der bru­tal durch­grei­fen­de, hoch­ge­bil­de­te Fein­geist, der auf sei­nem deut­schen Kreuz­zug Jeru­sa­lem ohne Blut­ver­gie­ßen gewann, pola­ri­sier­te extrem. Im Mit­tel­al­ter wur­de viel­fach mes­sia­ni­sche Hoff­nung auf die­sen kul­ti­vier­ten Herr­scher, »das Stau­nen der Welt«, gewor­fen; dann galt er auch vie­len nicht als tot, woher die erst spä­ter auf sei­nen Groß­va­ter und den Kyff­häu­ser über­tra­ge­ne Sage rührt, daß er nur abwe­send sei und wie­der­kom­men wer­de, wenn die (deut­sche) Not am größ­ten sein wer­de. Den Päps­ten dage­gen galt der Kai­ser zeit­wei­lig als Ket­zer, sei­ne Nach­fah­ren als »Schlan­gen­brut«. Noch im 20. Jahr­hun­dert schwank­te die Bewer­tung zwi­schen einem fast mythisch über­höh­ten idea­len Herr­scher, einem »feu­ri­gen Herrn des Anfangs« (Ernst Kan­to­ro­wicz), und einem »Hit­ler des 13. Jahrhunderts«.

Die Stau­fer »dräng­ten zeit­wei­lig sogar die euro­päi­sche Ent­wick­lung in deut­sche Rich­tung und brems­ten die zen­tri­fu­ga­le Dyna­mik. Sie zahl­ten dafür den höchs­ten Preis, indem sie sich und ande­re über­an­streng­ten« (Arno Borst). Die­ser Über­an­stren­gung fiel die Dynas­tie zum Opfer: Da die Stau­fer mit ihrer ehr­gei­zi­gen Hei­rats­po­li­tik und dem ter­ri­to­ria­len Aus­grei­fen bis nach Böh­men, Sizi­li­en und in die Pro­vence kein geschlos­se­nes Ter­ri­to­ri­um kon­so­li­diert hat­ten, stand ihnen in Zei­ten des Macht­ver­falls auch kei­ne unan­greif­bar star­ke Haus­macht im Rücken, auf die sie sich hät­ten zurück­zie­hen kön­nen. Die »Idee« ihrer Herr­schaft, ihr Ver­trau­en auf Herr­schafts­recht qua gött­li­cher Sen­dung (nebst Abkunft von römi­schen Kai­sern) hat­te sie viel­leicht gegen­über der tak­tie­ren­den, ihr Ter­ri­to­ri­um lang­sam arron­die­ren­den Macht­po­li­tik, wie sie die fran­zö­si­schen Kape­tin­ger beherrsch­ten, ins Hin­ter­tref­fen gera­ten las­sen. Arno Borst ver­mu­te­te in die­ser Ent­wick­lung, in der nicht ent­stan­de­nen stau­fisch-deut­schen Haupt­stadt und der Plu­ra­li­tät mitt­le­rer Herr­schaf­ten, eine frü­he Ursa­che für das Aus­blei­ben des für das Ent­ste­hen moder­ner Staat­lich­keit typi­schen Zentralismus.

Außer­dem bestand eine nicht stän­di­ge, aber doch teils jah­re­lang hef­tig aus­ar­ten­de Riva­li­tät bis hin zur Feind­schaft mit der Kir­che in Rom. Wer nun die­se Kom­bi­na­ti­on aus Grenz- und Kraft­über­deh­nung, Hän­gen an einer Idee tran­szen­den­ter Recht­fer­ti­gung, Oppo­si­ti­on zu Rom und Selbst­be­schä­di­gun­g/-ver­nich­tung durch Wol­len des Über­mensch­li­chen ver­meint noch mehr­fach in der deut­schen Geschich­te aus­fin­dig machen zu kön­nen, muß nicht an Son­der­we­ge, Schuldthe­sen und »unheil­vol­le Kon­ti­nui­tä­ten« glau­ben, um sich Gedan­ken über den deut­schen Volks­cha­rak­ter zu machen.

