Sezession
6. April 2017

Alles Lüge in Zeiten der Völkerwanderung

Ellen Kositza / 9 Kommentare

Sagt Elena. Im Roman. Nur, was heißt in diesem Fall schon „Roman“? Und, noch besser: Dieser Roman titelt Alles Lüge. In Wirklichkeit könnte er mehr Wahrheit enthalten als die herkömmlichen Presseerzeugnisse.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

 

Ich fühlte mich nach der Lektüre nicht nur vortrefflich unterhalten, bestens informiert über den Inner circle unserer Künstler, Feuilletonisten und anderer Kulturpromis. Elena heißt in Wahrheit anders, manch andere Protagonisten der „Szene“ treten hier pseudonymisiert auf, andere werden namentlich nur hauchfein verfremdet, andere (etwa Navid Kermani, Matthias Matussek) gar nicht.

 

Oh, dies ist ein herrliches Buch von Joachim Lottmann, der hier abermals als sein Alter ego Johann Lohmann auftritt! Was sich über weite Strecken reportageähnlich liest, ist vielleicht reine Kolportage, wer weiß.

 

Fakt ist: die sogenannte Flüchtlingskrise. Fakt zwei: Die Kulturelite ist einerseits hingerissen (von den abertausenden neuen, wertvollen Mitbürgern, die wie ein goldener Regen über dieses Land niedergehen), andererseits verstört bis erzürnt, nämlich über die dunkeldeutschen Ressentiments, die sich gegen diese wunderbaren traumatisierten und hochausgebildeten Geflüchteten richten.

 

Lohmann/Lottmann steht, wie es sich für einen Intellektuellen gehört, mittendrin und dazwischen: Er macht sich in Flüchtlingsunterkünften nützlich, besucht Vorträge, Lesungen, einen AfD-Parteitag und labert sich einen Ast – mit all den Leuten, die ihn nun in eine“rechte Ecke“ schieben wollen.

 

Das geht direkt ins Eingemachte, Risse tun sich auf, innerhalb der Freundschaftskreise, der Kollegenschaft, der Familie, erst recht zwischen ihm und seiner geliebten Frau, die – stramm linke Journalistin, die sie ist – emotional schwer klarkommt mit ihrem strengen Feminismus; mit übergriffigen Neubürgern; mit Todesdrohungen aus dem Islamistenlager, in dem sie recherchiert; mit ihrer unbedingten Islamophilie andererseits; mit ihrem Jüdischsein vor dem Hintergrund antisemitischer Äußerungen aus muslimischem Munde; mit Lohmanns einwanderungskritischen Äußerungen.

Sie war und blieb eben die linksliberale Publizistin und würde es noch sein, wenn im Treppenhaus ihrer Zeitung bereits die Brandbeschleuniger ausgeschüttet würden, von tapferen jungen Helden, die den Propheten rächten.

Lottmann macht aus alledem keine Tragödie, sondern ein heiteres Satyrspiel. Wir lesen hier eigentlich eine aberwitzige Glosse, deren Beschreibungsrahmen sich halt über anderthalb Jahre (und 350 Seiten) erstreckt. Schwer zu sagen, welche Szene mich am meisten beeindruckte; hier reiht sich geradezu Knaller an Knaller. Man kennt ja viele dieser Schilderungen und hat sie so oder ähnlich selbst erlebt.

 

Besonders eindrücklich ist der Fall Peter Schindel. Der Kerl trägt im echten Leben einen anderen Namen. Er ist der Wiener In-Literat schlechthin, Partytier und Frauenheld zusätzlich. In Gesprächen eckt Schindel neuerdings laufend an. Er ist alles andere als ein Islam-Versteher. „Es gibt schon jetzt weltweit mehr Islamisten, als es jemals Nazis gegeben hat. Das sollte reichen, um ihnen den Kampf zu erklären“, solche Sachen sagt Schindel, er ist cool und sieht gar nicht ein, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ist ihm ziemlich wurscht, wenn sich Frauen in angesagten Berliner Bars deshalb von ihm wegsetzen. Völlig egal, der „Betrieb“ liebt ihn, andere Frauen fahren auf ihn ab. Aber, nanu, Lottmann:

Schindel veröffentlichte nur wenig später einen Essay, in dem er sich virtuos und wortmächtig gegen Islamophobie aussprach. Seine Lektorin hatte ihm offensichtlich dazu geraten. Ich kannte solche Dinge von mir selbst. Es mußte nicht einmal verlogen sein. Wenn man etwas zu viel Dampf abgelassen hatte, schrieb man einfach das Gegenteil, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Außerdem hatte kein echter Schriftsteller Lust, aufgrund von einmal dahergesagten Dingen Nachteile beim Schreiben zu bekommen. Und die hätte es gegeben. Der linke Mainstream hatte sich in der Flüchtlingsfrage stärker und schneller radikalisiert als der rechte Stammtisch. Wer das Wort "Flüchtlinge" öffentlich in den Mund nahm und nicht umgehend auch "Hurra" schrie, war medial erledigt. Daher hielt ich mich zurück. Viele Zeitungen baten mich um einen Beitrag zum Thema. Ich drückte mich davor, da ich mich nur der Schindel-Methode hätte bedienen können.

