Vor dem Bücherschrank (XII): Literarischer Widerstand

Bei der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 wurden Bücher von Heinrich Mann, Bertolt Brecht und Erich Maria Remarque ins Feuer geworfen, als wären sie damit vom Erdboden getilgt. Die demonstrative Verbrennung von Literatur, von Kunst, Ideen, Gedanken sollte eine »Reinigung« darstellen, die Bibliotheken wurden gesäubert; was mißliebig schien, wurde aussortiert. Gleichwohl legte die radikale Auslöschung nahe, daß Literatur ein gefährlicher geistiger Machtfaktor sein kann, was auch die Bedeutung und Gefährdung der Literatur des Widerstands erklärt.

Bei der Bücher­ver­bren­nung vom 10. Mai 1933 wur­den Bücher von Hein­rich Mann, Ber­tolt Brecht und Erich Maria Remar­que ins Feu­er gewor­fen, als wären sie damit vom Erd­bo­den getilgt. Die demons­tra­ti­ve Ver­bren­nung von Lite­ra­tur, von Kunst, Ideen, Gedan­ken soll­te eine »Rei­ni­gung« dar­stel­len, die Biblio­the­ken wur­den gesäu­bert; was miß­li­e­big schien, wur­de aus­sor­tiert. Gleich­wohl leg­te die radi­ka­le Aus­lö­schung nahe, daß Lite­ra­tur ein gefähr­li­cher geis­ti­ger Macht­fak­tor sein kann, was auch die Bedeu­tung und Gefähr­dung der Lite­ra­tur des Wider­stands erklärt.

Mann, Brecht und Remar­que hat­ten guten Grund, das Land zu ver­las­sen, wie vie­le lin­ke Autoren, wie Anna Seg­hers, Lion Feucht­wan­ger oder Johan­nes R. Becher. Ande­re Autoren sind in Deutsch­land geblie­ben und haben ihre Fah­ne den­noch nicht nach dem Wind gehängt. Aus die­ser inne­ren Emi­gra­ti­on in Deutsch­land gin­gen bemer­kens­wer­te lite­ra­ri­sche Wider­stands­ak­te gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus her­vor, etwa Ernst Jün­gers Erzäh­lung Auf den Mar­mor­klip­pen (1939), die bekannt­lich dazu führ­te, daß Joseph Goeb­bels den Autor sogleich »zu lebens­läng­li­cher Haft in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger« brin­gen las­sen wollte.

Doch blen­den wir zurück in den Win­ter 1932 / 33. In Pots­dam arbei­te­te Rein­hold Schnei­der, der nach inten­si­ven Stu­di­en zur spa­ni­schen und por­tu­gie­si­schen Geschich­te gera­de­zu »über­fal­len« wur­de von der »preu­ßi­schen Idee«, an sei­nem Buch über die Hohen­zol­lern, wäh­rend unten auf der Stra­ße die SA mar­schier­te und aus dem Radio die »peit­schen­den Stim­men« der Mas­sen­ver­samm­lun­gen dröhn­ten. »Wen­den wir uns der Geschich­te zu, so müs­sen wir bereit sein, Wer­te in ihr zu fin­den« – aber wel­che Wer­te hat Schnei­der gefun­den? »Das Reich ist und bleibt der höchs­te deut­sche Wert«, heißt es in aller Klar­heit im Hohen­zol­lern-Buch. Doch dür­fe man das Reich, »jene erha­be­ne Form«, nicht gegen Preu­ßen aus­spie­len. Weil es die »stärks­te form­ge­ben­de Kraft« war, die im Reich exis­tier­te, muß­ten das »preu­ßi­sche Bei­spiel« und sei­ne »mensch­li­chen Wer­te« bejaht wer­den. Preu­ßen illus­trie­re, daß es der »gemein­sa­me Dienst« sei, der ein Volk »erschaf­fe« – und sicher »nicht das Blut, nicht die Ras­se«. Über­deut­lich setz­te sich Schnei­der von der aktu­el­len Mys­ti­fi­ka­ti­on der Ras­se ab und berief sich dabei auf Preu­ßen. Daher hat Wolf­gang Früh­wald auch fest­ge­stellt: »Ohne Zwei­fel gehört 1933 Schnei­ders Hal­tung im Buch über Die Hohen­zol­lern zur Lite­ra­tur der ›kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on‹ in Deutsch­land.« Schon im Dezem­ber 1931 hat­te Schnei­der sehr hell­sich­tig geschrie­ben, daß die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Bewe­gung »nur zur Kata­stro­phe füh­ren« kön­ne, denn das, was sie auf­hal­ten wol­le, wer­de durch sie nur »beschleu­nigt«.

