Vor dem Bücherschrank (XI): Der ewige Denunziant

Man sollte ihn kennen, diesen 500-Seiten-Roman Der Untertan, dessen erste reguläre Buchausgabe 1918 punktgenau zur Liquidation des deutschen Kaiserreichs auf den Markt kam und sofort kommerziell wie politisch zum Renner wurde. Nicht daß er, wie Tucholsky enthusiastisch schrieb, tatsächlich das »Herbarium des deutschen Mannes« enthielte oder gar die »Bibel des wilhelminischen Zeitalters«: eher deren klassische linke Karikatur. Aber gerade diese idealtypische Vorstellung von dem, was unter »Progressiven« an berechtigter Kritik wie billigen Klischees über Staat, Nation, Obrigkeits- wie Ständegesellschaft, bürgerliche Doppelmoral, wirtschaftliche Korruption, autoritäre Mentalität oder sexuelle Pathologien lustvoll kursiert, findet man kaum noch anderswo in solch geballter Konzentration.

 Gastbeitrag

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Man soll­te ihn ken­nen, die­sen 500-Sei­ten-Roman Der Unter­tan, des­sen ers­te regu­lä­re Buch­aus­ga­be 1918 punkt­ge­nau zur Liqui­da­ti­on des deut­schen Kai­ser­reichs auf den Markt kam und sofort kom­mer­zi­ell wie poli­tisch zum Ren­ner wur­de. Nicht daß er, wie Tuchol­sky enthu­si­as­tisch schrieb, tat­säch­lich das »Her­ba­ri­um des deut­schen Man­nes« ent­hiel­te oder gar die »Bibel des wil­hel­mi­ni­schen Zeit­al­ters«: eher deren klas­si­sche lin­ke Kari­ka­tur. Aber gera­de die­se ide­al­ty­pi­sche Vor­stel­lung von dem, was unter »Pro­gres­si­ven« an berech­tig­ter Kri­tik wie bil­li­gen Kli­schees über Staat, Nati­on, Obrig­keits- wie Stän­de­ge­sell­schaft, bür­ger­li­che Dop­pel­mo­ral, wirt­schaft­li­che Kor­rup­ti­on, auto­ri­tä­re Men­ta­li­tät oder sexu­el­le Patho­lo­gien lust­voll kur­siert, fin­det man kaum noch anders­wo in solch geball­ter Konzentration.

Gezeigt wird das anhand des unap­pe­tit­li­chen Auf­stiegs des gebo­re­nen Unter­ta­nen Diede­rich Heß­ling, der sich vom ängst­li­chen, durch Prü­gel gede­mü­tig­ten Kna­ben spei­chel­le­ckend, intri­gie­rend und denun­zie­rend in sei­ner Hei­mat­stadt Netzig zum Fir­men­pa­tri­ar­chen und ordens­ge­schmück­ten Kom­mu­nal­po­li­ti­ker auf­wirft. Und abge­se­hen vom alten Buck, einem ehe­ma­li­gen 1848er, sind auch die ande­ren Netzi­ger durch­weg cha­rak­ter­lo­se, schwa­che oder sonst­wie nega­tiv gezeich­ne­te Reprä­sen­tan­ten des wil­hel­mi­ni­schen Bür­ger­tums oder des kor­rup­ten und bor­nier­ten Adels.

Hein­rich Mann hat den Roman mit pole­mi­scher Ver­ve ver­faßt. Dar­über hin­aus erklärt die Sati­re-Gat­tung man­che Über­trei­bung und Ver­zer­rung. Umso befremd­li­cher scheint mir, daß Tei­le der »Wis­sen­schaft«, die seit der Inthro­ni­sa­ti­on der 68er der­glei­chen Deutsch­land-Kli­schees favo­ri­siert, den Sati­re-Cha­rak­ter des Werks her­un­ter­spie­len. Es gehe mehr noch um Rea­lis­mus, pro­phe­ti­sche Ana­ly­sen und Prognosen.