Drückeberger, Verblendete, News-Faker, wohin man schaut in diesem „Roman“! Aber auch anderen Leuten begegnet Lottmann und sein „Held“, etwa Matthias Matussek, der über einen Twittereintrag stolpert und kaltgestellt wird. Da trifft sich das publizistische Milieu doch glatt zum Feiern und Betrinken aus lauter Freude über den Sturz des „elenden Isalamophobikers“.

 

Oder Milrahm, der in Wahrheit anders heißt, der Türke, ein klassischer Linksintellektueller, Vorzeigebeispiel für den „Migranten, der es in Deutschland schafft“. Seine Frau ist Genderwissenschaftlerin, eine sympathische Gemengelage also für Lohmanns Frau. Darum wird in politischen Fragen nur zwischen den Männern geflüstert, Milrahm: „Ich HASSE den Islam... ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr... er ist... DAS LETZTE!“

 

Andermal finden sich die Lohmanns auf einer Veranstaltung des muslimischen Vorzeigemuslims Navid Kermani wieder:

Ich sah mich um. Überall nur muffige, weißhaarige Gutmenschen. Also jene Generation, die in ihrer Kindheit, in der Schule, noch keine Konfrontation der Kulturen erlebt hatte. Und später in ihren gutbezahlten, unkündbaren Berufen auch nicht. Die Generation der Ahnungslosen. […] Würden sie jemals aufhören […], das öffentliche Bewußtsein zu dominieren, in ihrer greisenhaften Härte, die sich als Güte ausgab, die aber nichts anderes war als der eingelernte, fremdbestimmte und ungerechte Haß auf die Generation vor ihnen? Nein, sie würden bleiben, bis alles in Scherben lag.

Was Lohmann also feststellen muß: "MEINE Kultur ist im Zeitalter der Völkerwanderung als erste untergegangen. […] Kein Mensch hat sie verteidigt. Kein Intellektueller hat den Vorgang überhaupt gemerkt."

 

Starker Tobak. Darf ein Autor zu solch drastischen Worten greifen? Und ein großer Publikumsverlag das auch noch drucken? Achwo, das wär's ja! Hier spricht ja kein Autor, kein Intellektueller, sondern die Romanfigur Johann Lohmann. Das sollte man nicht vergessen. Lottmann hat sich dies alles aber sehr gut und höchst unterhaltsam ausgedacht. Begnadet, wer solch eine Fiktion sich auszumalen in der Lage ist!

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Joachim Lottmann: „Alles Lüge!“, Köln 2017, 350 S., 12 € – hier einsehen und bestellen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (9)

aletheia
6. April 2017 12:38

na ja, die inspiration holt sich der lottmann von seiner freundin christa zöchling, die in der realität noch viel ärger schreibt als im roman 

Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe. Die Flüchtlinge aus dem nahen Osten sind ein schönerer Menschenschlag. 

https://www.profil.at/oesterreich/hilfe-fluechtlinge-meine-freundin-5845568 

alles im dienste der aufkörung

Monika L.
6. April 2017 12:48

Liebe Frau Kositza,

es ist sehr lieb, dass Sie uns immer wieder Bücher vor-lesen, auf dass wir sie nachlesen oder auch nicht. Es macht ja eine gute Rezension aus, dass man auch merkt, welches Buch man besser nicht liest. Und dieses von Erwin Lottermann, äh Lindemann, werde ich nicht lesen!  Das Buch scheint mir zu deutsch, zu hirnlastig, zu humorlos.

kommentar kositza: In diesem Sinne war es eben  k e i n e gute Rezension von mir, insofern ich wohl einen falschen Eindruck erweckt hab. Lottmanns Buch ist alles andere als humorlos und kopflastig!

Die deutschen Intellektuellen bemerken den Untergang gar nicht. Die Generation der Ahnungslosen. Muffige, weißhaarige Gutmenschen...Davor graut mir.Ich bin kein Masochist. Ich fühle mich erinnert an Konstantin Wecker, der mit POESIE UND WIDERSTAND durch die Republik tourt. Das nenne ich einen 'unheimlichen schwachen Abgang'. Grrrrr))))))

Ich mag Poesie. Und Widerstand. Aber nicht so. Sondern anders.

