Linke Heuchelei, linker Moralismus

Die notorische Hypokrisie des linksliberalgrünen Lagers ist mehrfach bemerkt worden, insbesondere von ihren Renegaten. Sie ist, da sie die Etikette der öffentlichen Rede mittlerweile vollständig bestimmt, ja auch längst nicht mehr zu ignorieren. Trotzdem blieb es bislang bei phänomenologischen Betrachtungen zu Lebenswelt und Konsumgewohnheiten. Stichwörter wie »Bionade-Biedermeier« oder »Latte-Macchiato-Mütter« nehmen Bezug auf harmlose, prima vista nicht unsympathische und politisch jedenfalls nicht bewertbare Phänomene. Das Problem liegt indessen auf einer völlig anderen Ebene als der einer ästhetischen Konsum- und Stilkritik der »feinen Unterschiede«, denn für die Linke - nicht als Partei, sondern als politisches Lager - ist Heuchelei konstitutiv.

 Gastbeitrag

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Die noto­ri­sche Hypo­k­ri­sie des links­li­be­ral­grü­nen Lagers ist mehr­fach bemerkt wor­den, ins­be­son­de­re von ihren Rene­ga­ten. Sie ist, da sie die Eti­ket­te der öffent­li­chen Rede mitt­ler­wei­le voll­stän­dig bestimmt, ja auch längst nicht mehr zu igno­rie­ren. Trotz­dem blieb es bis­lang bei phä­no­me­no­lo­gi­schen Betrach­tun­gen zu Lebens­welt und Kon­sum­ge­wohn­hei­ten. Stich­wör­ter wie »Bio­na­de-Bie­der­mei­er« oder »Lat­te-Mac­chia­to-Müt­ter« neh­men Bezug auf harm­lo­se, pri­ma vis­ta nicht unsym­pa­thi­sche und poli­tisch jeden­falls nicht bewert­ba­re Phä­no­me­ne. Das Pro­blem liegt indes­sen auf einer völ­lig ande­ren Ebe­ne als der einer ästhe­ti­schen Kon­sum- und Stil­kri­tik der »fei­nen Unter­schie­de«, denn für die Lin­ke – nicht als Par­tei, son­dern als poli­ti­sches Lager – ist Heu­che­lei konstitutiv.