Schau­en wir uns dar­auf­hin ein­mal den Roman­kos­mos Netzig an, allen vor­an die Haupt­fi­gur, jenen gemein­ge­fähr­li­chen, dabei von höchs­ten sitt­li­chen Wer­ten fabu­lie­ren­den Heß­ling, der wie ein Grou­pie in Rom sei­nem Kai­ser hin­ter­her­he­chelt und des­sen Phra­seo­lo­gie durch Wil­helm-Zita­te in banals­ten Zusam­men­hän­gen zusätz­lich tra­ves­tiert. Zunächst ein paar Sät­ze aus dem Eingangskapitel:

Diede­rich Heß­ling war ein wei­ches Kind, das am liebs­ten träum­te, sich vor allem fürch­te­te und viel an den Ohren litt. Wenn Diede­rich vom gelieb­ten Mär­chen­buch auf­sah, erschrak er manch­mal sehr. Neben ihm auf der Bank hat­te ganz deut­lich eine Krö­te geses­sen. Fürch­ter­li­cher als Gnom und Krö­te war der Vater, und oben­drein soll­te man ihn lie­ben. (…) Diede­rich war so beschaf­fen, daß (…) die kal­te Macht, an der er selbst, wenn auch nur lei­dend, teil­hat­te, sein Stolz war. Am Geburts­tag des Ordi­na­ri­us bekränz­te man Kathe­der und Tafel. Diede­rich umwand sogar den Rohr­stock. (…) Auch hin­ter­brach­te er die Spitz­na­men der Leh­rer und die auf­rüh­re­ri­schen Reden, die gegen sie geführt wor­den waren. In sei­ner Stim­me beb­te, nun er sie wie­der­hol­te, noch etwas von dem wol­lüs­ti­gen Erschre­cken, womit er sie, hin­ter gesenk­ten Lidern, ange­hört hat­te. Denn er spür­te, ward irgend­wie an den Herr­schen­den gerüt­telt, eine gewis­se las­ter­haf­te Befrie­di­gung (…). Durch die Anzei­ge der ande­ren sühn­te er die eige­ne sünd­haf­te Regung.

Zusam­men­ge­faßt zeigt Diede­rich sich als skru­pel­lo­ser Oppor­tu­nist und Syko­phant, ein durch­weg fei­ger Phra­sen­dre­scher, der aus Schwä­che zum über­le­bens­gro­ßen Ekel und selbst als Tyrann noch nicht ganz ernst­ge­nom­men wird. Er ist fett, wie Wil­helm II. ohr­lei­dend, dar­über hin­aus bigott, ver­klemmt, bil­dungs­feind­lich, banausisch, hält den Wurst­la­den für höchs­te Kul­tur, legt im Bahn­ab­teil sei­ne Füße auf die Bank, furzt und benimmt sich im Gegen­satz zu sei­nen bur­schen­schaft­li­chen Eti­ket­te­re­geln (Frau­en gegen­über) wie ein Fle­gel. Obwohl er von mili­tä­ri­scher Stär­ke schwa­dro­niert, simu­liert er den Fuß­kran­ken und drückt sich so vor dem wei­te­ren Dienst in der Armee. Sei­ne Ableh­nung der Hei­rat mit Agnes unter Ver­weis auf deren von ihm selbst ver­ur­sach­ten Ehe­ma­kel ist eine zyni­sche Höchst­leis­tung, des­glei­chen sein Kom­plott mit dem SPD-Mann Napo­le­on Fischer zu Las­ten einer in sei­nem Werk ver­stüm­mel­ten Arbei­te­rin. Ein Majes­täts­be­lei­di­gungs­pro­zess erweist sein per­fi­des Denun­zia­ti­ons­ta­lent. Ein Tot­ge­schos­se­ner bei einer Demons­tra­ti­on ver­schafft ihm erhe­ben­de Gefüh­le – und was der­glei­chen Mons­tro­si­tä­ten mehr sind. Sei­ne tie­fe Macht­an­be­tung bele­gen selbst kurz­fris­ti­ge Ansät­ze zum Auf­be­geh­ren, als ihn adli­ge Ver­tre­ter der Staats­eli­te wie eine läs­ti­ge Flie­ge behan­deln. Doch dann knickt er inner­lich wie­der ein: »Diede­rich freu­te sich, trotz allem, des fri­schen und rit­ter­li­chen jun­gen Of ziers. ›Den macht uns nie­mand nach‹, stell­te er fest.«

