Sezession
1. Dezember 2015

Stauferstelen

Gastbeitrag

Die Staufer, jene deutschen Herrscher, die das Hochmittelalter prägten wie keine andere Familie, haben schon oft und seit langem nicht nur die Historikerzunft Anteil nehmen lassen an ihren Leben und Taten. Sie beflügelten die Phantasie, riefen Abscheu ebenso hervor wie Begeisterung. Sichtbare Zeugnisse ihrer weit über die Grenzen des – damals noch jungen – deutschen Kulturraumes hinausreichenden Ambitionen sind zahlreiche Burgen, Pfalzen und Dome bis hin zum apulischen Castel del Monte, dieser bis heute allen Fachleuten Rätsel aufgebenden Festung, die »sich jeder praktischen Bauanalyse entzieht, jeder emphatischen jedoch öffnet« (Götz Kubitschek).

Vor allem Friedrich II., der brutal durchgreifende, hochgebildete Feingeist, der auf seinem deutschen Kreuzzug Jerusalem ohne Blutvergießen gewann, polarisierte extrem. Im Mittelalter wurde vielfach messianische Hoffnung auf diesen kultivierten Herrscher, »das Staunen der Welt«, geworfen; dann galt er auch vielen nicht als tot, woher die erst später auf seinen Großvater und den Kyffhäuser übertragene Sage rührt, daß er nur abwesend sei und wiederkommen werde, wenn die (deutsche) Not am größten sein werde. Den Päpsten dagegen galt der Kaiser zeitweilig als Ketzer, seine Nachfahren als »Schlangenbrut«. Noch im 20. Jahrhundert schwankte die Bewertung zwischen einem fast mythisch überhöhten idealen Herrscher, einem »feurigen Herrn des Anfangs« (Ernst Kantorowicz), und einem »Hitler des 13. Jahrhunderts«.

Die Staufer »drängten zeitweilig sogar die europäische Entwicklung in deutsche Richtung und bremsten die zentrifugale Dynamik. Sie zahlten dafür den höchsten Preis, indem sie sich und andere überanstrengten« (Arno Borst). Dieser Überanstrengung fiel die Dynastie zum Opfer: Da die Staufer mit ihrer ehrgeizigen Heiratspolitik und dem territorialen Ausgreifen bis nach Böhmen, Sizilien und in die Provence kein geschlossenes Territorium konsolidiert hatten, stand ihnen in Zeiten des Machtverfalls auch keine unangreifbar starke Hausmacht im Rücken, auf die sie sich hätten zurückziehen können. Die »Idee« ihrer Herrschaft, ihr Vertrauen auf Herrschaftsrecht qua göttlicher Sendung (nebst Abkunft von römischen Kaisern) hatte sie vielleicht gegenüber der taktierenden, ihr Territorium langsam arrondierenden Machtpolitik, wie sie die französischen Kapetinger beherrschten, ins Hintertreffen geraten lassen. Arno Borst vermutete in dieser Entwicklung, in der nicht entstandenen staufisch-deutschen Hauptstadt und der Pluralität mittlerer Herrschaften, eine frühe Ursache für das Ausbleiben des für das Entstehen moderner Staatlichkeit typischen Zentralismus.

Außerdem bestand eine nicht ständige, aber doch teils jahrelang heftig ausartende Rivalität bis hin zur Feindschaft mit der Kirche in Rom. Wer nun diese Kombination aus Grenz- und Kraftüberdehnung, Hängen an einer Idee transzendenter Rechtfertigung, Opposition zu Rom und Selbstbeschädigung/-vernichtung durch Wollen des Übermenschlichen vermeint noch mehrfach in der deutschen Geschichte ausfindig machen zu können, muß nicht an Sonderwege, Schuldthesen und »unheilvolle Kontinuitäten« glauben, um sich Gedanken über den deutschen Volkscharakter zu machen.

Die Faszination ist nicht erloschen, wenn sie sich auch vom monarchisch-nationalen Mythos auf die regionale Identifikation zurückgezogen hat, auf die Erinnerung, daß der Südwesten Deutschlands einmal im Zentrum des »Weltgeschehens« stand. Vor genau 15 Jahren, im Dezember 2000, errichtete ein Kreis schwäbischer Stauferfreunde ein Denkmal für den 750 Jahre zuvor verstorbenen Friedrich II. an dessen Sterbeort bei Castel Fiorentino (Apulien). Die Stele aus süddeutschem Jura-Travertin, achteckig wie Castel del Monte und an der Spitze vergoldet »gekrönt«, mit Inschriften in lateinischer, deutscher und italienischer Sprache, war als einmalige Gedenkaktion gedacht. Doch der Kreis der Interessenten wurde größer, die Gelegenheit zur lokalen und regionalen Identifikation, die gleichwohl auf Überörtliches verweist, wurde gerade in Schwaben, aber auch darüber hinaus, gern angenommen, und so entstanden bis 2015 bereits 31 »Stauferstelen« in vier europäischen Staaten. Private Stifter stießen die Errichtungen an und fanden mancherorts offene Türen vor. Die Kleinstadt Bopfingen (12000 Einwohner) etwa nahm die Stiftung einer Stele zum Anlaß, gleich einen ganzen Platz um sie herum neu anzulegen und dafür beträchtliche Geldmittel zu investieren.

