Mao in Deutschland

Mag hier und da aktuell der Eindruck entstehen, daß die Dinge nach den Ereignissen in Köln, Hamburg und anderswo nun in Bewegung gerieten, sogar ein Umdenken stattfinde, ja gar die Möglichkeit für einen erfolgversprechenden Widerstand gegen die aktuelle Regierungspolitik gegeben sei, so belehrt der Blick in die Geschichte eines Besseren, auch wenn historische Vergleiche oft und gerne hinken: Die heutigen Argumentationslinien und Aktionen des rechtskonservativen Milieus können schlichtweg nur als langweilig und harmlos bezeichnet werden, wenn man sich vergegenwärtigt, mit welchem Totalitätsanspruch, Rigorismus und Eifer der Maoismus von der Neuen Linken der Jahre 1968ff. rezipiert, transportiert und propagiert worden ist – und das gerade auch im Hinblick auf die Behandlung der nationalen Frage.

 Gastbeitrag

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Mag hier und da aktu­ell der Ein­druck ent­ste­hen, daß die Din­ge nach den Ereig­nis­sen in Köln, Ham­burg und anders­wo nun in Bewe­gung gerie­ten, sogar ein Umden­ken statt­fin­de, ja gar die Mög­lich­keit für einen erfolg­ver­spre­chen­den Wider­stand gegen die aktu­el­le Regie­rungs­po­li­tik gege­ben sei, so belehrt der Blick in die Geschich­te eines Bes­se­ren, auch wenn his­to­ri­sche Ver­glei­che oft und ger­ne hin­ken: Die heu­ti­gen Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en und Aktio­nen des rechts­kon­ser­va­ti­ven Milieus kön­nen schlicht­weg nur als lang­wei­lig und harm­los bezeich­net wer­den, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, mit wel­chem Tota­li­täts­an­spruch, Rigo­ris­mus und Eifer der Mao­is­mus von der Neu­en Lin­ken der Jah­re 1968ff. rezi­piert, trans­por­tiert und pro­pa­giert wor­den ist – und das gera­de auch im Hin­blick auf die Behand­lung der natio­na­len Frage.

In der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts hat­te sich der Mao­is­mus zu einer welt­weit beach­te­ten Grö­ße ent­wi­ckelt und übte ins­be­son­de­re als neu­ar­ti­ge Ideo­lo­gie sowie durch die real­po­li­ti­schen Erfol­ge Maos im Gue­ril­la- und Par­ti­sa­nen­kampf eine gro­ße Fas­zi­na­ti­on aus, der sich auch Den­ker wie Carl Schmitt nicht ent­zie­hen konn­ten. Beson­de­re Wir­kung erziel­te der Mao­is­mus aber in wei­ten Tei­len der Neu­en Lin­ken, die im neu­en, chi­ne­si­schen Weg eine dyna­mi­sche Alter­na­ti­ve zum star­ren Sowjet­sys­tem sahen und die­se Ideen in die Außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on (APO) der Bun­des­re­pu­blik tru­gen. Nach dem Zer­fall der Pro­test­be­we­gung ver­teil­ten sich die Akti­vis­ten, sofern sie nicht in depres­si­ve Apa­thie ver­fie­len oder dem radi­ka­li­sier­ten Weg des bewaff­ne­ten Kamp­fes folg­ten, größ­ten­teils auf die kar­rie­re­si­chern­de Sozi­al­de­mo­kra­tie und sozia­lis­ti­sche Alter­na­tiv­grup­pie­run­gen oder schlos­sen sich den aus dem Boden sprie­ßen­den mao­is­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, den soge­nann­ten K‑Gruppen, an, die sich als die legi­ti­me (und natür­lich ein­zig wah­re) Nach­fol­ge­rin der his­to­ri­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (KPD) sahen und sich ideo­lo­gisch durch eine jeweils eige­ne Mischung aus Mao­is­mus und knall­har­tem Sta­li­nis­mus sowie eine enge Anleh­nung an die Regime in Kam­bo­dscha oder Alba­ni­en auszeichneten.