Dazu kom­men Slap­stick-Details: Er fällt in sei­ner Tap­sig­keit stän­dig in Tüm­pel und Schmutz­la­chen, heult bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit wie ein Schloß­hund, hat Angst beim Pin­seln sei­nes Rachens, was zu sei­ner Men­sur­taug­lich­keit wenig pas­sen will, bean­sprucht das bes­te Essen für sich allein und wirft sei­nen Kin­dern davon zuwei­len nur Bro­cken hin. Der Haus­ty­rann, der sei­ne Frau ärzt­lich im Stich läßt und sich eine Edel­nut­te hält, kriecht nachts vor der am Tage Kujo­nier­ten sexu­al­ma­so­chis­tisch am Boden her­um, usw. usf. Ein biß­chen viel für eine – angeb­lich nur teil­sa­ti­ri­sche – psy­cho­lo­gi­sche oder sozia­le Studie!

Oder ent­hält der Text gar eine ganz ande­re Dimen­si­on? Hier ist lei­der nicht der Raum, detail­liert zu bele­gen, in wel­chem Aus­maß Auto­bio­gra­phi­sches in die Heß­ling-Dar­stel­lung ein­ge­flos­sen ist, ob bewußt oder unbe­wußt sei dahin­ge­stellt. Denn man miß­traue der all­zu har­mo­ni­schen Hein­rich-Mann-Legen­de ger­ma­nis­ti­scher Hagio­gra­phen, Der Unter­tan krö­ne sei­ne kon­se­quen­te Ent­wick­lung vom volks­fer­nen Dan­dy zum Ver­kün­der der Frei­heit, indi­vi­du­el­len Sou­ve­rä­ni­tät und sozia­len Ver­ant­wor­tung. Viel­mehr kenn­zeich­nen sei­ne Vita von der anti­bür­ger­lich-ver­träum­ten Jugend über die Her­aus­ge­ber­schaft der natio­na­lis­tisch-anti­se­mi­ti­schen Zeit­schrift Das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert bis zur Revo­lu­ti­ons­ver­klä­rung und der­je­ni­gen über­mäch­ti­ger poli­ti­scher Füh­rer, zu denen spä­ter vor allem Sta­lin gehör­te, auf­fal­len­de Kon­ti­nui­tä­ten, die man­ches vom Unter­tan haben (vgl. G. Scholdt: Autoren über Hit­ler, Bonn 1993, S. 796ff). Er selbst hat­te schließ­lich ein­ge­stan­den: »Gute Sati­ren schrieb nie jemand, er hät­te denn irgend­ei­ne Zuge­hö­rig­keit gehabt, zu dem, was er dem Geläch­ter preis­gab: ein Apostat oder ein Nicht­ein­ge­las­se­ner. In Sati­ren ist Neid oder Ekel, aber immer ein gehäs­si­ges Gemeinschaftsgefühl.«