Als Schnei­der das Manu­skript im März 1933 been­de­te, hat­ten sich die Natio­nal­so­zia­lis­ten Preu­ßens bemäch­tigt. Zum »Tag von Pots­dam« schrieb Schnei­der: »Gro­tesk war, daß der Kron­prinz in der Kai­se­rin Loge mit dabei saß und zusah, wie ande­re sein Reich ver­wal­te­ten.« Das Hohen­zol­lern-Buch erschien im August 1933, eine zwei­te Au age kam noch her­aus, aber 1935 schrieb Schnei­ders Ver­le­ger, das Buch sei »höhe­ren Orts sehr unbeliebt«.

Der­weil hat­te Rein­hold Schnei­der in Pots­dam eine wich­ti­ge Freund­schaft geschlos­sen, mit dem gleich­alt­ri­gen Autor und Radio-Redak­teur Jochen Klep­per. Nach Lek­tü­re von Schnei­ders Hohen­zol­lern schrieb der vol­ler Begeis­te­rung: »Ich wünsch­te mir nur, Ihrem Buch einen nur annä­hernd eben­bür­ti­gen Roman an die Sei­te stel­len zu kön­nen!« In den fol­gen­den Jah­ren soll­te er eben das tun: Klep­per griff auf erzäh­len­de Wei­se jenen Stoff auf, den Schnei­der zuvor geschichts­poe­tisch erkun­det hat­te. 1937 erschien Klep­pers Der Vater – Der Roman des Sol­da­ten­kö­nigs, sein Por­trät von Fried­rich Wil­helm I.

Gegen »das über­lie­fer­te Bild des unge­bil­de­ten Sol­da­ten­kö­nigs, der sei­ne Lan­des­kin­der prü­gel­te« stell­te der Pfar­rers­sohn und tief­gläu­bi­ge evan­ge­li­sche Christ Jochen Klep­per »sei­ne Inter­pre­ta­ti­on des gläu­bi­gen, christ­li­chen Königs« und zeich­ne­te »den auto­kra­ti­schen Preu­ßen­kö­nig Fried­rich Wil­helm I. (1688–1740) als einen pflicht­be­wuß­ten, auf­op­fe­rungs­vol­len Herr­scher, der sich ganz unter das Gesetz sei­nes Got­tes gestellt hat, der sich von Gott in die Pflicht für Land und Leu­te genom­men sieht und an die­ser Auf­ga­be fast zer­bricht«, wie Ursu­la Homann schreibt. Der König liest in der Bibel und erscheint als »Sach­wal­ter Got­tes auf Erden«. Es kann von einem theo­lo­gi­schen Roman gespro­chen wer­den. In des­sen Vor­ar­bei­ten fin­det sich auch ein Gedicht: »Herr, laß uns wie­der einen König sehen, / bevor die Welt die Köni­ge ver­gißt. / Denn sonst ver­mö­gen wir nicht zu ver­ste­hen, / nach wel­chem Maß man dei­ne Ord­nung mißt.« Und eben in Fried­rich Wil­helm I. woll­te Klep­per die­ses Maß der Ord­nung wider­spie­geln – Rein­hold Schnei­der und Jochen Klep­per waren kei­ne ein­ge­schwo­re­nen Repu­bli­ka­ner, son­dern Mon­ar­chis­ten, die Kon­takt zum exi­lier­ten Kai­ser in Hol­land hiel­ten und poli­ti­sche Herr­schaft stets auf eine höhe­re, gött­li­che Ord­nungs­macht bezogen.