Bei eini­gen Grup­pie­run­gen wur­de jedoch über den Ein­fluß des Mao­is­mus auch erkenn­bar die Bedeu­tung der natio­na­len Selbst­be­stim­mung rezi­piert, ins­be­son­de­re bei der stark stu­den­tisch gepräg­ten »Auf­bau­or­ga­ni­sa­ti­on für die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­lands« (KPD/AO, spä­ter nur noch KPD) unter Chris­ti­an Sem­ler, Peter Neit­zke und Jür­gen Hor­le­mann, bei der bereits seit Dezem­ber 1968 exis­tie­ren­den »KPD/­Mar­xis­ten-Leni­nis­ten« (KPD/ML) sowie bei den nur etwa 200 Per­so­nen umfas­sen­den »Mar­xis­ten-Leni­nis­ten Deutsch­lands« (MLD). Die Her­vor­he­bung des natio­na­len Ele­men­tes hat­te dabei einen ele­men­ta­ren Ursprung im his­to­ri­schen Kampf Chi­nas gegen feu­da­le und kolo­nia­le Struk­tu­ren, und Mao war infol­ge­des­sen der gene­rel­len Ansicht, daß jede Nati­on zuerst ihre natio­na­le Fra­ge beant­wor­ten müs­se, etwa durch die Befrei­ung von impe­ria­lis­ti­schen und kolo­nia­len Besat­zungs­mäch­ten, bevor sich der Auf­bau des Sozia­lis­mus erfolg­reich fort­füh­ren und been­den las­se. Ent­spre­chend nahm die natio­na­le Fra­ge auch in der ideo­lo­gi­schen Pro­gram­ma­tik der genann­ten mao­is­ti­schen Grup­pen der Bun­des­re­pu­blik in den 1970er Jah­ren einen zen­tra­len Stel­len­wert ein und wur­de ein wesent­li­cher Bestand­teil der nicht sel­ten in einem aggres­si­ven Duk­tus vor­ge­tra­ge­nen Pro­pa­gan­da. Auf­fäl­lig war vor allem, daß für die natio­nal ori­en­tier­ten Mao­is­ten die sozia­le und die natio­na­le Fra­ge nicht von­ein­an­der sepa­riert betrach­tet wur­den. Dar­über hin­aus wur­den unter dem Kom­plex der deut­schen Fra­ge eben nicht nur die Rege­lung der inner­deut­schen Bezie­hun­gen, son­dern expli­zit das Ziel der Wie­der­ver­ei­ni­gung ver­stan­den. Damit war für sie gleich­zei­tig auch untrenn­bar die Fra­ge nach natio­na­ler Sou­ve­rä­ni­tät, der Besat­zungs­zu­stand sowie der Zusam­men­hang zwi­schen der glo­ba­len Rol­le der Super­mäch­te und der deut­schen Situa­ti­on verbunden.

In ers­ter Linie gin­gen die Grup­pen von einem grund­le­gen­den Ant­ago­nis­mus zwi­schen den impe­ria­lis­ti­schen Mäch­ten und den von ihnen unter­drück­ten Völ­kern und Natio­nen aus. Dabei stimm­ten KPD, KPD/ML und MLD in ihrer prin­zi­pi­el­len Beur­tei­lung einer glo­ba­len Bedro­hung durch bei­de Super­mäch­te und der damit ein­her­ge­hen­den Beto­nung des anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kamp­fes über­ein, wichen in ihrer Beur­tei­lung des Haupt­fein­des jedoch leicht von­ein­an­der ab: So avan­cier­te für die KPD nach einer anfangs ein­sei­ti­gen Stoß­rich­tung gegen den US-Impe­ria­lis­mus seit 1974/75 zuneh­mend der sozi­al­im­pe­ria­lis­ti­sche Cha­rak­ter der, aus mao­is­ti­scher Sicht, revi­sio­nis­tisch ent­ar­te­ten UdSSR zur größ­ten Bedro­hung der Völ­ker und Natio­nen, wäh­rend für die MLD die UdSSR hin­ge­gen immer schon der kla­re Haupt­feind gewe­sen war. Dem­ge­gen­über nahm die KPD/ML eine abwei­chen­de Hal­tung ein, da sie zwar der UdSSR eine offen­si­ve­re Rol­le als den USA zuschrieb, aber unter den bei­den Super­mäch­ten nicht eine Macht zum allei­ni­gen Haupt­feind erhe­ben woll­te. So el die KPD/ML etwa auch wei­ter­hin durch einen expli­zi­ten, glei­cher­ma­ßen poli­ti­schen wie auch kul­tu­rel­len Anti­ame­ri­ka­nis­mus auf und lehn­te dar­über hin­aus im Ver­gleich zu den ande­ren bei­den Grup­pen etwa auch die Adap­ti­on der »Drei-Wel­ten-Theo­rie« ab: Gemäß die­ser, nach Maos Tode im Jahr 1976 dann auch offi­zi­ell zur Staats­dok­trin Chi­nas erko­re­nen Theo­rie soll­te sich die Zwei­te Welt (Euro­pa und Japan) mit der Drit­ten Welt (Asi­en, Latein­ame­ri­ka und Afri­ka) unter der Füh­rung Chi­nas gegen die bei­den mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­den Hege­mo­ni­al­mäch­te der Ers­ten Welt, die USA und die UdSSR, ver­bün­den, wobei Chi­na aber im Zuge des immer wei­ter eska­lie­ren­den Strei­tes klar die Sowjet­uni­on als Haupt­feind sah und daher auch zu Bünd­nis­sen und Abspra­chen mit dem Wes­ten bereit war. Dies führ­te in der Fol­ge zum Bruch Chi­nas mit Alba­ni­en und einer ent­spre­chen­den Neu­aus­rich­tung der bis dahin auf einem strikt mao­is­ti­schen Kurs lie­gen­den KPD/ ML: Die Par­tei sah dar­in einen offe­nen Ver­rat der chi­ne­si­schen Füh­rung und voll­zog einen ein­schnei­den­den Kurs­wech­sel, infol­ge­des­sen sie im August 1978 von Chi­na abrück­te, sich von Mao als ideo­lo­gi­scher Leit­fi­gur los­sag­te und sich statt­des­sen noch stär­ker Alba­ni­en sowie dem Sta­li­nis­mus zuwendete.