Doch erör­tern wir hier vor­nehm­lich des Autors Anspruch, mit sei­nem Roman einen reprä­sen­ta­ti­ven Epo­chen­ty­pus gezeich­net zu haben. Schließ­lich lau­tet der Unter­ti­tel immer­hin: »Geschich­te der öffent­li­chen See­le unter Wil­helm II.«. In die­sem Sin­ne wird Netzig ja auch fast durch­weg von klei­nen Heß­lings bevöl­kert. Und wer selbst nicht zu den intri­gie­ren­den Prot­hai­en gehört, erscheint als schwach, abster­bend oder vom Zeit­geist ange­krän­kelt. Sol­cher geg­ne­ri­sche Stand­punk­te dis­qua­li zie­ren­der Pau­scha­li­tät ver­dankt Hein­rich Mann zwar den stür­mi­schen Applaus zahl­rei­cher Zeit­ge­nos­sen, aber auch hef­ti­ge Kri­tik von Män­nern wie Her­mann Hes­se, Otto Fla­ke oder Theo­dor Heuß, vom natio­na­len Lager ganz abge­se­hen, dem damals bekannt­lich noch Tho­mas Mann ange­hör­te. Der etwa nann­te sei­nen Bru­der, durch zor­ni­ge Riva­li­tät zusätz­lich sti­mu­liert, in sei­nen Betrach­tun­gen eines Unpo­li­ti­schen den »größ­ten aller radi­ka­len Nar­ren« und einen sozi­al­kri­ti­schen Expres­sio­nis­ten »ohne Impres­si­on, Ver­ant­wort­lich­keit und Gewis­sen, der Unter­neh­mer schil­der­te, die es nicht gibt, Arbei­ter, die es nicht gibt, sozia­le ›Zustän­de‹, die es allen­falls ums Jahr 1850 in Eng­land gege­ben haben mag, und der aus sol­chen Ingre­di­en­zi­en sei­ne het­ze­risch-lie­ben­den Mord­ge­schich­ten zusammenbraute«.

Neh­men wir sol­che Breit­sei­te zum Anlaß, uns mit dem Geschichts­bild des Unter­tan etwas näher zu befas­sen. Ohne­hin scheint es an der Zeit, sich von der inter­es­sen­ge­tränk­ten Dämo­ni­sie­rung der Wil­hel­mi­ni­schen Epo­che zu verabschieden.

Schon vor Jahr­zehn­ten hat sich der His­to­ri­ker Tho­mas Nip­per­dey (unter erwart­ba­rem Pro­test von Hans-Ulrich Weh­ler und Hein­rich August Wink­ler) gegen die sim­pli­fi­zie­ren­de Annah­me aus­ge­spro­chen, in die­ser Ära schlicht eine »Unter­ta­nen-Gesell­schaft« wahr­zu­neh­men. Aller Obrig­keits­ori­en­tie­rung und allen Feu­dal­re­lik­ten und ‑vor­rech­ten zum Trotz sei sie eher eine durch­läs­si­ge Bür­ger­ge­sell­schaft gewe­sen, basie­rend auf Rechts­staat­lich­keit und Leis­tungs­prin­zip. Von einem ein­heit­li­chen Bür­ger­tum kön­ne man ohne­hin nicht spre­chen. Viel­mehr gab es star­ke kon­fes­sio­nel­le und regio­na­le Dif­fe­ren­zen, ins­be­son­de­re ein Ost-West-Gefäl­le. Die poli­ti­sche Ent­wick­lung lief dabei auf vol­le Par­la­men­ta­ri­sie­rung hin­aus. Ent­schei­dun­gen sei­en zuneh­mend im Reichs­tag gefällt wor­den. Auch zahl­rei­che Reform­be­we­gun­gen ten­dier­ten zur Modernisierung.

Wil­helm II. war übri­gens kei­nes­wegs das unum­strit­te­ne Idol des Bür­ger­tums, son­dern teils hef­ti­ger Kri­tik aus­ge­setzt. Lud­wig Quid­des ihn bis­sig ver­schlüs­seln­de Stu­die Cali­gu­la erziel­te die Ver­kaufs­auf­la­ge von einer hal­ben Mil­li­on. Auch die Men­ta­li­tät jener Epo­che als blo­ße Deko­ra­ti­on für Geschäf­te­ma­che­rei trifft in der Brei­te kaum zu. Der gewiß zuwei­len über­trie­be­ne Respekt vor den Säu­len eines Reichs, das erst eine Genera­ti­on zuvor geschaf­fen wor­den war, war zu einem beträcht­li­chen Teil fun­diert, des­glei­chen die erbrach­te Loya­li­tät gegen­über einer Obrig­keit, die das zuge­ge­be­ner­ma­ßen ver­schie­dent­lich ausnutzte.