Der Vater war ein Ver­kaufs­er­folg. Obwohl schon das vor­an­ge­stell­te Bibel­zi­tat »Den Köni­gen ist Unrecht tun ein Greu­el; denn durch Gerech­tig­keit wird der Thron befes­tigt« auf­merk­sa­men Lesern einen theo­lo­gi­schen Inter­pre­ta­ti­ons­schlüs­sel an die Hand geben moch­te, wur­de das Buch im Völ­ki­schen Beob­ach­ter gelobt und erreich­te bis 1945 eine Auf­la­ge von 100000 Exem­pla­ren. Wer die reli­giö­se Tie­fen­struk­tur über­sah, las ein­fach ein Lebens­bild des Sol­da­ten­kö­nigs. Die christ­lich fun­dier­te preu­ßi­sche Ord­nung ist aber als Gegen­ent­wurf zum tota­li­tä­ren Staat, der christ­li­che Mon­arch als Gegen­fi­gur zu Adolf Hit­ler kon­zi­piert, auch wenn heu­ti­ge Ger­ma­nis­ten den fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen preu­ßi­schen Auto­ri­täts­struk­tu­ren und tota­li­tä­rem Staat nicht mehr erken­nen wol­len. Um 1937 ist das Buch aber durch­aus mit die­ser kri­ti­schen Per­spek­ti­ve gele­sen wor­den, was zustim­men­de Reak­tio­nen aus der Wehr­macht oder der Beken­nen­den Kir­che eben­so bele­gen wie ableh­nen­de Urtei­le von Nationalsozialisten.

Die Wahl eines his­to­ri­schen Sujets ermög­lich­te es Klep­per und ande­ren Autoren, ihrer Gegen­wart einen kri­ti­schen Spie­gel vor­zu­hal­ten. Die his­to­ri­sche »Mas­kie­rung« ist auch die zen­tra­le Stra­te­gie von Rein­hold Schnei­ders Las Casas vor Karl V. Sze­nen aus der Kon­quis­ta­do­ren­zeit (1938), »ein Wider­stands­ro­man«, der »zu den weni­gen Bei­spie­len« gehört, »die Klar­heit des poli­ti­schen Stand­punkts mit lite­ra­ri­scher Qua­li­tät ver­bin­den«. Das Buch zählt, so der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Kaemp­fer, »zum Bedeu­tends­ten, was die lite­ra­ri­sche inne­re Emi­gra­ti­on her­vor­ge­bracht hat. Mit ihm gelingt es Schnei­der, Zeit­ge­schich­te auf Geschich­te so zu pro­ji­zie­ren, daß die Lite­ra­tur zur Ankla­ge und die Ankla­ge zur Lite­ra­tur wird«.

Bei sei­nen Stu­di­en zur ibe­ri­schen Geschich­te war Schnei­der auf Bar­to­lo­mé de Las Casas (1484–1566) gesto­ßen, der sich, nach­dem er im Rah­men der spa­ni­schen Con­quis­ta Mas­sa­ker und Hin­rich­tun­gen erlebt hat­te, für die Rech­te der Urein­woh­ner ein­setz­te. Obwohl es Las Casas gelang, Karl V. zur Erlas­sung neu­er Geset­ze gegen die Aus­beu­tung der Indi­os zu bewe­gen, blie­ben die­se Bemü­hun­gen doch letzt­lich wir­kungs­los. Rein­hold Schnei­der wähl­te die his­to­ri­sche Gestalt und die Ver­skla­vung der Indi­os in der Neu­en Welt, um damit eine Ana­lo­gie zur Ent­rech­tung der Juden in Deutsch­land herzustellen.

Die im Text for­mu­lier­te Kri­tik am Drit­ten Reich ist mit Hän­den zu grei­fen. So wird jede Form von Gewalt­herr­schaft als ille­gi­tim abge­lehnt: »Aber wer mit dem Schwert die­se Welt betritt, der sieht sie nicht; er hat Got­tes Welt schon ver­lo­ren.« Die Not »rührt daher, daß ich täg­lich füh­le, wie Got­tes Welt ver­dor­ben wird, weil fal­sche Gedan­ken in den Men­schen woh­nen und sie zu unfrom­men Taten zwin­gen. Denn mit den Schwer­tern ihres Macht­ver­lan­gens und den Grab­ha­cken ihrer Gier zer­schla­gen sie den Spie­gel im Men­schen, in dem Got­tes Ant­litz steht; wer aber kann den Miß­han­del­ten, in dem der Spie­gel zer­trüm­mert ist, noch einen Men­schen nen­nen? Er ist Satans Gehäu­se. Denn wo Gott flieht, da zieht Satan ein«. Ideo­lo­gie, Gott­fer­ne und Ent­mensch­li­chung gehen Hand in Hand, wie ent­hemm­te Gewalt­ak­te in der Neu­en Welt zei­gen, die Greu­el­ta­ten an Grei­sen, »die man wie Keh­richt vor die Haus­tür gewor­fen« hat, die Schreie »derer, die unter Peit­schen­hie­ben star­ben, und derer, die leben­dig ver­brannt wur­den (…), und derer, die in der Fol­ter hin­gen«. Der his­to­ri­sche Bericht wird gar zur Pro­phe­tie, wenn »Hügel und Ber­ge von Toten« beschrie­ben werden.

