Im Widerstand für das Sakrale

Am 19. Juni 2011 veröffentlichte der österreichische Verein »Pfarrer-Inititative« unter der Führung des linkspolitisch umtriebigen Priesters Helmut Schüller einen »Aufruf zum Ungehorsam«. Darin wurde die »römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform« angeprangert und unter anderem Folgendes gefordert: Die Pfarreien sollen künftig das Recht haben, im Bedarfsfall »einen Wortgottesdienst mit Kommunionspendung als ›priesterlose Eucharistiefeier‹« durchzuführen; »Geschieden-Wiederverheirateten«, »Mitgliedern anderer christlicher Kirchen« und »fallweise« auch »Ausgetretenen« die Eucharistie zu spenden; »das Predigtverbot für kompetent ausgebildete Laien und Religionslehrerinnen« zu mißachten; und man werde außerdem »jede Gelegenheit nützen«, sich »öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen«.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Am 19. Juni 2011 ver­öf­fent­lich­te der öster­rei­chi­sche Ver­ein »Pfar­rer-Initi­ta­ti­ve« unter der Füh­rung des links­po­li­tisch umtrie­bi­gen Pries­ters Hel­mut Schül­ler einen »Auf­ruf zum Unge­hor­sam«. Dar­in wur­de die »römi­sche Ver­wei­ge­rung einer längst not­wen­di­gen Kir­chen­re­form« ange­pran­gert und unter ande­rem Fol­gen­des gefor­dert: Die Pfar­rei­en sol­len künf­tig das Recht haben, im Bedarfs­fall »einen Wort­got­tes­dienst mit Kom­mu­ni­ons­pen­dung als ›pries­ter­lo­se Eucha­ris­tie­fei­er‹« durch­zu­füh­ren; »Geschie­den-Wie­der­ver­hei­ra­te­ten«, »Mit­glie­dern ande­rer christ­li­cher Kir­chen« und »fall­wei­se« auch »Aus­ge­tre­te­nen« die Eucha­ris­tie zu spen­den; »das Pre­digt­ver­bot für kom­pe­tent aus­ge­bil­de­te Lai­en und Reli­gi­ons­leh­re­rin­nen« zu miß­ach­ten; und man wer­de außer­dem »jede Gele­gen­heit nüt­zen«, sich »öffent­lich für die Zulas­sung von Frau­en und Ver­hei­ra­te­ten zum Pries­ter­amt auszusprechen«.

Die Autoren des »Auf­rufs«, die sich auf die Stim­me ihres »Gewis­sens« berie­fen, gehör­ten zum Gen­re »mün­di­ger« Reform­chris­ten im Sti­le der Grup­pie­rung »Wir sind Kir­che«, die unab­läs­sig gegen »hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren« und für eine »Demo­kra­ti­sie­rung« der Kir­che ins Feld zie­hen, wobei eine Spra­che gepflegt wird, die sich kaum mehr von dem Sound der han­dels­üb­li­chen sozi­al­de­mo­kra­tisch-grün-links­li­be­ra­len Agen­da unter­schei­det. Hier wird offen eine »Käß­man­ni­sie­rung« der katho­li­schen Kir­che ange­strebt, mit allen dazu­ge­hö­ri­gen Ingre­di­en­zen: Auf­wei­chung der Dog­ma­tik, Abbau der Lit­ur­gie, Ent­sa­kra­li­sie­rung und Ent­mys­ti­fi­zie­rung des Habi­tus und der Ästhe­tik sowie Mit­spra­che­recht für alle und jeden.