Jen­seits per­sön­li­cher Las­ter und indi­vi­du­el­ler Hand­lun­gen bil­det sie ein unhin­ter­geh­ba­res Grund­ele­ment lin­ken Den­kens. Dies gilt kei­nes­wegs nur für die »klas­si­sche Lin­ke«. Ent­ge­gen dem oberfläch­li­chen Ein­druck ist die Kon­ti­nui­tät zwi­schen klas­sisch lin­ken »har­ten« und links­li­be­ral­grü­nen »wei­chen« Posi­tio­nen unge­bro­chen. (Und wenn hier von »der Lin­ken« gespro­chen wird, ist immer die­ser gesam­te Dis­kurs­kom­plex ange­spro­chen.) Die phi­lo­so­phi­sche Post­mo­der­ne, die zunächst als Kri­tik an mar­xis­ti­schen Ein­heits­vor­stel­lun­gen wie Sub­jekt der Geschich­te etc. daher­kam und von vie­len Alt­mar­xis­ten als Ver­herr­li­chung der Mark­wirt­schaft auf­ge­faßt wur­de (man den­ke an Fuku­ya­mas Ende der Geschich­te, das den welt­wei­ten Sieg libe­ra­ler Sys­te­me pro­phe­zei­te), hat zen­tra­le Moti­ve lin­ken Den­kens mit bis­her unge­kann­ter Effi­zi­enz in die Gesell­schaft implan­tiert. Je weni­ger die theo­re­ti­schen Apo­rien des Mar­xis­mus sich leug­nen lie­ßen, des­to mehr scho­ben sich die an ihn anschließ­ba­ren emo­tio­na­len Momen­te in den Vor­der­grund, um schließ­lich aus dem post­mo­der­nis­ti­schen Dis­kurs­wir­bel als domi­nant her­vor­zu­ge­hen. Die Lin­ke ist als beherr­schen­de geis­tes­his­to­ri­sche For­ma­ti­on nie abge­löst, son­dern im Gegen­teil erst durch ihre Trans­for­ma­ti­on in die »wei­che« Post­mo­der­ne hege­mo­ni­al gewor­den – zwar wähn­te Niklas Luh­mann schon 1983, bei Gele­gen­heit eines Pan­ora­ma­blicks über die sozio­lo­gi­sche Theo­rie­land­schaft, eine »Land­schaft mit den erlo­sche­nen Vul­ka­nen des Mar­xis­mus« (Sozia­le Sys­te­me, 13) zu über­flie­gen und mag, was die erlo­sche­ne Pro­duk­ti­vi­tät der Theo­rie betrifft, im Recht gewe­sen sein. Der Höhe­punkt der eigent­li­chen Herr­schaft der Lin­ken über die Medi­en und damit die öffent­li­che Mei­nung stand jedoch erst noch bevor. Die­se Lin­ke und beson­ders der aktu­el­le poli­tisch kor­rek­te Links­li­be­ra­lis­mus lei­det an flächen­de­cken­der Heu­che­lei, was dop­pelt iro­nisch ist, wenn man bedenkt, daß eine der Lieb­lings­phra­sen schon der älte­ren Lin­ken, aber spe­zi­ell der 68er lau­te­te, einem »heuch­le­ri­schen Bür­ger­tum« »die Mas­ke abrei­ßen« zu wollen.

Unhin­ter­geh­bar ist die Heu­che­lei auf der Lin­ken aus drei Grün­den. Ers­tens, da sie aus einer ver­fehl­ten Anthro­po­lo­gie erwächst: Die vom lin­ken Main­stream über­nom­me­ne vul­gär-rous­se­auis­ti­sche Vor­stel­lung vom »guten« und »unter­drück­ten« Men­schen (die sich so bei Marx nicht fin­det) schei­tert immer wie­der neu an der Rea­li­tät einer gänz­lich ande­ren anthro­po­lo­gi­schen Ver­faßt­heit, die weder in Moral auf­geht noch in deren Gegen­teil. In der »Flücht­lings­kri­se« ist zu besich­ti­gen, wie sich die­ses »Güte-Dog­ma« aus­wirkt, näm­lich in einer Spi­ra­le, die von geziel­ter Des­in­for­ma­ti­on zur Ver­un­glimp­fung von Kri­ti­kern zur Legi­ti­mie­rung von Gewalt gegen die­se führt. Zwei­tens wird sie fort­lau­fend von einem Geschichts­den­ken erzeugt, das durch die Vor­stel­lung eines unbe­grenz­ten Fort­schritts an Rech­ten und sozia­ler Teil­ha­be gekenn­zeich­net ist, der für die klas­si­sche Lin­ke schließ­lich in einem uto­pi­schen Zustand zum Still­stand kommt. Die Uto­pie spiel­te hier bekannt­lich die Rol­le der zen­tra­len Ent­las­tungs­in­stanz – jedes Ver­bre­chen konn­te vor­teil­haft unter der Rubrik eines his­to­ri­schen »lei­der noch not­wen­dig« abge­schrie­ben wer­den. Stell­te man dann fest, daß z.B. die Aus­rot­tung der Kula­ken das Her­an­rü­cken des »Reichs der Frei­heit« ver­blüf­fen­der­wei­se nicht beför­dert hat­te, so han­del­te es sich um einen unver­meid­li­chen Kol­la­te­ral­scha­den auf dem gro­ßen Weg zum Mensch­heits­glück nach dem Mot­to: »Wo geho­belt wird, fal­len Spä­ne.« Exakt die­sem Mus­ter fol­gen auch nach der post­mo­der­nen Eli­mi­nie­rung fna­li­sier­ter Geschichts­phi­lo­so­phie jene Zeit­ge­nos­sen, die die Ver­bre­chen an Ein­hei­mi­schen als ver­nach­läs­sig­ba­ren Neben­ef­fekt einer ver­meint­lich »huma­nen« und damit »alter­na­tiv­lo­sen« Zuwan­de­rungs­po­li­tik begrei­fen. Das uto­pi­sche Ziel hat sich vom klas­sen­lo­sen Staat zur mul­ti­kul­tu­rel­len Welt­ge­sell­schaft ver­scho­ben, die Mar­gi­na­li­sie­rung und Instru­men­ta­li­sie­rung von Opfern bleibt dieselbe.