Die Par­al­le­le zur Ent­rech­tung und Ent­wür­di­gung der deut­schen Juden konn­te schwer­lich über­se­hen wer­den. Dabei bezieht sich Schnei­der auf den berühm­ten Dis­put von Val­la­do­lid, das Streit­ge­spräch zwi­schen Las Casas und dem Rechts­ge­lehr­ten Ginés de Sepúl­ve­da. Sepúl­ve­da pro­pa­giert die Erobe­rung, und er wer­de bestimmt Zeu­gen her­an­zie­hen, die bele­gen könn­ten, daß »die Indi­os von Grund auf tückisch und böse wären und daher (…) mit dem Schwer­te nie­der­ge­zwun­gen wer­den müß­ten«. Die Anspie­lung auf die anti­jü­di­sche Pro­pa­gan­da im Drit­ten Reich ist offensichtlich.

Ange­sichts der Wucht der Ankla­ge, die Schnei­der in Las Casas for­mu­liert hat­te, wur­de das Buch kurz nach Erschei­nen ver­bo­ten. 1941 ent­zog man Schnei­der dann die offi­zi­el­le Druck­erlaub­nis, so daß er nur noch ille­gal, unter Lebens­ge­fahr ver­öf­fent­li­chen konn­te. Hier­her gehört auch das Schick­sal sei­nes Freun­des, des Preu­ßen-Bewun­de­rers Jochen Klep­per, der mit einer Jüdin ver­hei­ra­tet war. Um der Depor­ta­ti­on von Frau und Toch­ter zu ent­ge­hen, ist die Fami­lie Klep­per am 11. Dezem­ber 1942 »gemein­sam in den Tod« gegangen.

In der sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne und der spä­te­ren DDR gab es kei­ne Bücher­ver­bren­nun­gen, aber auch hier wur­de Lite­ra­tur nach poli­ti­schen Kri­te­ri­en aus­ge­son­dert und lan­de­te in ein­zel­nen Fäl­len direkt auf dem Müll: Bei­spiels­wei­se wur­de der Meck­len­bur­ger Hei­mat­schrift­stel­ler Fried­rich Grie­se als »akti­ver Faschist« denun­ziert und sei­ne wert­vol­le Biblio­thek »mit Mist­ga­beln auf Lei­ter­wa­gen ver­la­den und zur Ver­nich­tung« gebracht (Rein­hard Rös­ler). Zim­per­lich konn­te man bei der Errich­tung eines sta­li­nis­ti­schen Sys­tems auf deut­schem Boden nicht zu Wer­ke gehen, und man erwar­te daher auch nicht, daß sich die Staats­schrift­stel­ler wie Anna Seg­hers, Her­mann Kant oder Chris­ta Wolf gleich­zei­tig noch im Wider­stand gegen ihren Staat befun­den hät­ten – gleich­wohl mögen ihre Wer­ke »so man­ches kri­ti­sche Räson­ne­ment aus­ge­löst haben« (um eine auf Jochen Klep­pers Vater gemünz­te For­mu­lie­rung Wolf­gang Kaemp­fers auf­zu­grei­fen). »Wider­stand«, das bedeu­te­te zunächst ein­mal, daß das ent­spre­chen­de Buch gar nicht erst gedruckt wur­de, zumin­dest nicht im Osten. So erging es auch dem jun­gen Uwe John­son mit sei­nem ers­ten Roman Ingrid Baben­der­erde, der die Geschich­te einer Abitur­klas­se des Jah­res 1953 schil­dert. Obwohl die DDR-Ver­fas­sung die Mei­nungs­frei­heit for­mal garan­tiert, wer­den die Abitu­ri­en­ten mit einer etwas ande­ren Rea­li­tät kon­fron­tiert: mit der Unter­drü­ckung der pro­tes­tan­ti­schen Jun­gen Gemein­de durch die SED. Als Ingrid Baben­der­erde (die also mit bei­den Bei­nen auf der Erde, auf dem Boden steht) den Schwur auf den »vor­mund­schaft­li­chen Staat« (Rolf Hen­rich) ver­wei­gert, wird sie wegen »par­tei­schä­di­gen­den Ver­hal­tens« unmit­tel­bar vor dem Abitur der Schu­le ver­wie­sen. Da Ingrid »mit sol­chen Leu­ten nichts mehr zu tun haben« will, stellt sie ihre »Rei­fe« nun auf ande­re Wei­se unter Beweis und ver­läßt mit ihrem Freund – bei­de »Schand­fle­cke« für die »demo­kra­ti­sche Ober­schu­le« – die DDR, wie auch John­son selbst, nach­dem sein Buch unver­öf­fent­licht blieb, dem Land 1959 den Rücken kehrte.

