Sezession
1. Februar 2016

»Der Frieden ist eine fragile Sache…« Alain de Benoist im Gespräch

Gastbeitrag

Nach den Terroranschlägen vom letzten Januar gingen Millionen Menschen auf die Straße und riefen: »Ich bin Charlie!« In den Tagen nach dem Anschlag vom 13. November gab es nur wenige Kundgebungen, dafür eine »nationale Trauerfeier« im Ehrenhof vor dem Invalidendom. Woher rührt dieser Unterschied?

Benoist: Im Januar haben islamistische Terroristen Journalisten getötet, denen sie »Blasphemie« vorwarfen, und anschließend Juden aus dem einzigen Grund, daß sie Juden waren. Da fiel es den Demonstranten, die zum Großteil weder Journalisten noch Juden waren, leicht, sich solidarisch zu erklären. Im Gegensatz dazu haben die Attentäter vom 13. November die Besucher des »Bataclan« unterschiedslos abgeschlachtet. Sie wollten uns mit dieser eiskalten Dusche zeigen, daß jeder von uns ein potentielles Opfer sei. Auch wenn die Täter in beiden Fällen »radikalisierte« Kriminelle waren, so war die Botschaft nicht dieselbe. Der Angriff auf Charlie Hebdo war religiöser, der auf das »Bataclan« politischer Natur. Die Terroristen vom 13. November haben Vergeltung für unser militärisches Engagement in Syrien geübt. Hollande hat das sehr wohl verstanden: Er befahl den Luftstreitkräften umgehend, ihre Einsätze zu intensivieren, während er gleichzeitig eine großangelegte diplomatische Tour unternahm. Wie Dominique Jamet bemerkte: »Wir können keinen Krieg in einem fernen Land führen und in unserem eigenen Land Frieden haben.« Wir führen Krieg bei ihnen, sie führen Krieg bei uns. So einfach ist das.

»Diesmal ist es Krieg!« titelte Le Parisien am Tag nach den Anschlägen vom 13. November. »Wir befinden uns im Krieg«, ließ auch Premierminister Manuel Valls verlauten. Sind auch Sie dieser Meinung?

Benoist: Natürlich. Aber warum noch extra betonen, was sich von selbst versteht? Das eigentliche Problem ist, daß wir uns zwar im Kriegszustand befinden, daß aber viele Franzosen überhaupt keine Vorstellung davon haben, was das eigentlich bedeutet. Sie haben auf die Tragödie mit konventionellen Schlagworten geantwortet, die humanitären (»Traurigkeit«, »Schrecken«), sentimentalen (»Widmet den Opfern einen Gedanken«) oder kindlich-schutzsuchenden Kategorien entstammen (»Beschützt uns vor den Bösen!«). Sie halten Schweigeminuten ab und zünden Kerzen an, nicht anders, als wenn ein Amoklauf in einer Schule, ein Flugzeugabsturz oder ein Erdbeben stattgefunden hätten. Sie erklären, daß sie »keine Angst haben«, während sie auf jeden falschen Alarm wie kopflose Kaninchen reagieren. Es herrschen Angst, Unsicherheit, Psychose. Am Ende erklärt man sich die Angriffe als Entfesselung einer unbegreiflichen Gewalt, deren Urheber »den Tod lieben« und deren Opfer »das Leben lieben«. Dieses Vokabular, diese Haltung, diese Reaktionen sind nicht die eines Volkes, das begriffen hat, was Krieg ist.

Woher rührt dieser Mangel an Einsicht in die Lage?

Benoist: Erstens haben wir es mit einer besonderen Kombination aus konventionellem Bodenkrieg und Terrorismus zu tun, wobei der Feind seine Kämpfer zum Teil in unserem eigenen Land rekrutiert. Außerdem hat niemand den Franzosen ausreichend erklärt, warum sie sich an der Seite der Amerikaner in einem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten engagieren sollen, oder warum wir hartnäckig jegliche Kooperation mit Syrien und dem Iran verweigern, die den IS mit Waffengewalt bekämpfen, während wir gleichzeitig die Öldiktaturen am Golf hofieren, die die Dschihadisten direkt oder indirekt unterstützen. Ein solcher Mangel an Klarheit ist für das Verständnis nicht gerade förderlich.

Das klingt nun so, als wäre die Verteidigungsbereitschaft eine Frage des vernünftig erklärten Verteidigungsgrundes...