Drit­tens ist das kon­se­quent lin­ke Den­ken (mit Aus­nah­me sei­ner deter­mi­nis­ti­schen Vari­an­te, die mora­li­sches Han­deln im wesent­li­chen für über­flüs­sig hält) der rigo­ro­ses­te vor­stell­ba­re Mora­lis­mus. Über­for­de­rung des Sub­jekts ist sei­ne Signa­tur. Des­sen wirt­schaft­li­che und im Extrem­fall selbst phy­si­sche Selbst­er­hal­tung wird kri­mi­na­li­siert. Das Opfer des Indi­vi­du­ums für die Arbei­ter­klas­se ist im phan­tas­ma­ti­schen Uni­ver­sum des Links­li­be­ra­lis­mus mutiert zu der mitt­ler­wei­le unver­hoh­le­nen For­de­rung an Deut­sche, Euro­pä­er, Ame­ri­ka­ner, sie mögen zuguns­ten der »Drit­ten Welt« die aku­te Gefähr­dung ihres Wohl­stands, ihrer Kul­tur und ihrer Sicher­heit nicht nur in Kauf neh­men, son­dern aktiv her­bei­füh­ren, kurz: kol­lek­ti­ven Selbst­mord bege­hen (»Asyl für alle!«). Die Anzahl der kom­mu­nis­ti­schen Funk­tio­nä­re, die sich für das Wohl der Arbei­ter­klas­se auf­ge­op­fert hat, dürf­te über­schau­bar sein. Die Anzahl der links­grü­nen Hyper­mo­ra­lis­ten jen­seits der Puber­tät, die ihren For­de­run­gen an ande­re eige­ne Taten fol­gen las­sen, ist noch über­schau­ba­rer, und zwar nicht nur in abso­lu­ten Zah­len. (Ich über­ge­he hier den belieb­ten Hin­weis, wonach bis­lang, soweit bekannt, weder Clau­dia Roth aus ihrer tür­ki­schen noch Josch­ka Fischer aus sei­ner Ber­li­ner Vil­la eine Heim­statt für syri­sche Flücht­lin­ge gemacht hät­ten.) Mit Hin­blick auf die­se Kli­en­tel wäre Carl Schmitts »Wer Mensch­heit sagt, will betrü­gen« zu ergän­zen durch »Wer Mensch­heit sagt, will sich selbst betrü­gen.« Inso­fern ist der typi­sche Links­grü­ne als Tar­tuf­fe eine Fehl­be­set­zung: Moliè­res Held ist ein Heuch­ler, der gera­de an sei­ner Dupli­zi­tät schei­tert: er hat, was er vor­spielt, noch nicht hin­rei­chend ver­in­ner­licht. Balzac beschrieb die­sen Typ im ers­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts bereits als »Tar­tuf­fe de nôt­re temps, le Tar­tuf­fe-Démo­cra­te-Phil­an­thro­pe«. Der eben genann­te Poli­ti­ker­ty­pus des Über­zeu­gungs­tä­ters, dem ganz neben­bei sei­ne huma­nis­ti­sche Über­zeu­gung zum Kar­rie­re­vor­teil aus­schlägt, läßt sich bes­ser über den fol­gen­den Apho­ris­mus Nietz­sches aus der »Göt­zen­däm­me­rung« erfas­sen: »Wenn näm­lich ein Glau­be nütz­li­cher, wir­kungs­vol­ler, über­zeu­gen­der ist, als die bewuß­te Heu­che­lei, so wird, aus Instinkt, die Heu­che­lei als­bald zur Unschuld: ers­ter Satz zum Ver­ständ­nis gro­ßer Heiliger.«