In einem Anflug von kul­tur­po­li­ti­scher Libe­ra­li­sie­rung konn­ten Ulrich Plenz­dorfs Wert­her-Moder­ni­sie­rung Die neu­en Lei­den des jun­gen W. (1972) und auch Vol­ker Brauns Unvoll­ende­te Geschich­te (1975) in Sinn und Form erschei­nen, bei­des Tex­te, in denen der Selbst­mord bzw. Selbst­mord­ver­such der Prot­ago­nis­ten immer­hin auf ihr Lei­den an der Enge der DDR zurück­ge­führt wer­den. Aber Hon­eckers Kul­tur­po­li­tik hat­te auch ihre Gren­zen, wie das Bei­spiel von Hei­ner Mül­ler belegt, des­sen apo­ka­lyp­ti­sche Tex­te eine Art Ket­ten­sä­gen­mas­sa­ker inner­halb der DDR-Lite­ra­tur dar­stel­len. Das gilt vor allem für sei­ne Ham­let­ma­schi­ne (1977), die mit allen Thea­ter­kon­ven­tio­nen gebro­chen hat. Shake­speares Ham­let, der klar­sich­ti­ge Zau­de­rer, ist Mül­ler zum Spie­gel­bild für den Intel­lek­tu­el­len in den Ost­block­staa­ten gewor­den: loy­al und doch kri­tisch, erkennt der post­mo­der­ne Ham­let, daß er auf­grund sei­ner Pri­vi­le­gi­en ver­lo­gen, ja gar schi­zo­phren gewor­den ist. Er schreibt für ein Sys­tem, das doch nur ein Gefäng­nis ist, und für eine Revo­lu­ti­on, die längst zu Zement erstarrt ist. Auf Sta­lins Tod 1953 und den Ungarn-Auf­stand 1956 anspie­lend, schreibt Mül­ler: »Die Hoff­nung hat sich nicht erfüllt. Das Denk­mal liegt am Boden, geschleift drei Jah­re nach dem Staats­be­gräb­nis des Geh­aß­ten und Ver­ehr­ten von sei­nen Nach­fol­gern in der Macht.« Der intel­lek­tu­el­le Künst­ler im Ost­block dient einem Unter­drü­ckungs­re­gime, das ohne Mau­er, Sta­chel­draht, Arbeits­la­ger und Fol­ter nicht exis­tie­ren kann: »Irgend­wo wer­den Lei­ber zer­bro­chen, damit ich woh­nen kann in mei­ner Schei­ße«, sagt Mül­lers Ham­let. »Irgend­wo wer­den Lei­ber geöff­net, damit ich allein sein kann mit mei­nem Blut.« In eine Rüs­tung geklei­det, spal­tet er »mit dem Beil die Köp­fe von Marx Lenin Mao«, es herrscht längst »Schnee. Eis­zeit«. Mit ande­ren Wor­ten: fin de par­tie – zwölf Jah­re vor dem offi­zi­el­len Ende hat Mül­ler dem »real­exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus« den Toten­schein aus­ge­stellt. Wenig über­ra­schend wur­de Die Ham­let­ma­schi­ne nicht in Ost-Ber­lin, son­dern in Paris urauf­ge­führt. Erst als die DDR zusam­men­brach, im Früh­jahr 1990, konn­te Mül­ler das Stück in Ber­lin inszenieren.