Benoist: Nein, der wahre Grund liegt natürlich anderswo. Abgesehen von den Entkolonialisierungskriegen (Indochina, Algerien) lebt Frankreich seit 70 Jahren im Frieden. Das bedeutet, daß drei Generationen den Krieg nicht mehr kennen, ihn nie erlebt haben – ein in der Geschichte einzigartiger Fall. In der kollektiven Vorstellung der Europäer gibt es keinen Krieg mehr, oder genauer gesagt: gibt es »bei uns« keinen Krieg mehr. Trotz der Ereignisse, die Jugoslawien zerrissen haben und trotz der Ukraine-Krise glauben sie, daß Krieg in Europa zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden ist. Sie bilden sich ein, daß das europäische Aufbauprojekt einen Friedenszustand geschaffen hat, der ewig andauern wird. Natürlich weiß man, daß die französische Armee in diversen Ländern »Operationen« durchführt, aber man tut so, als ob einen dies nichts anginge. Darum sprechen wir auch von »apokalyptischen Szenen«, um die Anschläge zu beschreiben, denen 130 Menschen zum Opfer fielen. Wenn das »apokalyptisch« ist – was bleibt einem dann noch an Worten für Zeiten wie den Ersten Weltkrieg übrig, in denen täglich mehr als 20000 Menschen umkamen? Wir müssen begreifen, daß der Frieden eine fragile Sache ist und niemals der natürliche, selbstverständliche Zustand einer Gesellschaft sein kann. Auch in Europa.

Der alte Traum, »den Krieg abzuschaffen«, bleibt aber bestehen, obwohl es seit der offiziellen Abschaffung des Krieges mehr Kriege auf der Welt gibt als je zuvor.

Benoist: Dies ist der Geist jener Pazifisten, die »den Krieg bekämpfen« wollen, ohne zu merken, wie paradox dieser Slogan ist. Pazifismus bedeutet jedoch keineswegs Frieden; eher im Gegenteil! In seiner 1795 publizierten Abhandlung Zum ewigen Frieden erklärte Kant den »ewigen Frieden« zum Postulat der praktischen Vernunft: »Nun spricht die moralisch-praktische Vernunft in uns ihr unwiderstehliches Veto aus: Es soll kein Krieg sein.« Man sieht, daß dies einen frommen Schwur voraussetzt, denn wenn es möglich wäre, in die Praxis umzusetzen, was sich nur im Bereich der reinen Vernunft offenbart, dann gäbe es keinen Grund, noch an einer Unterscheidung zwischen Empirie und Metaphysik festzuhalten. Das Kantsche Projekt stellte in Wahrheit die Metaphysik und die Moral über das Recht und bekräftigte die Vorherrschaft der Metaphysik über die Praxis. Frieden kann jedoch nicht ohne Krieg gedacht werden und Krieg nicht ohne Frieden.

Das bedeutet für die Politik?

Benoist: Der Krieg wird immer eine Möglichkeit bleiben. Es wird uns niemals gelingen, seine Ursachen zum Verschwinden zu bringen, da wir keine vollständige Kontrolle über die vielfältigen Gegensätze und Unvereinbarkeiten haben können, die sich aus den Bestrebungen, Werten, Interessen und Projekten der Menschen ergeben. Auch die Abschaffung des Nationalstaates würde daran nichts ändern: In einem »Weltstaat« würden die Nationalkriege einfach durch Bürgerkriege ersetzt werden. Wir bringen einen Feind nicht dadurch zum Verschwinden, daß wir uns zu Friedensaposteln erklären, sondern indem wir uns als stärker als er erweisen.

Der Islamische Staat macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für die westliche Zivilisation, die er für »dekadent« hält. Was sagen Sie dazu?

Benoist: Die Dekadenz des heutigen Westens ist eine Tatsache. Ebenso trifft es zu, daß seine Interventionen im Nahen Osten seit 1990 Bürgerkriege und Chaos hervorgebracht haben. Unsere Defekte zu glorifizieren wäre jedoch die denkbar schlechteste Antwort. Im Gegenteil, es ist unsere Dekadenz, die uns auf selbstmörderische Weise daran hindert, uns dem Dschihadismus zu stellen. François Hollande ermunterte uns schon bald nach den Anschlägen im Januar, mit dem »Konsumieren« fortzufahren, und neulich empfahl er uns die »Zerstreuung«. Die Zeremonie vor dem Invalidendom war ein Druck auf die Tränendrüsen, aber kein Aufruf zum Kampf. Mit Variété-Schlagern werden wir keinen Mut und keine Willenskraft erzeugen. Wie Olivier Zajec schrieb: »Es sind die Nationen, und nicht der Konsum oder die Moral, die der Welt wieder eine Form und einen Sinn geben.« Krieg ist eine Bezugnahme auf andere, die auch eine Bezugnahme auf sich selbst impliziert. Das bedeutet: »Wenn wir erkennen wollen, was unsere Interessen sind, dann müssen wir zuerst erkennen, wer wir selbst sind« (Hubert Védrine). Europa hat angesichts eines Universalismus, der zu seiner Entwurzelung führt, keine andere Wahl, als sein konstitutives Eigenes zu bekräftigen.


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