Die ' Erweiterung der Kampfzone ins Private' ist schon im Neuen Testament beschrieben: Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Willen von allen gehaßt werden. Mt 10,21. Sollten wir Rechten statt zu reagieren, nicht auch agieren. Auch poetisch. Kabarettistisch. Humorvoll.

Réagir en cas d'attaque terroriste. Ein Plakat mit Handlungsanleitungen im Falle eines Terroranschlages hängt derzeit in vielen französischen Kirchen und Museen. Etwa auch in der Kirche St. Georg in Sélestat ( Schlettstadt): PRIEZ.Betet ! hat ein Scherzkeks über die Plakatkopfzeile geschrieben. Die aber, die den Untergang bemerken, was sollen sie tun ? Außer beten natürlich. Manchmal helfen ' KLEINE FLUCHTEN'( les petites fugues) in Zeiten der großen Völkerwanderung. In gutmenschenfreie Zonen. Im In- und Ausland. Oder ins Café Schnellroda. Mit Unisextoilette :) https://m.youtube.com/watch?v=sn5--yCyKic

Balmung
6. April 2017 13:04

Ähem, "muslimischer Vorzeigemuslim". Ich hab schon immer vermutet das seien zwei verschiedene Entitäten :-)

Langsax
6. April 2017 13:48

Danke Frau Kositza für den vergnüglichen Text! 

Dieser Terxt ist für mich insofern sehr vergnüglich, weil ich analoges in meinem privaten und beruflichen Umfeld ebenfalls so erlebe. Die Argumente der "Gutmenschen" werden aber immer stärker durch die Tatsachen, die die Einwanderer hier schaffen, konterkariert. Und selbst der naivste "Gutmensch" hat inzwischen Probleme in seiner Weltsicht, Spur zu halten. Wenn Realität auf Ideologie trifft, kommt es immer zu Reibungen und diese Reibungen erzeugen immer mehr Hitze. Den "Gutmenschen" in meiner Umgebung ist inzwischen auch fast zu heiß geworden, dass jedenfalls erzählen sie bei 4-Augen-Gesprächen. Und manchmal führt man Gespräche in perfekter DDR-Manier mit Menschen, die die DDR gar nicht kannten. Ergo: Man hat Angst, die Zustände offen zu benennen, weil man nicht sozial vernichtet werden will.

Man hat also wieder die "Schere im Kopf", die Widersprüche in der Gesellschaft werden noch unter der Decke gehalten, aber das ist immer weniger erfolgreich. Wir steuern auf einen sehr lauten und gräßlichen Knall zu. Die klugen Menschen merken es, aber sie wollen es sich nicht eingestehen. Wir erleben einerseits den schleichenden Übergang des "molekularen Bürgerkriegs" (H.M. Enzensberger) in den offenen, andererseits die absolute Stille (von den Deutschen in diesem Lande) vor dem Sturm. 

Caroline Sommerfeld
6. April 2017 15:27

Das Buch spielt auch noch großteils in Wien, schon die lokalen Schilderungen lassen erkennen, wie weit Lottmann die Freiheit der Kunst in die Realität hineinzieht.

Er zieht und zieht mit soviel Gewalt, daß womöglich am Schluß unter eifrigem Bekunden, es handle sich weiterhin um die Gattung "Roman", doch das herauskommt, was der französische Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune den "autobiographischen Pakt" genannt hat: der Autor schließt mit dem Leser einen ideellen Pakt, also eine Vereinbarung, die darin besteht, daß das "Ich" im Text eine Referenz zum Autor herstellt und somit den Autor ebenfalls bezeichnet. Der Realismuseffekt kennt dann kaum noch Grenzen - was die Lektüre völlig anders macht als bei reiner Fiktion.

Lottmanns/Lohmanns psychologisierend-ironische "Selbstkritik", warum er fast besessen seit früher Kindheit immer wieder desavouierende Sachen über ihm Nahestehende schreiben muß, mit allen sozialen Folgen der Kommunikation unter Anwesenden, hat mich natürlich an etwas erinnert.

Ich bin gespannt, welche Prozesse ihm "Alles Lüge" noch einbringen wird.