MLD und KPD unter­stütz­ten ihrer­seits den neu­en Kurs Chi­nas und hat­ten die­sen auch sogleich in ihre Pro­gram­ma­tik über­nom­men – infol­ge­des­sen war fast jedes Bünd­nis recht, wenn es nur gegen die UdSSR gerich­tet war. Bei bei­den Grup­pie­run­gen stei­ger­te sich die Feind­schaft zur Sowjet­uni­on so weit, daß sich die KPD als Fol­ge eines pro­gram­ma­ti­schen Schwenks in ihrem Pro­gramm von 1977 unter dem ein­deu­tig mit patrio­ti­schen Inten­tio­nen ver­bun­de­nen Schlag­wort der »Vater­lands­ver­tei­di­gung« für natio­na­le Befrei­ungs­krie­ge gegen jed­we­de Fremd­herr­schaft, beson­ders aber die der UdSSR auf deut­schem Boden, aus­sprach. Die MLD gin­gen in die­sem Zusam­men­hang noch einen Schritt wei­ter und for­der­ten im Rah­men ihrer ein­sei­ti­gen Stoß­rich­tung gegen die UdSSR in einer für die extre­me Lin­ke der 1970er Jah­re unty­pi­schen Wei­se die Stär­kung der Bun­des­wehr, eine Auf­rüs­tung mit der Neu­tro­nen­bom­be sowie den Zusam­men­schluß in einer inter­na­tio­na­len Ein­heits­front unter Ein­be­zie­hung der USA. Dazu kor­re­spon­die­rend pro­pa­gier­te die mao­is­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on auch innen­po­li­tisch eine lager­über­grei­fen­de Ein­heits­front bis hin zur CSU und ver­tei­dig­te aus­drück­lich die ihrer Ansicht nach durch die Sowjet­uni­on bedroh­te bür­ger­li­che Demo­kra­tie der Bun­des­re­pu­blik, womit die MLD im gesam­ten mao­is­ti­schen, wie aber auch gene­rell lin­ken Spek­trum der Bun­des­re­pu­blik allei­ne standen.

Ange­sichts die­ser glo­ba­len Kon­stel­la­ti­on stell­te sich für die KPD, KPD/ ML und MLD die natio­na­le Fra­ge zum einen maß­geb­lich auf­grund der mit­ten durch das Land ver­lau­fen­den Ein­fluß­sphä­ren­gren­ze der bei­den Super­mäch­te, da ange­sichts der um die Beherr­schung Euro­pas rin­gen­den Super­mäch­te und der damit ein­her­ge­hen­den stei­gen­den Kriegs­ge­fahr auto­ma­tisch das geteil­te Deutsch­land als poten­ti­el­ler Haupt­kriegs­schau­platz ins Zen­trum rück­te. Zum ande­ren wur­den die Kämp­fe natio­na­ler Befrei­ungs­be­we­gun­gen rund um den Glo­bus, wel­che die natio­na­le Ein­heit ihres von einer impe­ria­lis­ti­schen Macht bedroh­ten oder bereits geteil­ten Lan­des auf sozia­lis­ti­scher Grund­la­ge her­stel­len woll­ten, als rea­le Vor­bil­der für den revo­lu­tio­nä­ren Kampf angeführt.