Am Ende einer sol­chen Ent­wick­lung stün­de eine nivel­lie­ren­de Belie­big­keit, die allen­falls »gut­mensch­li­chen« und »poli­tisch kor­rek­ten« Vor­ga­ben ver­pflich­tet ist. Der Pries­ter wird dabei zum The­ra­peu­ten und Sozi­al­ar­bei­ter degra­diert. Anhän­ger die­ser Rich­tung bezeich­nen sich zuwei­len ganz offen als links: Lin­ker Jesus – rech­te Kir­che lau­te­te etwa der pro­gram­ma­ti­sche Buch­ti­tel des öster­rei­chi­schen Paters Udo Fischer, der vor allem durch sei­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem als »Pan­zer­ka­tho­li­ken« ver­schriee­nen Bischof Krenn bekannt wur­de. In Wahr­heit ist der Wider­stand der »Amts­kir­che« gegen offen häre­ti­sche Ten­den­zen die­ser Art in der Pra­xis eher mil­de und halb­her­zig und zeigt alle Anzei­chen einer im Grun­de bereits voll­zo­ge­nen Kapi­tu­la­ti­on. Den­noch insze­nie­ren sich die »Demo­kra­ti­sie­rer« der Kir­che ger­ne als muti­ge Wider­ständ­ler und schwel­gen dabei im Pathos ihres »Unge­hor­sams«, als wäre er ein Wert an sich. Wie alle ande­ren lin­ken Grup­pie­run­gen der heu­ti­gen Zeit, bis hin­ab zur Anti­fa, ren­nen sie offe­ne Türen ein, und for­dern ledig­lich »noch hart­nä­cki­ger, was alle ande­ren eben­falls for­dern« (Frank Böckel­mann). Die Sym­pa­thie der media­len Öffent­lich­keit ist ihnen dadurch jeden­falls gesichert.

Ganz anders ist es um die »rech­ten« Rebel­len inner­halb der Kir­che bestellt: Den Mit­glie­dern und Anhän­gern der Pries­ter­bru­der­schaft St. Pius X. etwa, die sich beharr­lich wei­gern, das II. Vati­ka­ni­sche Kon­zil (1962–1965) und sei­ne Refor­men anzu­er­ken­nen, wur­de die Rol­le der dun­kels­ten aller Dun­kel­män­ner zuge­dacht. Als Papst Bene­dikt XVI. im Jah­re 2009 das Exkom­mu­ni­ka­ti­ons­de­kret gegen die von Lef­eb­v­re geweih­ten Bischö­fe der Bru­der­schaft auf­hob, gab es einen gro­ßen Auf­schrei – befand sich unter der Vie­rer­ban­de doch der Bri­te Richard Wil­liam­son, der sich der Tod­sün­de der »Holo­caust­re­la­ti­vie­rung« schul­dig gemacht hat­te. Einer der schärfs­ten Kri­ti­ker die­ser Ent­schei­dung war Hans Küng, der aus sei­ner Glau­bens­lo­sig­keit und sei­nem Auf­stand gegen die Kir­chen­hier­ar­chie eine jahr­zehn­te­lan­ge Kar­rie­re gemacht hat: Es sei bekannt, daß die Pius­bi­schö­fe »Anti­se­mi­ten« sei­en, und ihre Wie­der­auf­nah­me in den Schoß der Kir­che dro­he die­se (!) zu einer »Sek­te« ver­kom­men zu las­sen. Die Empö­rung über Wil­liam­son, der inzwi­schen wegen Unge­hor­sams von der Pius­bru­der­schaft aus­ge­schlos­sen wur­de, zeig­te indes nur all­zu deut­lich, in wel­che zivil­re­li­giö­sen Berei­che die Häre­si­en inzwi­schen abge­wan­dert sind. Sie zeig­te auch eine kras­se Unkennt­nis des Sinns der Exkom­mu­ni­ka­ti­on sowie des Hin­ter­grun­des des andau­ern­den Kon­flikts zwi­schen dem Vati- kan und der Pius­bru­der­schaft. Die­se wur­de im Jah­re 1969 von dem fran­zö­si­schen Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re als Reak­ti­on auf bestimm­te Aus­wüch­se des Kon­zils gegründet.