Die Stelenerrichtung liegt mancherorts nahe, so am namensgebenden Berg Hohenstaufen, bei den ehemaligen Königspfalzen in Hagenau (Elsaß) und Eger (Böhmen) oder am ehemaligen Reichskleinodienhort Trifels. Andernorts kann selbst mit größerem argumentativem Aufwand kaum eine plausible Begründung für die – offenbar allein vom Vorhandensein williger Stifter abhängige – Ortswahl gegeben werden, so in Heilbronn (das zum Todeszeitpunkt des letzten Staufererbens Konradin noch nicht einmal Stadtrechte besaß) oder in Königstein/Taunus (die dortige Burg gehörte Friedrich Barbarossas Reichskämmerer). Erst geplant dagegen sind bislang Stelen an so bedeutenden Staufer-Erinnerungsorten wie Speyer, Palermo oder Barbarossas Sterbeort Seleukia am Kalykadnos (heute Silifke/Türkei).

In den ersten zehn Jahren des Projekts wurden zwölf Stelen errichtet, in den fünf folgenden Jahren schon 19. Die für ein sauberes Konzept notwendige Ruhe fehlte dabei offenbar häufiger: Peter Koblank, der die Stauferstelen auf einer exzellenten Internetseite dokumentiert (www.stauferstelen.net), stieß auf nicht weniger als 25 Fehler in den vom »Komitee der Stauferfreunde« erstellten Inschriften der Gedenksteine. Von falschen Jahreszahlen und als Tatsachen präsentierten zweifelhaften Vermutungen bis hin zu einem anscheinend aus »Wikipedia« abgeschriebenen Irrtum reicht die Sammlung der unwiderruflich in Stein gehauenen Mißgriffe.

Das Projekt ist trotz dieser Kritik zu loben, es verweist die heutigen Anwohner der mit Denkmälern geschmückten Plätze auf eine Epoche in der Geschichte ihrer Stadt und Landschaft, die abseits der Mittelaltermärkte meist ins Hintertreffen gerät gegenüber dem 19. und 20. Jahrhundert. Gute Referenzen besitzt auch der Bildhauer aller Stelen: Er hatte einst seine Stellung verloren, als er sich weigerte, ein hundert Jahre altes Grabmal abzubrechen (es blieb erhalten).

Was die classe politique dann aus diesem Engagement fügt, bleibt ihr überlassen. »Natürlich wird heute niemand mehr ernsthaft ... etwa in der räumlichen Ausdehnung der staufischen Herrschaft eine Präfiguration des vereinten Europa sehen wollen« schrieb Peter Csendes vor 20 Jahren (in: Lorenz/Schmidt (Hrsg.): Von Schwaben bis Jerusalem. Facetten staufischer Geschichte, Sigmaringen 1995). Da hatte der österreichische Historiker nicht mit dem ehemaligen baden-württembergischen Landesvater und heutigen EU-Kommissar Günther Oettinger gerechnet, der 2014 in seiner Festrede zur Enthüllung der 24. Stele in Heilbronn sagte: »Hätten sie [die Staufer] weiterregiert, hätten etliche Kriege vermieden werden können«. Damit, so wird der EU-Funktionär weiter zitiert, sei die EU als »Wirtschafts- und Friedensunion« ein »Nachfahre der Staufer«. Und deshalb – nun folgt die eigentliche Pointe – müsse sie nicht nur Wirtschaftsgüter, sondern »auch kulturelle Werte exportieren«, die Welt solle »mehr christlich abendländisch« werden. Damit schließt sich in den Hirnen der »bürgerlichen Christdemokraten«, die tatkräftig täglich durch Tun und Unterlassen dabei helfen, möglichst viele überkommene Bestände zu vernichten, der Kreis von der ständisch-monarchisch geprägten christlichen Welt des Hochmittelalters zur auf eine postdemokratische, technokratische und globaltotalitäre Zukunft ausgerichteten Gegenwart westgebundener konsumistischer Wohlstandsverwahrlosung, in der (post)christliche Kulissen noch für ein wenig Unterhaltung und ein gutes Gefühl sorgen dürfen. Oettinger nennt’s »Abendland«. Am Kyffhäuser hört man derweil immer noch kein Grollen unterm Gesteine. Wann ist die Not am größten?


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