Alle drei Ele­men­te – idea­li­sie­ren­de Anthro­po­lo­gie, ide­al­zu­stands­f­xier­tes Geschichts­den­ken und ins­be­son­de­re ein tota­li­tä­rer Mora­lis­mus – pro­du­zie­ren zwangs­läufg hypo­kri­te Hal­tun­gen: Das lin­ke Den­ken ist der Heu­che­lei so eng ver­wandt, weil es sich weder ein­ge­ste­hen kann, daß das Para­dies auf Erden nicht her­stell­bar ist, noch imstan­de ist, die­se Wahr­heit voll­kom­men zu ver­drän­gen. Es bil­det damit ein exem­pla­ri­sches Bei­spiel jener Hal­tung, die die Exis­ten­zia­lis­ten »mau­vai­se foi« nann­ten. Die Rea­li­tät auf Distanz zu hal­ten – »eine Arm­län­ge Abstand« – ist anstren­gend, und das erklärt die ten­den­zi­ell mör­de­ri­sche Aggres­si­on gegen Zweifler, Abweich­ler und Anders­den­ken­de, die zur Zeit das Land durch­t­obt. Wäre das nur ein indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gi­sches Pro­blem, könn­te man es auf sich beru­hen las­sen. Ein Dis­kurs ist jedoch immer auch eine Pra­xis: die Lin­ke hat erfolg­reich eine mas­sen­haf­te Dis­po­si­ti­on zur Intro­jek­ti­on ihrer Glau­bens­sät­ze erzeugt, an denen offen­bar umso ver­bis­se­ner fest­ge­hal­ten wird, je erkenn­ba­rer sie der Rea­li­tät wider­spre­chen. Inso­fern ist die Aus­sa­ge von Nico­laus Fest in der Jun­gen Frei­heit (4/2016) gerecht­fer­tigt, die Flücht­lings­kri­se ver­wei­se auf ein gene­rel­les Men­ta­li­täts­pro­blem: es war offen­bar zunächst in der Tat eine Mehr­heit der Deut­schen, die sich nicht ent­blö­de­te, den Kurs der Kanz­le­rin gut­zu­hei­ßen, obwohl man kei­ner­lei arka­ne Erkennt­nis benö­tig­te, um den Aus­gang abzusehen.