Lef­eb­v­re wur­de 1905 im nord­fran­zö­si­schen Tour­co­ing gebo­ren, im sel­ben Jahr, als der Lai­zis­mus in Frank­reich gesetz­lich ver­an­kert wur­de. Er ent­stamm­te einer groß­bür­ger­li­chen Fami­lie, die meh­re­re Geist­li­che her­vor­ge­bracht hat. Auch die »Résis­tance« lag ihm im Blut: Sein Vater starb 1944 im KZ Son­nen­burg bei Küs­trin, wo er wegen Wider­stands­tä­tig­kei­ten gegen die deut­schen Besat­zer inhaf­tiert war. Sei­ne Pries­ter­wei­he emp­fing Lef­eb­v­re im Jah­re 1929. In den nächs­ten drei Jahr­zehn­ten stieg er zu einem der bedeu­tends­ten Mis­sio­na­re in Afri­ka auf, eine Tätig­keit, die 1955 in sei­ner Ernen­nung zum Bischof von Dakar gip­fel­te. Pho­to­gra­phien aus sei­ner ers­ten Lebens­hälf­te zei­gen einen vita­len, Kraft und Zuver­sicht aus­strah­len­den jun­gen Mann, der sei­ne Auf­ga­ben mit Elan und Prag­ma­tis­mus bewäl­tig­te. Der oft behaup­te­te Ein uß des natio­na­lis­tisch-mon­ar­chis­ti­schen Vor­den­kers Charles Mau­rras und sei­ner Bewe­gung Action fran­çai­se, deren Anhän­ger ihrer­seits zwi­schen 1927 und 1939 dem Kir­chen­bann unter­wor­fen wur­den, dürf­te in Wahr­heit gering gewe­sen sein. Obwohl er spä­ter Eti­ket­te die­ser Art aus­drück­lich zurück­wies und sich in ers­ter Linie dog­ma­ti­schen Fra­gen wid­me­te, kann man jedoch auch Lef­eb­v­re getrost zur poli­ti­schen Rech­ten zäh­len: Er ver­trat einen vehe­men­ten Inte­gra­lis­mus, der vom Staat for­der­te, Arm der »Königs­herr­schaft Unse­res Herrn Jesus Chris­tus« zu sein, zumin­dest dort, wo sein Staats­volk mehr­heit­lich katho­lisch ist.

Als Lef­eb­v­re Ende der fünf­zi­ger Jah­re nach Frank­reich zurück­kehr­te, wo er Erz­bi­schof von Tul­le wur­de, hat­ten sich die »moder­nis­ti­schen« Strö­mun­gen inner­halb der Kir­che erheb­lich ver­stärkt. Der Ver­lauf und Aus­gang des bevor­ste­hen­den Kon­zils war aller­dings noch nicht abzu­se­hen. Des­sen Initia­tor Papst Johan­nes XXIII. berief Lef­eb­v­re per­sön­lich in die Vor­be­rei­tungs­kom­mis­si­on. Sei­ne kri­ti­sche Stim­me mach­te sich jedoch bereits 1962 bemerk­bar und wur­de in den Fol­ge­jah­ren immer lau­ter. Er warf den Kon­zils­kon­sti­tu­tio­nen nicht nur eine irri­tie­ren­de Mehr­deu­tig­keit und Unklar­heit vor, son­dern bezich­tig­te schließ­lich ihre Urhe­ber des Bruchs mit der Tra­di­ti­on der Päps­te und der Leh­re der Kir­che, die doch nach ihrem eige­nen Ver­ständ­nis ewig und unver­än­der­bar ist. Die Aner­ken­nung des Lai­zis­mus und der Reli­gi­ons­frei­heit sowie die Hin­wen­dung zur Öku­me­ne und zum »Dia­log« mit ande­ren Kon­fes­sio­nen und Reli­gio­nen bedeu­te eine erheb­li­che Rela­ti­vie­rung des Wahr­heits­an­spruchs der Kir­che, die letzt­lich zur Apost­asie füh­ren wer­de. Dazu gehör­ten auch die sich im Kon­zil anbah­nen­den Ver­su­che, die Füh­ler Rich­tung Mar­xis­mus aus­zu­stre­cken und gar eine Art Ver­söh­nung mit dem ehe­ma­li­gen kom­mu­nis­ti­schen Tod­feind in die Wege zu leiten.

Beson­ders scho­ckie­rend fand Lef­eb­v­re die Reform der Lit­ur­gie, die ab 1969 in Kraft trat. Die Bewah­rung der »alten« Mes­se im triden­ti­ni­schen Ritus war von Anfang an ein zen­tra­les Anlie­gen der Pries­ter­bru­der­schaft und sicher­te ihr nach­hal­ti­ge Sym­pa­thien weit über tra­di­tio­na­lis­ti­sche Krei­se hin­aus. Auf der Gegen­sei­te stan­den durch­aus gewich­ti­ge Geg­ner wie Jac­ques Mari­tain, Yves Con­gar oder Karl Rah­ner. Der Kern der Tra­gö­die Lef­eb­v­res, der sich als glau­bens­treu­er und gehor­sa­mer Die­ner der Kir­che und der von ihr ver­kün­de­ten objek­ti­ven Wahr­heit ver­stand, ist aller­dings, daß der Papst selbst zu sei­nem schärfs­ten Geg­ner wur­de, ein Kon­flikt, der bei­de Sei­ten in eine Zer­reiß­pro­be führ­te. Hier­in liegt der ent­schei­den­de Unter­schied zu den Links­ka­tho­li­ken, die ihren »Unge­hor­sam« vor sich her­tra­gen, als wäre er eine Medail­le. Lef­eb­v­re stand vor der für ihn unfaß­ba­ren Situa­ti­on, »päpst­li­cher als der Papst« sein zu müs­sen und sich einem tief­grei­fen­den Ver­rat am Glau­ben zu stel­len, der offen­bar von des­sen obers­ten Hütern selbst began­gen wur­de. Mar­tin Mose­bach nann­te es gar »das Schlimms­te, das wahr­haft Unvor­stell­ba­re (…): ein römi­scher Papst, Paul VI., der die Lit­ur­gie zerstört.«