Die­se Soli­da­ri­sie­rung mit den natio­na­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen der Drit­ten Welt und die Benen­nung ihrer Erhe­bun­gen als bei­spiel­haft für den eige­nen revo­lu­tio­nä­ren Kampf war bereits in der APO ein weit ver­brei­te­tes Phä­no­men, und für die mao­is­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen war die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on in Deutsch­land ein genau­es Abbild die­ser Welt­la­ge: Gemäß der Paro­le des spä­te­ren Pre­mier­mi­nis­ters Zhou Enlai, wonach Staa­ten die Unab­hän­gig­keit, Natio­nen die Befrei­ung und Völ­ker die Revo­lu­ti­on wol­len, wur­de das seit dem Zwei­ten Welt­krieg geteil­te und besetz­te Land ana­log zu den Ver­hält­nis­sen in der Drit­ten Welt als unter­drück­te Nati­on gese­hen und in den anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Befrei­ungs­kampf ein­ge­ord­net, der sich hier gegen die gleich­zei­tig als Besat­zungs­mäch­te auf­tre­ten­den und glo­bal agie­ren­den impe­ria­lis­ti­schen Super­mäch­te rich­te­te. In all die­sen Punk­ten führ­ten KPD/ML, KPD und MLD also letzt­lich »eine Art Zwei­fron­ten­krieg« (Wolf­gang Kraus­haar), bei dem der Kampf gegen die impe­ria­lis­ti­schen Super­mäch­te von der Welt­büh­ne auf die Situa­ti­on des von den Super­mäch­ten geteil­ten und besetz­ten Deutsch­lands über­tra­gen wur­de und sich dort dann par­al­lel als natio­na­ler Befrei­ungs­krieg mit ent­spre­chen­den Rück­schlüs­sen für die deut­sche Fra­ge stellte.

Das gespal­te­ne Deutsch­land wur­de also expres­sis ver­bis als von den Super­mäch­ten kolo­ni­sier­tes Land bezeich­net, wobei aber in der damit ver­bun­de­nen Haupt­feind­fra­ge auf­grund der Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se der bei­den deut­schen Staa­ten der Unter­schied klar war: So wur­de die Bun­des­re­pu­blik ins­be­son­de­re von KPD und KPD/ML als mono­pol­ka­pi­ta­lis­ti­scher Staat mit eige­nen impe­ria­lis­ti­schen Inter­es­sen ange­se­hen, der von den USA zwar abhän­gig war, aber mehr noch ein kom­pli­zen­haf­tes Ver­hält­nis zu die­sen pfleg­te und sich wei­ter­hin mit­tels sei­ner impe­ria­lis­ti­schen Wie­der­ver­ei­ni­gungs­po­li­tik der DDR bemäch­ti­gen woll­te. Dem­ge­gen­über war die DDR für alle drei Grup­pen ein­ver­nehm­lich von der sowje­ti­schen Besat­zungs­macht durch die wei­te­re Ein­schrän­kung der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät und die kolo­nia­le Abhän­gig­keit zum Vasal­len­staat degra­diert wor­den. In den Augen der Mao­is­ten hat­te auch die SED, die für ihre Wie­der­ver­ei­ni­gungs­po­li­tik und den Auf­bau des Sozia­lis­mus unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de noch posi­tiv beur­teilt wur­de, im Zuge ihrer revi­sio­nis­ti­schen Trans­for­ma­ti­on das Ziel der natio­na­len Ein­heit auf revo­lu­tio­nä­rer Grund­la­ge der Anfangs­jah­re auf­ge­ge­ben, sodaß letzt­lich zwi­schen dem kapi­ta­lis­ti­schen Wes­ten und der DDR kei­ne wesent­li­chen Unter­schie­de mehr fest­zu­stel­len sei­en. Neben der zen­tra­len Rol­le der Super­mäch­te in der glo­ba­len Kon­stel­la­ti­on des Kal­ten Krie­ges sowie ihrer kon­kre­ten Prä­senz als Besat­zungs­mäch­te war gera­de auch die­ser natio­na­le Ver­rat bei­der deut­schen Regie­run­gen ein wei­te­rer maß­geb­li­cher Grund für die bun­des­deut­schen Mao­is­ten, die natio­na­le Fra­ge in ihre Pro­gram­ma­tik und Pro­pa­gan­da aufzunehmen.