Westpreuße
6. April 2017 15:29

Geschätzte, liebe Frau KOSITZA,

ich fürchte, ELENA, im Roman, hat nicht den Überblick. Den Durchblick auch nicht. Von wegen der alten, weißen Männer, die, pardon, ungefixxx ins Bett gehen. Man(n) achte auf seine Figur, einigermaßen, lasse sich die weniger werdenden grau-weißen Haare kurz schneiden, halte sich viel unter freiem Himmel auf; setzt allerdings voraus, daß man Zeit hat, also jenseits von...Jahren ist, kleide sich lässig, schlicht und nicht affig, pflege seinen 3-Tage-Bart, immer schon, nicht neuerdings, und schaue den Frauen freundlich-aufmerksam in die Augen, aber nicht geil-ausziehend..., dann klappt es sogar noch mit den Frauen. Sogar ohne Geld, was nicht heißt, daß man(n) nicht auch mal einladend -großzügig sein darf. Allerdings sind hier in den Ostprovinzen im Staate Polen die Frauen doch sehr, sehr anders als in D.  Das ist ja nur die eine Hälfte; die andere wäre die "rechte Bildung", bestimmt und gelassen...

Zum Roman: Ich bin immer wieder erstaunt und verblüfft über den Reichtum und die Breite Ihrer Lektüre. Nein, ich lese solche Bücher nicht mehr. Irgendwann ist Schluß damit. Ich habe auch nicht das Gefühl, daß ich etwas versäume bzw. meinen Bildungshorizont in dieser Weise noch erweitern müßte. Ich lese zur Zeit von Helmut LETHEN, ist das nicht Frau SOMMERFELDS Mann, seine BENN -Biographie ("Der Sound der Väter: Gottfried Benn und seine Zeit"). Nicht wirklich neue Fakten, erwartet man ja auch nicht, aber interessante neue Sichtweisen und Denkanstöße. Und ich überlege, ob ich mir ihre Dissertation zulege: "Wie moralisch werden?" Kants moralistische Ethik.---Sehr schön rezensiert in der FAZ von Michael Pawlik, mir unbekannt, im Jahre 2005:  "Je zivilisierter, desto schauspielerischer"... Paßt ja fast zu Ihrem Thema, Frau Kositza...:

Doch noch einige Worte dazu: Joachim LOTTMANN hat da ja einiges arrangiert, eher angerichtet. Diese Melange von Orten, Namen,  Erlebnissen...Die Protagonisten, hin- und hergerissen zwischen intellektuellen Skrupeln und fleischlicher Lust. Und dann auch noch eine offenbar attraktive linksintellektuelle Frau; Streit in Athen, warum das denn, warum nicht ganz piefig in Hamburg an der Binnenalster, Kaffee trinkend, ist schön dort. Und Versöhnung in Südfrankreich; meine Güte, muß das denn sein; warum nicht im Kaiserbad Heringsdorf auf der Insel Usedom. Dort ist es auch sehr schön, und man kann mit dem Fahrrad rüber nach Swinemünde in Pommern fahren, heute polnisch; und irgendwie auch wieder nicht, und man kann schauen, wie die es dort treiben, sich abrackern und doch keine Wurzeln geschlagen haben, wie denn auch...

Frau Kositza, ich habe mal, so aus einer Laune heraus, bei der taz geguckt, was und wie denn die so über die Rechten schreiben. Ich bin regelmäßig enttäuscht. Von den Linken ist wirklich nichts mehr zu erwarten. Die baden immer wieder im selben lauen Schmutzwasser. Und sie schreiben schamlos, aber wirklich: Sie schämen sich nicht über die eigene Schreibe, stilistisch wie inhaltlich. Kein Anspruch, kein Dialog, dauernd Monologe mit sich selbst führend...Allerdings, folgendes ist mir aufgefallen, fand ich ausnahmsweise sehr schön, obwohl von denen sicherlich anders gemeint:

"Die Hausherrin und der Hausherr nehmen an den einander gegenüber liegenden Stirnseiten des Tisches Platz. Sie zündet sich eine Zigarette an. Die langen blonden Haare trägt sie offen." (Quelle taz). Ja, das hat was. Ja, wer war's denn? In Anlehnung an LORIOT: Wo sitzen die denn?---: Patriotische Grüße von der Weichsel

RMH
6. April 2017 16:59

Ich lese hier in den Kommentaren etwas von Wien, Österreich und schon kommt im Zusammenspiel mit der Rezenssion in mir die Erinnerung an Thomas Bernhards "Holzfällen" hoch, ein Buch, welches dem Autor ja einige Prozesse eingehandelt hat und welchem Bernhard das Zitat

Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich. Voltaire

voran gestellt hat. Geht das hier besprochene Buch auch ein bisschen in diese Richtung? Also, sich in den Ohrensessel setzen und dabei sehr gediegen die sich für gesellschaftliche Spitzen Haltenden mehr als gründlich zerlegen?