Die Grün­de für die­ses unver­kenn­ba­re Gemein­schafts­ge­fühl waren jen­seits von Schlach­ten­ruhm und Mili­tär­ge­sin­nung min­des­tens eben­so spek­ta­ku­lä­re wis­sen­schaft­li­che, tech­ni­sche, wirt­schaft­li­che, ver­wal­tungs­mä­ßi­ge und kul­tu­rel­le Spit­zen­leis­tun­gen. Man den­ke etwa an Fir­men­grün­der und Ree­der wie Sie­mens oder Bal­lin, an For­scher wie Planck, Hahn, Haber, Bosch, Virchow oder Momm­sen. Die­se auch im Welt­maß­stab impo­nie­ren­de Bilanz war nur mög­lich bei einer gewis­sen Libe­ra­li­tät, die aller Majes­täts­schutz­pa­ra­gra­phen und offi­zi­el­len Prü­de­rie zum Trotz übri­gens auch lite­ra­ri­sche Frei­heits­räu­me gewähr­te, die gewiß nicht gerin­ger waren als die­je­ni­gen, die uns heu­te die soge­nann­te poli­ti­sche Kor­rekt­heit zumißt.

Wenn das aktu­ell meist anders gese­hen wird, soll­te man immer­hin zur Kennt­nis neh­men, wel­ches oppo­si­tio­nel­le Poten­ti­al in Wer­ken von Ger­hart Haupt­mann, Carl Stern­heim, dem Sim­pli­cis­si­mus, Lud­wig Tho­ma oder Ste­fan Geor­ge steck­te. Allein die Tat­sa­che, daß ein Roman wie Der Unter­tan in die­ser Zeit geschrie­ben wur­de und erschei­nen konn­te, rela­ti­viert das Schreck­bild vom auto­kra­ti­schen Wil­hel­mi­nis­mus ein wenig. Und was Sexu­al­ta­bus betrifft, neh­me man zur Kennt­nis, daß auch Frank­reich, Ita­li­en, Groß­bri­tan­ni­en oder gar die USA gewiß kei­ne zen­sur­lo­sen Gesell­schaf­ten waren.

Zudem wäre zu fra­gen: Wie typisch ist eigent­lich ein Heß­ling, der sei­nen Schil­ler ver­kauft? War Wil­hel­mi­nis­mus nicht eher das Prun­ken mit Schil­ler-Zita­ten, auf den sich selbst größ­te Banau­sen berie­fen? Ist der Drü­cke­ber­ger beim Mili­tär tat­säch­lich ein ver­brei­te­ter Zeit­ty­pus oder wären das nicht viel­mehr Figu­ren z.B. in Zuck­may­ers Der Haupt­mann von Köpe­nick? Unter­of­fi­zier Hop­recht etwa oder der Bür­ger­meis­ter als Reser­ve­leut­nant, von Haupt­mann Schlet­tow ganz zu schwei­gen? Ist es also der Hoch­stap­ler oder der in Stolz Über­zeug­te, der Idea­list oder der Kor­rup­te, der letzt­lich die offi­zi­el­len Phra­sen nur zum Geschäft benutzt? Wer spä­ter in patrio­ti­schen Auf­wal­lun­gen als Kriegs­frei­wil­li­ger sein Leben oder daheim »Gold für Eisen« gab, ver­trat der den Wil­hel­mi­nis­mus nicht viel cha­rak­te­ris­ti­scher? Hier sind zumin­dest auch ande­re lite­ra­ri­sche Zeit­zeu­gen und deren Figu­ren zu befra­gen: etwa Fon­ta­nes Instet­ten (Effi Briest) oder Brochs Pasen­ow (Die Schlaf­wand­ler).