Unter der von allen drei Grup­pie­run­gen ver­wen­de­ten Paro­le »Für ein unab­hän­gi­ges, ver­ein­tes und sozia­lis­ti­sches Deutsch­land!« tra­ten die­se für eine Wie­der­ver­ei­ni­gung im Kampf sowohl gegen die Besat­zungs­mäch­te als auch die »Klas­sen­fein­de« in Bun­des­re­pu­blik und DDR ein, wobei dies nur die Auf­ga­be des Vol­kes, d.h. der Arbei­ter­klas­se unter der Füh­rung der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on, sein konn­te. Gemäß ihrer Paro­le bestand für die Grup­pen die Lösung der natio­na­len Fra­ge aus einem Kom­plex von drei zusam­men­hän­gen­den Fak­to­ren: dem natio­na­len Befrei­ungs­kampf gegen die Besat­zungs­mäch­te, der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on gegen die Bour­geoi­sie in bei­den deut­schen Staa­ten mit der Errich­tung des Sozia­lis­mus als Ziel und der Wie­der­ver­ei­ni­gung der bei­den Teil­staa­ten zu einer deut­schen Nati­on. Dabei waren im Detail wie­der­um Unter­schie­de in der Pro­gram­ma­tik erkenn­bar: So hat­te die KPD vor allem in ihrer Anfangs­pha­se die deut­sche Fra­ge noch nicht expli­zit und auch nicht in all ihren Facet­ten auf­ge­wor­fen, son­dern beschäf­tig­te sich wahr­nehm­bar erst im Jah­re 1972 mit die­sem The­ma und ent­wi­ckel­te dar­aus gewis­ser­ma­ßen pro­zeß­ar­tig ihre spä­te­re Posi­ti­on. Ab 1976 und maß­geb­lich in ihrem letz­ten Pro­gramm 1977 erklär­te die Par­tei, daß die Anwe­sen­heit der Super­mäch­te in den bei­den deut­schen Staa­ten als Haupt­hin­der­nis auf dem Weg zur pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on anzu­se­hen sei, wes­halb ihre Ver­trei­bung nun zur uner­läß­li­chen Vor­aus­set­zung für die Errich­tung des Sozia­lis­mus gewor­den war. Seit­dem beton­te die Par­tei zugleich die Vor­ran­gig­keit einer Lösung der natio­na­len Fra­ge, um erst anschlie­ßend auch die sozia­le Fra­ge mit einer sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on in ganz Deutsch­land beant­wor­ten zu können.

