»Der Frieden ist eine fragile Sache…« Alain de Benoist im Gespräch

Nach den Terroranschlägen vom letzten Januar gingen Millionen Menschen auf die Straße und riefen: »Ich bin Charlie!« In den Tagen nach dem Anschlag vom 13. November gab es nur wenige Kundgebungen, dafür eine »nationale Trauerfeier« im Ehrenhof vor dem Invalidendom. Woher rührt dieser Unterschied?

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Nach den Ter­ror­an­schlä­gen vom letz­ten Janu­ar gin­gen Mil­lio­nen Men­schen auf die Stra­ße und rie­fen: »Ich bin Char­lie!« In den Tagen nach dem Anschlag vom 13. Novem­ber gab es nur weni­ge Kund­ge­bun­gen, dafür eine »natio­na­le Trau­er­fei­er« im Ehren­hof vor dem Inva­li­den­dom. Woher rührt die­ser Unterschied?

Benoist: Im Janu­ar haben isla­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten Jour­na­lis­ten getö­tet, denen sie »Blas­phe­mie« vor­war­fen, und anschlie­ßend Juden aus dem ein­zi­gen Grund, daß sie Juden waren. Da fiel es den Demons­tran­ten, die zum Groß­teil weder Jour­na­lis­ten noch Juden waren, leicht, sich soli­da­risch zu erklä­ren. Im Gegen­satz dazu haben die Atten­tä­ter vom 13. Novem­ber die Besu­cher des »Bata­clan« unter­schieds­los abge­schlach­tet. Sie woll­ten uns mit die­ser eis­kal­ten Dusche zei­gen, daß jeder von uns ein poten­ti­el­les Opfer sei. Auch wenn die Täter in bei­den Fäl­len »radi­ka­li­sier­te« Kri­mi­nel­le waren, so war die Bot­schaft nicht die­sel­be. Der Angriff auf Char­lie Heb­do war reli­giö­ser, der auf das »Bata­clan« poli­ti­scher Natur. Die Ter­ro­ris­ten vom 13. Novem­ber haben Ver­gel­tung für unser mili­tä­ri­sches Enga­ge­ment in Syri­en geübt. Hol­lan­de hat das sehr wohl ver­stan­den: Er befahl den Luft­streit­kräf­ten umge­hend, ihre Ein­sät­ze zu inten­si­vie­ren, wäh­rend er gleich­zei­tig eine groß­an­ge­leg­te diplo­ma­ti­sche Tour unter­nahm. Wie Domi­ni­que Jamet bemerk­te: »Wir kön­nen kei­nen Krieg in einem fer­nen Land füh­ren und in unse­rem eige­nen Land Frie­den haben.« Wir füh­ren Krieg bei ihnen, sie füh­ren Krieg bei uns. So ein­fach ist das.

»Dies­mal ist es Krieg!« titel­te Le Pari­si­en am Tag nach den Anschlä­gen vom 13. Novem­ber. »Wir befin­den uns im Krieg«, ließ auch Pre­mier­mi­nis­ter Manu­el Valls ver­lau­ten. Sind auch Sie die­ser Meinung?

Benoist: Natür­lich. Aber war­um noch extra beto­nen, was sich von selbst ver­steht? Das eigent­li­che Pro­blem ist, daß wir uns zwar im Kriegs­zu­stand befin­den, daß aber vie­le Fran­zo­sen über­haupt kei­ne Vor­stel­lung davon haben, was das eigent­lich bedeu­tet. Sie haben auf die Tra­gö­die mit kon­ven­tio­nel­len Schlag­wor­ten geant­wor­tet, die huma­ni­tä­ren (»Trau­rig­keit«, »Schre­cken«), sen­ti­men­ta­len (»Wid­met den Opfern einen Gedan­ken«) oder kind­lich-schutz­su­chen­den Kate­go­rien ent­stam­men (»Beschützt uns vor den Bösen!«). Sie hal­ten Schwei­ge­mi­nu­ten ab und zün­den Ker­zen an, nicht anders, als wenn ein Amok­lauf in einer Schu­le, ein Flug­zeug­ab­sturz oder ein Erd­be­ben statt­ge­fun­den hät­ten. Sie erklä­ren, daß sie »kei­ne Angst haben«, wäh­rend sie auf jeden fal­schen Alarm wie kopf­lo­se Kanin­chen reagie­ren. Es herr­schen Angst, Unsi­cher­heit, Psy­cho­se. Am Ende erklärt man sich die Angrif­fe als Ent­fes­se­lung einer unbe­greif­li­chen Gewalt, deren Urhe­ber »den Tod lie­ben« und deren Opfer »das Leben lie­ben«. Die­ses Voka­bu­lar, die­se Hal­tung, die­se Reak­tio­nen sind nicht die eines Vol­kes, das begrif­fen hat, was Krieg ist.