Die eigent­li­che Tra­gö­die, die sich dar­aus ergibt, ist aber, daß die­se Hal­tung der Selbst­täu­schung dazu zwingt, eige­nes Unrecht ent­we­der zu leug­nen oder zu recht­fer­ti­gen. Das gro­ße Ziel recht­fer­tigt die (immer wie­der­hol­te) Unter­drü­ckung der Pres­se­frei­heit (Lenins ers­ter Akt, nach­dem er an die Macht gekom­men war), die Dif­fa­mie­rung poli­ti­scher Geg­ner inklu­si­ve Exis­tenz­ver­nich­tung, und, im gegen­wär­ti­gen Fall, den Rechts­bruch, die Aus­beu­tung, Dis­kri­mi­nie­rung und Gefähr­dung des eige­nen Staats­volks zuguns­ten ille­ga­ler Ein­wan­de­rer aus einer aggres­siv expan­die­ren­den Fremd­kul­tur. Die Heu­che­lei vor sich selbst geht an die­ser Stel­le naht­los in die Heu­che­lei im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne über: die Köl­ner Ober­bür­ger­meis­te­rin wuß­te laut Welt und Focus längst Bescheid über die Betei­li­gung von Flücht­lin­gen an den Köl­ner Über­grif­fen, als sie noch laut­hals dekre­tier­te, allein der Ver­such, einen sol­chen Zusam­men­hang her­zu­stel­len, sei ille­gi­tim. Der Zusam­men­hang von Heu­che­lei und Hyper­mo­ra­lis­mus bedarf ange­sichts die­ses Bei­spiels, dem sich zur Zeit lei­der vie­le ande­re an die Sei­te stel­len lie­ßen, kei­ner wei­te­ren Erläu­te­rung. Beto­nen muß man jedoch den nicht ganz so offen­sicht­li­chen Kon­nex von poli­ti­scher Heu­che­lei, Hyper­mo­ra­lis­mus und Gewalt, der sich von der ers­ten Genera­ti­on der Lin­ken auf den heu­ti­gen links­li­be­ral­grü­nen Kom­plex ver­erbt hat; der eine recht­fer­tigt die ande­re und schafft die Vor­aus­set­zun­gen für sie. Die Tat­sa­che, daß man z.B. von jenem Mann, der nach einer Dresd­ner Pegi­da-Demons­tra­ti­on lebens­ge­fähr­lich ver­letzt wur­de, nie wie­der etwas erfah­ren hat, daß Angrif­fe auf Chris­ten in Flücht­lings­hei­men es nahe­zu nie­mals über die Lokal­pres­se hin­aus schaf­fen, ent­larvt nicht nur den hoch­mo­ra­li­schen Anspruch der Medi­en als pure Heu­che­lei, ihr Ver­hal­ten legi­ti­miert zugleich die Gewalt durch wohl­wol­len­des Beschwei­gen. Nicht zufäl­lig stel­len ver­schie­de­ne Aus­ga­ben von Cesa­re Ripas maß­geb­li­cher Ico­no­lo­gia (Ers­te illus­trier­te Aus­ga­be 1603) die Heu­che­lei wolfs­fü­ßig dar, was die Nähe von Heu­che­lei und Gewalt eben­so anzeigt wie die Wolf-im-Schafs­pelz-Meta­pher des Sprichworts.

Die­se vage Eine-Welt-Ideo­lo­gie wirkt auf den unbe­darf­ten Betrach­ter sanf­ter, ist aber in ihrem Anspruch kei­nes­wegs weni­ger tota­li­tär, was sich schon dar­an zeigt, daß sie sich anmaßt, gel­ten­des Recht mit Beru­fung auf ihre mora­li­sie­ren­den Marot­ten, die einem wild­ge­wor­de­nen vik­to­ria­ni­schen Wohl­tä­tig­keits­ba­sar ent­sprun­gen sein könn­ten, zu sus­pen­die­ren. Sie ope­riert mit der­sel­ben Pro­jek­ti­on der »Mensch­heit«, auf deren Tücken Schmitt so ein­dring­lich hin­ge­wie­sen hat. Man muß sich, um die­se Zumu­tun­gen abzu­wei­sen, vor Augen füh­ren, daß der Begriff heu­te prä­va­lent nicht deskrip­tiv, son­dern nor­ma­tiv ver­wen­det wird. Er ver­weist nicht ein­fach auf die rea­le Gesamt­heit der auf die­sem Pla­ne­ten leben­den Men­schen in ihrem unfaß­lich kom­ple­xen Bezie­hungs­geflecht (eine Vor­stel­lung, die kein Pathos, son­dern allen­falls Irri­ta­ti­on zu wecken ver­mag), son­dern auf eine in der Auf­klä­rung gebo­re­ne ima­gi­nä­re idea­li­sier­te Ein­heit, deren angeb­li­ches Wohl die Ein­eb­nung jed­we­der gewach­se­nen Dif­fe­renz und jed­we­des Opfer recht­fer­ti­gen soll. »Huma­ni­tät« und »glo­ba­les Dorf« etc. sind in die­sem Sprach­spiel die Figu­ren, mit der ande­re dazu gebracht wer­den sol­len, zuguns­ten von unbe­kann­ten und gänz­lich kul­tur­frem­den Per­so­nen auf die Wah­rung ihrer eige­nen Inter­es­sen, der ihrer Fami­li­en, ihres Lan­des und ihrer Gesamt­kul­tur, in die­sem Fall der euro­päi­schen, zu verzichten.