Die Fas­zi­na­ti­on ist nicht erlo­schen, wenn sie sich auch vom mon­ar­chisch-natio­na­len Mythos auf die regio­na­le Iden­ti­fi­ka­ti­on zurück­ge­zo­gen hat, auf die Erin­ne­rung, daß der Süd­wes­ten Deutsch­lands ein­mal im Zen­trum des »Welt­ge­sche­hens« stand. Vor genau 15 Jah­ren, im Dezem­ber 2000, errich­te­te ein Kreis schwä­bi­scher Stauf­er­freun­de ein Denk­mal für den 750 Jah­re zuvor ver­stor­be­nen Fried­rich II. an des­sen Ster­be­ort bei Cas­tel Fio­ren­ti­no (Apu­li­en). Die Ste­le aus süd­deut­schem Jura-Tra­ver­tin, acht­eckig wie Cas­tel del Mon­te und an der Spit­ze ver­gol­det »gekrönt«, mit Inschrif­ten in latei­ni­scher, deut­scher und ita­lie­ni­scher Spra­che, war als ein­ma­li­ge Geden­kak­ti­on gedacht. Doch der Kreis der Inter­es­sen­ten wur­de grö­ßer, die Gele­gen­heit zur loka­len und regio­na­len Iden­ti­fi­ka­ti­on, die gleich­wohl auf Über­ört­li­ches ver­weist, wur­de gera­de in Schwa­ben, aber auch dar­über hin­aus, gern ange­nom­men, und so ent­stan­den bis 2015 bereits 31 »Stau­f­er­s­te­len« in vier euro­päi­schen Staa­ten. Pri­va­te Stif­ter stie­ßen die Errich­tun­gen an und fan­den man­cher­orts offe­ne Türen vor. Die Klein­stadt Bopfin­gen (12000 Ein­woh­ner) etwa nahm die Stif­tung einer Ste­le zum Anlaß, gleich einen gan­zen Platz um sie her­um neu anzu­le­gen und dafür beträcht­li­che Geld­mit­tel zu investieren.

Die Ste­len­er­rich­tung liegt man­cher­orts nahe, so am namens­ge­ben­den Berg Hohen­stau­fen, bei den ehe­ma­li­gen Königs­pfal­zen in Hage­nau (Elsaß) und Eger (Böh­men) oder am ehe­ma­li­gen Reichs­klein­odi­en­hort Tri­fels. Andern­orts kann selbst mit grö­ße­rem argu­men­ta­ti­vem Auf­wand kaum eine plau­si­ble Begrün­dung für die – offen­bar allein vom Vor­han­den­sein wil­li­ger Stif­ter abhän­gi­ge – Orts­wahl gege­ben wer­den, so in Heil­bronn (das zum Todes­zeit­punkt des letz­ten Stau­fer­er­bens Kon­ra­din noch nicht ein­mal Stadt­rech­te besaß) oder in Königstein/Taunus (die dor­ti­ge Burg gehör­te Fried­rich Bar­ba­ros­sas Reichs­käm­me­rer). Erst geplant dage­gen sind bis­lang Ste­len an so bedeu­ten­den Stau­fer-Erin­ne­rungs­or­ten wie Spey­er, Paler­mo oder Bar­ba­ros­sas Ster­be­ort Seleu­kia am Kaly­kad­nos (heu­te Silifke/Türkei).

In den ers­ten zehn Jah­ren des Pro­jekts wur­den zwölf Ste­len errich­tet, in den fünf fol­gen­den Jah­ren schon 19. Die für ein sau­be­res Kon­zept not­wen­di­ge Ruhe fehl­te dabei offen­bar häu­fi­ger: Peter Kob­lank, der die Stau­f­er­s­te­len auf einer exzel­len­ten Inter­net­sei­te doku­men­tiert (www.stauferstelen.net), stieß auf nicht weni­ger als 25 Feh­ler in den vom »Komi­tee der Stauf­er­freun­de« erstell­ten Inschrif­ten der Gedenk­stei­ne. Von fal­schen Jah­res­zah­len und als Tat­sa­chen prä­sen­tier­ten zwei­fel­haf­ten Ver­mu­tun­gen bis hin zu einem anschei­nend aus »Wiki­pe­dia« abge­schrie­be­nen Irr­tum reicht die Samm­lung der unwi­der­ruf­lich in Stein gehaue­nen Mißgriffe.