Woher rührt die­ser Man­gel an Ein­sicht in die Lage?

Benoist: Ers­tens haben wir es mit einer beson­de­ren Kom­bi­na­ti­on aus kon­ven­tio­nel­lem Boden­krieg und Ter­ro­ris­mus zu tun, wobei der Feind sei­ne Kämp­fer zum Teil in unse­rem eige­nen Land rekru­tiert. Außer­dem hat nie­mand den Fran­zo­sen aus­rei­chend erklärt, war­um sie sich an der Sei­te der Ame­ri­ka­ner in einem Kon­flikt zwi­schen Sun­ni­ten und Schii­ten enga­gie­ren sol­len, oder war­um wir hart­nä­ckig jeg­li­che Koope­ra­ti­on mit Syri­en und dem Iran ver­wei­gern, die den IS mit Waf­fen­ge­walt bekämp­fen, wäh­rend wir gleich­zei­tig die Öldik­ta­tu­ren am Golf hofie­ren, die die Dschi­ha­dis­ten direkt oder indi­rekt unter­stüt­zen. Ein sol­cher Man­gel an Klar­heit ist für das Ver­ständ­nis nicht gera­de förderlich.

Das klingt nun so, als wäre die Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft eine Fra­ge des ver­nünf­tig erklär­ten Verteidigungsgrundes…

Benoist: Nein, der wah­re Grund liegt natür­lich anders­wo. Abge­se­hen von den Ent­ko­lo­nia­li­sie­rungs­krie­gen (Indo­chi­na, Alge­ri­en) lebt Frank­reich seit 70 Jah­ren im Frie­den. Das bedeu­tet, daß drei Genera­tio­nen den Krieg nicht mehr ken­nen, ihn nie erlebt haben – ein in der Geschich­te ein­zig­ar­ti­ger Fall. In der kol­lek­ti­ven Vor­stel­lung der Euro­pä­er gibt es kei­nen Krieg mehr, oder genau­er gesagt: gibt es »bei uns« kei­nen Krieg mehr. Trotz der Ereig­nis­se, die Jugo­sla­wi­en zer­ris­sen haben und trotz der Ukrai­ne-Kri­se glau­ben sie, daß Krieg in Euro­pa zu einem Ding der Unmög­lich­keit gewor­den ist. Sie bil­den sich ein, daß das euro­päi­sche Auf­bau­pro­jekt einen Frie­dens­zu­stand geschaf­fen hat, der ewig andau­ern wird. Natür­lich weiß man, daß die fran­zö­si­sche Armee in diver­sen Län­dern »Ope­ra­tio­nen« durch­führt, aber man tut so, als ob einen dies nichts angin­ge. Dar­um spre­chen wir auch von »apo­ka­lyp­ti­schen Sze­nen«, um die Anschlä­ge zu beschrei­ben, denen 130 Men­schen zum Opfer fie­len. Wenn das »apo­ka­lyp­tisch« ist – was bleibt einem dann noch an Wor­ten für Zei­ten wie den Ers­ten Welt­krieg übrig, in denen täg­lich mehr als 20000 Men­schen umka­men? Wir müs­sen begrei­fen, daß der Frie­den eine fra­gi­le Sache ist und nie­mals der natür­li­che, selbst­ver­ständ­li­che Zustand einer Gesell­schaft sein kann. Auch in Europa.

Der alte Traum, »den Krieg abzu­schaf­fen«, bleibt aber bestehen, obwohl es seit der offi­zi­el­len Abschaf­fung des Krie­ges mehr Krie­ge auf der Welt gibt als je zuvor.