Paul VI., der von 1962 bis 1978 amtier­te, gilt in den Augen der Kon­zils­kri­ti­ker bis heu­te als zwie­späl­ti­ge Figur, als emsi­ger Vor­an­trei­ber des »Aggior­na­men­to«, der »Anpas­sung an die Welt« und den Zeit­geist, dem aller­dings die Fol­gen sei­ner Ent­schei­dun­gen über den Kopf wuch­sen. Sein viel­zi­tier­ter Satz aus dem Jah­re 1972: »Ich habe das Gefühl, daß durch eine Rit­ze der Rauch des Satans in den Tem­pel Got­tes ein­ge­drun­gen ist« gilt vie­len als Kron­zeu­gen­aus­sa­ge über eine fata­le Fehl­ent­wick­lung, an der er selbst wesent­li­che Mit­schuld trug. Wäh­rend ein links­las­ti­ger, stark poli­ti­sier­ter Katho­li­zis­mus etwa in Frank­reich, Deutsch­land, Ita­li­en und Süd­ame­ri­ka gera­de­zu explo­dier­te und kaum mehr zu bän­di­gen war, war es aus­ge­rech­net der »Rechts­ab­weich­ler« Lef­eb­v­re, den der Papst mit beson­de­rer Här­te bekämpf­te. Hier folg­te der Libe­ra­lis­mus inner­halb der Kir­che offen­bar den­sel­ben Geset­zen wie der welt­lich-poli­ti­sche Libe­ra­lis­mus, der die Fein­de auf der Lin­ken stets um eini­ges mil­der behan­delt als jene auf der Rech­ten, wenn er sie denn über­haupt als Fein­de aner­kennt. Nicht zuletzt durch das in der Afri­ka­mis­si­on erprob­te Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent des Erz­bi­schofs gewann die tra­di­tio­na­lis­ti­sche Bewe­gung an Ein­fluß und Zuwachs; ein eigens gegrün­de­tes Pries­ter­se­mi­nar im schwei­ze­ri­schen Ecô­ne soll­te die Aus­bil­dung von Pries­tern gewähr­leis­ten, die nicht auf den Irr­we­gen des Kon­zils wan­deln woll­ten. Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re besuch­ten bereits Zehn­tau­sen­de Men­schen Lef­eb­v­res Mes­sen und Pre­dig­ten, wäh­rend sich nam­haf­te katho­li­sche Intel­lek­tu­el­le wie Juli­en Green oder Jean Guit­ton für sei­ne Sache ein­set­zen. Nun schien kei­ne gerin­ge­re Gefahr als ein Schis­ma zu drohen.