Es sind sol­che Unge­reimt­hei­ten, die mich jahr­zehn­te­lang hin­der­ten, Hein­rich Manns zwei­fel­los gezeig­te sati­ri­sche Bega­bung zu gou­tie­ren, der sich immer­hin mit beacht­li­cher Kon­fron­ta­ti­ons­be­reit­schaft einem sozia­len Erz­übel ange­nom­men hat­te. Ich wehr­te mich dage­gen, Heß­ling als reprä­sen­ta­ti­ven Deut­schen anzu­er­ken­nen. Zu sehr ent­sprach er der anti­ger­ma­ni­schen Kari­ka­tur links­re­vo­lu­tio­nä­rer Oppo­nen­ten und der­je­ni­gen alli­ier­ter Kriegs­geg­ner. Zu sehr war eine Epo­che auf ein Zerr­bild redu­ziert wor­den. Zu deut­lich erkann­te ich die jeweils aktu­el­le (partei-)politische Absicht hin­ter sol­chem Angriff, sei­ne nicht ganz sau­be­re Instru­men­ta­li­sie­rung. Aber ich kann die Ein­sicht nicht län­ger zurück­drän­gen, daß hier gleich­wohl, wie ver­grö­bert auch immer, ein bedeut­sa­mer Ver­tre­ter unse­res Volks­cha­rak­ters prä­sen­tiert und seziert wird: der ewi­ge Unter­tan und sein sia­me­si­scher Zwil­ling, der ewi­ge Denun­zi­ant. Die­sen Typus im Kern her­aus­prä­pa­riert zu haben, bleibt bei aller Ein­di­men­sio­na­li­tät Manns Verdienst.

Die Spe­zi­es Heß­ling ergibt sicher­lich kein doku­men­ta­ri­sches Spie­gel­bild des Kai­ser­reichs, son­dern ledig­lich eines ihrer beson­ders wider­wär­ti­gen Ver­tre­ter. Und Der Unter­tan ist auch nicht schlecht­hin – wie heut­zu­ta­ge so eil­fer­tig wie pau­schal unter­stellt – ein hell­sich­ti­ger Vor­griff auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus. Immer­hin zeigt er einen gera­de in sol­chen Herr­schafts­sys­te­men viru­lent gewor­de­nen ser­vi­len Beför­de­rer des Zeit­geists. Und er zeigt noch mehr. Denn er ist kein blo­ßer Epochen‑, son­dern eher ein über­zeit­li­cher Cha­rak­ter­ty­pus, der sich in Umbruchs- und Kri­sen­zei­ten beson­ders wirk­sam insze­niert. Heu­te nicht weni­ger als vor hun­dert Jahren.

Jeder kann ihn gegen­wär­tig gera­de­zu täg­lich am Werk sehen, sofern er ihn nicht dort sucht, wo er gro­tes­ker­wei­se vom Main­stream ver­or­tet wird: bei irgend­wel­chen wirk­li­chen oder ima­gi­nä­ren »Rech­ten«. Dort ist er näm­lich gewiß nicht, weil ein Unter­tan stän­dig bei den jewei­li­gen Sie­gern der Geschich­te weilt – also stän­dig oben und nach unten tre­tend. Er ver­kör­pert stets die gera­de ver­kün­de­te Staats­ge­sin­nung, sei es Kai­ser­treue, Natio­na­lis­mus und »schim­mern­de Wehr«, sei es »wehr­haf­te Demo­kra­tie«, Pazi­fis­mus, iden­ti­fi­ka­ti­ons­lo­ses Auf­ge­hen in glo­ba­len oder euro­päi­schen Orga­ni­sa­ti­ons­for­men oder durch Bevöl­ke­rungs­aus­tausch. Er votiert je nach Stim­mungs­la­ge für Denk­mal­bau oder ‑sturz, Juden­hatz oder Juden­ver­klä­rung, für oder gegen Tole­ranz, wobei der Unter­schied nicht groß ist, weil gera­de sei­ne Unter­stüt­zung eines sol­chen Pro­jekts stets auf Ver­fol­gung hinausläuft.