Das Pro­jekt ist trotz die­ser Kri­tik zu loben, es ver­weist die heu­ti­gen Anwoh­ner der mit Denk­mä­lern geschmück­ten Plät­ze auf eine Epo­che in der Geschich­te ihrer Stadt und Land­schaft, die abseits der Mit­tel­al­ter­märk­te meist ins Hin­ter­tref­fen gerät gegen­über dem 19. und 20. Jahr­hun­dert. Gute Refe­ren­zen besitzt auch der Bild­hau­er aller Ste­len: Er hat­te einst sei­ne Stel­lung ver­lo­ren, als er sich wei­ger­te, ein hun­dert Jah­re altes Grab­mal abzu­bre­chen (es blieb erhalten).

Was die clas­se poli­tique dann aus die­sem Enga­ge­ment fügt, bleibt ihr über­las­sen. »Natür­lich wird heu­te nie­mand mehr ernst­haft … etwa in der räum­li­chen Aus­deh­nung der stau­fi­schen Herr­schaft eine Prä­fi­g­u­ra­ti­on des ver­ein­ten Euro­pa sehen wol­len« schrieb Peter Csen­des vor 20 Jah­ren (in: Lorenz/Schmidt (Hrsg.): Von Schwa­ben bis Jeru­sa­lem. Facet­ten stau­fi­scher Geschich­te, Sig­ma­rin­gen 1995). Da hat­te der öster­rei­chi­sche His­to­ri­ker nicht mit dem ehe­ma­li­gen baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­va­ter und heu­ti­gen EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oettin­ger gerech­net, der 2014 in sei­ner Fest­re­de zur Ent­hül­lung der 24. Ste­le in Heil­bronn sag­te: »Hät­ten sie [die Stau­fer] wei­ter­re­giert, hät­ten etli­che Krie­ge ver­mie­den wer­den kön­nen«. Damit, so wird der EU-Funk­tio­när wei­ter zitiert, sei die EU als »Wirt­schafts- und Frie­dens­uni­on« ein »Nach­fah­re der Stau­fer«. Und des­halb – nun folgt die eigent­li­che Poin­te – müs­se sie nicht nur Wirt­schafts­gü­ter, son­dern »auch kul­tu­rel­le Wer­te expor­tie­ren«, die Welt sol­le »mehr christ­lich abend­län­disch« wer­den. Damit schließt sich in den Hir­nen der »bür­ger­li­chen Christ­de­mo­kra­ten«, die tat­kräf­tig täg­lich durch Tun und Unter­las­sen dabei hel­fen, mög­lichst vie­le über­kom­me­ne Bestän­de zu ver­nich­ten, der Kreis von der stän­disch-mon­ar­chisch gepräg­ten christ­li­chen Welt des Hoch­mit­tel­al­ters zur auf eine post­de­mo­kra­ti­sche, tech­no­kra­ti­sche und glo­bal­to­ta­li­tä­re Zukunft aus­ge­rich­te­ten Gegen­wart west­ge­bun­de­ner kon­su­mis­ti­scher Wohl­stands­ver­wahr­lo­sung, in der (post)christliche Kulis­sen noch für ein wenig Unter­hal­tung und ein gutes Gefühl sor­gen dür­fen. Oettin­ger nennt’s »Abend­land«. Am Kyff­häu­ser hört man der­weil immer noch kein Grol­len unterm Gestei­ne. Wann ist die Not am größten?

 Gastbeitrag

Nicht nur unsere Stammautoren tragen zu unserem Netztagebuch bei.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.