Bereits 1976 wur­de Lef­eb­v­re wegen uner­laub­ter Pries­ter­wei­hen von sei­nen Ämtern sus­pen­diert. Die Kon­flik­te spitz­ten sich im Lau­fe des nächs­ten Jahr­zehnts zu. Das berüch­tig­te »Welt­ge­bets­tref­fen« in Assi­si, das am 27. Okto­ber 1986 auf Ein­la­dung des Paps­tes Johan­nes Paul II. statt­fand und Chris­ten, Mus­li­me, Juden, Bud­dhis­ten, Hin­dus und Sikhs zum gemein­sa­men Gebet ver­ein­te, erschien Lef­eb­v­re als kaum mehr zu über­bie­ten­de Rela­ti­vie­rung und Her­ab­wür­di­gung der katho­li­schen Heils­leh­re. Im Alter von über acht­zig Jah­ren muß­te er nun auch an sei­ne Nach­fol­ge den­ken. Am 30. Juni 1988 über­schritt Lef­eb­v­re, »dick­köp­fig wie eine Mau­er aus Stahl­be­ton« (so der Schwei­zer Kar­di­nal Hen­ri Schwe­ry), end­gül­tig den Rubi­kon des Unge­hor­sams gegen Rom, indem er in Ecô­ne uner­laub­ter­wei­se vier Bischö­fe weih­te. Dies war der para­do­xe Höhe­punkt des Dra­mas: Damit war aus­ge­rech­net er, der sei­nem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis nach getreu­es­te Anhän­ger der apos­to­li­schen Leh­re, der die Pflicht hat­te, sich dem Papst zu unter­wer­fen, mit­samt den geweih­ten Bischö­fen der Exkom­mu­ni­ka­ti­on – dem Aus­schluß vom Emp­fang der Sakra­men­te – ver­fal­len. Lef­eb­v­re starb am 25. März 1991 im Alter von 85 Jah­ren, in der Über­zeu­gung, trotz allem den Wil­len Got­tes erfüllt und die Wahr­heit ver­tei­digt zu haben.

2005 wur­de einer sei­ner wohl­wol­len­de­ren Kon­tra­hen­ten, Joseph Ratz­in­ger, der sich in den acht­zi­ger Jah­ren als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ta­ti­on ver­geb­lich um einen Aus­gleich mit der Pius­bru­der­schaft bemüht hat­te, zum Papst ernannt. Bereits zu Lef­eb­v­res Leb­zei­ten hat­te Ratz­in­ger wie­der­holt des­sen Bemü­hun­gen um die triden­ti­ni­sche Mes­se ver­tei­digt. Das 2007 ver­öf­fent­lich­te Apos­to­li­sche Schrei­ben »Sum­morum Pon­ti­fi­cum« erlaub­te die Mess­fei­er nach dem Mis­sa­le Roma­num von 1962 als »außer­or­dent­li­che Form« des Römi­schen Ritus, im Sin­ne eines lit­ur­gi­schen Plu­ra­lis­mus, wie er bereits vor dem Kon­zil von Tri­ent (1545–1563) prak­ti­ziert wur­de. 2009 folg­te die Auf­he­bung der Exkom­mu­ni­ka­ti­on der Bischö­fe von Ecô­ne; das Ver­hält­nis zwi­schen dem Vati­kan und der Pius­bru­der­schaft bleibt jedoch wei­ter­hin gespannt, umso mehr, seit mit Papst Fran­zis­kus ein äußerst tra­di­ti­ons­feind­li­cher Papst auf den Hei­li­gen Stuhl gelangt ist.