Benoist: Dies ist der Geist jener Pazi­fis­ten, die »den Krieg bekämp­fen« wol­len, ohne zu mer­ken, wie para­dox die­ser Slo­gan ist. Pazi­fis­mus bedeu­tet jedoch kei­nes­wegs Frie­den; eher im Gegen­teil! In sei­ner 1795 publi­zier­ten Abhand­lung Zum ewi­gen Frie­den erklär­te Kant den »ewi­gen Frie­den« zum Pos­tu­lat der prak­ti­schen Ver­nunft: »Nun spricht die mora­lisch-prak­ti­sche Ver­nunft in uns ihr unwi­der­steh­li­ches Veto aus: Es soll kein Krieg sein.« Man sieht, daß dies einen from­men Schwur vor­aus­setzt, denn wenn es mög­lich wäre, in die Pra­xis umzu­set­zen, was sich nur im Bereich der rei­nen Ver­nunft offen­bart, dann gäbe es kei­nen Grund, noch an einer Unter­schei­dung zwi­schen Empi­rie und Meta­phy­sik fest­zu­hal­ten. Das Kant­sche Pro­jekt stell­te in Wahr­heit die Meta­phy­sik und die Moral über das Recht und bekräf­tig­te die Vor­herr­schaft der Meta­phy­sik über die Pra­xis. Frie­den kann jedoch nicht ohne Krieg gedacht wer­den und Krieg nicht ohne Frieden.

Das bedeu­tet für die Politik?

Benoist: Der Krieg wird immer eine Mög­lich­keit blei­ben. Es wird uns nie­mals gelin­gen, sei­ne Ursa­chen zum Ver­schwin­den zu brin­gen, da wir kei­ne voll­stän­di­ge Kon­trol­le über die viel­fäl­ti­gen Gegen­sät­ze und Unver­ein­bar­kei­ten haben kön­nen, die sich aus den Bestre­bun­gen, Wer­ten, Inter­es­sen und Pro­jek­ten der Men­schen erge­ben. Auch die Abschaf­fung des Natio­nal­staa­tes wür­de dar­an nichts ändern: In einem »Welt­staat« wür­den die Natio­nal­krie­ge ein­fach durch Bür­ger­krie­ge ersetzt wer­den. Wir brin­gen einen Feind nicht dadurch zum Ver­schwin­den, daß wir uns zu Frie­dens­a­pos­teln erklä­ren, son­dern indem wir uns als stär­ker als er erweisen.

Der Isla­mi­sche Staat macht kei­nen Hehl aus sei­ner Ver­ach­tung für die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on, die er für »deka­dent« hält. Was sagen Sie dazu?

Benoist: Die Deka­denz des heu­ti­gen Wes­tens ist eine Tat­sa­che. Eben­so trifft es zu, daß sei­ne Inter­ven­tio­nen im Nahen Osten seit 1990 Bür­ger­krie­ge und Cha­os her­vor­ge­bracht haben. Unse­re Defek­te zu glo­ri­fi­zie­ren wäre jedoch die denk­bar schlech­tes­te Ant­wort. Im Gegen­teil, es ist unse­re Deka­denz, die uns auf selbst­mör­de­ri­sche Wei­se dar­an hin­dert, uns dem Dschi­ha­dis­mus zu stel­len. Fran­çois Hol­lan­de ermun­ter­te uns schon bald nach den Anschlä­gen im Janu­ar, mit dem »Kon­su­mie­ren« fort­zu­fah­ren, und neu­lich emp­fahl er uns die »Zer­streu­ung«. Die Zere­mo­nie vor dem Inva­li­den­dom war ein Druck auf die Trä­nen­drü­sen, aber kein Auf­ruf zum Kampf. Mit Varié­té-Schla­gern wer­den wir kei­nen Mut und kei­ne Wil­lens­kraft erzeu­gen. Wie Oli­vi­er Zajec schrieb: »Es sind die Natio­nen, und nicht der Kon­sum oder die Moral, die der Welt wie­der eine Form und einen Sinn geben.« Krieg ist eine Bezug­nah­me auf ande­re, die auch eine Bezug­nah­me auf sich selbst impli­ziert. Das bedeu­tet: »Wenn wir erken­nen wol­len, was unse­re Inter­es­sen sind, dann müs­sen wir zuerst erken­nen, wer wir selbst sind« (Hubert Védri­ne). Euro­pa hat ange­sichts eines Uni­ver­sa­lis­mus, der zu sei­ner Ent­wur­ze­lung führt, kei­ne ande­re Wahl, als sein kon­sti­tu­ti­ves Eige­nes zu bekräftigen.

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