Die Lek­tü­re des Unter­tan war ein Muß bei jenen 68ern, die angeb­lich erst­mals »Demo­kra­tie wag­ten« und im End­ef­fekt vor allem Füh­rungs­po­si­tio­nen für ihre Cli­que erstrit­ten, bis hin zu den »Auf­ge­klär­ten«, die mit Inbrunst am kom­mu­nis­ti­schen Per­so­nen­kult par­ti­zi­pier­ten, Mao-Bibeln kauf­ten oder für »Ho-Ho-Ho-Chi-Minh« demons­trier­ten. Und sie tra­ten damit ja nur in die Fuß­stap­fen ihrer Vor­bil­der aus den 1920er bis 1940er Jah­ren, jener heu­ti­gen repu­bli­ka­ni­schen Ido­le wie Brecht, Feucht­wan­ger, Bloch oder Anna Seg­hers, nach denen hier Stra­ßen und Prei­se benannt sind, obwohl sie sei­ner­zeit ihren Kotau vor blu­ti­gen Par­tei­dog­men ver­rich­te­ten. Inso­fern darf es als his­to­ri­scher Trep­pen­witz gel­ten, daß die­ses Buch aus­ge­rech­net in der DDR Pflicht­lek­tü­re war, was sich im Stoff­plan dann fol­gen­der­ma­ßen niederschlug:

Die Schü­ler erle­ben an der Gestalt des Diede­rich Heß­ling, wel­che Fol­gen die Unter­ta­nen­er­zie­hung für die Ent­wick­lung des ein­zel­nen Bür­gers hat­te und wel­chem Zweck die­se Erzie­hung dien­te. Sie erfas­sen, daß sich die Macht impe­ria­lis­ti­scher Staa­ten auf die­sen Typ des Bür­gers grün­det, der durch beden­ken­lo­se Unter­ord­nung zum will­fäh­ri­gen Objekt der Macht­po­li­tik wird.

Aber spre­chen wir nicht nur über die ehe­ma­li­ge DDR, son­dern über die gesam­te Repu­blik, wo die Pra­xis mitt­ler­wei­le so aus­sieht, daß schon Schü­ler auf­ge­for­dert wer­den, sich an jener Art Demo­kra­ti­sie­rung zu betei­li­gen, die auf Mehr­heits­dik­ta­tur hin­aus­läuft und poli­ti­sche Abwei­chung bereits als halb­kri­mi­nell bekämpft. Selbst eth­ni­sche oder geschlecht­lich uner­wünsch­te Wit­ze sol­len gemel­det wer­den, und V‑Männer tau­chen bei Sport­ver­an­stal­tun­gen auf, um jedes unfei­ne Gespräch zu belau­schen, von regie­rungs­amt­li­chen Denun­zia­ti­ons­platt­for­men ganz abgesehen.

Mit Sta­si-Metho­den hat das natür­lich gar nichts zu tun. Denn wir alle wol­len ja nur »das Gute«. Und für der­ar­ti­ge Prä­ven­ti­on fin­den Tugend­wäch­ter stets bes­te Grün­de, von Minis­tern bis zum Staats­funk, die gegen Pegi­da, AfD oder jed­we­de nen­nens­wer­ten Patrio­ten klot­zen, als stün­de ein Staats­streich unmit­tel­bar bevor. Daß dabei das Gan­ze aus dem Ruder läuft, nimmt man in Kauf. Es ist das Maß­lo­se die­ses (Um-)Erziehungswahns, das erschreckt, der vor­aus­ei­len­de Gehor­sam, die stre­ber­haf­te Über­erfül­lung der (ver­meint­li­chen) sitt­li­chen Norm, sei es in Sachen Kli­ma­schutz, Gen­der­wahn, Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, ega­li­tä­re Bil­dung, Inklu­si­on, Will­kom­mens­kul­tur und­so­wei­ter. Und so jubeln sie denn den Gold­ha­gen, Asy­lan­ten oder Schein­asy­lan­ten zu oder ändern flä­chen­de­ckend Stra­ßen­schil­der mit einem Eifer, als gel­te es, Kin­der aus den Hän­den von Mör­dern zu befrei­en, umwin­den wie Diede­rich Heß­ling den volks­päd­ago­gi­schen Rohr­stock mit Kränzen.