Mar­tin Mose­bach bemerk­te über die katho­li­sche Form des Chris­ten­tums, sie sei »wahr­schein­lich die kom­pli­zier­tes­te Reli­gi­on der Welt; um Katho­lik zu sein, muß man ent­we­der einen begna­de­ten Instinkt besit­zen oder sehr viel wis­sen«. Hier ist nicht der Platz, die Theo­lo­gie des Kon­zils oder Lef­eb­v­res Kri­tik im Detail zu dis­ku­tie­ren und zu bewer­ten. Der Ver­fas­ser die­ser Zei­len ist weder ein »tra­di­tio­na­lis­ti­scher« noch ein beson­ders from­mer Katho­lik, der zudem durch­aus der »moder­nis­ti­schen« Über­zeu­gung anhängt, daß es auch außer­halb der römi­schen Kir­che Wahr­heit, Schön­heit und den Segen Got­tes gibt. Ihm scheint jedoch, daß der intran­si­gen­te Erz­bi­schof in wesent­li­chen Punk­ten objek­tiv recht behal­ten hat. Joseph Ratz­in­ger hat wie­der­holt bestrit­ten, daß mit dem II. Vati­ka­num ein Tra­di­ti­ons­bruch oder erst recht ein Ver­rat am katho­li­schen Glau­ben statt­ge­fun­den habe. Dies ent­sprach auch sei­ner Auf­ga­be als Papst, den gro­ßen, weit­räu­mi­gen Bau der Kir­che mit sei­ner kon­sti­tu­ti­ven »com­ple­xio oppo­si­torum« (Carl Schmitt) und sei­nen gegen­stre­bi­gen Fügun­gen zusam­men­zu­hal­ten. Aber die Wirk­lich­keit des tief­ge­hen­den Ris­ses, der die Kir­che seit dem Kon­zil spal­tet, kann unmög­lich von der Hand gewie­sen wer­den, eben­so­we­nig wie die Tat­sa­che ihrer all­ge­mei­nen Wen­dung nach links. Bereits zeit­ge­nös­si­sche Stim­men hat­ten das Kon­zil aus­drück­lich als die »fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on« (Kon­zils­mo­de­ra­tor Kar­di­nal Sue­n­ens) oder gar als die »Okto­ber­re­vo­lu­ti­on« (Con­gar) der Kir­che gefei­ert. Sei­ne heu­ti­gen Erben wie etwa die ein­gangs zitier­te »Pfar­rer-Initia­ti­ve« bestä­ti­gen durch sei­ten­ver­kehr­te Affir­ma­ti­on die Kri­tik und Befürch­tun­gen Lef­eb­v­res und ande­rer kon­ser­va­ti­ver Theo­lo­gen. Sie for­dern im Grun­de ein Kon­zil als Dau­er­re­vo­lu­ti­on, in einer sich immer wei­ter radi­ka­li­sie­ren­den, »demo­kra­ti­sie­ren­den«, säku­la­ri­sie­ren­den Per­ma­nenz, bis auch die letz­ten Dis­tink­tio­nen, Ansprü­che und »tri­um­pha­lis­ti­schen« Ges­ten abge­baut sind. Der Sinn für das Sakra­le schwin­det immer mehr, was eng mit einem Zer­fall von Form und Inhalt zu tun hat, wie etwa Mar­tin Mose­bach und Robert Spa­e­mann auf­ge­zeigt haben. Trotz aller Bemü­hun­gen der Anpas­sung an die Welt lee­ren sich die Kir­chen wei­ter­hin, wäh­rend ihre Ver­tre­ter kaum mehr wis­sen, wie sie ihre Exis­tenz recht­fer­ti­gen sol­len. Zahl­rei­che Äuße­run­gen des katho­li­schen Kle­rus zur soge­nann­ten Flücht­lings­kri­se des Jah­res 2015 zei­gen deut­lich die Deka­denz und den Kon­for­mis­mus kirch­li­cher Krei­se, die zum Teil nicht weni­ger gif­tig, ver­blen­dend und destruk­tiv wir­ken als etwa die Grü­nen. Die Wirk­lich­keit hat längst die kle­ri­ka­len Kari­ka­tu­ren ein­ge­holt, die Jean Ras­pail in sei­nem Roman Das Heer­la­ger der Hei­li­gen bereits 1973 unter dem Ein­druck der Fol­gen des Kon­zils zeichnete.