Zwar appel­lier­ten in die­sem Zusam­men­hang alle Grup­pie­run­gen an ein posi­ti­ves Natio­nal­be­wußt­sein als Motor für eine revo­lu­tio­nä­re Lösung der natio­na­len sowie sozia­len Fra­ge, doch hier­bei fie­len ins­be­son­de­re die KPD/ML und die MLD durch eine kräf­ti­ge natio­na­le Akzen­tu­ie­rung und ein hohes Maß an natio­na­lem Pathos auf. Dies äußer­te sich etwa dar­in, daß die MLD als ein­zi­ge mao­is­ti­sche Grup­pie­rung der Bun­des­re­pu­blik seit Sep­tem­ber 1978 in der Titel­zei­le ihres Zen­tral­or­gans sowohl die rote Fah­ne als auch die schwarz-rot-gol­de­ne führ­ten und zudem ihr aus­neh­men­des Fest­hal­ten am »17. Juni« als natio­na­lem Gedenk­tag beton­ten. Auch die KPD/ML führ­te bei­spiels­wei­se im Rah­men einer Grund­satz­er­klä­rung zur natio­na­len Fra­ge einen Kata­log aus his­to­ri­schen, kul­tu­rel­len, tra­di­tio­nel­len und geo­gra­phi­schen Eigen­schaf­ten Deutsch­lands an, auf die sich das gesam­te deut­sche Volk mit Stolz bezie­hen kön­ne: In einem »Wahl­ex­tra­blatt« von 1974 heißt es: »Die Regie­run­gen bei­der deut­scher Staa­ten haben die natio­na­len Inter­es­sen des deut­schen Vol­kes ver­ra­ten und tre­ten sein Selbst­be­stim­mungs­recht mit Füßen. Wäh­rend die Bun­des­re­gie­rung der Beset­zung West­deutsch­lands bis in das Jahr 2005 zustimm­te, unse­re Hei­mat den Ein­flüs­sen des kapi­ta­lis­ti­schen soge­nann­ten ›ame­ri­can way of life‹ (…) öff­ne­te und allein seit 1961 38 Mil­li­ar­den Mark für die Sta­tio­nie­rung der US-Trup­pen aus der west­deut­schen Bevöl­ke­rung her­aus­preß­te, hat die Regie­rung der DDR, die Hon­ecker-Stoph-Cli­que, die­sen Teil unse­rer Hei­mat in eine Kolo­nie des sowje­ti­schen Sozi­al­im­pe­ria­lis­mus ver­wan­delt, in der der sowje­ti­sche Mili­tär­stie­fel regiert, leug­net sie die Exis­tenz einer deut­schen Nati­on und ist bemüht, das Wort ›deutsch‹ aus ihrem Sprach­schatz zu strei­chen. Sie, die zwei Super­mäch­te und ihre west­deut­schen Bünd­nis­part­ner und ost­deut­schen Lakai­en möch­ten die Deut­schen ver­ges­sen machen, daß sie eine gro­ße Ver­gan­gen­heit als selb­stän­di­ge und begab­te Nati­on besitzen.«

Trotz die­ser beein­dru­cken­den Bei­spie­le eines offen­si­ven Links­na­tio­na­lis­mus muß aber betont wer­den, daß die hier prä­sen­tier­ten mao­is­ti­schen Grup­pen mit ihrer Behand­lung der natio­na­len Fra­ge, bei der sie auch unter­ein­an­der durch­aus Unter­schie­de auf­wie­sen, inner­halb des mao­is­ti­schen Lagers in der Bun­des­re­pu­blik im pro­gram­ma­ti­schen Gegen­satz zu per­so­nell und orga­ni­sa­to­risch stär­ke­ren Grup­pie­run­gen stan­den. Bei­spiels­wei­se zeig­ten sich mit dem »Kom­mu­nis­ti­schen Bund West­deutsch­land« (KBW) sowie dem »Kom­mu­nis­ti­schen Bund Nord« (KB) ande­re Grup­pen natio­nal ent­halt­sam bis betont anti­na­tio­nal: Der KB Nord hielt etwa unge­bro­chen an den The­sen der APO von einer kon­kre­ten Faschis­mus­ge­fahr in der Bun­des­re­pu­blik fest und lehn­te die deut­sche Ein­heit daher ent­schie­den ab. Aber gera­de aus die­sen letzt­ge­nann­ten Grup­pie­run­gen soll­te sich dann zum einen in einem nicht unbe­deu­ten­den Aus­ma­ße das poli­ti­sche und ein­fluß­rei­che Füh­rungs­per­so­nal der SPD und der Grü­nen sowie ins­be­son­de­re auch spä­te­rer Bun­des­re­gie­run­gen rekru­tie­ren, wie etwa Jür­gen Trit­tin, Ulla Schmidt, Joscha Schmie­rer, Rein­hard Büti­ko­fer und vie­le ande­re; zum ande­ren war hier im Wesent­li­chen die Wur­zel für die im Zuge der Wie­der­ver­ei­ni­gung auf­tre­ten­de Bewe­gung der »Anti­deut­schen« aus­zu­ma­chen: Bei­de Strän­ge soll­ten ihren Teil dazu bei­tra­gen, daß sich bis heu­te auf der poli­ti­schen Lin­ken das nega­ti­ve Bild der Nati­on, der natio­na­le Selbst­haß sowie das Ziel einer Abschaf­fung des Natio­nal­staa­tes wei­ter ver­fes­tig­te und der in knap­per Form hier vor­ge­stell­te natio­na­le Wider­stand gegen die Super­mäch­te im Ein­klang mit einem Patrio­tis­mus von links nur eine Pha­se in ihrer His­to­rie geblie­ben ist.

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