Die­ser in sei­ner Rigi­di­tät selbst­zer­stö­re­ri­sche Mora­lis­mus bil­det zu heuch­le­ri­schen Ver­hal­tens­wei­sen kei­ner­lei Wider­spruch, im Gegen­teil bedingt er sie. Ohne die Ven­til­funk­ti­on der Heu­che­lei wür­de das von kei­ner­lei Rea­li­täts­wahr­neh­mung getrüb­te mora­lis­ti­sche Dis­po­si­tiv bin­nen kür­zes­ter Zeit kol­la­bie­ren. Nun bil­det die­ses Bezugs­paar ein zen­tra­les Kenn­zei­chen tota­li­tä­rer Gesell­schaf­ten und Men­ta­li­tä­ten. Aus ver­schie­de­nen Erfah­rungs­ho­ri­zon­ten haben das der deut­sche Sozio­lo­ge Her­mann Lüb­be eben­so wie der pol­ni­sche Dich­ter, Nobel­preis­trä­ger und kom­mu­nis­ti­sche Dis­si­dent Czesław Miłosz her­aus­ge­ar­bei­tet. Lüb­be beton­te den Aspekt über­stra­pa­zier­ter Mora­li­tät und war über­zeugt, daß die­se, und nicht Hypo­k­ri­sie oder Zynis­mus, die Ope­ra­ti­ons­ba­sis sol­cher Gesell­schaf­ten dar­stel­le. Dem­ge­gen­über beschrieb Miłosz in dem Kapi­tel »Ket­man – die Kunst des inne­ren Vor­be­halts« sei­ner Stu­die Ver­führ­tes Den­ken Heu­che­lei in allen Vari­an­ten als unab­ding­ba­re Über­le­bens­vor­aus­set­zung im Ost­block­kom­mu­nis­mus. Im Sin­ne des oben­ge­nann­ten Auf­ein­an­der-Ver­wie­sen­seins bei­der Dis­po­si­ti­ve hat­ten bei­de Recht.

In höchs­tem Gra­de beun­ru­hi­gen muß daher, daß die­se Kon­stel­la­ti­on längst zum Mar­ken­zei­chen gegen­wär­ti­ger, nomi­nell demo­kra­ti­scher, Gesell­schaf­ten und ganz beson­ders der deut­schen gewor­den ist. Die Hexen­ver­bren­nungs­stim­mung gegen Kri­ti­ker, die mit dem Mora­lis­mus-Heu­che­lei-Tan­dem stets ein­her­geht, ist in den letz­ten Jah­ren in Form des »Kamp­fes gegen Rechts« (im Klar­text: gegen jede nicht gänz­lich kon­for­me Ein­stel­lung) mit dem Resul­tat stän­dig stei­gen­der Aggres­si­vi­tät und stän­dig schrump­fen­der Räu­me des Sag­ba­ren sys­te­ma­tisch geschürt wor­den. Die Selbst­er­mäch­ti­gung der Kanz­le­rin, denn nichts ande­res liegt vor, wenn ein sub­jek­ti­ves Mora­lisch-für-Rich­tig-Hal­ten über das Gesetz gestellt wird, wie Frau Mer­kel es unter Über­bie­tung aller Kon­kur­renz von links in einer Art Göring-Eckard­ti­sie­rung der Repu­blik vor­ge­führt hat, ver­weist auf einen tie­fen anti­de­mo­kra­ti­schen Affekt der herr­schen­den Kräfte.

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