Weit ent­fernt davon, sich »lai­zis­tisch« aus der Poli­tik zurück­zu­zie­hen, hat sich die nach­kon­zi­lia­re Kir­che zum Weg­be­rei­ter und Steig­bü­gel­hal­ter der Poli­tik des »im Öko­no­mi­schen wesen­den Welt­staa­tes« (Hans Bari­on) gemacht, des kapi­ta­lis­ti­schen Glo­ba­lis­mus, der Völ­ker, Kul­tu­ren und Reli­gio­nen in einem gro­ßen Magen ver­schlingt, obwohl doch gera­de sie beru­fen wäre, sein schärfs­ter und unver­söhn­lichs­ter Kri­ti­ker zu sein. Nicht zuletzt hat die Rela­ti­vie­rung der eige­nen Bot­schaft vor allem ange­sichts des Vor­drin­gens des im Wesens­kern zutiefst anti­christ­li­chen Islams auf euro­päi­sches und ehe­mals christ­li­ches Gebiet eine fata­le Signal­wir­kung: Was sich als from­me Beschei­den­heit oder als Respekt vor Anders­gläu­bi­gen aus­gibt, erscheint in Wahr­heit als Ein­ge­ständ­nis der eige­nen Glau­bens­schwä­che, signa­li­siert die Bereit­wil­lig­keit, das Feld zu räu­men, womit die Kir­che vom glei­chen »libe­ra­lis­ti­schen«, selbst­re­la­ti­vie­ren­den und selbst­ent­waff­nen­den Syn­drom befal­len ist wie die gesam­te west­li­che Welt. Ein am 6. Janu­ar 2016 vom Vati­kan auf You­tube ver­öf­fent­lich­tes Video mit dem Titel »Pope Fran­cis’ pray­er inten­ti­ons« zeigt den Ver­fall auf erschre­cken­de Wei­se: es beginnt mit Bil­dern, die eine Bud­dhis­tin, einen Juden und einen Mus­lim in andäch­ti­ger Pose zei­gen, sty­lish und etwas kit­schig in Sze­ne gesetzt wie ein Wer­be­vi­deo für »diver­si­ty«, gefolgt von der Bot­schaft des Paps­tes: »Vie­le Men­schen den­ken unter­schied­lich, emp­fin­den unter­schied­lich, suchen Gott oder begeg­nen Gott auf unter­schied­li­che Wei­se. In die­ser Viel­falt, die­ser Band­brei­te von Reli­gio­nen gibt es nur eine Gewiß­heit, die wir alle tei­len: Wir sind alle Kin­der Got­tes.« Dies aus dem Mun­de eines Paps­tes ist erschre­ckend und der­art unver­hoh­len rela­ti­vis­tisch, daß der Welt­ge­bets­tag und die gut­ge­mein­ten, aber frag­wür­di­gen Ges­ten Johan­nes Pauls II. weit in den Schat­ten gestellt wer­den. Die Destruk­ti­on und Selbst­auf­lö­sung der Kir­che, die nun ein­mal auf kla­ren, prä­zi­sen Bestim­mun­gen und Ver­kün­di­gun­gen fußt, ist damit vor­pro­gram­miert, aber auch die Ver­prel­lung der Gläu­bi­gen bei gleich­zei­ti­ger Ein­schmei­che­lung bei den Nicht­gläu­bi­gen, ins­be­son­de­re den Mus­li­men. Alle Zei­chen ste­hen hier auf Verrat.

Geht das auch Nicht­ka­tho­li­ken etwas an, oder ist das nur ein inner­ka­tho­li­sches Pro­blem? Nun: Was sich hier mene­te­kel­haft abzeich­net, hat ohne Zwei­fel Kon­se­quen­zen für das gesam­te ver­blie­be­ne »Abend­land«. Der Libe­ra­lis­mus sen­det an alle, die »die­nen wol­len« und ein Die­nen­wol­len­des in sich tra­gen, die­sel­be Bot­schaft: Wir brau­chen eure Bemü­hun­gen nicht, es geht um nichts, es war alles nicht ernst gemeint, geht nach Hau­se, kon­su­miert und amü­siert euch und genießt euer Leben, Haupt­sa­che, ihr kommt auf kei­ne fal­schen Ideen mehr, die irgend etwas mit Selbst­be­haup­tung, Dis­tink­ti­on oder höhe­ren Zie­len zu tun haben. Eben­so wie die Kir­che offen­bar kei­ne wahr­haft Gläu­bi­gen mehr haben will, so wol­len die Natio­nen kei­ne Patrio­ten oder die Staa­ten kei­ne staats­tra­gen­den Bür­ger oder die Arme­en kei­ne Sol­da­ten oder die Schu­len kei­ne Leh­rer und kei­ne Schü­ler mehr. Das Abend­land gleicht einem wür­de­lo­sen König, der kei­ner mehr sein will und sei­ne letz­ten getreu­en Anhän­ger nicht nur demo­ra­li­siert und ent­mu­tigt, son­dern sie am Ende auch noch ver­höhnt und verfolgt.

Als kon­ser­va­ti­ve Rebel­len gleich wel­cher Cou­leur sind wir heu­te mehr oder weni­ger alle in einer ähn­li­chen Lage wie Mar­cel Lef­eb­v­re; wie er müs­sen wir zu Despe­ra­dos um des Geset­zes wil­len, zu Revo­lu­tio­nä­ren um der Ord­nung wil­len wer­den und beharr­lich an dem von uns als wahr, gut und schön Erkann­ten fest­hal­ten, bis unse­re Exkom­mu­ni­ka­ti­on und das Inter­re­gnum auf­ge­ho­ben sind. And when Rome falls, falls the World: Auch den Un- und Anders­gläu­bi­gen soll­te das Schick­sal der römi­schen Kir­che, die so tief mit dem Schick­sal Euro­pas ver och­ten ist, nicht gleich­gül­tig sein – auch wenn die­se Welt eines Tages fal­len muß, wie es der Wil­le Got­tes verlangt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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