Genug, die­ser Typus, zusam­men­ge­setzt aus Feig­heit und Mili­tanz, Maso­chis­mus und Herrsch­sucht, exis­tiert, wenn auch ver­mut­lich bei nicht mehr als zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Er ist den­noch aus­ge­spro­chen gefähr­lich. Haben wir doch inzwi­schen schmerz­lich erlebt, wel­chen Ein­fluß eine ent­schlos­se­ne Grup­pe aus­üben kann, die sich kon­se­quent der Macht­netz­wer­ke oder Res­sen­ti­ments bedient. Auf ste­ten Zuzug aus dem aka­de­mi­schen Lum­pen­pro­le­ta­ri­at darf sie ohne­hin rech­nen. Es sind Fana­ti­ker, aber – hier stimmt ein­mal Hein­rich Manns Ana­ly­se – gera­de nicht aus uner­schüt­ter­li­cher Über­zeu­gung oder Erfah­rung. Haben sie doch ihre jewei­li­ge Posi­ti­on frü­hes­tens eine Sekun­de nach dem Gesin­nungs­um­schwung der Mehr­heit ein­ge­nom­men. Sie hät­ten genau­so gut auf der ande­ren Sei­te ste­hen kön­nen, gemäß Klo­n­ovs­kys Sar­kas­mus: »Mit dem­sel­ben Eifer wie am Holo­caust betei­lig­te sich Diede­rich Heß­ling am Bau des Holocaust-Mahnmals.«

Gera­de die­se inne­re Unsi­cher­heit macht sie unfä­hig zu akzep­tie­ren, daß eine leben­di­ge Gemein­schaft von Wider­sprü­chen und unter­schied­li­chen Inter­es­sen geprägt ist, daß damit jeder Kurs der Regie­rung oder eines Sys­tems erwar­tungs­ge­mäß Geg­ner hat, daß, wo alle einer Mei­nung sind, in der Tat meist gelo­gen oder unter­drückt wird. Doch das erträgt er nicht, die­ser natio­na­le, sozia­le, euro­päi­sche, glo­ba­le, eth­ni­sche oder geschlecht­li­che Platt- und Gleich­ma­cher. Jede Alter­na­ti­ve, jede kon­ser­va­ti­ve oder wirk­lich libe­ra­le »Rück­stän­dig­keit« stellt schließ­lich sei­nen Stand­punkt in Fra­ge. Also dif­fa­miert und dis­kri­mi­niert er und genießt die Ver­fol­gung ande­rer als Bestä­ti­gung sei­nes angeb­lich rich­ti­gen Lebens­ent­wurfs. Selbst ohne ech­te Glau­bens­ba­sis, eher ein Gejag­ter, treibt die­ser jetzt 150-Pro­zen­ti­ge, spät Dazu­ge­sto­ße­ne ande­re uner­müd­lich zu Über­trei­bung und Radi­ka­li­sie­rung. Er besu­delt und ver­leum­det Unan­gepaß­te, dringt in deren Net­ze ein, streut digi­ta­le und ideel­le Viren, stets dienst­be­reit, wenn es gilt, Abweich­ler zu fas­sen. »Ick bün all hier« lau­tet sei­ne Devi­se bei der­glei­chen Schurkereien.

Kurz: Die­se Sor­te Mensch lebt auch heu­te mit­ten unter uns, als Teil jener men­ta­li­täts­prä­gen­den Schicht und »Eli­te«, der die Mehr­heit lei­der nicht das Hand­werk legt, wes­halb die­se nicht ganz zu Unrecht im Kol­lek­tiv mit­haf­tet. Mit sei­nem oppor­tu­nis­ti­schen Akti­vi­täts­drang wirkt die­ser Typ als Brand­be­schleu­ni­ger. Und ange­sichts des sozi­al­hy­gie­ni­schen Scha­dens, den er anrich­tet, soll­ten wir ihn mal etwas näher ins Auge fas­sen, statt unse­re Auf­merk­sam­keit stän­dig auf ver­gan­ge­ne Sün­den zu kon­zen­trie­ren. Denn viel­leicht war es nicht gänz­lich über­trie­ben, daß der ster­ben­de Buck mit sei­nem schreck­haf­ten Blick auf Diede­rich Heß­ling zur Erkennt­nis kam, er habe »den Teu­fel gesehen!«.

 Gastbeitrag

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