PS: Thomas Bernhard ist einer der von mir am meisten gelesenen Autoren, auch wenn die letzte Lektüre eines Werkes von ihm jetzt auch schon wieder mindestens 5 Jahre her ist.

Hartwig aus LG8
6. April 2017 20:00

@ RMH

Ob T. Bernhard, der das Wiener Bürgertum stets als faschistisch-katholisch verachtete (und sich selbst niemals aussparte), am nunmehr willkommensreligiös berauschtem Bürger ebenfalls seine "Freude" hätte?  (wobei die von ihm Verachteten alle möglichen Zuschreibungen des Verfalls verdient hätten, jedoch nicht die von Faschisten)

Ich befürchte. Bernhard wäre seinem Feindbild treu geblieben.

Der Feinsinnige
6. April 2017 20:33

Es ist schon erstaunlich, wie die Realität offenbar immer wieder und immer mehr auch in Druckerzeugnisse etablierter Verlage und Autoren Einzug hält. Ihre heutige Kritik, sehr geehrte Frau Kositza, hat mich zwar noch nicht restlos überzeugt, ob ich das besprochene Buch wirklich lesen möchte oder nicht, was aber wohl eher am Inhalt des Buches (soweit aus der Kritik ersichtlich) als an Ihrer Kritik an sich liegt.

An dieser Stelle sei jedoch ein ausdrücklicher Dank gestattet für eine ihrer jüngsten Kritiken, nämlich die zu Tuvia Tenenboms „Allein unter Flüchtlingen“, die im entsprechenden Strang ja durchaus kontrovers aufgenommen worden ist. Ihr damaliges Lob hat, meine ich, voll ins Schwarze getroffen. Tuvia Tenenbom hat nach vielen Seiten ausgeteilt, aber so harte Worte über unsere „Gutmenschen“ bzw. die, die es gerne sein möchten, habe ich selten gelesen, noch dazu verpackt in so viel bissigen Humor, bei dem einem das Lachen auch teilweise im Halse stecken bleibt (insbesondere beim geradezu aufwühlenden Kapitel über Akif Pirincci). Nach der durch Ihre Kritik inspirierten Tenenbom-Lektüre habe ich mir das oben besprochene Buch erst einmal vorgemerkt.

@ Langsax

Wir steuern auf einen sehr lauten und gräßlichen Knall zu. Die klugen Menschen merken es, aber sie wollen es sich nicht eingestehen. Wir erleben einerseits den schleichenden Übergang des "molekularen Bürgerkriegs" (H.M. Enzensberger) in den offenen, andererseits die absolute Stille (von den Deutschen in diesem Lande) vor dem Sturm. 

Ähnliches habe ich schon so häufig gedacht und so häufig gelesen. Enzensbergers Buch „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ (Copyright 1993!) war in jüngerer Vergangenheit sicher nicht das erste, aber ein besonders prominentes Beispiel dafür, daß in einem etablierten Verlag (Suhrkamp, also derselbe Verlag, der auch Tenenbom verlegt) von einem etablierten Autor ein Buch verlegt wurde, welches den Mißstand der Massenzuwanderung so deutlich als eines von diversen Indizien für einen kommenden Bürgerkrieg benennt. Ich hoffe immer noch, daß ein solcher Bürgerkrieg (bzw. ein „gräßlicher Knall“) uns erspart bleiben möge, werde aber von Jahr zu Jahr pessimistischer. Wie oft hat man denn schon gedacht und gelesen, daß wir unmittelbar vor dem „Sturm“ (o.ä.) stünden (also - in meinem insoweit gewollt optimistischen Verständnis - vor einer Wende, einem Politikwechsel, einer demokratisch legitimierten politischen Umwälzung; etwas anderes möchte ich mir trotz allem Frust lieber nicht vorstellen) und nie hat sich etwas substantiell zum Besseren geändert – und eine absolut rechtsstaatskonforme Partei wie die AFD, die einen Politikwechsel verspricht, dümpelt in den deutschlandweiten Umfragen immer noch bei rund 10 % herum (anstatt bei 60 % oder 70 %, wie es die Lage unseres Landes nahelegen würde). Ich bezweifle, daß wir bereits die „absolute Stille … vor dem Sturm“ erreicht haben. Je länger der derzeitige Zustand andauert, je weiter der Bogen überdehnt wird, desto lauter und gräßlicher könnte, fürchte ich, der (hier durchaus pessimistisch zu lesende) Knall ausfallen, wenn der Bogen zerbricht. Und am Ende sind die Deutschen schuld und kein Politiker ist es gewesen.

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