»Wider­stand« in der Tyran­nei, der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen wie der kom­mu­nis­ti­schen, konn­te, auch wenn es sich »nur« um den »Wider­stand der Ästhe­tik« han­del­te, mit dem Ver­lust der Frei­heit oder gar des Lebens enden. Bezie­hen wir die Kate­go­rie des lite­ra­ri­schen Wider­stands auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ist der Geg­ner jedoch kei­ne klar defi­nier­te Dik­ta­tur, kein bra­chia­les Unter­drü­ckungs­sys­tem. Sehr wohl aber kön­nen die all­ge­gen­wär­ti­ge »Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus« (Bene­dikt XVI.) oder ver­gleich­ba­re Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen der Moder­ne zum Anlaß des Wider­stands wer­den. Autoren wie Mar­tin Mose­bach (Häre­sie der Form­lo­sig­keit) und Botho Strauß (Der Auf­stand gegen die sekun­dä­re Welt; Die Unbe­hol­fe­nen) haben in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten kon­ser­va­ti­ve, wider­stän­di­ge Posi­tio­nen zum Main­stream ein­ge­nom­men, ohne daß ihre lite­ra­ri­schen Wider­stands­schrif­ten im Unter­grund zir­ku­lie­ren müßten.

An die­ser Stel­le sei an einem Bei­spiel demons­triert, daß sich auch bei lin­ken oder als links rezi­pier­ten Autoren bemer­kens­wer­te kon­ser­va­ti­ve Topoi fin­den. Wie der Mensch in sei­nem Mensch­sein, in sei­ner per­so­na­len Wür­de, in sei­nen Fähig­kei­ten von zuneh­men­der Ent­frem­dung und Gleich­ma­che­rei bedroht ist, so ist es auch die Welt, die Land­schaft, die Natur mit ihm und um ihn her­um. Sil­vio Blat­ter, von Hein­rich Böll beein­flußt, hat dies zum The­ma sei­nes gro­ßen Pan­ora­mas, der Frei­amt-Tri­lo­gie, gemacht (1978–88) – die drei Bän­de evo­zie­ren alle­samt kon­ser­va­ti­ve Bil­der: Zuneh­men­des Heim­weh, Kein schö­ner Land, Das sanf­te Gesetz. Das Frei­amt ist eine Regi­on im Nor­den der Schweiz, im Aar­gau, und doch gilt, wie Otto Lorenz in der Zeit schrieb: »Das Frei­amt ist über­all.« Denn über­all wird die Land­schaft zer­sie­delt, zer­stört, über­all wird der Boden indus­tri­ell zuge­rich­tet, und mit den Land­schaf­ten lösen sich auch die Tra­di­tio­nen und die natür­li­chen Bezü­ge der Gemein­schaft und Hei­mat auf. Die­se Bedro­hung vor Augen, erin­nert Blat­ter an Adal­bert Stif­ter, des­sen »Sanf­tes Gesetz« (sie­he Sezes­si­on 55, S. 44–45) ihm zum Vor­bild wird. Blat­ter for­dert die Men­schen auf, zu die­sem »Sanf­ten Gesetz« zurück­zu­keh­ren, sich wie­der­ein­zu­glie­dern in den natür­li­chen Lauf der Din­ge. Stif­ters Leit­bild des »Sanf­ten Geset­zes« kann Ver­trau­en, Hoff­nung, Iden­ti­tät und Mut ver­mit­teln. »Wenn einer also Rück­halt und Zuver­sicht hat, dann kann er das Ent­schei­den­de leis­ten«, so Blat­ter. Und was ist das Ent­schei­den­de? »Das Leben beja­hen, dar­auf ver­schwor er sich. Es war ein Beweg­grund, es schuf die Vor­aus­set­zung, um sich zu weh­ren. Er sah dar­in eine Form von Widerstand.«

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